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B. Angelsächsischer Control-Ansatz in:

Carl-Christian Freidank

Unternehmensüberwachung, page 78 - 80

Die Grundlagen betriebswirtschaftlicher Kontrolle, Prüfung und Aufsicht

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3710-2, ISBN online: 978-3-8006-4612-8, https://doi.org/10.15358/9783800646128_78

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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52 ¢ Zweiter Teil: Betriebswirtschaftliche Kontrolle tumskontrollprozesse mit ein. In seiner Gesamtheit dokumentiert das IKS die Auffassung des Management, mit welchem Ausmaß und mit welcher Intensität Entscheidungsprozesse innerhalb des Unternehmens permanent überwacht werden sollen. Das hieraus resultierende Prüfungsurteil über dieQualität des IKS (Systemprüfung), d. h. über kontrollstarke oder kontrollschwache Unternehmensbereiche, hat dann Einfluss auf sich anschließendeweiterführende prozessunabhängigeÜberwachungsmaßnahmen, die z. B. von der Internen Revision, vom Wirtschaftsprüfer oder vom Aufsichtsrat nach pflichtmäßigemErmessen durchgeführt werdenmüssen oder können. B. Angelsächsischer Control-Ansatz Der in jüngerer Zeit immer mehr in den Mittelpunkt der betriebswirtschaftlichen Überwachungslehre rückende Control-Ansatz geht über die traditionelle Begriffsfassung des IKS hinaus, wobei die angelsächsische Bezeichnung „Control“ dem deutschen Terminus „Controlling“ entspricht.131 Ziel des US-amerikanischen COSO- Reports132 von 1992war es zum einen, den Begriff Internal Control einheitlich zu definieren. Zum anderen beabsichtigte der Report, einen Standard für Überwachungssysteme in der unternehmerischen Praxis zu schaffen undMöglichkeiten aufzeigen, diese zu verbessern.133 Der COSO-Report hat erheblichen Einfluss auf die Konzeptionierung unternehmerischer Überwachungs- und Steuerungssysteme ausgeübt und ist zwischenzeitlich insbesondere auch in die Prüfungstheorie und -praxis134 eingegangen.135 Da er in seiner deutschsprachigen Interpretation die Felder Überwachung und Controlling in ein geschlossenes Konzept aufnehmen kann,136 stellt er ein mögliches Erklärungs- und auchGestaltungsmodell für die Bedeutung des Controlling im Rahmen der Unternehmensüberwachung dar. Der im Vergleich zum traditionellen IKS-Ansatz neuere Internal Control-Ansatz fußt auf dem angelsächsischen Control-Begriff und prägt ein anderes, weiter gefasstes Verständnis der internen Kontrolle und damit der unternehmerischen Überwachung. In Übereinstimmung mit der deutschen Controllinginterpretation, die ebenfalls aus dem angelsächsischen Control-Begriff hergeleitet ist, charakterisieren zahlreiche mögliche Übersetzungen wie Lenken, Steuern, Überwachen, Planen und Kontrollieren dieses Konzept. Damit ist der Inhalt des Control-Terminus umfassender als der Be- 131 Vgl. hierzu die Ausführungen im Ersten Teil zu Gliederungspunkt II. E. 2. 132 Die vom Committee of Sponsoring Organizations of the Treadway Commission (COSO) ver- öffentlichte Verlautbarung Internal Control – Integrated Framework (sog. COSO-Report) besteht aus den vier Teilen Executive Summary, Framework, Reporting to External Parties und Evaluating Tools. Vgl. COSO (1994), Executive Summary, S. 1–5; Paetzmann (2008), S. 96–102. 133 Vgl. COSO (1994), Executive Summary, S. 1. 134 Der US-amerikanische Prüfungsstandard AU 319 übernahm 1995 die Internal Control-Definition des COSO-Reports: AU 319 „Consideration of Internal Control in a Financial Statement Audit“, as modified in 1995 by Statement on Auditing Standards No. 78. Vgl. AICPA 1998, SAS 55, AU 319. Vgl. etwa IDW (2000), R Tz. 45–47, S. 1706. 135 Zudem wurde das Internal Control-Konzept durch den COSO-Report II von 2004 um weitere Zielkategorien, die sich vor allem auf Strategie-, Chancen-, Risiko- und Reportingaspekte beziehen, erweitert. Vgl. COSO (2004). 136 Vgl.Horváth (2003), S. 211–218. II. Internes Kontrollsystem ¢ 53 griffsinhalt der Kontrolle im überwachungstheoretischen Modell, in dem sich Kontrolle grundsätzlich im Vergleich von Ist-Zuständen mit Soll- oder Norm-Zuständen darstellt. So zielt das Internal Control System nach ISA 315 „Identifizierung und Beurteilung der Risiken wesentlicher falscher Darstellungen aus dem Verstehen der Einheit und ihres Umfelds“ und ISA 330 „Die Reaktionen des Abschlussprüfers auf beurteilte Risiken“ darauf ab, · die ordnungsgemäße und wirtschaftliche Führung des Unternehmens, einschließlich der vomManagement aufgestelltenGrundsätze, sicherzustellen, · die Vernichtung von Vermögenswerten zu verhindern, · betrügerische Handlungen und Fehler aufzudecken sowie · die Richtigkeit, Vollständigkeit der Rechnungslegungsunterlagen und die zeitnahe Erstellung verlässlicher Informationen zu sichern.137 Aus diesen Funktionen werden nach internationaler Auffassung, an die sich auch in jüngerer Zeit das IDW angeschlossen hat, nachstehende notwendige Bestandteile des Internal Control Systems (ICS) abgeleitet (Internal Control Components):138 · Vorhandensein eines angemessenen Kontrollumfeldes (Control Environment). · Identifikation, Analyse und Steuerung von Risiken und Chancen, die der Erreichung von