Joachim Nettelbeck, Alexandra Kemmerer, Des Seefahrers Widersprüche in:

Zeitschrift für Ideengeschichte, page 121 - 124

ZIG, Volume 15 (2021), Issue 1, ISSN: 1863-8937, ISSN online: 1863-8937, https://doi.org/10.17104/1863-8937-2021-1-121

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C.H.BECK, München
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121 Ein Spätsommertag in Schöneberg. Joachim Nettelbeck, 1944 in Mannheim geboren, hat einen Stapel verschiedener Ausgaben der Lebenserinnerungen seines gleichnamigen Vorfahren mitgebracht, des Seefahrers, Sklavenhändlers und Volkshelden, in Kolberg (dem heutigen Kołobrzeg, damals im preußischen Teil Pommerns) geboren 1738 und dort 1824 gestorben. Schon zu Lebzeiten wurde Joachim Nettelbeck für seinen Widerstand gegen die napoleonischen Truppen gefeiert. Bis 1945 erreichte Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wunderbare Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt in immer neuen Editionen Rekordauflagen. 1942 kam eine weit verbreitete Feldpostausgabe heraus. Durch Paul Heyses Nationaldrama Colberg hatte der Vorzeigepatriot da längst Eingang in Schule und kollektives Gedächtnis gefunden. Die UFA widmete Nettelbeck und seiner Rolle bei der Belagerung Kolbergs unter der Regie von Veit Harlan ihren aufwendigsten und teuersten Propagandafilm, uraufgeführt am 30. Januar 1945 zeitgleich im Berliner Tauentzienpalast und in der «Atlantikfestung» La Rochelle. Viele Kinos lagen bereits in Trümmern, der Film erreichte nicht mehr das angezielte Millionenpublikum und kann als Vorbehaltsfilm bis heute in Deutschland nur kommentiert gezeigt werden. Doch Goebbels’ Propagandaoffensive blieb nicht ganz wirkungslos: Heinrich George prägte bleibend das Bild des von ihm verkörperten Nettelbeck, den er im Film mit der Bekräftigung zitiert, die Bürger Kolbergs «würden sich lieber unter Schutthaufen begraben lassen als ihre Stadt zu übergeben». Sie sind 1944 geboren und von ihren Eltern nach Joachim Nettelbeck, dem Seefahrer, benannt worden. Wann und wie sind sie mit diesem Namensvetter – oder besser: Namenspatron – bekannt geworden? Wurde über ihn gesprochen? Es war meine Großmutter, die darauf bestand, dass ich diesen Namen haben sollte. Komischerweise gerade sie, die aus einer schwäbisch-kaufmännischen Familie kam – und es nun offenbar als Ehrentitel ansah, mit der Familie Nettelbeck verbunden zu sein. Und das habe ich irgendwann als Kind erfahren und nicht sonderlich ernst genommen. Gelesen habe ich Nettelbecks Aufzeichnungen erst als Erwachsener. Mein Vater erzählte – als ich schon studierte –, dass er vor dem Zweiten Weltkrieg irgendwann nach Kolberg gefahren sei und sich habe ehren lassen. Da ich ein schlechtes Verhältnis zu meinem Vater hatte, hat mich das nicht sonderlich motiviert, mich genauer mit diesem Vorfahren zu beschäftigen. Was hat Sie später dazu veranlasst? Auf jeden Fall war es während meines Studiums, wo ich angefangen habe, mich für Geschichte zu interessieren, für die Art und Weise, wie man Geschichte schreibt. Da habe ich mich mit dem Film «Kolberg» beschäftigt, der 1965 von ATLAS-Film neu aufgelegt worden war. Das hat mich damals sehr gewundert. Man muss sich die Situation der 1960er Jahre vorstellen: Meine Generation war ja im Wesentlichen politisch motiviert durch das Schweigen unserer Eltern über den Nationalsozialismus. Insofern war ein Film, der den eigenen Ahnen als Helden im Sinne des Nationalsozialismus glorifiziert, wirklich schauerlich. Als ich mir das dann aber angesehen habe, da war ich völlig überrascht, dass da praktisch kein ideologisches Wort vorkommt. Es ist immer nur von der Heimat, der Familie, dem Haus und so weiter die Rede. Der kommentierende Vorspann der ATLAS-Edition hat mein Interesse dann allerdings auf etwas gelenkt, was ich dann immer wichtiger fand, wenn ich mich erneut mit dem Film und mit Nettelbecks Leben beschäftigt habe: die Widersprüche. Dass dieser Mann einerseits Steuermann eines Sklavenschiffs war und andererseits das getan hat, was von den Nazis so perfide als Durchhaltepropaganda instrumentalisiert wurde: als Bürger Verantwortung gezeigt. Damit repräsentierte er auch den Geist des gebildeten 19. Jahrhunderts in Preußen. Als Bürger JOac h i m ne t t e l B e c k /a l e x a n d r a k e m m e r e r Des Seefahrers Widersprüche Ein Gespräch 122 war man nicht mehr nur der Untertan seines Königs, sondern Vertreter des Gemeinwohls. Das heißt, sie