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Elisabeth Rinner, Richard J. A. Talbert: Roman Portable Sundials. The Empire in Your Hand. in:

Gnomon, page 235 - 240

GNO, Volume 93 (2021), Issue 3, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-3-235

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C.H.BECK, München
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B. Bleckmann: Walther, M. Fulvius Nobilior 235 Circus Flaminius errichtet wurde. Bei der Frage nach Vorbildern für die Ausstellung der Statuenbeute hat Walther nur Marcellus im Blick. Auch wenn man also in diesem und anderen Fällen möglicherweise die Bedeutung der Ambrakia-Affäre für die Entwicklung medialer Strategien relativieren kann, bleibt die Auseinandersetzung mit dem anregenden Buch von Walther lohnend. Auf die vielen Diskussionsbeiträge, die Walther in seinem Buch zur politischen Kultur der mittleren Republik beisteuert, kann in dieser Rezension leider nicht eingegangen werden. Dies gilt etwa für die Frage der religiös motivierten Wiederholung von Spielen, der sogenannten instauratio, wo Walther gegen Frank Bernstein die politische Manipulation zur Erhöhung der Wahlchancen ausschließt und den ausschließlich religiösen Hintergrund betont,1 oder auch für die Diskussion der im Hercules-Tempel ausgestellten fasti, deren Bedeutung für die Entwicklung der Gattungsgeschichte und Memorialkultur er gegenüber Jörg Rüpke stark relativiert.2 Düsseldorf Bruno Bleckmann * Richard J. A. Talbert: Roman Portable Sundials. The Empire in Your Hand. Oxford: Oxford UP 2017. XXIII, 236 S. zahlr. Abb. 22 Ktn. 35,99 £. Mit der Entscheidung, eine Sonnenuhr nicht zum Gebrauch an nur einem Ort zu entwerfen, an dem sie fest installiert wird, sondern sie tragbar, überregional und ad hoc einsetzbar gestalten zu wollen, erhöhen sich die Komplexität des technischen Problems und die Anforderungen an den Nutzer. Die Uhr muss so ausgestaltet sein, dass sie für die Anzeige der Zeit in einem gewünschten Zeitsystem den zu einem gegebenen Zeitpunkt für jeden Ort spezifischen Sonneneinfall geeignet nutzen kann. Des Weiteren muss das Instrument bei jedem Gebrauch von neuem gegenüber der Sonne ausgerichtet werden. Die Realisierung beider Aspekte ist eng aneinandergekoppelt. Tragbare Sonnenuhren der römischen Antike, von denen uns heute 23 bekannt sind, sind so konzipiert, dass in die Zeitanzeige nur die Höhe der Sonne über dem Horizont eingeht. Die Ausrichtung der Objekte, die meist als am Rand aufgehängte oder auf einem verbreiterten Rand stehende vertikale Kreisscheiben umgesetzt wurden, besteht darin, sie so um die vertikale Achse zu drehen, dass sich die Sonne in derselben Ebene befindet. Dies kann durch die Beobachtung des Schattenwurfs kontrolliert werden. Im benutzten jahreszeitlichen Zeitsystem, das den lichten Tag zwischen Aufund Untergang der Sonne in zwölf je gleichlange, sich im Lauf des Sonnenjahrs mit der Zu- und Abnahme der Tageslänge variierende Stunden unterteilt, erfolgt die Zeitbestimmung unabhängig von der geographischen Länge. Bestimmend für den Schattenwurf sind dagegen die jährliche Variation des Sonnenstands und die geographische Breite. Die tragbaren römischen Sonnenuhren berücksichtigen genau 1 Walther, 156. 