Lilla Russel-Smith, Kolonialer Tauschhandel in China in:

Zeitschrift für Ideengeschichte, page 115 - 117

ZIG, Volume 15 (2021), Issue 1, ISSN: 1863-8937, ISSN online: 1863-8937, https://doi.org/10.17104/1863-8937-2021-1-115

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C.H.BECK, München
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115 Europa schwer in Einklang zu bringen sind. Diese Funde waren der Anfangsimpuls für eine ausführliche Studie, in deren Verlauf der Sinologe von der American University in Washington D.C. Archivmaterialien in China, England und anderen Ländern sammelte und die Perspektive jener chinesischen Beamten und anderer Akteure rekonstruierte, ohne deren Hilfe und Unterstützung die Organisation logistisch aufwändiger Expeditionen in einer Gegend mit heißen Sommern, eiskalten Wintern, extremer Trockenheit und großen Entfernungen unmöglich gewesen wäre. Nach ersten Publikationen zu dem Thema hat Jacobs nun eine Monographie vorgelegt, in der er verschiedene von Europäern, Amerikanern und Japanern durchgeführte Expeditionen behandelt – aus Platzgründen kann im Folgenden allerdings nur auf Xinjiang eingegangen werden. Das Buch ist angetan, den aktuellen Debatten über die außereuropäischen Sammlungen westlicher Museen wichtige neue Impulse zu geben.3 Jacobs geht es darum, die Geschichte der westlichen Expeditionen nach Xinjang und Gansu jenseits des «criminalizing and anachronistic discourse of nationalism» (S. 30) zu erforschen. Erst mit der Durchsetzung eines staatlich verordneten Nationalismus im postrevolutionären China hätten jene Kulturgüter, auf die westliche Archäologen seit dem späten 19. Jahrhundert so erpicht waren, eine Neubewertung erfahren. Zuvor wurden einige Funde durchaus als wertvoll bzw. als profitträchtig angesehen, aber sie waren noch nicht in den Rang nationaler Kulturgüter erhoben und damit jeder Marktlogik entzogen worden. Es habe ein «transimperial bond» (S. 30) zwischen westlichen Archäologen und ihren Ansprechpartnern in China existiert, das die Grundlage für einen gleichberechtigten und respektvollen Umgang zwischen den beiden Gruppen gewesen sei. Als «compensations of plunder» bezeichnet Jacobs einen Tauschhandel, bei dem der Westen wertvolle Kulturgüter und chinesische Eliten aus der Provinz Xinjiang wirt- Justin M. Jacobs: The Compensations of Plunder: How China Lost its Treasures, Chicago: The University of Chicago Press 2020, 348 S. Der in Budapest geborene Indologe Aurel Stein (1862–1943) wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als Leiter einer Reihe von britischen Expeditionen nach China weltberühmt. Es gelang ihm, in die Wüsten im Nordwesten des chinesischen Kaiserreiches vorzustoßen, in deren Ruinenstädten und Höhlentempeln europäische Wissenschaftler wertvolle Kulturschätze vermuteten. Tatsächlich brachte Stein von seinen Expeditionen nach Xinjiang und Gansu Artefakte und Manuskripte mit, die bis heute zu den Glanzstücken britischer und indischer Museen und Bibliotheken zählen. Seine Sammeltätigkeit, die heute von manchen als Kulturraub aus einem kolonialen Kontext betrachtet wird, rang allerdings den chinesischen Eliten der Zeit Bewunderung ab: In offiziellen und privaten Briefen bezeichneten chinesische Beamte Stein keineswegs als Dieb oder Räuber. Sie lobten ihn und nannten ihn sogar lao pengyou, also: «alter Freund» (S. 3). Steins Expeditionsbericht von 1902 wurde, nur wenige Monate nachdem dieser auf Englisch verfügbar war, ins Chinesische übersetzt.1 Auftraggeber war der kaiserliche Gouverneur der Provinz Xinjiang. Der Übersetzer Wan Rao stellte Stein in seiner Einleitung als Musterbeispiel für einen westlichen Wissenschaftler vor und forderte seine chinesischen Landsleute auf, von ihm zu lernen. Justin M. Jacobs hatte schon während der Recherchen für seine Dissertation in Archiven in Xinjiang gearbeitet, die heute wohl für westliche Forscher nicht mehr zugänglich wären.2 Dort stieß er in chinesischen Quellen auf Urteile über westliche Expeditionen in die Provinz, die mit der heute verbreiteten Negativwahrnehmung in China und in l i l l a rus s e l l-sm i t h Kolonialer Tauschhandel in China 116 schaftliches, politisches und soziales Kapital gewannen. Das Interesse aus dem Westen kam Beamten und Gelehrten vor Ort gelegen, die über Möglichkeiten sinnierten, wie das erst seit dem 18. Jahrhundert zu China gehörige Xinjiang am besten seinen Platz im chinesischen Kaiserreich bestimmen könne. Dazu kam ihnen ein Modell von Wissenschaft und Entwicklung, für das Männer wie Stein standen, gerade recht. (S. 116) Heute wird in China nicht selten behauptet, die damaligen Beamten seien inkompetent und korrupt gewesen und hätten daher die Mitnahme von Kunstwerken nicht verhindert. Dagegen hält Jacobs, dass die Funktionsträger der Qing-Dynastie genau wussten, was die europäischen Wissenschaftler planten, und dass sie nichts daran auszusetzen hatten. Diese Beamten hatten schon vor der Ankunft europäischer Expeditionen begonnen, chinesische Kalligrafien und Handschriften, die – vor 1900 meist zufällig – in der trockenen Wüste gefunden wurden, zu schätzen und zu sammeln. Sie betrachteten diese als ihr Privateigentum und