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Organisationstheoretische Grundlagen der strategischen Prozessforschung in:

Ingolf Bamberger, Thomas Wrona

Strategische Unternehmensführung, page 424 - 430

Strategien, Systeme, Methoden, Prozesse

2. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4271-7, ISBN online: 978-3-8006-4272-4, https://doi.org/10.15358/9783800642724_424

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
6.2 Organisationstheoretische Grundlagen der strategischen Prozessforschung 417 Vahlens Handbücher – Bamberger/Wrona, Strategische Unternehmensführung Herstellung: Frau Deuringer – Stand: 01.10.2012 Status: Imprimatur Seite 417 Weise mit einander verbunden. Wie zuvor dargelegt, können die Analysen der Prozessforschung an der Veränderung der Elemente in der Zeit (inhaltsorientiert) oder an den Handlungen ansetzen, die die jeweils untersuchte Ausprägung herbeiführen (handlungsorientiert). 6.2 Organisationstheoretische Grundlagen der strategischen Prozessforschung Es wird deutlich, dass die Betrachtung von strategischen Prozessen in einer solch weiten Perspektive eine Vielfalt an Phänomenen einschließt. So verwundert es wenig, dass sich ein praktisch kaum noch zu überblickender Bestand sehr heterogener Theorien bzw. Forschungsarbeiten explizit oder implizit auf strategische Prozesse bezieht. Einige Autoren behaupten gar, dass alles, was je über Organisationen geschrieben wurde, für die Analyse von Veränderungen (und damit speziell auch von strategischen Veränderungen) von Relevanz sei (vgl. Starbuck 1965: 468). Gründe hierfür liegen sicherlich in der Komplexität des Forschungsgegenstandes, welche eine Betrachtung aus einer Vielzahl wissenschaftlicher Perspektiven ermöglicht, erfordert und auch tatsächlich nach sich zieht (vgl. Kirsch/Esser/Gabele 1979: 61 ff.). Daneben liefert der Facettenreichtum strategischer Prozesse viele Ansatzpunkte für zunehmend spezifischer werdende Interessen von Managementforschern und Organisationstheoretikern (vgl. Astley/Van de Ven 1983: 245). Nicht zuletzt erzeugt auch die Praxisrelevanz des Themas eine Nachfrage nach theoretischem Wissen, das unmittelbar in die Gestaltung von Veränderungsprozessen einfließen kann (vgl. z. B. Picot/Freudenberg/Glassner 1999). Die einzelnen Ansätze zur strategischen Prozessforschung lassen sich über verschiedene Kriterien kennzeichnen und im Sinne eines Überblickes differenzieren: – Zum einen können sich, anknüpfend an die eben erfolgten begrifflichen Unterscheidungen, Ansätze zur strategischen Prozessforschung auf das Zustandekommen von strategischen Handlungsorientierungen (siehe die Arbeiten zur „klassischen“ strategischen Prozessforschung), Handlungsstrukturen (siehe z. B. viele Lebenszyklustheorien) oder Manövern (siehe z. B. die Arbeiten von Hinings/Greenwood 1988) beziehen. – Ferner können Ansätze zur strategischen Prozessforschung danach unterschieden werden, ob sie sich primär auf die Entwicklung strategischer Problemlösungen (wie Strategien, Strukturen oder Managementsysteme) oder auf Fragen ihrer Implementierung beziehen. – Ein drittes wichtiges Unterscheidungskriterium bezieht sich darauf, ob die Aussagensysteme normativ/präskriptiv oder deskriptiv sind. – Ein weiteres Kriterium zur Unterscheidung von Ansätzen der strategischen Prozessforschung bezieht sich auf ihre grundlegende theoretische Perspektive als „Leitidee“, unter der sie strategische Prozesse analysieren. Solche Perspektiven können beispielsweise die Betrachtung strategischer Prozesse als Entscheidungsprozesse, als politische, kulturelle, kognitive oder evolutorische Prozesse beinhalten (vgl. Mintzberg 1990a). – Im Hinblick auf das wissenschaftstheoretische Fundament wird oft zwischen Arbeiten unterschieden, die sich am Wissenschaftsprogramm des kritischen Rationalismus orientieren (Positivismus, Objektivismus) und solchen, die konstruktivis- 6.2 Organisationstheoretische Grundlagen der strategischen Prozessforschung 6 Strategische Prozesse418 Vahlens Handbücher – Bamberger/Wrona, Strategische Unternehmensführung Herstellung: Frau Deuringer – Stand: 01.10.2012 Status: Imprimatur Seite 418 tischen Leitlinien folgen (Konstruktivismus, Subjektivismus) (vgl. Burrell/Morgan 1979). – Von grundlegendem Interesse zur Kennzeichnung prozessbezogener Ansätze ist ebenso ihre Position in Bezug auf Voluntarismus und Determinismus (Perich 1992: 184 ff.). Während planungsorientierte (normative) Konzeptionen in der Regel eine umfassende „Machbarkeit“ (im Sinne einer intentionalen Gestaltbarkeit der Realität) unterstellen, wird diese aus evolutionstheoretischer Perspektive als zumindest stark eingeschränkt angesehen. – Nach der Analyseebene kann man Arbeiten unterscheiden, die auf einer Makroebene ganze Gruppen bzw. Populationen von Organisationen (und so beispielsweise das Zustandekommen „kollektiver Strategien“) betrachten, und solche, die auf einer Mikroebene an einzelnen Organisationen ansetzen (vgl. Astley/Van de Ven 1983). Ein ähnliches Kriterium unterteilt Ansätze danach, ob sie ihre Analyse eher auf die Interaktion und die Beziehungen verschiedener Organisationseinheiten richten oder die interne Entwicklung einer einzelnen Organisation untersuchen (vgl. Van de Ven/ Poole 1995). – Schließlich finden sich auch Beschreibungen von Richtungen der strategischen Prozessforschung, die mehrere der vorgenannten Kriterien miteinander verbinden (vgl. beispielsweise Mintzbergs „10 schools of thought“, Mintzberg 1990a: 105 ff.). Die hier aufgeführten Kriterien werden von einer Reihe von Autoren (teilweise in kombinierter Form) verwendet, um in Form von Überblicken und Systematiken eine Orientierung in dem „Theoriendschungel“ (Mintzberg/Ahlstrand/Lampel 1998) zu ermöglichen. Zu den bekannteren dieser „Wegweiser“ zählt die Theorienklassifikation von Astley/Van de Ven (1983). In einer breit angelegten Literaturanalyse identifizieren sie vier grundlegende Perspektiven organisationstheoretischen Gedankengutes. Ihre sehr allgemeine Systematik wird hier verwendet, um den heterogenen theoretischen Kontext weiter auszuleuchten, in welchem sich die danach vorgestellte handlungsorientierte Forschung zu strategischen Prozessen bewegt. Viele der eher inhaltsorientierten Teile dieses Theorienspektrums wurden bereits in anderen Kapiteln diskutiert (vgl. auch Abschnitt 1.5). In ihrer Klassifikation von Theorien, die sich mit „organizational structures, behaviour, change, and managerial roles“ beschäftigen, kombinieren Astley/Van de Ven (vgl. zum Folgenden Astley/Van de Ven 1983) zwei der zuvor aufgeführten Kriterien: – Zunächst unterscheiden sie voluntaristische und deterministische Ansätze der Organisationstheorie (wie z. B. auch Burrell/Morgan 1979). Im Mittelpunkt der klassischen Dualität steht die Frage danach, ob Individuen sich selbst und die von ihnen geschaffenen Institutionen in ihren Merkmalen und ihrem Verhalten bestimmen können oder ob dies durch unkontrollierbare Umweltgrößen erfolgt. In voluntaristisch orientierten Organisationstheorien wird unterstellt, dass Individuen oder soziale Systeme in der Lage sind, ihre Entwicklung im Sinne eigener Ziele zu gestalten. Aus dem Blickwinkel des Voluntarismus sind sie autonom, proaktiv und sich selbst steuernd. In deterministisch orientierten Organisationstheorien wird dagegen angenommen, dass die Entwicklung und der Wandel durch die strukturellen Bedingungen des Kontextes, also die Umweltkonstellation, bestimmt werden, in der sich ihr Handeln vollzieht. Ihr Handeln erfolgt in Reaktion auf Umweltbedingungen. Es ist Anpassungsverhalten. – Das zweite Unterscheidungskriterium knüpft an den Analyseebenen an, die von den einzelnen Ansätzen verwendet