Thomas Alexander Szlezák, Myles Burnyeat, Michael Frede: The Pseudo-Platonic Seventh Letter. in:

Gnomon, page 311 - 323

GNO, Volume 89 (2017), Issue 4, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2017-4-311

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C.H.BECK, München
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Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 311 Myles Burnyeat, Michael Frede: The Pseudo-Platonic Seventh Letter. Edited by Dominic Scott. Oxford UP 2015. XV, 224 S. ‘The Pseudo-Platonic Seventh Letter’ entstand aus einem Seminar, das die beiden Autoren 2001 gemeinsam in Oxford hielten. Doch ging daraus keine in sich geschlossene Arbeit hervor, vielmehr stehen zwei kleinere Abhandlungen unverbunden neben einander: Keiner der beiden Autoren baut auf den Ergebnissen des anderen auf, keiner zitiert auch nur den anderen. Bei der einzigen Frage, die beide berühren, der Frage nach der politischen Zielsetzung, die der Brief Platon zuschreibt, beziehen sie gegensätzliche Standpunkte (s.u.). Beide Arbeiten sind in sich wiederum zweigeteilt: in ‘Seminar 1–3’ (3–40) versucht Frede, durch Betrachtung der antiken Briefcorpora von Philosophen den Nachweis zu führen, daß nichts, was vor den Epikur-Briefen zu datieren wäre, echt sein könne, in ‘Seminar 4–5’ (41–65, mit einer Zweitfassung in der ‘Appendix’ 67–84) bestimmt er die Errichtung des Idealstaates als das Ziel, das der Brief Platon zuschreibe, um dann zu argumentieren, daß Platon solch ein Ziel unmöglich anvisiert haben könne, noch dazu mit philosophisch gänzlich inkompetenten Akteuren wie Dion und Dionysios II.; Burnyeat bespricht zunächst auf knappem Raum (121–133) den philosophischen Exkurs, dann holt er zu einer ‘literary analysis’ des Briefes insgesamt aus (135–192), die ihn als «a work of imaginative literature» erweisen soll, ein Werk, dem er spöttisch den barockisierenden Titel «THE TRAGICK TALE OF PLATO´S ADVENTURES IN SICILIE» gibt (137). Abgeschlossen wird die Arbeit durch eine kurze Appendix über ‘Verbal repetitiveness in Epistle VII’ (193–195). Was vorliegt, sind demnach vier gedanklich von einander unabhängige Anläufe, die Unechtheit des Siebten Briefes zu ‘beweisen’. Manche werden die methodische Vielfalt begrüßen, andere werden den Mangel an Zusammenhang und Geschlossenheit wahrnehmen, den auch die umfangreiche editorische Tätigkeit von D. Scott (insgesamt 68 Seiten: ‘Editor’s Introduction’, ‘Editor’s guide’ und ‘Endnotes’ [zusammen mit C. Atack] zum Beitrag von Frede, gemeinsame Bibliographie und ‘General Index’ zu beiden Essays) nicht ausgleichen kann. (1) In ‘Seminar 1’ gibt Frede (F.) eine Liste von elf Briefcorpora, die unter den Namen von Philosophen überliefert sind. Alle sind unbezweifelbar unecht, nur bei Platon setzt F. ein vorläufiges Fragezeichen. Aus diesen Briefsammlungen greift F. die 17 Briefe des Chion von Herakleia heraus (8 ff), die in Form eines Briefromans Platon von dem Vorwurf befreien wollen, verantwortlich zu sein für die Machtergreifung seines Schülers Klearchos, der sich als besonders grausamer Tyrann erwies. Die Chion-Briefe wollen die Philosophie exkulpieren, indem sie Klearchos vor allem als Schüler des Isokrates hinstellen. Neue konkrete Ergebnisse, die den Briefroman besser verstehen lassen würden, hat F. nicht anzubieten. Statt dessen formuliert er ganz allgemein: Da alle Sammlungen von Philosophen-Briefen unecht sind, «eo ipso Plato’s letters are suspect» (11), zumal sie, falls echt, 60–70 Jahre vor den frühesten echten Philosophen-Briefen, nämlich denen Epikurs, liegen würden. In ‘Seminar 2’ lehrt F., daß Platons Briefe, die es sicher gab, nicht erhalten bleiben konnten, weil Platon keinen Sekretär hatte, der Kopien seiner Briefe hätte anfertigen können, und weil die Empfänger Platons Briefe aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aufbewahrten. Platons Briefe zu sammeln wäre vollends GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 312 unmöglich gewesen (15). Von den 13 Briefen in der 9. Tetralogie des Thrasyllos wird der an Archytas gerichtete Zwölfte Brief genauer behandelt (18–24). Er muß zusammen mit dem Brief des Archytas, den Diogenes Laertios 8.80 erwähnt, ein Briefpaar gebildet haben, das die Authentizität der pseudopythagoreischen Schrift des Ocellus Lucanus beglaubigen sollte (was schon Zeller wußte). Dies weist auf die 2. Hälfte des 2. Jh., während die frühesten Erwähnungen von Platon-Briefen ins 1. Jh. v. Chr. fallen. Der Gegenstand von ‘Seminar 3’ ist der Brief des Speusippos an Philipp II. von Makedonien (Brief XXX der Sokrates- und Sokratiker-Briefe = Speusippos fr. 156 Isnardi-Parente). Er wurde von bedeutenden Gelehrten für echt gehalten, unter ihnen E. Bickermann, I. Sykutris, A. Momigliano, Ph. Merlan und N. Hammond. Auch die neueste kommentierte Ausgabe (A.F. Natoli, Hermes Einzelschriften, 2004) betrachtet ihn als authentisch. Nach diesem Brief habe Platon die Herrschaft des Philippos ermöglicht. Dies führt hinüber zum 5. platonischen Brief, in dem ein Euphraios dem Perdikkas als überaus nützlicher Helfer empfohlen wird. Die zum Verständnis der Zusammenhänge noch fehlenden Angaben liefert Brief XXXI der Sokratiker-Briefsammlung. So ergibt sich für F. ein «network» zwischen diesen drei Briefen, von denen zwei (Plat. Epist. 5 und Epist. XXXI Socratis et Socraticorum) mit Sicherheit unecht sind. Daher die Frage: «What about Ep. XXX?» (33). An dieser Stelle folgt eine kurze Reflexion über «the burden of proof in the case of letters». F. konstatiert: «we have to have fairly strong positive reasons to think that a letter is genuine, especially if it is supposed to be a fourth-century letter or earlier» (33). Die Sammlung, in der der Brief des Speusippos an Philipp überliefert ist, besteht aus lauter anerkannt unechten Briefen, was an weiteren Texten ausgeführt wird. Der Brief steht also «in bad company» (38), zugleich ist er «something like a parallel to Plato’s Ep. VII». Die Parallelität sieht F. im Umfang (beide seien «remarkably long», 28), im Stil (beide gut geschrieben) und in der Stellung als einziger (vermeintlich) echter Brief unter unzweifelhaft unechten. (2) Erst die Seminare 4 und 5 wenden sich dem Siebten Brief zu. Ziel von Platons Reisen nach Syrakus war nach dem Brief die Errichtung eines Idealstaates «along the lines of the state of the Republic» (59 u.