Karl-Heinz Kohl, Mythos Heinrich. Eine Erinnerung in:

Zeitschrift für Ideengeschichte, page 125 - 126

ZIG, Volume 15 (2021), Issue 1, ISSN: 1863-8937, ISSN online: 1863-8937, https://doi.org/10.17104/1863-8937-2021-1-125

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C.H.BECK, München
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125 Eigentlich war es nur die für die Generation von 1968 typische Verweigerungshaltung, die meinem Entschluss zugrunde lag, mich gleich nach dem Abitur in Erlangen für ein so brotloses Fach wie die Religionsgeschichte einzuschreiben. Die Wahl habe ich nicht bereut, aber die großen Ereignisse spielten sich damals woanders ab. So beschloss ich, mein Studium in der Stadt fortzusetzen, von der die Studentenbewegung ihren Ausgang genommen hatte, und fand mich im Oktober 1970 in einem drängend vollen Hörsaal der Freien Universität wieder, in dem ein kleiner Mann in hellblauem Anzug frei redend vor dem Pult auf und ab schritt, während sich aus dem Publikum immer wieder Stimmen meldeten, die der seinen so glichen, dass man glauben mochte, er sei in dem großen Raum gleich mehrfach vorhanden. Ich muss gestehen, dass ich anfangs nur wenig verstand. Immerhin bekam ich mit, dass Klaus Heinrich die Geschichte von Kronos, der seinen Vater Uranos entmannte, um dann selbst von seinen Kindern gestürzt zu werden, oder auch die von Gaia, mit der die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts begann, so zu deuten verstand, dass ihre Bezüge zur politischen Lage um 1970 klar hervortraten. Doch musste ich passen, wenn er von den Vorsokratikern bis hin zu Heidegger nachzeichnete, wie in den Denksystemen der großen Philosophen die in den Mythen offen zur Sprache kommenden Konflikte verdrängt wurden, um als unerledigte immer wiederzukehren. Ähnlich erging es mir in den Kolloquien, die in dem gerade einmal wohnzimmergroßen Seminarraum des mit Efeu bewachsenen Institutsgebäudes stattfanden, in dem er 1948 die Freie Universität mitgegründet hatte. Hier konnte ich ihn als Primus inter Pares einer Gruppe von Wissenschaftlern erleben, die zum Teil noch bei seinem Vorgänger Walter Braune studiert hatten: einer Brüderhorde, hinter deren mit ironischem Lächeln vorgetragenen erotischen Anspielungen ich alles Mögliche vermutete. Freud hatte ich damals noch nicht gelesen. Ich tat es aber umso eifriger, je mehr ich in den Bann meines neuen akademischen Lehrers geriet, dessen Höflichkeit, Liebenswürdigkeit und konventionelles Äußeres so wenig zu der rebellischen Haltung passte, die er gegenüber allen falschen Autoritäten, breitgetretenen Denkpfaden und vermeintlichen Gewissheiten einnahm. Klaus Heinrichs Philosophie war auch eine politische Philosophie, die ganz im Zeichen des Widerstands stand, der ihm schon als Jugendlichem in den letzten Tagen des untergehenden NS-Regimes eine Anklage wegen Wehrkraftzersetzung eingebracht hatte. Die Aufarbeitung dieser bis in die sechziger Jahre hinein verdrängten schlimmsten Phase der deutschen Geschichte sollte ihn sein Leben lang beschäftigen. Dass Unterwerfung nicht seine Sache war, mussten auch die Ordinarien der Philosophischen Fakultät erfahren, die seine Habilitation auch deshalb vergeblich zu verhindern suchten. Später sollte er zu einem der engagiertesten Verfechter der Reformuniversität werden. Mitglieder des SDS und der Berliner Protestszene hatten schon früh zu den Besuchern seiner Vorlesungen gehört und sich von ihnen zu mancher spektakulären Aktion anregen lassen. Doch kam seine große Zeit erst, als die Studentenbewegung in mehrere, sich gegenseitig befehdende Fraktionen zu zerfallen begann. Seine Vorlesungen und Seminare wurden zu einem Zufluchtsort für die Studierenden, die an den alten Emanzipationsidealen festhielten und mit den verquasten Ideologien der maoistischen Splitterparteien nichts zu tun haben wollten. Zu seiner wachsenden Gefolgschaft gehörten aber auch Wissenschaftler aus benachbarten geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern: Grenzgänger zwischen den Disziplinen, die sich aus dem enormen Fundus seines klassischen Bildungswissens Inspirationen für ihre eigenen Arbeiten erhofften. Künstler, Schauspieler und Schriftsteller aus der regen Berliner Kulturszene gesellten sich bald dazu. Seine Lehrveranstaltungen wurden Kult, obgleich er vor der Sogkraft des Kultischen immer gewarnt hatte. k a r l-h e i n z kO h l Mythos Heinrich Eine Erinnerung 126 In Heinrichs Religionsphilosophie nahm der aus dem Alten Testament bezogene Bündnis-Begriff einen zentralen Platz ein. «Mythen als Bundesgenossen der Aufklärung» war eine von ihm oft verwendete Formel. Ein Bündnis war auch er mit den Mitgliedern seines engeren Schülerkreises eingegangen. Er gab ihnen ihre Ideen ein, betreute ihre Arbeiten und focht ihre Habilitationen auch dann durch, wenn sie nicht in sein eigenes Fach fielen. Wie gerne hätte er jedem von ihnen eine Stelle gegeben, wären sie an seinem Institut nur nicht so knapp gewesen. Sie vergalten es ihm, indem sie sich wie ein Kordon um ihn scharten. Von Jochen Hörnisch einmal treffend als puer senex charakterisiert, erweckte er bei seinen Schülern offensichtlich den Anschein, dass sie ihn vor seinen Neidern und Gegnern schützen müssten. Und derer gab es in der geschlossenen akademischen Welt der FU viele. Einige seiner Anhänger begleiteten ihn selbst als intellektuelle Leibgarde zu den Vorträgen, die er au- ßerhalb Berlins hielt, denn sie wussten, wie ungern er seine vertraute Umgebung verließ. Doch war dies nichts im Vergleich zu den Leistungen derjenigen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, seine Vorlesungen über fast zwei Jahrzehnte hin auf Tonband aufzuzeichnen, sie samt den Einwürfen aus dem Publikum zu transkribieren und in einer eigenen Reihe herauszugeben. Und dies, obwohl sich ihr sokratischer Lehrer solche Mitschnitte anfänglich im Namen der Würde des vergänglichen Wortes verbeten hatte. Auf diese Weise ist mit den «Dahlemer Vorlesungen» ein in der jüngeren deutschen Universitätsgeschichte einmaliges Konvolut zusammengekommen, das ahnen lässt, wie der Rhetor durch seine Präsenz gewirkt hat. Abb. 1 Einverleibung der Mythen. Der Religionsphilosoph und Vortragskünstler Klaus Heinrich ist am 23. November 2020 in Berlin gestorben. Zeichnung von Klaus Heinrich. Bildnachweis: Abb. 1: © Klaus Heinrich/Galerie Friese, Berlin. Im Februar 2021 erscheint eine Auswahl von Klaus Heinrichs Zeichnungen im ça ira-Verlag. Konzept & Krititk

