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Vito Lorusso, Hippocrate, Tome I, 2e partie. Le Serment. Les Serments Chrétiens. La Loi. Texte établi et traduit par Jacques Jouanna. in:

Gnomon, page 201 - 207

GNO, Volume 93 (2021), Issue 3, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-3-201

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C.H.BECK, München
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J. Palmer: Tor, Mortal and Divine in Early Greek Epistemology 201 to this conclusion suggests that the idea that Parmenides posited the strong physiological impediment Tor proposes to thought about the nature of reality was ill-conceived; and Tor’s core conclusion that «a mortal can sustain a higher-thanmortal thought by thinking with his divine Light soul» (280) is neither illuminating nor convincing. The treatment of Parmenides concludes with a critical review of approaches to the «ontological question» accompanied by some proposals of his own. These proposals are necessarily tentative since this study has not focused on the central features of Parmenidean ontology and epistemology. A final chapter considers Xenophanes’ relation to Hesiod and Parmenides’ relation to them both in light of the foregoing discussion and also includes some suggestions about how Empedocles might be understood as part of their tradition. Tor’s interpretations are based throughout on close readings of the key texts with due attention to the alternative ways of construing crucial verses and phrases as well as on a wealth of comparative material. The overall novelty of his approach makes for intriguing reading. The best chapters are those on Hesiod and Xenophanes. While approaching the fundamental questions of Parmenides interpretation from the perspective of his theory of cognition and the knowing subject does yield some insights, this approach also has certain inherent limitations, given that Parmenides’ psychological theories are some of the most poorly attested aspects of his thought. While Tor makes significant contributions to the understanding of those theories, the evidence for them is too sparse and uncertain for their reconstruction to serve as the basis for understanding Parmenides’ thought as a whole. Gainesville (Florida) John Palmer * Hippocrate, Tome I, 2e partie. Le Serment. Les Serments Chrétiens. La Loi. Texte établi et traduit par Jacques Jouanna. Paris: Les Belles Lettres 2018. CXCVI, 310 z.T. Doppels. (Collection des Universités de France. Association Guillaume Budé.) 65 €. In welcher Form, wenn überhaupt stantibus verbis οὐ τεμέω δὲ κτλ. (S. 4,6 in der vorliegenden Edition), las den hippokratischen Eid der Chirurg, dem ein Haus in der heutigen regio VI des antiken Pompeji gehörte? War das Exemplar in den Händen des Chirurgen aus Pompeji eventuell der Vorfahr einer der vier Manuskriptfamilien, nämlich der Marciana, der Vaticana, der Ambrosiana und der Vindobonensis, die jeweils dank der uns heute erhaltenen, aus der byzantinischen Zeit entstandenen Handschriften rekonstruierbar sind? Oder war dieses Exemplar eher Teil einer völlig anderen recensio, die keine Spur in der späteren Überlieferungsgeschichte hinterlassen hat? Solche Fragen stellen sich unmittelbar nach der Lektüre des vorliegenden Buches, einer kritischen Ausgabe der hippokratischen Schriften Eid (= Jusj.) und Gesetz (= Lex) samt zwei späteren griechischen Bearbeitungen vom Eid selbst.1 Durch die Berücksichtigung aller 1 Im Rahmen dieser Besprechung sind die lateinischen Titelabkürzungen der Schriften aus dem ‘I(ndex) H(ippocraticus)’ übernommen, s. J.