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§ 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie in:

Bernd-Dieter Meier

Kriminologie, page 14 - 31

6. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-76343-4, ISBN online: 978-3-406-76958-0, https://doi.org/10.17104/9783406769580-14

Series: Grundrisse des Rechts

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§ 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie I. Die klassische Schule der Kriminologie Die ersten Ansätze kriminologischen, erfahrungswissenschaftlichen Denkens finden sich bereits im Mittelalter. Während im Umgang mit dem Verbrechen zunächst ausschließlich religiöse Deutungsmuster und Erklärungen existierten („Gottesurteil“), beginnen im Mittelalter die ersten Versuche, im Strafprozess die Beweisführung auf erfahrungswissenschaftliche Beweismittel umzustellen (zB ärztliche Sachverständigengutachten). Zum Ausdruck gelangt diese Entwicklung in der ersten richterlich angeordneten Leichenöffnung, die im Jahr 1302 in Bologna stattfand. Theoretische Impulse kommen im Vergleich zu diesen ersten empirischen Ansätzen erst sehr viel später; sie ergeben sich im 18. Jahrhundert als ein Produkt der Aufklärung. Maßgebliche Impulse gingen namentlich aus von – dem italienischen Mathematiker und Wirtschaftstheoretiker Cesare Beccaria (1738–1794), der 1764 die Schrift „Dei delitti e delle pene“1 veröffentlichte, in der er sich gegen die damaligen Strafrechts- und Strafvollstreckungsmissstände wandte und eine rationale, auf die Verbrechensvorbeugung abzielende Strafgesetzgebung forderte; – dem Engländer Jeremy Bentham (1748–1832), der als Mitbegründer des Utilitarismus gilt; – dem Engländer Samuel Romilly (1757–1818), der die Abschaffung der Todesstrafe für Diebstahl und Bettelei durchsetzte; – dem Engländer John Howard (1726–1790), der für eine Gefängnisreform eintrat; – in Deutschland Johann Anselm v. Feuerbach (1775–1833), der sich u. a. ebenfalls gegen die Todesstrafe aussprach, die Abschaffung der Folter durchsetzte und unter dessen Einfluss 1813 in Bayern das erste moderne und vielfach vorbildliche StGB entstand. 1 Beccaria 1988 (dt. Übersetzung der ital. Ausgabe von 1766). 1 2 Die genannten Reformer werden unter dem Begriff der „klassischen Schule“ zusammengefasst.2 Kennzeichen der klassischen Schule ist, dass der Mensch als rationales, vernünftiges und eigenverantwortlich handelndes Wesen gesehen wird. Das Verbrechen erscheint als Ergebnis einer an der Verfolgung der eigenen Interessen ausgerichteten Entscheidung des Täters: Verbrechen werden dann begangen, wenn der Täter den potentiellen Nutzen einer Straftat höher einschätzt als die Nachteile, die ihm bei Entdeckung in Form der Bestrafung drohen. Kriminalpolitisch muss die rationale Antwort der Gesellschaft auf das Verbrechen deshalb darin bestehen, für den potentiellen Täter die zu erwartenden Nachteile zu vergrößern und den Nutzen zu vermindern. Die Gesellschaft darf sich dabei jedoch nicht übermäßig harter oder grausamer Strafen bedienen, sondern von dem Recht zu Strafen nur in einem Maß Gebrauch machen, das sich an der Proportionalität von Tat und Strafe orientiert. Als herausgehobener Vertreter der klassischen Schule und Wegbereiter der Kriminologie gilt Beccaria. Seine 1764 veröffentlichte Streitschrift wurde innerhalb weniger Jahre in ganz Europa verbreitet und gelesen. Zu den zentralen Forderungen, die Beccaria erhob, gehörten das Verbot der Folter, die Abschaffung der Todesstrafe, die strikte Abhängigkeit des Richters vom Gesetz, der Vorrang der Kriminalprävention („besser ist es, den Verbrechen vorzubeugen als sie zu bestrafen“3) und die allein an der Schwere der Tat orientierte Bestrafung des Täters („damit die Strafe nicht die Gewalttat eines oder vieler gegen einen einzelnen Bürger sei, muss sie durchaus öffentlich, rasch, notwendig, die geringstmögliche unter den gegebenen Umständen, den Verbrechen angemessen und vom Gesetz vorgeschrieben sein“4). Die Aufzählung macht deutlich, dass die Forderungen weniger kriminologisch als kriminalpolitisch orientiert waren.5 Dennoch ist die Einordnung Beccarias als Wegbereiter der Kriminologie richtig, da mit dem Hinweis auf das hinter dem Verbrechen stehende Eigeninteresse des Täters eine wesentliche Voraussetzung für die erfahrungswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kriminalität und Strafe geschaffen wurde. I. Die klassische Schule der Kriminologie 15 2 Lamnek 2007, 64 ff.; Vold/Bernard/Snipes 1998, 14 ff.; kritisch Kaiser 1996, § 14 Rn. 6. 3 Beccaria 1988, 167 (These 41). 4 Beccaria 1988, 177 (These 47). 5 Weiterführend Monachesi, in: Mannheim 1972, 36 ff.; Küper JuS 1968, 547 ff. 3 4 II. Die Wurzeln der positivistischen Kriminologie Zur Konstituierung der Kriminologie als einem eigenständigen Wissenschaftsgebiet kam es erst im Zusammenhang mit dem Positivismus des 19. Jahrhunderts.6 Als „Positivismus“ wird dasjenige auf Auguste Comte (1798–1857) zurückgehende Wissenschaftsverständnis bezeichnet, das als Basis für wissenschaftliche Erkenntnis nur Tatsachen zulässt und das in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die Entwicklung in allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen beeinflusst. Der Positivismus ist durch die Vorstellung geprägt, dass sich die Bestimmungsgründe des menschlichen Handelns nicht aus der Entscheidungsfreiheit des Menschen ableiten lassen, sondern dass das menschliche Verhalten allgemeinen Gesetzen („Ursachen“) folgt, die mit erfahrungswissenschaftlichen Methoden erkannt werden können. Auch das Verbrechen beruht nach dem Verständnis der positivistischen Kriminologie nicht auf der freien und eigenverantwortlichen