Urs Büttner, Re-Import Goethe. Der Friedenspreis 1968 an Léopold Sédar Senghor in:

Zeitschrift für Ideengeschichte, page 101 - 110

ZIG, Volume 15 (2021), Issue 1, ISSN: 1863-8937, ISSN online: 1863-8937, https://doi.org/10.17104/1863-8937-2021-1-101

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C.H.BECK, München
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101 «Ich kann leider nur bis kurz nach 12 hier sein, weil ich dann Herrn Senghor hier habe», entschuldigt sich Bundeskanzler Kiesinger in der montäglichen Bonner Fraktionssitzung. «Sie wissen, daß gegen diesen Mann gestern wieder in Frankfurt von einer kleinen Gruppe dieser Radikalinskis Demonstrationen stattgefunden haben. […] Natürlich hat das Fernsehen wieder die Funktion erfüllt, einen solchen Vorfall dann sozusagen in der ganzen Welt bekanntzumachen. […] Was für ein Schaden durch derartige Demonstrationen angerichtet wird, brauche ich nicht darzustellen. Senghor ist einer der geachtetsten Staatsmänner Afrikas, ein in der Welt geachteter Staatsmann, und in ihm wird Afrika selbst beleidigt.»1 Am Tag zuvor war der Dichter und amtierende Präsident des Senegal unter Protesten von Studierenden in der Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Der Friedenspreis, der 1968 bereits zum 18. Mal verliehen wurde, hatte sich innerhalb weniger Jahre zu einer der wichtigsten kulturellen Auszeichnungen der jungen Bundesrepublik entwickelt. An den Preisverleihungen nahmen zahlreiche Vertreter der Archiv ur s Bü t t n e r Re-Import Goethe Der Friedenspreis 1968 an Léopold Sédar Senghor 1 Protokoll der CDU/CSU-Bundestagsfraktionssitzung am 23.09.1968, S. 7f., Sig. ACDP, 08-001-1017/1 unter https:// fraktionsprotokolle.de/ download/963/1/cducsu-05wp-1968-09-23.pdf [17.08.2020]. 102 Archiv Politik und des öffentlichen Lebens teil. Seit 1956 übertrug der Rundfunk die Feier. In den Jahren zuvor waren fast ausnahmslos alte weiße Männer aus dem Westen geehrt worden, die die Werte der demokratischen und marktwirtschaftlichen Grundordnung der Bundesrepublik teilten. Der Börsenverein würdigte sie für ihren moralisch oder religiös inspirierten Humanismus und ihr geistig-idealistisches, aber ausdrücklich unpolitisches Eintreten für Frieden und Verständigung. In den Festreden appellierten die Preisträger dementsprechend an das Wahre, Gute und Schöne, etwaige Gesellschaftskritik blieb abstrakt genug und ohne konkreten Aufruf zum Handeln, so dass sich niemand getroffen fühlen musste. In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit fanden sie deshalb stets große Zustimmung.2 In diesem Jahr hatte der Stiftungsrat des Börsenvereins, als er im Frühjahr nach geeigneten Kandidaten Ausschau hielt, gezielt außerhalb Europas gesucht. Man wollte Deutschlands wiedergewonnener globaler Rolle Ausdruck verleihen und international ein positives Image als Kulturnation verbreiten. 23 Jahre lag das Ende des verlorenen Weltkriegs nun zurück. Während dieser Zeit hatte der deutsche Buchhandel im Zuge der Westintegration der Bundesrepublik zu alter Größe zurückgefunden und die Internationalisierung der Geschäfte sogar erheblich über das Vorkriegsniveau steigern können. Man war wieder wer in der Welt und wollte das der Welt auch zeigen. Jedoch herrschte große Unklarheit darüber, wer man denn sein wolle, von welcher Welt die Rede sei und wem man sich so zu zeigen beabsichtige. So ist eine Vagheit der Vorstellungen von Globalität, vorgetragen aber mit