schrieben auch nach chinesischer Tradition Kolophone darauf. Die chinesischen Beamten interessierten sich dabei in erster Linie für chinesische Handschriften. Stücke in anderen Sprachen hatten in ihren Augen keinen Wert und noch weniger buddhistische Objekte, die sie für «volkstümlich», trivial oder naiv hielten. Um zu zeigen, dass sie modern und gut vernetzt waren, wohl auch um ihre guten Beziehungen zu Britisch-Indien und anderen Kolonialmächten zu demonstrieren, organisierten sie Empfänge für westliche Wissenschaftler. So ließ sich politisches Kapital gewinnen. Die Expeditionen unterstützten sie freiwillig. Man verstellt den Blick auf die Situation um 1900, wenn man an dieses Verhalten allzu schnell die Elle unseres Wertsystems anlegt. Archäologische Funde waren in den Augen der Beamten als Privateigentum einheimischer oder ausländischer Kenner kostbar, aber nicht unbezahlbar. Anders als die chinesischen Eliten betrachtete die uigurische Bevölkerung in Xinjiang archäologische Funde vor der Ankunft der Europäer nicht als wertvollen Teil ihrer muslimischen Tradition. Für sie hatten die Wüstenruinen bis ins 19. Jahrhundert keinerlei Wert. Objekte und Handschriften wurden weggeworfen oder Kindern als Spielzeug gegeben. An einigen Orten der Region wurden alte Wandmalereien sogar als Dünger benutzt; zu diesem Zweck wurden Ruinen systematisch abgetragen. Holzobjekte wurden im kalten Winter als Brennmaterial verwandt.4 Erst als die Menschen in der Region verstanden, dass solche Objekte und Handschriften von Europäern geschätzt und gekauft wurden, entwickelten sie sich zu einer begehrten Handelsware. Zudem verdienten sich die Einheimischen gerne als Arbeiter etwas dazu, vor allem in den Wintermonaten, wenn in diesem kalten Klima ohnehin keine Landwirtschaft möglich war. Die Mitarbeit bei Expeditionen bedeutete darüber hinaus soziales Prestige. Ab 1912, nach dem Zusammenbruch des chinesischen Kaiserreichs und der Ausrufung der Republik China, wandelten sich die Wahrnehmungsmuster allerdings rapide. Eine neue Generation chinesischer Intellektueller kam in Kontakt mit der europäischen Idee einer Nationalkultur, die ja seit dem 18. Jahrhundert die Gründung von Museen in Europa und Amerika forciert hatte. Ironischerweise sammelten die westlichen Expeditionen in Xinjiang und Gansu Objekte für genau diese Institutionen, wodurch eine Konkurrenz entstand, die so vorher nicht existieren konnte. Die neue Republik China verabschiedete bereits im Juni 1914 ein Gesetz gegen die Entfernung von Artefakten von Chinas Territorium, das allerdings lange Zeit nicht flächendeckend eingehalten wurde. Chinesische Wissenschaftler und Beamte, die in Oxford, Cambridge oder Harvard ausgebildet worden waren, eigneten sich europäische Auffassungen von Kultur an: Sie betrachteten Artefakte als nationales Erbe, also als etwas Unbezahlbares, das in Museen, Bibliotheken und Archiven aufbewahrt werden Konzept & Krititk 117 sollte, und sahen es als Priorität an, Museen nach europäischem Vorbild in China zu etablieren. Im Jahr 1930 nahm Stein irritiert wahr, dass er seine vierte Expedition nur noch mit einem chinesischen Co-Direktor hätte durchführen können. Erst die neue Elite der Republik China begann, die Artefakte und Manuskripte als Symbol «der ewigen chinesischen Nation» zu betrachten. Dieselbe Elite hatte die Aufgabe, «das moderne China» von Grund auf neu zu erfinden: beispielsweise die moderne Schriftsprache und den Journalismus. Dazu gehörte es auch, die erst im 18. Jahrhundert von der Qing- Dynastie besetzten Grenzgebiete Chinas als Teil der Republik neu zu gestalten. So zeichnet Jacobs wegweisende Arbeit und gut lesbares Buch einen sich in den Jahrzehnten vor und nach 1900 entfaltenden Umdeutungsprozess nach: Archäologische Funde aus Xinjiang galten lange Zeit als wertlose Überreste. Ihr materieller und symbolischer Wert stieg erst, als westliche Forscher ihren Blick darauf warfen. Parallel entwickelte sich Wertschätzung bei den regionalen chinesischen Eliten, für die Sammlerstücke, die sie als Privateigentum ansahen, politisches Kapital bedeuteten. Erst mit der Gründung der neuen Republik China entstand indes das Verständnis von Kulturgütern als etwas Unbezahlbarem, als nationales Erbe. Angesichts dieses Befundes sind Zweifel durchaus angebracht, ob es richtig ist, dass allein diese jüngste Deutung die aktuellen Debatten in China und Europa bestimmt. 1 Vgl. Imre Galambos: A Forgotten Chinese Translation of the Preliminary Report of Aurel Stein’s First Expedition, in: Irina Popova – Liu Yi (Hg): Dunhuang Studies: Prospects and Problems for the Coming Second Century of Research, St. Petersburg 2011, S. 55-59. 2 Xinjiang and the Modern Chinese State, University of Washington Press 2016. 3 Justin Jacobs: Indiana Jones in History: from Pompeii to the Moon, Pulp Hero Press 2017; zu den Kapiteln dieses Buches sind auch Videos verfügbar: https://www.youtube. com/playlist?list=PLgak0lvA3SHTN4a6rbABdQ1b1kS5ffIef (25.10.2020). 4 Lilla Russell-Smith / Ines Konczak-Nagel: The Ruins of Kocho: Traces of Wooden Architecture on the Ancient Silk Road, Staatliche Museen zu Berlin 2016. Lilla Russell-Smith: Kolonialer Tauschhandel in China

