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B. Geschäfts- oder Firmenwert in:

Gerhard Scherrer

Rechnungslegung nach neuem HGB, page 96 - 104

Eine anwendungsorientierte Darstellung mit zahlreichen Beispielen

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3787-4, ISBN online: 978-3-8006-3917-5, https://doi.org/10.15358/9783800639175_96

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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B. Geschäfts- oder Firmenwert I. Definition und Nachweis eines Geschäfts- oder Firmenwertes 1. Definition des Geschäfts- oder Firmenwertes Bei der Definition des Begriffs "Geschäfts- oder Firmenwert" ist mit Blick auf die Bilanzierung zwischen der theoretischen und der gesetzlichen Umschreibung zu unterscheiden, da die Definitionen unterschiedlich sind und i .d.R. im Zusam menhang mit der Bilanzierung nur auf eine der Definitionen abgestellt werden. Aus theoretischer Sicht ist der Geschäfts- oder Firmenwert beim Erwerb eines Unternehmens der Betrag, um den der Ertragswert des zu erwerbenden Unter nehmens die Summe der diskontierten, erwarteten zukünftigen Einzahlungsüber schüsse, die Summe der Zeitwerte der aktivierten Vermögensgegenstände ver mindert um die Summe der Schulden übersteigt. Bei Abstellen auf diese Begriffsfassung verlangt der Nachweis des Vorliegens und die Bestimmung der Höhe eines Geschäfts- oder Firmenwertes sowohl eine Unternehmensbewertung auf der Grundlage des Ertragswertes als auch eine Er mittlung der Zeitwerte aller Vermögensgegenstände und Schulden zum Mess zeitpunkt unabhängig davon, ob sie in der Bilanz des zu veräußernden Unter nehmens angesetzt sind. Der handelsrechtliehe Begriff interpretiert den entgeltlich erworbenen Ge schäfts- oder Firmenwert als einen Unterschiedsbetrag im Sinn einer Mehrzah lung des erwerbenden Unternehmens in Höhe der Differenz zwischen Zahlung und Nettovermögen des übernommenen Unternehmens bewertet zum beizule genden Zeitwert. Auf dieser Ebene ist nicht feststellbar, ob der entgeltlich erwor bene Geschäfts- oder Firmenwert fur das erwerbende Unternehmen einen positi ven oder negativen Wert darstellt. Alle Überzahlungen durch das erwerbende Unternehmen fuhren zu einem derivativen Geschäfts- oder Firmenwert. Hat der entgeltlich erworbene Geschäfts- oder Firmenwert keinen positiven Wert, kann er entgegen der Neuregelung des § 246 Abs . 1 Satz 4 HGB, nach dem der entgeltlich erworbene Geschäfts- oder Firmenwert als zeitlich begrenzt nutz barer Vermögensgegenstand gilt, kein Vermögensgegenstand sein. Die Vermö gensgegenstandseigenschaft setzt eine (positiven) Werthaltigkeit voraus. Nach der Neufassung des § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB durch das BilMoG ist der entgeltlich erworbene Geschäfts- oder Firmenwert der Unterschiedsbetrag, um den die fur die Übernahme des erwerbenden Unternehmens bewirkte Gegenleis tung den Wert der einzelnen Vermögensgegenstände abzüglich der Schulden des Veräußerungsunternehmens im Zeitpunkt der Übernahme übersteigt. B. Geschäfts- oder Firmenwert 2. Nachweis eines Geschäfts- oder Formenwertes 59 Der Nachweis des Vorliegens eines entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Fir menwertes nach der Neufassung des § 246 HGB Abs . 1 Satz 4 HGB durch das BilMoG verlangt sowohl die Ermittlung der Höhe der Gegenleistung des erwer benden Unternehmens als auch die Ermittlung der beizulegenden Zeitwerte der Vermögensgegenstände abzüglich der Schulden des veräußernden Unterneh mens. Auf die Gründe für die höhere Gegenleistung durch das erwerbende Un ternehmen kommt es dabei nicht an. 11. Ansatzpflicht des Geschäfts- oder Firmenwertes Mit § 246 Abs. 1 Satz 4 zur Eigenschaft des entgeltlich erworbenen Geschäfts oder Firmenwertes ist mit dem BilMoG das bisherige Ansatzwahlrecht nach § 255 Abs. 4 Satz 1 HGB aufgehoben worden. Es besteht für den entgeltlich er worbenen Geschäfts- oder Firmenwert schon mit Blick auf die begrenzt nutzbare Vermögensgegenstandeigenschaft Ansatzpflicht. Notwendig ist das Vorliegen der