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Martin Tombrägel, Annalisa Marzano, Guy P. R. Metraux (Edd.): The Roman Villa in the Mediterranean Basin. Late Republic to Late Antiquity. in:

Gnomon, page 72 - 77

GNO, Volume 93 (2021), Issue 2, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-2-72

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C.H.BECK, München
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St. Steingräber: Donato/Jolivet (Edd.), Eredità etrusca 168 wissenschaftliche Publikation zu veröffentlichen und zu einem vernünftigen Preis zu verkaufen. Ausgehend von einem – leider nicht sehr gut erhaltenen – spätetruskischen Felsgrab mit monumentaler Fassade umfaßt es einen langen Zeitraum vom 1. Jahrtausend v. Chr. bis in die Moderne und untersucht z.T. gänzlich unterschiedliche Aspekte archäologischer, kunsthistorischer, historischer, epigraphischer und religionsgeschichtlicher Natur. Dieser großartige Felskomplex von Grotte Scalina hat gewissermaßen ‘sechs Leben’ gehabt mit unterschiedlichen Funktionen: in archaischer, hellenistischer und hochmittelalterlicher Zeit eine funeräre Funktion, in der Renaissance und später eine primär religiöse Funktion. Rom Stephan Steingräber * Annalisa Marzano, Guy P. R. Metraux (Edd.): The Roman Villa in the Mediterranean Basin. Late Republic to Late Antiquity. Cambridge: Cambridge UP 2018. XXXVI, 599 S. zahlr. Abb. zahlr. Ktn. 4°. 140 £. Die geringe Menge systematisch publizierter archäologischer Befunde von römischen Villen hat die Beantwortung übergreifender entwicklungsgeschichtlicher und kulturhistorischer Fragestellungen lange Zeit erschwert. Erst in jüngerer Zeit sind verstärkt neue Befunde aus Italien und dem gesamten Mittelmeerraum ausgegraben oder zusammenhängend vorgestellt worden. Dieser Umstand ist Anlass für den Versuch von A. Marzano und G. P. R. Metraux, das schon bekannte sowie das neu hinzugekommene archäologische Material in einem überregionalen und epochenübergreifenden Überblick gemeinsam zu präsentieren. Der Sammelband mit dem Titel ‘The Roman Villa in the Mediterranean Basin’ ist aus einem gleichnamigen Kolloquium hervorgegangen, dessen Schwerpunkt allerdings noch auf der Behandlung der Villen am Golf von Neapel und in Israel gelegen hatte. Die Idee einer handbuchartigen Einbeziehung des archäologischen Materials aus den Mittelmeer-Anrainerstaaten wurde erst nachträglich gefasst. Hierin mag ein Grund dafür liegen, dass die 26 enthaltenen Beiträge thematisch nicht immer genau auf die inhaltlichen Vorgaben der vier übergreifenden Hauptkapitel abgestimmt sind. Den vier Hauptteilen sind ausführliche einführende Bemerkungen vorangestellt, in denen die Herausgeber (im Folgenden: H.) zunächst einen allgemeinen Überblick über die Villenforschung (1–41) und U. Rothe terminologische Überlegungen (42–59) präsentieren. Im ersten Teil des Sammelbandes geht es dann um die Umgebung des Golfs von Neapel, wobei einzelne Villen (A. Wallace-Hadrill: Villa dei Misteri [63–74]; J. R. Clarke [75–84]; M. Zarmakoupi [85–96]: beide Oplontis; T. N. Howe: Stabiae [97–119]; A. Campanelli: Villa von Positano [120–124]; M. Aoyagi: Somma Vesuviana [141–156]) und Villengruppen diskutiert werden. Der Beitrag von Marzano über die ökonomische Bedeutung der villae maritimae (125–140) passt weniger gut in diesen ersten Teil. Im zweiten Teil finden sich Überblicksbeiträge über nahezu alle Mittelmeer-Anrainerstaaten des Römischen Reiches: M. Gualtieri: Süditalien (159–176), G. P. Brogiolo – A.C. Arnau: Norditalien (178–194), R. J. A. Wilson: Sizilien (195–219), Nordafrika (266–307), L. Buffat: Südfrankreich (220–234), F. Teichner: Iberische Halbinsel (235–254), M. Papaioannu: Griechenland (328–376), W. Bowden: Adria-Region (377–397). Etwas aus dem Rahmen fallen