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Stephan Steingräber, Maria Pia Donato, Vincent Jolivet (Edd.): Eredità etrusca. Intorno al singolare caso della tomba monumentale di Grotte Scalina (Viterbo). in:

Gnomon, page 66 - 72

GNO, Volume 93 (2021), Issue 2, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-2-66

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C.H.BECK, München
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A. M. D’Onofrio: Papadopoulos/Smithson (Edd.), The Early Iron Age 162 In the ‘Social and Historical Conclusions’ of Ch. 8: ‘Epilogue’ P. reiterates his vision of a settlement separate from the necropolises and insists on the continuity of material culture and funerary evidence in the Bronze-Iron Age transition. The Agora necropolises would have been reserved «for long-established, autochthonous Athenians» (687), unlike those of Kerameikos and the Salamis Arsenal. But this topic, of enormous interest and evident complexity, requires a study all of its own, opening with a discussion of the principles of ethnicity and the problems of its mirroring in the rituals of the Athenian necropolises. Therefore P.’s interpretative proposal can be accepted as a suggestion to be yet fully explored. In summary, the four necropolises that give the title to the volume appear as a theoretical creation of the author. This remark cannot diminish the appreciation of his extraordinary work, which offers ideas and material for discussion on many themes that it has not been possible to deal with in this review. In the introduction P. rightly points out that there existed more Athenian ceramics documented with drawings from the necropolises of Lefkandi than from Athens itself, not to mention imbalance in the excavation documentation. This latter failing has been corrected and the systematic nature of documentary research, the richness of the graphic and photographic documentation of the excavation and the materials, the great competence in handling the material classes, especially ceramic, represent a fundamental contribution to the knowledge of the Athenian EIA and for this we must all be truly grateful to P. He has produced a great reference work for all scholars of the EIA everywhere, and of early Athens in particular. Napoli Anna Maria D’Onofrio * Maria Pia Donato, Vincent Jolivet (Edd.): Eredità etrusca. Intorno al singolare caso della tomba monumentale di Grotte Scalina (Viterbo). Vetralla: Davide Ghaleb 2018. 161 S. zahlr. z.T. farb. Abb. 4°. (Archeologia Città Territorio.). Die hier vorzustellende neue Publikation umfaßt Beiträge von 14 italienischen und französischen Autoren, darunter Archäologen, Etruskologen, Historikern, Epigraphikern und Kunsthistorikern wie M.P. Donato, V. Jolivet, E. Lovergne, G. Amicucci, P. Catalano, L. Ambrosini, D. Briquel, L. Pesante, G. Curzi, C. Tedeschi, J. Lebregère, L. Cappuccini, E. De Minicis und D. Giosuè. Sie gliedert sich in Danksagungen, eine Einführung, einen ersten Hauptteil mit 5 Beiträgen zu ‘Grotte Scalina, una storia millenaria’ und einen zweiten Hauptteil mit 5 Beiträgen zu ‘Terre etrusche in età medievale e moderna’, eine Zusammenfassung, einen Index nominum und einen Index locorum. Positiv zu vermerken ist, daß alle ausschließlich in italienisch verfaßten Beiträge jeweils am Anfang eine kurze Zusammenfassung in französisch und englisch sowie am Ende jeweils eine eigene Bibliographie haben. Der Bildteil umfaßt Aquarelle, Zeichnungen, Photos und Pläne, wobei