Janine Lehmann, Barbara Sielhorst: Hellenistische Agorai. Gestaltung, Rezeption und Semantik eines urbanenRaumes. in:

Gnomon, page 354 - 358

GNO, Volume 89 (2017), Issue 4, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2017-4-354

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C.H.BECK, München
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L. Maul-Balensiefen: Giuman, Archeologia dello sguardo 354 gemeinen und um die βασκανία im Besonderen geknüpft waren. Neu daran ist, dass sie das gesamte Altertum berücksichtigt und auf einem beachtlichen, von Homer bis in die byzantinische Zeit reichenden Fundus an Quellentexten beruht. Bezeichnend sind die vielen langen Zitate aus der griechischen und lateinischen Literatur, die dem Buch fast den Charakter einer Anthologie geben. Wegen dieser reichhaltigen Sammlung wird sie der Forschung nützlich sein. Die Methode besteht im Herausgreifen von einzelnen, als zentral erscheinenden Aspekten und im narrativen Verknüpfen einer großen Vielfalt an Zeugnissen, ‘Themen’, Motiven und Gedanken. Die Interpretationen der Texte und Bilder bewegen sich eher an der Oberfläche und beruhen zumeist auf bereits bekannten Thesen. Nicht zuletzt deshalb bleibt das gezeichnete Bild vage und an vielen Stellen fraglich. Dies kann allerdings den Anreiz zu weiter und tiefer gehenden Studien geben. Man kann das komplexe Thema systematisch und theoretisch angehen, um auf der Basis logischer Argumentation zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Man kann es aber auch, indem man Assoziationsketten knüpft, erzählerisch behandeln und damit dem Leser die eigenen Vorstellungen suggerieren. Eine solche Erzählung ist die ‘Archeologia dello sguardo’. Heidelberg Lilian Maul-Balensiefen * Barbara Sielhorst: Hellenistische Agorai. Gestaltung, Rezeption und Semantik eines urbanen Raumes. Berlin/München/Boston: de Gruyter 2015. X, 354 S. 169 Abb. 4°. (Urban Spaces. 3.). Seit einigen Jahren ist ein deutliches Interesse der altertumswissenschaftlichen Forschung an Fragen der Urbanistik und Architektur während des Hellenismus samt ihrer gesellschaftlichen Tragweite zu verzeichnen. Nicht nur ein eigenes, von althistorischer Seite initiiertes Schwerpunktprogramm widmete sich zuletzt ausführlich diesem Themenkomplex,1 sondern auch einige Abschlussarbeiten mit einem Fokus auf bestimmten Bauformen2 oder der Betrachtung bestimmter Regionen3 und ihrer städtebaulichen Entwicklung sind hierzu jüngst entstanden. Diesem thematischen Schwerpunkt ist die Freiburger Dissertation von Barbara Sielhorst zuzuordnen. Bei ihr steht am Beginn der Arbeit die zentrale, gesellschaftskritische Leitfrage, «wie der Raum der Agora durch die dort agierende Gesellschaft geprägt wurde und wie er auf sie zurückwirkte». Ziel ist es daher, anhand der Analyse hellenistischer Agorai, «die Beziehung zwischen materieller Gestaltung, Wahrnehmung und Semantik jenes Platzes genauer zu erforschen, ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Von 2006–2012 wurde das Schwerpunktprogramm ‘Die hellenistische Polis als Lebensform. Urbane Strukturen und bürgerliche Identität zwischen Tradition und Wandel’ seitens der DFG gefördert, woraus mehrere Publikationen hervorgingen. 2 Siehe z.B. die mehr bautypologischen Arbeiten von B. Emme, ‘Peristyl und Polis. Entwicklung und Funktionen öffentlicher griechischer Hofanlagen’ (Berlin/Boston 2013) mit einem chronologischen Fokus auf dem Hellenismus oder N. Greve, ‘Sepulkrale Hofarchitekturen im Hellenismus. Alexandria - Nea Paphos - Kyrene’ (Turnhout 2014). 