konnten sich auf Ihren Ahn sogar positiv beziehen? Genau, die Verkörperung dieses preußischen Übergangs – nicht zur Demokratie, sondern zum Rechtsstaat, der eine Konkretisierung des Gemeinwohls darstellte und damit auch die Macht des Königs begrenzte, aber ihn nicht abschaffte. Das habe ich in der Auseinandersetzung mit Nettelbeck und durch diesen Film gelernt: mit Widersprüchen umgehen lernen. Als Hans Magnus Enzensberger Nettelbecks Lebenserinnerungen 1987 in seiner Anderen Bibliothek neu auflegte, blieb der selbstbewusste preußische Bürger Nettelbeck weitgehend ausgeblendet: Enzensberger veröffentlichte nur die ersten beiden Teile der Memoiren, von Nettelbeck selbst niedergeschrieben und erstmals 1820 und 1821 in den Pommerschen Provinzialblättern veröffentlicht – auf den dritten, maßgeblich vom Verleger Johann Christian Ludwig Haken verfassten Teil, der die Belagerung Kolbergs behandelt, verzichtete die Neuausgabe. Im Zentrum standen nun Nettelbecks Fahrten auf der Nordsee und Ostsee. Und seine Reisen auf Sklavenschiffen, die im atlantischen «Dreieckshandel» versklavte und grausam misshandelte Menschen in die Verwertungsketten des kolonialen Warenaustauschs zwangen. Joachim Nettelbeck – der alte – war eine schillernde Figur. Ein polyglotter Abenteurer, der mit elf beschlossen hat, er wolle Seemann werden. In Amsterdam vom Schiff seines Onkels ausgerissen, befuhr er mit einem holländischen Ozeansegler die Route über Westafrika und Westindien, reiste als Untersteuermann von Amsterdam nach Surinam und segelte ab 1771 als Obersteuermann zweimal die Route über Guinea und Surinam. An der afrikanischen Küste tauschte er von örtlichen Händlern gegen Waffen, Pulver, Tabak, Stoffe, Branntwein und allerlei Nippes Menschen ein, die zur Sklavenarbeit auf Zucker- und Kaffeeplantagen verschleppt wurden. Als er diese Geschichten im Alter von über achtzig Jahren aufschrieb und stückweise veröffentlichte, da hatten sie solchen Erfolg, dass sein Verleger Hake ihm riet, unbedingt ein Buch daraus zu machen. Daraus wurden die ersten beiden Bände seiner Autobiographie. Und weil die sich so gut verkauften, folgte 1823 noch ein dritter Teil, über die Belagerung Kolbergs. Das ist eine Kompilation aus Tagebuchnotizen und frei nacherzählten Erinnerungen. Spätere Ausgaben waren meist Auswahlausgaben, in denen die Seefahrergeschichten neben der Kolberg-Episode immer mehr in den Hintergrund rückten. Da beginnt eigentlich die Vereinnahmung der Figur des Joachim Nettelbeck als Propagandakonstrukt. Das Buch war extrem populär. Es blieb ein Longseller, in immer neuen Ausgaben, und wurde besonders beliebt Anfang des 20. Jahrhunderts, da gab es sogar eine Schulausgabe für Jugendliche. Zunehmend wurde das Heroische betont, und die im dritten Teil geschilderte Verteidigung der Deutschen gegen die Franzosen. Ich habe noch eine Ausgabe von 1944, das ist interessant, da sind die ersten Teile wesentlich gekürzt. Das wird damit begründet, dass es so viele Abenteuer hintereinander seien, und da wäre es doch genauso gut, man würde einige auslassen. Und die Familie spielt eigentlich gar keine Rolle. Dadurch gewinnt der dritte Teil an Gewicht, der ist sehr wenig gekürzt, nur an manchen Stellen, wo sich Nettelbeck als Befürworter der Stein-Hardenbergschen Reformen und der Reform der Kommunalverfassung zu erkennen gab. Man merkt an solchen Auslassungen, dass es da eine ideologische Zuspitzung gab. Sonst blieb alles unverändert. Enzensberger hat dann auf den von den Nationalsozialisten präferierten dritten Teil ganz verzichtet. Das konnte man natürlich philologisch gut begründen, so steht es ja auch in der Einleitung zur En- Konzept & Krititk 123 Joachim Nettelbeck/Alexandra Kemmerer: Des Seefahrers Widersprüche zensberger-Ausgabe. Und deutscher Nationalismus, das war ja nicht günstig. Da ließ man den dritten Teil besser weg und gab eine ganz neue Begründung für die Wiederauflage: die anthropologische Bedeutung dieser detaillierten und in gewisser Weise so unprätentiösen Beschreibung der Seefahrt und des Sklavenhandels. Den Ihr Vorfahr selbst im Rückblick widersprüchlich beurteilte. Mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts fügte er seinem lebhaft erzählten Seemannsgarn bei der Niederschrift eine halbherzige Distanzierung vom «bösen Menschenhandel» an, der eben ein Gewerbe wie andere auch gewesen sei, «ohne daß man viel über seine Recht- oder Unrechtmäßigkeit grübelte». Sich selbst zeichnete Nettelbeck, der seinem König in einer Denkschrift 1814 die Übernahme einer französischen Kolonie in der Karibik und damit die Beteiligung an der kolonialen Sklavenwirtschaft auf Zucker- und Kaffeeplantagen (erfolglos) empfohlen hatte, von der Beteiligung an «barbarischer Grausamkeit» frei. Dennoch packt einen bei seinen detaillierten Beschreibungen des triangulären Sklavenhandels das Entsetzen. In mehreren deutschen Städten sind Straßen und Plätze nach Joachim Nettelbeck benannt, unter anderem der Berliner Nettelbeck-Platz im Wedding. Immer wieder Abb. 1 Joachim Nettelbeck nach einem Ölbild von Wladimir Faworski. 