Fig. 40 den entscheidenden und innovativen Rekonstruktionsvorschlag der monumentalen Grabfassade von Grotte Scalina präsentiert. Im Mittelpunkt der Publikation steht das um 1900 nur unzureichend und z.T. (von L. Rossi Danielli) falsch dokumentierte, 1998 wiederentdeckte und GNOMON 2/93/2021 St. Steingräber: Donato/Jolivet (Edd.), Eredità etrusca 163 seit 2010 von einem französisch-italienischen Team unter Leitung von V. Jolivet systematisch ausgegrabene und erforschte Felsgrab von Grotte Scalina bei Musarna (zwischen Viterbo und Tuscania im Hinterland der Küstenmetropole Tarquinia gelegen) in der sog. Etruria rupestre (Prov. Viterbo). Es gehört zu den monumentalsten und aufwendigsten Felsgräbern aus frühhellenistischer Zeit (um 320 v. Chr.) in Südetrurien und ist wohl einer reichen aristokratischen Gens aus Tarquinia zuzuschreiben, die wahrscheinlich an der Gründung der nahegelegenen ‘Kolonie’ Musarna als Bollwerk gegen den immer stärkeren Expansionsdrang von Rom beteiligt war. Die Architektur dieses Felsgrabes ist offensichtlich von makedonischen Modellen wie den großen Palästen in Vergina und Pella mit ihren monumentalen Eingangsfassaden inspiriert. Das beste Vergleichsbeispiel in Etrurien bietet die leider weitgehend zerstörte und etwa zeitgleiche Tomba Lattanzi der Gens Churcle von Norchia mit ihrer doppelstöckigen Porticusfassade und reichem figürlichen Schmuck. Unter den anderen Vergleichsbeispielen werden genannt die Tomba Ildebranda von Sovana, die Tomba Grande von Castel d’Asso und die Tomba del Capo im faliskischen Corchiano. Die zweistöckige, heute leider nur noch sehr schlecht erhaltene Grabfassade zeichnete sich durch zwei Portiken aus – die untere mit zwei monumentalen tuskischen Säulen, die obere mit sechs schlankeren tuskischen Säulen – und wurde urspünglich von einem Giebel bekrönt. Der große, zweigeteilte Saal mit steinernen Betten für funeräre Bankette stellt in Etrurien in seiner Größe ein Unicum dar. Die wohl nach Prinzipien der etruskischen Kosmologie orientierten und geschlechtsgetrennt genutzten beiden Grabkammern wurden bis ins 2. Jh. v. Chr. frequentiert. Nach einem langen zeitlichen Intervall scheint die Grabanlage wieder im Mittelalter (8. – 13. Jh.) von Eremiten frequentiert worden zu sein, worauf vor allem zwei kleine künstlich ausgehöhlte Grotten hindeuten. Auch die Reste einer mittelalterlichen Befestigungsmauer datieren ins 12. bis 13. Jh. Um die Mitte des 16. Jh. erregte die inzwischen teilweise eingestürzte Grabfassade erneute Aufmerksamkeit wegen der Ähnlichkeit ihrer Scheintür und der monumentalen Treppenanlage mit der Porta Santa und Scala Santa in Rom während des Jubiläums, weshalb in den folgenden drei Jahrhunderten zahlreiche Pilger auf der Via Francigena hier Station machten (und offenbar auf Knien die Treppe benutzten), wie zahlreiche Maiolicafragmente aus dem 16. bis 18. Jh. bezeugen. Auf die Neuzeit gehen auch diverse Pfostenlöcher – offenbar für angebaute Holzkonstruktionen – sowie ein ausgehöhlter rechteckiger Raum östlich des antiken Bankettraums zurück. Auf Grund vor allem politischer und sozialer Veränderungen (Brigantentum) wurde dieser Ort seit dem ausgehenden 18. Jh. offenbar nicht mehr frequentiert. Seit den 70er Jahren des 20. Jh. ist dagegen die verstärkte Aktivität von Grabräubern (tombaroli) zu verzeichnen. Insofern erzählt dieser Band die Geschichte eines unterschiedlich genutzten Felsmonuments von der spätetruskischen Zeit bis in die Moderne und dokumentiert zugleich die