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Sylvia Diebner, Paola Porretta: L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia. Raniero Mengarelli a Cerveteri. in:

Gnomon, page 248 - 255

GNO, Volume 93 (2021), Issue 3, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-3-248

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C.H.BECK, München
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R. Taylor: Aristodemou/Tassios (Edd.), Great Waterworks in Roman Greece 248 intermediate height corresponding to a small attic story above Walker’s reconstructed Corinthian register, might account for its most salient peculiarity, an unusually thick perimeter wall relative to a small overall diameter. Mario Trabucco’s article on the long-lived Arsinoë fountain at Messene offers a modest reconsideration of existing scholarship, especially the work of C. Reinholt and P. Themelis. Focusing on a restoration in the Neronian era, the article is informative but in places lacks adequate exposition, leaving the reader puzzled about points of chronology and causality. Brenda Longfellow closes the volume with a stimulating reevaluation of the phenomenon of statue reuse in late antiquity as exemplified by the nymphaeum of the so-called Praetorium at Gortyn. Noting that this fountain’s ‘pagan’ program of statuary was retained far into the Christian era, she reviews the many imperial rescripts that seek to preserve such unthreatening statuary as cultural heritage. The article aims to redress a scholarly overemphasis on the behaviors to which these decrees were responding. Probably because of Constantine’s lavish tendency to despoil buildings for reuse on a gigantic scale and remove their sculpture to Constantinople, we tend to presume that this behavior was typical of architectural patrons in late antiquity – when more likely, those who despoiled buildings and statues were in a small minority, and acted more out of greed than iconoclastic fervor. Most patrons, builders, and developers probably followed later emperors’ wishes to preserve and display the material culture of classical antiquity as a matter of civic pride and cultural memory. Austin Rabun Taylor * Paola Porretta: L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia. Raniero Mengarelli a Cerveteri. Rom: Quasar . S. zahlr. Abb. (Al passato e al presente.) €. Das vorliegende Buch stellt mit seiner kritischen Analyse der neuzeitlichen Geschichte der bekanntesten Nekropole des etruskischen Caere/Cerveteri – eben der Banditaccia (Weltkulturerbe der UNESCO seit ) – endlich eine willkommene Ergänzung zu archäologischen Fachpublikationen dar. Die Verfasserin, als Architektin ‘professore associato’ an der Universität Roma Tre, untersucht mit kenntnisreichem und dokumentgestütztem Blick von außen das ‘Wie, Wann und Warum’ des für Besucher hergerichteten Gräberareals. Ihre Annäherung aus einer gänzlich anderen Perspektive ist gerade deshalb so gelungen, weil sie nicht den häufig allzu eindeutigen Narrativen der Fachgeschichte folgt, den fachinternen Sprachduktus verlässt und sich derart mitteilt, dass auch Nicht-Archäologen verstehen, worum es geht. Drei Einleitungen ( – ) resp. von Alfonsina Russo, Ende noch ‘Soprintendente Archeologia, Belle Arti e Paesaggio per l’Area metropolitana di Roma, la Provincia di Viterbo e l’Etruria meridionale’, Rita Cosentino, Ende ‘Direttore Archeologo’ der o.g. Soprintendenza, und Elisabetta Pallottino, ‘Ordinaria di restauro architettonico, Dipartimento di