werden. Mikrotheorien betrachten einzelne 6.2 Organisationstheoretische Grundlagen der strategischen Prozessforschung 419 Vahlens Handbücher – Bamberger/Wrona, Strategische Unternehmensführung Herstellung: Frau Deuringer – Stand: 01.10.2012 Status: Imprimatur Seite 419 Organisationen, während Makrotheorien Organisationskollektive bzw. Populationen untersuchen. Die Kombination beider Kriterien führt zu einer Matrix (vgl. Abb. 165), die die Organisations- und Managementtheorien in vier grundlegende theoretische Perspektiven gliedert. Das Profil jeder Perspektive wird dabei gekennzeichnet durch: – typische Theoriefamilien als „Vertreter“ der jeweiligen Sichtweise, – charakteristische Aussagen darüber, was (Organisations-) Strukturen sind und welche Wirkung sie haben, – Mechanismen, die Wandel vorantreiben, – Aussagen über das Verhalten von Organisationen bzw. Organisationskollektiven und Deterministic Orientation Voluntaristic Orientation Populations and communities of organizations Individual organizations Micro Level Macro Level NATURAL SELECTION VIEW COLLECTIVE-ACTION VIEW Q3 Q4 Schools: Population ecology, industrial economics, economic history. Structure: Environmental competition and carrying capacity predefine niches. Industrial structure is economically and technically determined. Change: A natural evolution of environmental variation, selection and retention. The economic context circumscribes the direction and extent of organizational growth. Behavior: Random, natural, or economic, environmental selection. Manager Role: Inactive. SYSTEM-STRUCTURAL VIEW STRATEGIC CHOICE VIEW Q1 Q2 Schools: human ecology, political economy, pluralism. Structure: Communities or networks of semiautonomous partisan groups that interact to modify or construct their collective environment, rules, options. Organization is collective-action controlling, liberating, and expanding individual action. Change: Collective bargaining, conflict, negotiation, and compromise through partisan mutual adjustment. Behavior: Reasonable, collectively constructed, and politically negotiated orders. Manager Role: Interactive. Schools: Systems theory, structural functionalism, contingency theory. Structure: Roles and positions hierarchically arranged to efficiently achieve the function of the system. Change: Divide and integrate roles to adapt subsystems to changes in environment, technology, size, and resource needs. Behavior: Determined, constrained, and adaptive. Manager Role: Reactive. Schools: Action theory, contemporary decision theory, strategic management. Structure: People and their relationships organized and socialized to serve the choices and purposes of people in power. Change: Environment and structure are enacted and embody the meanings of action of people in power. Behavior: Constructed, autonomous, and enacted. Manager Role: Proactive. Abb. 165 : Vier Sichtweisen von Organisation und Management (Quelle: aus Astley/Van de Ven 1983: 247) 6 Strategische Prozesse420 Vahlens Handbücher – Bamberger/Wrona, Strategische Unternehmensführung Herstellung: Frau Deuringer – Stand: 01.10.2012 Status: Imprimatur Seite 420 – die Rolle, die Managern im Rahmen des organisationalen Geschehens zugewiesen wird. – Die Perspektive „System-Structural View“ (Q1) interpretiert den Organisationsbegriff überwiegend funktional: Organisationen sind Gefüge von Verhaltenserwartungen bzw. Rollen, die entsprechend a priori festgelegter Organisationsziele aufeinander abgestimmt und im Idealfall personenungebunden konzipiert sind. Das organisationale Geschehen wird durch strukturelle Mechanismen koordiniert, die individuelles Handeln in definierte Bahnen lenken. Organisationaler Wandel ergibt sich aus Veränderungen des in- oder externen Kontextes, an den sich die Organisation anpassen muss. Dies geschieht über das eher