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Der in Budapest geborene Indologe Aurel Stein (1862–1943) wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als Leiter einer Reihe von britischen Expeditionen nach China weltberühmt. Es gelang ihm, in die Wüsten im Nordwesten des chinesischen Kaiserreiches vorzustoßen, in deren Ruinenstädten und Höhlentempeln europäische Wissenschaftler wertvolle Kulturschätze vermuteten. Tatsächlich brachte Stein von seinen Expeditionen nach Xinjiang und Gansu Artefakte und Manuskripte mit, die bis heute zu den Glanzstücken britischer und indischer Museen und Bibliotheken zählen.

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Die Zeitschrift für Ideengeschichte fragt nach der veränderlichen Natur von Ideen, seien sie philosophischer, religiöser, politischer oder literarischer Art. Herausragende Fachleute aus allen Geisteswissenschaften gehen in Originalbeiträgen der Entstehung, den zahlreichen Metamorphosen, aber auch dem Altern von Ideen nach. Dabei erweist sich manch scheinbar neue Idee als alter Hut. Und umgekehrt gilt es, in Vergessenheit geratene Idee neu zu entdecken.

Die internationale Politik der letzten Jahre, die sich erneuernden Wertedebatten und die intensiv erlebte Wiederkehr der Religionen lassen keinen anderen Schluß zu: Die politische und kulturelle Gegenwart wird von Ideen geprägt, spukhaft oft, doch mit enormer Wirksamkeit. Wer diese Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, Ideengeschichte zu treiben.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wendet sich an die gebildete Öffentlichkeit. Darüber hinaus strebt sie als Forum der Forschung und Reflexion eine fachübergreifende Kommunikation zwischen allen historisch denkenden und argumentierenden Geisteswissenschaften an.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wird von den drei großen deutschen Forschungsbibliotheken und Archiven in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sowie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin gemeinsam getragen. Mögen die Quellen der Zeitschrift im Archiv liegen, so ist ihr intellektueller Zielpunkt die Gegenwart. Sie beschreitet Wege der Überlieferung, um in der Jetztzeit anzukommen; sie stellt Fragen an das Archiv, die uns als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts beschäftigen.