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Armin Klein, Kulturpolitik (allgemein) in:

Armin Klein (Ed.)

Kompendium Kulturmanagement, page 96 - 105

Handbuch für Studium und Praxis

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3837-6, ISBN online: 978-3-8006-4426-1, https://doi.org/10.15358/9783800644261_96

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Kulturpolitische Rahmenbedingungen des Kulturmanagements Kulturpolitik (allgemein) Armin Klein 1. Der Stellenwert von Kulturpolitik für das Kulturmanagement Kulturmanagement agiert nicht im luftleeren Raum, sondern ist stets abhängig von einerVielzahl vonRahmenbedingungen. Die allgemeineManagementlehre bezeichnet diese Rahmenbedingungen des unternehmerischen Handelns als deren „Umwelt“, die ihr Handeln mehr oder weniger beeinflusst.Was ganz allgemein für Unternehmungen jedweder Art gesagt wird, gilt auch für den Spezialfall kultureller Organisationen: Museen, Musikschulen, Theater, private Galerien, soziokulturelle Zentren, Volkshochschulen: Sie alle stellen „kulturelle Unternehmungen“ dar, die zunächst ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen kennen sollten. Dennoch reicht diese Kenntnis alleine für eine sinnvolle strategische Planung kaum aus: Mindestens ebenso wichtig ist eine genaueAnalyse der Umweltbedingungen, die das eigene Handeln begrenzen bzw. neue Möglichkeiten für eigene Aktivitäten eröffnen. Kulturpolitik ist ein ganz wesentlicher „Umweltfaktor“ für das Handeln jeder Kulturunternehmung bzw. der Kulturmanager, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer ganz spezifischen kulturpolitischen Tradition. Die Intensität der Betroffenheit bzw. Abhängigkeit von Kulturpolitik ist allerdings in den verschiedenenArbeits- und Handlungsfeldern des Kulturmanagements unterschiedlich ausgeprägt; der Grad der Betroffenheit nimmt mit der organisatorischen Nähe zur Kulturpolitik zu. Ein städtisches Kulturamt als Teil der Exekutive (Verwaltung) ist sehr direkt von den kulturpolitischenBeschlüssen desGemeinderates betroffen. Anders stellt sich die Situation für den Kulturmanager in (relativ) eigenständigen Kultureinrichtungen in der Kommune (Museum,Theater,Musikschule usw.) dar. Zwar sind diese in der Regel auf öffentliche Zuschüsse durch die Gemeinde angewiesen. Jedoch sind sie, je nach der Organisationsform der Kultureinrichtung (gGmbH, Eigenbetrieb, Anstalt oder Stiftung öffentlichen Rechts usw.), in ganz unterschiedlichen Weisungsverhältnissen an die Kulturpolitik gebunden, d. h. dieses Verhältnis kann mehr oder weniger (in-)direkt sein. Rein privateKulturunternehmungen (privateGalerien, Theater- undKonzertagenturen, Ausstellungsbüros etc.) schließlich haben in der Regel die größte Distanz zur Kulturpolitik, obwohl auch sie von kulturpolitischen Entscheidungen abhängig sind. So etwa, wenn sich eine Stadt entschließt, die Organisation eines Konzertabonnements nicht vom städtischen Kulturamt durchführen zu lassen, sondern sie einer privaten Konzertagentur überträgt oder mit der Durchführung eines bestimmtenAusstellungsprojekts ein privatesAusstellungsbüro beauftragt. Und natürlich betrifft jede juristische Regelung, also Gesetze, Erlasse, Verordnungen usw. auch private Kulturunternehmen. 