Ergebnisse der jüngsten Grabungen und Forschungen unter Leitung von V. Jolivet. Die Forschungs- und Entdeckungsgeschichte der südetruskischen Felsgräberzone beginnt mit der ersten Hälfte des 19. Jh. und hat vor allem in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Intensivierung erfahren. Im 19. Jh. ist sie GNOMON 2/93/2021 St. Steingräber: Donato/Jolivet (Edd.), Eredità etrusca 164 verbunden mit Namen wie F. Orioli, P. Semeria, A. Labrouste, L. Canina, G. Dennis, S.J. Ainsley und den Brüdern Campanari aus Tuscania, in der ersten Hälfte des 20. Jh. mit L. Rossi Danielli, H. Koch, E. von Mercklin, C. Weickert, G. Rosi, R. Bianchi Bandinelli, A. Gargana und A. Scriattoli sowie seit Ende der 50er Jahre mit dem schwedischen König Gustav VI. Adolf, dem Etruskologenehepaar G. und E. Colonna, S. Quilici Gigli, A.M. Sgubini Moretti, L. Gasperini, J.P. Oleson, R. Romanelli, A. Maggiani, P. Brocato, L. Ambrosini, G. Barbieri, F. Ceci, V. Jolivet, E. Lovergne, F. Prayon und dem Rezensenten S. Steingräber.1 Im Mittelpunkt dieser in Italien einzigartigen, vulkanisch geprägten Tuffzone stehen zweifelsohne die etruskischen Felsgräber mit ihrer Verbreitung (vor allem San Giuliano, Blera, Tuscania, Norchia, Castel d’Asso und Sovana), ihrer typologischen Vielfalt, ihrer Chronologie (vom zweiten Viertel des 6. bis zum frühen 2. Jh. v. Chr.), ihren möglichen Vorbildern und Parallelen. Typologisch am häufigsten sind die Würfelgräber (auch Halb- und Scheinwürfelgräber), besonders aufwendig die Tempel- und Porticusgräber aus hellenistischer Zeit, bei denen sich Einflüsse aus Kleinasien, Makedonien und Unteritalien (speziell Apulien) nachweisen lassen. Dabei handelt es sich nicht nur um architektonische und künstlerische, sondern auch um politisch-ideologische Einflüsse (Makedonien), wobei ein möglicher Transfer von Architekten und Architekturmodellen und/oder eine Zirkulierung von Zeichnungen in Erwägung zu ziehen sind.2 Kehren wir nun zum Felskomplex von Grotte Scalina und seinen besonderen Charakteristiken zurück. Den chronologischen Beginn in unmittelbarer Nähe bilden zwei kleine archaische Kammergräber tarquinischer Prägung «a fenditura superiore» aus dem letzten Viertel des 6. Jh. v. Chr. mit jeweils einer männlichen bzw. weiblichen Einzelbestattung. Ursprünglich von einem kleinen Tumulus bedeckt, enthielt eines der Gräber osteologisches Material aus archaischer, hellenistischer und frühmittelalterlicher Zeit (etwa 670 – 990 n. Chr.). Die große frühhellenistische Grabanlage (um 320 v. Chr., also in die Periode der entscheidenden Auseinandersetzungen mit Rom zu datieren) besitzt eine monumentale, doppelstöckige Felsfassade von circa 14 m Breite und 12 m Höhe und einen circa 400 Quadratmeter großen Vorplatz. Der untere Teil der Fassade ist durch eine Scheintür mit proiecturae «a becco di civetta» sowie drei darüber eingetieften Nischen (wohl für die Büsten von Verstorbenen oder Unterweltsgottheiten) gekennzeichnet. Es schließen sich eine östliche und eine westliche Grotte an. Vorgelagert ist ein großer, zweigeteilter Bankettsaal mit Resten von farbiger Wandmalerei, sechs Steinbetten mit Kopfstützen sowie eine Fassade mit zwei Pilastern und zwei massiven kannelierten Säulen mit 1 Siehe dazu jüngst zusammenfassend S. Steingräber, ‘L’Etruria meridionale interna e le necropoli rupestri: storia delle ricerche e delle scoperte’, in ‘L’Etruria delle necropoli rupestri. Atti del XXIX Convegno di Studi Etruschi ed Italici, Tuscania – Viterbo 26–28 ottobre 2017’ (Rom 2019) 103–115. 