Florian Hoffmann, Unerwartete Nachbarschaft. Zur Dekolonialität in Lateinamerika in:

Zeitschrift für Ideengeschichte, page 118 - 120

ZIG, Volume 15 (2021), Issue 1, ISSN: 1863-8937, ISSN online: 1863-8937, https://doi.org/10.17104/1863-8937-2021-1-118

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C.H.BECK, München
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118 Lateinamerika steht in mehrfacher Hinsicht sowohl am Anfangs- wie auch am Endpunkt des Kolonialismus: am Anfang zum einen, da zumindest aus der Perspektive lateinamerikanischer Autoren die Entdeckung Amerikas nicht nur den eigentlichen Ausgangspunkt des modernen Kolonialismus darstellt. Zum anderen steht Lateinamerika aber auch am Anfang der Dekolonisation, die dort überwiegend bereits im 19. Jahrhundert stattfand und zur Überführung der einstigen spanischen und portugiesischen Kolonien in unabhängige Gemeinwesen führte, die nominell dem Muster europäischer Nationalstaaten folgten, faktisch aber vom Kolonialismus im Inneren und Äußeren gezeichnet blieben. So gelten zwar Figuren der Unabhängigkeitsbewegungen des 19. Jahrhunderts wie Simon Bolívar, José Martí oder (nach der Deutung heutiger Autoren) bereits kolonialkritische Stimmen des 16. Jahrhunderts wie Guamán Poma de Ayala, zu den Vordenkern einer dekolonialen Perspektive, diese selbst kristallisierte sich allerdings erst ab den 1990er Jahren und in kritischer Abgrenzung zum vorangehenden Postkolonialismus, der sich seit den fünfziger Jahren vor allem im Hinblick auf die afrikanische und südasiatische Kolonialerfahrung entwickelt hatte, heraus.1 Kristallisationspunkte waren dabei zunächst ironischerweise vor allem nordamerikanische Universitäten, wo dort ansässige lateinamerikanische Autoren Anfang der 1990er Jahre die Latin American Subaltern Studies Group nach dem Vorbild der South Asian Subaltern Studies Group gründeten; in den späten 1990er Jahren kam es dann zur Abspaltung des radikaleren Teils dieser Gruppe in die Gruppe Modernität/Kolonialität. Zu ihren inzwischen klassischen Vordenkern gehören (unter anderen) Enrique Dussel, Aníbal Quijano, Walter Mignolo, Arthuro Escobar, Nelson Maldonado-Torres, Catherine Walsh, aber auch nordamerikanische bzw. europäische Intellektuelle wie Immanuel Wallerstein oder Boaventura de Souza Santos.2 Ideengeschichtlich suchte dieser lateinamerikanische Dekolonialismus sich von vornherein von den postkolonialen (und subalternen) Ansätzen abzugrenzen, die er aufgrund ihres Rückgriffs vor allem auf Autoren des französischen Poststrukturalismus des Eurozentrismus zieh. Er selbst baute stattdessen auf den Kolonialismuskritiken der «französischen Triade» (Frantz Fanon, Aimé Cesare und Albert Memmi), der Orientalismuskritik Edward Saids,3 ebenso wie auf der Befreiungstheologie und auf der marxistisch geprägten Analytik der in Lateinamerika in den sechziger Jahren entwickelten Dependenztheorie wie auch auf der Wallersteinschen Weltsystemtheorie auf.4 Im Fokus war und ist die Moderne, ihre vermeintlich anhaltend eurozentrische Ausrichtung und die in ihr als konstitutiv eingeschrieben erkannte Kolonialität. Zentrale Thesen sind dabei die sogenannte Kolonialität der Macht, nach der koloniale Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung nicht mit der Entkolonisierung überwunden wurden, sondern sowohl innerhalb der lateinamerikanischen Staaten wie auch im weltweiten Nord-Süd Gefälle weiterhin erhalten sind;5 des Weiteren die Kolonialität des Seins, nach der sich die Moderne über die Kategorie der «Rasse» (im Sinne der race, raza, raça) durch antagonistische Ab- bzw. Ausgrenzung bestimmter Personengruppen konstituiert;6 und schließlich die Kolonialität des Wissens, nach der die Dominanz moderner (und daher eurozentrischer) Wissenschaft einen «Epistemizid» vorkolonialer bzw. nicht-europäischer Wissensformen verursacht habe.7 Trotz dieses zentralen Kanons des dekolonialen Denkens hat sich dieses mittlerweile verästelt und heterogenisiert und ist sowohl von den Funktionslogiken des globalisierten Wissenschaftsbetriebes (auch in Lateinamerika) wie auch von regionalen Ungleichzeitigkeiten geprägt. Besonders ausgeprägt bleibt dabei jene zwischen der Mehrheit spanischsprechender Länder in der Region und dem (portugiesischsprechenden) Riesen Brasilien. Ist die dekoloniale Theorie in letzteren nur mit einiger FlO r i a n hOF F m a n n Unerwartete Nachbarschaft Zur Dekolonialität in Lateinamerika 119 Florian Hoffmann: Unerwartete Nachbarschaft Verspätung eingesickert und hat erst in jüngster Zeit eine ähnliche Bedeutung erlangt wie in den Nachbarländern, so waren brasilianische Intellektuelle gleichwohl Vorreiter für eine lateinamerikanische Variante der Kritischen Rassismustheorie (critical race theory), die wiederum enge intellektuelle Beziehungen zum Dekolonialismus aufweist. Dabei ging und geht es Autorinnen und Autoren wie Lèlia Gonzales, Sueli Carneiro oder Joaze Bernardino-Costa mit der Einführung von neuen Begrifflichkeiten wie Améfrica Ladina, Améfricanidade, oder Pretogues vor allem darum, eine afroamerikanische und amerindische Eigenidentität zu bezeichnen wie auch ihre Zentralität in der Konstitution der lateinamerikanischen