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§ 1. Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Kriminologie in:

Bernd-Dieter Meier

Kriminologie, page 1 - 13

6. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-76343-4, ISBN online: 978-3-406-76958-0, https://doi.org/10.17104/9783406769580-1

Series: Grundrisse des Rechts

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§ 1. Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Kriminologie I. Was ist Kriminologie? Warum werden Menschen kriminell? Warum gibt es immer wieder Menschen, die sich nicht an die Gesetze halten, sondern die ihre Egoismen auf Kosten anderer ausleben? Menschen, die andere Menschen verletzen, misshandeln, vergewaltigen, töten? Menschen, die stehlen, betrügen, rauben und erpressen? Menschen, die nicht nur einmal, sondern immer wieder mit Straftaten auffällig werden und auch aus einer Inhaftierung „nichts lernen“? Vermutlich hat jede/r schon einmal über diese und ähnliche Fragen nachgedacht.1 Die Frage nach den Hintergründen und den Folgen von Verbrechen bewegt viele Menschen, und sie bewegt sie immer wieder. Schon die von alters her bekannten Mythen der Menschheitsgeschichte thematisieren das Zuwiderhandeln gegen Verbote, bei denen es sich in der Frühzeit der Entwicklung noch um göttliche Verbote handelte: die Vertreibung aus dem Paradies, weil Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, oder Kains Brudermord, in dessen Hintergrund das Eifersuchtsmotiv steht. Die meisten von uns werden mit Fragen nach dem Warum dann konfrontiert, wenn sie über Straftaten aus den Medien erfahren. Zeitungen, Nachrichtensendungen und im Internet die sozialen Netzwerke sind häufig voll von Meldungen über Ereignisse und Personen, bei denen kriminelles Handeln eine Rolle spielt. „Einbruchsserie in der Südstadt“, „Opfer nach Überfall gestorben“, „Schülerin missbraucht“ lauten die typischen Meldungen. Die Medien liefern uns Berichte über die Kriminalitätswirklichkeit und regen uns zum Nachdenken an. Manche von uns machen aber auch eigene Erfahrungen mit Kriminalität. Wir werden Zeuge oder Opfer strafbarer Handlungen und suchen nach Erklärungen. Wer, dessen Fahrrad oder Autoradio schon einmal entwendet worden ist, hat sich nicht darüber ge- 1 Im Folgenden wird wegen der besseren Lesbarkeit trotz berechtigter Kritik in der Regel das generische Maskulinum verwendet; es sind aber jeweils alle Geschlechter gemeint. Dort, wo es angebracht erscheint, wird davon abgewichen. 1 2 3 ärgert und überlegt, wie er sich künftig besser vor solchen Verlusten schützen kann? Aber auch die Rolle des Täters ist uns nicht fremd. Wer hat nicht schon einmal etwas „mitgehen“ lassen? Ist mit Bus oder Bahn gefahren, ohne zu bezahlen? Hat Musik, einen Film oder ein Computerprogramm kopiert und an einen Freund weitergegeben, wohl wissend, dass dies nicht erlaubt ist? Hätten wir die Tat auch dann begangen, wenn wir gewusst hätten, dass sie von den Geschädigten sicher entdeckt und geahndet werden wird? Es gibt nicht wenige Menschen in der Gesellschaft, die sich beruflich mit Kriminalität und den Folgen beschäftigen: Ärzte und Psychologen, die die körperlichen und seelischen Verletzungen zu heilen versuchen, die ein Täter angerichtet hat, Versicherungsunternehmen, die die finanziellen Schäden regulieren, Dienstleister, die für die Zukunft Sicherheit versprechen. Die wichtigsten Berufsgruppen sind indes diejenigen, die sich im staatlichen Auftrag mit der Verhinderung und Ahndung von Kriminalität beschäftigen: Polizeibeamte, deren Aufgabe die Gefahrenabwehr sowie die Verfolgung von Straftaten ist, Juristen, die nach einer Tat das Strafverfahren betreiben, Vollzugsbedienstete, die die von den Gerichten verhängten Strafen vollstrecken. Auch diejenigen, für die die Beschäftigung mit Kriminalität und Strafe zum Beruf gehört, fragen sich immer wieder, warum Straftaten begangen werden und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Antworten auf solche Fragen versucht