ö.), mit einem oder mehreren Philosophen an der Spitze. Der Idealstaat war anvisiert 366, 361 und 354 v. Chr. F. will die Unechtheit des Briefes schlüssig erweisen durch den doppelten Nachweis, daß (a) Platon zur Zeit, in der der Brief geschrieben sein will, nicht geglaubt haben kann, daß solch ein Staat die Lösung sein könne, und (b) daß selbst im Fall, daß er das glaubte, er nicht angenommen haben kann, daß Syrakus die Möglichkeit bot, den Idealstaat zu errichten (43). Neben der Orientierung am Philosophenkönigssatz der Politeia (Pol. 473 d ~ Epist. VII 326 ab), will der Autor offenbar auch die Nomoi berücksichtigen (56). Der Staat der Nomoi wird nicht von Philosophen regiert, vielmehr wird hier der zweitbeste Staat konstruiert, weil es Menschen, die den hohen Anforderungen, die an die Philosophenkönige der Politeia gestellt sind, gewachsen wären, schlichtweg nicht gibt, wofür sich F. auf Nomoi 875 a1 ff beruft (52). Die Mitglieder der ‘Nächtlichen Versammlung’ erfüllen diese Anforderungen nicht, sonst wäre der Idealstaat möglich (53). Daraus ergibt sich für F. «an implicit contradiction between the Laws and Ep. VII»: In den Nomoi gibt es den voll- GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 313 kommenen Philosophen nicht, im Siebten Brief ist Dion als solcher hingestellt (336 a8–b1). Die Gesetzesherrschaft der Nomoi ersetzt die souveräne Herrschaft der Philosophenkönige in der Politeia, folglich sei es «pointless» (55), beides haben zu wollen: beste Gesetze und (einen) Philosophen an der Spitze. Der Brief zeige ein «basic misunderstanding of the Laws» (56). Ein Argument ganz anderer Art verfolgt Seminar 5: Von keinem der drei Männer, die als Herrscher von Syrakus überhaupt in Frage kamen (Dion, Dionysios II., Hipparinos), kann Platon wirklich geglaubt haben, daß sie Philosophen im hier geforderten Sinn waren oder werden könnten. Nach dem Zeugnis des Briefes war Dion, wie F. mit einiger Ausführlichkeit darlegt (60–64), alles andere als ein Philosoph (63). Unmöglich konnte Platon ihn für einen potentiellen Philosophenkönig halten. Die anderen beiden Kandidaten werden kürzer abgehandelt (63–65): unvorstellbar, daß Platon ihnen jemals eine Chance gegeben hätte. Das Motiv der persönlichen Verpflichtung Platons Dion und Archytas gegen- über als Grund für seine Syrakus-Reise(n) will F. nicht anerkennen: Dergleichen «should have made no difference» (65). Statt Platon «a complete misjudgement» über Dionysios II. zuzutrauen, zieht es F. vor anzunehmen, daß der Brief nicht von ihm geschrieben wurde (ib.). (3) M. Burnyeat (B.) wendet sich zu Beginn gegen die weitverbreitete Auffassung, der Brief sei, wenn nicht von Platon, so doch von einem ihm nahestehenden Autor, folglich eine wertvolle Quelle. Für B. ist der Autor «philosophically incompetent», woraus er schließt, daß der Brief keine glaubwürdige Quelle für irgend etwas sein könne: nicht für Platons Entwicklung, nicht für seine Biographie, nicht für die Akademie und nicht für die Geschichte Siziliens (122). Im philosophischen Exkurs wird dargelegt, daß Wörter ihre Bedeutung durch Konvention haben und daß weder einzelne Wörter noch ihre Kombinationen das Wesen einer Sache (das τί ἐστιν) getrennt von ihren Qualitäten (dem ποιόν τι) aufzeigen. So ist Erkenntnis extrem schwierig wegen der Schwäche der Sprache (διὰ τὸ τῶν λόγων ἀσθενές, 343 a). Die Prämisse des Arguments (die Konventionalität der Sprache) ist nach B. richtig, die Konklusion (auch die Definition drückt das Wesen nicht aus) falsch. «Hence the argument is invalid» (122). Es ist nicht einmal verständlich als Argument. Die Konventionalität der Namen ist keine Schwäche, die erklären könnte, warum eine Definition neben dem τί auch das ποιόν τι zeigt (127). Nichts vom Gesagten erklärt, warum man Gedanken nicht in die Schrift bringen soll (343 a1–4). Im übrigen seien die verwendeten Begriffe τὸ τί und τὸ ποιόν τι weder platonisch noch aristotelisch – «or so my amateurish TLG searches seem to reveal» (128). Das ganze verkehrte Argument «derives from a misreading of the Cratylus» (132). Ein Beispiel für unfähige Quellenbenützung zeige der Vergleich der Definitionen des Kreises in Parm. 137 e und Epist. VII 342 b: Im Parmenides haben die Punkte der Peripherie gleichen Abstand vom Mittelpunkt (ἀπὸ τοῦ μέσου), und das ist echt, während im Siebten Brief von der Peripherie des Kreises zum Mittelpunkt (ἐπὶ τὸ μέσον) gleicher Abstand besteht, und das sei unecht – mehr noch: Das sei «typical of the way imitators and plagiarists mangle the text they would appropriate», denn schließlich sei auch bei der Formulierung des Philosophenkönigssatzes in Politeia 473 cd und 501 e das ersehnte Ende des Unheils, die GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 314 κακῶν παῦλα, ans Ende des Satzes gerückt (echt), in Epist. VII 326 ab dagegen das κακῶν οὐ λήξειν an den Anfang (unecht) (130f). (4) Der zweite Teil beginnt mit der Ablehnung der oft gehörten Ansicht, der Siebte Brief sei ein Offener Brief und biete eine Apologie Platons (136, 141). «My alternative is that VII is a work of imaginative literature, a prose tragedy» (136). Die Anregung zu einer Prosatragödie sei aus Nomoi 817 b genommen. Der Autor, gerade noch als philosophischer Halbidiot hingestellt, wird als Dichter nun zu einem «distinctive, original, and interesting creative mind» (137). Der Brief ist die Tragödie vom Versuch der Philosophie, die Welt zu verändern, mit einem «tragic plot of the kind Aristotle approves» (140). Der literarische Effekt sei dem Autor wichtiger als die historische Wahrheit (142). Doch der Brief schreibt Platon