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Thomas Kruse, Sophie Kambitsis (Ed.): Des pittakia de Théadelphie. in:

Gnomon, page 52 - 58

GNO, Volume 93 (2021), Issue 2, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-2-52

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C.H.BECK, München
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M. Coudry: Buongiorno et al. (Edd.), Miscellanea senatoria 148 suite des esclaves fugitifs – un phénomène d’ampleur croissante, tout au long de l’Empire, et aux lourdes conséquences économiques – et de l’articulation entre SC et constitutions impériales. Il scrute pour cela trois fragments d’Ulpien apparaissant dans la rubrique De fugitivis du Digeste (11.4.1.1–3), et propose une reconstruction des six dispositions successives qui y sont évoquées: la lex Fabia du Ier siècle av. J.-C., un SC dit Modesto consule factum qu’il propose de dater du règne de Domitien (82), un SC d’Antonin répétant ses dispositions, un rescrit d’Antonin les étendant hors d’Italie, à toutes les provinces, une oratio de Marc Aurèle les étendant aux domaines impériaux, enfin une generalis epistula de Marc Aurèle et Commode qui étendait l’impératif de répression aux soldats stationarii. Il faut saluer, au terme de ce compte-rendu, outre le soin apporté à l’édition du volume, qui comporte un index des sources, la qualité des travaux présentés. Ceux-ci concourent, dans leur diversité, soit à explorer des voies nouvelles, comme celle de la nature problématique des SC de l’époque royale, ou des dispositifs par lesquels les sénateurs s’efforçaient de donner à leurs décisions un caractère juridiquement contraignant, soit à approfondir des questions connues mais difficiles, comme celle des rapports entre SC et constitutions impériales, soit enfin à attirer l’attention sur les conditions d’élaboration de certains SC qui paraissent banals mais ne le sont pas, comme ceux qui protègent le roi Ariobarzane, ou sur des détails de procédure dont la portée était mal évaluée, comme les contraintes imposées aux magistrats pour réunir le Sénat à la fin de la République. Mulhouse Marianne Coudry * Sophie Kambitsis (Ed.): Des pittakia de Théadelphie. Berlin/Boston: de Gruyter 2018. VII, 232 S. 33 Farbtaf. (Berliner Griechische Urkunden. 22.) 79,95 €. Die in dem hier zu besprechenden jüngsten Band der Reihe ‘Berliner Griechische Urkunden’ (BGU)1 erstmals edierten Texte der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums zu Berlin (BGU XXII 2905–2913) stammen aus Theadelpheia, einem Dorf am westlichen Rand des heutigen Fayyum, der von einem Seitenarm des Nil gebildeten großen Oase, ca. 100 km südlich des heutigen Kairo. Dieses Gebiet verfügte – insbesondere seit den umfangreichen Wasserbau- und Meliorisierungsarbeiten unter Ptolemaios II. Philadelphos (gest. 246 v. Chr.) – über große Flächen sehr fruchtbaren Ackerlandes und bildete einen eigenen Verwaltungsbezirk (νομός, ‘Gau’), der zu Ehren der nach ihrem Tod (270 v. Chr.) vergöttlichten Arsinoe II. – Gemahlin und Schwester des zweiten Ptolemäers – Arsinoites genannt wurde. Der weitaus überwiegende Teil des Ackerlandes dieser Landschaft befand sich in staatlichem Besitz, war also Königs- bzw. Staatsland und wurde von Königsbauern bzw. Staatspächtern be- 1 Die Zitate von Papyruseditionen folgen der in der Disziplin hierfür weitgehend als maßgeblich betrachteten ‘Checklist