2 Dass der Kalender des Nobilior in irgendeiner Weise Vorbild für die fasti Antiates maiores war, bestreitet Walther, 223. Die Überhöhung des Nobilior zum primus inventor bei der Kombination von Kalender und Beamtenliste bricht damit zusammen. Walther, 226 entzieht allen Spekulationen über Nobilior als Pythagoräer den Boden. GNOMON 3/93/2021 E. Rinner: Talbert, Roman Portable Sundials 236 diese beiden Faktoren: Bei allen weisen die Liniennetze der Anzeigen eine in der Regel beschriftete Datumskomponente auf, die der Nutzer bei den meisten Typen auf den richtigen Tag einstellen muss. Für die Berücksichtigung der Breite werden unterschiedliche Wege gewählt. Ein Teil der Instrumente erlaubt es, die Uhr an beliebige Breiten innerhalb eines Intervalls anzupassen, andere besitzen mehrere unterschiedliche Anzeigenblätter, die in die Hauptkomponente der Uhr eingesetzt werden, wieder andere kommen ohne Variationsmöglichkeit aus. Indem die Breite als zentraler Einstellungsparameter auftritt, kommt der Nutzer einer tragbaren Sonnenuhr in unmittelbaren Kontakt mit einem theoretischen Konzept, dessen zentrale Inhalte und lange und wandlungsreiche Geschichte u.a. mit der Herausbildung von Systemen von Parallelkreisen uns durch Schriften der antiken griechischen Astronomie und Geographie bekannt sind. Inwieweit und auf welche Weise dieser Wissensbereich im Lauf der Zeit die Raumvorstellung eines breiteren, nicht spezialisierten Personenkreises geprägt hat, dem auch Nutzer und Hersteller von Sonnenuhren angehören, sind Fragen, die in der vorliegenden Monographie von Richard J. A. Talbert das erste Mal untersucht werden. Darüber hinaus zielt er auf eine Identifizierung des Nutzerkreises und der Motivation zum Besitz eines solchen Instruments ab, um so ein umfassendes Bild des intellektuellen und sozialen Umfelds der tragbaren Sonnenuhren früheren Arbeiten, die sich auf eine Analyse der mit der Zeitmessung verbundenen Aspekte konzentrieren, entgegenzustellen.1 14 der 23 bekannten tragbaren Sonnenuhren stellen dafür eine besonders reichhaltige Quellenbasis dar, denn dort sind griechisch- oder lateinischsprachige Listen mit Angaben zur Breite von bis zu 36 Orten in einem weiteren Sinn (Städte, Provinzen, Regionen und Länder) oder bis zu zwei Ortsnamen bei jeder der austauschbaren Scheiben eingraviert, ohne dass sich die Auswahl mit technischen Eigenschaften erklären lässt. Diese Datenbasis wird um zwei weitere Objekte mit ähnlichen Listen ergänzt, die manche demselben Quellkorpus zuordnen,2 obwohl sie zur Messung anderer astronomisch-geographischer Größen konzipiert sind, ohne ein Ablesen der Zeit zu ermöglichen.3 Ausgehend von den Kontexten der erhaltenen Objekte richtet der Autor den Fokus auf die römische Kaiserzeit. Die Monographie beginnt mit einem einführenden Kapitel (‘Sundials and Their Place in the Roman Empire’), in dem tragbare Sonnenuhren vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Zeitmessinstrumente und dem antiken Stundenkonzept verortet werden, bevor die Funktionsweisen der unterschiedlichen Typen vorgestellt werden. Im zweiten Kapitel (‘The Geographical Portable Sundials Illustrated and Described’), das den umfangreichsten Teil bildet, stellt T. die 16 Objekte mit Geographiebezug, für die er den Typus einer ‘geographischen tragbaren Sonnenuhr’ einführt, in einem Katalog mit Angaben zu Provenienz, aktuellen und früheren Eigentümern, Informationen zu Größe, Material und Datierung, einer detaillierten Beschreibung und einer Bibliographie vor. Mit dem dritten Kapitel (‘Geographical Awareness and Worldview’) rücken die leitenden Fragestellungen in den Mittelpunkt. So analysiert T. die Toponyme 1 Vgl. viii. 2 Vgl. J. Bonnin, ‘La mesure du temps dans l’Antiquité’, Paris 2015, 109. 