Reinhard Wendt, Die Verzuckerung der Welt in:

Zeitschrift für Ideengeschichte, page 26 - 35

ZIG, Volume 15 (2021), Issue 1, ISSN: 1863-8937, ISSN online: 1863-8937, https://doi.org/10.17104/1863-8937-2021-1-26

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C.H.BECK, München
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r e i n h a r d We n dt Die Verzuckerung der Welt Elegant spannt sich die Hohenzollernbrücke in Köln über den Rhein. Sie führt auf den Dom zu, dessen Türme in einen blauen Himmel ragen. Wie mit Kondensstreifen gemalt schweben über ihnen als Logo der Firma Pfeifer & Langen zwei Zuckerhüte in einem Kreis, die ihre Form aufgreifen. Domturm und Zuckerhut gehören zusammen, will uns das Werbebild sagen, Markenprodukte wie «Kölner Zucker» sind Teil der Stadt, etwas Singuläres wie der Dom, etwas, das Köln unverwechselbar macht. Diese Kombination wurde zum Markenzeichen der Firma und schenkte ihr gleichzeitig ein «Merkzeichen» mit großer Suggestivkraft und hohem Wiedererkennungswert. Bis Zuckerhüte und Dom in wortlosem visuellen Zusammenspiel signalisieren konnten, dass sie zur Substanz Kölns gehören, war ein langer Weg zurückzulegen. Er begann in Südostasien, wo die botanische Heimat des Zuckerrohrs liegt, dessen Saft bis ins 19. Jahrhundert die Süße lieferte, nach der die Welt und besonders Europa verlangte. Auf diesem Weg lagen Kolonialismus, Sklaverei und die Substitution von Zuckerrohr durch Zuckerrüben, die auch in den kühleren, heimatlichen Regionen gediehen, in der Kölner Bucht beispielsweise. Zucker wurde von einem elitären Luxusgut zu einem Grundnahrungsmittel und zum wichtigsten Süßstoff der Menschheit. Das Verlangen nach Süße ver- änderte die Welt ökologisch, ökonomisch, ethnisch und kulturell. Es verband Regionen und Kontinente über die Ozeane hinweg, verflocht ihre Geschichten und verknüpfte das Lokale mit dem Globalen.1 Davon handeln die fünf Szenarien, die auf den folgenden Seiten beschrieben werden. Transfer des Zuckerrohrs und ökologischer Wandel Aus Südostasien verbreitete sich das Zuckerrohr ostwärts Richtung Pazifik und nach Westen über Indien und Persien in den Mittelmeerraum. Araber brachten es auf die Iberische Halbinsel und nach Sizilien. Von ihnen lernten Europäer, es anzubauen und Zucker zu produzieren. Die Süße war begehrt, aber um sie in grö- ßerem Maßstab zu erzeugen, war es in Europa nicht warm und nicht feucht genug. Außerdem fehlte ausreichend bestellbarer Boden. Die Suche nach geeigneten Produktionsstandorten zählte deshalb zu den wesentlichen Motiven, die Portugiesen und Spa- 1 Vgl. Edmund O. von Lippmann: Geschichte des Zuckers, Berlin 21929, Neudruck 1970; Christoph Maria Merki: Zucker, in: Thomas Hengartner (Hg.): Genussmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch, Frankfurt/M. 1999, S. 231–256; Sidney W. Mintz: Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers, Frankfurt/M. 22007; Norbert Ortmayr: Kulturpflanzen. Transfers und Ausbreitungen im 18. Jahrhundert, in: Margarete Grandner/Andres Komlosy (Hg.): Vom Weltgeist beseelt. Globalgeschichte 1700–1815, Wien 2004, S. 73–101. Reinhard Wendt: Die Verzuckerung der Welt 26 27 nier dazu brachten, seit dem 15. Jahrhundert die Grenzen Europas zu überschreiten. Nun beschleunigte sich der Transfer der Pflanze in bis dahin ungekanntem Maß. Immer neue Regionen wurden für den Anbau von Zuckerrohr erschlossen. Was wir heute «Globalisierung» nennen, warf seine Schatten voraus. Zuerst waren es die Inseln im Atlantik vor der afrikanischen Küste von den Kanaren über Madeira bis in den Süden nach São Tomé im Golf von Guinea, auf denen Zuckerrohrpflanzungen