92 Armin Klein 2. „Politik“ MaxWeber stellte bereits 1919 in seinemVortragPolitik als Beruf fest: „Der Begriff ist außerordentlich weit und umfasst jedeArt selbständig leitender Tätigkeit. Man spricht von der Devisenpolitik der Banken, von der Diskontpolitik der Reichsbank, von der Politik einer Gewerkschaft in einem Streik, man kann sprechen von der Schulpolitik einer Stadt- oder Dorfgemeinde, von der Politik eines Vereinsvorstandes bei dessen Leitung, ja schließlich von der Politik einer klugen Frau, die ihren Mann zu lenken trachtet“ (Weber1992: 5). Wenn hier von der „Politik einer klugen Frau, die ihren Mann zu lenken trachtet“, die Rede ist, so ist damit zunächst ein ganz bestimmtes menschliches Verhalten angesprochen, das in bestimmten Situationen zum Tragen kommt, nämlich in der Interaktion mit anderen. Allerdings handelt es sich, sieht man von dem Beispiel der klugen Frau ab, nicht um private Interaktion, sondern um eine soziale Interaktion, also ein Handeln, das auf andere bezogen ist. Darüber hinaus ist es zielgerichtetes, intentionales Handeln: Man möchte etwas erreichen oder durchsetzen. Diesen eigenen Zielen stehen nun allerdings häufig, mehr oder weniger ebenso berechtigte Interessen anderer gegenüber; diese jeweiligen Ziele und Intentionen sind in der Interaktion offensichtlich nicht durch Befehl, Anordnung, Erlass oder sonst welche eindeutigen Maßnahmen oder gar physische Gewalt durchzusetzen und unterscheiden sich deshalb ganz wesentlich von diesen. Politische Entscheidungen bedürfen vielmehr eines ganz bestimmten Vorgehens. Der oder die, die etwas erreichen möchten, bringen ihre eigenen Ziele und Intentionen in Vergleich zu denen anderer und überlegen sich, wie unter diesen Bedingungen zu handeln ist, um die Ziele möglichst optimal zu erreichen. „Wer im Rahmen einer Interaktion eine Absicht verfolgt, für den erweisen sich die Absichten der anderen Beteiligten als Konditionen dieser seinerAbsicht. Mit diesem Tatbestand muss der Betreffende, will er seinen Zweck erreichen, auf eine bestimmte Weise umgehen. Und zwar muss er die Absichten, Interessen, Vorstellungen und Eigenheiten der anderen in Rechnung stellen, muss ihnen Rechnung tragen. Er muss also die eigene Absicht gewissermaßen im Modus der Absichten etc. der anderen Beteiligten verfolgen“ (Buchheim 1993: 13). Wer eine Sache, ein – privates, gruppenspezifisches oder allgemeines – Interesse verfolgt, muss undwird zunächst aus der Logik dieser Sache heraus, von der er überzeugt ist, seineArgumente entwickeln. Er bringt also die spezifische Rationalität der Sache, über deren Richtigkeit man seinerAuffassung nach sowieso nicht streiten kann, zum Tragen – im Falle der Kultur also spezifische kulturwissenschaftlicheArgumente, wie die Rede vom „Kulturstaat Deutschland“, den unhintergehbarenAnforderungen einer Opernaufführung, den spezifischen Bedingungen einerAusstellungskonzeption usw. Sehr rasch wird er jedoch feststellen, dass diese Sachrationalität nicht weit trägt und offensichtlich kaum ausreicht, da diese Rationalität auf – mehr oder weniger rational begründete – Gegenargumente stößt. 93Kulturpolitik (allgemein) Es bedarf also in der Interaktion – und Politik ist ein Spezialfall menschlicher Interaktion – in den allermeisten Fällen einer zusätzlichen Rationalität, die nicht aus der Sache selbst kommt, sondern aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Interessen in der Interaktion resultiert. Es gibt nie die „Sache an sich“, sondern jede Sache ist jemandes Sache. „Mit dem Sinn, den eine Handlungwirklich hat, meint (der Politiker) nicht den, den sie im persönlichen Lebenskonzept besitzt, sondern den, der aus der verfolgten Zielsetzung und der Situation resultiert, unter deren Bedingungenman das Ziel zu erreichen sucht. Dieser Sinn stammt also ‚zur Hälfte’ aus der Einschätzung der Situation und ist, wenn das Handeln situationsgerecht erfolgt, wesentlich von der Situation mitbestimmt. Von den Faktoren, aus denen dieser Sinn sich ergibt, ist nur der eine, nämlich das gesetzte Ziel sicher zu bestimmen, während die Faktoren der Situation nur annäherungsweise erfasst werden können“ (Buchheim 1967: 75). Dieses Vermögen, das aus der Interaktion mit anderen erwächst, wird – imGegensatz zur bloßen „Stärke“ – „Macht“ genannt.MaxWeber definiertMacht als „jede Chance, innerhalb einer Beziehung den eigenenWillen auch gegenWiderstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht“ (Weber 1956: 28). Das gesellschaftliche Zusammenleben von Menschen ist im Alltag, in der Familie, im Freundeskreis, an derArbeitsstelle, in der Schule, aber auch in der Kommune, im Land, im Bund, ja weltweit permanent einer Vielzahl von Entscheidungssituationen und Regelungsbedürfnissen unterworfen, die nach einer Lösung drängen. Die dafür notwendigen Lösungen können ganz unterschiedlich herbeigeführt werden, etwa durch die gemeinsame Entscheidung aller Betroffener in einem überschaubaren Rahmen oder durch Entscheidung derAnwesenden oder durch Delegation an bestimmteAusgewählte. Egal, nach welchemRegelungsmechanismus die Entscheidung letztendlich getroffen wird, gemeinsam ist allen angesprochenen Situationen, dass die Entscheidung, wenn auch u. U. befristet, eine Verbindlichkeit für alle davon Betroffenen darstellt. Primär ist vor allem also der Ordnungsbedarf. Nun gibt es Entscheidungen, die einen mehr oder weniger großen Kreis betreffen, d. h. die Reichweiten der Entscheidungen sind ganz unterschiedlich: Es gibt einen Ordnungsbedarf, der nur einen bestimmten Kreis betrifft (eine Familie, eine Schulklasse, einen Sportverein usw.) und es gibt einen Ordnungsbedarf, der potenziell alle betrifft. In dieser Perspektive erscheint Politik „als eine nach Ort und Zeit variable Antwort auf ein seinerseits wiederum der geschichtlichenVeränderung unterliegendes fundamentales Ordnungsproblem, das sich in und zwischen sozialen Verbänden überall dort und immer dann stellt, wenn verschiedene Akteure – mindestens zwei – aufeinandertreffen, ohne dass von vorneherein völlige Sicherheit besteht, dass die wechselseitig gegeneinander erhobenenAnsprüche sachlich begrenzt bleiben“ (Rohe 1986: 352). Es gibt allerdings ein Problem, das nur gesamtgesellschaftlich gelöst werden kann, die „Stiftung und Wahrung des innergesellschaftlichen Friedens. Dies ist das politische Problem schlechthin; seine Lösung ist der wesentliche Sinn des Staates – genauer: der Staat ist die Lösung des politischen Problems“ (Buchheim 1988: 1f.). MaxWeber 94 Armin Klein rückt dabei das „Mittel“, mit dem diese Aufgabe gelöst wird, in das Zentrum seiner Staatsdefinition, wenn er definiert: „Staat ist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmtenGebietes – dies: das ‘Gebiet’gehört zumMerkmal – dasMonopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht“ (Weber 1992: 6). Während Weber die Ausschaltung legitimer individueller physischer Gewaltanwendung zum wesentlichen Definitionskriterium macht, knüpft die moderne Staatslehre hieran zwar an, geht aber entscheidend weiter. „Die Wahrung und Vertiefung des innergesellschaftlichen Friedens erfordert zunächst eine handlungsfähige Macht, die imstande ist, unter den Gesellschaftsmitgliedern Selbstverteidigung überflüssig zu machen, Selbstjustiz zu unterbinden und eine gewaltfreieAustragung von Konflikten zu ermöglichen. Sodann muss der Frieden ‘vertieft’werden durch möglichste Verringerung der Anlässe sowie Zurückdämmen der Neigung zu Unfrieden. Dafür bedarf es eines verbindlichen Konzeptes des öffentlichen Lebens, wonach jeder beliebige einzelne mit jedem anderen beliebigen einzelnen verkehren kann, auch wenn den beiden dafür weder eine gemeinsame Sachorientierung noch individuelles Einander- Kennen zurVerfügung stehen. Dieses Konzept betrifft also das, was Personen einander als Personen schlechthin schulden, auch wenn sie einander fremd oder nicht durch gemeinsam verfolgte Zwecke verbunden sind.