Architettura dell’Università degli Studi Roma Tre’, gehen dem Text voraus und unterstreichen die im GNOMON 3/93/2021 S. Diebner: Porretta, L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia 249 vorliegenden Buch deutlich werdende erfolgreiche Zusammenarbeit von Universität und staatlicher Antikenverwaltung. Verf. schildert im Vorwort ( – ) kurz die Lage von Cerveteri samt seiner westlich davon in Richtung Meer gelegenen Nekropole. Von der antiken Stadt selbst ist nichts erhalten. Der Bereich der wichtigsten Nekropole, der zu Beginn des . Jh. erstmals eingefasst und heute eingezäunt ist, hat nach und nach seinen engen Bezug zur Stadt, die Integration mit der umgebenden Landschaft verloren und ist heute nicht mehr direkt von der Stadt aus zu erreichen. Ausgrabungen, Restaurierungen, Veränderung des Zugangs zur Nekropole und ein neues Begrünungssystem haben die antike Landschaft in eine bepflanzte Ruinenlandschaft verwandelt: die heutzutage zu besichtigende Banditaccia ist ein Gebilde aus bewusster Selektion, Interpretation, Aktualisierung und gewolltem Wiederaufbau, für den in der . Hälfte des . Jh. Raniero Mengarelli verantwortlich zeichnet. Kapitel I ( – ) macht mit dem Aussehen des ager Caeretanus und der Banditaccia bis zum Ausgang des . Jh. bekannt, wobei aus etruskischer Zeit jegliche Quellen fehlen. Lateinische und griechische Schriftsteller berichten von einer durch zahlreiche Flusstäler charakterisierten Landschaft mit reicher Vegetation; bewirtschaftete Felder lösten sich mit unkultivierten, als Weideland genutzten Landstrichen ab. Hydrographische, geomorphologische und geografische Komponenten bestimmten die natürliche Landschaft mit menschlichen Ansiedlungen, wie eben auch Cerveteri und dessen in den Tuff gegrabene Nekropolen. Zur Zeit seiner höchsten Blüte kontrollierte Caere ein weites Territorium zwischen Tibertal, Braccianosee und dem Lago di Martignano, den Bergen der Tolfa und der tyrrhenischen Küste mit den Häfen von Pyrgi, Alsium und Punicum. Das ursprüngliche Aussehen der Banditaccia bestand vermutlich in einer Art Abbild der Wohnstadt. Vom hohen Mittelalter bis ins . Jh. hinein überwucherte die Natur nach und nach sowohl die ehemalige Wohnstadt als auch die Nekropolen, deren typisches Erscheinungsbild mit den Erhebungen der Tumuli verschwand und zu einer kleinen Bergkette wurde. Wer im . Jh. die Totenstadt erreichen wollte, unternahm seinen Besuch von der Wohnstadt aus, genau so, wie es die Etrusker über Jahrhunderte getan hatten. Die Wiederentdeckung von Caere begann im frühen . Jh. in der ehemaligen Wohnstadt mit dem Fund von etwa Architekturterrakotten, die der Arciprete Alessandro Regolini fand und die den ersten Nucleus des späteren Museo Gregoriano Etrusco in Rom bildeten. Bald jedoch lieferte die Banditaccia reiche Funde. wurden Kammergräber untersucht, von denen zwei – Tomba degli Scudi e delle Sedie und Tomba degli Animali Dipinti – sichtbar blieben. entdeckten A. Regolini und der General Galassi das nach ihnen benannte Grab mit ihren aus der orientalisierenden Phase stammenden Grabbeigaben. Bald füllten die beweglichen Gegenstände aus Caere die großen Museen der Welt und der Ort wurde zum Ziel von Reisenden und europäischen Studiosi. In der umliegenden Landschaft vermieteten Großgrundbesitzer ihre Ländereien an Bauern, die vom Kirchenstaat auch Lizenzen zu eigenen Grabungen erhielten. Entsprechende Funde gaben sie an Antiquare und Kunsthändler, wie den Marquis Campana, die Gebrüder Castellani und die Boccanera weiter. Erst in den er Jahren begann die ‘Direzione centrale degli scavi e musei di antichità’, damals unter Leitung von GNOMON 3/93/2021 S. Diebner: Porretta, L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia 250 Giuseppe Fiorelli, sich konkret für diese Zone zu interessieren. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten (das Terrain der Banditaccia gehörte der Familie Ruspoli, die Gräber waren Staatseigentum, die Leitung und Bewachung war Aufgabe der Stadt Cerveteri) führten zu Unklarheiten und eine unübersehbare Anzahl von Fundstücken verließ Italien, wobei viele auf diesem Weg ihre präzisen Herkunftsangaben verloren. Erste Überlegungen für eine Einzäunung des Gebietes bzw. des Verschließens einiger besonders kostbarer Gräber kamen auf. Erst mit der Ernennung von Raniero Mengarelli ( – ), der der hauptsächliche Protagonist der Transformation der Landschaft der Banditaccia sein würde, wurde die Bewachung des Geländes erstmals thematisiert. Unter den wissenschaftlichen Publikationen sind die des ‘Instituto di Corrispondenza Archeologica’ zu nennen; ihre entsprechenden grafischen Beilagen zeigen meist einen konstruierten originalen Zustand der Objekte oder der Innenräume von Gräbern. Um die Wende zum . Jh. veränderte sich die kulturelle Perspektive, als der italienische Staat das ‘Ufficio per gli Scavi dei mandamenti di Civitavecchia e Tolfa’ gründete und damit eine Art von Aufsicht und Geländeschutz zusicherte. Kapitel II ( – ) behandelt die von Mengarelli geschaffene ‘neue antike’ Landschaft der Banditaccia, eine Transformation, wie sie zahlreiche antike Orte im Mitteleerraum erlebt haben, die zwischen . und . Jh. als archäologische Stätten wieder-erfunden worden sind. Im vorliegenden Fall wurde anstelle einer Nekropole ein archäologischer Garten mit Ruinen und artifizieller Begrünung zwischen ausgegrabenen und teilweise restaurierten Gräbern geschaffen. Das bislang auf bewegliche Fundstücke von künstlerischem Wert beschränkte Interesse dehnte sich endlich auch auf Architektur und Topographie des Platzes aus. Nun wurde in großem Stil ausgegraben. Bald trat die Notwendigkeit auf, die neuen Befunde zu erhalten und das Gelände für den Besuch eines großen Publikums bereitzustellen; in diesem Zusammenhang wurden neue Gedanken für eine erleichterte Zugänglichkeit des Gebietes und seiner ‘Verschönerung’ entwickelt. Damit ging eine radikale Transformation des Platzes in eine Gräberlandschaft mit Tumuli, Straßen und Verbindungswegen einher, die angeblich die originale Antike wieder zur Ansicht brachten. Eingänge zu unterirdischen Gräbern, die ursprünglich unter Straßenniveau gelegen hatten und allein durch Grabzeichen oder Inschriften bezeichnet waren, wurden nun oberirdisch angelegt, um einen modernen Besuch zu erleichtern. Die Kreation dieser ‘neuen’ Nekropole verursachte letztlich auch einen totalen Bruch mit ihrem unausgegrabenen Teil. Der laut Verf. signifikanteste Einschnitt innerhalb des Besucherareals betraf die Einrichtung eines Gartens mit der Anpflanzung von Pinien, Zypressen, Blumen und Sträuchern eben an einem Platz, der ursprünglich ein Teil der Stadt Cerveteri/Caere gewesen und wie diese aus Stein und im Stein errichtet worden war. Verf. dokumentiert die Verwandlung des Platzes mit reicher, eindrucksvoller Fotodokumentation. Laut Touring-Club-Führer erfolgte der Zugangsweg noch von der mittelalterlichen Stadt aus, während die Ausgabe von den Besucher auf einer neuen, den Bergrücken entlang verlaufenden Straße direkt