2 Zur Etruria rupestre und ihren Felsgräbern siehe S. Steingräber, ‘Antike Felsgräber. Unter besonderer Berücksichtigung der etruskischen Felsgräbernekropolen’ (Darmstadt 2015) mit ausführlicher Bibliographie. GNOMON 2/93/2021 St. Steingräber: Donato/Jolivet (Edd.), Eredità etrusca 165 profilierten Basen. Vor den beiden Pilastern stand ursprünglich wohl jeweils eine apotropäische Tierskulptur wie Löwe oder Sphinx aus Tuff oder Nenfro. Eine Treppe mit urspünglich circa 25 Stufen links der Fassade führte zur oberen Porticusfassade mit wohl sechs kleineren Säulen und vorgelagerter Terrasse. Die Fortsetzung der Treppe mit 11 Stufen ermöglichte, das Dach der Fassade zu besteigen. Das ursprüngliche Giebeldach mit Columen und leichten Dachschrägen wurde von zwei kleinen offenen Flächen flankiert, wobei der Giebel ursprünglich wahrscheinlich skulpiert und bemalt war. Die grob aus dem Tuff gehauene Hauptgrabkammer mit Zentralpilaster und eine sekundäre Grabkammer sind mit ihren Dromoi nach Norden bzw. Osten ausgerichtet, d.h. der etruskischen Himmelsskala zufolge in Richtung Tinia Cilens bzw. Uni. Die Hauptkammer (= Tomba 1) war teilweise bereits von Tombaroli ausgeraubt worden. In der Dromosaufschüttung fanden sich noch eine fragmentarische faliskisch-rotfigurige Schale (Gruppo del Foro), Fragmente von Schwarzfirniskeramik (tarquinische Gruppo delle Pareti Sottili) aus dem letzten Viertel des 4. Jh. und ein fragmentarischer Knochenkamm. Vor dem Eingang entdeckte man ein kleines Depot mit einer südetruskischen Öllampe, einer eiserner Lanzenspitze und einem Cippus, was möglicherweise als letzter Ritus bei Schließung des Grabes in der zweiten Hälfte des 2. Jh. zu interpretieren ist. Die Nagellöcher am Grabeingang weisen sicher auf das Aufhängen von Väschen oder Kränzen hin. In der Grabkammer selbst fanden sich noch drei Bronzefibeln, eine fragmentarische Eisenaxt, eine Terrakottahalskette, Knochenwürfel und Spielsteine, zwei Bronze-Asse (Serie «alla prora»), eiserne Lanzenspitzen und fragmentarische Strigiles sowie Fragmente von Schwarzfirnisgefäßen. Eine Datierung dieser Funde vor dem zweiten Viertel des 3. Jh. ist unwahrscheinlich. Hinzu kommen acht einfache fragmentarische Nenfrosarkophage (einer mit figürlichem Deckel) und eine Tuffurne. Sie tragen z.T. Inschriften (eine ‘vi:larth’). Alle Funde sind Indikatoren für männliche Bestattungen. Die zweite Kammer (= Tomba 2) enthielt in der Dromosaufschüttung ein Kindergrab aus der römischen Kaiserzeit (um 230 n. Chr.). In der Kammer selbst wurden gefunden vier fragmentarische Nenfrosarkophage (zwei davon mit Inschrift: ‘tési’ und ‘cinial’ = Matronyme), ein Spiegel, Bronzefläschchen, zwei große Balsamarien, drei Schwarzfirnispaterae, eine kleine farblose Olla, einige Bronze- und Eisenobjekte wie drei Cistenfüße. Auch diese Funde sind nicht vor dem zweiten Viertel des 3. Jh. zu datieren und alle Indikatoren für weibliche Bestattungen. In der zweiten Hälfte des 2. Jh. sind wohl beide Grabkammern endgültig geschlossen worden. Bezüglich der funerären Riten fällt die klare Geschlechtertrennung bei den Bestattungen ins Auge. Die Terrasse war sicher Kultzeremonien vorbehalten, wobei die beiden oberen Treppen und Ambiente wohl ebenfalls geschlechtsgetrennt waren. Die Funde lassen auf eine funeräre Nutzung des Monumentalkomplexes vom letzten Viertel des 4. Jh. bis zur zweiten Hälfte des 2. Jh. schließen. Es seien im folgenden einige Kapitel besonders herausgegriffen. L. Ambrosini