“ (Buchheim 1988: 3) Sind also die Stiftung und Wahrung des innergesellschaftlichen Friedens die „conditio sine qua non“ des Staates, kann sich die „Vertiefung“ des Friedens, d. h. die „Verringerung der Anlässe“ sowie das „Zurückdämmen der Neigung zu Unfrieden“ je nach historischer Situation ganz unterschiedlich darstellen. Dies bedeutet, dass „die Art und Weise, in der sich in einer konkreten Gesellschaft das politische Ordnungsproblem stellt, und welche Art von Ordnungsleistungen von der jeweiligen Politik entsprechend erbracht werden müssen, immer auch abhängig ist vom Stand der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“ (Rohe 1986: 352). So liegt in einigen Staaten die Bildung, der Autobahnbau, das Gesundheitswesen oder die Kultur in staatlicher Hand, in anderen Staaten wird das durch die einzelnen, privaten Individuen bzw. die Gesellschaft getragen (z. B. in den USA). Zentral ist aber immer und für alle Staaten, dass diese Probleme ohne legitimierte individuelle physische Gewaltanwendung gelöst werden müssen. Dass Mittel individueller physischer Gewaltanwendung auch in modernen Staaten von Individuen und Gruppen angewendet werden, ist kaum bestreitbar; sie sind allerdings, und dies ist entscheidend, nicht legitimiert. Zusammenfassend lässt sich Politik also definieren als „Gesamtheit der Aktivitäten zur Vorbereitung und zur Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher und/oder am Gemeinwohl orientierter und der ganzen Gesellschaft zu gute kommender Entscheidungen“ (Meyer 2000: 15). 95Kulturpolitik (allgemein) 3. „Kultur“ Seit den achtziger Jahren hat der Begriff Kultur geradezu Hochkonjunktur. „Heute sieht es so aus, als hätten wir es mit einer ungeheuren Explosion des Kulturellen zu tun, die bald alle Lebensbereiche und Lebenstätigkeiten zu umgreifen scheint“, schrieb 1987 Knödler-Bunte (1987: 21) und fährt fort: „Ohne Kultur geht nichts mehr. Nicht die Organisation des eigenen Lebens und die Repräsentation der Gesellschaft, nicht dieVermittlung von Politik und der Verkauf vonWaren.Alles scheint auf jenes diffuse Medium Kultur verwiesen.“ Sowohl für ein präzis arbeitendes Kulturmanagement wie für eine seriös argumentierende Kulturpolitik kommt es allerdings wesentlich darauf an, dass ihr Gegenstandsbereich möglichst genau definiert ist. Die Kulturwissenschaft differenziert zwischen einem sog. engenKulturbegriff (wie er sich vor allem in Deutschland herausgebildet hat und dort lange Zeit bestimmend war) und einem weiten bzw. wissenschaftlichen bzw. kulturanthropologischen Kulturbegriff (wie er vor allem im angelsächsischen Bereich bestimmend ist). In Deutschland kam es aufgrund der speziellen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischenKonstellation im 18. Jahrhundert zu einer folgenreichenBegriffsverengung bzw. einer begrifflichen Gegenüberstellung der ursprünglich in eins gesetzten Bedeutungsgehalte der Begriffe Kultur und Zivilisation. So schreibt Norbert Elias 1939: „Der französische und der englischeBegriff ‘Zivilisation’kann sich auf politische oder wirtschaftliche, auf religiöse oder technische, auf moralische oder gesellschaftliche Fakten beziehen. Der deutsche Begriff ‘Kultur’ bezieht sich im Kern auf geistige, künstlerische, religiöse Fakten und er hat eine starke Tendenz, zwischen Faktoren dieser auf der einen Seite, und den politischen, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen auf der anderen, eine starke Scheidewand zu ziehen“ (Elias 1969: 2). Für Deutschland war und ist eigentümlich (und folgenreich) die „Fixierung des Kulturbegriffes auf Statisches, auf Gewordenes, auf die Produktion des Schönen, die Produktion eines autonomen Geistes. Diese Entwicklung des Kulturbegriffes in Deutschland wird funktional als Versuch zumAufbau eines politisch nicht vorhandenen nationalen Selbstbewusstseins erklärt. Kulturnation ist die Kompensation einer