Gesellschaften hervorzuheben.8 Darauf aufbauend hat diese Denkrichtung mittlerweile die These der Nekropolitik des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe aufgegriffen, die ihrerseits mit der Idee der Kolonialität des Seins amalgamiert werden kann und nach der insbesondere in die afroamerikanische und indigene Bevölkerung Lateinamerikas eine konstitutive Andersheit eingeschrieben ist, aufgrund derer diese im Gegensatz zur dominanten (weißen) Bevölkerung in einer Art struktureller Todeszone verharren muss.9 Darüber hinaus hat der Dekolonialismus in letzter Zeit Themen und Begrifflichkeiten aus entwicklungs- und wachstumskritischen Bewegungen, wie die Idee des Buen Vivir/Sumak Kawsay, aufgegriffen und versucht, unter dem Motto der Konvivialität («gutes Zusammenleben») und in Anknüpfung an vorkoloniale bzw. nicht-moderne Wissensbestände und Lebensformen Alternativen zum Paradigma der wachstumszentrierten und ressourcenintensiven Wirtschaftsentwicklung zu rekonstruieren.10 Schließlich hat der giro decolonial (dekoloniale Wende) in seinem weiteren Umfeld ein neues und vor allem historiographisch ausgerichtetes Interesse an der Partikularität Lateinamerikas hervorgebracht, das sich (unter anderem) in Arbeiten wie Daniel Bonilla Maldonados Constitutionalism of the Global South, Arnulf Becker Lorcas Mestizo International Law, oder Juan Pablo Scarfis The Hidden History of International Law in the Americas widerspiegeln.11 Und wie geht es weiter? Mit ihrer Offenlegung der vormals von eurozentrischen Fortschritts- und Überlegenheitsnarrativen verdeckten kolonialen Matrix kann die dekoloniale Perspektive einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der lateinamerikanischen wie der globalen Moderne leisten. Gleichwohl scheint zumindest ihr radikaler Flügel deutlich mehr zu wollen, nämlich nicht weniger als eine epistemische Revolution, die die Moderne zugleich überwindet und rückentwickelt. Der Preis dafür ist allerdings hoch, impliziert diese doch den Rückgriff auf einen essentialistischen Identitätsbegriff, die Aufgabe des Ideals eines gemeinsamen Standpunktes und den Verzicht auf einen geteilten und teilbaren Wissensbestand. Damit aber finden sich zumindest Aspekte des dekolonialen Horizontes in unguter Nähe zu den Positionen jener Rechtspopulisten, die auch in Lateinamerika auf dem Vormarsch sind. Vielleicht noch wichtiger ist aber, dass das Postulat der epistemischen Partikularität Lateinamerikas – wie des postkolonialen Südens generell – dazu führen kann, dass der Blick auf die eine (globale) Moderne verstellt bleibt.12 1 Sérgio Costa: The Research on Modernity in Latin America: Lineages and dilemmas, in: Current Sociology (2018), S. 1. 2 Vgl. Pablo Quintero, Patricia Figueira, Paz Concha Elizalde: Uma Breve Historia dos Estudos Decoloniais, MASP Afterall Nr. 2, 2019, S. 1. 3 Vgl. Walter Mignolo und Catherine Walsh: On Decoloniality: Concepts, Analytics, Praxis, Durham 2018. 4 Vgl. Luciana Ballestrin: América Latina e o giro decolonial, in: Revista Brasileira de Ciência Política 89 (2013), S. 89. 120 5 Vgl. Anibal Quijano: Colonialidad del poder, eurocentrismo y América Latina, Cuestiones y horizonte: de la dependencia histórico-estructural a la colonialidad/ descolonialidad del poder, Buenos Aires 2014. 6 Vgl. Nelson Maldonado-Torres: Sobre la colonialidad del ser: contribuciones al desarrollo de un concepto, in: Santiago Castro-Gómez und Ramon Grosfoguel (Hg.): El giro decolonial: reflexiones para una diversidad epistêmica más allá del capitalismo global, Bogotá 2007. 7 Vgl. Ramon Grosfoguel: The Structure of Knowledge in Westernized Universities: Epistemic Racism/Sexism and the Four Genocides/Epistemicides of the Long 16th Century, in: Human Architecture: Journal of the Sociology of Self-Knowledge 11 (2013). 8 Vgl. Joaze Bernardino-Costa und Nelson Maldonado-Torres: Decolonialidade e pensamento afrodiaspórico, São Paulo 2018. 9 Achille Mbembe: Necropolitics, Steven Corcoran (übers.), Durham 2019; siehe in diesem Zusammenhang auch den Debattenbeitrag von Ralf Michaels: Deutschstunde für alle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 131, Montag 8. Juni 2020, S. 11. 10 Vgl. Alberto Acosta, Buen Vivir: Vom Recht auf ein gutes Leben, München 2015; und Antonio Luis Hidalgo-Capitán und Ana Patricia Cubillo-Guevara: Deconstruction and Genealogy of Latin American Good Living (Buen Vivir). The (Triune) Good Living and Its Diverse Intellectual Wellsprings, in: Gilles Carbonnier, Humberto Campodónico, und Sergio Tezanos Vázquez (Hg.): Alternative Pathways to Sustainable Development: Lessons from Latin America, Leiden 2017. 11 Vgl. Daniel Bonilla Maldonado: Constitutionalism of the Global South, Cambridge 2013; Arnulf Becker Lorca: Mestizo International Law: A Global Intellectual History 1842-1933, Cambridge 2014; Juan Pablo Scarfi: The Hidden History of International Law in the Americas, Oxford 2017. 12 Vgl. Florian Hoffmann: Facing South: On the Significance of an/other Modernity in Comparative Constitutional Law, in: Philipp Dann, Michael Riegner und Maxim Bönnemann (Hg.): The Global South and Comparative Constitutional Law, Oxford 2020. Konzept & Krititk