zur Nekropole leitete. Die Anlage einer veränderten, doppelt so breiten wie die ursprüngliche Straße, asphaltierten sog. Autostrada war als Zufahrt von Mussolini gewünscht und von Mengarelli eingeweiht worden. In der GNOMON 3/93/2021 S. Diebner: Porretta, L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia 251 Nachkriegszeit ging die Strategie einer touristischen Nutzung des Platzes voll auf: Besucher wurden durch die direkte, keine umständlichen und ermüdenden Fußwege mehr erfordernde Zugänglichkeit der Nekropole verstärkt angezogen. In Kapitel III ( – ) geht es um Raniero Mengarelli (in Folge: M.), den noch heute großen ‘Unbekannten’ mit einer zu schildernden, unglaublichen Karriere, Autor der neuen Sichtbarmachung der Banditaccia. Welches waren seine Programme oder Vorbilder für eigene Grabungen und die dazugehörige Geländeordnung? Während unter archäologischem Gesichtspunkt dazu reiche Literatur existiert, fehlen Studien zum Aspekt der Restaurierungen und Transformation. Verf. kann aus Angaben von M., Archivnotizen im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia in Rom bzw. im römischen Staatsarchiv und ebenfalls mithilfe von Orthofotografien zu M.s Lebensweg und Karriere Einiges zusammentragen. Sie benennt den in Lugnano in Teverina (heute Provinz Terni) geborenen als ‘dilettantischen’ Experten, der das Diplom als Geometer erlangte. Es schlossen sich keine weiteren Universitätsstudien an, d.h. M. war weder Architekt noch Ingenieur (als welcher er sich selbst gern vorstellte), besaß ebenfalls keine akademische Ausbildung im Bereich der Altertumswissenschaften und der Klassischen Philologie. Archäologische Ausgrabung sowie architektonische Restaurierung wurden also einem Mann anvertraut, der – zumindest auf dem Papier – keine diesbezüglichen Kompetenzen besaß. Doch hatte M. zu seiner Zeit das Glück, eine solide empirische, als zentral angesehene Formation zu besitzen, wie sie von Giuseppe Fiorelli gefordert und mit seiner ‘Scuola di Pompei’ befürwortet wurde, der davon überzeugt war, dass theoretische Studien unbedingt von einer fundierten Kenntnis im Gelände bei Grabungen und in den Museen begleitet sein sollten. In den Jahren, die M. in der öffentlichen Verwaltung tätig war, hatte er Gelegenheit zu zeigen, dass er all-round als Topograph, Ingenieur, Architekt, Archäologe, Restaurator, Gestalter von Grünanlagen, geschickter Verwalter und letztlich als Propagandist arbeiten konnte. Im persönlichen Umgang scheint M. schwierig gewesen zu sein, aus zahlreichen Attitüden resultierende Probleme konnten immer wieder nur durch Interventionen leitender Vorgesetzter abgemildert oder gelöst werden. Sofort nach der Einigung Italiens wurde ein systematisches Programm für den Schutz archäologischer Umgebungen (‘contesti archeologici’) auf den Weg gebracht. Dazu gehörte u.a. die Einrichtung eines eigenen Büros für ‘scavi e musei del Regno’ bei der ‘Direzione generale delle Antichità e Belle Arti’. In jenem Jahr wurde auch das Museo Nazionale Romano in Rom mit zwei Sektionen gegründet: die ‘urbane Sektion’ in den Diokletiansthermen und die ‘extraurbane’ in der aus dem . Jh. stammende Villa des Papsts Julius III. Felice Barnabei, Archäologe und maßgebende Persönlichkeit, wurde der erste Direktor des Museo di Villa Giulia. Die wenigen Personen, die als Kontrolleure bei privaten Ausgrabungen im Gelände vorgesehen waren, wurden bald für Tätigkeiten im Museumsbereich eingesetzt, so auch M. Für den jungen Geometer waren die Feldforschungen wie