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I. Stellung der Überwachungslehre im Kontext der Betriebswirtschaftslehre in:

Carl-Christian Freidank

Unternehmensüberwachung, page 29 - 33

Die Grundlagen betriebswirtschaftlicher Kontrolle, Prüfung und Aufsicht

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3710-2, ISBN online: 978-3-8006-4612-8, https://doi.org/10.15358/9783800646128_29

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Erster Teil: Einführung, Begriffsklärung und Systematisierung I. Stellung der Überwachungslehre im Kontext der Betriebswirtschaftslehre Die folgenden Betrachtungen werden zunächst aus dem Blickwinkel der Betriebswirtschaftslehre, verstanden als praktisch-normative, d. h. angewandte Wissenschaft vorgenommen.1 Durch den Zusatz „praktisch“ soll zum Ausdruck gebracht werden, dass sie einen Beitrag zur Bewältigung von Problemen in der betriebswirtschaftlichen Realität leisten will und nicht als kontemplative Disziplin (sog. „Kunstlehre“) methodologisch einzuordnen ist. Normativen Charakter trägt diese Richtung, da der Wissenschaftler aus einer vorgegebenen Norm (Ziel) geeignete Handlungsalternativen zu ihrer Realisation ableitet. In diesem Kontext steht die Frage im Mittelpunkt, wie aus der Menge der möglichen Alternativen (Instrumente) diejenige herausgefunden werden kann, die im Hinblick auf das gesetzte Ziel am vorteilhaftesten ist. Bezüglich der Alternativensuche unterstellt die traditionelle Richtung der praktischnormativen Betriebswirtschaftslehre Rationalität bei der Auswahl der zur bestmöglichen Zielerfüllung führenden Handlungen (z. B. Erreichung der Ziele Existenzsicherung und Unternehmenswertsteigerung). Allerdings werden in jüngerer Zeit anstelle des Rationalitätsprinzips zunehmend auch empirisch begründete Verhaltenshypothesen in der entscheidungsorientierten Betriebswirtschaftslehre berücksichtigt. Auf diesem Wege wird es möglich, empirisch feststellbare Phänomene mit in Entscheidungsmodelle zu integrieren. Somit werden nicht mehr Ziele (Normen) vorgegeben und dann verlangt, dass die Praxis sich nach diesen Zielen verhalten müsse, sondern erst nach Beobachtung der Praxiswerden allgemeine Entscheidungsmodelle entworfen (z. B. ist im Kontext der empirischen Bilanzforschung beobachtet worden, dass managerkontrollierte Unternehmen ihre Jahresgewinne periodenübergreifend glätten; es liegt deshalb nahe, diese Gewinnglättungshypothese in bilanzpolitische Entscheidungsmodelle zu integrieren). Um das Erreichen der angestrebten Unternehmensziele auf allen Ebenen sicherzustellen, bedarf es der Installierung vernetzter Überwachungssysteme. Die Strukturen derartiger Systeme können als interne Überwachungssysteme von den Unternehmen selbst gestaltet oder aber als externe Überwachungssysteme vom Gesetzgeber oder Institutionen hoher Autorität vorgegebenwerden. Die Aufgabe der betriebswirtschaftlichen Überwachungstheorie besteht in diesem Zusammenhang zunächst darin, den Führungsinstanzen geeignete Entscheidungsregeln und -werte zur Verfügung zu stellen, mit deren Hilfe der Zielerreichungsgrad umfassend und permanent überwacht werden kann. Darüber hinaus hat die Überwachungslehre zu analysieren, inwieweit die normierten externen Überwachungsvorschriften in der Lage sind, den Interessen der Koalitionsteilnehmer von Unternehmen (z. B. Aktionäre, Gläubiger, 1 Vgl. hierzu Behrens (1993), Sp. 4763–4772; Köhler/Küpper/Pfingsten (2007), Sp. 134–159; Wöhe (2010), S. 17–18. 4 ¢ Erster Teil: Einführung, Begriffsklärung und Systematisierung Investoren, Schuldner, Management), des Gesetzgebers oder von Institutionen hoher Autorität Rechnung zu tragen undwie u.U. die Überwachungsvorschriften ge- ändert werden müssten, um die Ziele der genannten Gruppen zu verwirklichen. Im Rahmen der entscheidungsorientierten Betriebswirtschaftslehre kommt der Überwachungstheorie, wie auch anderen Theorien in diesemWissenschaftsgebiet (z. B. Investitions-, Finanzierungs-, Organisations-, Kosten-, Steuer- oder Bilanztheorie), mithin eine Erklärungs- und Gestaltungsfunktion zu. Hierdurch soll eine Verbesserung der im Rahmen von betriebswirtschaftlichen Überwachungen zu treffenden Entscheidungen erreicht werden, um die gesetzten Unternehmensziele bestmöglich zu realisieren. Folglich stellt die unternehmerische Überwachung ein Erkenntnisobjekt der Betriebswirtschaftslehre dar. Bevor dieGestaltungsfunktion der Überwachungstheorie analysiert werden kann, bedarf es der Erörterung der Erklärungsfunktion, die systembezogene betriebswirtschaftliche Fragestellungen im Überwachungswesen untersucht (z. B.: Welchen Einfluss hat die Existenz eines unternehmerischen Überwachungssystems