Voraussetzungen für die Aktivierung eines Geschäfts- oder Firmenwertes als begrenzt nutzbarer Vermögensgegenstand. Hierzu bedarf es der folgenden Vor aussetzungen: • Es muss sich um die Übernahme eines Unternehmens handeln; und • der Wert der von dem Erwerber erbrachten Gegenleistung muss im Zeitpunkt der Übernahme höher sein als der von dem Veräußerer erbrachten Leistung in Form des beizulegenden Zeitwertes des übertragenen Nettovermögens, d.h. der Summe Vermögensgegenstände abzüglich der Schulden. Im Einzelnen stellen sich die Voraussetzungen für den Ansatz eines entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes in der Bilanz des erwerbenden Unter nehmens wie im Folgenden angeführt dar. 1 . Übernahme eines Unternehmens Der Begriff "Unternehmen" wird in § 246 Abs . 1 HGB ebenso wenig wie an anderer Stelle des HGB definiert. Generell gilt, dass der Begriff "Unternehmen" entsprechend dem Zweck der jeweiligen Vorschrift auszulegen ist. Die h.M. ver tritt den sogenannten funktionalen Unternehmensbegriff. Danach ist eine wirt schaftliche Einheit dann als Unternehmen anzusehen, wenn sie selbständiger Träger unternehmerischer Planungs- und Entscheidungsgewalt ist und nach au ßen durch die Teilnahme am Wirtschaftsverkehr in Erscheinung tritt. Unternehmen im Sinn des § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB können darüber hinaus Teile eines Unternehmens, z.B . ein Werke, eine Betriebsabteilungen oder eine Filiale sein, sofern die angeführten Voraussetzungen vorliegen. Die Unternehmensei genschaft kann trotz fehlender rechtlicher Selbständigkeit der einzelnen Teile eines Unternehmens vorliegen. Maßgeblich ist, dass die rechtlich unselbständi gen Teile nicht nur einzelne Vermögensgegenstände des Anlage- oder Umlauf vermögen, z.B . Grundstücke, Maschinen oder kurzfristig zu veräußernde Ver- 60 Zweiter Teil: Bilanzierung der Gegenstände des Anlagevermögens mögensgegenstände darstellen. Nach h.M. muss unabhängig von der Art der Un ternehmensteile die Sachgesamtheit über eine interne Organisation verfügen und selbständig am Wirtschaftsverkehr teilnehmen. Die Übernahme eines Unternehmens im Sinn des § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB liegt nicht vor beim Erwerb von Anteilen (Beteiligungen) an einem Unternehmen. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um den Erwerb von Anteilen an einer Kapitalgesellschaft oder an einer Personenhandelsgesellschaft handelt. Ohne Be deutung ist darüber hinaus, ob sämtlicher oder einzelne Anteile an einem Unter nehmen erworben werden. 2. Zu erbringende Gegenleistung Nach § 246 Abs . 1 Satz 4 HGB gilt der Unterschiedsbetrag, um den die für die Übernahme eines Unternehmens bewirkte Gegenleistung den Wert der einzelnen Vermögensgegenstände des Unternehmens abzüglich der Schulden im Zeitpunkt der Übernahme übersteigt, (entgeltlich erworbener Geschäfts- oder Firmenwert), als zeitlich begrenzt nutzbarer Vermögensgegenstand. D .h. der entgeltlich erwor bene Geschäfts- oder Firmenwert ist der Unterschiedsbetrag (Restgröße) zwi schen der von dem übernehmenden Unternehmen erbrachten Gegenleistung und der von dem übernommenen Unternehmen erbrachten Leistung in Form der ein zelnen Vermögensgegenstände abzüglich der Schulden im Zeitpunkt der Über nahme. Daraus folgt, dass die von dem übernehmenden Unternehmen erbrachte Gegen leistung in den Anschaffungskosten für den Erwerb des übernommenen Unter nehmens besteht Die Anschaffungskosten setzen sich aus dem Kaufpreis zuzüg lich der Anschaffungsnebenkosten abzüglich u.U. vereinbarter Anschaffungs preisminderungen zusammen. Sonderfälle der Bestimmung der Anschaffungskosten liegen u.a. vor bei der Hin gabe von Sachen oder bei Tausch. Die Anschaffungskosten bestimmen sich in diesen Fällen nach den für die entsprechende Art der Gegenleistung des erwer benden Unternehmens getroffenen Vereinbarungen zwischen Erwerber und Ve räußerer, z.B. durch Vereinbarung einer Festlegung von beizulegenden Zeitwer ten der hingegebenen Sachen und Rechte. Die auf das übernehmenden Unternehmen