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Bernd Wagner, Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung in:

Armin Klein (Ed.)

Kompendium Kulturmanagement, page 171 - 189

Handbuch für Studium und Praxis

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3837-6, ISBN online: 978-3-8006-4426-1, https://doi.org/10.15358/9783800644261_171

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Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung Bernd Wagner 1. Widerspruch zwischen Kultur und Planung Obwohl es seit über 35 Jahren in der Bundesrepublik verschiedene Formen kultureller Planungmit entsprechenden theoretischenAusarbeitungen und kulturpolitischen Diskussionen gibt, bestehen weiterhin Vorbehalte gegen eine Verbindung von Kultur und Planung. Kultur und Kunst seien nicht planbar, lassen sich nicht in ein bürokratisches Korsett von Plan undQuantifizierung zwängen, da ihrWesensmerkmal künstlerischer Eigensinn und kultureller Selbstzweck sei – so verbreitete Einwände in Diskussionen über die Planung kultureller Prozesse. Das in solchen Vorstellungen noch immer virulente traditionelle Kulturverständnis, nach dem Kunst und Kultur sich vor allem auf das Individuum beziehe und aus deren Entwicklung sich die Gesellschaft und vor allem die Politik möglichst herauszuhalten habe, spielt dabei ebenso eine Rolle wie Befürchtungen, durch kulturelle Planungen würden Inhalte von künstlerischer Arbeit vorgegeben und damit gegen das grundgesetzliche Gebot der Kunstfreiheit verstoßen. Diese kritischen Vorbehalte sind angesichts des Zwangs zum sparsamen Umgang mit den geringer gewordenen Mitteln für Kultur, von weitgehenden Verwaltungsreformprozessen und der inzwischen verbreitetenAkzeptanz von Kulturmanagement undKulturmarketing als notwendigenVoraussetzungen erfolgreicher kulturell-künstlerischen Praxis nicht mehr so stark wie vor zwei bis drei Jahrzehnten, aber sie sind immer noch vorhanden. 1960 hat der Frankfurter Philosoph und Soziologe TheodorW.Adorno, der ansonsten gern als Zeuge für den unplanbaren anarchischen Eigensinn künstlerischer Prozesse herangezogen wird, in der Kulturzeitschrift Merkur einen Aufsatz unter dem Titel „Kultur und Verwaltung“ veröffentlicht, der mit dem inzwischen trivial klingenden Satz beginnt: „Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung, ob er will oder nicht.“ Er geht dabei auf denWiderspruch ein, dassVerwaltungKulturelles an Normenmessenmuss, „die ihm nicht innewohnen, die nichts mit der Qualität des Objektes zu tun haben, sondern lediglichmit irgendwelchen abstrakt von außen herangebrachtenMaßstäben“ (Adorno 1960/1997: 128). Das betrifft auch das Verhältnis von Kultur und Planung, von demAdorno als einemWiderspruch in sich selbst, einerAntinomie spricht: „Die Antinomie von Planung und Kulturellem zeitigt den dialektischen Gedanken, das Nichtgeplante, Spontane selber in die Planung aufzunehmen, ihm Raum zu schaffen, seine Möglichkeiten zu verstärken.“ (Adorno 1960/1997: 142) Bei kultureller Planung, dem dialektischen Zusammenhang von Unplanbarem und notwendig zu Planendem, geht es nicht um eine Einbindung kultureller Kreativität 166 Bernd Wagner in bürokratische Planungsvorhaben und die inhaltliche Einflussnahme auf künstlerische Prozesse, sondern um die Einrichtungen und Institutionen als Orte und Träger kultureller Prozesse. DerAufbau, die Förderung und der Unterhalt dieser kulturellen Infrastruktur sind planbar und müssen auch geplant werden, damit sich kulturelle Vielfalt entfalten kann, künstlerische Prozesse optimale Bedingungen finden und kulturpolitische Zielsetzungen realisiert werden können. Kultur und Kunst sind nicht planbar, aber die Rahmenbedingungen für ihre Entfaltung und Entwicklung, die kulturelle Infrastruktur und die Umsetzung kulturpolitischer Ziele. 2. Eine neue Offenheit für kulturelle Planung Der kulturelle Sektor wurde in der Bundesrepublik spät ein Gegenstand von Planung. Erst im Zusammenhang mit den kulturpolitischen Reformen in den siebziger Jahren wurde in einigen Städten mit der Erarbeitung von Kulturentwicklungsplänen (KEP) begonnen. Sie entstanden in engem Bezug zur Neuorientierung der Kulturpolitik unter den Stichworten „Bürgerrecht Kultur“, „Soziokultur“ und „Kultur für alle und von allen“. Diese neue kulturpolitische Entwicklung war Teil der allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen in diesen Jahren, mit denen versucht wurde, die Modernisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft unter anderem durch eine stärkere Planung politischer Prozesse voranzutreiben. In vielen gesellschaftlichen Feldern wurde die bis dahin oft reaktive Politik der Nachkriegs- und „Wirtschaftswunder“-Jahre durch eine aktive, gestaltende Politik abgelöst, die sich auch durch neue politische Steuerungs- und Planungsinstrumentarien auszeichnete. „Das eigentliche Neue“, schreibt Franz-Xaver Kaufmann über diese Zeit, „war ein wiederbelebter Glaube an die Planungs- und Steuerungsfähigkeit des Staates, dem nunmehr als Sozial- oder Wohlfahrtsstaat dankKeynesianismus und neuerMethoden in Politik und Verwaltung größere Gestaltungsfähigkeit als in der vorhergehenden Periode zugetraut wurde.“ (Kaufmann 2003: 161) Teilweise gab es im Zuge der damaligen Planungseuphorie sogar Versuche einer gesamtgesellschaftlichen Planung auf Landesebene wie beispielsweise der „Große Hessenplan ›Hessen ’80‹“. Die Überlegungen undAnsätze für Planungen im kulturellen Bereich der siebziger und achtziger Jahre warenAusdruck dieses allgemeinenBedeutungszuwachses von Planungsprozessen und der gestiegenen Erwartungen daran. Verstärkt wurde diese Offenheit für Planungsprozesse durch die anfänglich enge Verknüpfung der Reformansätze im Kulturbereich mit der Reform des Bildungswesens. Hier wurde angesichts des schlechten Abschneidens deutscher Schulen und Hochschulen in internationalen Vergleichen der sechziger Jahre (Stichworte: „Bildungskatastrophe“ und „technologische Lücke“) vor allem mit den verschiedenen Instrumentarien, Institutionen und Herangehensweisen der Bildungsplanung versucht, Abhilfe zu schaffen. Die „Perspektiven kommunaler Kulturpolitik“, so der Titel eines 1974 vom Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann herausgegebenen Sammelbandes, bezogen sich damals immer auf eine integrative Reform von 167Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung Bildungs- und Kulturpolitik mit einer starken Betonung des Planungsgedankens (vgl. hierzu den Beitrag von Klein). In der für die weitere kultur- und bildungspolitische Entwicklung zentralen Erklärung desDeutschen Städtetages von 1973 „Bildung und Kultur als Element der Stadtentwicklung“ wird an oberster Stelle der „vordringlichen Maßnahmen“ festgestellt: „Bildung und Kultur sind Zentralbereiche kommunaler Planung“ (DST 1973: 174). In Anbetracht der zu Tage getretenen