nicht existierenden Staatsnation; deutsche Kultur, das heißt, die sichtbaren geistigen Leistungen, soll das Wertbewusstsein stärken“ (Greverus 1978: 53). Diese Reduzierung des Kulturbegriffes auf das Wahre, Schöne, Gute wurde von Herbert Marcuse als „affirmativer Kulturbegriff“ kritisiert; darunter „sei jene der bürgerlichen Epoche angehörige Kultur verstanden, welche im Laufe ihrer eigenen Entwicklung dazu geführt hat, die geistig-seelische Welt als ein selbständiges Wertreich von der Zivilisation abzulösen und über sie zu erhöhen. Ihr entscheidender Zug ist die Behauptung einer allgemein verpflichtenden, unbedingt zu bejahenden, ewig besseren, wertvolleren Welt, welche von der tatsächlichen Welt des alltäglichen Daseinskampfes wesentlich verschieden ist, die aber jedes Individuum ‚von innen her‘, ohne jene Tatsächlichkeit zu verändern, für sich realisieren kann. Erst 96 Armin Klein in dieser Kultur gewinnen die kulturellen Tätigkeiten und Gegenstände ihre hoch über den Alltag empor gesteigerte Würde: ihre Rezeption wird zu einem Akt der Feierstunde und der Erhebung (...) Sie ist in ihren Grundzügen idealistisch. Auf die Not des isolierten Individuums antwortet sie mit der allgemeinen Menschlichkeit, auf das leibliche Elend mit der Schönheit der Seele, auf die äußere Knechtschaft mit der inneren Freiheit, auf den brutalen Egoismus mit dem Tugendreich der Pflicht“ (Marcuse 1968,I: 63 und 66). In krassem Gegensatz zu diesem stark normativ aufgeladenen Kulturbegriff steht der wissenschaftliche Kulturbegriff, wie er der Ethnologie bzw. der empirischen Kulturwissenschaft zugrunde liegt. „Der wissenschaftliche Begriff Kultur hat nicht die wertenden Obertöne, die im populären Sprachgebrauchmit ihm verbunden sind. Er meint die gesamte Lebensform einer Gesellschaft, nicht nur jene Teile, die als höherstehend oder wünschenswert gelten“ (Linton 1974: 31). Dieser weite Kulturbegriff schließt also sämtliche gesellschaftlichen Lebensäußerungen und ihre Objektivationen, d. h. ihren Niederschlag in bestimmten Verhaltensregeln, Geselligkeitsformen, Verwandtschaftsbeziehungen, Schöpfungen, Erfindungen, Kunstwerken usw. ein. In diesemSinn bedeutet Kultur, etwa bezogen auf unseren Gesellschaftsbereich, keineswegs nur die Lektüre von Goethe und Schiller, den Genuss der Musikwerke von Beethoven und Mozart, sondern ebenso auch Arbeits- und Freizeitverhalten, Alltags- und „Populärkultur“ usw. Dies bedeutet, dass „es für den Sozialwissenschaftler keine unkultivierte Gesellschaft, nicht einmal unkultivierte Individuen gibt. Jede Gesellschaft hat eine Kultur, so einfach diese auch sein mag, und jeder Mensch ist kultiviert in dem Sinne, dass er an der einen oder anderen Kultur teilhat“ (Linton 1974: 31). Die Verwendung des Begriffes „Kulturen“ in diesemZitat im Plural, der Gebrauch desWortes „einfach“, der nur im Vergleich mit anderem, „höherstehendem“, Sinn macht, verweist auf den Ursprung derWissenschaft der Ethnologie bzw.Anthropologie: die Konfrontationmit bzw. daraus resultierend der Vergleich von unterschiedlichen Kulturen. Abb. 1: Grundtypen gesellschaftlichen Handelns nach Parsons Wirtschaft Güter, Dienste Geld Kultur Deutungen, Normen, Wissen Geltung Politik Verbindliche Regelungen Macht Gesellschaft Sozialisation Solidarität 97Kulturpolitik (allgemein) Basierend auf dem weiten bzw. wissenschaftlichen Kulturbegriff analysiert der amerikanische Soziologe Talcott Parsons 1951 die unverzichtbaren Funktionsbedingungenmenschlichen Zusammenlebens.Aus der vergleichenden Betrachtung sowohl einfacher, noch wenig differenzierter Gesellschaften in der Frühzeit der Geschichte, mit den hochgradig differenzierten Gesellschaften der Gegenwart, ebenso wie aus dem Vergleich ganz unterschiedlich verfasster Gesellschaften