3 Vgl. D. Savoie und M. Goutaudier, ‘Les disques de Berteaucourt-les-Dames et de Mérida: méridiennes portatives ou indicateurs de latitude?’, Revue du Nord 94, 2012, 115–9. GNOMON 3/93/2021 E. Rinner: Talbert, Roman Portable Sundials 237 vor dem Hintergrund des sich entwickelnden Römischen Reichs und seiner Unterteilung in Provinzen. Im Format einer Liste, in der wie bei einem Großteil der Objekte Toponyme in Kombination mit einem Breitenwert aufgeführt werden, erkennt er den Einfluss des Handbuchs der Geographie des K. Ptolemaios aus dem 2. Jh. n. Chr. mit Positionsangaben durch Längen- und Breitenwerte, selbst wenn die Breiten im Einzelfall von den ptolemäischen Werten abweichen können und zu Breiten für Regionen Vergleichsfälle in der Geographie fehlen. Auch innerhalb des Korpus der geographischen tragbaren Sonnenuhren identifiziert er eine teils große Variantenvielfalt der Breiten. Auf Basis der Orte mit Breitenwerten und ihrer Anordnung in Listen rekonstruiert der Autor das Raumverständnis, die Raumkonzeption und die mentalen Karten der ‘compilers’ – derjenigen Personen also, die die Listen in all ihren Einzelheiten zusammengestellt haben. Ihre Wahrnehmung der Welt ist demnach von einer Nord-Süd- oder einer davon nicht zu unterscheidenden Süd-Nord-Orientierung geprägt. Zudem sieht er Hinweise, dass von der Breitenbeziehung der Orte trotz einiger falscher Überzeugungen eine grundsätzlich gute und korrekte Vorstellung existierte, die sich im Lauf der Zeit entwickelt hat. Zusätzlich arbeitet T. das Vorliegen eines ausdifferenzierten und stimmigen Bilds der räumlichen Anordnung der Regionen und Orte heraus, das bei den Uhren aus Aphrodisias und Samos besonders deutlich durch die Anordnung der Listeneinträge in einer Art Rundweg hervortritt. Doch wie sieht es mit den Nutzern der Sonnenuhren aus? Wer sind sie und was verbinden sie mit dem Besitz eines solchen Gegenstands? Bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen in Kapitel 4 (‘A Community of Dialers?’) rücken die Objekte als Ganzes ins Zentrum. Allen ist gemeinsam, dass die Ableseergebnisse ungenau sind – sei es wegen der in der Konzeption der Anzeigen liegenden Abweichungen oder fehlerhafter Ortsbreiten. Einen Bedarf oder ein Bedürfnis, jederzeit auf eine präzise Zeitangabe zurückgreifen zu können, sieht T. nur bedingt und in wenigen Teilen der römischen Gesellschaft. Für einen Einsatz an Orten unterschiedlicher Breite, der den Besitz einer anpassbaren Uhr begründen könnte, gibt es plausible Nutzungsszenarien, doch übersteigen die Möglichkeiten der Uhren, die meist auf sehr südliche oder nördliche Orte eingestellt werden können und weit entfernte Länder wie Indien in den Listen aufführen, bei weitem den Rahmen dessen, was von den Eigentümern tatsächlich genutzt wurde. Entscheidend sei vielmehr die Faszination, die die Objekte ausüben: Als kleine technische Instrumente, die in ihrer Funktion und der technischen Realisation variiert und erweitert werden konnten, hätten sie eine Nachfrage nach Gadgets bedient, wie der Autor sie prototypisch in der Figur des Trimalchio in Petrons Satyricon angelegt sieht. Anzeichen einer solchen Begeisterung beobachtet er in Eigenheiten der Listen wie den im Vergleich mit der Auflösung der Skalen und angesichts der geringen Größe übergenau wirkenden Angaben in