die Erfahrungen im Museum für seine spätere Arbeit in Caere von grundlegender Bedeutung. Seine offizielle Karriere begann am . November als extra-ordinärer Zeichner beim neu eingerichteten Büro der ‘Carta Archeologica d’Italia’; ein Jahr darauf wurde er im Büro des frisch gegründeten ‘Ufficio regionale per la conservazione dei Monumenti del Lazio’ fest GNOMON 3/93/2021 S. Diebner: Porretta, L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia 252 angestellt. Zwischen und machte M. seine ersten wichtigen Grabungserfahrungen und hatte Gelegenheit, mit den besten Archäologen seiner Zeit zusammenzuarbeiten (Brizio, Barnabei, Cozza, Savignoni) und sogar Funde zu publizieren. begann er im Museo Nazionale Romano tätig zu sein und konnte ein sehr gutes Verhältnis zu seinem Chef, Felice Barnabei, aufbauen. Bald wurde M. zum Vizeinspektor-Zeichner der Museen, Galerien und der Antikengrabungen, schnell zum Inspektor befördert. Nach dem Ausscheiden von Barnabei verminderten sich die Karriereaussichten von M. deutlich, da ihm von seinem zeitweiligen Vorgesetzten Pasqui das Fehlen von in der Archäologie benötigten Kenntnissen und ein allgemein unverträglicher Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen bescheinigt wurde. kam die Leitung des Museo di Villa Giulia in die Hände von Antonio Sogliano, der dem Minister M. definitiv als intelligenten, eifrigen und treuen Mitarbeiter am Museum vorschlug. Im gleichen Jahr wurde Sogliano allerdings nach Pompeji, seinem vorhergehenden Wirkungsort, zurückgeholt, M. wurde bis zum Jahr Vizedirektor des Museums und erhielt eine Beförderung zum Inspektor II. Klasse. wurde vom damaligen ‘Direttore Generale delle Antichità e Belle Arti’, Corrado Ricci, Giuseppe Angelo Colini zum Direktor des Museums bestimmt, sehr zum Unbehagen von M., der diesen Posten für sich entschieden glaubte. Unerwarteterweise fand er jedoch in Colini deutliche Unterstützung, der ihn dem Ministerium gegenüber sogar als ‘Ingenieur’ ausgab. Es tauchte zum ersten Mal der Vorschlag auf, M. die Leitung der Grabungen im Gebiet von Civitavecchia zu übergeben, obwohl diese Idee Colinis weder unter rechtlichem noch unter juristischem Gesichtspunkt Berechtigung hatte, da bislang noch kein eigenständiges Grabungsbüro für jene Zone bestand. Colini hatte jedoch mit seinen Forderungen Erfolg und für M. wurde ad hoc eine autonome Direktion, also das Grabungsbüro für Civitavecchia und Tolfa, das ebenfalls die beiden wichtigen etruskischen Zentren Tarquinia und Cerveteri miteinschloss, gegründet und im Jahre unter Kompetenz der Soprintendenza für Grabungen und Museen von Rom, mit Sitz im Nationalmuseum der Villa Giulia, förmlich eingesetzt. M. wurde zu dessen Direktor ernannt! Mit diesem Schritt begann für ihn offiziell die bedeutendste Zeit innerhalb der öffentlichen Verwaltung. In fast zwanzigjähriger Tätigkeit hatte er sich Erfahrungen in topografischer Vermessung, Grabungsaktivität und Verwaltungstätigkeit angeeignet und war somit gerade für die für ihn bestimmte Zone mit ihren exzeptionellen, doch weitgehend vernachlässigten Nekropolen bestens gerüstet. M. machte sich vor allem für Cerveteri sofort erfolgreich ans Werk, stellte topografische Karten her, unternahm archäologische Grabungen und Surveys, realisierte wichtige Restaurierungen, bemühte sich um Schutz des Ortes und seiner Nutzung. In administrativen Dingen bewies er eine geschickte Hand, ging scharf gegen unerlaubte Grabungen und nicht dem Terrain angemessene Nutzung vor, machte sich stark