die Kriminologie zu liefern. Die Kriminologie ist diejenige Wissenschaft, die sich mit Kriminalität als einem sozialen Phänomen beschäftigt, mit den Hintergründen von Straftaten, den Folgen, die das strafbare Verhalten für das Opfer und die Gesellschaft hat, sowie mit der Art und Weise, in der die staatlichen Organe auf das Bekanntwerden strafbarer Handlungen reagieren. Kriminologie ist eine empirische, an der systematischen Erforschung der tatsächlichen Gegebenheiten orientierte Wissenschaft. Sie verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, in dem sie die Methoden, Befunde und Theorien anderer Human- und Sozialwissenschaften, namentlich der Psychologie und der Soziologie, aufgreift und fortführt. Bezugspunkt bei allen Fragestellungen ist die Straftat, das Verbrechen. Kriminologie ist etwas anderes als Kriminalistik, womit sie häufig verwechselt wird. Die Kriminalistik beschäftigt sich mit den Mitteln und Methoden der Verhütung, Aufdeckung und Aufklärung von Straftaten einschließlich der Fahndung nach Personen und Sachen; 2 § 1. Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Kriminologie 4 5 6 ihr liegt die Perspektive der polizeilichen Kriminalitätsbekämpfung zugrunde. Für die Kriminologie handelt es sich dabei nur um einen Teilaspekt. Die Kriminologie nimmt das gesamte prozesshafte Geschehen in den Blick, das zu einer Tat hinführt und sich an sie anschließt. Sie erfasst die individuellen und gesellschaftlichen Hintergründe von Kriminalität ebenso wie die Folgen und die staatlichen Reaktionen, die kriminelles Handeln auslöst. Sie fragt nach empirischen Regelmäßigkeiten und sucht nach Erklärungen. Die Mittel und Methoden der polizeilichen Kriminalitätsbekämpfung bilden insoweit nur einen Ausschnitt. Kriminologie ist aber auch etwas anderes als Juristerei. Zwar wird die Kriminologie in Deutschland häufig von juristisch ausgebildeten Kriminologen betrieben; ihre Betätigungsfelder sind eng an das Strafrecht angelehnt. Gleichwohl bestehen wesentliche Unterschiede. Das Strafrecht ist eine normative Wissenschaft. Es beschäftigt sich mit den rechtlichen Voraussetzungen, unter denen Strafe verhängt und vollstreckt werden darf. Sein Thema sind die rechtlichen Grenzen der Handlungsfreiheit, die von jedermann beachtet werden müssen, damit ein gedeihliches Zusammenleben gewährleistet ist. Die Kriminologie ist hingegen eine empirische Wissenschaft. In der Kriminologie geht es nicht um die Auslegung von Normen und die Subsumtion von Sachverhalten, sondern um die Untersuchung und Analyse von beobachtbaren sozialen Phänomenen. Im Mittelpunkt steht die Erhebung, Beschreibung und Erklärung von Tatsachen. Auch die Art und Weise, in der das Strafrecht von den Juristen ausgelegt und angewandt wird, kann als eine solche Tatsache empirisch erhebbar gemacht werden und bildet dementsprechend einen der Gegenstandsbereiche der Kriminologie. Die Kriminologie ist schließlich auch von der Kriminalpolitik abzugrenzen. Die Kriminalpolitik beschäftigt sich mit der Frage, wie die Strafrechtsordnung zu verändern ist, um den inneren Frieden in der Gesellschaft in der Zukunft besser zu gewährleisten. Zentrale Themen der Kriminalpolitik sind die Kriminalisierung von Verhaltensweisen, die als besonders abträglich erscheinen (zB die Kriminalisierung der Vergewaltigung in der Ehe), und ihr Gegenstück, die Entkriminalisierung von Verhaltensweisen, denen infolge gewandelter gesellschaftlicher Auffassungen keine sozialschädliche Bedeutung mehr beigemessen wird (zB Ehebruch oder Homosexualität). Die Kriminalpolitik beschäftigt sich aber auch mit der Verbesserung von Verfahrensabläufen und Veränderungen im Umgang mit Tätern und I. Was ist Kriminologie? 