großer Emphase, sehr kennzeichnend: «Man hatte in erweiterten geographischen Vorstellungen zu denken und zu planen», schreibt Sigfred Taubert, der Vorsitzende des Wahlgremiums des Friedenspreisträgers, noch im Rückblick. «Nicht nur die deutsche Situation hatte unter den Vorzeichen großer Veränderungen gestanden. Man stieß überall auf der Welt auf Wandlungen, die das Buchwesen dazu einluden, sie zur Kenntnis zu nehmen und sich auf sie einzustellen und dabei auch zu überdenken, inwieweit man mit dem eigenen Buch neue Wege und Ziele anstreben sollte.»3 Zu den Wandlungen der Welt, von denen das deutsche Buchwesen in Gestalt des Börsenvereins nur undeutliche Vorstellun- 2 Vgl. dazu Britta Scheideler: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, in: Stephan Füssel/Georg Jäger/Hermann Staub (Hg.): Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels 1825–2000. Ein geschichtlicher Aufriss, Frankfurt/M. 2000, S. 309–316; Britta Scheideler: Vom Konsens zu Kritik. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, in: Stephan Füssel (Hg.): 50 Jahre Frankfurter Buchmesse 1949–1999, Frankfurt/M. 1999, S. 46–88. 3 Sigfred Taubert: Mit Büchern die Welt erlebt, Stuttgart 1992, S. 196. 103 Urs Büttner: Re-Import Goethe gen hatte, gehörten auch die Umbrüche im globalen Süden im Zuge der Dekolonisation. Diese Veränderungen verschoben nicht nur innerhalb kurzer Zeit gewichtig und nachhaltig die Weltordnung und das Machtgefüge, sondern erwiesen sich als kaum vorhersehbarer Prozess. Da Deutschland ja schon länger seine Kolonien abgetreten hatte, war es unmittelbar gar nicht in die politische Dekolonisation verwickelt und an die Aufarbeitung der eigenen Kolonialvergangenheit wollte damals noch kaum jemand rühren. Welche Rolle lässt sich aber unter diesen Voraussetzungen im Dekolonisationsprozess einnehmen? Fest stand eigentlich nur, dass der neuerliche Auftritt auf der weltpolitischen Bühne keine imperialen Machtansprüche zeigen und Bezüge zur eigenen Kolonialvergangenheit tunlichst vermieden werden sollten. Die Globalität des Publikums überschätzte man deutlich. Anders als Kiesinger befürchtet hatte, wurde über die Friedenspreisverleihung und die Proteste über den Senegal hinaus in Afrika kaum berichtet. Die kosmopolitische Inszenierung erreichte vor allem die bundesrepublikanische Öffentlichkeit, gewiss in ewiger Konkurrenz auch die der DDR und vielleicht noch ein interessiertes Publikum in einigen europäischen Nachbarstaaten. Mit Léopold Sédar Senghor schlug Taubert 1968 einen der führenden Programmatiker der Dekolonisation für den Friedenspreis vor. Er hatte den Namen bereits einige Jahre zuvor ins Spiel gebracht. Taubert mochte persönlich dessen Gedichte, die er in Frankreich kennengelernt hatte.4 Und Senghor passte perfekt ins politische Schema der Preisträger und erfüllte zudem den Wunsch nach Globalität: Der einundsechzigjährige Dichter war Schwarzafrikaner, gleichwohl, «war dieser Neger», wie Peter Weidhaas, Tauberts Nachfolger, polemisch anmerkt, «so wunderbar europäisch wohlerzogen».5 Als Dichter war er in Deutschland und deshalb auch den meisten Mitgliedern des Stiftungsrats relativ unbekannt. Ein Referat musste ihn dem Komitee daher erst vorstellen. Obwohl einige Mitglieder Aimé Cesaire für den größeren dunkelhäutigen Dichter hielten und Senghors literarische Betätigung fast zwanzig Jahre zurücklag, sprach prinzipiell nichts gegen ihn – aber auch keine zwingenden Gründe für ihn. Ein Mitglied des Gremiums sah in der Wahl daher ei- 4 Vgl. ebd., S. 116f. 5 Peter Weidhaas: Und schreib meinen Zorn in den Staub der Regale. Jugendjahre eines Kulturmanagers, Wuppertal 1997, S. 124. 