geht in ihrem Beitrag auf die Kategorie der Felsgräber generell ein, ein weitverbreitetes Phänomen im Mittelmeerraum, vor allem im kleinasiatischen GNOMON 2/93/2021 St. Steingräber: Donato/Jolivet (Edd.), Eredità etrusca 166 Lykien und Karien. In Südetrurien konzentriert es sich vor allem auf die archaische und hellenistische Phase und zwar vorwiegend in Tuscania, Blera, San Giuliano und San Giovenale bzw. Norchia, Castel d’Asso und Sovana. Die vielfältige Typologie umfaßt Würfel und Halbwürfel (in hellenistischer Zeit z.T. mit Sottofacciata-Ambiente), hausförmige Gräber mit Giebel (= a casa oder casetta), Gräber mit Vestibül, mit Porticus und tempelförmiger Fassade (= Tempelgräber bzw. in kleinerem Format Ädiculagräber), wobei es sowohl etruskisch-indigene wie auch von außen beeinflußte Grabtypen gibt. Mögliche Vorbilder oder Parallelerscheinungen sind vor allem in Kleinasien, im unteritalisch-tarentinischen Bereich sowie in Makedonien zu finden. In Makedonien bieten sich als Modelle die doppelstöckigen Palastfassaden mit Giebel (wie in Vergina und Pella) sowie die monumentalen Gräber mit z.T. doppelstöckigen Fassaden (wie in Lefkadia, Vergina etc.) an. Man hätte hier auch noch griechische Toranlagen wie die von Thasos (Zeustor) zitieren können. Das Zachariasgrab von Jerusalem ist aus chronologischen Gründen aber auszuscheiden. Ambrosini zufolge sind die beiden Tempelgräber (= Tombe doriche) und die Tomba Lattanzi in Norchia zeitgleich und wohl der gleichen Werkstatt zuzuschreiben. Bei der monumentalen Tomba Ildebranda von Sovana hätte man auch die neue Rekonstruktion mit drei Giebeln und nicht nur die alte, inzwischen überholte von R. Bianchi Bandinelli zeigen sollen. In Sovana verdient auch die inzwischen gut publizierte Tomba dei Demoni alati mit ihrem reichen figürlichen Schmuck besondere Beachtung. Hinsichtlich möglicher fremdländischer Modelle und Einflüsse verweist die Autorin auf politische und Handelskontakte, aber auch auf Transfer von Architekten, Modellen und Zeichnungen vor allem in hellenistischer Zeit. Dem Rezensenten erscheinen allerdings die postulierten direkten Kontakte zwischen etruskischen Aristokraten und dem makedonischen Königshaus eher zweifelhaft. Auch eine Präsenz etruskischer Delegationen in Makedonien kann nicht nachgewiesen werden. Makedonische Einflüsse äußern sich in hellenistisch-etruskischen Gräbern auch in Cerveteri, Tarquinia, Vulci und Cortona, doch sind sie wohl eher einer Vermittlung durch Unteritalien/Magna Graecia zuzuschreiben.1 D. Briquel sieht in der Reproduktion des liber linteus in der bekannten caeretaner Tomba dei Rilievi einen möglichen Hinweis auf die Existenz von ‘carmina conuiualia’ bei etruskischen Grabbanketten. L. Pesante untersucht in seinem Beitrag über Eremiten, Pilger und Händler die Wiederbenutzung und -frequentierung etruskischer Felsmonumente im Mittelalter und der frühen Neuzeit vor allem für religiöse Zwecke, als in dieser Zone auch viele Kastelle errichtet wurden. Zum Phänomen und der Verbreitung der ‘Scala Santa’ zitiert er die Beispiele in Rom, Subiaco (Sacro Speco) und Sovicille-Cetinale. Unter den Funden in Grotte Scalina verdienen eine Devotionalien-Medaille des Jubiläums von 1675 oder 1700 mit Darstellung der Porta 1 Zum Phänomen der antiken Felsgräber siehe auch die zahlreichen Beiträge in S. Steingräber – F. Ceci (Edd.), ‘L’Etruria meridionale rupestre. Atti del Convegno internazionale ‹L’Etruria rupestre dalla Protostoria al Medioevo. Insediamenti, necropoli, monumenti, confronti›, Barbarano