auf den Erreichungsgrad bestimmter Unternehmensziele?). Die Gestaltungsfunktion will hingegen Verhaltensempfehlungen nach dem Verständnis einer angewandten Wissenschaft geben (z. B.: Wie ist das unternehmerische Überwachungssystem auszugestalten, um bestimmte Unternehmensziele bestmöglich zu erreichen?). Der Terminus Überwachungwird in der Betriebswirtschaftslehre alsOberbegriff für sämtliche unternehmensbezogenen Überwachungsaktivitäten verwendet. Unternehmerische Überwachung lässt sich ganz allgemein als Durchführung eines Vergleichs zwischen einem vorgefundenen Sachverhalt [(Ist-)Überwachungsobjekt] und einer vorgegebenen anderen Größe, die alsMaßstab zur Beurteilung des Istzustands herangezogen wird [(Soll-)Vergleichsobjekt] definieren.2 Die Funktion jeder unternehmerischen Überwachung besteht in der Ermittlung und Analyse von Abweichungen zwischen Ist- und Soll-Objekten, um Informationen für ggf. erforderliche Steuerungsmaßnahmen zum Zwecke der Zielrealisation und/ oder für ggf. vorzunehmende Adaptionsdispositionen bezüglich der Planung zu erhalten. Abbildung 1 zeigt zusammenfassend unter Einbeziehung der Überwachung den Weg der Zielsetzung bis zur Zielerreichung.3 Die aus den allgemeinen Sach-, Formal- und Sozialzielen4 des unternehmerischen Zielsystems abgeleiteten Vorgaben werden im Rahmen des Planungsprozesses konkretisiert. 2 Vgl. Freiling (1978), S. 297;Hömberg (2002a), Sp. 1229; Theisen (1993); Sp. 4219. 3 Modifiziert entnommen vonWild (1982), S. 37. 4 Das Sachziel konkretisiert sich in Art, Menge und zeitlicher Verteilung der von der Unternehmung geplanten bzw. zu produzierenden und abzusetzenden betrieblichen Ausbringungsgüter (z. B. die Herstellung von Büchern und Zeitschriften in einemVerlag oder die Bereitstellung von Beratungsleistungen in einem Consultingunternehmen). Demgegenüber bringen Formalziele die Inhalte und unternehmerischen Zielsetzungen wie Gewinnmaximierung, Steigerung des Unternehmenswertes, Kostendeckung oder Verlustminimierung zum Ausdruck. Sozialziele beziehen sich schließlich auf die Einstellung des Unternehmens gegenüber in- und externen Koalitionsteilnehmern und der natürlichen Umwelt (z. B. Ziele der Mitarbeiterförderung und des Umweltschutzes). Vgl. hierzu auch die Ausführungen im Zweiten Teil zu Gliederungspunkt I.B. I. Stellung der Überwachungslehre im Kontext der Betriebswirtschaftslehre ¢ 5 Abbildung 1: Ablauf eines Planungs-, Steuerungs- und Überwachungsprozesses Mithin kann Planung als geordneter, informationsverarbeitender Prozess zur Erstellung eines Entwurfs verstanden werden, der für einen bestimmten Zeitraum (Planungshorizont) Vorgaben zum Zwecke der Zielerreichung auf allen Unternehmensebenen vorausschauend festlegt. Die sich anschließende Steuerung beinhaltet die detaillierte Festlegung und Veranlassung der Durchsetzung von Entscheidungen, die der Planungsprozess hervorgebracht hat. Mit dem Begriff Regelungwerden alle aus dem Prozess der Unternehmensüberwachung resultierenden Aktivitäten bezeichnet, die auf Ziel- bzw. Planungsanpassungen und/oder Beeinflussungen des Entscheidungsvollzuges im Kontext der Steuerung ausgerichtet sind. Dieser Rückkoppelungsprozess ist in Abbildung 1 durch eine gestrichelte Linie gekennzeichnet. II. Grundlagen der Überwachungslehre A. Kybernetische Erklärungsmodelle5 Der unternehmerische Überwachungsprozess kann stark vereinfachend wie in Abbildung 26 gezeigt als kybernetisches Regelkreismodell7 dargestellt werden, das folgende Charakteristika aufweist: · Identität von Überwachungs- und Entscheidungsinstanz; · Überwachungsaktivitäten setzen erst beim Eintritt der Störgröße ein; · Überwachungsaktivitäten werden mittels Rückinformationen (Feedback-Informationen) von durch die Störgröße verursachten Abweichungen der Ausprägungen zwischen Soll- und Ist-Objekten ausgelöst; · die Überwachungsaktivitäten der Unternehmensleitung erstrecken sich nur auf Änderungen der Stellgröße (d. h. nicht auf die Störgröße), um die Ausprägungen der Sollobjekte wieder zu erreichen. Abbildung 2: Überwachungssystem vom Typ I (Regelkreissystem) Die Umsetzung dieser einfachsten Struktur eines Überwachungssystems (Überwachungssystem vom Typ I), die in Abbildung 2 verdeutlicht wird, findet sich in fast allen Unternehmen (z. B. Kostenkontrolle in Industrieunternehmen). Im Grund- 5 Vgl. hierzu auch die Ausführungen im Dritten Teil zu Gliederungspunkt I.B.2.1. 6 Modifiziert entnommen von Sieben/Bretzke (1973), S. 626. 7 Die Kybernetik stellt eine Forschungsrichtung dar, die vergleichende Betrachtungen über Gesetzmäßigkeiten im Ablauf von Regelungs- und Steuerungsvorgängen in Technik, Biologie und Soziologie anstellt.