104 Archiv ne «gewisse Unverbindlichkeit» und eine «Verlegenheitslösung».6 Als Präsident des Senegals war Senghor der erste Staatsmann im Amt, der mit dem Preis ausgezeichnet werden sollte. Mit Verweis darauf, dass der Senegal eines der stabilsten Länder in dem von Krieg heimgesuchten Afrika sei und Senghor auch schon zweimal als Präsident wiedergewählt worden war, zerstreute der Stiftungsrat eigene Bedenken und ging etwas leichtfertig davon aus, dass er wohl in der Lage sei, sein humanitäres Programm auch in die Praxis umzusetzen: Am Ende könne man von Deutschland aus ja kaum feststellen, wie es um die Verhältnisse im Senegal tatsächlich stehe. Zuletzt verständigte sich der Ausschuss darauf, «dass es nicht Aufgabe des Buchhandels sei, eine staatsmännische Leistung für den Frieden auszuzeichnen, sondern eine Leistung für den Frieden, die aus dem Geist mit den adäquaten Mitteln herauswirke. Senghor habe sehr oft auf der Vorschlagsliste gestanden, man sollte ihn jetzt auszeichnen, ehe es zu spät sei».7 Damit war die Sache entschieden. Während der Stiftungsrat geeignete Kandidaten suchte, beschloss der Sozialistische Deutsche Studentenbund die Bühne des Friedenspreises für großangelegte Protestaktionen zu nutzen, gleich wer den Preis erhalten sollte.8 Als die Zeitungen meldeten, dass Senghor den Preis akzeptiert habe, fand sich der SDS überrumpelt. Ihren Meinungsführern um den Adorno-Schüler Hans-Jürgen Krahl sagte der Name zunächst ebenfalls nichts. Die späteren Protestaktionen richteten sich denn auch allein gegen die Realpolitik im Senegal. Senghor hatte dort Arbeiter- und Studentenproteste gewaltsam niederschlagen lassen. Der Vorwurf des SDS lautete, der Präsident herrsche im Sinne des Neokolonialismus und nach europäischen Maßstäben nicht demokratisch. Senghor regiere in diesem Sinne zu ‹afrikanisch›. Mit einem Flugblatt rief der SDS zum Widerstand auf: «Wir werden der philosophierenden Charaktermaske des französischen Imperialismus, der mit Goethe im Kopf und dem Maschinengewehr in der Hand die ausgebeuteten Massen seines Volkes unterdrückt, den Weg in die Paulskirche versperren.»9 So kam es am Sonntag der Preisverleihung zu erheblichen Tumulten. Rund 1500 Demonstrierende blockierten den Weg zur Paulskirche, so dass ein großes Polizeiaufgebot Senghor den Weg bahnen musste.10 6 Stiftungsrat des Friedenspreises: Protokoll zur Sitzung vom 27.02.1968. Archiv für Stadtgeschichte Frankfurt/M., Sig. W2/9:67, S. 18f. 7 Ebd., S. 19. 8 Vgl. Taubert: Mit Büchern die Welt erlebt, S. 106. 9 SDS: Flugblatt vom 20.09.1968, Archiv für Stadtgeschichte Frankfurt/M., Sig. V 112-4. 10 Vgl. dazu Wolfgang Kraushaar: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946 bis 1995. Chronik. 3 Bd., Frankfurt/M. 1998, Bd. 1, S. 357–363; Ute Schneider: Literarische und politische Gegenöffentlichkeit. Die Frankfurter Buchmesse in den Jahren 1967 bis 1969, in: Stephan Füssel (Hg.): 50 Jahre Frankfurter Buchmesse 1949–1999, Frankfurt/M. 1999, S. 89–114, hier S. 100–105; Peter Weidhaas: Zur Geschichte der Frankfurter Buchmesse, Frankfurt/M. 2003, S. 230–242; Ulrike Seyer: Die Frankfurter Buchmesse in den Jahren 1967–1969, in: Stephan Füssel (Hg.): Die Politisierung des Buchmarkts. 1968 als Branchenereignis, Wiesbaden 2007, S. 159–241, hier S. 191–209. 