hier die Beiträge von A. Bonanno: Malta (255–265) und Z. Weiss: Galiläa (317–327), in denen auch Stadthäuser vorgestellt werden, sowie derjenige von O. Tal, GNOMON 2/93/2021 M. Tombrägel: Marzano/Metraux (Edd.), The Roman Villa 169 der ein suburbanes Peristylhaus bei Apollonia (Israel) (308–316) behandelt. Der dritte Teil des Sammelbandes umfasst Überlegungen von Metraux zu den Besitzern spätantiker Villen (401–425), die Vorstellung der spätantiken Villen Hispaniens durch G. Ripoll (426–452) und den Beitrag von K. Bowes zum Vorgang der Christianisierung im Villenumfeld (453–464). Im abschließenden vierten Teil werden nachantike Manifestationen des Villenthemas präsentiert: P. De La Ruffinière du Prey behandelt die Rezeption der Villen von Plinius d. J. (467–475) und K. Lapatin das Verhältnis der Villa dei Papiri zu ihrem Nachbau im Getty-Museum von Malibu (476–484). Abschließende Bemerkungen der H. runden den Sammelband ab (485–489). Es ist nicht das Ziel der vorliegenden Rezension, die einzelnen, auf insgesamt knapp 500 Seiten zusammengetragenen Beiträge im Detail zu besprechen. Vielmehr soll es um die Frage gehen, in welcher Art und Weise das Thema der römischen Villa von den H. für den Sammelband in methoden- und gattungsspezifischer Hinsicht aufbereitet worden ist. Wenn dabei im Folgenden den diesbezüglichen Vorstellungen der H. gegen- über eine kritische Position eingenommen wird, so soll damit der grundsätzliche Mehrwert des Sammelbandes nicht in Frage gestellt werden. Schließlich ist es den H. gelungen, archäologische Befunde von Villen aus dem gesamten Mittelmeerraum zusammenzutragen und dabei im Unterschied zu bisherigen Überblicksdarstellungen die Forschungsperspektive in diachroner, räumlicher und methodischer Hinsicht bedeutend zu erweitern. In den verschiedenen Beiträgen wird der chronologische Bogen konsequent von der spätrepublikanischen Zeit bis in die spätantike Epoche hinein gespannt. Der geographische Betrachtungsrahmen wird auf beinahe alle Provinzen des Römischen Reiches mit Kontakt zum Mittelmeer ausgeweitet. In methodisch-thematischer Hinsicht schließlich haben die H. es den Autoren weitestgehend freigestellt, ihre Betrachtungen in ganz unterschiedliche Richtungen zu entwickeln. Neben Beiträgen in Form kurzer Ausgrabungsberichte sind dabei architektursoziologische, gesellschaftshistorische und ökonomische Ansätze verfolgt worden. Auch wenn die Autoren dabei teilweise Material und Themen aufgreifen, die sie an anderer Stelle schon in ähnlicher Form vorgelegt haben, wird dem Leser dennoch ein vielgestaltiges Panorama möglicher Ausdrucks- und Nutzungsformen von Villen im Römischen Reich vor Augen geführt. Problematisch ist der Sammelband aufgrund der Entscheidung der H., das weite Spektrum der enthaltenen archäologischen Befunde römischer Villen unter ein gemeinsames Motto zu stellen. Die H. gehen nämlich davon aus, dass es in der Antike ein regelrechtes «Phänomen der römischen Villa» (S. 485) gegeben habe, dessen Genese und Ausprägung man in einem regionen- und epochenübergreifenden Ansatz darstellen kann (programmatisch: S. XXVIIIf). Ein solches «villa-system» (485 und 159f [Gualtieri]; 298 [Wilson]), das sich von Rom aus in der Mittelmeerwelt verbreitet haben soll, zeichnet sich nach Ansicht der H. nicht nur durch eine erstaunliche Homogenität aus (485), sondern soll darüber hinaus auch zeichenhaft für bestimmte Eigenschaften der römischen Kultur allgemein stehen (3). Die Entscheidung der H., den Sammelband unter ein derartig generalisierendes Motto zu stellen, ist schon problematisch, weil in ihrer Materialsammlung wichtige Regionen des Römischen Reiches nicht enthalten sind. Dazu zählen mit dem Suburbium von Rom, Latium und Etrurien nicht nur die Ursprungs- GNOMON 2/93/2021 M. Tombrägel: Marzano/Metraux (Edd.), The Roman Villa 170 gebiete der Villenentwicklung, sondern auch die Donau- und Nordwestprovinzen sowie die Britischen Inseln, die zwar keinen Kontakt zum Mittelmeer, wohl aber zum Ausprägungsvorgang der Bauform Villa aufweisen. Darüber hinaus ist den einleitenden Bemerkungen der H. aber auch keine Begründung für die These eines zusammengehörigen Villa-Phänomens zu entnehmen. Die Lektüre der durchaus umfangreichen Einführung verrät vielmehr, dass die H. weniger eine konkrete antike Bauform im Blick haben oder eine Fragestellung der altertumswissenschaftlichen Forschung verfolgen, sondern eher das Gesamtphänomen des römischen Landlebens mit all seinen materiellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Schattierungen im Visier haben (1–41). Ihre Übersicht behandelt allgemeine geographische und infrastrukturelle Grundlagen, Stadthäuser, Biographien von Villenbesitzern, das Thema Landwirtschaft, literarische Zugriffe auf das Villenthema, die Ausstattung und Dekoration von Villen, die Bedeutung der Sklavenarbeit, die Darstellung von Villen in Malerei und Mosaikkunst sowie die Spätphase der römischen Villenkultur. Demgegen- über fehlt eine Bündelung der einzelnen Gedankenstränge im Hinblick auf die Frage, wie ein angenommenes zusammengehöriges System entstanden sein könnte und durch welche konkreten Eigenschaften es sich auszeichnet. Der verallgemeinernde Zugriff offenbart seine Schwächen vor allem in seiner Anwendung auf die Frage nach der Definition des Untersuchungsgegenstandes, also der Festlegung auf bestimmte Material-Gattungen oder gesellschaftliche Phänomene, die man unter dem Begriff ‘Villa’ subsumieren möchte. Die Villenforschung steht hier traditionell vor dem Problem, dass die terminologischen Vorgaben der Schriftquellen keine exakte typologisch oder nutzungsspezifisch aufgebaute Kategorisierung des archäologischen Materials ermöglichen.1 Unter der Villenüberschrift sind in altertumswissenschaftlichen Studien deshalb ganz unterschiedliche Gebäudegattungen und Siedlungsphänomene behandelt worden, deren Untersuchungsmaterial nicht immer direkte Berührungspunkte aufgewiesen hat. Man konnte sich aus siedlungshistorischer Perspektive den Wohnsitzen der Römer auf dem Land, mit ökonomischer Blickrichtung der Erschließung landwirtschaftlicher Ressourcen im Römischen Reich oder mit bauhistorischen oder sozialhistorischen Ansätzen dem Phänomen der Otiumvilleggiatur annähern. Im Sammelband wird auf diese Gemengelage in unterschiedlicher und durchaus widersprüchlicher Art und Weise reagiert. In ihrer Einführung beziehen die H. eindeutig Stellung, indem sie die Genese der Bauform Villa («villas as architectural form») nicht nur unmittelbar mit ihrer Herleitung als Wirtschaftsform («villas as units of agricultural exploitation») verbinden (18), sondern auch viele weitere Ursprungsthesen der Forschung als im Kern zusammengehörig betrachten. Dabei kommt ein in räumlicher und chronologischer Hinsicht äußerst disparates Spektrum von Bauwerken zur Sprache (18– 20; in dieser Reihenfolge: griechische Gehöfte der klassischen und hellenistischen Zeit, makedonische Gutshöfe, archaische «proto villas» aus Griechenland, Etrurien und Karthago, hellenistische Farmen aus dem punischen Raum, kleine italische Gehöfte des 3. Jh. v. Chr., «slave-staffed villas», die Auditoriumsvilla [500–300 v. Chr. und 300–225 v. Chr.], etruskische Paläste archaischer Zeit, von Cato beschriebene Villen, extravagantluxuriöse Villen aus Latium [Tivoli, Tusculum], mittelrepublikanische Villen aus dem Suburbium von Rom). Die H. lassen dabei offen, ob ihrer Ansicht nach das «Phänomen 1 Es ist bedauerlich, dass der Beitrag J. Harmond, ‘Sur la valeur archéologique du mot ‹villa›’, RA 38, 1951, 155–158, der diese Problematik