3 E. Laufer, ‘Architektur unter den Attaliden. Pergamon und die Städte des Reiches zwischen herrscherlicher Baupolitik, Rezeption und Lokaltradition’ (unpubl. Diss. Köln 2012). GNOMON 4/89/2017 J. Lehmann: Sielhorst, Hellenistische Agorai 355 der für die antike Stadt von herausragender Bedeutung ist» (S. 4). Mit der Arbeit will die Verf. in zweifacher Hinsicht ein wissenschaftliches Desiderat schließen, da bislang weder zusammenhängend die hellenistische Zeit noch die hier verfolgte sozialhistorische Betrachtung dieser städtischen Mittelpunkte einer Polis in der Forschung anvisiert wurden. Chronologisch bleibt die Untersuchung jedoch nicht auf die Epoche des Hellenismus beschränkt, sondern setzt bereits um 400 v. Chr. ein und endet im mittleren 1. Jh. n. Chr. Den geographischen Rahmen bilden der kleinasiatische, ägäische und griechische Raum. Aus diesen Regionen fließt in die Untersuchung die große Anzahl von insgesamt 66 Platzanlagen ein, die in einem Katalogteil am Ende der Arbeit mit aktueller Bibliografie und teilweise eigens erstellten Plänen (Detail- und Gesamtplan) einzeln behandelt werden. Im Zuge der Auswertung der Beispiele, deren Aussagekraft je nach Überlieferungssituation stark variiert, bedient sich die Verf. unkonventioneller Betrachtungsweisen und Theorien. So erhofft sich Sielhorst von rezeptionsästhetischen, semiotischen und architektursoziologischen Ansätzen in ihrer Zusammenschau eine umfassende Klärung des Beziehungsgeflechts zwischen den urbanen Mittelpunkten und ihrer Polis. Und bereits nach der eingehenden Darlegung der Zielsetzung, Forschungssituation und Methode folgt eine systematische, in eine übergreifende Auswertung mündende Analyse. Entsprechend der einzelnen Betrachtungsfelder staffelt sich diese nach Gestalt und Funktion über die Rezeptionsästhetik und Semantik hellenistischer Agorai. Hierbei werden jeweils allgemeingültige Charakteristika der Platzanlagen herausgearbeitet. Ein zentrales Ergebnis des Kapitels zur Gestaltung hellenistischer Agorai (S. 21–29) ist, dass in der Regel ihre verkehrstechnisch günstige Anlage in der Ebene sowie ihre vorteilhafte Einbindung in die Infrastruktur bedacht waren. Zudem wurde ihre gestalterische Form bereits ab dem mittleren 4. Jh. v. Chr. (mit einem Höhepunkt im 2. Jh. v. Chr.) durch sie allseitig rahmende Stoai bestimmt, was eine zunehmende architektonische Abschottung der Plätze von ihrer Umgebung bewirkte. Trotz allgemeiner Tendenzen wie der Lage und sukzessiven Monumentalisierung übten aber dennoch nach Sielhorsts Beobachtungen die lokalen Gegebenheiten wie Topografie oder ältere Strukturen einen wesentlichen Einfluss auf die Gestalt von Agorai aus. Im Hinblick auf ihren Nutzen stellt die Verf. in ihrer Arbeit zu Recht die Multifunktionalität der Anlagen als sakrale, merkantile, politische, agonale sowie nicht zuletzt identitätsstiftende Orte heraus (S. 29–37). Trotz der betonten Vielseitigkeit lässt sie eine in der Forschung längst erkannte Entwicklungstendenz der Anlagen jedoch nicht außer Acht. Auf den Plätzen verdrängten nämlich schon in der ersten Hälfte des 4. Jh. v. Chr. zunehmend repräsentative Aufgaben die politischen und merkantilen Abläufe. Die sich währenddessen abzeichnende monumentale Umgestaltung stützt dabei eine zielgerichtete Veränderung der Orte nach repräsentativen und ästhetischen Vorstellungen. Diese neue Raumwirkung wurde insbesondere mit Hilfe von platzbestimmenden Stoai erzeugt. Durch ihre Errichtung in der ersten Reihe und/oder ihre architektonische Verschmelzung mit anderen Architekturen und Gebäuden wie Prytaneia oder Buleuterien