124 ment und bestimmten Zeitumständen an. Aber wenn das einmal geschehen sei, dann werde der Name zu einem Teil der Orientierung derjenigen, die da leben, Teil des Lebens dieser Leute. Und wenn man dann diesen Namen ändere, dann sei das wie bei der Änderung der Namen von Personen: Man muss sehr starke Gründe dafür haben. Ist die Diskussion Intellektueller über die Folgen des Kolonialismus Grund genug? Hier zeigt sich auch die Art unseres Umgangs mit Geschichte. Verlangen wir Eindeutigkeiten? Oder können wir Ambivalenzen und Widersprüche ertragen? Die Auseinandersetzung um den deutschen Nationalfeiertag ist ein anderes Beispiel für Formen dieses Umgangs. Nach meinem Verständnis von Geschichte wäre dafür der 9. November mit seinen vielschichtigen Erinnerungsspuren die angemessene Wahl gewesen. Warum will man, dass Geschichte irgendetwas Eindeutiges lehrt? Das interessante sind ihre Widersprüche. Die muss man zulassen, um sie zu verstehen. Interessieren sich Ihre Kinder für die aktuellen Diskussionen um Ihre Vorfahren? Meine jüngste Tochter Mathilde – die einzige, die sich wirklich für diese Debatte interessiert – findet die Beibehaltung einer solchen Namensgebung nach dem Steuermann von Sklavenschiffen und Propagandisten des Kolonialismus völlig indiskutabel. Sie sagt: Nur weg mit diesem Namen! Ihre Frau hingegen, die Französin ist, hat ihre eigene Familiengeschichte mit Nettelbecks Biographie verbunden. Ja, meine Frau hat einen Vorfahren, der in der napoleonischen Armee Koch war. Und sie hat sich immer vorgestellt, der sei der Koch der Belagerer von Kolberg gewesen. Aber das ist vielleicht eher ein Ausdruck für die Ambivalenz in der Familie, für Verbundenheit und Auseinandersetzung zugleich. geraten diese Namensgebungen in die öffentliche Debatte. In Erfurt setzen sich seit März 2020 zwei zivilgesellschaftliche Initiativen für eine Umbenennung des seit 1905 (mit einer kurzen Unterbrechung in den 1950er Jahren) nach dem Seefahrer benannten Nettelbeck-Ufers an der Gera ein. Als Namensgeber sei Nettelbeck untragbar, er stehe «für Versklavungshandel, Kolonialismus, Nationalismus und Durchhalteterror». Die Umbenennungsdebatten finde ich interessant – persönlich ist mir völlig egal, ob ein Platz oder ein Ufer nach ihm benannt wird. Ich habe ihn ja nicht gekannt. Aber hier werden Grundsatzfragen globalen Zusammenlebens berührt. Mamadou Diawara, der aus Mali stammende Frankfurter Ethnologe, sieht diese Intellektuellendispute über die Umbenennung von Straßen und Plätzen als symbolische Auseinandersetzungen, als Ersatzhandlungen, mit denen Probleme scheinbar bearbeitet werden, die in Wirklichkeit nach ganz anderen Lösungen verlangen. Die Nachwirkungen des Kolonialismus sind ja nicht nur symbolische. Wäre der Bevölkerung des Globalen Südens nicht mit einer Änderung der Handelsbedingungen oder der Agrarpolitik der EU mit ihrer Subventionierung einheimischer Landwirtschaft mehr geholfen als mit solchen Diskussionen? Eine öffentliche Debatte in Deutschland schließt solche Veränderungen ja nicht aus. Im Gegenteil: Sie kann das Bewusstsein für deren Notwendigkeit schärfen. Sicher, aber muss man deswegen in die Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger eingreifen? Der Sprachhistoriker Dietz Bering hat jüngst dafür geworben, in der Umbenennungsdiskussion zwischen dem «kommunikativen Alltagsgedächtnis» und dem institutionell gelenkten «kulturellen Gedächtnis» zu unterscheiden und zu berücksichtigen, dass Straßennamen beiden Sphären angehören. Genau darin liegt ihre Kraft und zugleich ihre besondere Problematik. Die Benennung einer Straße oder eines Platzes sei eine politische Tat, und sie gehöre als solche einem bestimmten Mo- Konzept & Krititk Bildnachweis: Abb. 1: Joachim Nettelbeck: Mein Leben. Zeulenroda: Bernhard Sporn Verlag 1938, Vorblatt.