Romano – Blera, 8–10 ottobre 2010’ (Rom 2014). GNOMON 2/93/2021 St. Steingräber: Donato/Jolivet (Edd.), Eredità etrusca 167 Santa und Scala Santa sowie ein Quattrino von Clemens VIII. aus dem Jubiläumsjahr 1600 besondere Beachtung. G. Curzi und C. Tedeschi beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit den bemerkenswerten mittelalterlichen Graffiti des Templerordens in einem bemalten etruskischen Grab von Tarquinia, nämlich der Tomba Bartoccini (um 530 v. Chr.). Diese Graffiti beinhalten kurze Texte, Kreuze, Sterne und andere Symbole aus der ersten Hälfte des 13. Jh. und belegen die Frequentierung ausgemalter etruskischer Gräber in Tarquinia bereits im Mittelalter durch Mitglieder des Templerordens, die – namentlich genannt wird z.B. ein gewisser ‘Johannes magister’ – hier rituelle sexuelle Akte vollzogen. Sie wählten die Tomba Bartoccini aus wegen ihres kreuzförmigen Grundrisses und ihrer besonderen malerischen Dekoration (u.a. mit Schachbrettmustern, überwiegend in Weiß und Rot, also den Farben der Templer). Wir verdanken C. Tedeschi bereits eine Monographie über diese Thematik.1 J. Labregère zieht in seinem Beitrag über die Wiederentdeckung der Etrusker im Mittelalter und in der Renaissance antike literarische Quellen, mittelalterliche Chroniken, volkstümliche Legenden, etruskische Gräber, zahlreiche archäologische Neuentdeckungen im 16. Jh. (wie den Tumulo di Montecalvario bei Castellina in Chianti und die bronzene Chimära von Arezzo) und die Wiederbenutzung etruskischer Objekte (wie Urnen und Inschriften) heran und unterstreicht die Bedeutung der Medici-Dynastie und des Dominikanermönchs Annio da Viterbo für dieses neu erwachte Interesse. E. De Minicis behandelt die Wiederbenutzung älterer etruskischer Felsstrukturen und Neuanlagen im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit in der Tuscia rupestre, wobei Felskirchen und Eremi, Felssiedlungen (Corviano bei Bomarzo), Produktionsstätten (pestarole), Nymphäen und Nekropolen (mit sog. tombe ‘a loggette’) zur Sprache kommen. Die Autorin und ihr Team von der Università della Tuscia (Viterbo) erforschen und publizieren seit langem die mittelalterlichen und neuzeitlichen Hinterlassenschaften in dieser Zone. Nach den Publikationen von J. Raspi Serra sind De Minicis die wichtigsten Neuveröffentlichungen zu verdanken. D. Giosuè untersucht die Tuscia rupestre in den Texten einiger mitteleuropäischer Reisender vom 16. bis 18. Jh., darunter vor allem englische und französische Reisende wie M. de Montaigne, C. Montesquieu, A. Balfour, J. Raymond, R. Lassels, J. Ray und C. Burnet. Diese durchquerten meist sehr schnell die Tuscia auf vorgegebenen Routen mit dem Ziel Rom und hatten kein spezielles Interesse an den Etruskern. Eine Ausnahme bildet hier die Jubiläumsmedaille des späten 17. Jh. aus Grotte Scalina. Das reich bebilderte und großformatige Buch besteht im Grunde aus zwei verschiedenen Teilen, hat innovativen Wert (3D-Rekonstruktionen und Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden zur Chronologie wie C 14) und ist sicher seinen Preis (25 Euro) wert. Lob verdient auch die Bereitschaft des kleinen Lokalverlags D. Ghaleb von Vetralla (Prov. Viterbo), eine solch primär 1 C. Tedeschi, ‘Graffiti templari. Scritture e simboli medievali in una tomba etrusca di Tarquinia’ (Rom 2012). GNOMON 2/93/2021 St. Steingräber: Donato/Jolivet (Edd.), Eredità etrusca 168 wissenschaftliche Publikation zu veröffentlichen und zu einem vernünftigen