zufließenden VermögelJlsgegenstände sind alle übertragenen Sachen und Rechte, soweit sie aktivierungsfähig sind. Hierzu kommen die bei dem übertragenden Unternehmen nicht aktivierten Ver mögensgegenstände, z.B . selbst geschaffene Immaterielle Vermögensgegenstän de des Anlagevermögens. Zu den auf das übernehmende Unternehmen übertra genen Positionen rechnen: • Passive oder aktive Rechnungsabgrenzungsposten, soweit ihnen Zahlun gen zugrunde liegen, die das übernehmende Unternehmen in der Zukunft be lasten, z.B . vereinnahmte Mieten oder Pachten, bei denen die zu erbringende Gegenleistung noch aussteht, bzw. entlasten, z.B . , wenn Mieten und Pachten geleistet worden sind und die Inanspruchnahme noch aussteht. B. Geschäfts- oder Firmenwert 6 1 • Übernommene Schulden bei der Übernahme eines Unternehmens als Ver bindlichkeiten und Rückstellungen. Sie sind beim Erwerber unabhängig da von anzusetzen, ob sie in der Bilanz des erworbenen Unternehmens passi viert sind. Dies gilt z.B . rur Pensionsverpflichtungen, die in Ausübung des Ansatzwahlrechts nach Art. 28 Abs. 1 EGHGB nicht passiviert sind. Sie sind als Schulden in die Ermittlung der von dem empfangenen Unternehmen er brachten Leistungen einzubeziehen. Die Bewertung der übernommenen Vermögensgegenstände und Schulden erfolgt mit dem beizulegenden Zeitwert zum Zeitpunkt der Übernahme. Die beizule genden Zeitwerte der einzelnen Vermögensgegenstände und Schulden sind aus Sicht des übernehmenden Unternehmens zu bestimmen. Für die Wertbestim mung der übernommenen Vermögensgegenstände kommt es nicht auf die Ver wendung in dem übertragenden Unternehmen, sondern auf die Verwendung in dem übernehmenden Unternehmen an. Bei Gegenüberstellung der erbrachten Gegenleistung des übernehmenden Unter nehmens und der erbrachten Leistung des übertragenden Unternehmens sind die im Folgenden angeruhrten Fälle der Wertunterschiede von Gegenleistung und Leistung zu unterscheiden: • Die von dem übernehmenden Unternehmen erbrachte Gegenleistung ist hö her, als die von dem übertragenden Unternehmen in Form des Nettovermö gens zu beizulegenden Zeitwerten zum Zeitpunkt der Übernahme erbrachte Leistung. In Höhe eines positiven Differenzbetrages entsteht ein Geschäfts oder Firmenwert. • Die von dem übernehmenden Unternehmen erbrachte Gegenleistung ist gleich der von dem übertragenden Unternehmen in Form der Übertragung des Nettovermögens zu beizulegenden Zeitwerten zum Zeitpunkt der Über nahme erbrachte Leistung. Es entsteht weder ein positiver noch ein negati ver Geschäfts- oder Firmenwert. • Die von dem übernehmenden Unternehmen erbrachte Gegenleistung ist ge ringer, als die von dem übertragenden Unternehmen in Form des Nettover mögens zu beizulegenden Zeitwerten zum Zeitpunkt der Übernahme erbrach te Leistung. In Höhe des negativen Differenzbetrags entsteht ein negativer Unterschiedsbetrag bzw. negativer Geschäfts- oder Firmenwert. Die dritte Alternative mit dem Ansatz eines negativen Geschäfts- oder Firmen wertes sieht das Gesetz nicht vor. Im Rahmen des BilMoG wurde das Problem des negativen Unterschiedsbetrags nicht behandelt, so dass die Behandlung des Postens weiterhin ohne gesetzliche Grundlage behandelt werden muss. Der An satz eines negativen Vermögensgegenstandes ist nach h.M. unzulässig. Entsteht ein passiver Unterschiedsbetrag, ist dieser bei Aufnahme in die Bilanz aufzulö sen. Die vorzunehmende Wertauflösung erfolgt durch Wertherabsetzung der nicht monetären Aktivposten. Dies gilt rur immaterielle Vermögensgegenstände, Sachanlagen, Finanzanlagen soweit sie nicht monetär sind sowie rur alle Arten von Vorräten und von nicht monetären Wertpapiere des Umlaufvermögens. 