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Elena Franchi, Luca Castagnoli, Paola Ceccarelli (Edd.): Greek Memories. Theories and Practices. in:

Gnomon, page 38 - 43

GNO, Volume 93 (2021), Issue 2, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-2-38

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C.H.BECK, München
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E. Franchi: Castagnoli/Ceccarelli (Edd.), Greek Memories 134 Luca Castagnoli, Paola Ceccarelli (Edd.): Greek Memories. Theories and Practices. Cambridge: Cambridge UP 2019. X, 433 S. 1 Abb. 90 £. Zu den Trends in den memory studies der letzten zwanzig Jahre gehört ein erneutes Interesse an der individuellen Dimension der Erinnerung. Der Fokus hat sich von den sozialen und kulturellen Bedingungen der sozialen Erinnerung, die außerhalb, d.h. an Orten, in Archiven, Gedenkstätten, Objekten, Erzählungen oder kultischen Praktiken und Ritualen, angesiedelt sind, auf die individuelle Erinnerung verlagert, die im Inneren des Individuums verankert ist (siehe E. Franchi: ‘Memory studies e classics’, in E. Franchi – G. Proietti [Hrsgg.]: ‘Guerra e memoria nel mondo antico’, Trento 2015, 39–125, 69ff mit Literatur). Dieses Buch fügt sich in gewisser Weise in diesen Trend ein. Anstatt die Funktionsmechanismen des sozialen und kulturellen Gedächtnisses («taxonomies of memories»: S. 2) in Griechenland zu analysieren, untersucht es 1) die Konzeptualisierung des Gedächtnisses, sehr oft als individuelles Gedächtnis verstanden, die von den alten Griechen selbst vorgenommen wurde, und dies von der Archaik bis zur Spätantike, über alle wichtigen literarischen Gattungen hinweg, um einige grundlegende Veränderungen in diesen Theorien und Praktiken nachzuzeichnen; b) teilweise auch manche Erinnerungspraktiken und deren Konzeptualisierung; und c), inwieweit sowohl die verschiedenen Konzeptualisierungen des Gedächtnisses als auch die Erinnerungspraktiken untrennbar mit ihrer besonderen Umgebung, ihrer Gesellschaft und ihrer Kultur sowie mit den verschiedenen Medien verbunden sind, die in ihr verwendet werden (S. 5). Dabei analysieren die Autoren auch Fragen, die zwangsläufig mit diesem Schwerpunkt zusammenhängen. Das erste Kapitel orientiert sich z.B. an einer brennenden Frage: Können wir im antiken Griechenland Spuren von ‘geschlechtsspezifischem Erinnern’ und ‘geschlechtsspezifischem Vergessen’ erkennen, sei es auf der Ebene der Sprache und Konzeptualisierung oder auf der Ebene der Erinnerungspraktiken? Diesbezüglich beobachten P.C. und L.C. in der Einführung, dass ein offensichtlicher Gegensatz besteht zwischen dem Mythos, in dem die Gottheiten, die mit Erinnerung, Erinnerung und Vergessen zu tun haben, alle weiblich sind (z.B. Mneme, Mnemosyne und Lethe bei Hesiod), und dem Alltag, in dem Erinnern und Erinnerung größtenteils in den Händen von Männern zu liegen scheinen, die offizielle Kontrolle über diese haben (S. 33). Es gab Versuche, dieses Paradoxon zu erklären, z.B. durch den Versuch, eine Rolle für Frauen bei der Vermittlung von Erinnerungen in der Antike zu erkennen (B. Wagner-Hasel: ‘Mnemosyne – die Göttin der Erinnerung: Zum Verhältnis von Traditionsbildung und Geschlecht in der Antike’, in H. Brandt et al.: ‘Rollenerwartungen und Rollenerfüllungen im Spannungsfeld der Geschlechter und Generationen in Antike und Mittelalter’, Bamberg 2011, 23–48). Ich frage mich jedoch an dieser Stelle, ob diese Versuche besonders dadurch erschwert werden, dass die alten Zeugnisse auf den Gedächtnisträgern meist von Männern produziert wurden. Vielleicht sollte diese Tatsache weiter untersucht werden. Wie dem auch