-H. Kühn / U. Fleischer unter Mitarbeit von K. Alpers / A. Anastassiou / D. Irmer / V. Schmidt, ‘Index Hippocraticus’, Göttingen 1989, XV–XXIV. GNOMON 3/93/2021 V. Lorusso: Jouanna, Hippocrate, Tome I, 2e partie 202 möglichen Quellen aus verschiedenen, doch immerhin komplementären Bereichen der Altertumswissenschaft wie etwa Literatur, Manuskriptforschung, Epigraphik, Papyrologie, Archäologie und Alter Geschichte hat Jacques Jouanna (= J.) ein faszinierendes Werk geschaffen, das von einer ausgezeichneten, langjährigen Erfahrung mit Hippokrates zeugt und ab sofort als die Referenzausgabe angesehen werden darf. Seit der Antike zählt der Eid zu den bekanntesten der etwa sechzig Schriften, die Hippokrates bzw. dessen Schule zugeschrieben werden. Dies lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass das im Abendland übliche Bild des Arztes als eines Menschen, der ἐπ’ ὠφελείῃ καμνόντων (‘zum Nutzen der Kranken’),1 d.h. zweckmäßig und ganz praktisch handelt, eben auf den hippokratischen Eid zurückgeht. Aus der Perspektive der Nützlichkeit sowie der Zweckmäßigkeit betrachtet mag einerseits das ärztliche Handeln rein ökonomisch verstanden werden: «Das utile ist der entscheidende Maßstab» dieses Handelns, so der Gräzist Karl Deichgräber. Andererseits bezieht sich das praktische Handeln des Arztes auch auf die Art und Weise, wie er seinen Dienst denkt und zugleich mit dem Kranken und dessen Umwelt – ἐπί τε γυναικείων σωμάτων καὶ ἀνδρείων ἐλευθέρων τε καὶ δούλων (ʻmit Frauen und Männern, Freien und Sklavenʼ), heißt es bei Hippokrates (4,11–12 J.) – umgeht. So verspricht der Arzt im Eid zu keinem anderen Zweck ins Haus des Kranken einzutreten als zu dessen Nutzen: Auf die Empathie und die Ehrlichkeit dieses Arztes kann man sich gleicherma- ßen verlassen.2 Kein Wunder, dass sich durch die Jahrhunderte Jusj. zu einem moralischen Kompass für Mediziner weltweit entwickelte. Dazu trug im 20. Jh. nicht zuletzt auch der Berliner Altphilologe und Medizinhistoriker Ludwig Edelstein (1902–1965) bei: Unter dem Eindruck der NS-Verbrechen erhob Edelstein im Exil in Baltimore den hippokratischen Eid «zur Magna Charta der Mediziner». Ihm ist zu verdanken, dass bis heute in der Hälfte der nordamerikanischen Medizinfakultäten bei Promotionsfeiern der Eid verlesen wird.3 Die Arbeit von J. gliedert sich in folgende Teile: ʻI. Le serment d’Hippocrate (= Serment I)ʼ (VII–49), ʻII. Le serment chrétien en prose (= Serment Ib)ʼ (51– 91), ʻIII. Le serment chrétien en vers (= Serment II)ʼ (93–153), ʻIV. La loiʼ (155– 292), jeweils in die folgenden Abschnitte untergliedert: Einleitung, stemma codicum, conspectus siglorum, Text und Übersetzung, Kommentar. Außerdem beendet den Teil I eine ‘Bibliographie sélective complémentaire’. Wörterverzeichnisse zu den vier herausgegebenen Schriften schließen den Band ab (293–305). Im Folgenden betrachten wir die vier Teile des vorliegenden Buches gesondert. Teil I. Bei der ʻNoticeʼ zu Jusj. (VII–CLXXXII) geht es hauptsächlich um die Frage der Entstehung der Schrift: Warum und wie (dazu noch weitere Fragen der Datierung sowie des Entstehungsortes) wurde Jusj. ursprünglich verfasst? Mögliche Antworten dazu steuern interessante Befunde aus den Bereichen der Archäologie und der Geschichte, v.a. der Medizin- und der Textgeschichte, bei (X). Was die Archäologie angeht, befindet sich auf den Seiten XXV–XXXVI die 1 Wie an zwei Stellen im Text (s. 3,9 und 4,9 J.) zu lesen ist. 2 Siehe K. Deichgräber, ‘Medicus gratiosus. Untersuchungen zu einem griechischen Arztbild. Mit dem Anhang Testamentum Hippocratis und Rhazes’ De indulgentia medici’, AbhMainz 1970/3, 5–6. 