of Editions of Greek, Latin, Demotic, and Coptic Papyri, Ostraca and Tablets’, zu finden unter: http://papyri.info/docs/checklist. GNOMON 2/93/2021 Th. Kruse: Kambitsis (Ed.), Des pittakia de Théadelphie 149 wirtschaftet. In der römischen Kaiserzeit, in welcher Ägypten bekanntermaßen eine Schlüsselrolle für die Getreideversorgung Roms zukam, stammte ein gro- ßer Teil des nach Italien verschifften ägyptischen Steuergetreides aus dem Arsinoites. Das Ergebnis der genannten Meliorisierungsarbeiten in der Regierungszeit des Philadelphos war mindestens die Verdoppelung der Fläche des zur Verfügung stehenden Ackerlandes, die mit der Neugründung zahlreicher Siedlungen einherging, deren griechische Namen oft einen Bezug zur ptolemäischen Herrscherfamilie und ihrem Dynastiekult erkennen lassen, so auch Theadelpheia. Die neuen, von Sophie Kambitsis (K.) in ihrer ebenso sorgfältigen wie mustergültigen Edition vorgelegten Texte gehören zu einem großen, über verschiedene Sammlungen verstreuten Urkundendossier aus Theadelpheia. Große Teile dieses Archivs, wie etwa aus den in Berlin sowie der Columbia University, aber auch in der Sorbonne befindlichen Beständen, sind (beginnend mit dem frühen 20. Jh.) bereits publiziert worden; nach wie vor harren indes wichtige Urkunden des Archivs einer Edition, weshalb der von K. vorgelegte Band bei den Fachgelehrten sicherlich eine freudige Aufnahme finden wird. Das Archiv, welches in der Forschung unter dem Namen ‘administratives Archiv von Theadelpheia’ firmiert, umfaßt diverse, oft auf sehr langen Papyrusrollen geschriebene fiskaladministrative Akten aus der Zeit zwischen 125 und 180 n. Chr., wie etwa Register über die Erhebung von Geld- und Naturalsteuern, Listen von Landflächen und deren Erträgen, Akten zur Verpachtung und Verwaltung des Staatslandes und dgl. Dabei wurden häufig die Rückseiten von älteren, aus der Zeit zwischen etwa 125 und 140 n. Chr. stammenden und nicht mehr benötigten Urkunden für die Aufnahme der jüngeren, aus der Zeit zwischen etwa 140 und 180 n. Chr. datierenden Texte wiederwendet.1 Es bleibt bislang allerdings nach wie vor unklar, bei welcher Behörde alle diese Akten angelegt, gesammelt und archiviert worden sind; da diese indes sowohl die Eintreibung von Geld- wie von Naturalsteuern betreffen, ist die für die Archivierung der Akten verantwortliche Behörde wohl auf der Ebene oberhalb der diversen dörflichen Steuereinnehmer von Theadelpheia zu suchen. Vielleicht handelte es sich bei ihr um eine Art von zentralem Büro für die Steuererhebung auf der administrativen Ebene eines größeren Bezirks (der Toparchie), zumal man weiß, daß Theadelpheia der Hauptort einer solchen Toparchie gewesen ist.2 Die von K. edierten Berliner Texte lassen sich leider nicht genau datieren, da kein einziger von ihnen das Regierungsjahr eines Kaisers nennt. 2905 muß, da sein Rekto eine Urkunde aus dem Jahr 155 trägt, danach entstanden sein, und auch die anderen Texte des Bandes lassen sich aufgrund prosopographischer 1 Siehe zu diesem Archiv https://www.trismegistos.org/arch/archives/pdf/247.pdf, sowie jüngst Th. Kruse, ‘Fiskalische Buchführung in Theadelpheia’, in: A. Jördens – U. Yiftach-Firanko (Hgg.), ‘Legal Documents in Ancient Societies (LDAS 8). Accounts and Bookkeeping in the Ancient World (Philippika 55,2), Wiesbaden 2020, 224-238. 