passive Handeln von Managern, die relevante Veränderungen wahrnehmen müssen und die Anpassung über die Ver- änderung organisationaler Merkmale (z. B. der Strategie oder von Strukturen) umsetzen. Die Aufgabe von Managern im Rahmen strategischer Prozesse beschränkt sich auf das Sammeln und Analysieren möglichst genauer Informationen über die Umwelt und die Suche nach situationsadäquaten Maßnahmen. Typische Beispiele für derartige, deterministisch orientierte Theorien sind die Beiträge der neuen Institutionenökonomik (siehe hierzu Abschnitt 1.5.1.3), aber auch die Kontingenzansätze bzw. der „situative Ansatz“ der Organisation (vgl. Abschnitt 4.5.4). Hier wird die Ausgestaltung formaler Regelungen in Bezug auf Arbeitsteilung und Koordination in Unternehmen durch Faktoren des Kontextes, wie Umwelt, Technologie oder Leistungsprogramm erklärt. Die grundlegenden Aussagen dieses Ansatzes haben in der Managementforschung, auch durch die Übertragung auf andere Phänomene der Führung (wie z. B. die Gestaltung von Managementsystemen, von Strategien oder des Führungsverhaltens von Managern), eine weite Verbreitung gefunden. Auch die Transaktionskostentheorie kann der Richtung „System-Structural View“ zugeordnet werden. Ebenso sind die sog. Reifungs- bzw. Lebenszyklustheorien der Unternehmung dieser Perspektive zuzuordnen, die die Entwicklung des Systems (beispielsweise das Wachstum) durch eine innewohnende Logik, ein Programm oder eine Art „genetischen Code“ gesteuert sehen. Sie werden in der Literatur häufig zur Erklärung der Entwicklung von Unternehmen herangezogen (vgl. Van de Ven/Poole 1995: 513 ff.). Ihre Grundgedanken finden sich in vielen heute als „klassisch“ geltenden Arbeiten zu Entwicklungsverläufen von Unternehmen bzw. strategisch relevanter Sachverhalte wieder (vgl. hierzu ausführlicher Van de Ven/ Poole 1995: 513 ff. oder Van de Ven/Poole 1988: 37). – Die Perspektive „Natural Selection View“ (Q3) ist ebenfalls eine deterministische Theorienperspektive. Im Gegensatz zur „System-Structural View“ setzt ihre Analyse nicht an Einzelorganisationen, sondern Organisationskollektiven bzw. -populationen an. Diese sind in eine Umwelt eingebettet, die Organisationen jenen Zufluss an Ressourcen gewährt, den diese zum Überleben benötigen. Dabei entzieht sich die Umwelt weitestgehend einer Einflussnahme durch die Einzelorganisationen. Zudem haben Organisationen kaum die Fähigkeit zur intentionalen Veränderung ihrer eigenen Strukturen und Strategien, um so den überlebenswichtigen Fit zu ihrem Kontext herzustellen. Vielmehr entstehen Unterschiede zwischen Organisationen weitgehend zufallsgesteuert. Die Entwicklung von Organisationen bzw. Populationen wird über die Mechanismen der Variation, der Selektion und der Retention beschrieben (siehe auch Abschnitt 1.5.6). Die Rolle des Managements im Hinblick auf die Sicherstellung des Überlebens der Organisation wird von Astley/Van de Ven dementsprechend als „inaktiv“ bezeichnet: Manager können zwar Anstrengungen zur Herstellung eines Fit unternehmen, ihren Erfolg (Überleben der Organisation) können sie jedoch nicht prognostizieren. Damit vollziehen sich strategische Prozesse als (mehr oder minder) 6.2 Organisationstheoretische Grundlagen der strategischen Prozessforschung 421 Vahlens Handbücher – Bamberger/Wrona, Strategische Unternehmensführung Herstellung: Frau Deuringer – Stand: 01.10.2012 Status: Imprimatur Seite 421 zufällige Veränderungen im strategischen Verhalten, über deren Wirkungen und Erfolg die Anforderungen der Umwelt bestimmen. Der „Population Ecology“-Ansatz wird sicherlich am ehesten mit dieser Sichtweise in Verbindung gebracht. Wie noch in Abschnitt 6.5 dargestellt wird, ist organisatorischer Wandel aus dieser Perspektive getrieben durch die Mechanismen der Bewahrung (Retention), Auslese (Selektion) und Variation. Bei der Gründung