sei, nach derzeitigem Wissensstand scheint klar zu sein, dass sowohl die epische Poesie selbst als auch die Polis eine gewisse normative Kontrolle über die offiziellen Praktiken der Erinnerung ausübten und spezifische Formen des Gedächtnisses dem Geschlecht zuwiesen. Es wird deshalb umso interessanter, dass zumindest einige Texte diese Erwartungen unterlaufen. Im ersten Kapitel GNOMON 2/93/2021 E. Franchi: Castagnoli/Ceccarelli (Edd.), Greek Memories 135 untersucht Lilah Grace Canevaro die Rolle der Frau als Erinnerungsträger im archaischen griechischen Epos und im südslawischen Epos. Indem sie die Erzählstrategien untersucht, die Homer anwendet, um die Beziehung zwischen dem Gedächtnis selbst und den Frauen zu konzeptualisieren, argumentiert sie, dass Frauen, die im homerischen Epos Figuren mit begrenzter Wirkung sind, ihrer Männer nicht nur durch Worte, Handlungen (wie Helenas Weben des Themas des Troja-Krieges in Il. 3) und Objekte, sondern auch als Subjekte gedenken, d.h. als lebendige Gedenkstätten (Orte der Erinnerung: lieux de memoire: S. 57) durch ihr eigenes körperliches Überleben, etwa die verwitwete Andromache (Il. 6,460–1). Dies ist jedoch viel vergänglicher als der Ruhm, den die Poesie bietet, die sie als einzige zu lieux de memoire für die Ewigkeit macht. Die Frauen können nur ein kurzes, unvollkommenes Erinnern bieten (S. 65). Im 2. Kapitel untersucht Peter Agócs die Art und Weise, wie die Poesie des frühen fünften Jh. v. Chr., die sich besonders mit sozialem Gedächtnis und Gedenken beschäftigt, über ihre eigene Schriftlichkeit reflektiert und wie sie dargestellt wird. Dichter und Denker stellten sich das Schreiben als eine Art externalisierte Erinnerung vor (S. 70; siehe auch in der Einführung: S. 12–13). Sogar in einer Zeit, in der das Schreiben zum Wächter des gemeinsamen Gedächtnisses wurde (siehe dazu auch Ceccarelli: S. 110), interagierte die Materialität schriftlicher Texte im sozialen Imaginär mit traditionelleren Gewohnheiten und Ideologien der ‘mündlichen’ Erinnerung. Agócs zeigt, dass die allgegenwärtige Metapher von ‘der Wachstafel des Verstandes/der Seele’ (siehe Pind. Ol. 10,2–3; Aeschyl. Prom. 788–9: S. 72 und 79) impliziert, dass der Akt der Fixierung von etwas im Gedächtnis als innere Inschrift konzipiert ist, und dass diese Fixierung sowohl Erinnerung als auch Vergessen («a dynamic tension»: S. 20) impliziert, da das Medium vergänglich ist (S. 76). Aber die ideale Form der Poesie bleibt mündlich: «at least in ideological terms, written poetry reinforced performance» (S. 89), ein Thema dass auch von Calame in Kap. 11 aufgegriffen wird. Nach einer Erkundung der vielfältigen Möglichkeiten, wie tragische Theaterstücke Erinnerung und Vergessen auf die Bühne bringen (S. 93–96), untersucht im 3. Kapitel Paola Ceccarelli die Interaktion zwischen immateriellem Gedächtnis, der Materialität des Schreibens und Formen der Gegenseitigkeit (siehe auch S. 30– 31 mit Kommentar zu Il. 6,119–36 und Sol. Fr. 13.1–2). Soziale Bindungen und Ökonomien der Dankbarkeit brechen zusammen, wenn sich die Menschen weigern, sich zu erinnern, da die Investition in die Erinnerung eine Voraussetzung für die Gegenseitigkeit ist: ‘Wenn ein Mann die Erinnerung an eine Freundlichkeit verfliegen lässt, kann man ihn nicht mehr als edlen Mann betrachten’ (Soph. Aj. 523–24: S. 100). Wenn Ajax zu sich selbst kommt und erkennt, was er getan hat, kontrastiert er besessen seine jüngsten Handlungen mit seinen früheren Taten während des Krieges, und wenn er diese Taten nicht bedenkt, wie Agamemnon, bedeutet das ein Scheitern der Gegenseitigkeit, die auf Dankbarkeit beruht, und letztlich