gleicher Epochen hat Parsons vier Grundfunktionen entwickelt, die in irgendeinerWeise immer erfüllt sein müssen, damit Gesellschaften überhaupt ent- und bestehen können. Diese Grundtypen gesellschaftlichen Handelns stellen Wirtschaft, Kultur, Solidarität und Politik dar. Wirtschaftliches Handeln / Ökonomiemeint die Erzeugung vonGütern undDienstleistungen, durch die die Grundbedürfnisse des (Über-) Lebens befriedigt werden müssen. Durch wirtschaftliches Handeln, Herstellen und Tauschen, Verteilen und Reparieren und dergleichen, passt sich die Gesellschaft an die natürlichen Umstände ihrer Umwelt an und ermöglicht das physische Leben der Menschen. Die grundlegende Logik ist der Tausch, der sich imweitesten Sinne amMarkt vollzieht; das Medium des Tausches ist das Geld. Solidarisches Handeln (Familie, Gemeinschaften), also dauerhafte Lebensgemeinschaften von Erwachsenen mit Kindern vermitteln mit ihren emotionalen Energien und wechselseitigen Bindungen die Sozialisation der nachwachsenden Generationen in der Gesellschaft. Sie befriedigen in direkter, dichter emotionaler Zuwendung zugleich die wichtigen biologischen und sozialen Bedürfnisse ihrer Mitglieder und festigen auf dieser Basis die Normen, Regeln, Rollen, Erwartungen und sozialen Kompetenzen der jeweiligen Gesellschaften. DasMedium ist hier die generationenübergreifende Solidarität. Kulturelles Handeln (Kultur) kompensiert die im tierischen Zusammenleben wirkenden genetischen Steuerungsprogramme; die „instinkt-reduzierten“ Menschen sind auf den künstlichen Ersatz dessen angewiesen, was bei den Tieren die Instinktsteuerung leistet. Kultur ist somit der Inbegriff für die Gesamtheit der Leistungen, die an die Stelle der unmittelbaren Natur die Steuerung des menschlichenVerhaltens undZusammenlebens inGesellschaften setzen.Normen undWerte, Deutungen und Begründungen, Sinn, Beziehungen undWissen, Erwartungen und Erzählungen sind der Stoff, aus demOrientierung imHandeln und dieVerknüpfung der Motivationen vieler mit den gesellschaftlichen Notwendigkeiten, Zwängen und Möglichkeiten besteht. Ihr Steuerungsmedium, gleichsam die Währung für das Hervorbringen und die Geltung der kulturellen Erzeugnisse, ist Sinn. Von ihm hängt ihre Fähigkeit der wirksamen Vermittlung kulturell erzeugter Orientierungen an alle ab, die in einer Gesellschaft zusammenleben. Der Beitrag, den das kulturelle Handeln zur gesellschaftlichen Integration leistet, besteht demnach in der Erzeugung und Aufrechterhaltung der unsichtbaren Muster der Weltdeutung, der individuellen Orientierung und der kollektiven Handlungskoordination. Das Steuerungsmedium Sinn gewährleistet die Überzeugungskraft der kulturellen Leistungen im jeweiligen Bezugsrahmen historischer Epochen undGesellschaften. In ihm entstehen auch die Interpretationen und Normen, an denen sich die Legitimität politischen Handelns misst. 1. 2. 3. 98 Armin Klein Politisches Handeln (Politik) erzeugt diejenigen Regelungen des Zusammenlebens, die für die ganze Gesellschaft verbindlich gelten sollen, d. h. keine Gesellschaft kann ohne ein gewisses Maß solcher verbindlicher Regelungen bestehen. In einfachen, kaum ausdifferenzierten Gesellschaften sind es Überlieferungen über gesellschaftlicheRollen, die zu verbindlichen Entscheidungen für besonders befugte Personen über Krieg und Frieden, Leistungen für das Gemeinwesen, die Verteilung von Pflichten und Lasten oderVorrechten berechtigen. Im Falle der hochkomplexen Gesellschaften der Gegenwart sind es Gesetze, Verordnungen und Regelungen, Leistungen und öffentlicheHandlungsprogramme, die in öffentlich-rechtlich genau festgelegten Institutionen (z. B. Parlamenten) festgelegt werden. Das Medium der Politik ist Macht, denn sie allein vermag die Durchsetzung des verbindlich Gemachten zu gewährleisten. DieArt ihres Zustandekommens, ihre Legitimation, ihre Reichweite hingegen variieren von Epoche zu Epoche, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von politischem System zu politischem System. 