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Eigentlich war es nur die für die Generation von 1968 typische Verweigerungshaltung, die meinem Entschluss zugrunde lag, mich gleich nach dem Abitur in Erlangen für ein so brotloses Fach wie die Religionsgeschichte einzuschreiben. Die Wahl habe ich nicht bereut, aber die großen Ereignisse spielten sich damals woanders ab.

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Die Zeitschrift für Ideengeschichte fragt nach der veränderlichen Natur von Ideen, seien sie philosophischer, religiöser, politischer oder literarischer Art. Herausragende Fachleute aus allen Geisteswissenschaften gehen in Originalbeiträgen der Entstehung, den zahlreichen Metamorphosen, aber auch dem Altern von Ideen nach. Dabei erweist sich manch scheinbar neue Idee als alter Hut. Und umgekehrt gilt es, in Vergessenheit geratene Idee neu zu entdecken.

Die internationale Politik der letzten Jahre, die sich erneuernden Wertedebatten und die intensiv erlebte Wiederkehr der Religionen lassen keinen anderen Schluß zu: Die politische und kulturelle Gegenwart wird von Ideen geprägt, spukhaft oft, doch mit enormer Wirksamkeit. Wer diese Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, Ideengeschichte zu treiben.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wendet sich an die gebildete Öffentlichkeit. Darüber hinaus strebt sie als Forum der Forschung und Reflexion eine fachübergreifende Kommunikation zwischen allen historisch denkenden und argumentierenden Geisteswissenschaften an.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wird von den drei großen deutschen Forschungsbibliotheken und Archiven in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sowie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin gemeinsam getragen. Mögen die Quellen der Zeitschrift im Archiv liegen, so ist ihr intellektueller Zielpunkt die Gegenwart. Sie beschreitet Wege der Überlieferung, um in der Jetztzeit anzukommen; sie stellt Fragen an das Archiv, die uns als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts beschäftigen.