Preis zu verkaufen. Ausgehend von einem – leider nicht sehr gut erhaltenen – spätetruskischen Felsgrab mit monumentaler Fassade umfaßt es einen langen Zeitraum vom 1. Jahrtausend v. Chr. bis in die Moderne und untersucht z.T. gänzlich unterschiedliche Aspekte archäologischer, kunsthistorischer, historischer, epigraphischer und religionsgeschichtlicher Natur. Dieser großartige Felskomplex von Grotte Scalina hat gewissermaßen ‘sechs Leben’ gehabt mit unterschiedlichen Funktionen: in archaischer, hellenistischer und hochmittelalterlicher Zeit eine funeräre Funktion, in der Renaissance und später eine primär religiöse Funktion. Rom Stephan Steingräber * Annalisa Marzano, Guy P. R. Metraux (Edd.): The Roman Villa in the Mediterranean Basin. Late Republic to Late Antiquity. Cambridge: Cambridge UP 2018. XXXVI, 599 S. zahlr. Abb. zahlr. Ktn. 4°. 140 £. Die geringe Menge systematisch publizierter archäologischer Befunde von römischen Villen hat die Beantwortung übergreifender entwicklungsgeschichtlicher und kulturhistorischer Fragestellungen lange Zeit erschwert. Erst in jüngerer Zeit sind verstärkt neue Befunde aus Italien und dem gesamten Mittelmeerraum ausgegraben oder zusammenhängend vorgestellt worden. Dieser Umstand ist Anlass für den Versuch von A. Marzano und G. P. R. Metraux, das schon bekannte sowie das neu hinzugekommene archäologische Material in einem überregionalen und epochenübergreifenden Überblick gemeinsam zu präsentieren. Der Sammelband mit dem Titel ‘The Roman Villa in the Mediterranean Basin’ ist aus einem gleichnamigen Kolloquium hervorgegangen, dessen Schwerpunkt allerdings noch auf der Behandlung der Villen am Golf von Neapel und in Israel gelegen hatte. Die Idee einer handbuchartigen Einbeziehung des archäologischen Materials aus den Mittelmeer-Anrainerstaaten wurde erst nachträglich gefasst. Hierin mag ein Grund dafür liegen, dass die 26 enthaltenen Beiträge thematisch nicht immer genau auf die inhaltlichen Vorgaben der vier übergreifenden Hauptkapitel abgestimmt sind. Den vier Hauptteilen sind ausführliche einführende Bemerkungen vorangestellt, in denen die Herausgeber (im Folgenden: H.) zunächst einen allgemeinen Überblick über die Villenforschung (1–41) und U. Rothe terminologische Überlegungen (42–59) präsentieren. Im ersten Teil des Sammelbandes geht es dann um die Umgebung des Golfs von Neapel, wobei einzelne Villen (A. Wallace-Hadrill: Villa dei Misteri [63–74]; J. R. Clarke [75–84]; M. Zarmakoupi [85–96]: beide Oplontis; T. N. Howe: Stabiae [97–119]; A. Campanelli: Villa von Positano [120–124]; M. Aoyagi: Somma Vesuviana [141–156]) und Villengruppen diskutiert werden. Der Beitrag von Marzano über die ökonomische Bedeutung der villae maritimae (125–140) passt weniger gut in diesen ersten Teil. Im zweiten Teil finden sich Überblicksbeiträge über nahezu alle Mittelmeer-Anrainerstaaten des Römischen Reiches: M. Gualtieri: Süditalien (159–176), G. P. Brogiolo – A.C. Arnau: Norditalien (178–194), R. J. A. Wilson: Sizilien (195–219), Nordafrika (266–307), L. Buffat: Südfrankreich (220–234), F. Teichner: Iberische Halbinsel (235–254), M. Papaioannu: Griechenland (328–376), W. Bowden: Adria-Region (377–397). Etwas aus dem Rahmen fallen hier die Beiträge von A. Bonanno: Malta (255–265) und Z. Weiss: Galiläa (317–327), in denen auch Stadthäuser vorgestellt werden, sowie derjenige von O. Tal, GNOMON 2/93/2021

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

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