3 7 8 Opfern. Im Hintergrund stehen politische Visionen von Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Verhältnismäßigkeit; das Ziel ist die Reform des bestehenden Rechts. Kriminalpolitik und Kriminologie bewegen sich in einer engen Wechselbeziehung. Die Kriminalpolitik agiert nicht im „luftleeren Raum“, sondern greift bei ihren Überlegungen und Entscheidungen auf kriminologisches Tatsachenwissen über die Kriminalitätswirklichkeit und mögliche kriminologische Erklärungen zurück. Die Kriminologie ist ihrerseits nicht nur der Ideenlieferant der Kriminalpolitik, sondern macht auch die Kriminalpolitik zum Gegenstand ihrer Analysen. Die Kriminologie lässt sich nach alledem als Grundlagendisziplin verstehen, die mit Kriminalistik, Strafrecht und Kriminalpolitik zwar Gemeinsamkeiten und Überschneidungen aufweist, die sich von diesen anderen Disziplinen jedoch auch recht klar abgrenzen lässt. Als eigenständige empirische Wissenschaft existiert die Kriminologie seit dem späten 19. Jahrhundert; ihre Wurzeln reichen in das 18. Jahrhundert zurück. Der Begriff ist eine Kombination aus „crimen“ (lat., Verbrechen) und „lógos“ (griech., Wissenschaft). Er wird dem französischen Anthropologen Paul Topinard zugeschrieben, der den Begriff erstmals 1879 verwendet haben soll.2 Der Italiener Raffaele Garofalo machte den Begriff bekannt, indem er ihn 1885 zur Kennzeichnung seines Buches „Criminologia“ verwendete.3 II. Der Verbrechensbegriff in der Kriminologie 1. Kriminalität, Delinquenz, abweichendes Verhalten Bezugspunkt der Kriminologie ist die Straftat, das Verbrechen. Bekannt und geläufig sind aber auch die Begriffe Kriminalität, Delinquenz und abweichendes Verhalten. Worin liegen die Unterschiede? Mit dem Begriff der „Straftat“ nimmt die Kriminologie Bezug auf die Voraussetzungen, unter denen ein bestimmtes Verhalten vom Gesetz mit Strafe bedroht wird. Dasselbe gilt für den Zentralbegriff des „Verbrechens“, der in der Kriminologie ungeachtet der im Strafrecht geläufigen Unterscheidung zwischen Verbrechen und Vergehen (§ 12 StGB) auf alle strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen bezogen 4 § 1. Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Kriminologie 2 Mannheim 1972, 1; Kaiser, in: H. J. Schneider 2007, 25 f. 3 Vgl. Garofalo 1914 (engl. Übersetzung der ital. Ausgabe von 1885). 9 10 11 wird. Die Begriffe „Straftat“ und „Verbrechen“ werden in der Kriminologie meist gleichsinnig verwendet (zu den Ausnahmen "Rn. 15 ff.). Auch der Begriff der „Kriminalität“ bezieht sich auf Verhaltensweisen, die das Gesetz mit Strafe bedroht. Anders als die Begriffe „Straftat“ und „Verbrechen“ wird der Begriff der „Kriminalität“ jedoch nicht zur Kennzeichnung von individuellem Verhalten, sondern zur Beschreibung von strafnormverletzendem Verhalten als einer gesellschaftlichen Massenerscheinung verwendet (Kriminalität als „Makrophänomen“). Manche Autoren schränken den Begriff darüber hinaus auf die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten ein („Hellfeldkriminalität“).4 Diese Beschränkung ist indessen nicht zwingend, da die polizeiliche Sichtweise nur eine von mehreren möglichen Perspektiven ist; über die Strafbarkeit eines Verhaltens entscheidet nicht die Polizei, sondern die Justiz. Aber auch strafbares (kriminelles) Verhalten, das der Polizei unbekannt bleibt, weil es von dem Geschädigten nicht zur Anzeige gebracht wird, kann bei entsprechender rechtlicher Würdigung als „Kriminalität“ bezeichnet werden; die Bewertung ist nicht von der Amtsträgereigentschaft abhängig („Kriminalität im Dunkelfeld“).5 Die Begriffe „Delikt“ und „Delinquenz“ werden meist im Zusammenhang mit strafbarem Verhalten Jugendlicher verwendet. Auch sie beziehen sich auf das im Gesetz mit Strafe bedrohte Verhalten, bringen dieses Verhalten jedoch sprachlich neutraler zum Ausdruck als dies mit den Begriffen „Kriminalität“ und „Verbrechen“ möglich ist, denen eine stark negative, abwertende Konnotation anhaftet. Der Begriff der „Delinquenz“ stammt aus der anglo-amerikanischen Kriminologie, wo er seit dem frühen 20. Jahrhundert zur Kennzeichnung der Andersartigkeit jugendlichen Fehlverhaltens im Unterschied zur Kriminalität Erwachsener verwendet wird.6 Diejenigen deutschen Autoren, die den Begriff der „Kriminalität“ auf das Hellfeld beschränken, verwenden den Begriff der „Delinquenz“, um das Dunkelfeld zu beschreiben. Mit den Begriffen „abweichendes Verhalten“ und „Devianz“ wird der Bezugsrahmen des Strafrechts verlassen. Die Begriffe beziehen sich auf alle Verhaltensweisen, die von den in einer Gesellschaft II. Der Verbrechensbegriff in der Kriminologie 5 4 Vgl. P.