Bruchteilen ganzer Grade, in deren häufigem Auftreten er eine ‘Breitenobsession’ sieht. Gleichzeitig manifestiere sich neben persönlichen Vorlieben besonders bei den lateinischen Texten in der Auswahl der Orte ein dezidiert römisches, den Inhalten des Bildungskanons entsprechendes Weltbild, das zugleich den Raum für imaginierte Reisen in ferne Regionen eröffnet. Auch ein römischer Stolz auf das Reich mit der Freiheit und der Möglichkeit für weite Reisen – ein Kennzeichen GNOMON 3/93/2021 E. Rinner: Talbert, Roman Portable Sundials 238 der vom Autor identifizierten Nutzergruppe einer gebildeten und damit reichen römischen Elite – tritt seiner Einschätzung nach hervor. Diesem Gesamtbild stellt T. im letzten Kapitel (‘Post-classical Comparisons’) Überlegungen zu verschiedenen ähnlichen Objekttypen wie Astrolabien, tragbaren Sonnenuhren und ortsfesten Sonnenuhren mit Kombinationen aus Anzeigen für unterschiedliche Breiten aus verschiedenen zeitlichen und kulturellen Kontexten an die Seite, bei denen geographische Informationen ebenfalls eine zentrale Rolle einnehmen. Ergänzt wird die Monographie durch einen Anhang (‘The Aquincum Fragment: A Sundial Maker’s Manual?’) zu einem Fund aus Aquincum/Budapest (Ungarn), den der Autor als ein Zeugnis der Herstellung von Sonnenuhren vorstellt, ein Gazetteer, das die Toponyme der tragbaren Sonnenuhren aufschlüsselt, eine Tabelle der Breiten und Orte, eine ausführliche Bibliographie sowie einen Index. Die Objekte werden im Katalog das erste Mal in einer überzeugenden Weise einheitlich und übersichtlich vorgestellt. Besonders hilfreich erweisen sich die Editionen der Inschriften, die teils neu und durchwegs fundiert erstellt und zusammengestellt wurden. Eine besondere Stärke liegt in der Nutzung des ‘Reflectance-transformation-imaging-Verfahrens’ (RTI), durch das bisher unsichere Lesungen gestützt und ergänzt wurden. Die Fülle von Details, die es im Vergleich zu Fotos und einer direkten Betrachtung offenbart, deutet sich in den zahlreichen Abbildungen mit Ansichten solcher Aufnahmen an. Obwohl die Abbildungen im Druck und in der digitalen Version des Buchs überzeugen können, wäre eine digitale Publikation der RTI-Aufnahmen als Grundlage für weitere Forschungstätigkeiten zu begrüßen. Kritikpunkte wie die von A. Jones ge- äußerten neuen Vorschläge zur Lesung einzelner Gradwerte und Ortsnamen sind sicher hilfreich und ebenso zu berücksichtigen wie der Aufruf, Neueditionen bei weiteren Objekten zu ergänzen.1 Sie stellen den Wert des Beitrags zur Erforschung der Objekte aber keinesfalls in Frage. Ergänzend sei erwähnt, dass wie im Fall der Uhr aus Aquileia2 der Verlust auch für diejenige aus Aphrodisias nicht bestätigt werden muss.3 Gerade in den Kapiteln 3 und 4 wird deutlich, dass eine stärkere Einbeziehung technik- und wissenschaftshistorischer Aspekte zu einem differenzierteren Bild des intellektuellen Umfelds der Sonnenuhren hätte beitragen können. So hätten sich zahlreiche Unsauberkeiten wie die fehlerhafte Beschreibung der Konsequenzen einer Nutzung von Sonnenuhren abweichender Breiten,4 die unzutreffende Reduzierung der frühen Geschichte der Breite auf die Aussage «The concept of ‘latitudes’ or parallel lines imagined as encircling the globe … is a Greek one, closely associated in the first instance with the attempt of the scientist Eratosthenes (c. 285–205 BCE) at Alexandria to calculate the earth’s circumference» (117) oder die unbegründete Annahme des Bezugs des Funds aus 1 Vgl. A. Jones, ‘Roman Portable Sundials: The Empire in Your Hand’ (Review), ClPh 2018, Vol. 113 (2), 232–7. 