3 Darüber berichtete Jutta Hoffritz am Schluss des Artikels ‘Wer schön nicht mehr kann leben’ in der ZEIT Nr. 15 vom 4. April 2019, S. 17. GNOMON 3/93/2021 V. Lorusso: Jouanna, Hippocrate, Tome I, 2e partie 203 Darstellung sämtlicher noch erhaltener Indizien aus verschiedenen Orten im kulturell griechisch geprägten Raum, nämlich Thasos, Delphi und Theangela. Bei den Funden auf der nordägäischen Insel Thasos handelt es sich um anatomische Reste, sonst hat man es in den zwei übrigen Fällen mit Inschriften zu tun: Sie zeugen jeweils von ὅρκοι als kollektiven Ritualen im alten Griechenland. Beim hippokratischen Eid steht vermutlich ein ähnliches Ritual im Hintergrund. Zu erklären, warum der angehende Arzt einen derartigen Eid leisten sollte, hilft uns u.a. die Stelle aus den Compositiones, einer Rezeptsammlung des Scribonius Largus, eines römischen Arztes in der ersten Hälfte des 1. Jh. n. Chr., die J. auf S. XII zitiert: Hippocrates, conditor nostrae professionis, initia disciplinae ab iureiurando tradidit […] longe praeformans animos discentium ad humanitatem. Die Menschenfreundlichkeit bestimmt also das ganze Leben des hippokratischen Arztes von der Bildungs- bis zur späteren Phase, d.h. bei der praktischen Anwendung von Kenntnissen und Kompetenzen, die man früher bei der Schulung erworben hat. Neben einem leistungsorientierten und sehr effektiven Handeln ist von diesem Arzt zu erwarten, dass er in seiner ganzen Praxis menschlich bleibt. Die Stelle bei Scribonius eröffnet eine Sammlung von Testimonien zu Jusj. auf den Seiten XII–XXII. Es handelt sich dabei um altgriechische, lateinische und arabische Passus, aus denen sich deutlich ergibt, wie Jusj. auf verschiedene Kulturen von der Antike bis zum Mittelalter gewirkt und jeweils das Bild des Arztes geprägt hat. Auf den Seiten XXIII–XXV geht es um die Frage der Bedeutung von Jusj. in diesen Kulturen. Trotz den Unterschieden steht eins fest: Für das Heidentum wie für die Juden, Christen und Muslime gilt der hippokratische Eid als «modèle idéal» zur Ethik der Medizin (XXIV). Für eine Datierung von Jusj. ins hellenistische Zeitalter gibt es keinen sprachlichen Grund, denn konkret (XLII) bringt Jusj. kein einziges Wort bzw. keine einzige Redewendung, die man sonst in einer Schrift vom Ende des 5. bzw. Anfang des 4. Jh. nicht finden kann. In diesem Zusammenhang siehe beispielhaft die Anmerkung zum Wort χρέος auf den Seiten 20–21. Auf den Seiten XLII–CLXXX der ʻNoticeʼ folgt die Untersuchung der Überlieferung von Jusj. Hierfür werden sämtliche Textquellen sorgfältig analysiert und in ihrer Bedeutung für die recensio wie die constitutio textus sachlich evaluiert. Es handelt sich dabei um folgende Materialien: achtunddreißig griechische Manuskripte aus dem Mittelalter (XLVI–LXXXVII), der griechische Papyrus P.Oxy. XXXI 2547 aus spätkaiserlicher Zeit, in der ägyptischen Grabungsstätte Oxyrhynchos gefunden und zuerst 1966 veröffentlicht (LXXXVIII–XCIV), fünf lateinische Übersetzungen aus dem Mittelalter und der Renaissance (XCIV– CXVII), Zitate und Erwähnungen in Erotians Glossar, im Kommentar des Galen – arabisch tradiert, nämlich durch einen codex unicus aus dem 9. Jh., 2015 in Damaskus entdeckt – und in hebräischen Werken (CXVII–CLVII), zahlreiche gedruckte Ausgaben aus der Renaissancezeit bis zur kritischen Edition von J. L. Heiberg, 