nicht die Absicht zu, in Syrakus den Idealstaat zu verwirklichen (141). Mehrfach versucht B., Bauformen der Tragödie in bestimmten Abschnitten des Briefes wiederzufinden: Der Rat sei die Prosa-Entsprechung zu einem langen meditativen Chorlied vor der Mitte des Stücks (149); die πεῖρα, der Platon den jungen Tyrannen unterzog, entspreche einer tragischen Anagnorisisszene (162, 172); nach der ἀναγνώρισις könne nunmehr die περιπέτεια folgen: ab hier geht es rapide abwärts (172); Stichomythien fehlen bekanntlich in keiner griechischen Tragödie, folgerichtig wird das Gespräch zwischen Platon, Theodotes und Dionysios 348 e ff bei B. ein «stichomythia-like exchange» (177). B.s Gesamtdeutung des Dramas lautet: «In Platonic terms, VII is a study of damage done to human lives by the middle part of the divided soul, thumos» (190). Alles hat mit dem θυμοειδές zu tun: Dionysios’ φιλοτιμία, Dions Zorn in Olympia, Platons Schamgefühl, das ihn hinderte, Dions Ruf zu widerstehen. Dion und Platon versteht der Brief (nach B.) als «cases of akrasia due to thumos» (ib.), und die akrasia wiederum als (aristotelische) ἁμαρτία. Die Theologie des Stücks sei jedoch völlig unplatonisch, der wirkliche Platon hätte sie für blasphemisch gehalten (136): Ein böser Daimon oder Rachegeist (336 b4–5) verursache und bestrafe Platons τόλμη – das sei wie bei Homer (189). Dion habe sein Schicksal voll und ganz verdient: das Wort von der ‘fluchbeladenen Macht’ (δύναμις …ἀλιτηριώδης, 351 c2–3) enthalte den Schlüssel zum Verständnis. Die 351 a5–c1 aufgezählten ruchlosen Maßnahmen seien die Verbrechen Dions (was durch Nepos, Dion, cap. 7, gedeckt sei), auf die als Strafe der Selbstmord seines Sohnes und sein eigener gewaltsamer Tod folgten. Auch in den Details ist B. um ‘literarische’ Interpretation bemüht, etwa anläßlich des Odyssee-Zitats in 345 e2, zu dem er das ganze Schicksal des Odysseus in Erinnerung ruft und selbst noch die (im Zitat und im Text gar nicht erwähnten) Winde, die Odysseus auf See umhertrieben, «in their new context» ‘interpretiert’ (173). Zu 347 a2 wird der ganze Kontext von Sophokles’ Philoktetes-Drama in die Deutung hineingetragen, nur weil Burnet für den Ausdruck ναύτην ἄγειν, ‘als Passagier befördern’, als sprachliche Parallele Soph. Phil. 901 angeführt hatte. Die Peira war für B. eine öffentliche Veranstaltung, was durch die Erwähnung 345 b7 von κυριώτεροι κριταί, kompetenteren Beurteilern (als Dionysios) ‘bewiesen’ werde (172). Über Platons Prinzipien konnte das Buch des Dionysios nichts Spezifisches enthalten (170). Die vieldiskutierte Stelle 341 c4–5 οὔκουν ἐμόν γε περὶ αὐτῶν ἐστιν σύγγραμα οὐδὲ μήποτε γένηται deutet B. ganz konven- GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 315 tionell: Hier verneine Platon «that he ever has or ever will write a treatise (345 c5: σύγγραμμα) on his own philosophy» (164). In Widerspruch zum Gängigen gerät B. erst, wenn er versichert, daß die berühmte Erklärung des Zweiten Briefes, was jetzt Πλάτωνος συγγράμματα heiße, das gehöre in Wirklichkeit dem jung und schön gewordenen Sokrates (314 c2–4), nichts anderes besagen wolle als Epist. VII, 341 c4–5. Zu (1). Von den fünf ‘Seminaren’ F.s sind die ersten drei für die Frage der Echtheit des Siebten Briefes schlicht irrelevant. Was nützt die Betrachtung des Briefromans, den die Chion-Briefe bilden, wenn die 13 Briefe der 9. Tetralogie nicht als Briefroman aufgefaßt, der Terminus selbst1 und die dazugehörige Sekundärliteratur2 gemieden werden? Daß schon wegen der äußeren Erhaltungsbedingungen kein Brief von Platon überleben konnte (15), ist eine ziemlich willkürliche Festlegung. Wenn das so sicher wäre, hätten alle Diskussionen der letzten 200 Jahre unterbleiben können. Wenn F. in der Nachricht bei D. L. 3.9, Satyros (2. Hälfte des 3. Jh.) habe von einem Brief Platons an Dion gewußt, «the earliest reference to Platonic letters at all» (18) sieht, so ist ihm offenbar entgangen, daß W. Burkert die Benützung des Siebten Briefes durch Neanthes von Kyzikos (2. Hälfte des 4. Jh.) überaus wahrscheinlich gemacht hat.3 Der Nachweis der Unechtheit des Briefes von Speusippos an Philipp II. wäre auch dann ohne Folgen für den Platon-Brief, wenn er tatsächlich «something like a parallel to Plato’s Ep. VII» wäre. Doch die behauptete Ähnlichkeit nach Umfang und Stil (28) besteht ganz einfach nicht: Der Speusippos-Brief kommt auf etwa ein Sechstel des Siebten Briefes, und um den glanzlosen Stil seiner öden Polemik mit der lebendigen, kraftvollen Sprache des Platon-Briefes zu vergleichen, bedarf es schon einer beachtlichen Unempfindlichkeit in Fragen von Spra- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Nach einer Anmerkung des Herausgebers wurde der Terminus im Seminar selbst benützt – im Text erscheint das Wort nicht, es wird auch nicht mit diesem Begriff argumentiert. 2 Nach Franz Dornseiff sind die 13 Briefe als ein zusammenhängendes Buch zu lesen, «der Gang der Handlung ist aufs kunstvollste und bewußteste komponiert» (‘Platons Buch ‹Briefe›’, Hermes 69, 1934, 223–226, Zitat 224). Leider machte Dornseiff keinen Versuch, die behauptete einheitliche «Handlung» durch Interpretation auch aufzuweisen. Seine Überzeugung, das Briefbuch sei «entweder von Platon selber veröffentlicht oder von einem Späteren» (ib.), nahm Dornseiff bald darauf zurück: «Daß es von Platon selbst stammt, möchte ich nicht mehr behaupten», «eine unzweifelhafte literarische Einheit» des ‘Buches’ wird jedoch weiterhin verfochten (F. Dornseiff, ‘Echtheitsfragen antikgriechischer Literatur’, 1939, S. 31–36: Exkurs über die Platonbriefe). Sechzig Jahre danach wurde Dornseiffs These wiederbelebt durch Niklas Holzberg, ‘Der griechische Briefroman. Versuch einer Gattungstypologie’, in: N. Holzberg (Hrsg.), ‘Der griechische Briefroman. Gattungstypologie und Textanalyse’, 1994, 1–52, zu Platon: 8–13. Auch Holzberg spricht von Handlung und «Handlungsfäden», auch bei ihm fehlt die Interpretation, die die Einheit der angeblichen Handlung einsichtig machen könnte. Immerhin wird zugegeben, daß «ab Brief 9 kein fortlaufendes Geschehen erkennbar» ist (13). – Was Dornseiff und Holzberg beide übersahen: selbst wenn ein Briefroman vorläge, müßte man davon ausgehen, daß der Siebte Brief (oder die Briefe 6–8) schon vorlag (bzw. vorlagen), und daß um diesen Kern herum die übrigen 12 bzw. 10 Briefe symmetrisch angeordnet wurden. Wer nicht sieht, daß der Siebte Brief nicht in dieselbe Klasse gehört wie etwa Brief 1 oder 13, sollte sich besser nicht zum angeblichen ‘Briefroman’ äußern. 