Rückständigkeiten und des Modernisierungsbedarfes vor allem im Bildungsbereich wurden auch bis dahin streng geachtete föderale Zuständigkeiten in Frage gestellt und in einzelnen Bereichen eine stärkere Koordinierung und Gesamtplanung betrieben. Dies bezog sich mit dem Wissenschaftsrat, dem Bildungsrat und der Bund-Länder-Kommission vor allem auf den Bildungssektor, hatte aber beim „Ergänzungsplan Musisch-kulturelle Bildung“ der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung von 1977 auch die kulturell-künstlerische Arbeit zum Gegenstand. Hier wurden verschiedene Ist- und Sollvorstellungen für kulturelle Sparten formuliert und Maßnahmen zur Stärkung kultureller Kinder- und Jugendarbeit sowie zur Verbesserung musischkultureller Angebote vorgeschlagen (BLK 1977). Der „Ergänzungsplan“ hatte die Debatte um kulturelle Bildung und kulturpädagogische Arbeit in den Kommunen und Ländern stark beeinflusst, allerdings nicht im Sinne einer konkreten Planung, die auf Bundesebene für den Kulturbereich sowieso nur in wenigen Bereichen möglich ist, sondern allgemein als Anregungen und Impulse für die Weiterentwicklung der kulturell-künstlerischen Bildung. Diese gingen ein in die Kulturpolitik der Länder und Kommunen im Bereich der Musikschulen, der kulturpädagogischen Einrichtungen und der Kinder- und Jugendtheaterarbeit sowie später in die „Konzeption kulturelle Bildung“ des Deutschen Kulturrats von 1988 und 1994. Eine ähnliche Bedeutung kam den Ausbau- und Zielformulierungen von Verbänden in diesen Jahren zu wie dem „Plan zum Ausbau der Musikschulen“ des Verbandes deutscher Musikschulen und dem „Bibliotheksplan ’73“ der Deutschen Bibliothekskonferenz. Auf Landesebene gab es in einigen Bundesländern in dieser Zeit ebenfalls spartenbezogene Planungen, etwa im Bibliotheks- und Museumsbereich, die auch teilweise in konkrete Landespläne mündeten, und andere, die nach heftigen Protesten bald scheiterten, wie die Versuche von Theatergesamtplanungen auf Landesebene in Hessen und Nordrhein-Westfalen. In Nordrhein-Westfalen waren die „Vorschläge für eine Strukturveränderung der Theater und Orchester“ Teil des 1973 vorgelegten gemeinsamen Strukturplans für die Bibliotheken, Museen, Orchester und Theater. Die meisten Ansätze kultureller Planungen auf Bundes- und Landesebene in den siebziger Jahren –Ausnahmen bildeten einige Landesmuseen- und Bibliothekspläne – scheiterten als konkrete Planungsvorhaben entweder an fehlenden Kompetenzen oder amWiderstand der kulturellenAkteure. Gleichwohl beeinflussten sie die kulturpolitischen Diskussionen der damaligen Zeit in erheblichem Maße. Anders sah es auf kommunaler Ebene aus. Mit dem Konzept einer „Kulturentwicklungsplanung“ wurde hier eine neue Entwicklung kulturpolitischerArbeit eingeleitet, die bis heute fortwirkt. 168 Bernd Wagner 3. Kommunale Kulturentwicklungsplanung als Teil der kulturpolitischen Reformen der siebziger Jahre Die Überlegungen und praktischen Ansätze zur Kulturentwicklungsplanung waren gedacht als eines der zentralen Instrumentarien zur Umsetzung der Reformen der Neuen Kulturpolitik. Diese zeichnet sich in ihrer Herangehensweise durch vier „Ks“ aus: Koordination, Kooperation, Konzentration undKulturentwicklungsplanung. Dabei galt Kulturentwicklungsplanung als übergreifende Klammer, die „Kooperationen stiften, Koordination derAktivitäten ermöglichen und – vor allem – den Zielfindungsprozess demokratisch organisieren“ soll (Sievers / Wagner 1992: 17). 1977, 1979 und 1981 fanden an der Universität Bielefeld in Kooperation mit der Kulturpolitischen Gesellschaft drei Tagungen zur Kulturentwicklungsplanung statt (Kulturpolitische Gesellschaft 1977 ff.), bei denen die ersten Ansätze von kommunaler Kulturplanung vorgestellt und diskutiert sowieAnforderungen und theoretische Rahmenbedingungen hierfür formuliert worden waren.Alfons Spielhoff, ehemaliger Kulturdezernent von Dortmund und Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft, setzte hohe Erwartungen in die kommunaleKulturentwicklungsplanung, indem er in Übereinstimmung mit vielen damaligen Reformkräften auf einer dieser Fachkonferenzen feststellte: „Eine Stadt ohne einen detaillierten Kulturentwicklungsplan, der in festgelegten Abständen fortgeschrieben wird, ist in Zukunft nicht denkbar. Gerade für die Realisierung wichtiger Erfordernisse im Kulturbereich ist Planung die Grundvoraussetzung, a) für mehr Chancengleichheit, b) für mehr Lebensqualität für alle Bürger und c) so oft der Begriff auch schon verwandt sein mag, wir sagen es dennoch, für ein Mehr an Demokratie.“ (Spielhoff 1982: 143) In einigen großen Städte wie u. a. in Bremen (1980/83), Göttingen (1985), Nürnberg (1977) und Osnabrück (1979) sowie in Mittelstädten wie beispielsweise in Unna (1978), Bergkamen (1981), Dinslaken (1975) und Schwerte (1981) gab es Ende der siebziger / Anfang der achtziger Jahre Ausarbeitungen zur Bestandsaufnahme und zur gezielten Weiterentwicklung der kulturellen Infrastruktur im Sinne einer Kulturentwicklungsplanung. Der Kulturentwicklungsplan der Stadt Osnabrück von 1979 war der erste, der in einer bundesrepublikanischen Großstadt als verbindliche Arbeitsgrundlage von der Kultur- und Kommunalpolitik verabschiedet worden war und der in seiner Ausdifferenziertheit für zahlreiche folgende Kulturentwicklungsplanungen in dieser Zeit beispielgebend wurde. Die Erstellung des „Kulturentwicklungsplans der Stadt Osnabrück 1976-1986“wurde 1975 von Kulturpolitik und Kulturverwaltung in Zusammenarbeit mit Akteuren aus Kultureinrichtungen begonnen und 1979 verabschiedet. Er ist über 300 Seiten stark und enthält nach einem allgemeinen Überblick über die Entwicklung und den Stand derKulturarbeit desKulturamtes sowie dessenKooperationmit anderen Einrichtungen und Trägern die Formulierung von quantitativen und qualitativen Zielsetzungen einschließlich eines Stufenplans zu ihrer Umsetzung. Diese werden in einem nächsten 169Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung Schritt für einzelne städtische und nicht-kommunale Einrichtungen konkretisiert, indem jeweils die bisherige Entwicklung und der Stand beschrieben und zukünftige Entwicklungsziele hierfür aufgestellt werden. Den Schluss bildet ein Finanzierungsplan mit Alternativen (vgl. Stadt Osnabrück 1979). Kulturentwicklungsplanungen anderer Städte griffenAufbau und Bestandteile des Plans von Osnabrück auf, der für diese Zeit Vorbildcharakter hatte. Reinhard Richter, der als damaliger Osnabrücker Kulturamtsleiter die Erarbeitung dieses Kulturplans entscheidend betrieben hatte und später als freier Kulturberater an zahlreichen weiteren Kulturplanungsprozessen beteiligt war, hat die Bestandteile und Zielsetzungen von Kulturentwicklungsplanung treffend zusammengefasst: „Auf der Grundlage von Informationen und Analysen über den Zustand der Kulturarbeit werden Ziele für die Entwicklung der Kulturarbeit formuliert. Es wird beschrieben, wie diese Ziele verwirklicht werden sollen. Die Maßnahmen, die erforderlich sind, um die Ziele zu erreichen, werden bezüglich ihres Personalbedarfes, der Personalqualifikation und des Bedarfes an Investitionsmitteln, Sachmitteln und laufenden Kosten und Zuschüssen beschrieben. Für die Durchführung der Maßnahmen werden Prioritäten gesetzt, und es wird ein Zeitplan für die Verwirklichung der Maßnahmen vorgeschlagen.