2 Vgl. Jones 233 (s. oben). 3 Vgl. 60. Die Uhr wurde im Herbst 2015 durch die Rezensentin in der Ausstellung des Archäologischen Museums von Aphrodisias gesehen. 4 Vgl. 143. Zur Klärung vgl. Jones 234–5. GNOMON 3/93/2021 E. Rinner: Talbert, Roman Portable Sundials 239 Aquincum zu Sonnenuhren1 vermeiden lassen, und eine Nennung der technischen Typen im Katalog hätte ebenso wie eine Erläuterung der fehlenden Funktionsprinzipien tragbarer Sonnenuhren2 und eine Ergänzung der restlichen Objekte, die alle auf denselben Prinzipien beruhen, das Buch komplettieren können. Schwerwiegender sind die Konsequenzen bei der Analyse der geographischen Inhalte, die ebenfalls nur exemplarisch vorgestellt werden können. Indem die Rückverfolgung der Breiten bei Ptolemaios endet, bleiben alle Bezugsmöglichkeiten zu älteren Quellen unentdeckt, sodass das Bild des allgemeinen Breitenverständnisses unterkomplex und einseitig bleibt. Alle vier Orte der Uhr aus Philippi etwa ordnet Plinius d. Ä. seinem System ausgewählter Breitenkreise zu.3 Eine solche Zugehörigkeit kann die Systematik der Abstände besser erklären als die vom Autor vorgeschlagene nahezu gleiche Größe der Abstände. Mit Ausnahme von Vienna/Vienne (Frankreich) ist für jeden Ort zudem das Verhältnis der Länge eines Gnomons zu der seines Schattens überliefert, das bei allen den angegebenen Breiten exakt entspricht,4 und die Breiten von Rhodos und Alexandria sind fundamental in der griechischen Astronomie und Geographie und für keine Quelle spezifisch. Ähnlich hält T. bei den südlichen Orten den Reiz des Exotischen ausschlaggebend für die Aufnahme in Listen. Allerdings handelt es sich bei den meisten um die zudem weit bekannten Orte und Länder der südlichen Parallelkreise,5 durch die erst eine volle Abdeckung aller nutzbarer Breiten erreicht wird. Die zentrale Rolle distinkter Breitenkreise wäre auch bei Uhren mit Wechselanzeigen zu diskutieren, deren maximal zwei Orte als zu solchen Kreisen gehörend überliefert sind. Solche Sonnenuhren setzen voraus, dass der Nutzer über den angegebenen Ort die Verbindung zum entsprechenden Parallelkreis oder Klima zieht, um so über die Nutzung der Scheibe für einen anderen Ort entscheiden zu können. Gerade diese scheinbare Unsichtbarkeit der Breiten ist es, die die Voraussetzung nicht nur des Konzepts der Breite, sondern auch eines ‘Breitendenkens’ im Sinne einer Strukturierung der mentalen Karte nach Breiten bei der Nutzung der Sonnenuhr zeigen könnte. Eine ähnliche Argumentation lässt sich für die oben erwähnten südlichen Orte führen. Inwieweit eine Übernahme der Breitenkonzeption in das Bewusstsein der Nutzer und Kompilatoren der Listen tatsächlich stattfand, ist damit nicht geklärt. Hierzu müsste der Entwicklungsprozess der tragbaren Sonnenuhren und ihres ‘Nutzerinterfaces’ untersucht werden – eine Frage, die der Autor trotz der Länge des von ihm betrachteten Zeitraums außer Acht lässt. Die Berücksichtigung all dieser Aspekte mit einem Verweis auf das Fehlen einer Gesamtdarstellung der Geschichte der Breiten abzutun,6 erstaunt: Eine 1 T.s Argument beruht auf den Höhen der Sonne über dem Horizont, die für jede Stunde der Tag- und Nachtgleichen auf der Rückseite des Objekts abgetragen sind. Wegen der Übereinstimmung der jahreszeitlichen mit den in der Astronomie üblichen gleichlangen Stunden zu dieser Jahreszeit ist die Nähe zu Sonnenuhren gerade nicht belegt. 