Markus A. Gruber, Simon Goldhill: Sophocles and the Language of Tragedy. in:

Gnomon, page 304 - 310

GNO, Volume 89 (2017), Issue 4, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2017-4-304

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C.H.BECK, München
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M. A. Gruber: Goldhill, Sophocles and the Language of Tragedy 304 Simon Goldhill: Sophocles and the Language of Tragedy. Oxford: Oxford UP 2012. 296 S. (Onassis Series in Hellenic Culture.) 22,50 £. Wie nähert man sich als Philologe der Neuzeit einem Dichter der Antike wie Sophokles? Die Frage erscheint ebenso simpel wie sie grundsätzlich ist, und der Versuch einer Antwort dürfte sich schnell auf die Schlagworte ‘Lesen’ und ‘Übersetzen’ sowie das hieraus resultierende ‘Verstehen’ konzentrieren. Der Zugang selbst aber muß über die Sprache erfolgen. ‘Sprache’ verweist jedoch nicht nur auf das, was Sophokles zum Ausdruck seiner Gedanken verwendet hat und was es zu entschlüsseln gilt, sondern auch auf diejenige Sprache, derer wir uns heute bedienen, um unsere Ansichten über Sophokles zu formulieren. Das Sprechen über einen literaturhistorischen Gegenstand, der sich selbst nur in Sprache manifestieren kann, wird somit gleichsam zu einem σύμβολον, zu einem gleichberechtigten, aber auch gleichermaßen zu problematisierenden Bestandteil eines Gesamtphänomens: Literarische Produktion und deren wissenschaftliche oder auch künstlerische Rezeption sind, aufs Ganze betrachtet, nicht voneinander zu trennen und stellen im Fortlaufen der Geschichte einen ineinander greifenden Prozeß dar, in welchem Rezipienten versuchen, die vom Dichter – ob bewußt oder unbewußt – gebotenen Leerstellen zu füllen. Besondere Bedeutung hat die jeweilige historische Verortung des Rezipienten, der immer Kind seiner Zeit ist und verschiedenen Einflüssen politischer, gesellschaftlicher und kultureller Art unterliegt; ob er dieses Ausgesetztsein auch wahrnimmt und kritisch reflektiert, ist ein eigenes Problem. Diese Doppelheit des Phänomens Sprache in der Auseinandersetzung mit Sophokles ist Gegenstand des Buches von Simon Goldhill (G.), welches denn auch zwei entsprechende Hauptteile aufweist: ‘Tragic Language’ und ‘The Language of Tragedy’. Im ersten Teil interpretiert G. verschiedene Probleme der sophokleischen Tragödie mit seiner vom Dekonstruktivismus beeinflußten, seit der aufsehenerregenden Dissertation1 in vielen Beiträgen verfolgten Methode: die Sprache der dramatis personae sei allenthalben von Doppelbödigkeiten geprägt. Damit verbindet sich eine ʻpolitisierende’ Sichtweise von G. auf die Tragödie, die in erster Linie ein kommunikatives Medium der Auseinandersetzung mit den Werten der demokratischen Polis Athen sei. Bewegt sich G. hier auf den von ihm selbst gebahnten Pfaden,2 so sucht der zweite Teil nachzuzeichnen, wie im 19. Jahrhundert das Sprechen über Sophokles – anders ausgedrückt: die damals einsetzende wissenschaftliche Diskussion – beginnt. G.s Schlüsselterminus «language» verklammert die beiden Buchteile in einer etwas bemühten Weise; die zweite Hälfte könnte auch mit ‘Forschungs- und Rezeptionsgeschichte’ betitelt werden. Der erste Teil bietet in fünf Kapiteln detaillierte Interpretationen zu einigen Problemen der Sophoklesforschung. G.s feinsinnige Ausführungen verfolgen alle Verästelungen der Sprache, einschließlich der Verwendung von Partikeln und der Metrik, und reichen in ihrer Dichte oft an einen traditionellen Kommentar heran. Die einzelnen Kapitel sind in sich klar und nachvollziehbar aufgebaut und stei- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 S. Goldhill: ‘Language, sexuality, narrative. The Oresteia’, Cambridge 1984; vgl. die kritische Rezension von H. Neitzel, diese Zeitschr. 