-A. Albrecht 2000, 16 ff.; aus der Forschungsliteratur Schulte 2019, 17 ff. 5 Kritik an dieser positivistisch reifizierenden Sicht bei Kunz MschrKrim 103 (2020), 154 ff.; vgl. auch Sessar, in: Hilgendorf/Rengier 2012, 268 ff. 6 Siegel/Senna 1997, 17 ff.; Shoemaker 2000, 3 f. 12 13 14 geltenden Normen abweichen; die (Straf-)Rechtsnormen bilden insoweit nur einen Ausschnitt. Unter dem Begriff der (sozialen) „Norm“ sind in einem allgemeinen soziologischen Sinn alle Verhaltenserwartungen zu verstehen, die das gesellschaftliche Zusammenleben strukturieren. „Abweichend“ verhält sich dementsprechend nicht nur, wer die Strafgesetze verletzt (zB einen anderen verletzt oder bestiehlt), sondern auch, wer seine Schulden nicht bezahlt (zivilrechtliche Pflichtverletzung, die die Pflicht zur Zinszahlung auslöst), im Stra- ßenverkehr zu schnell fährt (Verletzung eines verwaltungsrechtlichen, als Ordnungswidrigkeit ahndbaren Verbots), sich prostituiert, im Übermaß raucht oder trinkt oder wer in der Kirche während des Gottesdienstes aufsteht und laut „Buh“ ruft (Verstoß gegen soziale Verhaltenserwartungen). Das Konzept des „abweichenden Verhaltens“ wird vor allem in der Kriminalsoziologie verwendet.7 Für die Kriminologie, in deren Mittelpunkt die Verstöße gegen die Strafrechtsnormen stehen, ist es zu breit und ungenau. 2. Formeller oder materieller Verbrechensbegriff? Mit dem Begriff des „Verbrechens“ nimmt die Kriminologie auf das im Gesetz mit Strafe bedrohte Verhalten Bezug. Aber ist das Gesetz die einzige Möglichkeit, um diesen Begriff zu definieren? Kann man den Begriff nicht auch unabhängig vom Gesetz mit Inhalt füllen? Gibt es keine kriminologischen Gesichtspunkte, anhand derer sich begründen ließe, wann ein Verhalten ein „Verbrechen“ ist? In der Vergangenheit sind zahlreiche Versuche unternommen worden, dem formellen einen materiellen Verbrechensbegriff entgegenzustellen. Verallgemeinernd lassen sich wenigstens drei Ansätze unterscheiden.8 (1) Die erste Möglichkeit, den Verbrechensbegriff materiell zu definieren, besteht darin, dass auf naturrechtliche Argumentationsmuster zurückgegriffen wird. Im Hintergrund stehen christlichtheologische Vorstellungen über die Unterscheidung zwischen „delicta mala per se“ (Taten die in sich schlecht sind) und „delicta mala quia prohibita“ (bloß verbotenen Taten). Diese bereits aus dem Mittelalter stammende Unterscheidung wurde im 19. Jahrhundert von 6 § 1. Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Kriminologie 7 Vgl. Sack, in: König 1978, 312 ff.; Lamnek 2007, 47 ff. 8 Vgl. zum folgenden Kaiser 1996, § 36 Rn. 8 ff.; Kürzinger 1996, Rn. 11 ff.; weiterführend Sessar, in: H.-J. Albrecht u. a. 1998, 427 ff. 15 16 Garofalo aufgegriffen und zu einem „natürlichen Verbrechensbegriff“ fortentwickelt. Verbrechen sind danach Handlungen, die jede zivilisierte Gesellschaft als kriminell beurteilen muss, weil sie das durchschnittliche Maß an Mitleid und Redlichkeit verletzen.9 In der jüngeren Diskussion über die Strafbarkeit von Verbrechen unter totalitärer Herrschaft („Nürnberger Prozesse“ nach dem 2. Weltkrieg, „Mauerschützenprozesse“ nach dem Zusammenbruch der ehemaligen DDR) wurden naturrechtliche Argumentationsmuster zum Teil wiederbelebt. Bei kritischer Betrachtung ist der „natürliche Verbrechensbegriff“ unübersehbar mit der Gefahr von Willkür und Subjektivität verbunden. Zwar erlaubt er in den Kernbereichen des Unrechts relativ eindeutige Abgrenzungen. In den Randbereichen bereitet seine Anwendung jedoch Schwierigkeiten, da hier in der Regel umstritten ist, wann das „durchschnittliche Maß“ an Mitleid und Redlichkeit verletzt ist. Wie soll bspw. die Abtreibung