62 Zweiter Teil: Bilanzierung der Gegenstände des Anlagevermögens Im Sonderfall ist es möglich, dass nach der Bewertung der Vermögensgegens tände und Schulden des übernommenen Unternehmens zu beizulegenden Zeit werten ein passiver Differenzbetrag auch dann verbleibt, wenn die Wertminde rungen der nicht nominalen Aktivposten gegen null geht, d.h., dass nicht genü gend abwertbare Aktiva vorhanden sind. Als Alternativen stellen sich in diesem Fall der erfolgswirksame Ansatz der Differenz als sonstiger betrieblicher Ertrag oder der erfolgsneutrale Ansatz der Differenz als negativer Geschäfts- oder Fir menwert. Da Erwerbsvorgänge grundsätzlich erfolgsneutral zu behandeln sind, bestehen in diesem Sonderfall die Lösung des Ansatzes eines passiven Unter schiedsbetrages die erfolgsneutrale Einstellung in die Rücklagen. III. Ausweis des Geschäfts- oder Firmenwertes Der entgeltlich erworbene Geschäfts- oder Firmenwert als Unterschiedsbetrag, um den die :fur die Übernahme eines Unternehmens bewirkte Gegenleistung den Wert der einzelnen Vermögensgegenstände des übertragenen Unternehmens ab züglich der Schulden im Zeitpunkt der Übernahme übersteigt, gilt nach § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB als bei dem erwerbenden Unternehmen zeitlich begrenzt nutzbarer Vermögensgegenstand. Der zeitlich begrenzt nutzbare Vermögens ge genstand ist nach § 266 Abs . 2 A. I. HGB in der Bilanz innerhalb der Immateriel len Vermögensgegenstände des Anlagevermögens unter dem Posten "Ge schäfts- oder Firmenwert" auszuweisen. Liegen bei dem erwerbenden Unternehmen aus dem Erwerb mehrerer Unterneh men auch mehrere Geschäfts- oder Firmenwerte als Unterschiedsbeträge vor, sind diese in der Bilanz des erwerbenden Unternehmens nach § 266 Abs . 2 A. I . HGB unter dem Posten "Geschäfts- oder Firmenwert" zusammenzufassen. IV. Bewertung des Geschäfts- oder Firmenwertes Mit der Zuordnung der Eigenschaft des Geschäfts- oder Firmenwertes als Ver mögensgegenstand durch den mit dem BilMoG neu gefassten § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB gelten bezüglich der Bewertung :fur den entgeltlich erworbenen Ge schäfts- oder Firmenwert die Vorschriften der Zugangs- und Folgebewertung des neu gefassten § 253 HGB. 1 . Zugangsbewertung Für die Bestimmung des Zugangswertes eines Geschäfts- oder Firmenwertes gilt § 253 Abs. 1 Satz 1 HGB. Danach entspricht der Zugangswert des entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes den Anschaffungskosten. Nach § 246 Abs. 1 HGB werden die Anschaffungskosten abweichend von deren üblichen Ermittlung durch den aktiven Unterschieds betrag bestimmt. Er besteht in der positiven Differenz zwischen der :fur die Übernahme des Unter nehmens von dem Erwerber erbrachte Gegenleistung einerseits abzüglich der B. Geschäfts- oder Firmenwert 63 von dem Veräußerer bewirkten Leistung als Summe der zu den beizulegenden Zeitwerten der übernommenen Vermögensgegenstände des erworbenen Unter nehmens abzüglich der Summe der übernommenen Schulden im Zeitpunkt der Übernahme andererseits . Die Anschaffungskosten entsprechen damit dem Un terschiedsbetrag als einer Restgröße des den entgeltlich erworbenen Geschäfts oder Firmenwertes . 2. Folgebewertung Der entgeltlich erworbene Geschäfts- oder Firmenwert als zeitlich begrenzt nutz barer Vermögensgegenstand ist nach § 253 HGB entsprechend den Regeln rur die Folgebewertung von abnutzbaren Vermögensgegenständen des Anlagever mögens planmäßig über die prognostizierte Nutzungsdauer, oder bei Vorliegen der Tatbestandsvoraussetzungen außerplanmäßig abzuschreiben. a) Planmäßige Abschreibungen Die planmäßige Abschreibung des Geschäfts- oder Firmenwertes verlangt die Aufstellung eines Abschreibungsplanes, die Schätzung der voraussichtlichen Nutzungsdauer und die F estlegung einer Abschreibungsmethode. Der planmäßigen Abschreibung ist nach dem RegE (BT-Drucks. 1 61 1 0067) zum BilMoG die individuelle betriebliche Nutzungsdauer des erworbenen Ge schäfts- oder Firmenwertes, wie sie sich von der Geschäftsruhrung im Zeitpunkt der Aktivierung des Geschäfts- oder Firmenwertes voraussehen lässt, zugrunde zu leben. Pauschalabschreibungen, wie sie bisher als Wahlrecht galten und wie sie in der Bilanzrichtlinie Art. 37 Abs. 2 Satz 2 i .V.m. Art. 34 Abs. 1 Buchst. a vorgegeben sind, sollen zugunsten der individuell zu bestimmenden Nutzungs dauer aufgegeben werden. Als Anhaltspunkte für die Schätzung der individuellen betrieblichen Nut zungs-dauer des Geschäfts- oder Firmenwertes werden im RegE (BT-Drucks. 