“ (Richter 1998: 3) Eine ähnliche Beschreibung von Kulturplanung findet sich auch in anderen Beiträgen, so etwa in der bislang ausführlichsten Studie hierzu von Markus Morr, der eine „weitgehende Übereinstimmung darin“ feststellt, „dass Kulturentwicklungspläne zumindest auf einer umfassenden und analysierten Bestandsaufnahme aufbauen sollten, sie sollten übergeordnete kulturpolitische Ziele oder Leitlinien beinhalten, die eine Prioritätensetzung erfahren, exakte und dezidierte Informationen enthalten, sowie dieMaßnahmen aufzeigen, die zur jeweiligen Zielerreichung nötig sind“ (Morr 1999: 162). 4. Inhalte und Ziele von Kulturentwicklungsplanung Auch wenn unter den kulturpolitischen Akteuren ein weitgehendes Einverständnis über Struktur und Inhalte von Kulturentwicklungsplanungen besteht, so gibt es dar- über keine verbindlichen Festlegungen, da die Erstellung kultureller Planung nicht in Verordnungen oder gar Gesetzen vorgeschrieben und geregelt ist. Die Träger solcher Planungsprozesse haben daher eine weitgehende Gestaltungsfreiheit, so dass inzwischen eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Prozesse als Kulturentwicklungsplanung bezeichnet werden, die teilweise nur noch einige Elemente des beschriebenen umfassenden Ansatzes beinhalten. Im Prozess dieser Ausdifferenzierung haben sich auch eineVielzahl von unterschiedlichen Bezeichnungen herausgebildet, so beispielsweise „Kulturkonzeption“, „Kulturrahmenplan“, „Kulturleitlinien“, „Kulturprofile“, „Kulturmaßnahmenprogramm“, „Kulturberichte“ etc., die oft Ähnliches zum Inhalt haben. Sinnvoll ist es, unabhängig von der konkreten Bezeichnung durch den örtlichen Träger, eine Kulturplanung im engeren Sinn von entsprechenden Vorstufen zu unterscheiden. 170 Bernd Wagner Zur ersten gehörenKulturentwicklungs- undKulturrahmenpläne, Kulturkonzeptionen und Kulturprofile sowie kulturpolitische Leitlinien, die zumindest einen Bestandserhebungs- und Analyseteil sowie allgemeine und konkrete, auf einzelne Sparten und Einrichtungen bezogene Zielformulierungen enthalten. Konkretisierte und zeitlich festgelegte Umsetzungs- und Finanzierungsplanungen gehören zwar eigentlich auch zu einer Planung im engeren Sinn, sie sind aber vor allem in den gegenwärtigen Studien selten geworden. Kulturberichte, Kulturanalysen, Bestandsaufnahmen und Informationsschriften enthalten in der Regel zwar einemehr oder weniger ausführliche Darstellung der bisherigen Entwicklung und des gegenwärtigen Bestandes des öffentlichen Kulturangebots, verbleiben bei der Zielsetzung aber, sofern sie dort überhaupt Eingang finden, auf der allgemeinen Ebene. (Vgl. hierzu auch die Systematisierung bei Morr 2001: 5-7) Idealtypisch wird mit Kulturentwicklungsplanung also ein Prozess beschrieben, bei dem auf der Grundlage der Erhebung und Analyse des bisherigen Standes der Kulturarbeit die kulturpolitischen Ziele einer Stadt, eines Kreises oder eines Landes formuliert werden. Als dritten Schritt enthält sie die Maßnahmen, die erforderlich sind, um die erarbeiteten Ziele zu erreichen, und viertens quantifiziert sie die dafür notwendigen finanziellen, sachlichen und personellen Anforderungen. Die kulturpolitischen Ziele und die Umsetzungsschritte werden in einem nächsten Schritt nach inhaltlichen Schwerpunkten gewichtet und in einen Zeitplan gebracht. Dabei handelt es sich in der Regel um einen spartenübergreifenden Ansatz. Aufgabe von Prozessen der Kulturentwicklungsplanung ist es, die Bestandsaufnahme kulturellerAngebote und Einrichtungenmit kulturpolitischen Zieldiskussionen zusammenzuführen und daraus weitere Entwicklungsperspektiven für kulturelleAktivitäten und die kulturelle Infrastruktur zu begründen und zu planen. Dadurch sowie durch die Einbeziehung möglichst vielerAkteure des kulturellen Lebens der Stadt oder des Kreises werden eine Transparenz kulturpolitischer Entscheidungsprozesse hergestellt undMöglichkeiten demokratischer Partizipation eröffnet. Dabei ergeben sich zudem neueMöglichkeiten der Kooperation, und über dieDiskussions- und Planungsprozesse wird die Identifikation der kulturinteressierten Öffentlichkeit mit den Kultureinrichtungen gestärkt wie diese umgekehrt – auch jenseits ihrer Kulturangebote – in der öffentlichen Kulturdebatte präsent sind. Deshalb wird in Beiträgen zur Kulturplanung immer wieder darauf hingewiesen, dass sowichtigwie der Plan – oder häufiger nochwichtiger als dieser – der Planungsprozess selbst ist: das, was in den Köpfen und zwischen denMenschen, die an dieser Planung beteiligt sind, geschieht. Dies betrifft dieAkteure der Kultureinrichtungen, aber auch die Kulturpolitik und die städtische Öffentlichkeit. Durch die Diskussionen über die Ziele der weiteren Entwicklung der kommunalen Kulturlandschaft kommt es zu einem neuen Niveau kulturpolitischer Entscheidungsfindung, indem über begründete Vorschläge für einzelne Sparten, Einrichtungen und Angebote auf dem Hintergrund einer Gesamtschau der kulturellen Infrastruktur gestritten werden kann. Die verschiedenen Erwartungen an die kulturellen Planungsprozesse sind in Plänen oft selbst formuliert, so beispielsweise im Kulturentwicklungsplan der Stadt Leipzig: 171Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung „Aufgaben der Kulturentwicklungsplanung sind: eine Bestandsaufnahme der kommunalen Kulturszene vornehmen, die wichtigsten Daten und Fakten zur kommunalen Kulturarbeit zusammentragen (Kulturnetzanalyse); die Inhalte und Grundstrukturen der öffentlichen und freien Kulturarbeit darstellen; als Steuerungsinstrument des Kulturdezernenten erste Entwicklungsansätze formulieren, kulturpolitische Perspektiven aufzeigen und Prioritätensetzung ermöglichen; den Bedarf nach inhaltlichen und strukturellen Veränderungen entsprechend der Analyse der Stärken und Schwächen der kommunalen Kulturarbeit aufzeigen; ressortübergreifende, integrativeAufgaben desAmtes wahrnehmen, z. B. als Träger öffentlicher Belange in Stadtplanung und -sanierung; die kulturpolitische Programmatik in Politik und Verwaltung, aber auch der Öffentlichkeit bekannt machen und einen kulturpolitischen Diskussionsprozess eröffnen und in Gang halten.