2 Die Funktionsweise von sechs der 16 Objekte (Memphis, Samos, Time Museum, Philippi, Vignacourt, Merida) ist durch die in Kap. 1 erläuterten Prinzipien nicht erklärt. 3 Vgl. Plin. Nat. Hist. 6,211–220. 4 Vgl. Vitr. De Arch. 9,7,1. 5 Vgl. Ptol. Almagest 2,6; Strab. Geographika 2,5,34–43. 6 Vgl. 117 Anm. 19. GNOMON 3/93/2021 E. Rinner: Talbert, Roman Portable Sundials 240 Beschäftigung mit der einschlägigen Forschungsliteratur und ein Blick in das im Umfang überschaubare Quellkorpus lässt es durchaus zu, ein umfassendes Bild zu entwickeln. Abgesehen davon zeigen sich die Schwierigkeiten, die Argumentation etwa für eine nach Breiten organisierte mentale Karte stichhaltig zu führen: Äußert sich das Wissen um das Breitenkonzept in der Fülle und Sichtbarkeit der Informationen – wie T. vermutet – oder wird es eher durch die Reduktion deutlich? Im ersten Fall könnten die Werte auch ohne jedes Breitenverständnis bei der Uhr eingestellt werden, der Kompilator braucht es bei der Auswahl der Orte ebenfalls nicht. Sprechen präzise Breitenwerte für eine ‘Breitenobsession’, das Unverständnis des fehlenden Nutzens der Präzision oder einen Prozess der Zusammenstellung der Daten, bei dem der Denkaufwand geringgehalten wurde? Manches wird sich nur schwer beantworten lassen. In anderen Fällen wie der Verbindung bestimmter Orte mit einer antiken Exotikvorstellung bleiben Ansatzmöglichkeiten für eine genauere Klärung ungenutzt. Ergänzen ließen sich noch viele Diskussionspunkte wie etwa die Annahme von Kopierbeziehungen zwischen Objekten,1 an deren Stelle eine Herstellung nach der gleichen Anleitung – man denke dabei an die überlieferte technische Literatur – zu sehen ist. Als fruchtbar für die Untersuchung der kulturellen Verortung der Sonnenuhren hätte sich ergänzend eine Analyse der Datumskomponente mit ihren vielfältigen und sehr spezifischen Bezügen (julianischer und ägyptischer Kalender, Sonnenjahr, …) erweisen können. Nichtsdestotrotz ist es T. gelungen, mit der Monographie zu verdeutlichen, welch vielfältige Aspekte in einem kleinen Gegenstand zusammentreffen können, und dadurch Fragen zur Interaktion von Wissenschaft, Technik und Allgemeinheit in der Antike als Gegenstand der Forschung zu etablieren, dadurch die Perspektive der Nutzer und Hersteller, insbesondere der Kompilatoren der Listen, in den Kanon der relevanten Fragestellungen zu bringen und das Potential aufzudecken, das auch in einer überschaubaren Menge von Objekten liegen kann. Die Grundlage für weitere Arbeiten ist durch dieses anregende Buch gelegt. Berlin Elisabeth Rinner * A. Bernard Knapp: Seafaring and Seafarers in the Bronze Age Eastern Mediterranean. Leiden: Sidestone Press 2018. 296 S. 51 Abb. 5 Ktn. Der Verf. des zu besprechenden Werkes, A. Bernard Knapp, ist ein ausgewiesener Spezialist des von ihm behandelten Themas. Er ist u.a. Emeritus Professor of Mediterranean Archaeology an der University of Glasgow und hat etwa ‘The Archaeology of Cyprus. From Earliest Prehistory through the Bronze Age’ (Cambridge u.a. 2013) sowie zusammen mit St. Demesticha ‘Mediterranean Connections. Maritime Transport Containers and Seaborne Trade in the Bronze and Early Iron Ages’ (London/New York 2017) verfasst. Sein aktuelles Buch gliedert sich, 1 Vgl. 147. GNOMON 3/93/2021

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.