für die Restaurierung und Musealisierung von beweglichen Gegenständen und sorgte für die Bekanntmachung seiner Funde. Sein schwieriger Charakter brachte allerdings auch hier zahlreiche Probleme mit sich. M.s Karriere schwankte zwischen Auszeichnungen wie der Ernennung zum ‘Cavaliere nell’Ordine della Corona d’Italia’ ( ) und offener Opposition seitens staatlicher Stellen. wurde er vom ‘Ministero della Pubblica Istruzione’ an die ‘Regia Soprintendenza ai Monumenti di Roma’ versetzt. Der GNOMON 3/93/2021 S. Diebner: Porretta, L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia 253 Generaldirektor Corrado Ricci hatte dabei wohl die entscheidende Rolle gespielt. Doch bereits drei Jahre später änderte sich die Situation: Ricci war inzwischen nicht mehr Generaldirektor und der von M.s Verhalten besonders betroffene Untergebene war verstorben. Die vielfachen Anklagen aufgrund von M.s persönlichem Verhalten und Unkorrektheiten in administrativer Hinsicht wurden nun als ‘einfacher Vorwurf’ eingestuft. wurde er erneut nach Cerveteri versetzt und auch dieses Mal wendete sich für ihn alles zum Guten. In den Jahren, in denen er bei der ‘Soprintendenza ai monumenti di Roma’ Verwendung gefunden hatte, kam er in engen Kontakt zu den damals führenden Personen auf dem Gebiet der Architekturrestaurierung und Erhaltung der Monumente, erwarb sich dadurch neue Kenntnisse und Kompetenzen, die ihm dann in Cerveteri zugute kamen. Nach der Wiedereingliederung in Cerveteri wurde M. zum Hauptinspektor ernannt, versuchte jedoch wiederholt – allerdings ohne Erfolg – eine Beförderung zum Direktor zu erhalten. Auch in Rom war man bezüglich M.s Verhalten geteilter Meinung. Roberto Paribeni, damals ‘Soprintendente alle Antichità di Roma’, war ein heftiger Verteidiger von M. gewann dieser den Wettbewerb und wurde zum Direktor der Grabungen von Cerveteri, erhielt in den Folgejahren bedeutende Ehrungen ( : ‘Ufficiale nell’Ordine della Corona d’Italia’; : ‘Commendatore’). Mit Erreichung der Pensionsgrenze wurde er in den Ruhestand versetzt, erhielt jedoch die extraordinäre Aufgabe, endlich die Veröffentlichung seiner Aktivitäten zum Abschluss zu bringen und konnte somit weitere fünf Jahre in der Banditaccia arbeiten. M.s Bemühungen in den Grabungen, bei Restaurierungen, der Ordnung des ergrabenen Materials und den Grabungsberichten gingen allerdings nie Hand in Hand mit der entsprechenden Publikation, ganz im Gegenteil: M. setzte seine Grabungstätigkeit fort, die er als komplementär zu bereits erfolgten Aktivitäten deklarierte. wurde letztlich vom Ministerium eine Kommission gebildet, die die wissenschaftliche Herausgabe der Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Untersuchungen zustande bringen sollte. Erst erschienen die Ergebnisse der Tätigkeit M.s in Cerveteri in einer monografischen Abhandlung der ‘Monumenti Antichi’. M. war bereits Ende Dezember gestorben. In Kapitel IV ( – ) werden die Verwaltungsarbeit, die Grabungen und die topografischen Untersuchungen M.s detailliert und bebildert vorgestellt. Auf einem Gebiet von ha hat er mehr als Gräber ans Tageslicht gebracht und restauriert, zwischen und den er Jahren wichtige Wohn- und Kultstrukturen in der bewohnten Zone auf der Hochebene der Vignali freigelegt: alles bei absolut unzureichender wissenschaftlicher Dokumentation. M. war der Erste, der eine systematische Analyse der unterschiedlichen Grabtypologien aufstellte und den Bezug zwischen Fundstücken und zugehörigen Grabkammern herzustellen versuchte. In