auf den Punkt brachte, im Sammelband nicht einmal zitiert wird. GNOMON 2/93/2021 M. Tombrägel: Marzano/Metraux (Edd.), The Roman Villa 171 der römischen Villa» schon im archaischen Etrurien oder doch erst im spätrepublikanischen Tivoli einsetzt. In ihrem eigens auf Definitionsfragen ausgerichteten Beitrag geht Rothe vom Informationspotential der literarischen Quellen aus (42–59), obwohl ihr die Problematik der Unschärfe des Villenbegriffs bewusst ist (42). Der von ihr selbst zitierten Forderung Wilsons, die Bewertung der archäologischen Befunde von Villen besser unabhängig von den Schriftquellen vorzunehmen, folgt sie dann aber nicht (54). Anstelle einer Definition des Untersuchungsgegenstandes der römischen Villa liefert sie eine Übersicht möglicher und in der Forschung schon angewendeter Interpretationsansätze, die sie in ökonomische, morphologische, topographische, geographische, regionale und chronologische Sichtweisen unterteilt (44–54). Am Ende konstatiert Rothe die unübersichtliche Forschungslage und kommt zum Schluss, dass sich Villen im Römischen Reich insofern als Gruppe zusammenschließen lassen, als sie eine Verbindung zur sozialen Elite aufweisen und einen elitären Geschmack durchscheinen lassen, der sich auf aristokratische Werte sowie den reichsweiten Kultur- und Bildungskanon bezieht (54). In dieser äußerst allgemein gehaltenen Definition fehlt bemerkenswerterweise gerade die ökonomische Komponente des Villenphänomens, der für die H. von zentraler Bedeutung ist. In den übrigen Beiträgen des Sammelbandes werden schließlich durchaus unterschiedliche Definitionen des Untersuchungsgegenstandes ‘Villa’ angeboten: Gualtieri etwa möchte «otium villas» und «villae rusticae» als zusammengehöriges Phänomen verstehen (159) und kritisiert die hierarchisch-räumliche Differenzierung von Villen durch A. Carandini («ville centrali» vs. «ville periferiche») (162); für Wilson ist die Villa als «farm» ursprünglich ein landwirtschaftlicher Betrieb gewesen und hat andere Funktionen nachträglich angenommen (195. 267); nach Bonannos Definition kann man reiche Stadthäuser als «villa suburbana» ansprechen (255); Papaioannou teilt Villen in drei Kategorien ein: «suburbane», «maritimae» und «inland» (mit Unterkategorien «urbanae» und «rusticae») (328); Bowdon nutzt den Begriff für «residential buildings whose owners aspired to (…) the leisured life (…)» (378). Nicht zuletzt werden im Sammelband auch Stadthäuser als Villen aufgefasst (Weiss 317–327; Bonanno 255–265; auch Tal 308–316). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die H. mit ihrer These eines die gesamte römische Kaiserzeit und Spätantike überspannenden ‘Phänomens der römischen Villa’ einen Anspruch formuliert haben, dem sie im Rahmen dieses Sammelbandes nicht in ausreichender Weise gerecht geworden sind. Nicht nur hätte man die chronologischen, räumlichen und methodologischen Parameter deutlich präziser herausarbeiten müssen, auch eine stärkere Rücksicht auf das im Sammelband selbst enthaltene archäologische Material wäre wünschenswert gewesen. Blickt man nämlich auf die Eigenheiten der Bauwerke aus den unterschiedlichen Regionen des römischen Imperiums, so kann man auch eine weitere These des Sammelbandes, nach der ein diachroner Überblick eine erstaunliche Homogenität der Villenbauten ergeben würde (485), nur schwer nachvollziehen. Mag diese Einschätzung für bestimmte Zeitfenster (etwa die Spätantike in Hispanien, Südfrankreich und Norditalien) durchaus zutreffen, so bringt eine regionen- und epochenübergreifende Zusammenschau in erster Linie die Un- GNOMON 2/93/2021 M. Tombrägel: Marzano/Metraux (Edd.), The Roman Villa 172 terschiede der Architektur und ihrer Einbindung in das jeweilige Siedlungsgefüge zum Vorschein.1 Allein der Blick auf die