Entscheidung des Täters, sondern lässt sich auf Umstände zurückführen, die der Kontrolle des Täters weitgehend entzogen sind. Welche Umstände dies sind, ist in der positivistischen Kriminologie des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts umstritten. Grob verallgemeinernd lassen sich drei Richtungen unterscheiden.7 1. Die italienische (kriminalanthropologische) Schule Auf der einen Seite steht die italienische Schule, die die zentralen Ursachen in den anthropologischen Besonderheiten des Täters sieht. Mit der italienischen Schule verbinden sich vor allem drei Namen: – Cesare Lombroso (1835–1909), Psychiater und Gefängnisarzt in Turin, der an Gefangenen anthropometrische (dh körpervermessende) Untersuchungen durchführte und 1876 das Buch „L'uomo delinquente“8 veröffentlichte, in dem er die These entwickelte, der Verbrecher sei von Geburt an zum Verbrechen prädestiniert; 16 § 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie 6 Göppinger/Bock 2008, § 2 Rn. 7 ff.; Vold/Bernard/Snipes 1998, 27 ff. 7 Vertiefend v. Engelhardt, in: Kerner/Göppinger/Streng 1983, 261 ff. 8 Vgl. Lombroso 1887 (dt. Übersetzung der ital. Ausgabe von 1885). 5 6 – Enrico Ferri (1856–1929), der zunächst zwar Lombrosos Ausgangspunkt teilte, sich später aber für die stärkere Berücksichtigung sozialer Faktoren einsetzte; – Raffaele Garofalo (1852–1934), der die These vertrat, der Verbrecher, der das „natürliche Verbrechen“ begehe (" § 1 Rn. 16), sei ein besonderer anthropologischer Typ, der unter einer psychischen und moralischen Anomalie, nämlich einem Mangel an uneigennützigem Empfindungsvermögen leide. Lombroso wird weithin als Begründer der Kriminologie angesehen. Diese Einordnung resultiert nicht daraus, dass die von ihm vertretenen Auffassungen auch heute noch Wertschätzung genießen würden. Im Gegenteil, Lombrosos frühe Thesen wurden schon von seinen Zeitgenossen heftig kritisiert und gelten heute als vollständig überholt. Die besondere Bedeutung Lombrosos ergibt sich jedoch daraus, dass er seine theoretischen Überlegungen auf der Grundlage von umfangreichen Studien entwickelte und somit im Umgang mit dem Verbrechen erstmals einen strikt erfahrungswissenschaftlichen Ansatz zugrunde legte.9 Lombroso glaubte in seinen Arbeiten festzustellen, dass sich Verbrecher von anderen Menschen in einer Vielzahl von physischen und psychischen Anomalien unterscheiden („Im Allgemeinen sind bei Verbrechern von Geburt die Ohren henkelförmig, das Haupthaar voll, der Bart spärlich, die Stirnhöhlen gewölbt, die Kinnlade enorm, das Kinn viereckig oder vorragend, die Backenknochen breit – kurz, ein mongolischer und bisweilen negerähnlicher Typus vorhanden“10). Er deutete dies als Ausdruck des atavistischen, degenerierten Entwicklungsstands der Verbrecher. Ihr zurückgebliebener Entwicklungsstand verhindere es, dass sie sich an die Regeln der zivilisierten Gesellschaft anpassen könnten. Die theoretischen Überlegungen stehen ersichtlich unter dem Einfluss von Charles Darwin (1809–1882). Die empirischen Befunde haben sich in späteren Untersuchungen nicht bestätigt. Sie leiden zudem unter ihrer Einseitigkeit; den sozialen Ursachen des Verbrechens maß Lombroso in seinen frühen Arbeiten keine Bedeutung bei. Erst später revidierte er seine Auffassung und räumte ein, dass nur etwa ein Drittel der Verbrecher „geborene Verbrecher“ seien und dass in den übrigen Fällen soziale Faktoren wirkten. II. Die Wurzeln der positivistischen Kriminologie 17 9 Vgl. Wolfgang, in: Mannheim 1972, 232 ff.; zum zeitgeschichtlichen Hintergrund Kury, in: H. J. Schneider 2007, 68 ff. 10 Lombroso 1887, 231 f. 7 8 2. Die französische (kriminalsoziologische) Schule Auf der anderen Seite steht die französische Schule, die den kriminalanthropologischen Ansatz ablehnt und die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen von Kriminalität in den Mittelpunkt stellt. Gefördert wird die Blickrichtung auf die gesellschaftlichen Ursachen durch die im 19. Jahrhundert in vielen europäischen Ländern begonnenen kriminalstatistischen Datensammlungen. Namentlich Frankreich nahm insoweit eine Vorreiterrolle ein. Erste kriminalstatistische Analysen wurden von André-Michel Guerry (1802–1866) und Adolphe Jacques Quételet (1796–1874) vorgenommen. Die neue Forschungsrichtung bezeichnete sich als „Moralstatistik“, weil sie Angaben über die „moralischen“ (im Sinne von „sozialen“) Zustände in der Gesellschaft lieferte.11 Als Gegenstück zu der anthropologisch orientierten italienischen Schule verbindet sich die französische kriminalsoziologische Gegenauffassung vor allem mit den Namen: – Alexandre Lacassagne (1843–1924), der die These vertrat, das Milieu sei der Nährboden der Kriminalität, und auf den der Satz zurückgeht „jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient“; – Gabriel Tarde (1843–1904), der die Hauptursache der Kriminalität in der Nachahmung sieht und aus der Feststellung, dass ein Verbrecher nur das nachahme, was andere ihm vorgemacht hätten, die These entwickelte „jedermann ist schuldig mit Ausnahme des Kriminellen“. Eine Sonderrolle nimmt der Franzose Emile Durkheim (1858– 1917) ein, der am Ende des 19. Jahrhunderts die Grundlagen für die moderne Kriminalsoziologie legt. Anders als die positivistische Kriminologie fragt Durkheim nicht nach den Ursachen des Verbrechens als einem individuellen Verhalten, sondern nach der Funktion des Verbrechens in der Gesellschaft und den Umständen, die die Entwicklung der gesellschaftlichen Kriminalitätsrate beeinflussen. Das Verbrechen sieht er dabei nicht mehr als eine sozialpathologische Erscheinung, als Übel, das es zu bekämpfen gilt, sondern als einen normalen, sich aus