der Banditaccia ließ er das antike Fußbodenniveau freilegen, womit die architektonische Form der einzelnen Gräber und das Verhältnis zwischen den einzelnen Grabarchitekturen zueinander zu Tage trat. M. war der erste, der die Struktur der Stadt der Lebenden und derjenigen der Toten im Zusammenhang mit der topografischen Situation und der chronologischen Abfolge der Bauten erkannte. Die bis dahin als gerundete Erhöhungen wahrgenommenen Tumuli wurden unter seiner Hand zu regelrechten Architekturen gestaltet, Eingänge zu unterirdischen Gräbern, die auch in der Antike nicht GNOMON 3/93/2021 S. Diebner: Porretta, L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia 254 sichtbar gewesen waren, wurden nun ans Licht gebracht. Damit wurden die neuen Elemente integrierter Bestandteil einer modernen Identität der antiken Nekropole. Die topografischen Untersuchungen und die Abfassung der letztlich erst bzw. erschienenen ‘Carta archeologica del territorio di Caere’ stellen die relevantesten Ergebnisse von M.s Aktivitäten dar. Kapitel V ( – ) behandelt die von M. vorgenommenen Restaurierungen, wobei diese nachzuvollziehen fast unmöglich ist, da sich weder ein detailliertes Projekt noch eine spezifische Abhandlung, geschweige denn eine Publikation der jeweiligen Eingriffe finden lässt. M. legte großen Wert darauf, in der Außenansicht originale Teile gegenüber Restaurierungen sichtbar zu machen, und so benutzte er an Stellen, an denen wenig erhalten war, völlig abweichende Mauerstrukturen. Diesen Kriterien widersprach allerdings die totale Rekonstruktion des Tumulo della Cornice, der in seinem Inneren ein aristokratisches Haus des . Jh. v. Chr. spiegelte und von dem nur wenig erhalten war. In diesem Falle wählte er die Option eines ‘fast neuen Monumentes’, um zum einen das Innere zu schützen und zum anderen die Sichtbarkeit des monumentalen Tumulus zu garantieren. M. maß den beweglichen Funden großen Wert zu, versuchte einige von diesen vor Ort zu halten, um, wie er meinte, die Attraktivität der Nekropole für die Besucher zu steigern; weiteres Material wurde ins Museo Etrusco di Villa Giulia verbracht. Das heutzutage geradezu perfekte Bild der Nekropole vermittelt kaum eine Vorstellung davon, dass ein Großteil der Tumuli stark restauriert oder geradezu aus wenigen Überbleibseln neu geschaffen worden ist. In einem guten Übersichtsplan ( – ) stellt die Verf. die Eingriffe von M. zusammen. Im Kapitel VI ( – ) steht der Garten der Nekropole im Vordergrund. Die Grabungen und Restaurierungen von M. riefen zwar eine unterschiedliche Wahrnehmung zwischen der hergerichteten Banditaccia und dem Rest der Nekropole hervor, ließen jedoch den ruralen Charakter des Gesamtgeländes relativ unberührt. Dieses ‘Gleichgewicht’ wurde in dem Moment für alle Zukunft gestört, als im Inneren der Umzäunung Pinien, Zypressen, Blumen und Sträucher gepflanzt und ein neuer Zugang zum archäologischen Areal, also eine neue Landschaft, konstruiert wurde. Die Nekropole war nun etwas ganz anderes, etwas nicht mehr Authentisches geworden: eine Synthese aus antikem Friedhof und modernem Park, doch letztlich war es die neue Vegetation, die dem archäologischen Ort seinen suggestiven Charakter und der antiken Landschaft ein modernes Gesicht verliehen hat. Inzwischen ist nach so vielen Jahren das Grün Teil der originalen Identität des Ortes geworden. M. hat über diese seine Wahl keinerlei Schriftzeugnisse hinterlassen. In unterschiedlichen Jahren aufgenommene Luftaufnahmen können allerdings für