Unternehmenszielen potenziell entgegenstehen bzw. die Zielrealisation fördern durch ein RMS (Risk Assessment). · Installation von Kontrollmaßnahmen zur Einhaltung der Unternehmensziele (Control Activities). · Sicherstellung eines angemessenen Informations- und Kommunikationssystems über Geschäftsvorfälle und Bestände (Information and Communication). · Einrichtung eines (internen) Subsystems, mit dessen Hilfe die Qualität des Kontrollsystems laufend überwacht werden kann (Monitoring). Das Kontrollumfeld spiegelt die Einstellung der Unternehmensleitung im Hinblick auf Überwachungen wider und setzt sich aus Faktoren wie etwa Integrität, ethisches Bewusstsein, Mitarbeiterqualifikation, Managementphilosophie, Führungsstil sowie Unternehmenswachstum und Aufmerksamkeit der betrieblichen Überwachungsorgane zusammen.139 Im Vergleich zum traditionellen IKS-Ansatz bezieht sich das Internal Control-Konzept auf umfassendere Überwachungsstrukturen des Systems und auf die Installation präventiver Maßnahmen. Das Risikomanagement gem. § 91 Abs. 2 AktG mit seinen Komponenten IKS, Interne Revision, Controlling und Frühwarnsystem entspricht unter zusätzlicher Berücksichtigung des Aufgabenspektrums des Aufsichtsrats aus deutscher Sicht vollständig der geforderten Überwachungsstruktur eines ICS.140 Dem angelsächsischen Control-Ansatz folgend wird anschließend zunächst das Konzept des Controlling aus deutscher Sicht dargestellt sowie ein Überblick über das Risikomanagement und das Risikocontrolling gegeben. Sodann werden Aufbau und Einsatz von Kontrollrechnungen in ausgewählten betrieblichen Funktionsbereichen 137 Vgl. IDW PS 261, Rz. 13–25, S. 8–14; ISA 315; ISA 330. 138 Vgl.Hömberg (2002a), Sp. 1232; IDW PS 261, Rz. 29, S. 14–15; Lück/Makowski (1996), S. 158. 139 Vgl. Lück/Makowski (1996), S. 158. 140 So gehört nach h.M. der Aufsichtsrat eines Unternehmens als Komponente des Monitoring zum Internal Control System. Vgl. Lück/Makowski (1996), S. 158. 54 ¢ Zweiter Teil: Betriebswirtschaftliche Kontrolle dargelegt.141 Auf die Überwachung der Qualität des Kontrollsystems wird schließlich im Rahmen der Beleuchtung betriebswirtschaftlicher Prüfungen im Dritten Teil des Buches eingegangen.142 C. Konzeptionierung des Controlling143 1. Entwicklungslinien Abbildung 21 zeigt Ansätze der deutschsprachigen Controllingliteratur, wobei die hier genannten Definitionen den Kern der Controllingkonzepte lediglich grob zu charakterisieren vermögen.144 Für eine detaillierte Diskussion sei auf das in der Synopse genannte Schrifttum verwiesen. Seit den im Jahre 1990 von Küpper, Weber und Zünd veröffentlichten Thesen,145 die die Diskussion der 80er Jahre zusammenfassen, liegt von Seiten der deutschsprachigen Wissenschaft ein klares Konzept eines Controlling vor, bei dem – trotz teilweise differenzierender Detailauffassungen in der Literatur – seine Koordinationsorientierung einheitlich im Zentrum des Interesses steht.146 Unterschiedliche Meinungen verbleiben insbesondere hinsichtlich des Umfangs des Koordinationsbegriffs. Dabei werden z. B. weitere Interpretationen – etwa Controlling als Koordination des Führungsgesamtsystems zu verstehen – von Vertretern engerer Auslegungen kritisiert.147 Dies gilt auch für den Rationalitätssicherungsansatz, der in jüngerer Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnt.148 Einig sind sich alle genannten Konzepte darin, dass Controlling eine Nähe zur Führung aufweist (etwa im Sinne einer Unterstützung, Verbesserung oder Gestaltung der Unternehmensführung). Dies gilt gleichermaßen sowohl für die Funktion als auch die Institution Controlling. Die Verbindung des Controlling zum Management äußert sich dabei –wie auch empirische Studien belegen149 – in führungsunterstützenden Aufgaben bei der Zielbildung, Planung, Kontrolle, Koordination und Information.150 Die Existenz von Controllern als Institution des Controlling hängt zudem eng mit der Dominanz der Koordination durch Pläne151 im Unternehmen zusammen, bei der eine formalisierte Planung den zentralen Steuerungsmechanismus zur Durchsetzung und Kontrolle darstellt.152 141 Vgl. hierzu die Ausführungen im Zweiten Teil zu Gliederungspunkt IV. 142 Vgl. hierzu die Ausführungen im Dritten Teil zu Gliederungspunkt III.C.3 und III.C.6. 143 Vgl. hierzu Freidank/Paetzmann (2003), S. 307–311 und im Detail Scherm/Pietsch (2004). 144 Modifiziert entnommen von Freidank/Paetzmann (2003), S. 306; Paetzmann (2008), S. 13. 145 Vgl. Küpper/Weber/Zünd (1990), S. 281–293. 146 Vgl.Horváth (2002), S. 341;Horváth (2004), S. 367–386. 147 Vgl. etwa die Kritik an der weiten Auslegung durch Horváth (2002), S. 346 und Schneider (1991), S. 765. 148 „Hier soll das Controlling als eine Art letzte Instanz derWahrheit fungieren.“Horváth (2002), S. 346. 149 Vgl.Weber/Schäffer (2011), S. 3–16. 150 Vgl. hierzu Lachnit/Müller (2006), S. 1–3; Peemöller/Keller (2008) S. 515–516. 151 Die Notwendigkeit einer Koordination als Abstimmung und Ausrichtung interdependenter Einzelaktivitäten auf ein übergeordnetes Ziel wird durch die Arbeitsteiligkeit im Unternehmen begründet. Vgl. Kieser/Walgenbach (2010), S. 93. 152 Vgl. Schäffer/Weber (2001a), S. 2–3;Weber (1992), S. 176.