frühesten nachvollziehbaren Grundriss-Figuren von Villen in den einzelnen Regionen (vor allem im 2. und 1. Jh. v. Chr.) zeigt dies sehr deutlich: Während in Süditalien (Moltone di Tolve, 160 Abb. 10.1) das Atrium und in Sizilien das Peristyl (Mirabile, 197 Abb. 12.1) planbildend waren, sind in der Gallia Narbonensis kompakte (Fréjus, 221 Abb. 13.1), in Makedonien schließlich großformatige Hofanlagen (Komboloni 332, Abb. 19.1) nachweisbar. In Hispanien hingegen hat man kompakte befestigte Gehöfte angelegt (240, Abb. 14.3). Ein solcher Variantenreichtum, der aus den unterschiedlichen Anforderungen an die jeweils benötigte ländliche Architektur resultiert, zeigt sich auch in den nachfolgenden Epochen in ähnlicher Deutlichkeit. Blickt man über die Jahrhunderte hinweg auf die verschiedenen Ausprägungen der Villenformen, so zeigt sich, dass die einzelnen Mittelmeer-Regionen keineswegs synchron und auch nicht durchweg im Kontext ihrer Provinzgründungen mit Gutshöfen ausgestattet worden sind (ein solches Ergebnis hätte man mit der Implementierung und Verbreitung eines ‘villa-systems’ erklären können). Der zeitliche Ablauf der Einrichtung von ländlichen Bauwerken in den jeweiligen Provinzen scheint demgegenüber eher auf lokalen Faktoren zu basieren. So sind in der Gallia Narbonensis, die im 2. Jh. v. Chr. römische Provinz geworden ist, Villen in verstärktem Maße erst im 3. Viertel des 1. Jh. n. Chr. nachweisbar (222), ohne dass man die Gründe hierfür konkret namhaft machen könnte. Die Tatsache einer räumlich und chronologisch begründeten Variabilität von ländlichen Siedlungs- und Bauformen im Römischen Reich ist nicht verwunderlich und wird von den Autoren der einzelnen Beiträge im Sammelband zumeist auch akzeptiert. Hier sind durchaus Stellungnahmen enthalten, die den Faktor der Variation aufnehmen und weiterentwickeln: Seinen Beitrag zu den Villen in Norditalien leitet Brogiolo u.a. mit dem Hinweis ein, man müsse in Anbetracht der verschiedenen Nutzungsoptionen für Bauwerke auf dem Land auch auf Situationen gefasst sein, in denen Gebäude mit Villengrundriss für öffentliche Zwecke – etwa als Reisestationen oder Verwaltungsgebäude – genutzt wurden (178–180). In eine ähnliche Richtung weisen die Überlegungen von Howe (111f): Im Hinblick auf eine potentielle soziale bzw. statusbezogene Differenzierung der gehobenen Villenarchitektur in der Umgebung von Stabiae bemerkt er, dass man anhand der Grundriss-Figur und auch der Ausstattung von Villen senatorische Besitzer nicht von Freigelassenen unterscheiden könne. Abschließend lässt sich festhalten, dass im vorliegenden Sammelband ein hilfreicher, detaillierter Überblick über die Siedlungsentwicklung zahlreicher ländlicher Regionen im Römischen Reich im Zeitraum vom 2. Jh. v. Chr. bis 5. Jh. n. Chr. gewährt wird. In diesem Zeitrahmen ist der rurale Raum im gesamten Mittelmeergebiet mit Bauwerken ausgestattet worden, die man im weitesten Sinne mit dem Begriff ‘Villa’ belegen kann. Je genauer man sich den Bauwerken allerdings in ihrem räumlichen, chronologischen und typologischen Kontext annähert, desto deutlicher kommt die Unterschiedlichkeit der architektonischen Lösungen zum Vorschein. Aus der zusammenhängenden Lektüre der einzelnen Beiträge im Sammelband möchte man daher – im Unterschied zur Ansicht der H. – weniger eine diachrone Gesamtdarstellung eines Villenphänomens destillieren, sondern erkennt vielmehr die Notwendigkeit, die Ma- 1 Das Bild wäre durch die Einbeziehung der Befunde aus dem Suburbium von Rom, auf den Britischen Inseln und aus den Donau- und Nordwestprovinzen noch vielfältiger geworden. GNOMON 2/93/2021 M. Tombrägel: Marzano/Metraux (Edd.), The Roman Villa 173 terialstudien in den einzelnen Regionen noch zu intensivieren. Man könnte sich letztlich sogar