4. Kulturpolitik Es dürfte deutlich geworden sein, dass sich Kulturpolitik nicht „an sich“ definieren lässt, sondern dass Kulturpolitik entscheidend davon abhängt, (1) welcher Kulturbegriff und (2) welcher Begriff von Politik zugrunde gelegt wird. Dies lässt sich in folgender Vier-Felder-Matrix darstellen: Aus der Kombination eines bestimmten Politikverständnisses mit einem bestimmten Kulturbegriff ergeben sich ganz unterschiedliche praktische Ausformungen der Kulturpolitik (vgl. hierzu auch den Beitrag von Klein in diesem Buch). So ließe sich das Konzept der Kulturpflege, wie es die deutsche Kulturpolitik seit dem Beginn der Bundesrepublik bis Mitte der sechziger Jahre bestimmte, als eine Kombination aus (2) und (4) definieren: eine inhaltlich weitestgehend auf die Hochkultur fixierte Kulturpolitik begriff sich nahezu ausschließlich als kommunale bzw. staatlicheKulturpolitik. Die sog.Neue Kulturpolitik seit Ende der sechziger Jahre basierte dagegen auf einem weiten Kulturbegriff und zog in viel stärkerem Masse als bis dahin üblich das Handeln gesellschaftlicher Gruppen (z. B. selbstverwaltete soziokulturelle Zentren, freie Theatergruppen usw.) in die Kulturpolitik mit ein (Felder 1 und 2). 4. (1)Weiter Kulturbegriff (2) Enger Kulturbegriff Kulturen im Plural als Sitten, Kultur als Kunst, das Wahre, Gebräuche, Lebensweisen der Schöne und Gute Menschen (3) Weiter Politikbegriff (4) Enger Politikbegriff Politik sowohl staatliches Politik ausschließlich wie gesellschaftliches staatliches Handeln Handeln 99Kulturpolitik (allgemein) Literaturhinweise Buchheim, Hans (1967): Konrad Adenauer oder was Politik ist und wie sie gemacht wird. In: Neue Rundschau, 38. Buchheim, Hans (1988): Wie der Staat existiert. In: Der Staat. Zeitschrift für Staatslehre, Öffentliches Recht und Verfassungsgeschichte 27. Buchheim, Hans (1993): Beiträge zur Ontologie der Politik, München. Elias, Norbert (1969): Der Prozess der Zivilisation (2 Bände), Frankfurt/Main. Greverus, Ina-Maria (1978): Kultur und Alltagswelt. Eine Einführung in Fragen der Kulturanthropologie, München. Klein, Armin (2009): Kulturpolitik. Eine Einführung, 3. akt. Aufl., Opladen. Knödler-Bunte, Eberhard (1987): Editorial Kulturgesellschaft. In: Themenheft „Kulturgesellschaft“ von Ästhetik und Kommunikation, 67. Linton, Ralph (1974): Gesellschaft, Kultur und Individuum. Interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Grundbegriffe, Frankfurt/Main. Marcuse, Herbert (1968): Kultur und Gesellschaft (2 Bände), Band I, Frankfurt/Main. Meyer, Thomas (2000): Was ist Politik? Opladen. Parsons, Talcott (1951): The Social System, New York. Rohe, Karl (1986): Politikbegriffe. In: WolfgangW. Mickel (Hrsg.): Handlexikon zur Politikwissenschaft, Bonn. Weber, Max (1956): Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen. Weber, Max (1992, erstmals 1919): Politik als Beruf, Stuttgart.

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References

Zusammenfassung

Das Handbuch zum Kulturmanagement.

Das Kompendium Kulturmanagement

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Die wichtigen Kernthemen zum Kulturmanagement

* Kulturmanagement – Einführung

* Kultursponsoring und Kulturökonomik

* Managementtechniken

* Öffentlichkeitsarbeit

* Rechnungslegung

* Kulturpolitik und Kulturmarketing

* Projektmanagement

* Fundraising

* Öffentliche Zuwendungen

* Recht und Rechtsform

* Controlling

* Kosten- und Leistungsrechnung

* Vertrags- und Arbeitsrecht

* Kulturtourismus und Kulturentwicklungsplanung