3 W. Burkert, ‘Neanthes von Kyzikos über Platon’, Museum Helveticum 57, 2000, 76–80. GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 316 che und Stil. Der Speusippos-Brief steht «in bad company» – ‘so what?’, möchte man fragen. Daß der Siebte Brief in schlechter Gesellschaft steht, wußte man immer schon – wenn man auf die Gesamtheit der 13 Briefe schaut. Doch auch das ist belanglos, so lange man nicht gezeigt hat, daß auch die unmittelbare Nachbarschaft des Siebten Briefes «bad company» ist. Brief 6 und 8 wurden bekanntlich von bedeutenden Forschern, unter ihnen Wilamowitz,1 als echt anerkannt. Frede behandelt sie nicht. Doch der Aufweis der schlechten Gesellschaft, in der der Speusippos-Brief überliefert ist, dient letztlich der oben zitierten Feststellung zum Problem des onus probandi. F.s unverdächtige Formulierung wird vom Herausgeber in sehr viel stärkerer Form referiert: Das angebliche ‘pattern’, das der Speusippos-Brief für den Siebten Brief liefere, sei zwar kein Beweis, aber gleichwohl äußerst wichtig, denn dadurch kehre sich das onus probandi um: «the burden of proof shifts the other way», es liege nun bei denen «who want to say that the letter is genuine» (D. Scott, ‘Introduction’ XIII und XIV). Eine bestechende Idee – die Gegenseite soll die Echtheit beweisen. Aber gibt es einen methodisch sicheren Weg, Echtheit zu beweisen? Eine brauchbare Methodologie des Echtheitsbeweises hat noch niemand aufstellen können. Eine noch so vollkommene Übereinstimmung in Inhalt, Wortschatz und Stil zwischen zwei Werken kann nur die Gleichheit von Denk- und Sprechweise der jeweiligen Autoren zeigen, nicht aber ihre Identität. Zu behaupten, daß zwei Individuen nicht dieselbe Denk- und Sprechweise haben könnten, wäre ein irrationales Postulat. Fichtes erste Publikation wurde für ein Werk Kants gehalten – nicht von Ignoranten, sondern von Kennern Kants. Beweiskraft haben nur Diskrepanzen, nicht Übereinstimmungen. Daher kann es jetzt und künftig einen positiven Beweis für Echtheit nicht geben. Die postulierte Umkehrung der Beweislast ist also nichts als eine «lazy solution»,2 die eben deswegen wie einst so auch künftig beliebt sein wird.3 Zu (2). Daß Platon in Syrakus den Idealstaat verwirklichen wollte, wird von F. in ‘Seminar 4’ mehrfach versichert, von B. 141 bestritten (ohne Zitat, ohne Polemik). Wer hat Recht? Zweifellos B., denn F.s These scheitert daran, daß die Grundlinien des Idealstaates im Brief nirgends aufscheinen, abgesehen von der bloßen Forderung, Philosophen mit einzubeziehen. Dions Zielvorstellung war nach dem Tod des älteren Dionysios zweifellos die Übernahme der Regierung durch einen Kreis von Philosophen um Platon, dem er selbst, seine Neffen und Verwandten und der jüngere Dionysios angehören würden (327 e5 – 328 b1). ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 U.v. Wilamowitz-Moellendorff, ‘Platon. Bd. II: Beilagen und Textkritik’ (1919), 4. Aufl. 1969, 281 und 300–305. 2 Den schönen Ausdruck ‘lazy solution’ verwendet Burnyeat 122 gegen die Auffassung, der Siebte Brief sei, wenn schon nicht von Platon selbst, so jedenfalls von einem, der Platon sehr nahe stand. Zu den ‘Faulen’ in diesem Sinne gehörte nicht nur W.K.C. Guthrie (‘History of Greek Philosophy’, vol. IV, 1975, 8), sondern auch Walter Burkert, der es für möglich hielt, daß der Brief «von einem engen Schüler» Platons verfaßt ist (Mus. Helv. 57, 2000, 80 Anm. 33). 3 Schon L. Edelstein wollte die Beweislast umkehren (‘Plato’s Seventh Letter’, 2). C.J. Rowe bestritt neuerdings meine These, daß sich nur Unechtheit beweisen lasse (Exemplaria Classica 11, 2007, 293), aber selbstverständlich verzichtete auch er darauf, einen methodischen Weg, auf dem man Echtheit ‘beweisen’ könnte, aufzuzeigen. GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 317 Daraus mußte für ihn keineswegs die Notwendigkeit eines Drei-Stände-Staates in Syrakus folgen, ist doch der Philosophenkönigssatz in der Politeia unter den Vorbehalt gestellt, daß man sich mit einer bloßen Annäherung zufrieden geben wolle (472 c4 – 473 b3). Doch entscheidend ist nicht die mutmaßliche Erwartung Dions, sondern Platons zögerliche Reaktion auf sein Drängen. Den Zwiespalt in seinem Inneren (vgl. 328 b7 διστάζοντι) löste Platon zugunsten der Zusage einmal, weil eine Absage Dion, seinen Gastfreund von einst, in große Schwierigkeiten gebracht hätte und somit ein Vergehen gegen Zeus Xenios gewesen wäre (329 b4, vgl. 328 d1), sodann weil er den Vorwurf, nur mit Worten wirken zu wollen, vor aktivem Eingreifen aber zurückzuschrecken, nicht riskieren wollte (328 c4–7, 329 b4–7). Keine der beiden Überlegungen impliziert die Intention der sofortigen Errichtung des Idealstaates «along the lines of the state of the Republic», vielmehr ging es um die Umsetzung – natürlich nach Maßgabe des Möglichen – seiner ‘Gedanken über Gesetze und Staat’ (τὰ διανοηθέντα περὶ νόμων τε καὶ πολιτείας, 328 b8 – c2). Gemeint ist die politisch-moralische Botschaft der Hauptwerke Nomoi und Politeia, die klar als kompatibel angesehen werden (was sie ja auch sind), nicht um gesetzgeberische Details des einen oder des anderen Werkes. Noch weniger kann man Platons zweiter Reise zu Dionysios II. Herrschaftspläne im Sinne des Idealstaates unterstellen. Der Philosoph lehnte die Einladung des Tyrannen (338 c2) ab, löste damit aber nur vermehrten Druck von nunmehr allen Seiten aus: von Angehörigen der Akademie (339 c5ff), von Dion, von Archytas