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Kathrin Winter, Maria Backhaus: Mord(s)bilder – Aufzählungen von Gewalt bei Seneca und Lucan. in:

Gnomon, page 222 - 224

GNO, Volume 93 (2021), Issue 3, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-3-222

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C.H.BECK, München
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K. Winter: Backhaus, Mord(s)bilder 222 Maria Backhaus: Mord(s)bilder – Aufzählungen von Gewalt bei Seneca und Lucan. Berlin/Boston: de Gruyter . IX, S. (Millennium-Studien. .) , €. Die Dissertationsschrift von Maria Backhaus (B.) beschäftigt sich mit drei Themenfeldern, die in den letzten Jahren in anderen Zusammenhängen viel diskutiert worden sind: Listen oder Aufzählungen, Gewaltdarstellungen und Anschaulichkeit. An der Schnittstelle dieser drei Bereiche untersucht B. Passagen aus Senecas De Ira und die Rückschau aus dem zweiten Buch von Lucans Bellum Civile, aus zwei Texten also, deren Auflistungen von Gewalttaten zwar oft kritisiert, aber als in planvoller Absicht gesetzter ästhetischer Ausdruck nie hinreichend ernst genommen worden sind. Die Arbeit setzt an dieser Stelle an und formuliert das Ziel, diese Texte vorurteilsfreier zu lesen und ihre Gestaltung im Kontext der zeitgenössischen Literaturproduktion und -rezeption zu betrachten. Neben einer kurzen Einleitung, die einen knappen Überblick über die bisherige Forschung und über den Aufbau der Arbeit gibt, und einem Fazit umfasst die Arbeit drei Teile: drei Kapitel mit theoretischen Darlegungen (Kap. – ), ein Kapitel zu Senecas De Ira (Kap. ) und eines zu Lucans Bellum Civile , – (Kap. ). Alle drei Teile zeichnen sich dadurch aus, dass die Autorin den Text sehr detailliert analysiert und dabei eine große Bandbreite von antiken Texten berücksichtigt, die zur Kontextualisierung herangezogen werden. In dieser Breite und Fülle liegen sowohl Vorteil als auch Nachteil der Arbeit: Auf der einen Seite ist der Hintergrund, der dadurch skizziert wird, weit gefasst und erhellend, auf der anderen Seite führen die vielen Details zuweilen dazu, dass die Stringenz der Darstellung verloren geht. Die theoretischen Überlegungen bewegen sich, wie es der Titel der Arbeit ankündigt, zwischen zwei Polen: Aufzählungen und Rezeption von Gewaltdarstellungen. Als ein dritter Aspekt, der mit beiden Seiten verknüpft ist, tritt die Anschaulichkeit hinzu, die einerseits durch Aufzählungen hervorgerufen werden und andererseits wesentlich zur Schaulust beitragen kann. In Kapitel , ‘Aufzählungen und Anschaulichkeit bei Quintilian’, wird zunächst die unübersichtliche Vielfältigkeit der Begriffe (Aufzählung, Liste, Gruppe, Reihe, Katalog usw.) sortiert und die in der Arbeit verwendete Terminologie destilliert. Dies geschieht anhand der von Quintilian beschriebenen Begriffe und Kategorien. B. zeigt hier insbesondere zwei (gegensätzliche) Ausprägungen, die beide eine Form der Intensivierung bewirken: die Reduktion oder Verkürzung, bei der Informationen auf das Wesentliche konzentriert werden, und die amplificatio oder Verstärkung, die mithilfe von Häufungen und Wiederholungen erreicht wird. Durch die Anbindung an die Rhetorik ist auch die Funktion von Aufzählungen als Mittel der Veranschaulichung und Verlebendigung schnell festgelegt. An die Begriffsklärung schließt sich eine Besprechung der antiken Reflexion von Aufzählungen und Anschaulichkeit an; hierfür werden die bei Quintilian diskutierten Beispiele für Anschaulichkeit (Inst. Or. , , – ) besprochen und dabei die darin enthaltenen Aufzählungsstrukturen dargelegt. Kapitel , ‘Schaulust und Staunen: Antike Autoren über die Rezeption von inszenierter Gewalt’, widmet sich vor allem den meist negativ bewerteten Aspekten des Staunens und Lustempfindens und spannt dabei einen großen Bogen von allgemeinen