Zusammenfassung

Ein Spätsommertag in Schöneberg. Joachim Nettelbeck, 1944 in Mannheim geboren, hat einen Stapel verschiedener Ausgaben der Lebenserinnerungen seines gleichnamigen Vorfahren mitgebracht, des Seefahrers, Sklavenhändlers und Volkshelden, in Kolberg (dem heutigen Kołobrzeg, damals im preußischen Teil Pommerns) geboren 1738 und dort 1824 gestorben. Schon zu Lebzeiten wurde Joachim Nettelbeck für seinen Widerstand gegen die napoleonischen Truppen gefeiert. Bis 1945 erreichte Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wunderbare Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt in immer neuen Editionen Rekordauflagen.

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Die Zeitschrift für Ideengeschichte fragt nach der veränderlichen Natur von Ideen, seien sie philosophischer, religiöser, politischer oder literarischer Art. Herausragende Fachleute aus allen Geisteswissenschaften gehen in Originalbeiträgen der Entstehung, den zahlreichen Metamorphosen, aber auch dem Altern von Ideen nach. Dabei erweist sich manch scheinbar neue Idee als alter Hut. Und umgekehrt gilt es, in Vergessenheit geratene Idee neu zu entdecken.

Die internationale Politik der letzten Jahre, die sich erneuernden Wertedebatten und die intensiv erlebte Wiederkehr der Religionen lassen keinen anderen Schluß zu: Die politische und kulturelle Gegenwart wird von Ideen geprägt, spukhaft oft, doch mit enormer Wirksamkeit. Wer diese Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, Ideengeschichte zu treiben.

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Die Zeitschrift für Ideengeschichte wird von den drei großen deutschen Forschungsbibliotheken und Archiven in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sowie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin gemeinsam getragen. Mögen die Quellen der Zeitschrift im Archiv liegen, so ist ihr intellektueller Zielpunkt die Gegenwart. Sie beschreitet Wege der Überlieferung, um in der Jetztzeit anzukommen; sie stellt Fragen an das Archiv, die uns als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts beschäftigen.