etabliert wurden, dann folgten jenseits des Atlantiks, wo die Bedingungen klimatisch noch günstiger waren, Brasilien und die Karibik. In den europäischen Kriegen der Frühen Neuzeit gehörten die Kolonien und ihre natürlichen Ressourcen zu den Prämien, um die gefochten wurde. Pernambuco und Bahia im portugiesischen Brasilien, die zunächst wichtigsten Produktionsgebiete, wurden abgelöst von Surinam und Curaçao, beides niederländisch; dann folgten als Marktführer britische Inseln wie Barbados und Jamaika sowie das französische Saint-Domingue. Die Niederländer entwickelten außerdem Java zu einem neuen Standort, die Engländer das südafrikanische Natal, das australische Queensland Reinhard Wendt: Die Verzuckerung der Welt Abb. 1 Der Dom der Zuckerhüte. Werbeanzeige der Kölner Firma «Pfeifer & Langen». 28 Kolonialwaren und das pazifische Fiji, die Franzosen Louisiana, Réunion und Mauritius, die Spanier die Philippinen und Kuba und die USA Hawai’i. Intensiver und großflächiger Anbau von Zuckerrohr bedeutete Raubbau an der Natur. Vegetation musste gerodet werden, um Pflanzungen anzulegen. Um die Kessel zu befeuern, in denen der Zuckerrohrsaft eingedickt wurde, brauchte man Brennmaterial, das Wälder in der Umgebung lieferten, bis sie abgeholzt waren. Nun fehlte die Vegetation, die die Böden vor tropischen Regenfällen schützte und sie auf natürliche Weise düngte. Immer wieder musste neues Land urbar gemacht werden. Nicht alle europäischen Länder besaßen Kolonien in den Tropen und Zuckerrohrpflanzungen. Doch auch für sie war die Süße unverzichtbar geworden. Aber sie wollten ihre Handelsbilanzen nicht mit teuren Importen belasten. Deshalb wurde beispielsweise in Preußen die Suche nach Alternativen staatlich gefördert.2 Andreas Sigismund Marggraf fand 1747 heraus, dass auch Rüben den begehrten Süßstoff enthielten. Seinem Schüler Franz Carl Achard gelang es 1786 ein Verfahren zu entwickeln, um aus ihnen Zucker zu gewinnen. Doch Rübenzucker war nicht konkurrenzfähig. Die Politik musste ihn fördern. Da Frankreich durch eine Revolte auf Saint-Domingue und Niederlagen gegen England seine Produktionsstandorte für Rohrzucker weitgehend verloren hatte, setzte es nun auf Rüben. 1806 blockierte Napoleon das europäische Festland, um Importe von Waren wie Rohrzucker aus Großbritannien zu unterbinden und den Rivalen zu schwächen. Das kam der Rübenproduktion zugute. Doch als die Kontinentalsperre wieder aufgehoben werden musste, setzte sich Rohrzucker erneut durch, und in den deutschen Ländern waren es erst die Schutzgesetze des Zollvereins – und sehr viel später die Zuckermarktordnung der Europäischen Union –, die die Rüben auf dem Markt etablierten. Der Anbau von Runkelrüben beschleunigte sich, und das hatte auch in Deutschland ökologische Folgen. In der Köln-Aachener Bucht beispielsweise sind heute 30% der Nutzfläche mit Rüben bestellt. In der nahen Zülpicher Börde hat sich eine monokulturelle Ackerlandschaft ausgebildet, für die sich der Name Rübensteppe oder -wüste eingebürgert hat.3 Reinhard Wendt: Die Verzuckerung der Welt 2 Herbert Pruns: Europa auf der Suche nach Zucker in einheimischen Kulturpflanzen, Berlin 2004. 3 https://www.zuelpicherboerde.de/wp-content/ uploads/2016/05/TOP5_LES_ Zuelpicher_Boerde.pdf, S. 28 [13.6.2020]. 