der Sozialstruktur erklärenden Bestandteil der modernen Industriegesellschaft.12 18 § 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie 11 Kury, in: H. J. Schneider 2007, 66 f.; Diekmann 2012, 96 f. 12 Lamnek 2007, 97, 111 ff.; Vold/Bernard/Snipes 1998, 123 ff. 9 9a 10 Die Auffassung, dass das Verbrechen eine normale und notwendige Erscheinung in jeder Gesellschaft sei, entwickelte Durkheim in seinem 1895 ver- öffentlichten Werk „Die Regeln der soziologischen Methode“. Normal sei das Verbrechen deshalb, weil es keine Gesellschaft gebe, in der keine Kriminalität existiere; immer gebe es Menschen, die die Normen verletzten und kriminelle Handlungen begingen. Das Verbrechen sei aber auch eine notwendige Erscheinung, weil es zur Stärkung und Fortentwicklung der kollektiven Norm- überzeugungen beitrage. Das Kollektivbewusstsein werde gestärkt, indem der Rechtsbruch öffentlich gemacht und mit Strafe geahndet werde.13 Für Durkheim ist der Umstand, dass es in einer Gesellschaft überhaupt Verbrechen gibt, damit nicht weiter erklärungsbedürftig. Anders ist es jedoch, wenn es infolge von Veränderungen im gesellschaftlichen Gefüge, etwa im Zusammenhang mit Modernisierungsprozessen, zu einem Zusammenbruch der rechtlichen und sozialen Normen kommt. Durkheim bezeichnet diesen Zustand als „Anomie“. Der Verlust der kollektiven Wertorientierungen kann zu Verhaltensunsicherheit und in verstärktem Maß zu abweichendem Verhalten führen. Durkheim setzte sich zwar selbst vor allem mit den Auswirkungen anomischer Zustände auf den Selbstmord auseinander.14 Seine Überlegungen wurden jedoch von späteren Theoretikern auch auf die Erklärung des Verbrechens übertragen (" § 3 Rn. 58 ff.). 3. Die Marburger Schule Schon für Lombroso und für Ferri lässt sich feststellen, dass sie die Ursachen des Verbrechens nur in der Anfangszeit ihres Wirkens allein in anthropologischen Besonderheiten sehen und den sozialen Umständen im weiteren Verlauf ihres Wirkens eine zunehmend grö- ßere Bedeutung beimessen. In Deutschland wird dieser Ansatz, der sich nicht auf einen Einflussbereich festlegt, sondern sowohl in individuellen als auch in gesellschaftlichen Faktoren die maßgeblichen Verbrechensursachen sieht, vor allem von Franz v. Liszt (1851– 1919) verfolgt. Die von v. Liszt vertretene „Anlage-Umwelt-Formel“ kommt am deutlichsten in dem 1898 gehaltenen Vortrag über „Das Verbrechen als sozial-pathologische Erscheinung“ zum Ausdruck: „Jedes Verbrechen ist das Produkt aus der Eigenart des Verbrechers einerseits und den den Verbrecher im Augenblick der Tat umgebenden gesellschaftlichen Verhältnissen andererseits; also das Produkt des einen individuellen Faktors und der ungezählten gesellschaftlichen Faktoren.“15 Kriminalpolitisch macht sich v. Liszt für die Forderung II. Die Wurzeln der positivistischen Kriminologie 19 13 Durkheim 1961, 155 ff. 14 Durkheim 1973, 279 ff. 15 v. Liszt 1905 a, 234. 11 12 13 stark, mit der Verbrechensbekämpfung an eben diese Ursachen des Verbrechens anzuknüpfen. Er setzt sich dabei sowohl für eine wirksamere Kriminalprävention (" § 10 Rn. 7 ff.) als auch für eine differenzierende, an den individuellen Besonderheiten des einzelnen Täters ausgerichtete Form der Sanktionierung ein. Die Grundlagen für letzteres, die Forderung nach einer individualisierenden Strafzumessung, hatte v. Liszt bereits im „Marburger Programm“ von 1882 entwickelt.16 v. Liszts Suche nach einer Synthese zwischen der kriminalanthropologischen und der kriminalsoziologischen Position erscheint rückblickend nicht als neuer, eigenständiger Ansatz, sondern als bloße Addition der bereits bekannten Gesichtspunkte. Aus kriminalitätstheoretischer Sicht liegt hierin sicherlich eine Schwäche. Indem v. Liszt den Streit zwischen den Positionen der Kriminalanthropologie und -soziologie aufbricht und die Frage nach den Verbrechensursachen im Sinne eines pragmatischen „sowohl – als auch“ beantwortet, gelingt es ihm jedoch, aus den historisch neuen Erkenntnissen der positivistischen Kriminologie erstmals Schlussfolgerungen für die kriminalpolitische und strafrechtliche Praxis zu ziehen.17 Historisch lässt sich v. Liszt damit als Vermittler zwischen Kriminologie und Kriminalpolitik einordnen. Besonders deutlich tritt diese besondere Position v. Liszts zutage, als er 1888 zusammen mit dem Holländer Gerardus Antonius van Hamel (1842–1917) und dem Belgier Adolphe Prins (1945–1919) die Internationale Kriminalistische Vereinigung (IKV) gründet, deren Ziel die Erforschung der Ursachen des Verbrechens ebenso wie die Entwicklung kriminalpolitischer Konzeptionen für die wirksame Reaktion auf Verbrechen ist.18 Das Wirken v. Liszts und der IKV bleibt nicht ohne Folgen. Der kriminalitätstheoretische Ansatz, für die Suche nach den Verbrechensursachen sowohl auf die in der Person des Täters liegenden Besonderheiten als auch auf die sozialen Bedingungen abzustellen, breitet sich zunehmend auch in anderen Ländern aus. v. Liszts „Anlage- Umwelt-Formel“ entspricht inhaltlich den namentlich in Nordamerika entwickelten und auch heute noch in der Kriminologie am häufigsten vertretenen Mehrfaktorenansätzen (" § 3 Rn. 119 ff.). In Deutschland führen die von v. Liszt vertretenen Positionen historisch zum „Schulenstreit“ zwischen der klassischen Strafrechtswissenschaft und der „modernen Schule“. Während die klassische Straf- 20 § 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie 16 v. Liszt 1905, 163 ff. 17 Kaiser 1996, § 15 Rn. 2; Kunz/Singelnstein 2016, § 4 Rn. 25. 18 Ausführlich Bellmann 1994. 