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References

Zusammenfassung

"eine hervorragende Grundlage sowohl für die Lehre als auch ein außergewöhnlich nützliches Nachschlagewerk für die Praxis." Die Wirtschaftsprüfung 24/2012

Alle Überwachungsaktivitäten eines Unternehmens.

Dieses Handbuch führt Sie in die theoretischen, rechtlichen sowie system- und prozessorientierten Grundlagen der betriebswirtschaftlichen Kontrolle, Prüfung und Aufsicht ein. Alle Bereiche der Wirtschaftsprüfung, Internen Revision, des Risikomanagement- und Internen Kontrollsystems, des Vorstands und Aufsichtsrats sowie des Controllings werden eingehend behandelt.

Aus dem Inhalt:

Grundlagen der Überwachungslehre

- Corporate Governance

- Überwachungssysteme

- Grundsätze ordnungsgemäßer Unternehmensüberwachung

Betriebswirtschaftliche Kontrolle

- Unternehmenspolitik und Kontrolle

- Internes Kontrollsystem

- Risikomanagement und -controlling

- Aufbau und Einsatz von Kontrollrechnungen

Betriebswirtschaftliche Prüfung

- Grundlagen der Prüfungslehre

- Ausgewählte Prüfer und Prüfungsorgane

- Vorbehaltsprüfungen von Einzelunternehmen und Konzernen

- Sonderprüfungen

Dieses Lehr- und Nachschlagewerk richtet sich an Studierende der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Darüber hinaus werden Praktiker, hier vor allem Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Interne Revisoren, Controller, Verantwortliche für Risikomanagement- und Compliancesysteme sowie Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräte angesprochen.

Der Experte

Prof. Dr. habil. Carl-Christian Freidank, Institut für Wirtschaftsprüfung und Steuerwesen der Univ. Hamburg.