29 Neue Produktionsweisen und Plantagenökonomie Jahrtausendelang wurde Zucker kleinbäuerlich erzeugt. Für das fünfte Jahrhundert lassen sich in Persien erstmals größere Betriebe nachweisen, an denen sich Araber und dann auch Europäer orientierten.4 Diese intensivierten den Kapitaleinsatz und vergrößerten die Anbauflächen. Plantagen entwickelten sich, landwirtschaftlich-gewerblich strukturiert, mit Feldern, Mühlen und Siedereien. Die Betriebsform bewährte sich auf Madeira und São Tomé und wurde wenig später in größeren Dimensionen in Brasilien praktiziert. Da die Indígenas verdrängt wurden, stand dort Boden nahezu unbegrenzt zur Verfügung. Durch Zucht erhöhte man den Zuckergehalt des Rohres. Wasser- oder ochsengetriebene Mühlen pressten den Saft aus. Er wurde dann in einem komplizierten, nach und nach optimierten Prozess geklärt, in Kesseln erhitzt und eingedickt, bis er kristallisierte. Diese Produktionsform kam auch auf den verschiedenen karibischen Inseln zum Einsatz. Dort nahmen die Betriebsgrößen weiter zu, die Mühlen wurden verbessert und die Siedeanlagen energieeffizienter konstruiert. So leitete man die heiße Luft einer Feuerstelle unter mehreren Kesseln hindurch. Aus Tahiti wurde eine Rohrzuckersorte eingeführt, die nicht nur mehr Süße enthielt, sondern auch dickere Stengel hatte. Die Reste, die beim Auspressen zurückblieben, ließen sich als Brennmaterial nutzen, was den Einschlag von Holz reduzierte. Achtete man auf die Lage der Mühlen, konnten sie mit Windkraft betrieben werden, so dass weniger Vieh benötigt wurde. Errungenschaften der Industrialisierung hielten Einzug, als – wie im 19. Jahrhundert auf Kuba – nicht mehr Ochsenkarren, sondern Eisenbahnen das geschnittene Rohr zu den Mühlen brachten und diese mit Dampfkraft arbeiteten. Die Entwicklung von Unterentwicklung Plantagen erzeugten neben Melasse, aus der Rum gewonnen wurde, lediglich einen etwas klebrigen, bräunlich-gelben Rohzucker. Erst europäische Raffinerien veredelten ihn. Sie lösten ihn wieder auf und kochten und filterten ihn so lange, bis reiner, wei- ßer Zucker auskristallisierte. Ein neuer Gewerbezweig entstand Reinhard Wendt: Die Verzuckerung der Welt 4 Jock H. Galloway: The Sugar Cane Industry – An Historical Geography from its Origin to 1914, Cambridge 1989. 30 in Europa, erst in den Wirtschaftszentren der kolonialen Mächte, in Antwerpen unter spanisch-portugiesischer Ägide, dann in Amsterdam und später in London und schließlich auch in Deutschland, etwa in Hamburg. Von den Raffinerien gingen Wachstumsimpulse auf andere Branchen aus. Sie benötigten technische Ausstattung und Gerätschaften bis hin zu den Formen aus Ton oder Eisenblech, in denen die gefilterte und verfeinerte Rohmasse in ein bis zwei Wochen zu Zuckerhüten erstarrte. Transportunternehmer, Großkaufleute, Zwischenhändler und Krämer vertrieben das süße Gut. In Deutschland wurde Köln zu einem wichtigen Umschlagplatz. Gleichzeitig erzeugte und exportierte Europa beinahe alles, was für den Betrieb der Plantagen erforderlich war. Es lieferte die technischen Produktionsmittel von den Macheten zum Schlagen des Rohres über Werkzeuge aller Art bis zur Ausstattung der Mühlen. Selbst alltägliche Konsumgüter kamen aus dem Norden. Im Süden entwickelten sich parallel strukturelle Abhängigkeiten und Ungleichheiten. Mechanismen wie etwa die britische Zollgesetzgebung, die den Import raffinerten Zuckers hoch besteuerte, verstetigten diese Verhältnisse.5 Da Zuckerrohr meist monokulturell angebaut wurde, verschärften sich die Probleme des Südens, wenn sich Konsumgewohnheiten des Nordens änderten, etwa Rüben- anstelle von Rohrzucker trat. Rüben wurden von Anfang an technisiert und mechanisiert verarbeitet. Erneut profitierten auch zuliefernde Branchen vom Wachstum der Zuckererzeugung, deren Wirkung auf die Industrialisierung Deutschlands häufig übersehen wird.6 Europa zog also doppelt Nutzen aus dem Verlangen nach Süße. Gelegentlich bündelten sich beide Dynamiken. Beispielhaft stehen dafür Solingen, die Kölner Bucht