2 Siehe zu diesem Problem auch Kruse, ‘Fiskalische Buchführung’ (wie oben). GNOMON 2/93/2021 Th. Kruse: Kambitsis (Ed.), Des pittakia de Théadelphie 150 oder inhaltlicher Bezüge zu anderen Texten des Archivs lediglich ungefähr um die Mitte bzw. in die zweite Hälfte des 2. Jh. datieren. Die Texte betreffen die Verwaltung sowie die Abgabenerhebung des Staatslandes von Theadelpheia.1 Ein gemeinsames Element der meisten dieser Urkunden sind dabei die auch im Titel des Bandes erscheinenden Pittakia, denn die Nummern 2905–2909 sind jeweils Register über solche πιττάκια. Bei diesen handelt es sich um unterschiedlich große, zwischen drei und zehn Mitglieder umfassende Gruppen von Staatspächtern, unter einem Vorsitzenden, der πιττακιάρχης genannt wird. Im Unterschied zu πιττάκιον, welches in seiner Grundbedeutung ein Schreibtäfelchen und sodann ein, insbesondere kleines, Schriftstück wie etwa ein Etikett oder eine Quittung, dann aber auch einen Brief, eine Liste, eine Abrechnung etc. bezeichnen kann und in diesen Bedeutungen auch in der Literatur seit Polybios bezeugt ist (s. etwa TLG s.v.) – ist der Begriff πιττακιάρχης bisher ausschließlich in den griechischen Papyri aus Ägypten belegt. Zu vermuten ist, daß im Falle von Pittakion als Bezeichnung von Vereinigungen von Personen (wie etwa der hier in Rede stehenden Staatspächter von Theadelpheia), der Begriff ausgehend von der Bezeichnung der Mitgliederliste zu der der Gruppe bzw. des Vereins als solchem geworden ist. Zusammen mit den von Kambitsis vorgelegten Texten sind nunmehr 20 Texte bekannt, welche als Pittakia bezeichnete Gruppen von Staatsbauern unter einem Pittakiarchen betreffen (einen Überblick gibt K. in der Einleitung zu 2905–2909). Dabei sind solche Pittakia zwar vereinzelt noch in anderen Gegenden als dem Arsinoites anzutreffen, die Funktion des Pittakiarchen als Vorsteher eines solchen Pittakions ist indes nur dort und nur in der römischen Kaiserzeit bezeugt, was m.E. ein Indiz für eine für das Fayyum spezifische, sich von der im Niltal unterscheidende Organisation der Bewirtschaftung des Staatslandes sein könnte, die sich unter römischer Herrschaft entwickelt haben müßte, da bisher keine ptolemäerzeitlichen Zeugnisse für solche Pittakia von Staatspächtern bekannt geworden sind.2 Der Charakter und die Funktion der als Pittakion bezeichneten Gruppen von Staatsbauern bleibt trotz der nicht unbeträchtlichen Zahl an Zeugnissen leider im Dunkeln, das leider auch durch die von K. edierten neuen Berliner Texte nicht wesentlich erhellt wird. In der früheren Forschung (die K. in der Einleitung zu 2905–2909 referiert) betrachtete etwa F. Preisigke die Pittakia als landwirtschaftliche Genossenschaften von solidarischen, einander verbundenen Mitgliedern unter Leitung des Pittakiarchen.3 T. Kalén hingegen erblickte in den Pittakia eine spezifische Methode zur Kultivierung von Staatsland: Der Pittakiarch habe im Wege der Zwangspacht große Flächen desselben übernommen und diese dann an die Mitglieder des Pittakions unterverpachtet, sei aber für die Gesamtfläche ge- 1 Zu den Agrarverhältnissen in Theadelpheia s. auch M. Sharp, ‘The Village of Theadelpheia in the Fayyum: Land and Population in the Second Century’, in: A.K. Bowman – E. Rogan (Hgg.), ‘Agriculture in Egypt from Pharaonic to Modern Times’ (PBA 96, 1999), 159–192. 2 Ebenfalls im Ars. sind im 5.–6. Jh. n. Chr. noch einige wenige Pittakiarchen bezeugt, deren Funktion in dieser Zeit jedoch einstweilen unklar bleibt. 