1 61 1 0067, S . 4 8) angegeben : • Die Art und die voraussichtliche Bestandsdauer des erworbenen Unterneh mens. • Sie Stabilität und Bestandsdauer der Branche des erworbenen Unternehmens. • Der Lebenszyklus der Produkte des erworbenen Unternehmens . • Die Auswirkungen von Veränderungen der Absatz- und Beschaffungsmärkte sowie der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf das erworbene Unter nehmen. • Der Umfang der Erhaltungsaufwendungen, die erforderlich sind, um den er warteten ökonomischen Nutzen des erworbenen Unternehmens zu realisie ren. • Die Laufzeit wichtiger Absatz- oder Beschaffungsverträge des erworbenen Unternehmens . 64 Zweiter Teil: Bilanzierung der Gegenstände des Anlagevermögens • Die voraussichtliche Tätigkeit von wichtigen Mitarbeitern oder Mitarbeiter gruppen fiir das erworbene Unternehmen. • Das erwartete Verhalten potentieller Wettbewerber des erworbenen Unter nehmens. • Die geplante oder voraussichtliche Dauer der Beherrschung des erworbenen Unternehmens. Wenngleich die angefiihrten Sachverhalte zur Schätzung der individuellen be trieblichen Nutzungsdauer- und Wertbestimmung des entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes jeweils einzeln von Bedeutung sein können, ist fraglich, wie aus der Einzelangabe und der Summe der vorgegebenen Angaben eine numerische Nutzungsdauer und eine angemessene Abschreibungsme thode des entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes bestimmt wer den kann. Die obige Auflistung zeigt in keiner Weise, wie stark die einzelnen Sachverhalte gewichtet werden sollen und wie aus einer numerisch nicht be stimmbaren Größe die individuelle betriebliche Nutzungsdauer eines Geschäfts oder Firmenwertes bestimmt werden kann. Wie im RegE (BT-Drucks 1 61 1 0067) angefiihrt, steht die planmäßige Abschrei bung des Geschäfts- oder Firmenwertes über die geschätzte betriebliche Nut zungsdauer im Einklang mit der Bilanzrichtlinie. Allerdings sieht letztere vor, dass der Geschäfts- oder Firmenwert innerhalb von fünf Jahren abzuschreiben ist. Dieser Regelung schließt sich das Abschreibungskonzept des BilMoG inso weit an, als die planmäßige Abschreibung des Geschäfts- oder Firmenwertes bei Überschreitung der Fünfjahresfrist zu rechtfertigen ist. Entsprechend verlangt § 285 Nr. 1 3 HGB die Anfiihrung der Gründe fiir die Annahme einer längeren (mehr als fiinf Jahre) betrieblichen Nutzungsdauer eines entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes. Die planmäßige Abschreibung des Geschäfts- oder Firmenwertes über die fünf Jahre hinaus kann gestattet werden, sofern die von dem Unternehmen festgeleg te individuelle Nutzungsdauer nicht überschritten wird und dies im Anhang an gegeben und begründet wird. Die Regelung ist nicht unproblematisch, da man i .d.R. die Nutzungsdauer eines Geschäfts- oder Firmenwertes nur sehr schwer bestimmen kann und die individuelle Nutzungsdauer sich stark auf die Bewer tungspolitik eines Unternehmens auswirken kann. Eine Abschreibungsmethode fiir den entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwert schreibt § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB, wie angefiihrt, nicht vor. Daraus kann abgeleistet werden, dass auf die Abschreibung eines entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes alle Abschreibungsmethoden zulässig sind, die nach den Erwartungen der Geschäftsleitung eines Unternehmens im Wesentli chen die Wertminderung abbilden. Dazu zählt neben der linearen vor allem die degressive Abschreibungsmethode. Nicht explizit geregelt ist der Beginn der planmäßigen Abschreibung des ent geltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes . Bei Anwendung der allge meinen Regeln zur Abschreibung von Anlagegegenständen ist die planmäßige Abschreibung des Geschäfts- oder Firmenwertes auf die Geschäftsjahre zu ver- B. Geschäfts- oder Firmenwert 65 teilen, in denen er voraussichtlich genutzt wird. Daraus folgt, dass die planmäßi ge Abschreibung des entgeltlich erworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes im Geschäftsjahr des Zugangs der erworbenen Vermögensgegenstände und der ü bertragenen Schulden zu beginnen hat. b) Außerplanmäßige Abschreibungen Eine außerplanmäßige Abschreibung ist nach § 253 Abs . 