“ (Stadt Leipzig 1994: 29) In Ergänzung zu dieser kommunalen Sicht finden sich im Kulturrahmenplan des Landkreises Marburg-Biedenkopf einigeAspekte, die vor allem für Kulturplanungen auf kreislicher Ebene von Bedeutung sind: „Bei der Kulturrahmenplanung geht es darum, Informationen, Entscheidungshilfen undAnregungen anzubieten und gleichsam Bestrebungen zu unterstützen, diemanmit Kooperation undKoordination beschreiben könnte. Dieses sollte zwischen Kulturträgern, Vereinen, Verbänden, Kommunen und demKreis angeregt und umgesetzt werden (...)Mit der Veröffentlichung desKulturrahmenplanes des LandkreisesMarburg-Biedenkopf erhoffen wir uns auch eine positive Wirkung auf die imKreis engagiertenGruppen,Vereine,Verbände und Einzelpersonen im Sinne fortgesetzter oder erstmaligerAktivitäten imKulturbereich. Zudem sollte als wichtiger Punkt die kulturelle Identität auf Kreisebene in ihrer Vielseitigkeit gestärkt und gefestigt werden.“ (Kreisausschuss Marburg-Biedenkopf 1993: I, A1) In der Studie von Markus Morr wird für Mitte der neunziger Jahre von 61 ihm bekannten Planungen und Planungsansätzen auf kommunaler und Kreisebene ausgegangen, wobei konstatiert wird, dass noch weitere vorhanden waren. Von diesen 61 wurden 23 Planungsansätze in Städten über 100 000 Einwohnern erarbeitet, davon 8 in solchen über 500 000 (dabei wurden in Osnabrück zwei und in Bremen drei Planungen erstellt). 38 Planungen fanden in Klein- und Mittelstädten sowie Landkreisen statt. Davon gab es 16 in kleineren Städten unter 50 000 Einwohnern, 12 in Mittelstädten zwischen 50 000 und 100 000 Einwohnern und 10 in Landkreisen. (Morr 1999: 219) In einer späteren Publikation von M. Morr sind neuere Planungsansätze angeführt, die sich auf den Zeitraum ab 1997 beziehen (Morr 2001: 18-20). Auch nach dieser Übersicht bis 2001 sind weitere Kulturpläne auf kommunaler und Kreisebene, vor allem in Sachsen und Brandenburg, sowie parallel zur wachsenden Krise der Kommunalhaushalte auch in anderen Bundesländern besonders in Nordrhein-Westfalen • • • • • • 172 Bernd Wagner erarbeitet worden. Gegenwärtig kann von schätzungsweise von etwa 120 vorhandenen Kulturplänen im engeren Sinn ausgegangen werden. Diese unterscheiden sich nicht nur in ihremUmfang und ihren Konkretisierungsgraden, sondern auch in ihrem Status. Dieser reicht vom „Entwurf“ über „Arbeitsmaterial“ bis zum verabschiedeten Beschluss. Zudem gelten nicht wenige der früher erarbeiteten Pläne inzwischen als „Relikte“ vergangener Zeiten, denen heute keine Bedeutung mehr zukommt. (Zur Übersicht über einiger dieser Planungsansätze sieheMorr 1997: 219-251,Morr 2001: 1.11, 2-14; Wagner 1997: 7-32.) 5. Kulturelle Planung in den achtziger und neunziger Jahren Seit ihrer EntstehungMitte der siebziger Jahre hat sich die Kulturentwicklungsplanung diskontinuierlich entwickelt. Dabei haben sich auch die Herangehensweise und die Ausgestaltung zum Teil weitgehend geändert. In der ersten Hälfte der achtziger Jahre hatte das Interesse an Kulturentwicklungsplanung nachgelassen und war durch andere kulturpolitische Orientierungen verdrängt worden. In dieser Zeit löste sich Kulturpolitik schrittweise von inhaltlich-programmatischen Vorstellungen der Neuen Kulturpolitik der siebziger Jahre und bezog sich in ihrer Argumentation zunehmend auf den direkten und indirekten ökonomischen Nutzen von Kultur, auf einen größtmöglichen Unterhaltungswert und auf die gesellschaftlichen Sinnstiftungsfunktionen von Kultur und Künsten. Kultur wurde zunehmend als Standort-, Image- und Wirtschaftsfaktor mit Kompensations- und Sinnstiftungsfunktionen betrachtet. Durch den nun propagierten engeren Zusammenhang von Kultur und Ökonomie, die Einbindung von Kultur in die Stadtplanung und die Verknüpfung von Kunst und Kultur mit den Medientechnologien wurden neue Anforderungen an die Kulturpolitik artikuliert (vgl. hierzu den Beitrag von Klein). Makroökonomische Überlegungen zum Wirtschaftsfaktor Kultur, betriebswirtschaftlicheUmwegrentabilitätsberechnungen vonKulturausgaben, höhere Professionalität und ausgeklügelte Marketingstrategien traten vielfach an die Stelle inhaltlicher Zielsetzungen der Demokratisierung von, der Partizipation an und der Emanzipation durch Kultur, wie sie unter dem Motto „Bürgerrecht Kultur“ und „Kultur für alle“ von der Neuen Kulturpolitik propagiert wurden und sich auch in den früherenKulturentwicklungsplanungen finden. Für diese veränderten kulturpolitischen Rahmenbedingungen waren Kulturentwicklungsplanungen, zumindest in ihrer herkömmlichen Form, nicht erforderlich.War die Neue Kulturpolitik ein konzeptionelles Politikprogramm mit Planungsinstrumentarien, so erschien die von der „Kultur für alle“ in die „Kultur für alles“ der achtziger Jahre gewandelte Kulturpolitik „eher als ein fröhlicher Pragmatismus ohne Programm und Planung“ (Hajo Cornel). Hinzu kam ein Planungsmisstrauen, das durch gesellschaftliche Entwicklungen wie das offensichtliche Scheitern politischer Regelungen u. a. bei der ökologischen Krise, dem sich abzeichnenden Zusammenbruch des realsozialistischen Lagers sowie die Verstetigung ökonomischer Krisenerfahrungen hervorgebracht worden war. 173Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung Erst Ende der achtziger Jahre und mit Beginn der neunziger Jahre lässt sich ein neues Interesse anKulturentwicklungsplanung feststellen. DieDiskussionen darüber nahmen wieder zu und vor allem stieg auch die Zahl der Planungsprozesse. Dabei wurden Ansätze der siebziger und frühen achtziger Jahre aufgegriffen und auf ihre Praktikabilität für die veränderten Rahmenbedingungen und neueAufgabenstellungen überprüft, modifiziert und praktisch umgesetzt. Dies geschah in Großstädten wie Ludwigshafen (1989), Osnabrück (1991) und Kassel (1993) sowie in Klein- und Mittelstädte wie Ahlen (1988), Bad Nauheim (1991), Beckum (1994) und Kaarst (1995), aber vor allem auch in vielen ostdeutschen Städten besonders in Sachsen und Brandenburg. Hier waren mit dem „Sächsischen Kulturraumgesetz“ und dem landesweiten Prozess einer Kulturentwicklungsplanung in Brandenburg von Landesseite wichtige Impulse für eine Bestandserfassung der kulturellen Infrastruktur und für kulturpolitische Zielformulierungen der Kommunen und Landkreise gegeben worden. Inzwischen liegen für mehrere der Sächsischen Kulturräume einschließlich der Städte Dresden (1993/2008), Leipzig (1995/2009) und Chemnitz (1996/2005) sowie die meisten der brandenburgischen Landkreise und kreisfreien Städte wie Frankfurt/Oder (1998) oder Brandenburg (1998) entsprechende Kulturplanungen vor. Seit dieser Zeit beschränkt sich die kulturelle Planung auch nicht mehr wie in den Anfangsjahren fast ausschließlich auf die Kommunen, sondern sowohl von einigen Bundesländern, wie beispielsweise Brandenburg undMecklenburg-Vorpommern, als auch von Landkreisen wurden die kommunalen Erfahrungen aufgegriffen und eigene Ansätze von Kulturentwicklungsplanungen erarbeitet. Dieses erneute Aufgreifen der Ansätze von Kulturentwicklungsplanungen unter anderen Bedingungen und mit teilweise anderen Zielsetzungen