105 In seiner Preisrede präsentierte Senghor sein Programm der Négritude (Abb. 1). Als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen nennt er die Lektüre Goethes, während er sich im Zweiten Weltkrieg in deutscher Kriegsgefangenschaft befand. Ein deutscher Leutnant hatte ihm Goethe zu lesen gegeben. Dieser Kontrast zwischen militärischem Aggressor und Kulturvolk stellten für ihn zwei Erscheinungsformen des Deutschen dar, die er nur schwer zusammenbekommen konnte. Sein Nachdenken darüber brachte ihn auf ein grundsätzlicheres Problem: Wie können Völker in ihrer Verschiedenheit so zusammenleben, dass sie nicht in Konflikt miteinander geraten? Mehr noch: Wie können sie nicht bloß koexistieren, sondern ihre Eigenheit bewahren und einander befruchten? Die Antwort auf diese Fragen fand Senghor bei Goethe. Die Kultur und insbesondere die Dichtung, so hatte Goethe in seiner Sturm-und-Drang-Phase erkannt, gehorchten nicht den Regeln einer universellen diskursiven Vernunft, sondern beruhten auf einzigartigen Synthesen aus Vernunft und Ge- Abb. 1 Dankrede von Léopold Senghor zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Sonntag, 22. September 1968, Paulskirche in Frankfurt am Main. Die Laudatio hielt François Bondy. 106 Archiv fühl. Aus ihrer Geschichte ergibt sich die Eigenheit der deutschen Kultur. Das führte den Sturm und Drang zu einer Wiederentdeckung der Volkskultur und Aufwertung der Volksdichtung. Senghor adaptiert diese Ideen für die afrikanischen Kulturen und Literaturen. Er wertet den kolonialistischen Vorwurf um, dass bei afrikanischen Kulturen oft «das Herz über den Verstand» siege und in der Dichtung die «sinnlichen Eigenschaften der Worte» über die Bedeutung gingen.11 Das sei kein Mangel an Vernunft und Kultur, sondern kennzeichne eben deren genuinen Charakter. In der Folge stilisiert er sich selbst zu einer Art zweitem Goethe. Ebenfalls «Schriftsteller und Politiker», habe Goethe in seiner Dichtung den Ausgleich gesucht und das ungebändigte Gefühl des Stürmers und Drängers durch klassizistische Formstrenge gemäßigt.12 Die Form fand er bei den Griechen und bei außereuropäischen Literaturen. Goethe habe sein dichterisches Ausgleichsstreben als Modell für eine Weltkultur angesehen. Im Harmoniestreben des späten Goethe meint Senghor die Idee von «Frieden im schwarzafrikanischen Sinn des Wortes» wiederzuerkennen, wie er sie vertritt: «einen versöhnlichen Zusammenklang (accord conciliant) zwischen verschiedenen, wenn nicht gar gegensätzlichen Elementen».13 Wie Goethe ruft er dazu auf, die globalen Verflechtungen der Kulturen durch Verständigung zu gestalten. Wenn Senghor sich mit Goethe identifiziert, greift er zwar verschiedene Überlegungen auf und denkt sie eigenständig weiter. An zentralen Stellen unternimmt er jedoch Fehllektüren.14 Der Goethe des Sturm und Drang hat sich kaum zur Volksliteratur geäußert, sondern folgte weitgehend Herder.15 Jener hatte eine Zeit der Ursprünge, in der der Nationalgeist noch unmittelbaren Ausdruck fand, unterschieden von der entfremdeten Gegenwart. Aus dieser Anfangszeit haben sich nur vereinzelt noch Gesänge überliefert. In der Gegenwart wirken diese Dichtungen ästhetisch zunächst befremdlich und unzeitgemäß. Weil die Lieder alt sind, können sie jedoch etwas von der Fülle der Ursprünge vermitteln und den Nationalgeist heute erneuern. Das soziale Potential ihrer Wirkung liegt darin, die Menschen im gemeinsamen Gesang wieder zusammenzubringen. 