und der Metallwarenhändler Carl Joest.7 Solingen ist bis heute für die Herstellung von Klingen aller Art weltbekannt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden Macheten in die Produktpalette aufgenommen. In vielen Plantagen Südamerikas schnitt man Zuckerrohr mit Solinger Haumessern. Für die Raffinerien wurden Formen aus Eisenblech hergestellt und für den individuellen Konsum an der Kaffeetafel kleine Zuckerzangen. Auch Carl Joest exportierte Macheten nach Südamerika. Als Kolonialwaren 5 Michael Fahkri: Sugar and the Making of International Trade Law, Cambridge 2014; André Gunder Frank: Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika, Frankfurt/M. 1969, S. 151–172; Peter Jackson/Neil Ward: The Moral Geographies of Sugar, in: Alexander Nützenadel/Frank Trentmann (Hg.): Food and Globalization, Oxford/New York 2008, S. 235–252. 6 Merki: Zucker, S. 241, S. 243. 7 Ralf Rogge: Der Zucker und die Solinger Kaufleute Schimmelbusch und Joest (1780-1840), in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 102 (2010), S. 23–43. 31 Bezahlung für seine Ware oder als Rückfracht auf eigene Kosten importierte er Rohzucker, den er zunächst an Raffinerien in den Niederlanden und in England verkaufte. 1831 gründete er mit Johann Jakob Langen in Köln eine eigene Rohrzucker-Siederei. Die Formen für die Zuckerhüte bezog sie aus Solingen. 1839 war die Raffinerie die wichtigste in Preußen geworden. Joest zog sich aus dem Metallwarenhandel zurück, widmete sich ganz dem Zuckergeschäft und ließ sich in Köln nieder. Bei seinem Tod 1848 war er wichtigster Steuerzahler der Stadt. Als es mit der Gründung des Zollvereins wieder lukrativ zu werden versprach, Zucker aus Rüben zu gewinnen, hatte sich Joest bereits mit dem Kölner Emil Pfeifer zusammengetan, der auf diesem Feld experimentierte. Sein Sohn August gründete mit Pfeifer 1853 die erste Kölner Rübenzuckerraffinerie. Sklaverei und Kontraktarbeit Die Arbeit auf den Plantagen leisteten Sklaven. Das war schon auf Madeira und São Tomé so, und das setzte sich in der Neuen Welt fort. 8 Da die Indígenas der Gewalt, die die Europäer ausübten, und den Krankheiten, die sie einschleppten, nicht gewachsen waren und die Ambitionen der neuen Herren nicht darin bestanden, Zuckerrohr anzubauen und zu verarbeiten, entwickelte sich eine Symbiose zwischen Plantagenökonomie und transatlantischem Sklavenhandel. Zwischen 1450 und 1850 wurden schätzungsweise 10 Millionen Afrikaner über den Atlantik verschleppt, etwa ein Drittel nach Brasilien, die Hälfte in die Karibik. Ein großer Teil war für Zuckerrohrplantagen bestimmt. Dort lag der gesamte Produktionsablauf in ihren Händen, sie schnitten das Rohr, bedienten die Mühlen und siedeten den Saft. Männer, Frauen und Kinder wurden eingesetzt. Bis zu sechzehn Stunden konnte ihr Arbeitstag dauern. Dutzende von verschiedenen Schritten mussten verrichtet werden, einfache, aber auch solche, die Fingerspitzengefühl oder Erfahrung erforderten. Frauen nahmen oft Tätigkeiten wahr, die Präzision verlangten, im Lande geborene Sklaven oder Mulatten leiteten und koordinierten einzelne Produktionsabläufe. Hierarchien bildeten sich heraus, und für manche eröffneten sich Aufstiegsmöglichkeiten und Freiräume. Reinhard Wendt: Die Verzuckerung der Welt 8 Jean Crusol: Les Îles à Sucre. De la Colonisation à la Mondialisation, Bécherel 2008; Pieter Emmer: Die karibischen Gebiete 1600–1760, in: Walther L. Bernecker u.a. (Hg.): Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Bd. 1., Stuttgart 1994, S. 720–748; Stuart B. Schwartz: Sugar Plantations in the Formation of Brazilian Society. Bahia 1550–1835, Cambridge 1985; Richard B. Sheridan: Sugar and Slavery. An Economic History of the British West Indies, Kingston 1994. 