14 15 rechtswissenschaft in Übereinstimmung mit den Annahmen der klassischen Kriminologie weiterhin von der absoluten Willensfreiheit des Menschen ausgeht (Position des Indeterminismus) und hieraus ableitet, die Strafe habe lediglich der Vergeltung zu dienen (absolute Straftheorie), macht die „moderne Schule“ v. Liszts auf die Abhängigkeit des Handelns von inneren und äußeren Einflussfaktoren aufmerksam (Position des Determinismus) und leitet hieraus ab, dass die Strafe individuell auf den einzelnen Täter zugeschnitten werden müsse, um ihn von weiteren Taten abzuhalten (Theorie der Spezialprävention).19 III. Der Aufstieg der nordamerikanischen Kriminologie In den USA entwickelte sich die Kriminologie als eine in erster Linie soziologische und sozialpsychologische Disziplin, die von den Rechtswissenschaften, namentlich dem Strafrecht, weitgehend unabhängig war und ist. Die Entwicklung baute dabei in den USA ebenso wie in Europa auf den Ansätzen kriminologischen Denkens auf, die die europäische Diskussion im 18. und 19. Jahrhundert bestimmt hatten. Besonders deutlich wird der Rückgriff auf die europäischen Ansätze bei Robert Merton, der mit seiner erstmals 1938 veröffentlichten Anomietheorie die Überlegungen von Durkheim aufgriff (" § 3 Rn. 58 ff.). Aber auch die übrigen kontinentaleuropäischen Ansätze einschließlich der kriminalanthropologischen Untersuchungen Lombrosos wurden in den USA rezipiert. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Entwicklung in der Kriminologie weltweit durch die Impulse geprägt, die die nordamerikanische Kriminologie setzt. Auf die verschiedenen Forschungsansätze, Theorien, Kontroversen und Differenzierungen, die die Entwicklung in den USA seither geprägt haben, kann hier nicht im Einzelnen eingegangen werden.20 Hervorgehoben seien lediglich drei markante Entwicklungslinien, die im 20. Jahrhundert in den USA ihren Ausgangspunkt genommen und auf die europäische Kriminologie zurückgewirkt haben. Vor dem Hintergrund des rasanten Bevölkerungsanstiegs und der damit verbundenen Probleme wurden in den 1920er und 1930er Jahren an der Uni- III. Der Aufstieg der nordamerikanischen Kriminologie 21 19 Vgl. Göppinger/Bock 2008, § 2 Rn. 33 ff. 20 Vertiefend Laub Criminology 42 (2004), 1 ff.; Ferdinand, in: H. J. Schneider 2007, 99 ff. 16 17 17a 18 versität von Chicago eine Vielzahl von Forschungen zum Zusammenhang zwischen Kriminalität und Stadtstruktur durchgeführt, die in der Literatur unter dem Begriff der „Chicago-Schule“ zusammengefasst werden. Maßgebliche Aufmerksamkeit erlangten die Untersuchungen zur Bandenkriminalität sowie zur Kriminalität in unterschiedlichen Stadtgebieten („delinquency areas“). Die Chicago-Schule beeinflusste die weitere Entwicklung der Kriminologie nicht nur durch die theoretischen Überlegungen, die sie aus den Untersuchungsergebnissen ableitete (Theorien zur sozialen Desorganisation und zur Bildung von Subkulturen; ökologischer Erklärungsansatz), sondern auch durch die Methodenvielfalt, mit der sie sich den Zugang zum Forschungsfeld eröffnete (Einzelfallstudien, teilnehmende Beobachtung).21 Der zweite wesentliche Impuls ging von der Diskussion um die Berechtigung und Reichweite der interaktionistischen Perspektive aus. Anknüpfend an die Thesen Durkheims zur Normalität des Verbrechens in der Gesellschaft konzentrierte sich das Interesse großer Teile der nordamerikanischen Kriminologie ab der Mitte des 20. Jahrhunderts auf die Analyse der Prozesse, die der gesellschaftlichen Konstruktion von Verbrechen zugrunde liegen (" § 1 Rn. 23 ff.). Dabei galt das Interesse weniger den Konsequenzen, die sich aus der öffentlichen Stigmatisierung für die weitere Entwicklung des einzelnen Täters ergeben, als vor allem den Funktionen, die der Kriminalisierung von abweichendem Verhalten in der Gesellschaft zukommt. Der Schwerpunkt dieser Entwicklungsrichtung lag auf der theoretischen Diskussion, nicht auf der Empirie. Die Diskussion griff in den 1970er Jahren auf Europa über und führte auch in Deutschland zu Auseinandersetzungen zwischen „alter“ und „neuer“ („kritischer“) Kriminologie (" § 3 Rn. 95a, 100 f.). Die dritte markante Entwicklungslinie bildeten die in den USA trotz der Kritik durch die interaktionistischen Theorien unbeirrt fortgeführten Forschungen zu den individuellen Hintergründen von Straftaten und kriminellen Karrieren. Auf der Grundlage eines additiven Mehrfaktorenansatzes, der sich bei der Erklärung des Verbrechens in jeder Hinsicht offen zeigte, wurde eine Vielzahl von Untersuchungen durchgeführt, bei denen induktiv nach empirisch belegbaren Unterschieden zwischen Tätern und Nichttätern gesucht wurde. Im Hintergrund standen pragmatische Verwertungsinteressen. Vor allem die im Zusammenhang mit der Verhängung und Vollstreckung der strafrechtlichen Sanktionen erforderlichen Prognosen über das künftige Sozialverhalten des Täters sollten treffsicherer gemacht werden. Maßgebliche Bedeutung kam insoweit den von den 1920er bis in die 1960er Jahre betriebenen Forschungen des Ehepaars Sheldon und Eleanor Glueck zu, die in Deutschland den Impuls für die Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung setzten (" § 3 Rn. 119 f.). Heute scheint das Interesse der nordamerikanischen Kriminologie an der Ursachenforschung etwas geringer geworden zu sein. In der Theoriebildung dominieren lern- und kontrolltheoretische Ansätze. 