einzuordnen sein? Wie der Besitz von Betäubungsmitteln? (2) Die zweite Möglichkeit besteht darin, für die Abgrenzung das aus den Rechtswissenschaften bekannte Konzept des „Rechtsguts“ zugrunde zu legen. Unter „Verbrechen“ können diejenigen Handlungen verstanden werden, die in strafwürdiger Weise Rechtsgüter verletzen, wobei man als „Rechtsgut“ solche rechtlich geschützten Interessen ansehen kann, deren Legitimität sich mit der Wertordnung der Verfassung begründen lässt. Im Hintergrund dieses Wegs steht die Überzeugung, dass sich ein materieller, auch kriminalpolitisch verbindlicher Verbrechensbegriff nur normativ begründen lässt, wobei auf die Zielsetzungen und Richtpunkte der Verfassung zurückzugreifen ist. Der „rechtsgutsbezogene Verbrechensbegriff“ vermeidet die Schwierigkeiten des „natürlichen Verbrechensbegriffs“, denn selbst in den Randbereichen des Unrechts sind eindeutige juristische Wertungen möglich. Mit der Bezugnahme auf rechtlich-normative Wertungen bringt er die Kriminologie jedoch in dieselbe theoretisch-konzeptionelle Abhängigkeit vom positiven Recht wie der formelle Verbrechensbegriff. Hinzu kommt, dass der rechtsgutsbezogene Verbrechensbegriff für die Abgrenzung auf die nationalstaatliche Wertordnung verweist, während die Kriminologie nicht an diese Grenzen gebunden ist und sich wesentliche Impulse gerade aus ihrer interna- II. Der Verbrechensbegriff in der Kriminologie 7 9 Garofalo 1914, 33 f. 17 18 19 tional-vergleichenden Tätigkeit verschafft. Sofern man aber nach darüber hinausgehenden, vom nationalen Recht abgelösten Wertmaßstäben sucht (zB den allgemeinen Menschenrechten), werden diese umso abstrakter und unschärfer, je weiter man die Kreise zieht. (3) Der dritte Ansatz besteht darin, den materiellen Verbrechensbegriff von rechtlichen Erwägungen abzulösen und ihn von seinen sozialen Funktionen her zu bestimmen. „Verbrechen“ lässt sich danach definieren als das „sozialschädliche Verhalten.“10 Dasselbe ist gemeint, wenn im anglo-amerikanischen Schrifttum von „antisozialem Verhalten“ gesprochen wird (vgl. aber die andersartige Begriffsverwendung " § 3 Rn. 38). Die Parallelen zum Begriff des „abweichenden Verhaltens“ liegen auf der Hand: In allen Definitionen geht es darum, die enge Anbindung an das Strafrecht zu vermeiden. Gleichwohl sind die Begriffe nicht deckungsgleich; nicht jede Form von abweichendem Verhalten kann auch als sozialschädlich angesehen werden. Der „sozialwissenschaftliche Verbrechensbegriff“ hat den Vorteil, dass die zentrale Kategorie der Sozialschädlichkeit einen empirischen Bezug aufweist und damit dem empirischen Wissenschaftsverständnis der Kriminologie besser entspricht als es mit der Bezugnahme auf rechtliche Erwägungen möglich ist. Welche Verhaltensweisen mit welchen sozialen Folgen verbunden sind, lässt sich mit empirischen Mitteln aufklären. Gleichwohl ist auch dieser Ansatz nicht ganz frei von normativen Konturen. Welche Verhaltensweisen in einer Gesellschaft sozialschädlich sind, kann man nicht sagen, wenn man nicht zuvor die grundlegenden Wertvorstellungen festgelegt hat. So sind etwa in einer fundamentalistisch-religiös organisierten Gesellschaft andere Verhaltensweisen dysfunktional als in einer pluralistischen, weltanschaulich neutralen Gesellschaft. Als Fazit der Bemühungen um einen materiellen Verbrechensbegriff wird man deshalb festhalten müssen, dass es ein allseits überzeugendes sachliches Konzept nicht gibt. Alle bisherigen Bemühungen sind Einwänden ausgesetzt. Dies bedeutet indessen nicht, dass kriminologische Überlegungen nur auf der Grundlage des formellen Verbrechensbegriffs möglich wären. Der formelle Verbrechensbegriff bildet zwar den Ausgangspunkt und die Grundlage für die weitaus meisten kriminologischen Fragestellungen, aber er stellt keine ab- 8 § 1. Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Kriminologie 10 Auch das BVerfG nimmt in der „Inzestentscheidung“ auf die Sozialschädlichkeit Bezug (BVerfGE 120, 224, 239 f.). 