1927 im ‘Corpus Medicorum Graecorum’ erschienen (CLVII– CLXXX). Wesentliche Angaben zu den griechischen Manuskripten sowie die Kollationsergebnisse der codices descripti mit der editio Aldina (Venedig 1526) sind in den Anmerkungen 39–76 auf den Seiten XLVII–LXI ordentlich gesammelt GNOMON 3/93/2021 V. Lorusso: Jouanna, Hippocrate, Tome I, 2e partie 204 worden und stehen dem Leser rasch zur Verfügung. Anm. 66 auf S. LVIII weist einzigartig auf die Geschichte des heutigen Vaticanus Reg. gr. 182 hin, u.a. wie das Manuskript im Laufe des 17. Jh. in den Besitz der Königin Christina von Schweden gelangte. Zur Untermauerung der sehr plausiblen Vermutung, dass entweder der heutige Marcianus gr. 269, ein berühmtes Hippokrates-Manuskript, seinerzeit im Besitz des Kardinals Bessarion, oder eine seiner zahlreichen Abschriften als Vorlage für die lateinische Übersetzung des italienischen Humanisten Niccolò Perotti dienen konnten (CVIII), sei an dieser Stelle daran erinnert, dass Perotti selbst als Büchersammler für Bessarion tätig war.1 Die ins Französische übertragenen und auf den Seiten CXXVI–CXXXVI verfügbaren Stellen aus der Geschichte der Medizin des arabischen Gelehrten Ibn Abī Uṣaybi’a (13. Jh.) erweitern somit die Informationen über die Arbeit von F. Rosenthal, die wir woanders entnehmen dürfen.2 Zur Textkonstitution: Die Arbeit von J. beruht grundsätzlich auf vier griechischen Kodizes, d.h. dem vetustissimus Marcianus gr. 269 (= M) aus dem 10. Jh., dem vetustus Vaticanus gr. 276 (= V), zwischen dem Ende des 11. und dem Anfang des 12. Jh. geschrieben, sowie den zwei späteren Manuskripten Ambrosianus B 113 sup. (= gr. 134 M.–B.) (= Amba) und Vindobonensis med. gr. 37 (= Vind), beide auf einen Zeitraum zwischen dem 13. und dem 14. Jh. datierbar. Dazu kommt der o.g. Papyrus aus Oxyrhynchos, der zwecks Herausgabe von Jusj. zum ersten Mal im vorliegenden Buch berücksichtigt worden ist. Darüber hinaus wurden für die Textkonstitution gelegentlich noch zwei recentiores, die heutzutage in der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrten griechischen Manuskripte 2140 und 2141, herangezogen. Die Rolle der recentiores in der Textgeschichte von Jusj. wird mit besonderem Blick auf den Vaticanus gr. 277 (= R) folgendermaßen präzisiert: Die aus dem 14. Jh. stammende und grundsätzlich in der Deszendenz von M stehende Handschrift R verdankt gewisse Erneuerungen im Text eben den recentiores. Dies zeugt erneut davon, dass es sich bei dem Vorgang, dass durch die Jahrhunderte die Werke des Corpus Hippocraticum von einer älteren an eine spätere Generation schriftlich weitergegeben wurden, um eine «tradition … ouverte» handelt (LXXI). Außerdem spricht für die besondere Rolle, die R in der Überlieferungsgeschichte der antiken medizinischen Texte spielt, auch die Tatsache, dass im Falle des Erotianglossars dieses Manuskript die im Vergleich zu den übrigen griechischen Handschriften vollständigere Fassung bietet. Vind, der in dieser Edition erstmals als Überlieferungsträger verwandt worden ist, lässt an den Stellen, an denen Amba eine andere Lesart als M und V vermittelt, eine klare Entscheidung treffen: Stimmt Vind mit M und V gegen Amba überein, verliert die Variante von Amba an Wert, da sie im Archetypus möglicherweise nicht zu lesen war. Das ist der Fall z.B. für 2,7 J.: τὴν M V Vind] om. Amba; ebd. ταύτην M V Vind] τήνδε καὶ ξυγγραφὴν τήνδε Amba; 3,6 J.: υἱοῖσι M V Vind] υἱοῖς Amba; ebd. ἐμὲ M V Vind] με Amba. Entscheidend für die Textkonstitution ist an 3,11 J. der Galenkommentar zu Jusj., uns ausschließlich in der arabischen Übersetzung verfügbar. Denn hier setzt der Kommentar ein 1 L. Mohler, ‘Kardinal Bessarion als Theologe, Humanist und Staatsmann. Funde und Forschungen in 3 Bänden. 