22 § 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie 21 Wikström, in: H. J. Schneider 2007, 336 ff.; Hermann/Laue, in: Jehle 2001, 96 ff. 19 20 21 Die Aufmerksamkeit gilt den Prozessen, die dem Erwerb pro- und antisozialer Verhaltensweisen vorausgehen; dabei wird nicht nur die Dynamik von Interaktionsprozessen in den Blick genommen, sondern es wird auch danach gefragt, wie sich diese Prozesse in den einzelnen Lebensphasen gestalten. Die Ausdifferenzierung und Fortentwicklung des methodischen Arsenals hat insoweit hilfreiche Dienste geleistet; Längsschnittstudien haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, Entwicklungspfade, Übergänge zu neuen Abschnitten und Wendepunkte empirisch deutlich machen zu können (" § 3 Rn. 102 ff.). Eine große Rolle spielen präventive Überlegungen, also die Frage, auf welche Weise Kriminalität im Allgemeinen, insbesondere aber die Entstehung und Perpetuierung krimineller Karrieren verhindert werden kann; dabei wird auch hier ein strikt empirieorientierter Ansatz zugrunde gelegt („evidence-based crime prevention“; " § 10 Rn. 28 ff.). Das in früheren Jahren von der Ursachenforschung besetzte Terrain wird zunehmend von Forschungen besetzt, die sich mit Spezialfragen der Jugend- und der Gewaltkriminalität, insbesondere der Gewalt innerhalb der Familie, der Viktimologie, der Rolle der Polizei sowie den Auswirkungen der harten US-amerikanischen Sanktionierungsstrategien beschäftigen, die seit den 1980er Jahren greifen („three strikes and you are out“).22 Eine einheitliche Richtung lässt sich in alledem kaum noch erkennen; die Kriminologie in den USA stellt sich heute als ein multidisziplinäres Wissenschaftsfeld dar, dessen Kennzeichen gerade in seiner theoretischen und methodischen Vielfalt liegt.23 IV. Die Entwicklung in Deutschland 1. Orientierung an biologischen, anthropologischen und psychiatrischen Erklärungen Im Gegensatz zu der sozialwissenschaftlichen Ausrichtung der nordamerikanischen Kriminologie wurde die Kriminologie in Deutschland bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ausschließlich von Juristen und Psychiatern betrieben.24 Blickt man zunächst auf IV. Die Entwicklung in Deutschland 23 22 H. J. Schneider MschrKrim 90 (2007), 48 ff.; ders. MschrKrim 92 (2009), 480 ff. 23 Anschaulich insoweit http://oralhistoryofcriminology.org/ 24 Vgl. Schneider 1987, 131 ff.; Kaiser 1996, § 15 Rn. 3 ff.; Kunz MschrKrim 96 (2013), 81 ff. 22 den Zeitraum bis 1933, so stand im Mittelpunkt die Auseinandersetzung mit biologischen, anthropologischen, medizinischen und psychiatrischen Erklärungen des Verbrechens. Dabei dominierten konstitutions- und erbbiologische Überlegungen. Auch die in den 1920er Jahren von dem Psychiater Kurt Schneider entwickelte „Psychopathenlehre“ erwies sich als einflussreich. Die Konstitutionsbiologie verbindet sich vor allem mit dem Namen Ernst Kretschmer, der in dem Werk „Körperbau und Charakter“ seine Lehre von den unterschiedlichen Konstitutionstypen entwickelte. Nach Kretschmer gibt es drei Körperbautypen: den pyknischen (mittelgroße, gedrungene Figur mit breitem Gesicht), den leptosomen bzw. asthenischen (mager, schmal) und den athletischen Körperbau (kräftig, ausladende Schultern, breiter Kopf). Zwischen Körperbautypus und Temperament soll es einen Zusammenhang geben, der die Begehung von Straftaten erklären können soll: Der Pykniker sei wegen seiner guten sozialen Anpassungsfähigkeit bei allen Delikten unterrepräsentiert, der Leptosom sei häufig in den Kategorien des Diebstahls und des Betrugs anzutreffen, und der Athlet sei bei den gewalttätigen Delikten überrepräsentiert.25 Die erbbiologischen Überlegungen knüpften an Lombrosos Thesen an und gingen davon aus, dass die Bereitschaft, kriminelle Handlungen zu begehen, genetisch verankert und damit vererblich sei. Mit einer Arbeit von Johannes Lange begann eine Reihe von empirischen Untersuchungen, mit denen versucht wurde, den Einfluss von Erbanlagen auf die Entstehung von Kriminalität nachzuweisen. Die Kriminologie bediente sich dabei der Zwillingsforschung, die danach fragt, ob und inwieweit sich feststellen lässt, dass sich eineiige Zwillinge, die identische genetische Eigenschaften aufweisen, häufiger als zweieiige Zwillinge konkordant verhalten, dh dass beide Zwillinge mit Straftaten auffällig werden. Lange stellte eine solche Konkordanz zwar bei 10 von 13 eineiigen Zwillingspaaren, aber nur bei 2 von 17 zweieiigen Zwillingspaaren fest und zog hieraus den Schluss, dass „die Anlage eine ganz überwiegende Rolle unter den Verbrechensursachen spielt.“26 Kurt Schneider ist vor allem durch seine Psychopathenlehre bekannt geworden. Als „Psychopathie“ bezeichnete Schneider eine „ererbte abnorme Charakterartung“; sie sollte vorliegen bei Persönlichkeiten, „die an ihrer Abnormität leiden oder unter deren Abnormität die Gesellschaft leidet“.27 Schneider unterschied zwischen unterschiedlichen Typen von Psychopathen, stellte allerdings zwischen den einzelnen Typen und Kriminalität keine eindeutigen Beziehungen her. Die Psychopathenlehre konnte damit zur Erklärung kriminellen Verhaltens kaum etwas beitragen, sondern entfaltete ihre Be- 24 § 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie 25 So noch Kretschmer 1977, 234 ff. (1. Aufl. 1921). 26 Lange 1929, 14. 27 K. Schneider 1923, 16. 