20 21 22 schließende Beschreibung des Gegenstandsbereichs der Kriminologie dar. Materielle, vom positiven Recht unabhängige Aussagen über „Verbrechen“ sind in der Kriminologie durchaus möglich. Sie können allerdings nicht für sich beanspruchen, immer und unter allen Umständen Allgemeingültigkeit zu besitzen. Ihnen fehlt die überindividuelle Verbindlichkeit, die dem Recht eigen ist. Stärker noch als die formelle Definition von „Verbrechen“ sind die materiellen Abgrenzungen gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt und unterliegen dem raum-zeitlichen Wandel.11 3. Verbrechen als normatives Konstrukt Die Frage, wann ein Verhalten ein Verbrechen ist, hat nicht nur eine definitorische Seite, bei der es um die Abgrenzung zum „Nichtverbrechen“ geht. Die Frage verweist auch auf das erkenntnistheoretische Problem, wie und von wem festgestellt werden kann, ob ein Verhalten die für ein Verbrechen maßgeblichen Voraussetzungen erfüllt. Die Schwierigkeiten resultieren daraus, dass die Eigenschaft als „Verbrechen“ einem Ereignis nicht wie ein Kainsmal anhaftet. Die Einordnung als strafrechtlich relevantes Geschehen ist vielmehr das Ergebnis eines komplexen Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesses, der im Einzelfall sehr unterschiedlich ablaufen kann. „Verbrechen“ ist, wie von den Vertretern des „labeling approach“ (dazu genauer " § 3 Rn. 91 ff.) zutreffend herausgearbeitet worden ist, nicht nur ein ontologischer Befund (ein „Realphänomen“), sondern auch ein durch Interpretation der sozialen Wirklichkeit gewonnenes Konstrukt.12 Jurastudierenden ist der Vorgang der „Herstellung“ („Konstruktion“) von Straftaten geläufig. Ob zB eine Handlung einen bei Strafe verbotenen Totschlag darstellt, lässt sich erst beantworten, nachdem Fragen des Erfolgseintritts, der Kausalität und objektiven Zurechenbarkeit, des Vorsatzes und des Fehlens von Rechtfertigungs- sowie Schuldausschließungs- und Entschuldigungsgründen geprüft und in einem positiven Sinn beantwortet worden sind. Vor der normativen Einordnung als Straftat („A hat einen Totschlag begangen“) existieren zwar Realphänomene (zB Blut an den Händen des A, Stillstand der Vitalfunktionen bei O), die bei den Beteiligten konkrete Bedürfnisse und Erwartungen auslösen können; um ein „Verbrechen“ handelt es sich dabei jedoch ohne weitere Prüfungs- und Bewertungsschritte noch nicht. II. Der Verbrechensbegriff in der Kriminologie 9 11 Vgl. die Beispiele bei Kaiser 1996, § 36 Rn. 23 ff. 12 Kunz/Singelnstein 2016, § 2 Rn. 3 ff.; Kunz 2008. 23 24 Entsprechend der Unterschiedlichkeit der Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse, die im Zusammenhang mit strafbaren Handlungen stattfinden, ist die Perspektive des Täters typischerweise eine andere als die des Opfers. Die Wahrnehmungen und Bewertungen der Tatbeteiligten können sich wiederum von der Bedeutung unterscheiden, die Dritte, bspw. die Angehörigen des Opfers, dem Vorgang beimessen. Um Schädigungen wahrzunehmen und strafrechtliche Bewertungen vorzunehmen, braucht man nicht zwingend ein Jurist zu sein. Beispiel: Im innerfamiliären Zusammenleben werden die meisten strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen (zB Ohrfeigen) weder vom Täter noch vom Opfer mit „Kriminalität“ in Verbindung gebracht (sondern zB als „Erziehungsmaßnahmen“ eingeordnet). Dritte, die außerhalb des familiären Beziehungsgeflechts stehen, können die Problematik mancher Vorgänge häufig eher erkennen.13 Die strafrechtliche Einordnung eines Vorgangs durch Polizei und Justiz bildet eine eigenständige Wirklichkeitsebene. Die Besonderheit der juristischen (Re-)Konstruktion von Verbrechen besteht darin, dass sich die Einordnungen hier mit konkreten Rechtsfolgen verbinden und (zB mit der Anordnung von U-Haft) staatlichen Zwang auslösen können. Umgekehrt können Fehlwahrnehmungen und -bewertungen seitens der Tatbeteiligten im Strafverfahren wieder korrigiert werden; dies ist die typische Situation der Einstellung eines Verfahrens oder des Freispruchs. Welche