ist eng verknüpft mit drei Entwicklungen dieser Jahre: der Krise der öffentlichen Haushalte, der Verwaltungsreform und der deutschen Vereinigung. Die verschlechterte finanzielle Situation der öffentlichen Etats hat zu zahlreichen Mittelkürzungen, Angebotsreduktionen und Schließungen von Kulturangeboten geführt, und in diesem Zusammenhang ist zumindest teilweise auch die Einsicht gewachsen, dass „Sparen kein Politikersatz“ ist und Kulturpolitik ihre eigenen konzeptionellen Grundlagen und inhaltlichen Ausrichtungen einer Überprüfung unterziehen muss. Denn gleichzeitig mit der Finanznot der Kulturhaushalte, und dadurch verstärkt, ist deutlich geworden, dass sich viele der öffentlichen Kultureinrichtungen, vor allem die großen, traditionellen Institutionen, in einemUmbruch ihrer über lange Jahre gewachsenen Strukturen und Arbeitsweisen befinden. Sowohl die finanzielle wie die strukturelle Krise der Kulturpolitik haben die Notwendigkeit einer erneuten kulturpolitischen Zieldiskussion deutlicher ins Bewusstsein gerückt. Erst wenn kulturpolitische Ziele definiert sind, kann darüber gestritten und entschieden werden, welche Prioritäten gesetzt werden sollen, wo gespart werden muss und worauf eventuell verzichtet werden kann. Ohne definierte und diskutierte kulturpolitische Ziele lassen sich weder dieWirtschaftlichkeit, etwa über Controlling (vgl. hierzu den Beitrag von Schneidewind), erhöhen noch die Strukturen effektivieren und vereinfachen. 174 Bernd Wagner 6. Verwaltungsreform und Kulturmanagement Eine zweite Veränderung mit gravierenden Auswirkungen auf die Kulturentwicklungsplanung ist die abMitte der neunziger Jahre verstärkt auch imKulturbereich einsetzendeVerwaltungsreform. Dadurch bekamen die Diskussionen über Zielsetzungen und die Planung kultureller Prozesse einen neuen Impuls. Ein zentraler Bestandteil dieser Verwaltungsmodernisierung besteht in der Erarbeitung von Leitlinien, Leitzielen, Leitbildern sowie von Produktplänen und Leistungsbeschreibungen sowohl der Kultureinrichtungen als auch der Kulturpolitik. In diesem Aufgabenprofil der Verwaltungs- und Politikreform sind eine Reihe von Elementen der Kulturentwicklungsplanung enthalten, die in einen neuen Kontext gestellt werden. „Leitbilder sind zukunftsweisende Zielvorstellungen zur Orientierung und verstärkten Identifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Stadt“, heißt es in der Broschüre desDeutschen Städtetages zurVerwaltungsmodernisierung (DST 1997: 35). In anderen Ausführungen steht anstelle oder über „Leitbild“ die „Vision“. Diese allgemeine „Philosophie“ oder Leitidee einer Organisation, Einrichtung oder Stadt wird danach in Leitzielen oder Leitlinien konkretisiert, aus denenwiederum operative Ziele oder Handlungen festgelegt und konkreteAktivitäten abgeleitet werden. Aus dem „Wohin“ folgt das „Was“ und daraus das „Wie“. Für Kultureinrichtungen sowie für die Kulturpolitik insgesamt ist es – so eine zentrale Grundannahme der Kulturverwaltungsreform – sinnvoll und notwendig, Ziele und Leitlinien der Arbeit zu formulieren, sich darüber zu verständigen und die Angebote und Aktivitäten daran auszurichten. Ohne formulierte Ziele lässt sich schwerlich feststellen, ob erfolgreicheArbeit geleistet wurde, ob die vorhandenen Mittel richtig eingesetzt sind und ob die konkreten Aktivitäten sinnvoll festgelegt waren. Solche Leitbilder und Leitziele helfen, die Arbeit der Einrichtungen zu bestimmen und zu gewichten. Sie richten sich an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der eigenen Einrichtung und prägen deren Selbstverständnis, dienen zur Verständigung mit anderen Einrichtungen überMöglichkeiten der Zusammenarbeit oder vonArbeitsteilungen und machen die Zielsetzungen der Einrichtungen gegenüber der Bevölkerung transparent. Ein weiterer zentraler Aspekt der Leitlinien und Leitbilder besteht in ihrer Funktion als Grundlagen für Vereinbarungen zwischen Verwaltung und Politik. Durch Vereinbarungen über entsprechende Leitbilder und Konzeptionen werden von der Politik in Kooperationmit denKulturinstitutionen dieGrundlinien derAngebote und Leistungen der Einrichtungen festgelegt und Prioritäten gesetzt, wie umgekehrt damit auf das Hineinregieren in deren konkrete Einzelentscheidungen verzichtet wird. Reinhard Richter, dermaßgeblich an der Entwicklung der Kulturentwicklungsplanung der siebziger und frühen achtziger Jahre beteiligt war, hat diese Herausforderung der Verwaltungsreform für eine veränderte Kulturentwicklungsplanung als einer der ersten aufgegriffen und diese neue Phase von Kulturentwicklungsplanung wiederum mit geprägt. Der herkömmlichen Form der Kulturentwicklungsplanung stellte er ein 175Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung integriertes Verfahren gegenüber, in dem er Elemente früherer Planungsprozesse mit solchen der Verwaltungsreform verbindet. Dabei können durch die betriebswirtschaftlichen Instrumentarien der Verwaltungs- und PolitikreformArbeitsschritte der Kulturentwicklungsplanung, wie er schreibt, „zusammengefasst, vereinfacht und zur Grundlage der Kosten- und Leistungsrechnung und des Controlling gemacht werden“ (Richter 1998: 5). In dem hier zitierten Beitrag beschreibt er dieses integrierte Verfahren in seinen einzelnen Phasen und stellt es den herkömmlichen kulturellen Planungsprozessen gegenüber. Der Kulturentwicklungsplanung der Stadt Kaarst (1995), der Kulturrahmenplan des Landkreises Bernkastel-Wittlich (1997) und der Kulturentwicklungsplan von Minden (1995) sind Beispiele einer Integration von Maßnahmen der Verwaltungsreform mit solchen traditioneller Kulturentwicklungsplanung. Die Prozesse der Leitzielentwicklung als Bestandteil der Verwaltungs- und Politikmodernisierung können im weiteren Sinne auch als kulturelle Planungsprozesse begriffen werden, obwohl sie nur Teilbereiche davon umfassen und selbst nicht als solche firmieren. Nach einer Umfrage zum Stand der kommunalen Kulturverwaltung von 1999 hatten von 227 Städten über 30 000 Einwohner, die sich daran beteiligt hatten, 25 Prozent einen Prozess der Leitbildentwicklung begonnen oder abgeschlossen. Bei einer vergleichbaren Umfrage fünf Jahre zuvor waren es 18 Prozent (Oertel / Röbke 1999: 47). Herausgehobene Beispiele solcher Leitbilderarbeitungen, die öffentlich dokumentiert und überörtlichen diskutiert wurden, sind u. a. die Erarbeitung des Produktkatalogs des Amts für Kultur und Freizeit in Nürnberg, die Leitbild- und Leitlinienentwicklung des Amts für Kultur und Museen der Stadt Osnabrück und die Leitliniendiskussion durch das Kulturdezernat in Essen. Die „Kulturpolitischen Leitlinien der Stadt Essen“ von 1997 waren Teil eines „ganzheitlichen Steuerungskonzepts“, das, wie der Essener Kulturdezernent Oliver Scheytt schreibt, „für die Kulturverwaltung sowohl traditionelle Elemente der Kulturentwicklungsplanung und der Entwicklung von Kulturkonzepten als auch wesentliche Bestandteile des neuen Steuerungsmodells beinhaltet“. Gegenüber der Erstellung eines Kulturentwicklungsplanes wurde dem Leitlinienprozess der Vorzug gegeben, da „die Herstellung undAktualisierung solcher Pläne mit hohemAufwand verbunden (sind). Zudem haben Kulturentwicklungspläne mitunter einen Umfang und eine Detailtiefe, die denUmgang damit insbesondere in der kulturpolitischenAlltagsarbeit erschweren kann.