23 24 25 deutung vor allem bei der sanktionspolitischen Frage, wie mit straffällig gewordenen Psychopathen umzugehen ist. Neben den kriminalbiologischen und psychopathologischen Untersuchungen wurden in den 1920er Jahren auch andere empirischkriminologische Arbeiten durchgeführt. Impulse setzten insoweit vor allem die kriminologisch tätigen Juristen, namentlich der Strafrechtler Franz Exner, der statistische Untersuchungen zur Prognoseforschung sowie zur Wirkung der Todesstrafe initiierte und 1931 eine eigene kriminalstatistische Analyse der Strafzumessungspraxis der deutschen Gerichte veröffentlichte.28 Daneben gab es weitere Ansätze, die sich gegenüber der herrschenden medizinisch-juristischen Ausrichtung der Kriminologie allerdings nicht durchsetzen konnten. Hinzuweisen ist namentlich auf die psychoanalytischen Arbeiten, die auf die Theorien von Sigmund Freud zurückgingen. Bekannt geworden ist die psychoanalytische Kriminaldiagnostik von Franz Alexander und Hugo Staub.29 2. Kriminologie im „Dritten Reich“ Die im „Dritten Reich“ betriebene Kriminologie knüpfte an die bereits in der Weimarer Republik starke kriminalbiologische Richtung an und baute sie aus. Es kam zu einer Expansion erbbiologischer Vorstellungen, die sich in zahlreichen Zwillingsforschungen und Sippenuntersuchungen niederschlugen, sowie zu einer breiten Rezeption der Psychopathenlehre Kurt Schneiders. Die kriminologische Forschung war dabei nicht von vornherein durch politische Absichten geprägt. Das Anlagedenken war jedoch überbetont und führte zu methodisch nicht abgesicherten und in ihren kriminalpolitischen Konsequenzen gefährlichen Aussagen, die von den nationalsozialistischen Machthabern aufgegriffen und zur wissenschaftlichen Legitimation ihrer politischen Absichten missbraucht wurden.30 Dies zeigt sich an den Konsequenzen, die aus den kriminologischen Untersuchungsergebnissen gezogen wurden. So wurden Wiederholungstäter („Gewohnheitsverbrecher“) als gefährlich, unverbesserlich und minderwertig eingeordnet. Das Anlagedenken leistete dieser Einordnung Vorschub, denn IV. Die Entwicklung in Deutschland 25 28 Exner 1931. 29 Alexander/Staub 1929. 30 Ausführlich Dölling, in: Dreier/Sellert 1989, 194 ff.; Streng MschrKrim 76 (1993), 141 ff.; Ambos, in: Dessecker/Harrendorf/Höffler 2019, 299 ff. 26 27 28 wenn „wissenschaftlich erwiesen“ war, dass kriminelles Handeln auf genetischen Prägungen beruhte, war von den Tätern eine Änderung ihres Verhaltens nicht zu erwarten. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Ideologie vom Schutz der Volksgemeinschaft und der Reinhaltung der Rasse lag es nahe, gegen solche Täter drastische Maßnahmen zu fordern: Sicherungsverwahrung (Konzentrationslager), Sterilisation, Eheverbot, und in letzter Konsequenz die Vernichtung der „lebensunwerten“ Existenz des Täters. Ihren Niederschlag fanden derartige Vorstellungen zur Verbrechensbekämpfung in zahlreichen Gesetzen (etwa zur Sterilisierung „erbkranker“ Personen oder zur drakonischen Strafschärfung bei gefährlichen Gewohnheits- und Sittlichkeitsverbrechern) sowie in einer, die kriminologischen Befunde noch weiter vergröbernden, inhumanen und brutalen Strafrechtspraxis. In der Kriminologie im „Dritten Reich“ realisierten sich damit die Gefahren eines naturwissenschaftlich geprägten Positivismus, der über seine Voraussetzungen und Folgen nicht reflektierte. 3. Kriminologie in den alten Bundesländern 1945 bis 1989 In der Nachkriegszeit begann sich die Kriminologie allmählich auch in Deutschland zu einer selbstständigen Wissenschaft zu entwickeln. Die Entwicklung verlief allerdings langsam und wurde zusätzlich dadurch gehemmt, dass im Universitätsbereich zahlreiche Vertreter der Kriminalbiologie auch nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ zunächst noch präsent blieben.31 Der eigentliche Durchbruch zu einer selbstständigen Kriminologie, die sich von der starren Blickrichtung auf die strafrechtlichen Verwertungsinteressen löste, sich für soziologische und sozialpsychologische Zusammenhänge öffnete und die empirischen Befunde auf der Grundlage der sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden erhob, erfolgte erst in den 1960er Jahren.32 Maßgeblich gefördert wurde die Entwicklung durch die Institutionalisierung der Kriminologie an den Universitäten. Die ersten Lehrstühle ausschließlich für Kriminologie wurden 1959 in Heidelberg (Heinz Leferenz) und 1962 in Tübingen (Hans Göppinger) gegründet. Später folgten weitere Lehrstühle sowie au- ßeruniversitäre Forschungseinrichtungen, wobei hier den Anfang 1970 die Gründung der kriminologischen Arbeitsgruppe im Max- Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg machte (Günther Kaiser).33 26 § 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie 31 Streng, in: Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 1997, 217 ff. 32 Göppinger/Bock 2008, § 2 Rn. 75; Kaiser 1996, § 19 Rn. 3 ff. 33 Zur Entwicklung der südwestdeutschen und schweizerischen Lehrstühle und Institute genauer Bartsch u. a. 2017. 29 Die Forschungsfelder differenzierten sich zunehmend aus. Ein Teil der deutschen Kriminologie beschäftigte sich weiterhin vor allem mit praxisbezogenen Fragen, die ihren Bezugspunkt in der Person des Täters hatten, und bemühte sich auf der Grundlage eines interdisziplinären Ansatzes um weiterführende Erkenntnisse. Die Aufmerksamkeit galt Fragen der Strafzumessung, Prognose, Therapie und Prophylaxe. Ein anderer Teil beschäftigte sich vorwiegend mit kriminalsoziologischen Fragestellungen, rezipierte die Erkenntnisse der nordamerikanischen Kriminalsoziologie und beteiligte sich mit eigenen Beiträgen an der zunehmend internationaler werdenden Diskussion. Das System und die Prozesse der strafrechtlichen Sozialkontrolle zogen verstärkt das Interesse aller Kriminologen auf sich. Es wurden Dunkelfelduntersuchungen und Untersuchungen zur Tätigkeit der Strafverfolgungsbehörden durchgeführt; Fragen der Selektion im Kontrollprozess und der Gleichheit der Rechtsanwendung wurden thematisiert. In den 1980er Jahren intensivierte sich die Forschung im Bereich der Sozialkontrolle und weitete sich aus. Im Vordergrund standen jetzt Fragen der Entstehung und Implementation von Strafrechtsnormen sowie vor allem die Perspektive der Opfer. Thematisiert wurden die Häufigkeit von Viktimisierungen, Art und Ausmaß der erlittenen Schäden, sowie die Erwartungen und Reaktionen der Opfer nach der Tat. Im Jugendbereich wurden Modellprojekte für einen