dieser unterschiedlichen Perspektiven ist diejenige, die in der Kriminologie maßgeblich ist? Naheliegend ist der Gedanke, für den kriminologischen Zugang zum Verbrechen auf die juristische Perspektive abzustellen, da sich die überindividuelle, gesellschaftliche Bedeutung von „Verbrechen“ erst durch die Wahrnehmung und Bewertung seitens der strafrechtlichen Kontrollorgane verbindlich konstituiert. Würde man sich jedoch allein auf die juristische Perspektive beschränken, so würde man sich hierdurch den Blick auf andere, aus kriminologischer Sicht ebenfalls bedeutsame Zugänge zu den Anma- ßungen, Ärgernissen, Konflikten und Lebenskatastrophen verstellen, die den juristischen Konstruktionen vorgelagert sind und die auf die Initiierung des strafrechtlichen Kontrollprozesses maßgeblichen Einfluss ausüben (zB durch die Erstattung einer Strafanzeige). Einen Vorrang einzelner Perspektiven kann es deshalb in der Kriminologie 10 § 1. Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Kriminologie 13 Vertiefend Brennan IRV 2016, 3 ff. 25 26 27 nicht geben; die individuell und institutionell unterschiedlichen (Re-) Konstruktionen der sozialen Realität stehen sich grundsätzlich gleichberechtigt gegenüber. Von der Verbrechenswirklichkeit lässt sich ein realitätsnahes Bild erst aus der Zusammenführung der unterschiedlichen Perspektiven gewinnen. III. Das Erkenntnisinteresse der Kriminologie Was sind die Erkenntnisinteressen der Kriminologie? Warum beschäftigt sich ein ganzer Wissenschaftszweig mit dem Verbrechen? Eine Antwort, die für „die“ Kriminologie in ihrer Gesamtheit gültig wäre, lässt sich auf diese Fragen nicht geben. Verallgemeinernd lassen sich jedoch zwei Interessenlagen unterscheiden.14 Ein unbestrittenes Interesse der Kriminologie geht dahin, zu der sozialen Realität des Verbrechens, seinen individuellen und gesellschaftlichen Hintergründen, den Folgen für das Opfer sowie den staatlichen Reaktionen, die es auslöst, einen festen Bestand an empirisch gesichertem Wissen zu erarbeiten. Im Mittelpunkt steht die Gewinnung und Sicherung von Erfahrungswissen, wobei es freilich nicht nur um die Sammlung von empirischen Fakten geht, sondern auch um die Interpretation und die Erklärung der Hintergründe, Zusammenhänge und Strukturen. Die Bedeutung und gleichzeitig auch die Problematik des mit diesem Ansatz verbundenen wissenschaftlichen Anspruchs werden deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Hintergründe und Folgen von Verbrechen nicht nur von der Kriminologie, sondern auch von anderen Wissenschaftsdisziplinen erforscht werden. Auch für Teile der Psychologie, Psychiatrie, Soziologie und etliche andere Disziplinen bildet das Verbrechen den Anknüpfungspunkt für eigene Theoriebildung und Forschung. Dabei kann man vergröbernd feststellen, dass sich forensische Psychologie und Psychiatrie eher für das individuelle Verhalten, die Kriminalsoziologie eher für die sozialen Hintergründe von Verbrechen sowie für die Prozesse der gesellschaftlichen und juristischen „Konstruktion“ interessiert. Für die Kriminologie ergibt sich hieraus nicht nur eine Mittlerfunktion zwischen den verschiedenen Wissenschaftsbereichen. Die Kriminologie kann auch ihren Gegenstand selbst nur dann adäquat erfassen, wenn sie die in den anderen Wissenschaftsbereichen gesammelten Erfahrungen berücksichtigt und in ihre eigenen Forschungen einfließen lässt. Die Kriminologie ist dementsprechend eine interdisziplinäre Wissenschaft. Ihr III. Das Erkenntnisinteresse der Kriminologie 11 14 Vgl. zum folgenden Kaiser, in: H. J. Schneider 2007, 37 ff.; Kunz/Singelnstein 2016, § 1 Rn. 7 ff. 28 29 30 Ziel ist es, durch die Zusammenarbeit mit den anderen Fachdisziplinen und die Integration der verschiedenen Richtungen zu neuen kriminologischen Theorien zu gelangen, die die Gewinnung, Strukturierung und Sicherung des kriminologischen Erfahrungswissens leiten. Während sich ein Teil der Kriminologen auf diese Aufgabe beschränkt, verfolgt ein anderer Teil zusätzlich ein