ein Scheitern der Gerechtigkeit (S. 106–107). Paola Ceccarellis Beitrag untersucht auch die Funktion von Tragödien als ‘Medienbilder der Erinnerung’, wie sie von Astrid Erll untersucht wurde, und zeigt, wie Tragödien das kollektive Gedächtnis übertragen, aber auch transformieren (S. 95). Dabei greift sie die von Chaniotis getroffene (und terminologisch schwerlich nachvollziehbare) Unterscheidung zwischen kulturellem Gedächtnis (das GNOMON 2/93/2021 E. Franchi: Castagnoli/Ceccarelli (Edd.), Greek Memories 136 über die Erfahrung der Lebensgemeinschaft hinaus in der Zeit zurückreicht) und kollektivem Gedächtnis (das noch in der Erfahrung der Gemeinschaft liegt) auf. Silvia Milanezi (Kap. 4) konzentriert sich auf vier miteinander verbundene Aspekte: 1) die Bedeutung der komischen Musen, Töchter der Mnemosyne, und ihre Rolle im dramatischen Wettbewerb; 2) die Bedenklichkeit der Risiken eines richtigen oder falschen Gedächtnistrainings; 3) die Beziehung zwischen komischem Gedächtnis und kollektivem bürgerlichen Gedächtnis (hier wie in Ceccarellis Kapitel erweist sich die Erinnerung als der Boden, auf dem die Gegenseitigkeit wurzelt: S 131ff); 4) die Art und Weise, wie Erinnerungsformen, die in anderen Genres vorhanden sind, in der Komödie kommentiert werden (z.B. wie man sich in den Wolken über philosophische Ideen lustig macht). Mirko Canevaro stellt die Idee in Frage, dass es eine als unangemessen, übermä- ßig, elitär und undemokratisch empfundene Erinnerung gibt, und dass dies die Folge einer starken Unterscheidung zwischen Masse und Elite sei. Sein Punkt ist, dass Redner behaupten, mit dem kulturellen Gedächtnis der Stadt vertraut zu sein, weil von ihnen erwartet wurde, dass sie sachkundig über die Vergangenheit sind, wie es jeder Bürger Athens sein musste (siehe insb. Canevaros Kommentar zu Aeschin. 1,141, S. 148ff). Das kulturelle Gedächtnis sei aber nicht vollständig geteilt: es gebe tatsächlich eine (oder mehrere) Lücken zwischen dem Wissen des Redners und dem Wissen seines Publikums, und der Redner könne sie mit weiteren Versionen ausfüllen, indem er Details hinzufüge, an die sich das Publikum kaum erinnern könne, was es ihm erlaubt zu behaupten, dass er nichts anderes tue, als das Publikum an das zu erinnern, woran es sich bereits erinnere. D. 15,9–10 über die Befreiung von Samos durch Timotheus (S. 154) und D. 22,15 zu einem Konflikt mit Sparta (374 v. Chr.?; siehe S. 155) sind besonders aufschlussreich. Catherine Darbo-Peschanski arbeitet einige Etappen in der sich ständig verändernden Konzeptualisierung des Gedächtnisses in der altgriechischen Geschichtsschreibung heraus, in der die Wertschätzung der Rolle des Gedächtnisses überraschend gering ist. Hier beruht die Erforschung des Geschehens (ta genomena) nicht auf dem Gedächtnis: Bei Herodot fehle eine Konzeptualisierung des Gedächtnisses in unserem Sinne, das Gedächtnis sei eher mit institutionellen Prozessen der Gerechtigkeit verbunden (Herodot sei ein ‘Mnemon’: S. 169–172; über die Figur des Mnemon siehe auch 14–15, mit Kommentar zu Aristot. Pol. 6,1321b34– 40). Bei Thukydides ähnle das Gedächtnis nicht unserem individuellen persönlichen Gedächtnis, sondern wird manchmal als eine psychologische Fähigkeit betrachtet, die möglicherweise irreführend und gefährlich sei und somit aus der Syngraphe herausgehalten werde (s. Thuc. 2,54,1–5, kommentiert auf S. 173). Bei Polybios werde mneme wiederum als Kern von Historie gesetzt, verliere aber ihre psychologischen Eigenschaften. Der wiederkehrende Ausdruck mnemen poieisthai bedeutet nicht einfach ‘erinnern’, sondern ‘in das Gedächtnis einschreiben’. Und das