alternativen Umgang mit verurteilten Straftätern initiiert und evaluiert. Ende der 1980er Jahre ergaben sich weitere Akzente aus dem Zusammenbruch der DDR. 4. Die Entwicklung der Kriminologie in der ehemaligen DDR Auch in der ehemaligen DDR begann sich die Kriminologie in den 1960er Jahren als selbstständige Disziplin herauszubilden. Aufgrund ihrer Einbindung in das sozialistische Staatsmodell hatte die Kriminologie in der ehemaligen DDR jedoch eine wesentlich andere Gestalt als in Westdeutschland.34 Zu den Prämissen der sich selbst als marxistisch-leninistisch bezeichnenden Kriminologie gehörten vor allem zwei Überlegungen: IV. Die Entwicklung in Deutschland 27 34 Vgl. Kaiser 1996, § 18 Rn. 16 ff.; ausführlich Rohde 1996; Kräupl, in: Hilgendorf/Rengier 2012, 141 ff. 30 31 32 – Bei der Frage nach den Ursachen der Kriminalität ging die sozialistische Kriminologie von der „allgemeinen Erkenntnis des dialektischen und historischen Materialismus“ aus, dass das Sozialverhalten des Menschen von den „konkret-historischen gesellschaftlichen Verhältnissen und den die Gesellschaft bewegenden Widersprüchen“ determiniert werde.35 – Die schrittweise Zurückdrängung der Straftaten wurde als eine in der sozialistischen Gesellschaft notwendige und erfüllbare Aufgabe angesehen. In der sozialistischen Gesellschaft seien Straftaten ein „aussenseiterisches Verhalten“, das in einem unvereinbaren Gegensatz zu den auf den sozialistischen Produktions- und Machtverhältnissen beruhenden Normen des Zusammenlebens sowie zu den Erfordernissen und Möglichkeiten der Entwicklung des Menschen selbst stehe.36 Vor diesem Hintergrund wurde die Erklärung der in der DDR begangenen Straftaten zu einer der zentralen Fragen der sozialistischen Kriminologie. Die in der DDR vorfindliche Kriminalität wurde vor allem auf zwei Ursachen zurückgeführt: auf die vom „imperialistischen System“ ausgehenden Einflüsse und auf die „objektive Dialektik des Lebens in der sozialistischen Gesellschaft“ als einem in der Entwicklung begriffenen Organismus mit allen seinen Widersprüchen.37 Eine Bewertung der sozialistischen Kriminologie aus heutiger Sicht fällt schwer, weil sich der Sozialismus in seiner historischen Entwicklung nicht als die dem Kapitalismus überlegene Alternative erwiesen hat. Dennoch ist darauf hinzuweisen, dass die Vorstellung, es könne gelingen, im Sozialismus Straftaten eines Tages ganz zurückzudrängen, schon im Ansatz nicht realistisch war. Die Existenz von Normen, welcher Art auch immer, setzt denknotwendig das Phänomen der Normabweichung voraus.38 Selbst wenn es in der sozialistischen Gesellschaft einige der uns heute bekannten Rechtsgüter nicht gäbe (zB kein Eigentum), wird es doch in jeder vorstellbaren Gesellschaft immer zahlreiche Interessen und Werte geben, die im Wege der Sozialkontrolle gegen Angriffe verteidigt werden müssen. 28 § 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie 35 Lekschas u. a. 1983, 291. 36 Lekschas u. a. 1983, 138. 37 Lekschas u. a. 1983, 390. 38 So schon Durkheim 1961, 155 ff. 33 34 5. Die gegenwärtige Situation der Kriminologie Der Blick zurück auf die Entwicklung, die die Kriminologie seit dem 18. Jahrhundert genommen hat, zeigt einen kontinuierlichen Prozess der Ausdifferenzierung und Entfaltung. Die Kriminologie knüpft mit dem Verbrechen an einen Sachverhalt an, der in allen geschichtlichen Epochen und Gesellschaftsmodellen als erklärungsbedürftiges Phänomen gesehen wird. Entsprechend unterschiedlich und abhängig von den jeweils vorherrschenden wissenschaftlichen Denktraditionen sind die Erklärungen, die die Kriminologie in den letzten 250 Jahren zur Deutung des Verbrechens beigesteuert hat. Das Ergebnis der Entwicklung ist heute ein breiter Bestand an Theorien und Konzepten, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen und über unterschiedliche Erklärungskraft verfügen. Die Kriminologie hat sich dabei in den letzten Jahrzehnten zu einer internationalen Disziplin entwickelt, die sich nicht mehr als alleinige Domäne von Juristen, Psychiatern, Psychologen oder Soziologen versteht, sondern als eine interdisziplinäre Wissenschaft, für deren Forschung die Methodenvielfalt kennzeichnend ist. Der Versuch, die gegenwärtige Situation der Kriminologie in Deutschland näher zu beschreiben, ist mit Schwierigkeiten verbunden; zu unterschiedlich sind sowohl die Forschungsansätze als auch die theoretischen Konzeptionen, die gegenwärtig die Entwicklung bestimmen. Hier kann nur auf einige Entwicklungslinien aufmerksam gemacht werden, die miteinander in vielfältiger Weise verwoben sind, sich einer genaueren Systematisierung jedoch weitgehend entziehen:39 – Die Kriminalität, ihre Entstehungsgründe und Folgen werden in thematisch abgegrenzten Kriminalitätsfeldern untersucht und erklärt. Zentrale Themen sind die Gewalt- und die Sexualkriminalität, aber auch der Rechtsextremismus und die durch die Digitalisierung und den technologischen Fortschritt eröffneten Möglichkeiten zur Begehung von Straftaten („Cyber Crime“). Ebenfalls gefragt wird nach den kriminologisch relevanten Auswirkungen von Krisen wie der Flüchtlingskrise von 2015/16, der Covid- 19-Pandemie von 2020 („Corona“) oder, wenn auch erst zögerlich, dem Klimawandel. – Einen weiteren Schwerpunkt bilden unverändert die Strategien und Prozesse der strafrechtlichen Kontrolle. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei IV. Die Entwicklung in Deutschland 29 39 Vgl. zum Folgenden auch Boers/Walburg/Kanz EurJCrim 2017, 667 ff.; Dölling FPPK 2016, 243 ff.; für einen Überblick über die Forschungslandschaft eignet sich die Datenbank Krimdex, https://www.praeventionstag.de/nano.cms/forschungsprojekte 35 36 nach wie vor der Evaluation von Behandlungsansätzen im (Jugend-) Strafund Maßregelvollzug sowie der Gestaltung des Übergangs in die Freiheit mit einem individuell angepassten Risikomanagement. Verstärkt geht es aber auch um den Umgang der staatlichen Organe mit Hass und Hetze im Netz und die Unvoreingenommenheit gegenüber Randgruppenangehörigen, insbesondere Angehörigen ethnischer Minderheiten. – Im Übergangsbereich zur Kriminalpolitik wird – nicht zuletzt vor dem Hintergrund immer knapper werdender öffentlicher Mittel auch zur Verbrechensbekämpfung – ein starker Akzent auf die Entwicklung von evidenzbasierten Modellen der Kriminalprävention gelegt. Die Gewährleistung von Sicherheit wird nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt „objektiver“ Sicherheit gesehen, sondern es wird verstärkt auch dem Sicherheitsempfinden und der Wahrnehmung von Unsicherheit Aufmerksamkeit geschenkt. – Auf dem Gebiet der theoretischen Kriminologie ist ein gewachsenes Interesse an der Entwicklungskriminologie zu beobachten, in deren Folge auch in Deutschland eine Reihe von Längsschnittstudien begonnen worden sind. Auch die neuere „Situational Action Theory“ wird rezipiert und zur Grundlage weiterführender Untersuchungen gemacht. Im Übrigen werden der Ausbau der staatlichen Überwachungsinstrumente und der Rückbau der sozialen Sicherungssysteme kritisch begleitet. – Die in der Forschung eingesetzten Methoden und Auswertungstechniken sind differenzierter geworden. Die quantitative Forschung bewegt sich zum Teil auf einem Niveau, das zwar international anschlussfähig ist, in der Kommunikation mit den nicht sozialwissenschaftlich, sondern juristisch ausgebildeten Teilen der deutschsprachigen Kriminologie aber an Grenzen stößt. Die traditionelle Dominanz der quantitativen Methoden wird zunehmend durch qualitative Ansätze aufgebrochen. – Organisatorisch ist die Kriminologie heute nicht mehr nur an den Universitäten40 und den drei schon länger existierenden außeruniversitären Forschungsinstituten angebunden (Forschungsgruppe Kriminologie im Max- Planck-Institut, gegründet 1970;41 Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, 1980;42 Kriminologische Zentralstelle, 198143). Eine große Rolle spielen in der kriminologischen Forschung inzwischen auch die kriminalistisch-kriminologischen Forschungsstellen im BKA und in den Landeskriminalämtern sowie die kriminologischen Dienste für den Strafvollzug.44 Bei alledem kann es kaum erstaunen, dass es „die“ Kriminologie als eine nach einheitlichen Prinzipien und auf der Grundlage eines gemeinsamen Selbstverständnisses arbeitende Disziplin in Deutschland 30 § 2. Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie 40 Boers/Seddig MschrKrim 96 (2013), 115 ff. 41 https://csl.mpg.de/de/ 42 https://kfn.de/; Schwind/Steinhilper, in: Baier/Mößle 2014, 593 ff. 43 https://www.krimz.de/index.html; Dessecker/Egg/Sohn, in: Boers u. a. 2013, 63 ff. 44 Zu letzteren Suhling/Prätor, in: Baier/Mößle 2014, 625 ff. 37 nicht gibt. Auch wenn die großen wissenschaftspolitischen Auseinandersetzungen der 1970er Jahre zwischen „alter“ (konventioneller, „mainstream“) und „neuer“ („kritischer“, „radikaler“) Kriminologie heute nicht mehr geführt werden, kommt die nach wie vor fehlende Homogenität der Disziplin kaum irgendwo deutlicher zum Ausdruck als darin, dass für die deutsche Kriminologie zwei unterschiedliche Fachgesellschaften existieren: die „Kriminologische Gesellschaft“, die die deutsche „Mainstream“-Kriminologie vertritt, sowie die aus dem „Arbeitskreis Junger KriminologInnen“ hervorgegangene, sich vor allem durch ihre fundamentale Kritik am Strafrechtssystem auszeichnende „Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie“. Ein im Jahr 2012 unternommener Versuch, die Situation der deutschen Kriminologie durch ein „Freiburger Memorandum“ zusammenzuführen und in ihrer Wahrnehmung und gesellschaftlichen Bedeutung zu stärken,45 ist ohne nachhaltigen Erfolg geblieben. Ähnlich wie in den USA ("Rn. 21) ist die Kriminologie damit auch in Deutschland zu einem Sammelbecken für ganz unterschiedliche Forschungsinteressen und methodische Ansätze geworden, deren gemeinsamen Bezugspunkt freilich stets das Verbrechen bildet. Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre: H.-J. Albrecht, Zur Lage der Kriminologie in Deutschland. Eine Einführung, MschrKrim 96 (2013), 73– 80; Boers/Walburg/Kanz, Crime, crime control and criminology in Germany, EurJCrim 2017, 654–678; Küper, Cesare Beccaria und die kriminalpolitische Aufklärung des 18. Jahrhunderts, JuS 1968, 547–553; Kury, Geschichte der Kriminologie in Europa, in: H. J. Schneider 2007, 53–98; Streng, Der Beitrag der Kriminologie zu Entstehung und Rechtfertigung staatlichen Unrechts im „Dritten Reich“, MschrKrim 76 (1993), 141–168. IV. Die Entwicklung in Deutschland 31 45 H.-J. Albrecht/Quensel/Sessar MschrKrim 95 (2012), 385 ff.; H.-J. Albrecht MschrKrim 96 (2013), 73 ff.

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References

Zusammenfassung

Der Grundriss behandelt die wichtigsten kriminologischen Probleme, Befunde und Konzepte. Nach einer Darstellung von Geschichte, Theorie und Methoden der Kriminologie werden anhand ausgewählter empirischer Befunde die zentralen Sachkomplexe Kriminalität, Täter, Opfer, Kontrolle und Prävention und die daraus folgenden kriminalpolitischen Konsequenzen erörtert. Kapitel zu Wirtschaftskriminalität und zur Kriminalität in Europa schließen das Werk ab.

Die Vorteile des Buches:

  • viele Beispiele und Übersichten

  • prägnante Darstellungsweise

  • auch für Nicht-Juristen interessant

In der gleichen Reihe lieferbar:

Meier/Bannenberg/Höffler, Jugendstrafrecht