1. Band: Darstellung’, Paderborn 1923 (Neudruck 1967), 409. 2 A. Anastassiou / D. Irmer, ‘Testimonien zum Corpus Hippocraticum. Teil II: Galen. 1. Band: Hippokrateszitate in den Kommentaren und im Glossar’, Göttingen 1997, 320. GNOMON 3/93/2021 V. Lorusso: Jouanna, Hippocrate, Tome I, 2e partie 205 deutliches Zeichen für die Authentizität der von Amba und Vind überlieferten Sequenz κατὰ γνώμην ἐμήν. Teil II. Dieser Teil widmet sich der Edition der christlichen Fassung von Jusj. Die Hauptrolle in der Überlieferungsgeschichte sowie in der Textkonstitution spielt das heutige Manuskript Vaticanus Urbinas gr. 64 aus dem 12. Jh., das auf dem Blatt 116r den griechischen Text in der Form eines Kreuzes vermittelt.1 Im Folgenden zuerst zwei Bemerkungen zur Textstelle 68,3–5 J. 68,3–5: εὐλογητὸς ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ ὢν εὐλογητὸς ἐς τοὺς αἰῶνας, ὅτι οὐ ψεύδομαι. Den Satz bilden zwei Zitate aus den Paulusbriefen: Eph(eserbrief) 1,3 εὐλογητὸς ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ und 2. Kor(inther) 11,31 ὁ ὢν εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας, ὅτι οὐ ψεύδομαι. Zur ersten Hälfte des Satzes, die aus Eph 1,3 stammt, wird im Kommentar (73) ausschließlich auf eine Stelle beim griechischen Kirchenvater Kyrill von Jerusalem hingewiesen. Die zweite Hälfte, von 2. Kor abhängig, ist ziemlich schwierig: Denn lassen sich die Worte ὁ ὢν εὐλογητὸς ἐς τοὺς αἰῶνας unmittelbar als Beisatz zu ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου κτλ. verstehen, ist die Aussage ὅτι οὐ ψεύδομαι, im paulinischen Wortlaut durch das Hauptverb οἶδεν erklärbar, prima facie schwer zu übersetzen. «La syntaxe dans la reprise est toutefois moins claire, par suite de l’absence du verbe οἶδεν», heißt es im Kommentar (73). Möglicherweise dürfen wir die Stelle anders erklären, und zwar indem man die Worte ὅτι οὐ ψεύδομαι als Paulus’ Bestätigung dafür annimmt, dass alles, was er sagt/schreibt, in der Tat wahrhaftig ist. Als Parallele für diese Möglichkeit sei hier auf eine ähnliche Stelle im Galaterbrief 1,20 hingewiesen: ἃ δὲ γράφω ὑμῖν, ἰδοὺ ἐνώπιον τοῦ θεοῦ ὅτι οὐ ψεύδομαι.2 68,5: οὐ μολυνῶ τὴν τῆς ἰατρικῆς τέχνης μάθησιν. Zwar stellt das Verb μολύνω im Corpus Hippocraticum kein hapax dar, ganz besonders passt es jedoch zur christlichen Fassung von Jusj., denn μολύνω ist dreimal in Schriften des Neuen Testaments verwendet, und zwar in Offenbarung 3,4 und 14,4 sowie im 1. Korintherbrief 8,7. Sechs synoptische Tabellen im Kommentar (74–79) zeigen deutlich die Kontinuität zwischen der heidnischen und der christlichen Ethik der Medizin. Ein bedeutsamer Unterschied besteht jedoch in der Liberalisierung der Unterrichtsund Ausbildungspraxis unter den Christen. Wann die Christianisierung von Jusj. stattfand, bleibt unbekannt. Den einzigen terminus ante quem stellt das älteste griechische Manuskript mit der christlichen Fassung von Jusj. dar, nämlich der o.g. Vaticanus Urbinas gr. 64. Als äußerst hypothetisch beurteilt J. die Meinung, Jusj. sei vor Galen christianisiert worden (89). Teil III. Was die Entstehung vom gedichteten Eid (= Jusj. II) angeht, ist J. der Meinung, das Werk stamme nicht direkt aus Jusj. (95). Es handele sich dabei eher um ein spätantikes Stück, das wahrscheinlich auf Verse eines früheren Dichters fußt, wie schon Karl Wilhelm Dindorf, der 1828 zuerst Jusj. II herausgegeben hatte, vermutete und heute noch unter den Hippokrates-Forschern als communis opinio gilt.3 Auf den Seiten 96–121 werden sämtliche Etappen in der Textgeschichte von Jusj. II rückläufig geschildert, d.h. von der Edition, die Heiberg 1927 im CMG erscheinen ließ, bis zur Erstausgabe von Dindorf im Jahr 1828. Besonders 1 Das Manuskript ist als Digitalisat von schwarz-weißem Mikrofilm unter https://digi.vatlib.it/view/MSS_Urb.gr.64 einsehbar. 