“ (Scheytt / Kersten 2000: 2f.) In diesen Kontext der Reform der öffentlichen Kulturverwaltung und Kulturpolitik gehört auch die verstärkte Einbeziehung der „dritten“ Säule der Kulturlandschaft, die privatwirtschaftlichenKulturangebote und die Kulturwirtschaft in ihre Überlegungen, die lange Zeit auf die öffentlich getragenen und weitgehend öffentlich geförderten Kultureinrichtungen fokussiert waren. Bezeichnungen wie „Kulturpartnerschaft“, „Verantwortungspartnerschaften“ oder Public-Private-Partnership (PPP) stehen für neuere Ansätze öffentlich-privater Zu- 176 Bernd Wagner sammenarbeit. Diese hat auch im Kulturbereich wegen der unterschiedlichen Ausgestaltung und Intensität der Zusammenarbeit sehr verschiedene Formen Mit dieser kooperativen Kulturpolitik wird angestrebt, Beziehungen unterschiedlicher Akteure kultureller Prozesse als Gestaltungspotential wahrzunehmen und durch eine Kombination von öffentlicher Regulierung,Marktdynamik und gesellschaftlicher Teilhabe zu einer neuen Qualität „öffentlicher“ Kulturförderung zu kommen.Angestrebt werden gemischte Strukturen und ein Regulierungsmix, der die jeweiligen Ressourcen und Potentiale der einzelnen Sektoren kombiniert und aufeinander abstimmt (vgl. Sievers / Wagner 1998 sowie direkt bezogen auf kulturelle Planungen Neisener 2009). Kulturentwicklungsplanungen im Rahmen einer solchen kooperativen Kulturpolitik nehmen naturgemäß einen anderen Charakter an, da sie sich im Unterschied zu herkömmlichen Planungsprozessen stärker auf die gesamte Kulturlandschaft und die sich wandelnde „Umwelt“ beziehen. Solche Kulturentwicklungsplanungenmit einem besonderen Fokus auf derAnalyse der externen Faktoren werden auch als Instrument des „strategischen Kulturmanagements“ bezeichnet. „Verstanden sich Kulturentwicklungspläne der siebziger Jahre vorrangig als eher operative, mittelfristig angelegte Realisierungsplanung für die Umsetzung der so genannten Neuen Kulturpolitik, so begreifen sich heutige Pläne somit eher als Elemente eines strategischen Kulturmanagements in Zeiten knapper werdender öffentlicherMittel und neuer Partnerschaften zwischen öffentlicher Hand, Privatwirtschaft und so genanntem Dritten Sektor.“ (Klein 2003: 208) 7. Neue Impulse durch die deutsche Einigung Von zentraler Bedeutung für die steigende Zahl und dieWeiterentwicklung vonKulturentwicklungsplanungen in den neunziger Jahren war die deutsche Einigung. Im Zuge des Neuaufbaus und derAnpassung der Kulturverwaltung und der Kulturlandschaft in den ostdeutschen Bundesländern an die Strukturen der Bundesrepublik wurden auch die Ansätze der Kulturentwicklungsplanung aufgegriffen und weiter entwickelt. In einer Phase, in der es um die Neugestaltung der kulturellen Angebote und ihre Finanzierung sowie die Verständigung über die Zielsetzung kulturpolitischen Handelns und die dafür sinnvollen Wege und Strukturen geht, eignet sich das Instrumentarium der Kulturentwicklungsplanung besonders gut. Unter diesem Gesichtspunkt gibt es eine Parallele zwischen der kulturpolitischen Situation in der Bundesrepublik in den siebziger Jahren und der in den ostdeutschen Ländern der neunziger Jahre. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei den Ländern zu, die zum einen die Erarbeitung kommunaler und kreislicher Kulturentwicklungsplanung besonders befördern und unterstützen, und die zum anderen selbst eine solche Kulturplanung auf Landesebene betreiben. Im Rahmen des Sächsischen Kulturraumgesetzes sind die Kulturräume zu regelmäßigen Kulturberichten angehalten, die in der Regel mit der Erarbeitung einer Kulturentwicklungsplanung verknüpft werden. Ursprünglich war sogar vorgesehen, kulturelle Planungen zur Pflichtaufgabe der Kulturräume zumachen, die zudem noch 177Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung in einem relativ kurzem Zeitraum erstellt werden sollten. Davon wurde aber aufgrund zahlreicher ProtesteAbstand genommen. Gleichwohl wird die Erstellung von Berichten undKonzeptionspapieren erwartet. So liegen inzwischen vonmehreren ländlichen Kulturräumen und den größeren Städten Dresden (1993/2008), Leipzig (1995/2009), Chemnitz (1996/2005) und Görlitz (2002) entsprechende Kulturplanungen vor. Das Kulturministerium in Brandenburg ging noch einen Schritt weiter, indem es einen integrierten Prozess von kommunaler und kreislicher Kulturentwicklungsplanungmit der Erarbeitung eines Kulturentwicklungskonzeptes für das Land verband. In einem landesweiten Prozess wurde ab 1996 eine flächendeckende Erstellung von Kulturbestandsaufnahmen und -entwicklungsplanungen der Landkreise und kreisfreien Städte durch die örtlichen Kulturämter unter Einbeziehung von ABM-Kräften betrieben. Ziele waren zum einen die Analyse der kommunalen, kreislichen und verbandlichen Schwerpunkte der kulturellen Angebote und Einrichtungen und die Erarbeitung von entsprechenden Zielen für die weitere Entwicklung. Darüber hinaus sollten dadurch Anregungen für neue Wege der Kulturförderung und für neue Kooperationen zwischen den verschiedenen Kulturträgern gegeben und ein landesweiter Diskurs über kulturpolitische Ziele initiiert werden. Diese Erwartungen haben sich weitgehend erfüllt, denn inzwischen liegen von nahezu allen brandenburgischen kreisfreien Städten und Kreisen kulturelle Planungen vor mit lokalen Prioritätensetzungen undAnforderungen an die Landeskulturpolitik. Dabei haben die Anstöße der Kulturentwicklungsplanung bei Kulturverwaltungen und Kultureinrichtungen oft zu einer Überprüfung der bisherigen Arbeit und ihrer Neukonzeption sowie zu einem landesweiten Kulturdialog geführt und sind eine Anzahl von neuen Kooperationsbeziehungen entstanden. Durch die flächendeckende Kulturentwicklungsplanung in Brandenburg hat auch die Kulturplanung auf Kreisebene insgesamt neue Impulse bekommen. In den westdeutschen Bundesländern gab es bisMitte der neunziger Jahre auf Landkreisebene nur die Kulturentwicklungsplanungen der Landkreise Osnabrück (1991), Bernkastel-Wittlich (1997) undMarburg-Biedenkopf (1993) sowie einigeKreisemit Bestandserhebungen. Seither hat sich die Situation geändert und auch in westdeutschen Bundesländern habenmehr Landkreise auch unter demBrandenburger und sächsischen Einfluss eine Kulturplanung in Angriff genommen. In Brandenburg bildete dieser kommunale und kreisliche Prozess der Kulturentwicklungsplanung auch die Grundlage für die Erstellung einer