traten diese samt ihren Funktionen in den Hintergrund, was in der Summe zu einer geschlossenen, ästhetisch aufgeladenen Rahmung der Plätze mit einer vereinheitlichten Fassade führte. Daher ist es nur folgerichtig, dass sich die Ergebnisse der GNOMON 4/89/2017 J. Lehmann: Sielhorst, Hellenistische Agorai 356 Verf. zur Rezeptionsästhetik (S. 37–51) in erster Linie auf diese für hellenistische Agorai typischen und sie prägenden Hallenbauten beziehen. So machte die Stoa «die Agora im Stadtbild als Platzanlage kenntlich, sorgte für geregelte Zugänge und eine einheitliche, nach innen auf den Platz konzentrierte Atmosphäre» (S. 44). Die bauliche Zurückdrängung von Funktionen durch Stoai verhalf zu mehr Raum für die Selbstdarstellung der Polisgesellschaft, wie es die Verf. prägnant hervorhebt. Ein wesentliches repräsentatives Medium der herrschenden Eliten waren dabei neben den Gebäudestiftungen ohne Zweifel die Ehrenstatuen, welche in der Zeit meist auf exedraförmigen Basen aufgestellt waren. Ihre Zunahme im öffentlichen Raum verlief simultan mit der Rahmung der Plätze und fand ebenfalls im 2. Jh. v. Chr. ihren Höhenpunkt, was sich in regelrechten ‘Statuenwäldern’ äußerte. Für sie fungierten die Hallenbauten als gestalterische Folie und gemeinsam lenkten sie den Besucher durch die «monumentalisierte Geschichte der jeweiligen Poleis» (S. 50). Zusammengenommen war die Wahrnehmung der hellenistischen Platzanlagen nach Sielhorsts Beobachtungen durch die veränderte monumentalisierte Fassung mit Stoai und Statuen nicht dem Zufall überlassen, sondern ein auf sich abgestimmtes Gesamtkonzept mit vorgegebenen Blickachsen, sozusagen ein ‘optisches Leitsystem’. Im anschließenden und zugleich abschließenden Kapitel der systematischen Analyse werden die inhaltlichen Bezüge der auf diese Weise neu gestalteten Platzanlagen thematisiert (S. 51–66). Dabei bedient sich die Verf. mit Bezug auf Hans Lauter einer semantischen Betrachtungsweise. Der Ansatz setzt ein zeichenhaftes Beziehungsgeflecht zwischen Architektur, ihren baulichen Räumen und ihren Gestaltern voraus, dessen Inhalte ‘gelesen’ bzw. dechiffriert werden und so «Auskünfte über die sie prägende und von ihnen geprägte Gesellschaft geben können» (S. 51). Nach Sielhorst ist hierbei die Gesamtheit der Beziehungen allein in einer Zusammenschau der drei zentralen Bereiche Umgebung, Platzrand und Platzfläche aufzuzeigen. Nach ihren Ausführungen wird beispielsweise deutlich, dass Standbilder samt ihren Inschriften und den sie rahmenden Gebäuden in ein erläuterndes Wechselspiel eintraten, weshalb die Ehrenstatuen gewissermaßen als erklärende ‘Hinweisschilder’ für Gebäude zu interpretieren sind. Inhaltlich nahmen sie in ihren genealogischen oder allegorischen Anspielungen Bezug auf die Innen- und Außenpolitik der Polis. Trotz der Hervorhebung Einzelner blieb jedoch durch ihre Platzierung im ‘Statuenwald’ bzw. ihrer Einreihung in eine genealogische Abfolge der egalitäre Charakter der Polisgesellschaft gewahrt. Nach der Besprechung der einzelnen Bereiche und auch bestimmter Bauformen wie z.B. der Stoa oder der Treppenanlage steht am Ende das zentrale Ergebnis einer ‘semantischen Dichte’, wie sie zuvor bei Agorai nicht anzutreffen gewesen sei. Diese Beobachtungen folgen der Prämisse, dass sich in den Platzanlagen eine ‘kollektive Semantisierung’ manifestiere (S. 51, 64). Zur näheren Erläuterung dieser und weiterer Ergebnisse werden in dem Zwischenergebnis der ‘systematischen Analyse’ soziale Aspekte thematisiert, die zur spezifischen Gestaltung der Agorai geführt haben