58 (1986) 202–205. 2 Teile des Buches sind zudem bereits anderweitig erschienen (10). GNOMON 4/89/2017 M. A. Gruber: Goldhill, Sophocles and the Language of Tragedy 305 gern sich gegen Ende zu pointierten Thesen, die in ihren Zuspitzungen provokativ wirken sollen. Kapitel 1, ‘Undoing: Lusis and the Analysis of Irony’ (13–37), untersucht die Verwendung von Lexemen des Stammes λυ- in der Figurenrede unter dem Signum dessen, was G. «irony» nennt – eine dramatis persona wie Iokaste hofft auf λύσιν τιν’ … εὐαγῆ (Oid. Tyr. v.921), doch könne sich der Zuschauer schon denken, daß die erwünschte Auflösung des Rätsels um die Identität des Oidipus anders ausgehen werde. G. sieht «irony» zum einen als Mehrwissen des Zuschauers, zum anderen sei in der Sprache eine den Figuren nicht bewußte «ambiguity» (23) angelegt. Doch greift das Problem der Ironie viel weiter, ist sie doch nicht nur rhetorischer Gestus: ‘Ironie’ wurde im 19. Jahrhundert als Ausdruck einer Geistes- und Lebenshaltung konzeptualisiert; hierbei zog gerade Sophokles die Aufmerksamkeit auf sich, zumal als 1833 der – wohl von den deutschen Romantikern beeinflußte – Anglikanerbischof Connop Thirlwall einen Beitrag ‘On the Irony of Sophocles’ publizierte.1 Auf diese Zusammenhänge geht G. später in seiner ‘Coda’ (hier 252–256) ein, da sich für ihn an dieser Fragestellung exemplarisch der Zusammenhang zwischen Textinterpretation der sophokleischen Sprache und dem (forschungsgeschichtlich zu untersuchenden) Sprechen über einen solchen Gegenstand offenbart. Jedoch wird das Problem von G. insgesamt zu voraussetzungsreich dargestellt; daher sollte man vorab eine Einführung zur Hand nehmen2 – dies insbesondere deshalb, weil der Terminus innerhalb der Klassischen Philologie uneinheitlich und teils zu wenig reflektiert verwendet wird: Hatte Thirlwall noch drei Unterformen der Ironie angenommen und klar benannt (‘verbal’, ‘dialectical’ und ‘practical’; letzterer entspringe die ‘tragic irony’), so findet sich bei G. neben einer bloßen «irony» (zuerst 13, dann durchgehend) unvermittelt auch «dramatic irony» (25), während man in der deutschsprachigen Forschung ja doch zumeist ‘tragische Ironie’ verwendet, was wiederum eine durchaus entscheidende Attribuierung vermittels eines nicht weniger schwierigen Begriffs darstellt. Und im Eigentlichen steht diese Idee in Bezug zu dem, was Friedrich Schlegel schon um 1800 als ‘romantische Ironie’ propagiert hatte. Sein Bruder August Wilhelm indes hielt Ironie und Tragödie für unvereinbar: «Wo das eigentlich Tragische eintritt, hört freilich alle Ironie auf».3 Somit ist zu konstatieren, daß es sich bei der Frage der (sophokleischen) Ironie und bei deren Terminologisierung um ein eminent rezeptionsgeschichtliches Problem handelt, welches durch mangelnde begriffliche Schärfe belastet ist, und von dieser kann auch G. sich nicht recht freimachen. Grundlegend ist aber sicherlich die Einsicht, daß das bedeutungsschwangere Auftreten einer Vokabel wie λύσις gerade gegensätzlich auf Aporie und Scheitern hindeuten kann. Was diesen Lösungsgedanken betrifft, so handelt es sich jedoch nicht um ein Spezifikum des Sophokles, da auch bei Aischylos die Figuren so ihre Hoffnung auf eine Beendigung des Konflikts ausdrücken (z.B. Sept. v.135, Hik. v.1065, Cho. v.805) – wofür aber auch die Verwendung anderer Lexeme und Metaphorik herhält, so ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 In: The Philological Museum II (1833) 483–536. 2 Zum Beispiel E. Behler: ‘Klassische Ironie, Romantische Ironie, Tragische Ironie. Zum Ursprung dieser Begriffe’, Darmstadt 1972. 