3 P.Strasb. I 45 Einl. GNOMON 2/93/2021 Th. Kruse: Kambitsis (Ed.), Des pittakia de Théadelphie 151 genüber dem Fiskus verantwortlich geblieben.1 H.-J. Wolff ist dann wieder zur Auffassung Preisigkes zurückgekehrt.2 K. weist indes zu Recht darauf hin, daß sich den bisher bekannten Texten keine Hinweise auf Zwangsverpachtung, Unterverpachtung oder solidarischem Handeln der Mitglieder eines Pittakions entnehmen lassen. Auch die Rolle des Pittakiarchen innerhalb seines Pittakions bzw. gegenüber dessen Mitgliedern bleibt weitgehend unklar. So ist etwa von den beiden bisher bekannten Angeboten, einem Pittakion beizutreten, das eine an den Pittakiarchen gerichtet (P.Flor. I 18, 147/48 n. Chr.), das andere an alle Mitglieder des Pittakions (P.Stras. IV 218, 150 n. Chr.). Eine Unterverpachtung einer Parzelle, die von einem Mitglied eines Pittakions bewirtschaftet wird, erfolgt unter Zustimmung aller anderen Mitglieder, ohne eine spezifische Mitwirkung des Pittakiarchen (P.Berl. Leihg. I 22, 155 n. Chr.). Aus dem großen von Kambitsis edierten Pittakionregister 2905 läßt sich außerdem entnehmen, daß die Zahl der Mitglieder eines Pittakion variieren konnte und daß ein und derselbe Staatspächer zwei Pittakia gleichzeitig angehören konnte. Ebenso variabel ist innerhalb eines Pittakions die Größe der von den einzelnen Mitgliedern bewirtschafteten Parzellen bzw. die Gesamtfläche der einzelnen Pittakia. Die Parzellen innerhalb eines Pittakions gehören außerdem unterschiedlichen Landkategorien an und können sich an unterschiedlichen Örtlichkeiten befinden. Die von dem Pittakiarchen selbst bewirtschaftete Fläche ist keinesfalls immer die größte seines Pittakions, außerdem ist mitunter der Übergang einer Parzelle von einem Pittakion an ein anderes bezeugt, wofür die Gründe indes unklar bleiben. Κ. bezeichnet die Mitglieder eines Pittakions durchgehend als Syngeorgoi (‘Mitpächter/-bauern’). Auch wenn diese Bezeichnung in den auf die Pittakia bezugnehmenden Texten nicht bezeugt ist – in anderem Zusammenhang freilich gleichwohl! –, so scheint sie doch sinnvoll die Beziehung der Mitglieder eines Pittakions zueinander zum Ausdruck zu bringen. Auch wenn die bisher bekannten Texte die genaue Funktion eines Pittakiarchen nicht wesentlich erhellen können, so lassen sie doch zumindest erkennen, daß auch er ein συγγεωργός der Mitglieder seines Pittakions ist, denn in den Pittakionregistern wird auch die von ihm bewirtschaftete Staatslandparzelle genannt.3 Wie K. (S. 8–9) darlegt, waren zum Zeitpunkt der Edition der neuen Berliner Texte 90 Pittakiarchen bekannt; ca. 20 von ihnen finden sich in zwei, drei oder (seltener) vier Pittakionregistern an der Spitze von Pittakia, die sich in Zusammensetzung ihrer Mitglieder sowie (falls angegeben) dem bewirtschafteten Land unterscheiden: Etwas weniger als 20 Pittakiarchen erscheinen als συγγεωργοί von anderen Pittakia; außerdem erscheinen mehr als 65 συγγεωργοί in zwei, drei oder mehr Listen entweder unter demselben Pittakiarchen oder unter einem anderen. 1 P.Berl. Leihg. I 22 Einl.; diese Auffassung wurde auch von J. Day in seiner Edition von P.Col. V 1 verso 4 geteilt 2 ZRG(RA) 73, 1956, 326–335 zu P.Stras. IV 218, den Wolff wohl zu Recht als Angebot, einem Pittakion beizutreten, interpretiert. 