3 Satz 3 HGB vorzu nehmen, wenn der im Rahmen der Übernahme des anderen Unternehmens bei dem erwerbenden Unternehmen angesetzte Geschäfts- oder Firmenwert unter den Betrag gesunken ist, der sich bei Vornahme der planmäßigen Abschreibung ergeben hat. Die Ursachen rur Wertminderung können in unterschiedlichen öko nomischen Bereichen und in Fehleinschätzungen der Geschäftsruhrung liegen. Die im Schrifttum angeführten Sachverhalte rur die Vornahme außerplanmäßiger Abschreibungen können einzelne der im RegE vorgetragenen Ursachen von Wertminderungen oder im Schrifttum vorgetragene Sachverhalte, wie Fehlein schätzungen, Markteinbruch mit gesunkenem Absatz, Umsatz und gesunkener Rentabilität sein, die bei entgeltlich erworbenem Geschäfts- oder Firmenwert zu Wertminderungen ruhren. Dies sind nur Fälle aus einer Vielzahl von Sachverhal ten, die zu einer Wertminderung des Geschäfts- oder Firmenwertes ruhren. Kon zeptionell kann man darauf mit mehreren Arten von Abschreibungen reagieren. Neben der angenommenen Verkürung der Nutzungsdauer, der Änderung der Ab schreibungsmethode bei planmäßiger Abschreibung kann die Vornahme einer außerplanmäßigen Abschreibung zur Wertanpassung erfolgen. Beispiel 02 : Übernahme eines Unternehmens mit Geschäfts- oder Firmenwert Die größere A AG hat zum 3 1 . 1 2 . 1 0 das Unternehmen B bei einem Kaufpreis von 75 Mil!. € durch Übernahme aller Vermögensgegenstände und Schulden des Unternehmens B erworben. Die Übernahme wurde durch einen langfristigen Kredit der Hausbank der A AG finanziert. Die Bilanz der A AG zum 3 1 . 1 2 . 1 0 vor Übernahme des Unternehmens B stellt sich wie folgt dar (alle folgenden Beträge in Tsd. €) : Aktiva Sachanlagen Finanzanlagen Vorräte Forderungen Bilanz A AG zum 3 1 . 1 2 . 1 0 1 20.000 280.000 60.000 1 20.000 5 80.000 Gezeichnetes Kapital Kapitalrücklage Gewinnrücklagen Jahresüberschuss Verbindlichkeiten Passiva 50.000 90.000 1 00.000 24.000 3 1 6.000 580.000 66 Zweiter Teil: Bilanzierung der Gegenstände des Anlagevermögens Die Bilanz des Unternehmens B zum 3 1 . 1 2 . 1 0 stellt sich wie folgt dar: Aktiva Bilanz B zum 3 1 . 1 2. 1 0 Sachanlagen 1 00.000 Gezeichnetes Kapital Finanzanlagen 50.000 Kapitalrücklage Vorräte 36.000 Gewinnrücklagen Forderungen 40.000 Jahresüberschuss Bank 20.000 Rückstellungen Kasse 1 4.000 Verbindlichkeiten 260.000 Passiva 1 0 .000 24.000 1 0 .000 6.000 54.000 1 56.000 260.000 Zur Übernahme der Vermögensgegenstände und Schulden des Unternehmens B stehen weiter hin die folgenden Informationen bezüglich relevanter Ansatz- und Bewertungsprobleme zum 3 1 . 1 2. 1 0 außerhalb der HGB-Bilanz zur Verfügung: o Augrund des Aktivierungswahlrechts des § 248 Abs. 2 HGB sind selbst erstellte immate rielle Vermögens gegenstände mit Herstellungskosten von 3 . 000 und einem Zeitwert von 1 0.000 nicht aktiviert. o Die Finanzanlagen haben einen Marktwert von 70.000. o Die Vorräte enthalten stille Reserven von 4.000. o Pensionszusagen von 24.000 sind gern. Art. 28 EGHGB nicht passiviert. 1 . Es ist die Bilanz des Unternehmens B zum 3 1 . 1 2. 1 0 um die nicht angesetzten Vermögens gegenstände und Schulden zu ergänzen. 2 . Durch Gegenüberstellung von erbrachter und empfangener Leistung der A AG ist der Ge schäfts- oder Firmenwert der Transaktion zu ermitteln und die Bilanz der A AG zum 3 1 . 12 . 1 0 um die Transaktion des Unternehmenskaufs zu ergänzen. 3 . E s sind die alternativen bilanziellen Behandlungen des Geschäfts- oder lFirmenwertes der Transaktion mit bzw. ohne Ansatz aufzuzeigen. 4 . Angenommen, der Kaufpreis der Unternehmens betrage bei sonst gleichen Daten des Un ternehmens B bei einem lucky buy der A AG lediglich 50 Mill. €. Es ist festzustellen, wie sich die bereinigte Bilanz der A AG zum 3 1 . 12 . 1 0 darstellt.