11 Léopold Sédar Senghor: L’Accord conciliant/Die Versöhnung der Gegensätze, in: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hg.): Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1968, Frankfurt/M. 1968, S. 9–21, hier S. 17. 12 Ebd., S. 19. 13 Ebd. 14 Vgl. dazu Michael Kokora Gnéba: «Es wandet niemand ungestraft unter Palmen». Goethe und die Goethezeit im frankophonen Schwarzafrika, Pfaffenweiler 1997; Leo Kreutzer: Léopold Sédar Senghor und Goethe, in: Ders.: Goethe in Afrika. Die interkulturelle Literaturwissenschaft der ‹École de Hanovre› in der afrikanischen Germanistik, Hannover 2009, S. 102–131; Amdaou Oury Ba: Interkulturalität und Perspektive. Zur Präsenz Goethes und Brechts in Themen der kritischen Intelligenz Afrikas – Am Beispiel Senghors und Soyinkas, Hamburg 2006; Ibrahima Diop: Der interkulturelle Dialog. Konzepte des Eigenen und Fremden bei Goethe und Senghor, Hamburg 2014. 15 Vgl. Gonthier-Louis Fink: Art. Volksdichtung, in: Bernd Witte u.a. (Hg.): Goethe Handbuch in vier Bänden, Stuttgart/Weimar 1998, Bd. 4.2, S. 1105–1111. – Der zentrale Text ist Johann Gottfried Herder: Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker [1773], in: Ders.: Werke in zehn Bänden, hg. v. Martin Bollacher, Günther Arnold, Frankfurt/M. 1985–2000, Bd. 2, S. 447–497. 107 Urs Büttner: Re-Import Goethe Wenn Senghor das Konzept der Volksliteratur auf die afrikanischen Verhältnisse überträgt, wären Herder und Goethe vermutlich noch damit einverstanden, die postkoloniale Situation als Entfremdung zu beschreiben. Doch im Übrigen passt die Geschichtskonstruktion nicht. Denn anders als die nordische Volkspoesie sind die afrikanischen Gesänge nie verstummt. Dadurch fehlt die Notwendigkeit und Möglichkeit zu den Ursprüngen zurückzukehren. Die ganze Wirkungsästhetik verliert so ihr Fundament. Gleichen sich Volkspoesie und Gegenwartsliteratur, werden der Voraussage des Modells zufolge, die überlieferten Gesänge im modernen Afrika wohl als eigentümlich vertraut wahrgenommen, aber auch als reichlich schlicht und nicht mehr ganz der heutigen Zeit entsprechend. Das steht ihrer Aneignung eher im Weg. Ihr Altsein bildet mithin keinen Wert in sich, da die Lieder keine historische Kontrasterfahrung produzieren können. Deshalb fällt bei den afrikanischen Dichtungen die soziale Wirkung aus. Auch beim klassischen Goethe überliest Senghor wichtige Details, wenn er dessen Konzept der Weltliteratur zu einer politischen Vision des Kulturaustauschs umdeutet. Wo Goethe überlegt, wie Volksdichtung Teil der Weltliteratur werden kann, klingt das zunächst noch sehr in Senghors Sinn: Es gebe «nur Eine Dichtung», die «unter dem einfachen, ja rohen Volke unwiderstehlich hervor» tritt, «aber auch den gebildeten, ja hochgebildeten Nationen nicht versagt» ist, sodass «das poetische Talent in allen Äußerungen anzuerkennen» sei.16 Doch liest man Goethes Ausführungen zu den Volksliedern des «rohen Volkes» der Serben, zeigt sich, dass er nicht vorbehaltlos befürwortet, ‹alle Äu- ßerungen› als Weltliteratur zu verbreiten. Denn auch wenn «[d]as allgemein Menschliche» sich in den Liedern aller Völker findet, so sind die Lieder doch von unterschiedlicher Qualität. Diese zeigt sich daran, ob die Gesänge «Geist und Verstand, Einbildung und Erinnerungskraft aufregend beschäftigen». Das schaffen Lieder, wenn sie «uns eines ursprünglichen Volksstammes Eigentümlichkeiten in unmittelbar gehaltvoller Überlieferung darbringen». Diese Eigentümlichkeiten werden erkenntlich, wenn die Dichtungen «uns die Localitäten woran der Zustand gebunden ist, und die daraus hergeleiteten Verhältnisse, klar und auf 16 Johann Wolfgang von Goethe: [1826], in: Ders.: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe, hg. v. Karl Richter u.a. München 2006, Bd. 13.1, S. 425. 