und den Tarentinern (338 c5ff) und von Dionysios selbst, der seinen ganzen Ehrgeiz daran setzte, Platon nach Syrakus zu bekommen. Sein Brief (339 b4ff) war nicht mehr ein bloßes Drängen, sondern offene Erpressung. Wieder galt es, Verrat zu vermeiden, diesmal an Dion und den tarentinischen Freunden. Und die Nachricht von Dionysios’ neu erwachtem Interesse an Philosophie nicht zu prüfen, wäre unverantwortlich gewesen. F.s rigorose Alternative, daß sich Platon entweder am Idealstaat orientieren konnte oder am Gesetzesstaat, auf keinen Fall aber an beiden, übersieht den Gedanken der Annäherung und konstruiert einen Gegensatz, den es bei Platon so nicht gibt. Die Vorstellung, daß das Beiziehen eines vollendeten Philosophen «pointless» sei, wenn man einen Gesetzesstaat errichten wolle, zeugt von unzureichender Kenntnis der Nomoi. Zum einen entwirft der ‘Athener’ im letzten Buch einen Bildungsplan für die Angehörigen der Nächtlichen Versammlung, der in der Sache identisch ist mit der Ausbildung der Philosophenkönige in der Politeia,1 den umzusetzen folglich nur einem Dialektiker vom Rang des ‘Atheners’ möglich wäre. Zum anderen bietet der ausländische Dialektiker den dorischen Greisen zum Abschluß des Werkes seine Hilfe bei der risikoreichen Gründung der Stadt Magnesia an, was Megillos und Kleinias begeistert aufgreifen: Mit allen Bitten und Mitteln müsse man den Gast zum Teilnehmen an der Stadtgründung gewinnen – andernfalls könne man das Vorhaben gleich aufgeben (968 e7 – 969 d3). So viel zur vermeintlichen Unverträglichkeit von Gesetzesstaat und philosophischer Leitung. ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Vgl. Rez., ‘Zum Kontext der platonischen ἀπρόρρητα. Die Ausbildung der ‘Philosophenkönige’ und des ‘Nächtlichen Rates’ im Vergleich’, in: R. Radice – G. Tiengo (Hrsg.): ‘Seconda Navigazione. Omaggio a G. Reale’, Milano 2015, 643–659. GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 318 Es ist auch nicht sinnvoll, dem Platon des Briefes eine vollkommene Fehleinschätzung des Dionysios zuzuschreiben, weil er ihn bei seiner Ankunft 361 v. Chr. der philosophischen Peira unterzog. Aus 338 a – 339 e wird vollkommen verständlich, daß Platon den Anfang zu einem philosophischen Gespräch machen mußte, und wenn die Peira für ihn ein erprobtes Verfahren war (340 b4–c1), so lag nichts näher, als es auch hier anzuwenden. Daß auch Dion philosophisch eine Null war, steht für F. fest. Daß er in der Zeit seines Athener Exils Umgang mit Platon hatte, wird zwar nicht bestritten. Doch das konnte nimmermehr ausreichen, hohe Erwartungen an ihn zu stellen – F. weiß hier einfach mehr als der Platon des Briefes. Aus 336 b1, wo Dion als φιλόσοφος bezeichnet wird und ihm die vier Kardinaltugenden zuerkannt werden, kann man nicht mit F. schließen, daß Dion als Philosophenkönig gezeichnet und die Errichtung des Idealstaates noch im Jahr 354 als sein Ziel ausgegeben werden soll: Vielmehr macht es der Kontext klar, daß diese Worte, vom zu früh verstorbenen Dion gesagt, nicht als politisches Programm zu lesen sind, sondern als hoch emotionales Element eines Nekrologs für den in der Erinnerung erhöhten Freund. Zu (3). B. behandelt den philosophischen Exkurs 121–133 ohne den Kontext, in dem er steht. Daß es dem Verfasser außer um die Besonderheit der Ideenerkenntnis auch um bestimmte Inhalte zu tun ist (nämlich um τὰ περὶ φύσεως ἄρκα καὶ πρῶτα), kommt auf diesen 13 Seiten nicht zur Sprache. Die Aussagen des Briefes über das Schreiben von Philosophie werden im herkömmlichen Sinne mißdeutet: σύγγραμμα in 341 c5 soll «treatise» bedeuten, also ‘systematische Abhandlung’, eine Darstellungsform, die den Dialog definitiv ausschließe. Daß diese Wortbedeutung den Griechen nicht zur Verfügung stand, und zwar weder vor noch bei noch nach Platon, ist B. unbekannt geblieben. Das griechische Wort σύγγραμμα bedeutet einfach ‘Schrift’, und griechische Autoren hatten keine Bedenken, die Dialoge als Πλάτωνος συγγράμματα zu bezeichnen.1 Selbst wenn die im 19. Jh. erfundene Bedeutung ‘nichtdialogische Abhandlung’ den Griechen bekannt gewesen wäre, hätte der Verfasser, um nicht mißverstanden zu werden, schreiben müssen: ‘Ein σύγγραμμα von mir über diese Dinge gibt es zwar nicht, wohl aber meine διαλόγους’. Die für uns Heutige – nicht für den antiken Leser – fehlende Klarstellung stößt einige Zeilen später noch stärker auf, wenn der Verfasser erklärt, er hätte im Leben nichts Schöneres machen können, als zum Nutzen der Menschheit das Wesen der Wirklichkeit für alle ans Licht zu bringen, wenn es denn in zufriedenstellender Weise (ἱκανῶς d5) für die Menge schreibbar ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Die Belege zum griechischen Gebrauch von σύγγραμμα, συγγραφή und συγγράφειν bis auf die Zeit Platons gab ich in ‘Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie’, 1985, 376– 385: ‘Die Bedeutung von σύγγραμμα’. – Wenn M. Isnardi Parente versichert, philologische Beobachtungen zum griechischen Wortgebrauch seien irrelevant, weil doch jede Stelle die fragliche Wortbedeutung aus dem Kontext heraus neu bestimme, und 341 c5 die Bedeutung ‘nichtdialogische Abhandlung’ verlange, so übersieht sie die Zirkelhaftigkeit ihres ‘Argumentes’: unsere Stelle ‘verlangt’ diese nirgends belegte Bedeutung nur dann, wenn man voraussetzt, daß es keinen Bereich der Philosophie Platons gegeben habe, den er von der Verschriftlichung in seinen Dialogen ausnahm. Diese Voraussetzung kann man sich durch die fingierte neue Wortbedeutung ‘bestätigen’ lassen, und der ‘Beweis’ ist perfekt (M. Isnardi Parente, ‘Platone Lettere. Traduzione di Maria Grazia Ciani’, Mailand 2002, 236). GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 319 und sagbar wäre (341 d4–e1). Hier nützt die moderne Unterscheidung Dialog vs. Traktat nichts mehr: Der Verfasser ist offensichtlich der Ansicht, daß er die an sich schönste Aufgabe nicht geleistet hat, weil sie mit den Mitteln der Schrift (sei es dialogisch oder sonstwie) nicht zu leisten