3 Dies wird auch deutlich aus dem unedierten Münchener Papyrus Pap. Graec. Mon. 430, dessen Edition der Rez. zur Zeit vorbereitet, denn dort wird ein gewisser Horion als ‘Staatspächer, der zugleich Pittakiarch ist’ adressiert: Ὡρίωνι Δείου τοῦ Ἀπολλωνίου | δη̣μοσίῳ γεωργῷ ὄντι καὶ | π[ιττα]κ̣ι̣άρχῃ (Z. 1–3). GNOMON 2/93/2021 Th. Kruse: Kambitsis (Ed.), Des pittakia de Théadelphie 152 Häufig erscheinen ein oder mehrere συγγεωργοί an der Seite eines bestimmten Pittakiarchen in zwei Listen und in einer weiteren mit einem anderen Pittakiarchen. Diese Variabilität läßt vermuten, daß die Listen verschiedene Zeiträume betreffen. 2905, dessen Edition (S. 13–76) den größten Teil des Bandes in Anspruch nimmt, bildet die unmittelbare Fortsetzung der bereits früher edierten Texte P.Col. V 1 verso 4 + P.Graux IV 31. Er steht auf der Rückseite einer Urkunde aus dem Jahr 155 n. Chr., womit eine ungefähre Datierung in die zweite Hälfte des 2. Jh. n. Chr. gegeben ist. Von den bereits bekannten Texten ist der P.Graux IV 31 im Jahr 2004 von K. selbst ediert worden, die für die Edition der Berliner Texte daher auf ihre seinerzeit gewonnenen Erkenntnisse zu den Pittakia von Theadelpheia zurückgreifen kann. Aus der Edition von 2905 resultieren dann wiederum einige Verbesserungen von Lesungen in dem bereits 1956 von J. Day und C.W. Keyes publizierten P.Col. V 1 verso 4, den K. in einer Appendix in einer Neuedition vorlegt (S. 149–158). Die Analyse von 2905 fußt deshalb notwendigerweise auf allen drei Texten. Diese drei Papyri zusammen bilden das längste bisher bekannte Pittakion-Register, eine Rolle von 7 m Länge mit 41 Kol. und 567 Zeilen (zur Unterscheidung von gleichartigen Texten von K. deshalb «long registre» genannt). Dem wiederverwendeten Material sowie den Korrekturen, späteren Hinzufügungen sowie Kontrollstrichen nach zu schließen, handelt es sich entweder um eine vorläufige Liste oder ein Arbeitsinstrument. Das Register enthält Einträge über 46 Pittakia in der alphabetischen Reihenfolge der Anfangsbuchstaben der Namen der Pittakiarchen. Der Anfang enthielt möglicherweise einen Titel, ist aber unlesbar (s. P.Col. V 1 verso 4 Z. 1 Anm.). K. gibt auf S. 24–25 eine tabellarische Übersicht über alle Pittakia und die Größe ihrer jeweiligen Parzellen. Die Einträge für jedes Pittakion sind wie folgt aufgebaut: Am Beginn Nennung des Pittakiarchen mit der von ihm bewirtschafteten Parzelle, sodann Aufzählung der Syngeorgoi mit ihren jeweiligen Parzellen. Für jedes Mitglied wird zumeist die Größe der bewirtschafteten Parzelle, deren Bodenkategorie, der Name der Örtlichkeit, in der sie liegt, sowie (manchmal) die gezahlten Naturalabgaben (in Weizen) genannt. Allerdings gibt es auch Staatsbauern, die ohne Landflächen erscheinen, wofür die Gründe einstweilen unklar bleiben. Am Schluß wird die Gesamtfläche des vom Pittakion bewirtschafteten Ackerlandes gegeben, und zwar aufgeschlüsselt nach den einzelnen Bodenkategorien (βασιλικὴ γῆ = das Staatsland im engeren Sinne, διοίκησις = Land in der Verfügung des Fiskalressorts Dioikesis, οὐσιακή γῆ = kaiserliches Domänenland). Das Land ist zumeist solches von Theadelpheia, in einigen Fällen auch des benachbarten Dorfes Polydeukia. Die Größe der auf die einzelnen Pächter (1/8–17 Aruren; 1 Arure = 1/4 ha) oder auf das Pittakion als Ganzes (13–57 1/4 Aruren) entfallenden Ackerflächen schwankt beträchtlich. Im Falle von acht Pittakia wird der teilweise oder vollständige Transfer einer Parzelle von einem Staatspächter auf einen anderen erwähnt, der