Kulturentwicklungskonzeption des Landes mit einer Bestandsaufnahme der gesamten Kulturlandschaft und der Festlegung künftiger Förderprioritäten, die im Sommer 2002 vom Kabinett verabschiedet und im Herbst vom Landtag gebilligt wurde. Inzwischen liegt nach dem fortgeschriebenen zweiten Bericht von 2004 seit 2009 bereits ein dritter Kulturentwicklungsbericht vor. (Siehe zu diesem Prozess Cornel 2009 sowie Deutscher Bundestag 2007: 93 f.) Dass die Kulturentwicklungsplanung in Brandenburg auch auf kommunaler Ebene kein einmaliger Akt ist, sondern diese vielfach fortgeschrieben und weiterentwickelt wird, zeigen beispielsweise die jüngsten Kulturkonzepte und 178 Bernd Wagner Kulturentwicklungskonzeptionen in Brandenburg/Havel (2010), Eberswalde (2009), Machnow (2009), Potsdam-Mittelmark (2007) und Teltow (2007). In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt war inzwischen nach längeren Vorüberlegungen und Diskussionsprozessen um 2005 ebenfalls mit der Erarbeitung einer Kulturentwicklungskonzeption auf Landesebene beziehungsweise eines Landeskulturkonzeptes begonnen worden, die inzwischen zum Teil abgeschlossen sind. In westdeutschen Ländern finden sich bislang keine entsprechenden umfassenden Ansätze auf Landesebene. Die „Kunstkonzepte“ und die „Kulturkonzepte Ländlicher Raum“ in Baden-Württemberg (beide 1990) können im weiteren Sinn als Vorstufen zu einemLandeskulturentwicklungsplan begriffenwerden. 2009 hat der Landeskunstbeirat in seinen Empfehlungen der Landesregierung Baden-Württembergs vorgeschlagen, einen Kunst-, respektive Kulturentwicklungsplan, aufbauend auf der Kunstkonzeption von 1990, zu erarbeiten, was von dieser aufgegriffen wurde und gegenwärtig schrittweise angegangen wird. (Siehe Ministerium für Wirtschaft, Forschung und Kunst 2009: 8, 22ff. u.a. sowie Könneke 2010.) Hierzu gehört auch die Bildung von Kulturregionen mit entsprechenden Kulturprofilen in Nordrhein-Westfalen Ende der neunziger Jahre. Mit dem inzwischen dreimal erschienenen jährlichen Kulturbericht des Landes Nordrhein-Westfalen, in dem eine ausführliche Bestandsaufnahme der Landeskulturförderungmit Beiträgen zur Landeskulturpolitik vorgelegt wird, werden hier seit jüngster Zeit zentrale Elemente einer Landeskulturkonzeption erarbeitet (Staatskanzlei 2008 ff.) Mit dem „Kulturkompass.Wegweiser für die Kulturentwicklung in Sachsen“ hat das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ebenfalls einen Schritt hin zur Erarbeitung einer Landeskulturentwicklungskonzeption getan. Auch in Thüringen gibt es mit der neuen Landesregierung seit 2010 Ansätze einer systematischen Diskussion und Entwicklung einer Landeskulturkonzeption. Andere Ansätze wie in Niedersachsen sind über allgemeine Leitlinien und Grundsatzformulierungen nicht hinausgekommen, während in Schleswig-Holstein nach früheren Planungen 2005 ein neuer Entwicklungsprozess begonnen, aber nicht abgeschlossen wurde. Nach der Jahrhundertwende hat das längere Zeit von nicht Wenigen in der Kulturpolitik als antiquiert angesehene Konzept von Kulturentwicklungsplanung eine neue Beachtung gefunden. In einer Reihe von größeren undmittleren Städten sind Prozesse angestoßen worden, die Kulturentwicklungsplanungen mit Leitzieldiskussionen im Rahmen einer Neuausrichtung der Kulturpolitik angesichts neuer Herausforderungen an kommunale Kulturpolitik verbinden. Hierzu zählen u. a. Freiburg (2007), Köln (2009), Leverkusen (2008), Oldenburg (2009), Berlin-Neukölln (2009) undGöttingen (2010) (s. hierzu als Beispiel Könneke 2007, Bögner 2007, Schumacher 2008 und Kolland 2010) Die heutigen kulturellen Planungsprozesse unterscheiden sich in ihren konkreten Ausgestaltungen und den Herangehensweisen sowohl von denen der siebziger und frühen achtziger Jahre als auch denen der späten achtziger und neunziger Jahren.War in der ersten Phase die Kulturentwicklungsplanung ein Mittel zur Umsetzung der Ziele der kulturpolitischen Reformen der damaligen Zeit, ging es hier umBedürfnisse 179Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung und Bedarfe und Kultur als Teil emanzipativer, innovativer Prozesse so trat dieser „Entwicklungsaspekt“ in der zweiten Phase gegenüber dem „Strukturierungsaspekt“, wie Kurt Eichler schreibt, zurück. Diesen „Funktionswandel“ sah er vor allem darin gegeben, dass Planung ab Ende der achtziger Jahre „überwiegend im Rahmen der vorhandenen Ressourcen stattfinden (muss), ohne diese ausweiten zu können. (...) Anstelle der ursprünglich innovativen Funktion von Kulturentwicklungsplanung kommt ihr damit heute primär dieAufgabe zu, den Bedarf auf die vorhandenenMittel abzustimmen beziehungsweise bestimmte Leistungen und Förderungen festzuschreiben und zu begrenzen.“ (Eichler 1988: 116) Die gegenwärtigen Planungs- und Diskussionsprozesse kommunaler Angebote und Kulturpolitik sind demgegenüber wieder stärker von einem Entwicklungsgedanken geprägt. Dieser unterscheidet sich allerdings von dem der siebziger und frühen achtziger Jahre und verbindet den Strukturierungsaspekt mit dem Entwicklungsaspekt im Sinne der Entwicklung einer zukunftsfähigen kulturellen Infrastruktur, mit der auf die weitreichenden gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen der Gegenwart reagiert wird. Ausgangspunkt und zentrales Motiv ist dabei oft die prekäre Situation der Kommunal- und Kulturhaushalte, die sich vor allem durch die Auswirkungen der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2008/2009 für eine wachsende Zahl von Kommunen so verschlechtert hat, dass ihr mit der „gewohnten“ Kürzungspolitik allein nicht mehr begegnet werden kann. Die langjährige Leiterin des Kulturamtes Neukölln hat diesen Anstoß für den Neuköllner Kulturentwicklungsplan treffend zusammengefasst: „Die Situation, aus der heraus ich ab Winter 2007/2008 die Erarbeitung eines Kulturentwicklungsplanes für den Bezirk Berlin-Neukölln betrieb, war eher eine der Verzweiflung und der berechtigten Sorge darüber, dass all das, was in den letzten Jahrzehnten in diesem extrem armen Bezirk an bemerkenswerter Kultur und an Kulturstrukturen entstanden war, unbesonnen abgeschnitten und weggespart werden könnte.“ (Kolland 2010: 16) Viele Kulturkonzepte und Kulturentwicklungsprozesse, gerade auch in Nordrhein- Westfalen, wo kaum noch eine Stadt über einen ausgeglichenenHaushalt verfügt, sind aus derMotivation entstanden zu zeigen, was vorhanden ist, undWege zu entwickeln, wie bestehende Strukturen, kulturpolitisch Wünschenswertes und Finanzierbares in Übereinstimmung gebracht werden können. Es sind aber nicht nur die Probleme der öffentlichen Kulturfinanzierung, die in einer wachsenden Zahl von Städten zur Erarbeitung von Kulturkonzepten und Kulturentwicklungsplanungen führen, sondern auch die neuen kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen für Kommunal- und Kulturpolitik wie der demographische Wandel, schrumpfende Städte, die multikulturelle Durchmischung und die Pluralisierung der Lebenswelten, aber auch eine wachsende Armut und ein weiteres Auseinanderdriften von Arm und Reich. Den Aspekt des gesellschaftlichen und kulturellenWandels hat auch die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ desDeutschenBundestages besonders hervorgehoben, indem sie in den Empfehlungen am Ende des Abschnittes zu den kulturellen Auswirkungen des demographischen Wandels formuliert: „Die Enquete-Kommission empfiehlt den von Auswirkungen 180 Bernd Wagner des demographischenWandels betroffenen Ländern undKommunen, eine langfristige Kulturentwicklungsplanung zu initiieren.