32 In den Plantagen, die die Niederländer im Umkreis von Batavia auf Java angelegt hatten, waren es Chinesen, die die Felder bewirtschafteten, den Rohzucker erzeugten und denen auch die Mühlen gehörten. Was die Arbeiterschaft anbelangt, wurde hier eine Entwicklung vorweggenommen, die in der Neuen Welt auch eintrat, als Anfang des 19. Jahrhunderts nach und nach die Sklaverei aufgehoben wurde. Damit war die Plantagenökonomie jedoch nicht am Ende, denn sie brachte den Investoren weiterhin Gewinne. Allerdings musste Ersatz für die Sklaven gefunden werden, denn die Freigelassenen hatten wenig Neigung, weiter für ihre einstigen Herren zu arbeiten. Sie wurden durch sogenannte Indentured Labourers ersetzt, Kontraktarbeiter, die zu bestimmten Konditionen in einem fremden Land in den Dienst eines Unternehmers traten. Überfahrt, Arbeitsbedingungen, Lohn, Unterkunft und Rückkehrmöglichkeit wurden vertraglich festgeschrieben, mindestens auf dem Papier. Die meisten dieser Kontraktarbeiter kamen aus Indien und aus China. Von 1846 bis 1932 verließen 1,2 Millionen Menschen Indien, um auf Fiji, Mauritius und Réunion, in Natal, Guayana oder auf karibischen Inseln zu arbeiten, häufig in den Zuckerrohrplantagen. Zwischen 1840 und 1900 wurden schätzungsweise 2,3 Millionen Chinesen als Kulis in alle Welt verfrachtet, allerdings nur ein Teil auf Zuckerrohrplantagen, etwa auf Hawai’i. Eine globale Migrationsbewegung war in Gang gekommen. Wie abhängig der Süden vom Norden und wie verflochten die Welt am Ende der Frühen Neuzeit war, zeigte sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als billiger Zucker aus der Karibik auf die europäischen Märkte kam. Der Preisverfall stürzte die javanischen Erzeuger, die nicht so billig produzieren konnten, in eine Krise. Unruhen brachen aus, die 1740 in einem Pogrom gipfelten. Ihm fiel in Batavia der Großteil der chinesischen Bevölkerung zum Opfer.9 Hybridkulturen, veränderte Konsumgewohnheiten und neue Lebensformen Leben zählte wenig auf den Plantagen, solange der Nachschub nicht versiegte, drakonische Strafen und Vergewaltigung gehör- Kolonialwaren 9 Blussé, Leonard: Batavia, 1619-1740. The Rise and Fall of a Chinese Colonial Town, in: Journal of Southeast Asian Studies 12 (1981), S. 159–178. 33 ten zum Alltag. Ohne dieses System zu relativieren, machen Nachfahren von Sklaven darauf aufmerksam, dass ihre afrikanischen Vorfahren nicht willen- und wehrlos waren, sondern revoltierten, flohen oder sich Rückzugsräume schufen, in denen sich neue Formen von Sprache, Religion oder Musik entwickelten, die heute nicht selten die Identität der karibischen Inseln und anderer ehemaliger Plantagengesellschaften bestimmen.10 Eine prominente Stimme unter ihnen ist der 2011 verstorbene Édouard Glissant aus Martinique, Romancier, Lyriker, Theoretiker und bedeutendster Autor der französischsprachigen Karibik. Am erfolgreichsten rebellierten Sklaven auf Saint-Domingue, wo sie die französische Herrschaft abschütteln und die Insel 1804 als «Haiti» in die politische, wenn auch nicht in die ökonomische Selbstständigkeit führen konnten. Alltäglicher war die Flucht. In den Dschungeln Brasiliens, der Landenge von Panama oder der tropischen Tiefländer der Karibikküste Zentralamerikas bildeten sich außerhalb kolonialer Überwachung bunt zusammengewürfelte Gemeinschaften sogenannter Cimarrones.11 Gewährten sie – wie in der Karibik – französischen oder englischen Freibeutern eine logistische Basis, nahm die kulturelle Vielfalt weiter zu. Auch innerhalb der Plantagen versuchten die