die Frage Aufschluss geben, wann die entsprechenden Pflanzungen vorgenommen worden sind. Für die Beweggründe, die in den er Jahren zur Transformation des Grabungsareals zu einem Garten mit antiken Resten geführt haben, lassen sich nur Hypothesen formulieren. Seit der napoleonischen Herrschaft in Rom und verstärkt nach der Einigung Italiens gab es zahlreiche Projekte, die das Grün in den öffentlichen Raum miteinbezogen; während des Faschismus erhielt dieser Aspekt eine neue Wertigkeit im Rahmen der Selbstlegitimierung des Regimes: Ausgrabungen, Restaurierungen und Rekonstruktionen mit bisher unbekannter Einbeziehung GNOMON 3/93/2021 S. Diebner: Porretta, L’invenzione moderna del paesaggio antico della Banditaccia 255 von Grünanlagen wurden ein Instrument bei der Wiedergewinnung und Transformation von Vorhandenem. Eines der besten Beispiele dafür war die Via dell’Impero, heutige Via dei Fori Imperiali in Rom. Wie die Banditaccia eigneten sich auch Orte wie Ostia Antica, Herkulaneum, Pompeji, Aquileia und später auch die Villa Hadriana als Vorzeigeobjekte des Faschismus, indem man antike Ruinen durch Grünbewuchs rehabilitierte. Ein Artikel über die colli e tombe di Cerveteri fand im Jahre Eingang in die regime-eigene Zeitschrift ‘Capitolium’. In Kapitel VII ( – ) werden die Zugänge zum archäologischen Bereich diskutiert. Die Verf. kann minutiös die antiken Verbindungswege zwischen der Stadt der Lebenden und der Stadt der Toten rekonstruieren. M. hatte zunächst an der Via degli Inferi, einem Zugang zur Nekropole aus etruskischer Zeit, den Eingang für Besucher der Banditaccia vorgesehen. Allerdings verwarf die von Mussolini gewollte, zu einem neuen Eingang führende sog. Autostrada dann das gesamte Projekt. Entlang dieser neuen Zufahrtsstraße wurden Pinien und Zypressen gepflanzt. Wie Mussolini vorausgesehen hatte, nahm der Besucherstrom in Cerveteri deutlich zu. Für war auch ein Besuch Adolf Hitlers vorgesehen, der letztlich nicht stattfand. Den Ausführungen folgen ein Nachwort ( – ), ein Abstract in englischer Sprache ( – ), die Aufschlüsselung der angewendeten Abkürzungen ( ), eine Aufzählung der Schriften von M. ( – ), die Bibliographie ( – ) und ein sehr willkommener dokumentarischer Appendix ( – ). Eine Danksagung beschließt die Darstellung ( ). Paola Porretta hat ein Buch vorgelegt, das seinesgleichen sucht. Ihre Forschungsarbeit fußt auf zahlreichen, während eigener ausgedehnter Geländebegehungen gewonnenen Beobachtungen und eingehendem Dokumentenstudium. Dankenswerterweise sind diese in vollem Wortlaut abgedruckt. Die umfassende Detailkenntnis der Genese des Besucherparks der Banditaccia lässt vor den Augen des Lesers eine hochinteressante und von allen Seiten beleuchtete Berichterstattung über die Transformation des antiken Platzes entstehen. Die reiche Ausstattung des Buches mit Fotografien, die den Zustand vor und nach der Umformung dokumentieren, und die Wiedergabe von Zeichnungen, Skizzen, Schnitten, historischen Aufnahmen vervollständigen die Dokumentation, wie sie in dieser Form noch nie gesammelt vorgelegt worden ist. Derartige vergleichende und den Kontext berücksichtigende Arbeiten sollten unbedingt weiterentwickelt werden, da sie nach Systematiken und Bedeutungen fragen, zu denen Fachspezialisten bisher nicht in der Lage waren. Alles in allem: ein sehr zu empfehlender, aufschlussreicher Streifzug, der den Leser durch das . und . Jh. führt. Rom Sylvia Diebner GNOMON 3/93/2021

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.