neuer Organisationen wird im Rahmen der Retention versucht, solche Gestaltungmerkmale anderer Organisationen zu kopieren, die im Kampf um den Zufluss knapper Ressourcen aus der Umwelt einen Vorteil bringen. Allerdings sind es gerade auch diese Faktoren, die die strategische Flexibilität von Organisationen begrenzen. Damit verursachen sie organisationale Trägheit und führen zur Selektion bzw. zum Sterben der Organisation. Da aber Bewahrungs- bzw. Reproduktionsprozesse stets „fehlerhaft“ ablaufen, kommt es zur zufälligen Entwicklung neuer Organisationsformen (Variation), die in bestimmten Situationen einen Selektionsvorteil aufweisen und dann ihrerseits zur Vorlage in weiteren Imitationsversuchen werden. Klassischerweise werden solche Prozesse auf der Grundlage von Populationen von Organisationen, die sich in gleichartigen Umwelten (sog. Nischen) bewegen, betrachtet (vgl. z. B. Hannan/Freeman 1984 oder Aldrich 1979). Sie können jedoch auch in einer erweiterten Sichtweise an einzelnen internen Größen, wie etwa Strategien, Organisationsstrukturen, Managementsystemen, Projektvorhaben, Plänen, Ideen usw. ansetzen (vgl. Burgelman 1983, 1991). Neben der Gruppe der evolutionstheoretischen Ansätze lassen sich auch weite Teile der Industrieökonomik (siehe Abschnitt 1.5.1.1) der Perspektive „Natural Selection View“ zuordnen. Auch sie kennzeichnen deterministische Züge und Bezugnahme auf Kollektive von Organisationen. – Das voluntaristische Pendant zum Ansatz des „Natural Selection View“ stellt die Sichtweise des „Collective-Action View“ dar (Q4). Für Vertreter dieser Perspektive werden Organisationen und deren Entwicklung geprägt durch intentionale Handlungen, die auf einem kollektiven Willen beruhen. Analysiert werden hier Kollektive oder Netzwerke bestehend aus teilautonomen Akteuren, die über ihre Interaktion die sie umgebende soziale Realität (Institutionen, Regelungen, Handlungsalternativen etc.) schaffen. Der Erfolg von Organisationen ist weniger Ergebnis des Wettbewerbs um knappe Ressourcen, sondern resultiert aus der interorganisationalen Zusammenarbeit. Dementsprechend beziehen sich die hier vertretenen Theorien nicht auf das Überleben einer einzelnen Organisation, sondern auf das von Organisationskollektiven. Strategische Prozesse sind aus dieser Sicht geprägt von Verhandlungen, Konflikten, Koalitionenbildungen und gegenseitiger Annäherung unterschiedlicher Positionen. Die Rolle des Managements kann deshalb als interaktiv bezeichnet werden. Während Astley/Van de Ven Ansätze wie die „Human ecology, political economy, pluralism“ als Vertreter dieser Sichtweise hervorheben, können aus heutiger Perspektive weite Teile der aktuelleren Forschung zu interorganisationalen Netzwerken dieser Theorienklasse zugeordnet werden (siehe als Überblick zur Netzwerkforschung z. B. Renz 1998). – Ansätze der strategischen Wahl („Strategic Choice View“) (Q2) sind im Kontext unserer Diskussion um strategische Prozesse von besonderer Bedeutung. Hier verorten Astley/Van de Ven das Gros an Arbeiten, die sich von ihrem eigenen Selbstverständnis her auf die Erforschung strategischer Prozesse richten und daher hier als „strategische Prozessforschung im engeren Sinne“ bezeichnet werden. Ansätze der strategischen Wahl legen den Begriff strategischer Prozesse typischerweise handlungsorientiert aus und konzentrieren ihre Betrachtung in der Regel auf das 6 Strategische Prozesse422 Vahlens Handbücher – Bamberger/Wrona, Strategische Unternehmensführung Herstellung: Frau Deuringer – Stand: 01.10.2012 Status: Imprimatur Seite 422 Zustandekommen von Strategien im Sinne autorisierter Maximen für zukünftiges Handeln (Handlungsorientierungen). Teilweise beziehen sie sich aber auch auf strategische Manöver. Die strategische Prozessforschung (im engeren Sinne) hat ihre wesentlichen Ursprünge in den 60er