Sklaven im Rahmen ihrer Möglichkeiten, ein Leben jenseits der Zwangsarbeit zu führen. Sie verbanden unterschiedliche afrikanische Elemente mit amerikanischen Einflüssen und Impulsen ihrer europäischen Herren zu neuen Ausdrucksformen, in der Musik etwa, in den Sprachen oder ihrer Religion, wo sich afrikanische Götter mit christlichen Heiligen verbanden. Wie dieser religiöse Synkretismus zeigt, endete die Vermischung nicht an den Grenzen der Plantagen. Es kam zu vielfältigen Kontakten, Konflikten und Austauschprozessen, auch zwischen Schwarz und Weiß. Für Brasilien behauptete der Soziologe und Historiker Gilberto Freyre sogar ein Miteinander dieser Rassen, aus dem eine harmonische Hybridkultur hervorgegangen sei. Freyre sah Brasilien als ein Land, das seinen speziellen Charakter der Vermischung afrikanischer und europäischer Einflüsse verdanke. Damit war Freyre einer der ersten Wissenschaftler, der die Bedeutung der Afrikaner für die Gestaltung der brasilianischen Kultur hervorhob. Dennoch stieß seine beschönigende Reinhard Wendt: Die Verzuckerung der Welt 10 Michael Zeuske: Schwarze Karibik. Sklaven, Sklavenkultur und Emanzipation, Zürich 2004. 11 von spanisch «cimarrón» = wild, verwildert. 34 Sicht auf scharfe Kritik. Allerdings formulierte Freyre seine Thesen in Auseinandersetzung mit dem offenen und wissenschaftlich begründeten Rassismus in den USA, den er selber kennengelernt hatte. Man kann sie also auch als «südliche» Vision des Miteinanders verschiedener Kulturen verstehen.12 Für diese Phänomene der Transkulturation fand Glissant den Begriff «créolisme», Kreolisierung. Aus der düsteren Sklaverei, so Glissant, ging auch eine Vielfalt von neuen Ausdrucksformen hervor. Kulturelle Elemente Afrikas, Amerikas und Europas begegneten und berührten sich oder prallten aufeinander. Indische Kontraktarbeiter brachten weitere Einflüsse mit. Wechselwirkungen ergaben sich, die nicht nur das Gesicht der Inseln der Karibik, Brasiliens oder von Réunion und Mauritius prägten, sondern auch Widerhall in den Gesellschaften des Nordens fanden.13 In Europa wird man nicht von Kreolisierung in diesem Sinne sprechen können, doch auch dort leitete Zucker neue Konsumgewohnheiten und Lebensformen ein.14 Ursprünglich war Zucker nicht nur ein Konsum-, sondern auch ein Luxusgut, das Apotheken als Heilmittel bei Verletzungen oder gegen Fieber, Durchfall und Husten anboten und das als Statussymbol fungierte. Wer seinen Gästen Zucker offerierte oder ihn sogar zu figürlichem Tischschmuck verarbeiten ließ, demonstrierte Besitz und Einfluss. Je mehr und je günstiger er angeboten wurde, desto stärker verdrängte er den Honig als traditionellen Süßstoff und wurde für breite Teile der Gesellschaft erschwinglicher. Um 1800 wurde in Deutschland ein Pfund Zucker pro Jahr und Kopf verbraucht, hundert Jahre später waren es knapp 14 Kilo. Die Süße war zu einem Grundnahrungsmittel geworden. Sie lieferte den Arbeitern in den Städten wichtige Kalorien, um den Alltag in den Fabriken zu bestehen. Selten jedoch wurde Zucker pur konsumiert. Er diente als süßende Zutat, und mit seiner Hilfe ließen sich Früchte kandieren oder zu Marmeladen und Gelees einkochen und haltbar machen. Zucker verband sich mit anderen Kolonialwaren, was Importe und Konsum wechselseitig beflügelte. Kaffee, Tee und Kakao trafen vor allem gesüßt den Geschmack der europäischen Öffentlichkeit. Man reichte Zucker in speziellen Dosen aus Porzellan, einer ursprünglich ebenfalls aus Übersee importierten und dann Kolonialwaren 12 Peter Burke/Maria L.G. Pallares-Burke: Gilberto Freyre. Social Theory in the Tropics, Oxford 2008. 