historische Werk begrüße in der Tat nur das, was der Erinnerung wert ist (axion mnemes: S. 177). Ich würde hinzufügen, dass in Polybios dieser letzte Wert des Erinnerns eher vorherrschend zu sein scheint als eine Reflexion über die Zuverlässigkeit der Erinnerung. Besonders merkwürdig erscheint in der Tat, dass gerade in Herodots Werk, für dessen Untersuchung die memory studies sich als sehr effektiv erwiesen haben, «no one remembers; and this applies also to the inquirer (with one exception, in 2.125)» GNOMON 2/93/2021 E. Franchi: Castagnoli/Ceccarelli (Edd.), Greek Memories 137 (S. 169, Kursivierung von mir): die logoi wurden mittels akoe oder opsis gesammelt; nirgendwo werde diese Sammlung dem Gedächtnis und seinem psychologischen Mechanismus zugeschrieben, und wo das relevante griechische Vokabular für das Gedächtnis verwendet werde, bedeutet es nicht, sich zu erinnern, sondern jemanden an etwas zu erinnern (vgl. Hdt. 1,5,4). Ich würde hinzufügen, dass gerade der Mangel an Konzeptualisierung des kollektiven Gedächtnisses in Herodots Werk die Anwendung der memory studies, um es zu untersuchen, umso nützlicher macht. In Kapitel 7 identifiziert Andrea Capra ein neues wichtiges und vernachlässigtes poetisches Echo: Sokrates greift Sapphos Gedicht 16 (Voigt) auf und gestaltet es radikal um, um zu argumentieren, dass ein wahrer Liebhaber die wahrnehmbare Welt und ihre Werte vergessen können muss (Fr. 16 Z. 11, vgl. Plat. Phaedr. 252b), um sich an die verständlichen Formen erinnern zu können (Fr. 16 Z. 15, vgl. Plat. Phaedr. 251d; siehe besonders S. 192). Dies ist im Zusammenhang der Analyse einiger Passagen des Menon und des Protagoras durch Ynon Wygoda im nächsten Kapitel zu sehen: Nur dank der Vergesslichkeit, d.h. dank der aktiven und bewussten Vernachlässigung («active forgetfulness»: S. 209; siehe auch S. 22: «positive connotations of some forms of forgetting») und Ablehnung von traditionellen, externen Autoritäten («learning-as-memorizing»: S. 204), kann dialektisches Erkunden und Lernen stattfinden (siehe vor allem Men. 86c sowie S. 203–204). R. H. A. King verlagert den Schwerpunkt auf Platons Philebos und insb. auf die Beziehung zwischen Erinnerung (mneme) und Rückbesinnung (anamnesis). Er argumentiert gegen die Idee, dass mneme ‘Leistungsfähigkeit’ und anamnesis ‘Leistung’ sei. Die problematische und auf verschiedene Weise emendierte Stelle 34c2 wird deutlich (und muss nicht emendiert werden), wenn die zwei verschiedenen Auffassungen von anamnesis (Rückbesinnung auf ein Gefühl: 34b6–8; Rückbesinnung auf eine Kenntnis: 34b10–c2; zur Beziehung zwischen Erinnerung und Erkenntnis siehe auch S. 26 mit Kommentar zu Empedokles DK 31B3) als zwei verschiedene Sorten von mneme interpretiert werden (S. 222–226). Castagnoli behauptet in der Untersuchung von Aristoteles’ mneme tou genomenou (Mem. 449b14–15), dass Aristoteles, indem er argumentiert, dass sich das Gedächtnis nur auf die Vergangenheit beziehe, mneme humanisiere, und zwar in Abgrenzung zu Platon, bei dem anamnesis Zugang zu zeitlosen göttlichen Wahrheiten darstellt (S. 239). Der Punkt ist, ob es nur um die Erinnerung an etwas Vergangenes oder die Erinnerung an eine persönliche Erfahrung von etwas Vergangenem geht. Castagnoli kommt zu dem Schluss, dass es vielmehr die Erinnerung an eine persönliche Erfahrung von etwas Vergangenem sei mit dem zusätzlichen Bewusstsein, dass es sich hierbei nur um eine Darstellung handelt (S. 248). Spiegelt der Übergang von einer mündlichen Kultur, die auf der Tradition der homerischen Gedichte basiert, zur literarischen Kultur der hellenistischen Zeit eine Verschiebung vom Bindungsgedächtnis (charakteristisch für mündliche Gesellschaften) zum Bildungsgedächtnis (charakteristisch für schriftliche Gesellschaften) wider? Ausgehend von dieser Frage zeigt Claude Calame auf der Grundlage der Analyse von Theokrits 18. Idyll. (Kap. 11), dass die Verwendung des Schreibens in Komposition, Kommunikation und Verspätung keinen Verlust der pragmatischen Dimension bedeutet. Theokrit arbeitet eine Version der heroischen Geschichte, die in der Odyssee (4,219–305) angelegt sei, neu aus, um sie mit dem GNOMON 2/93/2021 E. Franchi: Castagnoli/Ceccarelli (Edd.), Greek Memories 138 rituellen Hymenaios-Lied in Einklang zu bringen (vgl. Sappho Fr. 122 Voigt: S. 263–264). Es gibt auch eine indirekte Anspielung auf die historische Realität, nämlich auf das ideale und vergöttlichte Paar, das von König Ptolemäus Soter und Berenike verkörpert wird, dem Theokrit andere Gedichte widmete (siehe S. 272– 274). Weitere Kapitel befassen sich mit der Bedeutsamkeit der Erinnerung in verschiedenen Gattungen bzw. Milieus. Emidio Spinelli (Kap. 12) hebt hervor, wie bei Epikur die Erinnerung an die wichtigsten Grundsätze seiner Schule von grundlegender Bedeutung für die epikureische Therapie und Lebensweise war (siehe Epikurs Brief an Herodotos 35–7: S. 281–282). Steven Smith untersucht Claudius Aelians Ansatz zur Erinnerung an die griechische Kultur im Kontext des Römischen Reiches des dritten Jh., ein Ansatz, der sowohl konservativ als auch kreativ ist. Besonders interessant sind die Überlegungen zu dem Ausmaß, in dem das Gedächtnis nach Aelian ein Produkt der Natur (physis) oder Kunst (techne) sein soll (S. 301–302). Zwei Kapitel sind der Rolle der Erinnerung bei Plotin gewidmet. Riccardo Chiaradonna zeigt, wie die Philosophie des Gedächtnisses von Platon und Aristoteles im Mittelpunkt von Plotins eigenem philosophischen System steht. Diese Philosophie des Gedächtnisses wird kreativ angeeignet und transformiert. Theorien über Gedächtnis, Wahrnehmung und Erinnerung werden in Zusammenhang mit grundlegenden Lehren der Psychologie und Epistemologie gebracht. In Bezug auf das Problem der Konzeptualisierung des Gedächtnisses in der Antike, aber auch der Funktionsweise des kollektiven Gedächtnisses, ist es besonders interessant, dass nach Plotin das Gedächtnis nicht nur aus der passiven Fähigkeit bestehen kann, vergangene Wahrnehmungen zu speichern; vielmehr beinhalte das Gedächtnis eine aktive Kraft der Seele (4,6,3.16–18), da die Seele eine Erinnerung an ihre eigenen Bewegungen haben müsse, an das, was sie suchte (4,3,26.34–6, kommentiert auf S. 315, siehe auch S. 318). Kein Wunder also, dass Bergson sich intensiv mit Plotin befasst hat. Aber diese Stelle über die aktive Umarbeitung einer Erinnerung seitens der Seele wäre mutatis mutandis (und unter Vermeidung der Hypostatisierung des individuellen Gedächtnisses) auch in Bezug auf die Funktionsweise des kollektiven Gedächtnis interessant. Es ist deshalb verwunderlich, dass die Studien zum kollektiven Gedächtnis erst in jüngster Zeit Plotin und insbesondere seine Ansicht der aktiven Umarbeitung einer Erinnerung in Betracht gezogen haben (Plotin wird kurz bei Assmann, ‘Cultural memory’ S. 171, aber in Bezug auf die Funktion der Bilder ohne eigenen Bezug auf das Gedächtnis selbst erwähnt, kurz auch bei Ricœur in einer Fußnote von ‘La Mémoire, l’histoire, l’oubli’ [S. 638, Anm. 46] mit Bezug auf die epistrophe, ‘Hinwendung’). Dass die Erinnerung bei Plotin eine aktive Kraft ist, wird auch von Clark aufgegriffen. Clark untersucht Plotins Vertrautheit mit den alten mnemonischen Techniken der Topoi, ‘Orte’, und verbindet dieses Thema mit der platonischen