meistens Mit- GNOMON 2/93/2021 Th. Kruse: Kambitsis (Ed.), Des pittakia de Théadelphie 153 glied eines anderen Pittakions ist;1 dabei wird die transferierte Fläche aber gleichwohl in die Gesamtfläche des Herkunfts-Pittakions einbezogen, nicht nur in diejenige des aufnehmenden Pittakions. Ferner finden sich Angaben über insgesamt 129 Naturalsteuerzahlungen (meistens in Weizen, manchmal in Gerste). Nach J. Day (P.Col. V p. 167–168) deutet die Abwesenheit von Zahlungen auf Anachoresis (also Steuerflucht der Staatspächter), denkbar ist aber auch, wie K. zurecht bemerkt, daß das Register in dieser Hinsicht nicht vollständig ist. Der Name der mit den jeweiligen Zahlungen abgegoltenen Steuer(n) wird jedoch an keiner Stelle genannt. Die Angaben über die Steuerzahlungen sind zumeist nachträglich in den Freiraum, der unter den Namen der Steuerzahler gelassen wurde, eingetragen worden. Sie werden meistens durch die Sigle L (= ὧν) bzw. (ὧν) μετ(ρηθεῖσαι) (also ‘für die abgemessen/gezahlt wurden’) eingeleitet, gefolgt von einer Angabe von Artaben Weizen (oder selten Gerste) sowie dem Datum der Zahlung, manchmal auch dem Ort. K. meint (S. 22), daß «le (ὧν) se réferant probablement à la somme globale de céréales dues, non indiquées». Das überzeugt den Rez. nicht ganz, da grammatisch der relativische Anschluß ὧν doch eigentlich auf das unmittelbar davor Genannte zu beziehen sein müßte, also die Angabe der von dem jeweiligen Staatspächter bewirtschafteten Fläche in Aruren. Ich gebe im folgenden noch eine ganz kurze Übersicht über die anderen Texte des Bandes: 2906–2907: Fragment zweier Pittakion-Register. Der Aufbau der Einträge entspricht dem im «long registre» (s.o. zu 2905). 2908: Fragment eine Pittakion-Registers, mit Einträgen über 15 Pittakia, für deren Mitglieder allerdings nur Getreidezahlungen genannt werden, aber nicht wie in 2905–2907 auch Landparzellen. 2909: Fünf Kolumnen umfassendes Fragment einer Abrechnung von πληρωταί. Es handelt sich um eine Liste von Pittakia mit deren Mitgliedern, die jeweils unter dem Namen eines πληρωτής gruppiert werden, sowie auf diese entfallende Getreidezahlungen in Weizenartaben. Im Falle von Kol. 1,7–8 ist der Plerotes Herakles, Sohn des Herakles, mit dem Pittakiarchen des erstgenannten Pittakion identisch, was zeigt, daß die Pittakiarchen auch noch andere fiskalische Aufgaben wahrnehmen konnten. Die bisher aus dem Arsinoites bekannten Zeugnisse für Plerotai lassen erkennen, daß letzere für die In-Kulturnahme des Staatslandes sowie für die Zahlung von den auf diesem liegenden Steuern und Abgaben verantwortlich waren.2 2910: Fragment eines Registers über rückständige Bodensteuern mit Einträgen von Namen und einer Landparzelle sowie Verweisen auf ein anderes Register. 2911–2912: Fragmente von Abrechnungen der Getreidesteuereinnehmer (Sitologoi) von Theadelpheia mit tageweisen Einträgen über die entgegengenommenen Einzahlungen von Weizen der jeweiligen Einzahler und der Bodenkategorie. 1 Z.B. 2905 Kol. 16,13–14: 2 Aruren vom Pittakion des Satyros, Sohn des Sabinus nach 2905 Kol. 12,9–10 zu Philippos, Sohn des Aphrodisios im Pittakion des Pekysis, Sohn des Pnepheros. 