sollen. Bezugnehmend auf architektursoziologische Ansätze wird in dem Kapitel (S. 67–77) die Verfasstheit der an diesen Orten agierenden Gesellschaft hinterfragt. Als eine Kernthese der Arbeit wird der Wandel zu einer dichteren Bebauung im 2. Jh. v. Chr. damit erklärt, dass nach der Repräsentationssucht einzelner Herrscher im 3. Jh. v. Chr. nun GNOMON 4/89/2017 J. Lehmann: Sielhorst, Hellenistische Agorai 357 verstärkt eine Poliselite den Drang nach einer Selbstdarstellung an diesen öffentlichen Plätzen verspürte. Demnach wären die Agorai spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr die Schaubühne Einzelner, sondern das Spiegelbild zumindest des tonangebenden Teils der Polisgesellschaft gewesen. Für sie spielte nach der Verf. das kollektive Gedächtnis der Polis eine große Rolle, indem ihre Geschichte durch solche Monumente wie die Ehrenstatuen oder althergebrachte Bauten thematisiert und baulich inszeniert wurde. Demzufolge habe sich die Agora als Ort einer kollektiven Identität präsentiert, die Garant für die Selbstvergewisserung der gemeinsamen Werte nach innen und außen sei. Ein wesentliches Ergebnis ist ferner, dass sich Sielhorst trotz der unstrittigen Zurückdrängung von Funktionen gegen die oft postulierte ‘Entpolitisierung’ und ‘Musealisierung’ hellenistischer Agorai wendet.1 Dem setzt sie eine beständige Aktivität der Bürger entgegen, die sich in der Fortführung politischer Handlungen oder eben der mannigfachen Errichtung von Monumenten und Gebäuden samt ihren inhaltlichen Bezügen an diesen Orten äußere. Als ein roter Faden im auswertenden Teil der Arbeit erweist sich die Erkenntnis, dass die aufgedeckten Phänomene oft einen gegensätzlichen Charakter besitzen; d.h. z.B. die statuarische Hervorhebung eines Einzelnen versus die Einbindung in die Gemeinschaft oder die Orientierung der Plätze nach innen versus ihre Öffnung nach außen. Dieser Dualismus wird als ein Wesenszug hellenistischer Zeit herausgestellt. Zur Offenlegung und Einsicht in die Grundlagen ihrer Thesen und Ergebnisse folgt in einem zweiten Teil der Arbeit die detaillierte Einzelanalyse von insgesamt 16 Agorai (S. 78–171). Ihre intensivere Betrachtung resultiert aus der allgemein besseren Überlieferungssituation. An den Beispielen soll die grundsätzliche Heterogenität von Platzanlagen aufgezeigt werden, da die jeweilige Gestaltung von Agorai durch ‘Eigenlogiken’ beeinflusst sei. Um unterschiedliche Parameter zu bedenken, werden sie nach den Kriterien ihrer Form (gewachsene/neugegründete Stadt), Funktion und Topografie gruppiert. Nach dieser Reihenfolge wird ihre Entwicklung in Phasen vom 4. Jh. v. Chr. bis in römische Zeit besprochen. Trotz des Anspruchs, die mögliche Vielfalt anhand der gewählten Aspekte solcher Platzanlagen zu demonstrieren, dienen diese Beispiele der Verf. aber im Grunde dazu, wiederum allgemeine Charakteristika von Agorai offenzulegen. Hierzu gehört z.B. die oft betonte allseitige Rahmung solcher Platzanlagen mit Stoai ab dem 4. Jh. v. Chr. Die einzelnen Resultate werden in einem eigenen Ergebniskapitel (S. 172–180) samt einem Vergleich mit anderen öffentlichen Platzanlagen und der althistorischen Forschungstendenz zusammengeführt. Nach einem Ausblick auf die Entwicklung der Platzanlagen in römischer Zeit, einem kurzen englischen und französischen Resümee sowie einem ausgiebigen Literaturverzeichnis schließt die Arbeit mit dem umfangreichen Katalog ab. In der Summe zeigt die Studie eine gründliche Vorgehensweise bei der Wiedergabe zahlreicher Details und erfreut sich einer präzisen, sachlichen Sprache. Zudem