Zusammenfassung

Lateinamerika steht in mehrfacher Hinsicht sowohl am Anfangs- wie auch am Endpunkt des Kolonialismus: am Anfang zum einen, da zumindest aus der Perspektive lateinamerikanischer Autoren die Entdeckung Amerikas nicht nur den eigentlichen Ausgangspunkt des modernen Kolonialismus darstellt. Zum anderen steht Lateinamerika aber auch am Anfang der Dekolonisation, die dort überwiegend bereits im 19. Jahrhundert stattfand und zur Überführung der einstigen spanischen und portugiesischen Kolonien in unabhängige Gemeinwesen führte, die nominell dem Muster europäischer Nationalstaaten folgten, faktisch aber vom Kolonialismus im Inneren und Äußeren gezeichnet blieben.

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Die Zeitschrift für Ideengeschichte fragt nach der veränderlichen Natur von Ideen, seien sie philosophischer, religiöser, politischer oder literarischer Art. Herausragende Fachleute aus allen Geisteswissenschaften gehen in Originalbeiträgen der Entstehung, den zahlreichen Metamorphosen, aber auch dem Altern von Ideen nach. Dabei erweist sich manch scheinbar neue Idee als alter Hut. Und umgekehrt gilt es, in Vergessenheit geratene Idee neu zu entdecken.

Die internationale Politik der letzten Jahre, die sich erneuernden Wertedebatten und die intensiv erlebte Wiederkehr der Religionen lassen keinen anderen Schluß zu: Die politische und kulturelle Gegenwart wird von Ideen geprägt, spukhaft oft, doch mit enormer Wirksamkeit. Wer diese Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, Ideengeschichte zu treiben.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wendet sich an die gebildete Öffentlichkeit. Darüber hinaus strebt sie als Forum der Forschung und Reflexion eine fachübergreifende Kommunikation zwischen allen historisch denkenden und argumentierenden Geisteswissenschaften an.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wird von den drei großen deutschen Forschungsbibliotheken und Archiven in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sowie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin gemeinsam getragen. Mögen die Quellen der Zeitschrift im Archiv liegen, so ist ihr intellektueller Zielpunkt die Gegenwart. Sie beschreitet Wege der Überlieferung, um in der Jetztzeit anzukommen; sie stellt Fragen an das Archiv, die uns als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts beschäftigen.