Ulrike Gleixner, Alexandra Kemmerer, Michael Matthiesen, Hermann Parzinger, Zum Thema in:

Zeitschrift für Ideengeschichte, page 4 - 4

ZIG, Volume 15 (2021), Issue 1, ISSN: 1863-8937, ISSN online: 1863-8937, https://doi.org/10.17104/1863-8937-2021-1-4

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C.H.BECK, München
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Zum Thema 4 Kolonialwaren haben ihren festen Platz in den Schubladen unseres Gedächtnisses. Jahrzehntelang gehörte die Kolonialwarenhandlung zum Bild deutscher Städte, bis sie in den 1970er Jahren von Supermarktketten verdrängt wurde. Erlesenes und Alltägliches, Kakao, Tabak, Gewürze und Zucker wurden hier feilgeboten, später auch alle möglichen anderen Waren des täglichen Bedarfs. Ein sehr deutscher Erinnerungsort des Kolonialen, den der Postkolonialismus nie erreichte. Ein nostalgischer Rückzugsort womöglich, an dem sich bei einem Kännchen Plantagen-Kaffee mit Hochland-Aroma gepflegt über gemeinsame und geteilte Kolonialvergangenheiten, colonial stories und shared histories, parlieren lässt – natürlich auch, so gebieten es guter Ton und geopolitisches Kalkül, mit dem ein oder anderen Vertreter vormals ausgebeuteter Gemeinschaften des Globalen Südens? Die Kolonialware hat es in sich. Exotischer Konsumartikel, kostbares Prestigeobjekt, Beutestück blutiger Kolonialgewalt. Fest eingewoben in imperiale Lieferketten, frei fluktuierend durch koloniale Landschaften. Sie begegnet uns als Schmuckstück und Spezerei, Kunstwerk und Zeremonialobjekt, Rohstoff und Universitätsabschluss, human remain und staatsrechtliche Kategorie, verändert ihre Charakteristika in unterschiedlichen Gebrauchskontexten und Machtkonstellationen. Ihr Begriff entzieht sich, wie Jürgen Osterhammel im Aufmacher zu diesem Themenheft zeigt, allen einfachen definitorischen Festlegungen. Die einst unumstößliche Geltung beanspruchenden Großbegriffe der Globalgeschichte (Zirkulation, Netzwerk) haben in der Pandemie einen Kurssturz erlitten. Die grenzenlose Mobilität ist erlahmt, begehrte Handelswaren wie Tourismus und Bildung sind plötzlich Ladenhüter. Die Pandemie legt schonungslos das zerbrechliche Rückgrat globaler politischer Ökonomien frei. Und ihre dunklen kolonialen Erbschaften, die sich in erdrückenden planetarischen Ungleichheiten fortsetzen. Auch die Ideengeschichte kann sich da nicht mit ein bisschen postkolonialer Gewissenserforschung reinwaschen. «Lasst uns in Ruhe!», rief die nigerianische Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor unlängst den Organisatorinnen der (natürlich virtuellen) vom Auswärtigen Amt geförderten Konferenz Colonialism as Shared History. Past, Present, Future zu, nachdem sie in ihrer Eröffnungsrede ihr vorwiegend deutsches Publikum aufgefordert hatte, den historischen und ideengeschichtlichen Wurzeln des Kolonialismus nachzuspüren, die Ursprünge eines noch heute nachwirkenden Absturzes ins Barbarische zu ergründen, sich mit den zwischen verlassenen Scherben umherstreifenden Gespenstern des Kolonialismus einzulassen – und das erst einmal für sich selbst zu tun, ohne die Nachkommen der Opfer mit leeren Reuebekundungen zu behelligen, solange der globale Raubbau an Mensch und Natur weitergeht. Unser Gespräch mit den Kolonialgespenstern entspinnt sich in unseren Archiven und Bibliotheken, in unseren Museen und im Wissenschaftskolleg. In Wolfenbüttel, Marbach, Weimar – und immer wieder in Berlin. Hier beginnt auch diese postkoloniale Spurensuche, in Weißensee. Ins Schaufenster des ideengeschichtlichen Kolonialwarenladens haben wir das gleichnamige Bild des Fotografen Akinbode Akinbiyi gehängt, das tief in das koloniale Herz blicken lässt – und im Gerümpel der Geschichte den Kitsch unserer Debatten demaskiert. Ulrike Gleixner Alexandra Kemmerer Michael Matthiesen Hermann Parzinger

Zusammenfassung

Kolonialwaren haben ihren festen Platz in den Schubladen unseres Gedächtnisses. Jahrzehntelang gehörte die Kolonialwarenhandlung zum Bild deutscher Städte, bis sie in den 1970er Jahren von Supermarktketten verdrängt wurde. Erlesenes und Alltägliches, Kakao, Tabak, Gewürze und Zucker wurden hier feilgeboten, später auch alle möglichen anderen Waren des täglichen Bedarfs. Ein sehr deutscher Erinnerungsort des Kolonialen, den der Postkolonialismus nie erreichte. Ein nostalgischer Rückzugsort womöglich, an dem sich bei einem Kännchen Plantagen-Kaffee mit Hochland-Aroma gepflegt über gemeinsame und geteilte Kolonialvergangenheiten, colonial stories und shared histories, parlieren lässt – natürlich auch, so gebieten es guter Ton und geopolitisches Kalkül, mit dem ein oder anderen Vertreter vormals ausgebeuteter Gemeinschaften des Globalen Südens?

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Zusammenfassung

Die Zeitschrift für Ideengeschichte fragt nach der veränderlichen Natur von Ideen, seien sie philosophischer, religiöser, politischer oder literarischer Art. Herausragende Fachleute aus allen Geisteswissenschaften gehen in Originalbeiträgen der Entstehung, den zahlreichen Metamorphosen, aber auch dem Altern von Ideen nach. Dabei erweist sich manch scheinbar neue Idee als alter Hut. Und umgekehrt gilt es, in Vergessenheit geratene Idee neu zu entdecken.

Die internationale Politik der letzten Jahre, die sich erneuernden Wertedebatten und die intensiv erlebte Wiederkehr der Religionen lassen keinen anderen Schluß zu: Die politische und kulturelle Gegenwart wird von Ideen geprägt, spukhaft oft, doch mit enormer Wirksamkeit. Wer diese Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, Ideengeschichte zu treiben.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wendet sich an die gebildete Öffentlichkeit. Darüber hinaus strebt sie als Forum der Forschung und Reflexion eine fachübergreifende Kommunikation zwischen allen historisch denkenden und argumentierenden Geisteswissenschaften an.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte wird von den drei großen deutschen Forschungsbibliotheken und Archiven in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel sowie dem Wissenschaftskolleg zu Berlin gemeinsam getragen. Mögen die Quellen der Zeitschrift im Archiv liegen, so ist ihr intellektueller Zielpunkt die Gegenwart. Sie beschreitet Wege der Überlieferung, um in der Jetztzeit anzukommen; sie stellt Fragen an das Archiv, die uns als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts beschäftigen.