Jahren. Ihre Entwicklung wurde dabei in starkem Maße durch Entwicklungen in der Entscheidungstheorie geprägt. In der entscheidungsorientierten Perspektive ergeben sich strategische Sachverhalte aus Entscheidungen und ihrer Umsetzung: Strategische Prozesse sind in ihrem Kern Entscheidungspozesse. Auf dieser Grundlage haben sich sehr unterschiedliche Sichtweisen vom Verlauf strategischer Prozesse herausgebildet. Als ihren kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnen Astley/Van de Ven (1983: 249) den Fokus auf die Ebene des Individuums, dessen Interaktionen, Handlungsmöglichkeiten und Konstruktionen der sozialen Realität. Die organisationsexterne und -interne Umwelt wird über kognitive Prozesse aktiv wahrgenommen, mit bestimmten Bedeutungen versehen und durch ihre Handlungen reproduziert. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Interpretationen und Handlungen der Manager. Deren Rolle wird als proaktiv betrachtet, da sie grundsätzlich autonom Ziele setzen, über Handlungsalternativen bestimmen und das organisationale Geschehen entscheidend beeinflussen können. Neben den entscheidungsorientierten Ansätzen zur strategischen Prozessforschung können beispielsweise die politische Perspektive (siehe Abschnitt 1.5.3), aber auch Ansätze der kognitiv-interpretativen Perspektive (siehe Abschnitt 1.5.4) als Vertreter dieser Theorienperspektive gelten. Die Klassifikation von Astley/Van de Ven bildet den Rahmen für die nun anschließende ausführlichere Aufarbeitung von Ansätzen der handlungsorientierten (strategischen) Prozessforschung. Sie schafft einen ersten Zugang zu einem sehr unübersichtlichen Terrain und vermittelt einen Eindruck von der Breite des für die Untersuchung strategischer Prozesse potenziell relevanten Theorienspektrums. Als Klassifikation allgemeiner sozialwissenschaftlicher Ansätze beinhaltet sie Theorien, die sich strategischen Prozessen sowohl aus handlungsorientierter, als auch aus inhaltlicher Perspektive nähern. Diese erste Orientierung im „Dschungel“ der zur Analyse strategischer Prozesse relevanten Theorien ist allerdings lediglich als eine Heuristik zu verstehen, weil sie zum einen nicht alle hier relevanten Ansätze berücksichtigen kann. So lassen sich wichtige Theorien, wie beispielsweise der Ressourcenansatz, die Ressource-Dependence- Theorie und der Institutionalismus, aber auch die Strukturationstheorie oder Ansätze organisationalen Lernens nicht eindeutig einer der vier Klassen zuordnen. Zum anderen ist eine notwendige Folge der Klassifizierung, dass auch innerhalb der einzelnen Perspektiven eine unübersichtliche Vielfalt an Ansätzen existiert. Dies gilt besonders für die Perspektive der strategischen Wahl, die im Vergleich zu anderen relativ stark besetzt ist. Schließlich abstrahiert die Klassifikation mit ihrer Dichotomisierung voluntaristischer und deterministischer Orientierungen von Zwischenpositionen. Vor allem neuere, differenziertere Betrachtungsweisen strategischer Prozesse, wie sie beispielsweise die Arbeiten von Mintzberg und Kirsch beinhalten, sind aber gerade durch diese intermediären Positionen gekennzeichnet. key words Handlungsorientierte und inhaltsorientierte Perspektive, System- Structural View, Natural Selection View, Collective-Action View, Strategic Choice View 6.3 Handlungsorientierte Perspektiven strategischer Prozesse in Unternehmen 423 Vahlens Handbücher – Bamberger/Wrona, Strategische Unternehmensführung Herstellung: Frau Deuringer – Stand: 01.10.2012 Status: Imprimatur Seite 423 6.3 Handlungsorientierte Perspektiven strategischer Prozesse in Unternehmen Dem überwiegenden Teil der als „strategische Prozessforschung“ (d. h. Prozessforschung im engeren Sinne) bezeichneten Ansätze bzw. Aussagensysteme liegt ein handlungsorientiertes Verständnis von Prozessen zugrunde: Behandelt wird hier nicht die Veränderung