ist. Man kommt also nicht weiter mit der fiktiven Gleichung σύγγραμμα = ‘Traktat (unter Ausschluß der Dialogform)’. Aber nicht nur die griechische Wortbedeutung ist B. fremd geblieben, auch den Gegenstand, auf den sich das nicht zu schreibende platonische σύγγραμμα beziehen würde, bestimmt er nicht richtig: Der Text besage, daß Platon weder früher noch künftig «will write a treatise (341 c5: σύγγραμμα) on his own philosophy» (164). Doch dem Verfasser des Briefes geht es nicht um Platons Philosophie schlechthin, sondern um einen Teilbereich derselben, um ‘das Ernsthafteste’, τὰ σπουδαιότατα (344 c6), inhaltlich zu verstehen als τὰ περὶ φύσεως ἄρκα καὶ πρῶτα (344 d4–5), d.h. als die Theorie der Prinzipien. Da B. die Prinzipientheorie durch die pauschale Gleichsetzung περὶ ὧν ἐγὼ σπουδάζω = ‘his own philosophy’ weggezaubert hat, kann er so tun, als ginge es allein um die Vermittlung von philosophischem Verständnis («the peculiar character of philosophical understanding», 166). Philosophisches ‘understanding’ kann man freilich nicht ‘hinauswerfen’. Doch gerade das wird Dionysios vorgeworfen, daß er Dinge ‘hinauswarf’, die Platon durch Unterlassen einer Veröffentlichung ‘ehrte’ (344 d7–9). Es dürfte also klar sein, daß B. und der Brief, den er auszulegen vorgibt, von verschiedenen Dingen handeln. ἐκβάλλειν bezeichnet B. als eine Vorstellung aus der Tragödie (170), was inhaltlich nichts erklärt. Platons σέβεσθαι (ἐσέβετο 344 d7) wird gar nicht erst kommentiert. Da der Gegenstandsbereich, über den es kein σύγγραμμα von Platon gibt, nicht korrekt erfaßt wurde, wird folgerichtig auch die Abwertung der vier Mittel der Erkenntnis falsch dargestellt: der Autor «ends up denouncing not only philosophical textbooks, but all writing (including the writing of laws: 344 c), indeed language itself, written or spoken» (168, Kursive von B.). Doch der Brief verdächtigt nicht die Sprache schlechthin, er stellt nur ihre Fähigkeit in Frage, Ideenerkenntnis adäquat auszudrücken. Was die Besonderheit der Ideenerkenntnis betrifft, so ist bekanntlich auch die Einführung der Ideenlehre Politeia 474 b – 480 a nicht ausschließlich auf diskursive Rationalität fixiert. Die Mehrzahl der Menschen wird nie in der Lage sein, eine Idee als Idee zu erfassen (476 c2–3, 479 e1–2). Klarerweise gehört auch für den Platon der Politeia noch etwas anderes zur Erkenntnis etwa der Idee des Kreises als die übliche sprachliche Kommunikation einer Geometriestunde. Was dieses ‘etwas’ sein könnte, muß hier nicht erörtert werden – die neuerdings wieder strittige Frage, ob es in den Dialogen eine eindeutige Unterscheidung zwischen noetischer und dianoetischer Erkenntnis gibt,1 mag hier offen bleiben. Daß aber der Autor des Briefes die Erkenntnis des Fünften als ein plötzliches (ἐξαίφνης 341 c7), also nicht mehr diskursiv-kontinuierliches Aufgehen eines Lichtes in der Seele versteht (341 d1, 344 b7), ist nicht strittig. Er rechnet mit einer noetischen Erkenntnis, die aus dem intensiven Gebrauch der diskursiven Erkenntnismittel resultiert und diese an Evidenz weit hinter sich läßt. Man mag diese Sicht der menschlichen Erkenntnismöglichkeiten radikal ablehnen – aber sie gar nicht erst zu referieren, geschweige denn zu erörtern, heißt einfach die Aufgabe des Interpreten verweigern. Man liest bei B. nichts über das ἐξαίφνης, nichts über die πολλὴ συνουσία (341 c6, 344 b2–c1), die dem Aufleuchten der ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Zu dieser Frage vgl. K. Oehler, ‘Die Lehre vom noetischen und dianoetischen Denken bei Platon und Aristoteles’, Hamburg 1962, 2. Aufl. 1985. GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 320 Einsicht vorangeht, nichts von der inneren Verwandtschaft der Seele mit der zu erkennenden Sache (vgl. 344 a2–3 τὸν μὴ συγγενῆ τοῦ πράγματος). Auf dieser reduzierten Textgrundlage ist es dann einfach, den philosophischen Exkurs als ein karikaturhaft törichtes Mißverständnis des Kratylos hinzustellen (132) – natürlich unter Weglassung von Krat. 438 e ff, wo doch wohl jene nicht sprachgebundene Ideenerkenntnis angedeutet ist, die der Verfasser des Briefes mit der Erkenntnis des Fünften meint. Wo B. doch noch überraschend auf die besonderen Inhalte, um die es die ganze Zeit ging, zu sprechen kommt, und sie richtig als Platons Theorie der Prinzipien benennt, bezweifelt er, daß der Autor «any definite principles in view» habe, allenfalls ein «amalgam of passages» aus den Dialogen (170). Warum soll er nicht z.B. das Wissen gehabt haben, aus dem etwa Aristoteles von Platons ἄγραφα δόγματα berichtet? Vielleicht weil Cherniss vor 70 Jahren bestritten hatte, daß es eine mündliche Prinzipienlehre überhaupt gegeben habe? Befremdlich ist das Fehlen jeden Ansatzes zu einer Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen. Neben älteren Interpretationen (J. Stenzel, K. von Fritz, H.-G. Gadamer oder W.K.C. Guthrie) hätten auch neuere Arbeiten wie die von Andreas Graeser oder Maria Liatsi zeigen können, auf welch hohem philosophischen Niveau man den Exkurs des Briefes behandeln kann.1 Zu (4). Die ‘literarische’ Analyse B.s setzt an die Stelle der Auffassung, wir hätten es mit einer Apologie Platons vor der (athenischen) Öffentlichkeit zu tun, als ‘Alternative’ das Verständnis des Briefes als ein Werk fiktionaler Literatur (136, 186). Unerwähnt bleibt, daß es eine weitere Deutung gibt, die höhere Plausibilität als der ‘Offene Brief’ und die ‘dichterische Fiktion’ beanspruchen kann, nämlich die Lösung, die R. Knab vorschlug, derzufolge die breite Entfaltung der Vorgeschichte und der ursprünglichen Motive von Platon und Dion notwendig sind, um die Empfänger des Briefes mit den politisch-historischen Informationen und mit der ethischen Orientierung zu versehen, die sie benötigen, wenn sie wirklich als ‘Dions Verwandte und Gefährten’ agieren und als solche denselben Ratgeber wie einst Dion in Anspruch nehmen wollen.2 Wenn man liest, der literarische Effekt sei dem Autor wichtiger als die historische