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Zusammenfassung

Dieses Werk ist als Lehrbuch und Nachschlagewerk konzipiert. Es beinhaltet eine umfassende und problembezogene Darstellung der Konzernrechnungslegung. Hierzu werden die Ausführungen durch eine Vielzahl von Beispielen vor allem im Bereich der Konsolidierung mit vorgeschlagenen Lösungen ergänzt. Die Interpretationen der Vorschriften des HGB zur Konzernrechnungslegung werden durch die Aufnahme der Regelungen der einschlägigen internationalen Standards ergänzt.

Aus dem Inhalt:

- Grundsätze der Konzernrechnungslegung nach HGB

- Ansatz und Bewertung von Bilanzposten

- Voll- und Quotenkonsolidierung

- Equity-Bewertung assoziierter Unternehmen

- Konzern-Kapitalflussrechnung und Konzern-Segmentberichterstattung

- Konzern-Eigenkapitalspiegel

- Konzernanhang und Konzernanlagebericht

Dieses Handbuch wendet sich an Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bereich der externen Rechnungslegung, an Praktiker im Rechnungswesen, an Wirtschaftsprüfer und an Examenskandidaten für die Prüfung zum Wirtschaftsprüfer.

Der Autor:

Prof. Dr. Gerhard Scherrer war bis zu seiner Emeritierung ordentlicher Professor an der Universität Regensburg und Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Financial Accounting and Auditing. Darüber hinaus war er mehrere Jahre Vorsitzender der Kommission Rechnungswesen im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft und Mitglied im Prüfungsausschuss für die Prüfungen von Wirtschaftsprüfern.