13 Édouard Glissant: Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit, Heidelberg 2005. 14 Jacob Baxa/Guntwin Bruhns: Zucker im Leben der Völker. Eine Kultur- und Wirtschaftsgeschichte, Berlin 1957; Reinhard Wendt: Vom Kolonialismus zur Globalisierung. Europa und die Welt seit 1500, Paderborn 22016, S. 91–96, S. 185–197, S. 295–297. 35 materialidentisch substituierten Kolonialware. Zucker wurde fester Bestandteil aller Arten von Schokolade, weder alltägliche Bäckereien noch edle Confiserien oder Patisserien können auf ihn verzichten. Morgendlicher Espresso oder Cappuccino, Kaffeepause oder Fünf-Uhr-Tee sind ohne Zuckerkonsum kaum denkbar. Zucker und die Süße, die er schenkt, wurden Teil europäischer Lebenswelten. Wer sie genoss, vergaß den Schweiß und die Tränen, unter denen Zucker lange Zeit produziert wurde. Europa machte sich zu eigen, was ursprünglich importiert und fremd war, und die tropische Süße konnte sogar identitätsstiftend wirken.15 So wurde die Schweiz das Land der Schokolade, Nürnberg die Stadt der Lebkuchen, und die Kondensstreifen-Zuckerhüte über dem Kölner Dom können in aller Selbstverständlichkeit symbolisieren, dass Rübenzuckerfelder im Umland der Stadt, die Raffinerie von Pfeifer & Langen und ein Logo aus zwei Zuckerhüten zu Köln gehören wie der Dom. Reinhard Wendt: Die Verzuckerung der Welt 15 Reinhard Wendt: Kolonialwaren, in: Pim den Boer u.a. (Hg.): Europäische Erinnerungsorte, Bd. 3, München 2012. Bildnachweis: Abb. 1: © Pfeifer & Langen GmbH & Co. KG, Köln.

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Elegant spannt sich die Hohenzollernbrücke in Köln über den Rhein. Sie führt auf den Dom zu, dessen Türme in einen blauen Himmel ragen. Wie mit Kondensstreifen gemalt schweben über ihnen als Logo der Firma Pfeifer & Langen zwei Zuckerhüte in einem Kreis, die ihre Form aufgreifen. Domturm und Zuckerhut gehören zusammen, will uns das Werbebild sagen, Markenprodukte wie «Kölner Zucker» sind Teil der Stadt, etwas Singuläres wie der Dom, etwas, das Köln unverwechselbar macht. Diese Kombination wurde zum Markenzeichen der Firma und schenkte ihr gleichzeitig ein «Merkzeichen» mit großer Suggestivkraft und hohem Wiedererkennungswert.

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Die Zeitschrift für Ideengeschichte fragt nach der veränderlichen Natur von Ideen, seien sie philosophischer, religiöser, politischer oder literarischer Art. Herausragende Fachleute aus allen Geisteswissenschaften gehen in Originalbeiträgen der Entstehung, den zahlreichen Metamorphosen, aber auch dem Altern von Ideen nach. Dabei erweist sich manch scheinbar neue Idee als alter Hut. Und umgekehrt gilt es, in Vergessenheit geratene Idee neu zu entdecken.

Die internationale Politik der letzten Jahre, die sich erneuernden Wertedebatten und die intensiv erlebte Wiederkehr der Religionen lassen keinen anderen Schluß zu: Die politische und kulturelle Gegenwart wird von Ideen geprägt, spukhaft oft, doch mit enormer Wirksamkeit. Wer diese Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, Ideengeschichte zu treiben.

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Die Zeitschrift für Ideengeschichte wird von den drei großen deutschen Forschungsbibliotheken und Archiven in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sowie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin gemeinsam getragen. Mögen die Quellen der Zeitschrift im Archiv liegen, so ist ihr intellektueller Zielpunkt die Gegenwart. Sie beschreitet Wege der Überlieferung, um in der Jetztzeit anzukommen; sie stellt Fragen an das Archiv, die uns als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts beschäftigen.