zweites Interesse. Kriminologie dient nach dem Verständnis dieser Kriminologen nicht nur der Grundlagenforschung, sondern hat auch praxisbezogene Aufgaben. Ihr Interesse geht dahin, das Erfahrungswissen vor allem in solchen Themenfeldern zu verbreitern, in denen sich kriminologisches Wissen in justizpraktische Schlussfolgerungen umsetzen lässt. Die Aufmerksamkeit dieser auch anwendungsorientiert arbeitenden Kriminologen gilt deshalb typischerweise den individuellen Hintergründen von Verbrechen, Fragen der Prognose des künftigen Legalverhaltens, den Wirkungen und der präventiven Effektivität der strafrechtlichen Sanktionen sowie den Fragen von Opferwerdung und Opferschutz. Dabei handelt es sich um diejenigen Bereiche, in denen das Strafjustizsystem den größten Bedarf an empirisch fundierter Information hat, um seine zweckgebundenen Entscheidungen rational und möglichst effektiv treffen zu können. Gleichwohl lässt sich die Kriminologie ihre Fragestellungen damit nicht vom Strafrecht „vorschreiben“. Sie verliert allein dadurch, dass sie sich auch mit strafrechtlich und kriminalpolitisch relevanten Fragestellungen befasst, nicht ihren Anspruch, eine kritische, autonome Wissenschaft zu sein.15 Der Anwendungsbezug der Kriminologie ist dennoch nicht unproblematisch. Die Gefahr ist unübersehbar, dass den Verwertungsinteressen von Kriminalpolitik und Justiz im Einzelfall ein Einfluss zukommen kann, der die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Forschung beeinträchtigt. Zu denken ist an die Möglichkeit, dass von den kriminalpolitischen „Abnehmern“ auf die methodische Durchführung der Datenerhebung oder die Interpretation der Ergebnisse Einfluss genommen wird. Ebenso besteht die Gefahr, dass der einzelne Wissenschaftler die notwendige Distanz zum Forschungsgegenstand verliert und seiner Arbeit ein unwissenschaftliches, allein an den kriminalpolitischen Verwertungsinteressen ausgerichtetes Gepräge gibt. Auch wenn der Anwendungsbezug der Kriminologie wissenschaftspolitisch nicht unproblematisch ist, kann auf ihn dennoch 12 § 1. Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Kriminologie 15 So aber P.-A. Albrecht 2010, 15 ff., 86 ff.; weiterführend Kunz MschrKrim 80 (1997), 165 ff.; Kerner MschrKrim 96 (2013), 184 ff. 31 32 33 nicht verzichtet werden. Sich mit dem Verbrechen nur um seiner selbst willen zu beschäftigen, ist zu kurz gegriffen. Bei Verbrechen geht es um Gefahren, Schäden, Verletzungen und Verluste, an deren Verminderung und Verhinderung ein gesamtgesellschaftliches Interesse besteht. Wenn und soweit es der Kriminologie gelingt, mit ihren Forschungsergebnissen zur Entwicklung einer rationalen, freiheitlich-rechtsstaatlichen Prinzipien ebenso wie den empirischen Befunden verpflichteten Kriminalpolitik einen Beitrag zu leisten, ist dies aus wissenschaftlicher Sicht ein ebenso legitimer wie notwendiger Ansatz. Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre: Kunz, Über Zusammenhänge und Distanzen zwischen Kriminologie und Kriminalpolitik, MschrKrim 80 (1997), 161–182; Kaiser, Kriminologie als interdisziplinäre und internationale Wissenschaft, in: H. J. Schneider 2007, 25–52; Sessar, Zum Verbrechensbegriff, in: H.-J. Albrecht u. a. 1998, 421–454. III. Das Erkenntnisinteresse der Kriminologie 13

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Grundriss behandelt die wichtigsten kriminologischen Probleme, Befunde und Konzepte. Nach einer Darstellung von Geschichte, Theorie und Methoden der Kriminologie werden anhand ausgewählter empirischer Befunde die zentralen Sachkomplexe Kriminalität, Täter, Opfer, Kontrolle und Prävention und die daraus folgenden kriminalpolitischen Konsequenzen erörtert. Kapitel zu Wirtschaftskriminalität und zur Kriminalität in Europa schließen das Werk ab.

Die Vorteile des Buches:

  • viele Beispiele und Übersichten

  • prägnante Darstellungsweise

  • auch für Nicht-Juristen interessant

In der gleichen Reihe lieferbar:

Meier/Bannenberg/Höffler, Jugendstrafrecht