108 Archiv das bestimmteste vor die Anschauung führen». Denn gelingt ihnen das nicht, finden sie «unter fernerem Himmel kein eigentliches Interesse» und das Publikum lehnt sie als «seltsam» und «widerwärtig» ab.17 Die serbischen Volkslieder erfüllen in Goethes Augen diese Kriterien. Doch wie sieht es mit afrikanischer Poesie aus? Geht man von der Richtigkeit der Voraussage des von Senghor abgewandelten Modells aus, dürfte eine Volksdichtung, die schon in der eigenen Kultur so wenig Wirkung erzeugt, von Goethe kaum eine Empfehlung als Weltliteratur erhalten. Überträgt man diesen Befund auf die Ausweitung von Goethes Weltliteraturkonzept zur Grundlage eines globalen Kulturaustauschs, wie ihn Senghor skizziert, dann müssten die afrikanischen Kulturen davon ausgeschlossen bleiben. Im Grunde untergräbt Senghor daher mit seinem verkürzten, rein affirmativen Bezug auf Goethe seine eigene Argumentation. Goethe muss aber nicht den Maßstab bilden. Senghors vermeintliche Fehllektüre lässt sich auch als stillschweigende Korrektur an Goethe verstehen. Die afrikanische Dichtung scheint anders als die Voraussage des Volksliteraturmodells ganz offensichtlich Wirkung zu erregen und zwar nicht nur innerhalb der eigenen Kulturen, sondern vielleicht sogar größere in Europa, dem Kontinent der ehemaligen Kolonialmächte, das heißt in weltliterarischen Maßstäben. Insofern kommt das über zweihundert Jahre alte Modell in einer postkolonialen Welt offensichtlich an die Grenzen seiner Beschreibungsfähigkeit. Deshalb sind Senghors Korrekturen auch nicht bloß Umakzentuierungen innerhalb von Goethes Ansatz, sondern er ersetzt dessen Modell durch sein eigenes. Letztlich teilt er mit dem deutschen Nationaldichter kaum mehr als das Anliegen, dass globalisierte Literaturen fernab ihrer Entstehungszusammenhänge befruchtend wirken und zur Verständigung zwischen den Kulturen beitragen sollen. Senghor verbeugt sich vor seinem deutschen Publikum aber nicht nur dadurch, dass er auf die Inspiration durch Goethe verweist. Er senkt sein Haupt sehr viel tiefer, wenn er so weit geht, letztlich Goethe zum Autor seines eigenen Konzepts der Négritude zu machen. Das ist ein raffinierter literaturpolitischer Zug. Denn in dieser Geste liegt ein subversives Moment. Senghor 17 Johann Wolfgang von Goethe: Serbische Lieder [1825], in: Ders.: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe, hg. v. Karl Richter u.a. München 2006, Bd. 13.1, S. 408–418, hier S. 408f. 109 Urs Büttner: Re-Import Goethe wehrt sich so gegen die Vereinnahmung durch den Börsenverein. Vordergründig bedient er zwar dessen Erwartungen und plädiert in seiner Sonntagsrede in gewohnten Bahnen für das Gute, Wahre und Schöne. Doch markiert er dabei sehr genau jene Diskursmuster der Preisreden, die rassistisch sind. Auf diese Weise führt er dem Börsenverein auf offener Bühne kritisch dessen Ressentiment und seine blinden Flecken vor Augen und zwar so geschickt, dass dieser ihm am Ende dafür noch Beifall spenden wird. Seine Preisrede schließt Senghor mit einer überraschenden Volte, die sich als Entgegnung auf die Vorwürfe des SDS