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References

Zusammenfassung

"eine hervorragende Grundlage sowohl für die Lehre als auch ein außergewöhnlich nützliches Nachschlagewerk für die Praxis." Die Wirtschaftsprüfung 24/2012

Alle Überwachungsaktivitäten eines Unternehmens.

Dieses Handbuch führt Sie in die theoretischen, rechtlichen sowie system- und prozessorientierten Grundlagen der betriebswirtschaftlichen Kontrolle, Prüfung und Aufsicht ein. Alle Bereiche der Wirtschaftsprüfung, Internen Revision, des Risikomanagement- und Internen Kontrollsystems, des Vorstands und Aufsichtsrats sowie des Controllings werden eingehend behandelt.

Aus dem Inhalt:

Grundlagen der Überwachungslehre

- Corporate Governance

- Überwachungssysteme

- Grundsätze ordnungsgemäßer Unternehmensüberwachung

Betriebswirtschaftliche Kontrolle

- Unternehmenspolitik und Kontrolle

- Internes Kontrollsystem

- Risikomanagement und -controlling

- Aufbau und Einsatz von Kontrollrechnungen

Betriebswirtschaftliche Prüfung

- Grundlagen der Prüfungslehre

- Ausgewählte Prüfer und Prüfungsorgane

- Vorbehaltsprüfungen von Einzelunternehmen und Konzernen

- Sonderprüfungen

Dieses Lehr- und Nachschlagewerk richtet sich an Studierende der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Darüber hinaus werden Praktiker, hier vor allem Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Interne Revisoren, Controller, Verantwortliche für Risikomanagement- und Compliancesysteme sowie Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräte angesprochen.

Der Experte

Prof. Dr. habil. Carl-Christian Freidank, Institut für Wirtschaftsprüfung und Steuerwesen der Univ. Hamburg.