Einlassungen zur Schaulust über die Emotionalisierung in der Arena und im Theater, d.h. über die gemeinsame Betrachtung realer und fiktiver Gewalt, GNOMON 3/93/2021 K. Winter: Backhaus, Mord(s)bilder 223 zur Frage nach den Empfindungen des Rezipienten (und zwar in modernen und antiken Ansätzen). In dieser kurzen und sehr interessanten Sektion wird mittels neuerer, kognitionswissenschaftlicher Erkenntnisse die Frage in den Blick genommen, ob sich Emotionen in realen Situationen von solchen in ästhetischen Repräsentationen unterscheiden, eine Frage, die auch mit modernen Ansätzen nicht eindeutig zu klären ist, aber von Seneca und Augustinus tendenziell bejaht wird. (B. macht in diesem Zusammenhang auf einen sehr interessanten Umstand aufmerksam, nämlich die Tatsache, dass die Frage nach Realität und Fiktionalität die Antike nicht so stark umgetrieben zu haben scheint wie die heutige Zeit; leider wird diese spannende Beobachtung nicht weiter verfolgt.) Im Anschluss werden weitere Fallbeispiele angeführt, die eine Kritik vor allem am genießenden Zusehen bei Gewalt aufkommen lassen: in luxuriös-manieristischen Vermischungen von Kunst und Leben und in Gewaltdarstellungen in der Historiographie. Dieses Kapitel ist ein gutes Beispiel für die oben erwähnten Vor- und Nachteile von Fülle und Detail: Es beinhaltet zwar ein beeindruckendes Repertoire von antiken Autoren und Texten (von Platon bis Augustin), stellt sie jedoch in einer lose thematischen Weise als «diachrone Schlaglichter» (S. ) nebeneinander. So faszinierend jedes einzelne dieser Schlaglichter ist, ein geradliniger Argumentationsduktus stellt sich hier nicht ein. Kapitel , ‘Aufzählung und Reduktion von exempla’, bringt die zuvor vermittelten Grundlagen zur Anwendung. Während gerade exempla durch ihre Bekanntheit die Gefahr bergen, etwa durch eine stereotype Darstellung Langeweile aufkommen zulassen, zeigt das Kapitel, wie die veranschaulichenden Mittel in Aufzählungen das verhindern: Beispiele aus Senecas Briefen – Aufzählungen von Todesarten, Folter und Schmerzbeschreibungen – illustrieren, wie das Problem einerseits durch eine Reduktion, indem z.B. ein bekannter Name mit einem einzigen Gegenstand verknüpft wird, um so den Kern eines Narrativs bildhaft zusammenzufassen, andererseits durch die Ansprache der phantasia des Rezipienten umgangen werden kann. Gleichzeitig interpretiert B. die Funktion von Anschaulichkeit in den gegebenen Beispielen als meditatio und Aufforderung zur Reflexion. Der Anschaulichkeit exzessiver Gewalt wird damit eine didaktische Funktion beigemessen, die sie wiederum in die Philosophie einbindet. Der zweite Teil des Buches (Kap. ), ‘Anschauliche Aufzählungen und exempla- Reihen tödlicher Gewalt in Sencas De Ira’, geht in drei Teilen der Frage nach, wie Aufzählungen in Senecas De Ira Anschaulichkeit erzeugen. Den Anfang machen listenförmige Beschreibungen, die mithilfe verschiedener Mittel die phantasia des Lesers steuern; dazu gehören Verweise auf das Theater oder Visualisierungen, die durch intertextuelle Bezüge zur Dichtung noch intensiver wirken. Diese Strategien dienen der meditatio irae, also als vorbeugende, reflektierende Maßnahme, und zielen darauf, die Erkenntnis zu vermitteln, dass ira keinerlei positive Aspekte besitze. Im zweiten Schritt werden exempla-Reihen aus De Ira in den Blick genommen und insbesondere Zusammenhänge zu Machthabern hergestellt; ira, so illustrieren es die enumerativen Beispiele, entwickelt sich leicht zu feritas, deren bestes Beispiel Tyrannen sind. In deren Besprechung werden vor allem der literarische Hintergrund und die Darstellung derselben Figuren bei anderen Autoren berücksichtigt, um aufzuzeigen, welche Schwerpunkte Seneca in seiner eigenen Darstellung setzt und mit welcher Subtilität die aufzählende Reihe gestaltet ist. Im GNOMON 3/93/2021 K. Winter: Backhaus, Mord(s)bilder 224 dritten Teil wird die bislang vernachlässigte, sehr lange exempla-Reihe aus De Ira genau untersucht. Auch hier liegt der Fokus auf Herrschern, die ihrer ira nachgeben und ihre Macht missbrauchen, auch hier sind die literarische Einordnung und der Vergleich der senecanischen Darstellung mit den Darstellungen v.a. bei Historiographen von großer Bedeutung. Der Einsatz von Humor als Waffe in der Darstellung Caligulas ist ein sehr überzeugender und präzise herausgearbeiteter Aspekt in B.s Analyse. Die enumerativen Strukturen dienen, so B.s Fazit, nicht nur der Verstärkung der Grundaussage, sondern auch der Vermittlung empfehlenswerter Prinzipien, die sich an den Rezipienten wie auch an den Herrscher richten. Im letzten Teil der Arbeit (Kap. ), ‘Aufzählende Beschreibungen tödlicher Gewalt in Lucans Bellum Civile . – ’, wird anhand der Rückschau in Lucans Epos illustriert, wie in der dargestellten Gewalt weniger durch Häufung als durch Reduzierung eine Intensivierung erreicht wird. B. fasst die Rückschau als ein ‘Ergänzungsspiel’ auf, bei dem bewusst nur wenige Informationen gegeben oder Lücken gelassen werden, die der Rezipient schließen muss. Dem Ziel, diesen Mechanismus zu zeigen, dienen auch in diesem Kapitel detailreiche Analysen und Vergleiche mit Darstellungen derselben Figur bei anderen Autoren, vorzugsweise Historiographen und Cicero; wie im vorangegangenen Teil spielen auch hier intertextuelle Bezüge, wie etwa Vergils Darstellung von Priamus’ Tod bei Lucans Zeichnung von Scaevolas Ende, eine wichtige Rolle. Ein neuer und anregender Aspekt, der in der Besprechung von Gratidianus’ Zerstückelung zur Sprache kommt, ist die Bedeutung des kulturellen Hintergrundes und der Sehgewohnheiten des Betrachters. B. stellt hier einen Vergleich mit einer chinesischen Hinrichtungsmethode namens ‘Ling Chi’ an, bei der ein Verurteilter verstümmelt und schließlich enthauptet wird. Diese Hinrichtungsmethode wurde von Europäern aufgrund ihrer eigenen Sehgewohnheiten mit Begriffen der christlichen Kreuzigung und Marter beschrieben, was dem Kontext und Sinn dieser Strafe nicht angemessen ist. B. weist darauf hin, dass Lucans Darstellung von Gratidianus’ Tod nicht nur nicht den heutigen Sehgewohnheiten entspricht und die Deutung dieser Todesdarstellung deswegen schwerfällt, sondern dass sie durch zahlreiche Anspielungen sogar ein Überangebot an Deutungen herstellt. Man fragt sich allerdings an dieser Stelle, ob die kulturell geprägte Abhängigkeit von Sehgewohnheiten nicht auch im gleichen Maße für die exempla-Reihen in De Ira veranschlagt werden müsste. Das Buch hat einen leserfreundlichen Duktus, ist gut redigiert und voller interessanter Einsichten; ganz lesen werden es aber sicherlich nur die wenigsten. Sein Wert liegt einerseits in der präzisen Arbeit mit den Primärtexten, die gewinnbringend ist, auch wenn man sich manchmal wünschte, dass die Interpretation der Anschaulichkeit exzessiver Gewaltdarstellungen an der einen oder anderen Stelle über gewohnte Deutungsmuster hinausginge. Andererseits bieten die zahlreichen Verweise auf und Bezüge zu anderen Texten viele Facetten und reiches Material zur Kontextualisierung und zur weiterführenden Auseinandersetzung. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Arbeit ein Index locorum fehlt: Gerade weil hier so viele verschiedene Texte und Autoren als Belege angeführt werden, wäre ein Stellenindex wichtig, um das Buch auch für die Lektüre anderer enumerativer Texte als Senecas De Ira und Lucans Rückschau zu einer informativen und hilfreichen Anlaufstelle zu machen. Das Potential dafür hätte es. Heidelberg Kathrin Winter GNOMON 3/93/2021

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Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

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