verstehen lässt. Senghor stellt die fortdauernde wirtschaftliche Ausbeutung Afrikas, die immer wieder zu Konflikten führt, nicht in Abrede. Doch fragt er angesichts des «Waffengeklirrs» des Kalten Krieges, «das in Europa die alten Gegensätze und Bitterkeiten wieder aufleben läßt», nach der Berechtigung eines europäischen Urteils über die afrikanischen Kriege.18 Ihm geht es dabei um Grundsätzliches: Wenn es nicht einmal westlichen Demokratien gelingt, keine Kriege mehr zu führen, stehen zwar nicht prinzipiell deren Bewertungsmaßstäbe in Frage, doch laufen sie leicht Gefahr, zu selbstgewiss gesetzt zu werden. Und das führt schnell zu Blindheit, Arroganz und Totalverurteilungen. Senghor wendet sich deshalb gegen europäische Universalismusansprüche und schlägt ein wechselseitiges Lernen aus den unterschiedlichen Stärken und Schwächen Europas und Afrikas vor. Am Tag nach der Preisverleihung reist Senghor nach Bonn. Um 12:15 Uhr sieht das Protokoll ein Treffen mit Bundeskanzler Kiesinger vor, anschließend ein Bankett im Bundeshaus. Als die beiden Staatsführer sich dem eingedeckten Saal nähern, warten die geladenen Gäste schon. Viele graumelierte Herren, ein paar schwarze Militärs, als einzige Frauen eine Gesandte der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft und die Schriftstellerin Luise Rinser. Nachdem alle an der Tafel Platz genommen haben, begrüßt der Bundeskanzler seinen Gast mit einer Tischrede: «Er sagt», erinnert sich Rinser, «als Bub habe er sich gewünscht, Politiker und Dichter zu werden; leider sei er nur eines davon geworden. (Pause. Es wird uns Zeit gelassen, zu lachen. Wir tun es. Mä- ßig.) Hier einstudierter, abgesprochener Zwischenruf Schröders: ‹Aber Herr Bundeskanzler, Sie sind doch Dichter geworden. Sie 18 Senghor: L’Accord conciliant/ Die Versöhnung der Gegensätze, S. 21. 110 Archiv haben Gedichte geschrieben!› Kiesinger schaut in einer Mischung aus Erstaunen (woher mag Schröder das wissen…), Bescheidenheit und Verlegenheit (alles gespielt) noch mehr beiseite als vorher. ‹Ja, ich habe, als ich jung war, Gedichte geschrieben. Sie sind sogar gedruckt worden in einer Stuttgarter Zeitung. Aber reden wir nicht davon. Sie, Herr Staatspräsident Senghor, sind wirklich beides: Dichter und Politiker.›»19 Senghor überspielt gekonnt die peinliche Situation: «Herr Bundeskanzler, Sie haben gesagt, daß Sie ihren Traum nicht verwirklicht haben, Politiker und Dichter zu sein. Ich glaube allerdings, daß Sie Ihren Traum verwirklicht haben, und ich bin im Übrigen sicher, daß ihre Biographen später nach Ihren Jugendgedichten forschen werden. Denn sie werden dort die, wenn Sie so wollen, Grundlinien Ihrer persönlichen Entwicklung und Ihres ganzen zukünftigen Handelns finden.»20 Das Kompliment ist mehr als eine höfliche Geste, projiziert doch Senghor ähnlich wie tags zuvor bei Goethe im Grunde das Verständnis seiner eigenen Politik nun auf Kiesinger. Im Weiteren betont er zwar die Bedeutung wirtschaftlicher, sozialer und administrativer Zusammenarbeit für die Schaffung einer friedlichen Welt. Doch eine Kulturpolitik, wie sie sich dieser Tage zwischen dem Senegal und der Bundesrepublik zeige, sei ein nicht minder wichtiges Instrument, die postkoloniale Nachkriegsordnung zu gestalten. Er vertraue daher in die Macht des Wortes. Politik ist die Fortführung der Dichtung mit anderen Mitteln: «Der Dichter ist nicht derjenige, der Zeilen und Reime aneinanderreiht. Dichter ist, wer klarsichtig in