fragen, ob es im Sinne eines besseren Verständnisses bestimmter baukünstlerischer und gesellschaftshistorischer Phänomene überhaupt lohnenswert ist, das Thema der römischen Villa als Monolith aufzufassen und im Rahmen einer zusammengehörigen, überregionalen und epochenübergreifenden Narration darzustellen. Hierfür müsste man noch genauer definieren, welchen konkreten Erkenntnisgewinn man sich davon verspricht, griechische und nordafrikanische Einzelgehöfte des 1. Jh. v. Chr. mit den spätantiken Palastanlagen Hispaniens dem gleichen Villaphänomen zuzuordnen. Tübingen Martin Tombrägel VORLAGEN UND NACHRICHTEN Nancy Worman: Landscape and the Spaces of Methaphor in Ancient Literary Theory and Criticism. Cambridge: Cambridge UP 2015. XII, 368 S. 64,99 €. This is an ambitious book which attempts to «demonstrate the ways in which rural landscapes emerge in ancient convention as central to literary judgment and theorizing» (p.1). It covers «writers ranging from archaic poets to rhetorical theorists» both Greek and Roman with the help of contemporay philosophers such as J. Derrida and M. Foucault and authors such as M. Proust. It prolongs and often contradicts an important paper published more than fifty years ago (1957) by A. Parry on ‘Landscape in Greek Poetry’ (reprinted in 1989 in ‘The Language of Achilles and Other Papers’, pp. 8–35) «arguing that in early Greek poetry landscape, as a distinct element, plays no part and putting forward the view that Greek pastoral in contrast presents an idyllic nature in which the poet can move by proxy» as well pointed out by H. Lloyd-Jones in his preface to this book (p. VII). The first chapter ‘Mimesis, style and the space of metaphor’ (pp. 28–65) opens with Aristotle's definition of metaphor as ‘a carrying over of terms distant from each other and rendering them before the eyes’ (p. 29) and a demonstration of the central thesis of the book, that is «the ways in which rural landscapes emerge in ancient convention as central to literary judgment and theorizing» (p. 29). It is followed by a series of chapters dealing in chronological order with the treatment of landscape from archaic poetry (ch. II Hesiod and Pindar), to Aristophanes (ch. III), Plato (ch. IV), Hellenistic poetry (ch. V), stylistic theorists such as Demetrius and fellow travelers (ch. VI), Cicero and Dionysius of Halicarnassus (ch. VI) concluding with an epilogue devoted to Proust (ch. VII). The chapter II on archaic poetry (pp. 66–103) squarely contradicts A. Parry. Whereas Parry emphasized the gap between the earlier poets who did not look to nature as something different from themselves and avoid prolonged description of any sort, N. Worman considers the spaces of archaic lyric such as Hesiod’s Helicon and the Valley of Muses, the spring of Dirce in Thebes and the Ilissus and Cephisus rivers in Athens, always demarcated as sacred and associated with certain ritual practices as crucial starting points for the shaping of ideas about literary expression and composition and for introducing the images of path, flow and flowers. Aristophanes (ch. III, pp.104–145) is portrayed as the first of the ancient Greek writers to address literary styles directly. N. Worman’s demonstration focuses not only on the landscape images in the Frogs (the travel of Dionysus to Heracles’ house and to Hades through marshes and his arrival to flowering meadows) and the Birds (the wandering of the two heroes in some thicketed space out of the town, p. 105), the comic poet Cratinus as a river flooding the open plains and carrying off oaks and elms (Eq. 526–8) and the presentation of the Dionysus in the Frogs as «the GNOMON 2/93/2021

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As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.