“ (Deutscher Bundestag 2007: 228; siehe hierzu als Beispiel für den Zusammenhang von ländlicher Kulturentwicklungsplanung und demographischen Wandel den Beitrag von Doris Patzer 2007.) In dieser neuen Phase der Kulturentwicklungsplanung geht es in der Regel auch nicht mehr allein um die städtische Kultur, sondern um die Kultur in der Stadt, bei der die Kommune einAkteur ist neben frei gemeinnützigenTrägern und der Kulturwirtschaft. Ansatzweise wird auch nicht mehr wie früher allein von den kulturellen Institutionen und Einrichtungen, sondern von der Stadt als Ganzes im Sinne einer integrierten Stadtentwicklung ausgegangen, wie sie gegenwärtig auch in der kommunalpolitischen Diskussion zunehmend wieder an Bedeutung gewinnt (siehe Adam 2010). Darüber hinaus gibt es ersteAnsätze interkommunaler Planungsprozesse, die sich auf mehrere Städte beziehen wie beispielsweise das Kulturkonzept für den „Regionalen Wachstumskern Perleberg-Wittenberge-Karstädt – RWGPrignitz“ (siehe hierzu Föhl / Neisener 2010 sowie insgesamt Neisener 2009). Hierzu zählen auch imweiteren Sinne die Planungsüberlegungen für das Ruhrgebiet nachAblauf des Kulturhauptstadtjahres in Gestalt des „Masterplan Kulturmetropole Ruhr“ (Regionalverband Ruhr 2010). 8. Bedingungen erfolgreicher Kulturentwicklungsplanung In der inzwischen über fünfunddreißigjährigen Praxis von kultureller Planung gibt es mittlerweile zahlreiche unterschiedlicheAnsätze und Erfahrungen. Eine der Erkenntnisse ist, dass es für Kulturentwicklungsplanung kein allgemeingültiges Rezept gibt, das im Sinne einer Blaupause nur auf die jeweilige Kommune oder den jeweiligen Landkreis übertragen werden muss. Gleichwohl können Modelle gelungener Planungsprozesse und ihre Inhalte, Gliederungen und Methoden sinnvolle Anregungen geben und aus den positiven Erfahrungen und den gescheitertenAnsätzen lassen sich einige allgemeine Grundsätze begründen: Professionalität: Die Erarbeitung kommunaler, kreislicher oder von Landeskulturentwicklungsplanungen ist keine Aufgabe, die im Rahmen der laufenden Verwaltungsarbeit nebenher miterledigt werden kann. Sie erfordert Zeit und konkrete Kenntnisse, die über die Erfahrungen aus der laufenden Arbeit hinausgehen. Was nicht heißt, dass sie allein an externe Fachleute übertragen werden sollte, sondern dass entsprechende Personal- und Zeitkapazitäten dafür freigestellt werden und diejenigen, die mit dieser Aufgabe befasst sind, entsprechende Hilfen und Qualifikationen bekommen müssen. Dabei können externe Fachleute diesen Prozess unterstützen, ihn moderieren und die schriftliche Endfertigung übernehmen. Prozesshafter Charakter: Sowohl auf der kommunalen und kreislichen Ebene wie der des Landes kann eine erfolgreiche kulturelle Planung nur entwickelt werden, wenn von Anfang an die Arbeit daran nicht als ein einmaliger Akt gesehen wird, der mit einem „Plan“, einer Veranstaltung etc. beendet ist. Das sollte bei den Zeit-, Arbeits- und Arbeitskräfteplanungen von Beginn an einberechnet werden. • • 181Kulturentwicklungsplanung – Kulturelle Planung Kommunikativer und kooperativer Prozess:Auf der jeweiligen Planungsebene ist es wichtig von Beginn anmöglichst viele kulturelle und kulturpolitischeAkteure in die Diskussionen und die Erarbeitung der Kulturentwicklungsplanung einzubeziehen. Sie ist ein längerfristiger kommunikativer Prozess zwischen Kulturverwaltung, Akteuren der Kultureinrichtungen, Verbände und Kulturpolitik sowie der kulturinteressierten Öffentlichkeit. Dazu gehören aber auch die privaten Kulturanbieter und die Kulturwirtschaft. Dies ist sinnvoll und notwendig um möglichst viel Sachverstand und die gesamte kulturelle Landschaft einzubinden, aber auch für die spätere Akzeptanz der erarbeiteten Vorstellungen. Von der Stadt als Ganze ausgehen. Kulturentwicklungsplanungsprozesse wie auch Kulturpolitik insgesamt sollten heute nicht mehr von den kulturpolitischen Institutionen und Einrichtungen ausgedacht und konzipiert werden, sondern von der städtischen Kulturlandschaft als Ganzes. Kulturpolitische Planungs- und Neuorientierungsprozesse sollten von dem sozialen Gebilde Kommune als Ort der Integration und Partizipation, des innergesellschaftlichen Dialogs, des Aushandelns von Interessen und des Austarierens von Widersprüchen ausgehen. Als Orientierungsmotto sollte gelten, die Stadt von der Kultur und die Kultur von der Stadt her denken. Kulturentwicklungsplanung und Diskussionen über kulturpolitische Profile, Ziele und Leitbilder ermöglichen gerade auch in Zeiten knapper Haushaltsmittel kulturpolitische Konzepte entsprechend den finanziellen Rahmenbedingungen und neue Wege der Kulturförderung im Sinne von Public Private Partnership zu entwickeln sowie die passenden strukturellen Veränderungen zu erarbeiten. Sie erleichtern eine zielgerichtete Förderung der Kultur, und durch den offenen, kommunikativen Prozess werden neue Ideen undWege entwickelt und kann zudem die Legitimation öffentlicher Kulturförderung auch in Zeiten finanzieller Not gesichert werden. Sich der Herausforderung der Erarbeitung einer Kulturentwicklungsplanung zu stellen und dieser gemeinsam von vielen getragene Prozess sind ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der kulturellen Infrastruktur und ihrer qualitativen Weiterentwicklung besonders in Zeiten finanzieller Engpässe, struktureller Probleme und konzeptioneller Defizite. Das betrifft sowohl die kommunale als auch die Landesebene. • • 182 Bernd Wagner Literaturhinweise Adam, Brigitte u. a. (2010): Integrierte Stadtentwicklung – politische Forderung und Praxis (Schwerpunktthema). In: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 4/2010, S. 253-314. Adorno, TheodorW. (1960/1997): Kultur undVerwaltung. In:Adorno, TheodorW. 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References

Zusammenfassung

Das Handbuch zum Kulturmanagement.

Das Kompendium Kulturmanagement

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* Öffentlichkeitsarbeit

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* Recht und Rechtsform

* Controlling

* Kosten- und Leistungsrechnung

* Vertrags- und Arbeitsrecht

* Kulturtourismus und Kulturentwicklungsplanung