die Zukunft blickt. Dichter ist der, der die Zukunft gestaltet. Es ist in Wirklichkeit der Dichter, der handelt.»21 19 Luise Rinser: Baustelle. Eine Art Tagebuch 1967–70, Frankfurt/M.1970, S. 70f. – Rinsers Bericht weicht von der publizierten Fassung der Rede ab. Vgl. Kurt Georg Kiesinger: 23.9.1968. Würdigung des Repräsentanten afrikanischen Geistes. Tischrede beim Besuch des senegalesischen Präsidenten Senghor, Bonn, in: Ders.: Die große Koalition 1966–1969. Reden und Erklärungen des Bundeskanzlers., hg. v. Dieter Oberndörfer, Stuttgart 1979, S. 205–207. 20 Léopold Sédar Senghor: «Bereichert, weil wir vor uns Menschen haben, die trotz aller Stürme ruhig zu bleiben wissen», in: Dieter Oberndörfer (Hg.): Begegnungen mit Kurt Georg Kiesinger. Festgabe zum 80. Geburtstag, Stuttgart 1984, S. 426–429, hier S. 427. 21 Ebd.

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«Ich kann leider nur bis kurz nach 12 hier sein, weil ich dann Herrn Senghor hier habe», entschuldigt sich Bundeskanzler Kiesinger in der montäglichen Bonner Fraktionssitzung. «Sie wissen, daß gegen diesen Mann gestern wieder in Frankfurt von einer kleinen Gruppe dieser Radikalinskis Demonstrationen stattgefunden haben. […] Natürlich hat das Fernsehen wieder die Funktion erfüllt, einen solchen Vorfall dann sozusagen in der ganzen Welt bekanntzumachen. […] Was für ein Schaden durch derartige Demonstrationen angerichtet wird, brauche ich nicht darzustellen. Senghor ist einer der geachtetsten Staatsmänner Afrikas, ein in der Welt geachteter Staatsmann, und in ihm wird Afrika selbst beleidigt.» Am Tag zuvor war der Dichter und amtierende Präsident des Senegal unter Protesten von Studierenden in der Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden.

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Die Zeitschrift für Ideengeschichte fragt nach der veränderlichen Natur von Ideen, seien sie philosophischer, religiöser, politischer oder literarischer Art. Herausragende Fachleute aus allen Geisteswissenschaften gehen in Originalbeiträgen der Entstehung, den zahlreichen Metamorphosen, aber auch dem Altern von Ideen nach. Dabei erweist sich manch scheinbar neue Idee als alter Hut. Und umgekehrt gilt es, in Vergessenheit geratene Idee neu zu entdecken.

Die internationale Politik der letzten Jahre, die sich erneuernden Wertedebatten und die intensiv erlebte Wiederkehr der Religionen lassen keinen anderen Schluß zu: Die politische und kulturelle Gegenwart wird von Ideen geprägt, spukhaft oft, doch mit enormer Wirksamkeit. Wer diese Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, Ideengeschichte zu treiben.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wendet sich an die gebildete Öffentlichkeit. Darüber hinaus strebt sie als Forum der Forschung und Reflexion eine fachübergreifende Kommunikation zwischen allen historisch denkenden und argumentierenden Geisteswissenschaften an.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wird von den drei großen deutschen Forschungsbibliotheken und Archiven in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sowie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin gemeinsam getragen. Mögen die Quellen der Zeitschrift im Archiv liegen, so ist ihr intellektueller Zielpunkt die Gegenwart. Sie beschreitet Wege der Überlieferung, um in der Jetztzeit anzukommen; sie stellt Fragen an das Archiv, die uns als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts beschäftigen.