2 H. Balz / G. Schneider, ‘Dizionario Esegetico del Nuovo Testamento (edizione italiana a cura di O. Soffritti)’, Brescia 2004, s.v. ψεύδομαι II 1977,2. 3 K. W. Dindorf, ‘Vermischte Aufsätze: XI’, Zeitschrift für die Alterthumswissenschaft 141, 1839, 1133–1134: 1134. Zu Jusj. II als Spätstück s. IH (wie oben), XX. GNOMON 3/93/2021 V. Lorusso: Jouanna, Hippocrate, Tome I, 2e partie 206 spannend, doch z.T. von autobiographischen Details nicht ganz befreit (s. beispielhaft S. 108, Anm. 16) findet der Rezensent den Bericht (104–108) über die Art und Weise, wie J. die Identifikation eines von Charles Daremberg 1849–1850 in Rom kollationierten und damals noch als cod. Colonnae XII bezeichneten Manuskripts mit dem heutigen Vaticanus gr. 2304 gelang. Darüber hinaus ist es besonders erfreulich, auf S. 108 von der Entdeckung eines weiteren Manuskripts in der Vatikanischen Bibliothek, des Palatinus gr. 143, zu lesen. Beide Manuskripte stammen aus dem 15. Jh. Vermutlich war der Palatinus gr. 143 Daremberg selbst bekannt, allerdings hat ihn keiner der Gelehrten, die sich nach Daremberg mit Jusj. II beschäftigten, und zwar Diels, Jones und Heiberg, in Betracht gezogen. Anders als die Edition von Heiberg beruht die Arbeit von J. auch auf diesem weiteren Manuskript. Da sich einige Verse in Jusj. II mit Stellen aus früheren griechischen Schriften inhaltlich und sprachlich vergleichen lassen, kann man dadurch gewissermaßen die Entstehung von Jusj. II erklären. Wie z.B. die Verse 2–3 in Jusj. II zwei Versen (793–794) des Theognis nahestehen, fiel 1839 Dindorf auf. Ihm verdanken wir auch die Erkennung einer gewissen Ähnlichkeit zwischen den Versen 4–9 in Jusj. II und einem hexametrischen Gedicht unter dem Titel τὰ πρὸς Νικόμαχον ἀπολυτικά des Chirurgen und laut Galen (K. 14,144,16) Tragödiendichters Heliodoros aus Athen (2. Hälfte des 1. Jh. n. Chr.).1 Wer tatsächlich Jusj. II gedichtet hat, bleibt unbekannt. Dass das Stück im Zeitalter vor Gregor von Nazianz hätte entstehen können, ist fraglich (143). Durch die Untersuchung und Kollation sämtlicher verfügbarer Manuskripte von Jusj. gelang es J., einen im Vergleich zu früheren Editoren zuverlässigeren Text herauszugeben. Dabei zeigt sich jedenfalls als entscheidend der o.g. Vaticanus gr. 2304 (= Col), beispielhaft in den Versen 7, den ausschließlich Col und der Wiener Kodex med. gr. 37 überliefern, und 10, dessen Wortlaut in der ersten Hälfte durch Col rekonstruierbar ist. Die zahlreichen, im Kommentar erwähnten loci aus griechischen Schriftstellern der Antike lassen deutlich erkennen, wie reich Jusj. II an literarischen Anspielungen ist (139. 141–146. 149–150. 