Einsicht, die sensible Welt und uns selbst zu vergessen, um zu den wahren Realitäten unserer göttlichen Ursprünge zurückkehren zu können. Plotins Position ist, dass das Vergessen Anstrengung und Übung erfordert und, wie das Erinnern, die Übung bestimmter Techniken. Auch hier komme ich nicht umhin zu bemerken, dass der Verweis auf den narrativen Charakter des Gedächtnisses (der sich aus der Reihenfolge ergibt, in der wir die verschiedenen Erinnerungen besitzen: S. 328– GNOMON 2/93/2021 E. Franchi: Castagnoli/Ceccarelli (Edd.), Greek Memories 139 329) wiederum in Bezug auf die Funktionsweise des kollektiven Gedächtnisses von Interesse ist. Sassi konzentriert sich in ihrem Essay auf eine wichtige (und manchmal vernachlässigte) Tendenz im altgriechischen Denken, nämlich die Tendenz zur Stigmatisierung der Mnemotechnik (siehe insb. S. 357). Dieser Aufsatz hat auch das Verdienst, in einer diachronen Perspektive zu untersuchen, wie sich die philosophische Reflexion über das Gedächtnis im Laufe der Zeit entwickelt hat, und auch wie diese Entwicklung durch die verschiedenen kulturellen Rahmen beeinflusst wurde. Am Ende der langen, reichhaltigen und anregenden Einführung erklären die Herausgeber, dass es eines der wichtigsten Ziele des Buches ist, zu untersuchen, «how this conceptualisation [of memory] shaped, in subtle and complex fashion, individual and collective practices of memory, remembrance and forgetfulness» (S. 48). Dieses Ziel ist anspruchsvoll und originell. Dem vorliegenden Buch ist es gelungen, dies hervorzuheben und damit den Weg zu einer neuen, wichtigen Forschungsperspektive im Bereich der Gedächtnisforschung eröffnet zu haben. Trient Elena Franchi * Benjamin D. Gray: Stasis and Stability. Exile, the Polis, and Political Thought, c. 404–146 BC. Oxford: Oxford UP 2015. XIII, 452 S. (Oxford Classical Monographs.). La presente recensione è oggettivamente tardiva: del ritardo accumulato l’autrice desidera scusarsi con l’autore del volume, con l’editore e con la direzione e la redazione di Gnomon. Tuttavia, recensire a distanza di tempo non è di necessità un’operazione superflua, né un mero esercizio retorico; anzi, può rappresentare un’occasione utile soprattutto se l’opera recensita – ed è questo il caso del libro di Gray (d’ora innanzi G.) – si è saputa imporre all’attenzione della comunità scientifica e ha favorito a sua volta nuove riflessioni e ulteriori spunti d’indagine.1 Quanto segue si propone dunque non soltanto di riassumerne e discuterne le linee essenziali, ma di effettuare un primo sondaggio, sia pur capitulatim, sulla sua ricezione nella scholarship successiva: il volume in questione, in specie per le sue sezioni più felici – quelle sugli esuli, anticipiamo – rappresenta infatti una voce apprezzabile in questa direzione e, converrà ricordare, è stato insignito nel 2015 del Conington Prize of Oxford University. Il lavoro è articolato in sei capitoli, preceduti da una corposa introduzione e seguiti da una conclusione riassuntiva e sensibilmente più stringata; completano l’opera alcune pratiche tabelle (nei capp. 3 e 6), una bibliografia – ricca e aggiornata, quantunque prevalentemente ‘anglocentrica’ – e tre indici (dei principali termini e concetti greci; delle fonti citate e degli argomenti discussi). 1 E.g. E. P. Moloney, M. S. Williams (ed.), ‘Peace and Reconciliation in the Classical World’, London – New York 2017, che contiene anche un saggio di B. Gray (‘Reconciliation in later Classical and post-Classical Greek cities: a question of peace and peacefulness?’, pp. 66–85). GNOMON 2/93/2021

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.