Wahrheit, so erwartet man schlagende Nachweise kühner Abweichungen vom tatsächlichen Verlauf der Ereignisse. Statt solcher Nachweise erhalten wir lediglich zwei Verdächtigungen: Der Autor könnte das Datum von Platons zweiter Reise falsch angesetzt haben (161 mit n. 59), und «Dionysius’ book may be a figment of previous pamphleteering» (163 n. 63). Die Halt- und Sinnlosigkeit solcher Vermutungen ist evident. Bizarr ist die Vorstellung, die Peira sei öffentlich gewesen. Die κυριώτεροι κριταί (345 b7), die das für B. 172 ‘beweisen’, waren nicht Ohrenzeugen von Platons einzigem philosophischen Gespräch mit dem Tyrannen, sondern Ange- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 A. Graeser, ‘Philosophische Erkenntnis und begriffliche Darstellung. Bemerkungen zum erkenntnistheoretischen Exkurs des VII. Briefes’, Akad. d. Wiss. und d. Lit. Mainz, 1989 (vgl. dazu Rez. diese Zeitschrift 63, 1991, 267f); M. Liatsi, ‘Die semiotische Erkenntnistheorie Platons im Siebten Brief. Eine Einführung in den sogenannten philosophischen Exkurs’, München 2008 (Zetemata 131). 2 R. Knab, ‘Platons Siebter Brief. Einleitung, Text, Übersetzung, Kommentar’, Hildesheim 2006 (Spudasmata 110), 45–50. GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 321 hörige der Akademie, die wohl zu der philosophischen Gemeinschaft gehörten, die 341 c6–7 und 344 b2–c1 angedeutet ist. Noch bizarrer ist die Deutung der Peira als Pendant einer tragischen Anagnorisis. Klassische Wiedererkennungsszenen führen bekanntlich nicht zur intellektuellen und moralischen Bankrotterklärung eines der Partner. Mit Sicherheit falsch ist die Deutung von 351 a5–c1 als Liste der Verbrechen Dions (185), die B. braucht, um Dion als tragisch gescheiterte Figur hinstellen zu können. Dies würde nicht nur die im ganzen Brief durchgehaltene positive Beurteilung Dions in wenigen Zeilen zerstören, sondern auch die unmittelbar folgenden, Dion in hohem Stil preisenden Worte (351 c1– e2) sinnlos machen. Mit der Frage, ob die ‘Theologie’ der ‘Tragödie’ noch platonisch sei, rührt B. allerdings an ein schwieriges Problem. Verwunderung über die ‘Dominanz’ der theologischen Perspektive (138) ist zwar nicht angebracht, denn von Anfang an, schon seit der Politeia (499 bc, 493 a1–2, 592 a8–9), steht das mögliche Zusammenfallen von politischer Macht und philosophischer Einsicht unter dem Vorbehalt einer göttlichen Fügung, einer θεία τύχη. Immerhin kann man sich fragen, ob das Ingangsetzen und die Entscheidung der unglücklichen Ereignisse durch eine höhere Macht (326 e2, 337 d8), letztlich sogar durch einen ‘Daimon oder Rachegeist’ (336 b4–5), mit Platons Überzeugung, daß Gott die Ursache nur von Gutem sein kann (Politeia 379 c), vereinbar ist. Doch eben hier heißt es auch, für das Übel seien andere Ursachen zu suchen als der Gott. Ist es auszuschließen, daß Platon in seinen letzten Jahren, als er in den Nomoi schreiben konnte, der Himmel sei voll von Gutem, aber auch vom Gegenteil (906 a3–4 ), eine negative Kraft als Ursache von Unheil zuließ, die er mit dem Wort δαίμων belegte? Wer das definitiv ausschließen zu können glaubt, wie B., weiß mehr über die Theologie des späten Platon als wir wissen können. Das in der Appendix (193–195) zusammengetragene Wortmaterial wird ohne sprachstatistische Auswertung geboten. Warten wir ruhig die Auswertung dieses Materials durch einen kompetenten Sprachstatistiker ab. In der vorliegenden Form wirkt die Zusammenstellung etwas dilettantisch. Gemeinsam ist den beiden Abhandlungen, daß ihre Autoren eine ausgesprochen feindselige Einstellung gegenüber ihrem Untersuchungsobjekt einnehmen. Sie verhören den Text sozusagen ἐν δυσμενεστάτοις ἐλέγχοις. Was der Siebte Brief wirklich ist: die Darstellung der Entwicklung der Beziehungen dreier Männer zu einander – dreier Männer von ungleichem Alter, ungleichem Hintergrund und ungleichen Zielen –, kommt so nicht in den Blick (B.s phantasievolle Konstruktion eines sentimentalen fiktiven Melodramas verdeckt das eher). Für die Qualität der menschlichen Beziehungen und Situationen, die der Brief teils ausspricht, teil voraussetzt, sind beide Autoren blind: so für die Besonderheit des Verhältnisses Platon-Dion oder für die krankhafte Eifersucht des Dionysios (die gerade einmal kurz erwähnt, für die Deutung der Handlung aber nicht ausgewertet wird), für die Anspielungen auf die aus anderen Quellen gut bezeugte Alkoholabhängigkeit des Dionysios, für die Bedeutung des philosophischen Zusammenlebens (συζῆν 341 c7) und für die Noesis, zu der das συζῆν und die πολλὴ συνουσία hinführen möchten. Daß das Lesen der Dialoge im ganzen Brief schlicht keine Rolle spielt, obwohl es doch um das adäquate Erfassen dessen geht, worauf sich Platons Ernst richte- GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 322 te, ist beiden Autoren nicht aufgefallen – die enorme Relevanz dieses ‘Details’ dürfte unstrittig sein.1 Nicht aufgefallen ist ihnen ferner – und das wiegt vielleicht noch schwerer –, daß die Verneinung der Sagbarkeit der entscheidenden Einsicht an den beiden Stellen 341 c5 und 344 c1–d2 unterschiedlichen Sinn hat: ῥητὸν γὰρ οὐδαμῶς ist das, was auf keine Weise gesagt werden kann, weil es ein nichtsprachlicher Vorgang in der ψυχή (341 d1) ist; an der zweiten Stelle ist von dem die Rede, was nicht gesagt werden soll, obschon es prinzipiell sagbar ist: das sind die vorbereitenden dialektischen Erörterungen, die dem Aufleuchten der Erkenntnis vorangehen müssen (344 a2–c1), die aber ohne angemessene Vorbereitung notwendig zu Mißverständnissen führen, weswegen es besser ist, sie nicht ‘hinauszuwerfen’.2 Da diese und manche anderen Dinge unbeachtet bleiben, erhält der Leser kein vollständiges Bild des Siebten Briefes. Der Titel ‘The Pseudo-Platonic Seventh Letter’ verspricht mehr, als das Buch hält. ‘Some Aspects of the Seventh Platonic Letter’ wäre angemessener gewesen. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die vier Anläufe der beiden je zweigeteilten Abhandlungen ihr Beweisziel weder einzeln noch vereint erreichen: (1) Andere Philosophenbriefe (Chion, Sokratiker) lehren uns buchstäblich nichts über den Siebten Brief; wer zu diesem eine ‘Parallele’ im Brief des Speusippos an Philipp sieht, beweist nur mangelndes literarisches Urteil; wer die Beweislast wegen der erwiesenen Unechtheit anderer Philosophenbriefe umkehren will, hat offenbar nicht verstanden, daß es eine gesicherte, konsensfähige Methode zum Erweis der Echtheit eines historischen Dokumentes nicht gibt und nicht geben kann. (2) Daß der Brief die Errichtung eines Idealstaates in Syrakus «along the lines of the state of the Republic» als Ziel Platons hinstellt, gibt der Text nicht her; daß die Absicht, einen Gesetzesstaat zu etablieren, die Teilnahme von Philosophen an der Spitze des Staates «pointless» mache und somit im Brief ein impliziter Widerspruch zu den Nomoi vorliege, ist nichts als ein «basic misunderstanding of the Laws» (der Vorwurf gegen den Brief fällt auf den Autor zurück); mit dem eigenen negativen Urteil über die unphilosophische Natur Dions das positive Urteil des Briefes außer Kraft setzen zu wollen, heißt die Möglichkeiten des heutigen Interpreten bei weitem überschätzen. (3) Eine Interpretation des philosophischen Exkurses, die heute noch das alte Märchen glaubt, σύγγραμμα bedeute so viel wie ‘nichtdialogische Abhandlung’, verfehlt notwendigerweise den Gegenstand von Platons ‘Ernst’, zumal wenn das Kernthema des Exkurses, die sich der sprachlichen und erst recht der schriftlichen Fixierung verweigernde Noesis, nicht in den Blick kommt. (4) Der Versuch, den Brief gegen den Strich zu lesen und in ihm eine fiktive tragische Erzählung zu finden, ist zwar nicht so elegant und nicht so amüsant zu lesen wie Mary Renaults schöner Roman ‘The Mask of Apollo’ (1966), qua Interpretationsleistung könnte man ihn jedoch im ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Daß im ganzen Brief davon ausgegangen wird, daß der ‘Ernst’ Platons nur im mündlichen Gespräch zu erfahren ist, habe ich dargelegt in ‘The Acquiring of Philosophical Knowledge According to Plato’s Seventh Letter’, in: G.W. Bowersock et al. (eds.), ‘Arktouros. Hellenic Studies presented to B.M.W. Knox’, 1979, 354–363. 2 Aristoteles hätte wohl geschrieben: τὸ γὰρ οὐ ῥητὸν λέγεται διχῶς, ‘das Wort ‹unsagbar› wird in zwei Bedeutungen gebraucht’. Daß der Autor des Briefes nicht eine Klarstellung in aristotelischem Stil vornimmt, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Der Kontext der beiden Stellen macht es vollkommen klar, welche Art von Unsagbarkeit gemeint ist. Zu ihrer Unterscheidung s. Rez., diese Zeitschrift 63, 1991, 268. GNOMON 4/89/2017 Th. A. Szlezák: Burnyeat/Frede, The Pseudo-Platonic Seventh Letter 323 selben Bereich verorten, im Bereich der subjektiven emotionalen Vereinnahmung. Leider ist dieser Versuch im ganzen wie im Detail von philologischem Dilettantismus geprägt. Man wird also weiter auf den ‘entscheidenden’ Beweis für die Unechtheit des Siebten Briefes warten müssen, so wie man schon mehr als 200 Jahre darauf wartet. Tübingen Thomas Alexander Szlezák * Karen Ní Mheallaigh: Reading Fiction with Lucian. Fakes, Freaks and Hyperreality. Cambridge: Cambridge UP 2014. XII, 305 S. (Greek Culture in the Roman World.). In ‘Reading Fiction with Lucian. Fakes, Freaks and Hyperreality’ verfolgt Ní Mheallaigh drei Ziele: erstens Lukians Relevanz für literaturtheoretische Untersuchungen zu beleuchten, zweitens seine Verae Historiae als Paradigma kaiserzeitlicher produktionsästhetischer Selbstreflexivität zu lesen und drittens, dem fiktionalen Narrativ seinen rechtmäßigen Platz in der kaiserzeitlichen Wunderkultur zuzuweisen. Anhand von sieben beinahe selbstständigen Kapiteln1 stellt die Autorin ihre gedanklichen Zwischenschritte vor, die sie zu der Überzeugung führen, Lukian als ein «prism» (xi) für die Lese- und Schreibkultur der Kaiserzeit zu verstehen. Ausgehend von Lukians Interesse an der Wirkung des Fiktionalen auf einen Rezipienten (Kapitel 1 bis 3), führt Ní Mheallaigh an dem fiktionalen Narrativ der Kaiserzeit par excellence, den Romanen, vor, wie Texte die Grenzen fiktionaler und realer Welt bewußt konturieren oder auch verwischen, um mit der semiotischen Wissensbegierde des Lesers zu spielen (Kapitel 4 und 5). Auf diesem Hintergrundwissen basiert Ní Mheallaighs Lektüre der Verae Historiae Lukians, die sie als Höhepunkt kaiserzeitlicher Metafiktionalität vorstellt (Kapitel 6). Das letzte Kapitel bettet die bislang untersuchte Lese- und Schreibkultur in eine kaiserzeitliche Kultur des Schauens ein, die Gefallen an temporären Illusionen hat. Ní Mheallaighs Fokus liegt daher deutlich auf den kulturwissenschaftlichen Rahmenbedingungen für Lukians Umgang mit dem Fiktiven, das in seinem Œuvre in durchaus disparaten Begriffen wie pseudos, apiston oder paradoxon thematisiert wird. Am Herzen liegt der Autorin nicht die Frage, wie Lukian Fiktion definiert, sondern wie er seine Figuren und impliziten Leser Fiktion rezipieren läßt. Das Werk beginnt mit einer Vorstellung von Lukians ‘Promethean poetics’ (1– 38). Lukians Poetologie ist in der Forschung für ihre kritische Selbstreflexivität, ihren innovativen Umgang mit dem klassischen Kanon und ihren rezeptions- ästhetischen Anspruch bekannt. Daß sich dies aber nicht nur an seinen pseudoautobiographischen Werken (u.a. Prometheus es und Imagines), sondern auch an seinen bislang noch zaghaft beachteten prolaliai nachweisen läßt, zeigt Ní Mheallaigh überzeugend an Lukians Zeuxis. Des weiteren liest Ní Mheallaigh den Titanen Prometheus als «icon for Lucian’s modernity» (6) – eine Modernität, die sich durch eine radikal kreative Mime- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 «I have not adhered to a rigid structure throughout; rather each of the chapters is designed ... as a stand-alone essay on Lucian» (xi). GNOMON 4/89/2017

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As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.