152–153). Dass sein Dichter sehr belesen war, darf man somit nicht infrage stellen. Doch handelt es sich wirklich um einen christlichen Dichter? Von einem «serment chrétien en vers» ist die Rede nur in der ‘Notice’ (95–129), denn im Kommentar (139–153) wird Jusj. II bloß als «serment en vers» vorgestellt. Was spricht also gegen die Zuschreibung von Jusj. II an einen der anonymen griechischen Ärzte, die in der Antike laut Galen (K. 14,144,17–145,1) pharmakologische Schriften ἐμμέτρως verfassten? Was spricht dagegen für das Verständnis von Jusj. II als christliches Werk? Vielleicht der große Gott, der im Vers 1 benannt wird? Ἀγνώστῳ θεῷ. Teil IV. Ein νόμος ἰητρικός wird an einer Stelle in Jusj. (3,8 J.) erwähnt. Möglicherweise handelt es sich dabei um den ursprünglichen Teil der gleichnamigen Schrift, die Erotian im Glossar (9,18–19 Nachmanson) in eine Gruppe von 1 Der Befund von Dindorf ist ursprünglich in einer schriftlichen Mitteilung aus dem Jahr 1828 an Karl Gottlob Kühn zu lesen, s. C. G. Kühn, ‘Panegyris medica et additamenta ad elenchum medicorum veterum’, Leipzig 1828, 11–12. Zu Heliodoros s. F. Kudlien, ‘Heliodoros 8’, DKP 2 (1979), 998. An Heliodoros und dessen Hexameter erinnert Galen in der Schrift Über die Gegenmittel (K. 14,145,11–17). GNOMON 3/93/2021 V. Lorusso: Jouanna, Hippocrate, Tome I, 2e partie 207 insgesamt vier Schriften einordnete: Ὅρκος, Νόμος, Περὶ τέχνης, Περὶ ἀρχαίας ἰατρικῆς. Aller Wahrscheinlichkeit nach fand die Einverleibung von Jusj. und Lex ins Corpus Hippocraticum in einer relativ späten Phase der Überlieferungsgeschichte statt (169). Doch wann die Schrift entstanden ist, lässt sich nicht ganz genau feststellen: vermutlich nach dem 5. Jh. v. Chr., da Lex eine gewisse Ähnlichkeit mit Gedanken von Demokrit, Gorgias, Antiphon und Platon aufweist (170–177). Zum Inhalt von Lex: In Kapitel 1 (246,2–247,2 J.) geht es um die Medizin als die höchste Kunst, die ständig von unfähigen Ärzten diskreditiert wird.1 Kapitel 2 (247,3–248,3 J.): Wichtig für einen Mediziner sind Fähigkeit, Disziplin, Unterricht bei einem guten Lehrer, Ort, Fleiß, Zeit. Kapitel 3 (248,4–12 J.): Die ärztliche Bildung erinnert an den Ackerbau. Kapitel 4 (248,13–249,11 J.): Lob der Erfahrung, Nachteil der Unerfahrenheit. Kapitel 5 (249,12–14 J.): Wer im medizinischen Wissen gebildet wird, ist mit den in die Mysterien Eingeweihten vergleichbar. Es ist also nicht erlaubt, Profanen fachliche und wissenschaftliche Kenntnisse bekannt zu machen. 249,1–4: An dieser Stelle geht es um die Fachkenntnis (ἐμπειρίη), die wie Reichtum (καλὸς θησαυρὸς καὶ καλὸν κειμήλιον) ist. Den Satz liest man in keinem der beiden ältesten Hippokrates-Manuskripte, den o.g. M und V, sondern nur im o.g. Mailänder Kodex Amba, den J. als erster unter den Lex-Editoren für die constitutio textus herangezogen hat. Schließlich sei noch auf einige wenige Unregelmäßigkeiten im Text dieser wertvollen Ausgabe hingewiesen: 2,1 ὍΡΚΟΣ (so auch in der Kopfzeile auf den Seiten 3–5. 69–70. 137 geschrieben) statt ΟΡΚΟΣ, 136,6 λυγρὰ statt λυγρά. An manchen Stellen wie etwa 3,6 und 3,9 ist der Rezensent mit der Silbentrennung unzufrieden. Außerdem begegnet man im kritischen Apparat Formulierungen wie «… cf. Heliodoros apud…» (136,4). Hamburg/Lioni Vito Lorusso 1 Gedanken über die Inkompetenz der Ärzte sind in medizinischen Texten der Antike nicht selten zu lesen. Im Kommentar zum Buch 1 der hippokratischen Epidemien schrieb Galen z.B. von einigen Ärzten, die sich beim Verabreichen der Medikamente den Kranken gegenüber wie Würfelspieler benähmen, siehe CMG V 10,1, S. 76,16–18. Die Stelle zitiert J. in einem Aufsatz zur Ethik der Medizin (‘La lecture de l’éthique hippocratique chez Galien’) im Band H. Flashar / J. Jouanna, ‘Médecine et morale dans l’Antiquité’, Genf 1997, 211–253: 215–216. GNOMON 3/93/2021

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.