2 S. etwa SB XXIV 16330 (ca. 155–165 n.Chr.): Abrechnung von drei Plerotai von Theadelpheia über wahrscheinlich rückständige Naturalsteuern in Weizen sowie P.Mich. inv. 3461, ediert von K. in Appendix Ib des hier besprochenen Bandes (s. auch im folgenden). GNOMON 2/93/2021 Th. Kruse: Kambitsis (Ed.), Des pittakia de Théadelphie 154 2913: Fragment einer Abrechnung über Geldzahlungen. Zwei Kolumnen mit tagesdatierten Einträgen über Geldzahlungen sowie der Einzahler; der Grund der Zahlungen bleibt unklar. Im Anschluß an die Edition der neuen Texte finden sich eine Reihe von Appendizes: Appendix Ia (S. 149–158): Revidierte Neuedition des zu 2905 gehörenden P.Col. V 1 verso 4 (s.o.). Appendix Ib (S. 159–165): Erstedition von P.Mich. inv. 364: Rekto und Verso. Fragment einer Abrechnung von Plerotai mit demselben Aufbau der Einträge wie in 2909 (s.o.). Appendix IIa (S. 167–177): Liste aller bisher bekannten Pittakiarchen sowie ggfs. Angaben darüber, ob diese auch als Syngeorgos in einem oder gar zwei anderen Pittakia bezeugt sind. Appendix IIb (S. 178–187: Liste von Syngeorgoi, die in mehr als einem Pittakionregister aus Theadelpheia bezeugt sind. Appendix IIc (S. 188–200): Liste der Mitglieder der 46 Pittakia des «langen Registers» (P.Col. V 1 verso 4 + P.Graux IV 31 + 2905 (s.o. zu 2905). Appendix III (S. 201–205): Liste der topographischen Bezeichnungen für die Lage einzelner Landparzellen in den Pittakion-Registern (viele dieser Toponyme sind hier erstmals bezeugt). Die üblichen Indizes (S. 207–232) beschließen den Band, der unsere Kenntnisse zu den Agrarverhältnissen des arsinoitischen Dorfes Theadelpheia in willkommener Weise bereichert, und es bleibt zu hoffen, daß auch die anderen noch unveröffentlichten Texte des Dossiers, zu dem die hier besprochenen Dokumente gehören, in naher Zukunft ediert werden mögen. Wien Thomas Kruse * John K. Papadopoulos, Evelyn Lord Smithson (Edd.): The Early Iron Age. The Cemeteries. With Contributions by Maria A. Liston, Deborah Ruscillo, Sara Strack, and Eirini Dimitriadou. Princeton, New Jersey: American School of Classical Studies at Athens 2017. LXXIII, 1037 S. zahlr. Abb. 8 Taf. 4°. (The Athenian Agora. Results of Excavations conducted by the American School of Classical Studies at Athens. 36.). This is an important volume long awaited by scholars of the Aegean Iron Age in which John K. Papadopoulos (hereinafter P.) presents the funeral evidence, from SM to the close of MG into the transition to the LG period, brought to light «since the early 1930s in the heart of what was to become the civic and commercial center of the Classical city of Athens» (1). The scholar inherited the project from Evelyn Lord Smithson (later L.S.) and identifies her as coauthor, specifying that «Evelyn’s untimely death in 1992 meant that we never actually had the opportunity to work on the Agora EIA material together. This is something that I greatly regret» (Preface, VII–XIII). The organization of the publication and the results of the analysis must be ascribed entirely to P., who produced the volume, with the other authors and collaborators, between 1992 and 2011, when the long editorial review began. In Ch. 1: ‘Introduction’ (1–34) P. reiterates his vision of the site of the future Agora as the ‘Original Kerameikos’ (Fig. 1.2) and a vast burial ground with burials dating back to MH or LH II and LH III, divided into «four well- GNOMON 2/93/2021

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As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

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Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.