strategischer Objektbereiche in der Zeit, sondern die Frage, wie strategische Sachverhalte (insbesondere Strategien) als Gegenstand bzw. Ergebnis von Kognitions-, Entscheidungs- bzw. Planungsprozessen zustande kommen bzw. umgesetzt und implementiert werden. Strategische Prozesse sind eine Menge von Aktivitäten im Sinne von Entscheidungen, Handlungen und Interaktionen, die bestimmte strategische Sachverhalte hervorbringen. Wie bereits dargestellt, können viele dieser Ansätze den Ansätzen der strategischen Wahl („Strategic Choice View“) zugerechnet werden (vgl. Astley/Van de Ven 1983). Allerdings existieren mittlerweile viele handlungsorientierte Arbeiten, die in anderen Quadranten der Matrix angesiedelt sind bzw. als übergreifend eingestuft werden müssen. Der umfangreiche Bestand an handlungsorientierten Arbeiten zu strategischen Prozessen gab immer wieder Anlass zu breit angelegten Aufarbeitungen und Klassifikationsversuchen. Zu den bekannteren dieser Überblicksarbeiten zählen Eisenhardt/ Zbaracki 1992, Huff/Reger 1987, Rajagopalan/Rasheed/Datta 1993, Rajagopalan/ Spreitzer 1996 und Schwenk 1995. Jüngeren Datums sind Bamberger/Cappallo 2002, Müller-Stewens/Lechner 2003, Rühli/Schmidt 1999 oder einzelne Beiträge in Papadakis/Barwise 1998. Viele der in diesen Arbeiten vorgestellten Grundrichtungen handlungsorientierter Theorien bilden das Fundament für umfassendere handlungsorientierte Ansätze, die die etablierten Entwicklungslinien dieser Forschungsrichtung bündeln und erweitern. Prominente Beispiele hierfür sind die Arbeiten von Mintzberg sowie die von Kirsch und Mitarbeitern. 6.3.1 Entwicklungslinien handlungsorientierter Theorien strategischer Prozesse Die handlungsorientierte Forschung zu strategischen Prozessen hat ihre wesentlichen Ursprünge in den 60er Jahren. Ihre Entwicklung wurde dabei in starkem Maße durch verschiedene Strömungen in der Entscheidungstheorie geprägt. Das Modell des rationalen Entscheidungsverhaltens Ausgangspunkt der strategischen Entscheidungsprozessforschung bildet das Modell des rationalen Entscheidungsverhaltens, wie es früh in der Entscheidungstheorie entwickelt wurde. Im Sinne einer Entscheidungslogik expliziert es über verschiedene Annahmen zu Art und Reihenfolge von Aktivitäten, Informationsstand, Informationsverarbeitungskapazität sowie die Konsistenz der zugrunde liegenden Präferenzen die Rationalität von Entscheidungen. Da unterstellt wird, dass (auch komplexe) Entscheidungsprobleme in einem umfassenden Prozess gelöst werden können, wird es auch als „synoptisches Modell“ des Entscheidungsverhaltens bezeichnet. 6.3 Handlungsorientierte Perspektiven strategischer Prozesse in Unternehmen

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References

Zusammenfassung

Strategische Unternehmensführung

Dieses Lehrbuch stellt die inhaltlichen und prozessualen Merkmale der strategischen Führung von Unternehmen auf einer breiten verhaltenswissenschaftlichen Basis dar. Im Mittelpunkt stehen hierbei

– spezielle Strategien,

– Systeme und

– Prozesse

der strategischen Unternehmensführung.

Die 2. Auflage

wurde komplett überarbeitet und erweitert, so u.a. um ein neues Kapitel zu den Methoden der strategischen Unternehmensführung. Durch die zahlreichen aktuellen Fallstudien wird die Theorie anschaulich in der praktischen Umsetzung beschrieben.

Die Experten

Prof. Dr. Ingolf Bamberger war bis zu seiner Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation und Planung, an der Universität Duisburg-Essen.

Prof. Dr. Thomas Wrona ist Leiter des Instituts für Strategisches und Internationales Management an der Technischen Universität Hamburg-Harburg.

»Es gelingt den Autoren in übersichtlicher und tiefgehender Weise, wichtige Fragen der Unternehmensführung wissenschaftlich zu erläutern.«

In: Zeitschrift Controlling, 10/2005, zur Vorauflage