zeichnet sich die Arbeit durch eine klare Gliederung aus. Doch wäre eine umgekehrte Reihenfolge der ‘systematischen Analyse’ und detaillierten ‘Einzel- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Vgl. hierzu die derzeitigen althistorischen Tendenzen, bspw.: V. Grieb, ‘Hellenistische Demokratie. Politische Organisation und Struktur in freien griechischen Poleis nach Alexander dem Großen’ (Stuttgart 2009). GNOMON 4/89/2017 J. Lehmann: Sielhorst, Hellenistische Agorai 358 analyse’ der 16 Fallbeispiele überlegenswert gewesen, um dem Leser zunächst die Befundlage als Einstieg darzulegen und erst im Anschluss die auswertenden Folgerungen zu präsentieren. In der jetzigen Abfolge wirken die beiden eigentlich aufeinander aufbauenden Textteile bisweilen etwas voneinander gelöst, und die Gliederung setzt schon zu Beginn einen gewissen Kenntnisstand des Lesers voraus. Mit der angestrebten, zusammenhängenden Analyse hellenistischer Agorai hat sich die Autorin einer besonderen Herausforderung gestellt. Wie sie selbst wiederholt anmerkt, zeichnen sich die Anlagen in hellenistischer Zeit nämlich durch eine große Heterogenität aus, was eine kohärente Betrachtungsweise grundsätzlich erschwert. Trotz der Ausgangssituation kann sie in ihrem Vorgehen Gemeinsamkeiten und Entwicklungstendenzen solcher Anlagen in hellenistischer Zeit prägnant herausarbeiten. Gleichzeitig stößt die gewählte Methode immer wieder an ihre Grenzen, wenn z.B. so benannte ‘Sonderfälle’ die angestrebte Kohärenz durchbrechen und so die Komplexität des Themas erneut offengelegt wird. Angesichts der immer wiederkehrenden Abweichungen stellen daher die Analyse von Eigenlösungen einzelner Städte sowie der Nachweis von Differenzen von Stadt zu Stadt bzw. von Region zu Region einen vielversprechenden Ansatz dar (vgl. S. 177). Hierdurch könnten regional- und lokalspezifische Eigenheiten aufgedeckt werden, die tiefere Einblicke in die gesellschaftliche Verfasstheit der jeweiligen Bürgerschaft in hellenistischer Zeit, abseits der von Sielhorst beschriebenen kollektiven Polisidentität, erlauben würden, zumal die genauen Inhalte der von ihr postulierten ‘kollektiven Semantisierung’ an diesen Plätzen (bis auf die allgemein bleibende Deutung einer sich hierdurch generierenden Identität der Polis durch ihre Elite) nicht näher herausgearbeitet werden können. So bleiben zentrale Fragen offen: Wer waren abgesehen von der abstrakt bleibenden Poliselite in diesem Beziehungsgeflecht eigentlich die Sender und wer die Empfänger? Was war durch die ‘semantische Dichte’ intendiert bzw. welche konkreten Anlässe (wie beispielsweise Prozessionen, Riten, Feste) oder veränderten Gesellschaftsstrukturen führten möglicherweise zu der urbanen Entwicklung der Platzanlagen mit einem Kumulationspunkt im 2. Jh. v. Chr.? Mit dem verfolgten Ansatz einer dichten Beschreibung und der Fülle an Beispielen konnten Erkenntnisse auf einer solchen Mikroebene selbstverständlich nicht mehr aufgedeckt werden und sind daher künftigen Arbeiten überlassen. Hierzu hat Sielhorst eine bemerkenswerte Grundlage geschaffen. Ihr Verdienst ist es, erstmals eine monographische Abhandlung hellenistischer Agorai verfasst zu haben, die auf eine neuartige Weise weitgehend bekannte Entwicklungstendenzen der Anlagen in einer umfassenden Synthese auswertet und der Forschungswelt zur Diskussion stellt. Ob sich dabei der von ihr gewählte Weg einer im Grunde architektursoziologischen Studie bewährt, wird sich in Zukunft zeigen. Madrid Janine Lehmann GNOMON 4/89/2017

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.