3 ‘Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur (27. Vorlesung), 2. Ausgabe, 3. Teil’, Heidelberg 1817, 72. GNOMON 4/89/2017 M. A. Gruber: Goldhill, Sophocles and the Language of Tragedy 306 aus dem Bereich der Medizin. Ein rein lexikologischer Ansatz erscheint defizitär. Insgesamt rührt diese Thematik an die Grundfragen der Tragödieninterpretation, läßt sich aber weder auf einzelne Signalvokabeln beschränken noch ausschließlich mit dem in sich selbst unscharfen Begriff ‘irony’ fassen. Kapitel 2 wartet angesichts seines Titels, ‘The Audience on Stage. Rhetoric, Emotion, and Judgement’ (38–55), mit einer Überraschung auf, dürfte man doch zunächst daran denken, daß hier der Chor besprochen würde. Tatsächlich aber sieht G. bei Sophokles die Möglichkeit, daß auch eine dramatis persona als «focalizer» (41) für das Publikum fungieren könne. So sei Odysseus in der Er- öffnungsszene des Aias vv.71–117 ein stummer «critical observer» (42) und ermögliche dem Zuschauer eine Distanzierung von dem Wortwechsel zwischen Athene und Aias. Es ist gewiß nicht in Abrede zu stellen, daß jede Aktion und Reaktion einer Figur zur Polyphonie eines Stückes beiträgt, aus welcher sich so etwas wie ein Gesamtsinn ergeben kann. Die Schlußbemerkung zu diesem Kapitel liest sich jedoch wie ein typischer Deutungsversuch der Funktion des Chores: «The effect of putting an audience on stage is to provide a mirror to the audience of its own process of reaction. It works to distance the audience from a direct emotional absorption and to see itself watching» (54). In solchen Zuspitzungen liegt die Gefahr einer Nivellierung der Funktionen von Chor und Einzelfiguren. Problematisch ist außerdem, daß G. diese von ihm so gesehene Technik des Tragödiendichters Sophokles mit dem Verfremdungseffekt Bertolt Brechts vergleicht, den dieser für die Theorie des Epischen Theaters und seine ‘Stücke’ eingeführt hat, so auch für eine 1948 produzierte Antigone: ‘Die Antigone des Sophokles nach der Hölderlinschen Übersetzung für die Bühne bearbeitet’. Brecht fertigte hiermit allerdings gerade keine Tragödie an, sondern ein ‘Schauspiel’ belehrenden Charakters. Die antike Tragödie aber setzte auf der Zuschauerseite ebenso auf Distanzierung von den Figuren wie auf sympathetische Annäherung – auf ein Wechselspiel, welches beim Rezipienten sicher auch für Befremden und Selbstreflexion sorgen soll. Aber als Vorläufer des Epischen Theaters (welches sich zudem dezidiert antiaristotelisch gibt) läßt sich Sophokles nicht sehen. Ehe G. den sophokleischen Chor behandelt, schaltet er Kapitel 3 ein, das unter der Überschrift ‘Line for Line’ (56–80) der Stichomythie gewidmet ist. An verschiedenen Beispielen (Ant. v.726ff, Phil. v.100ff, v.804ff, El. v.616ff) dokumentiert G. durch ausführliches ‘close reading’, wie dynamisch und expressiv die sophokleische Stichomythie ist, und folgert, daß diese Sprechweise den Zusammenbruch menschlicher Kommunikation zeigen könne, ja sogar die «nastiness of what people do to each other with words» (80). In Kapitel 4, ‘Choreography’ (81–108), legt G. Wert auf die Prämisse, daß der Chor des Sophokles im Kontext der überkommenen Chorkultur gesehen werden müsse; es lohne sich auch insofern, auf die der kollektiven Chorstimme inhärente Spannung zwischen dem Anspruch auf autoritatives Sprechen und der häufigen Fehleinschätzung des tragischen Geschehens zu achten. G. beobachtet im Zuge seiner auch auf die Metrik abhebenden Interpretationen eine große Flexibilität in der Konstruktion des Chorischen und verwahrt sich gegen Pauschalisierungen vom Typus ‘the Greek Chorus’, deren wissenschaftsgeschichtliche Provenienz dann im zweiten Teil besprochen wird. So feinfühlig und einsichtsvoll die Interpretationen im einzelnen sind: Es ist hier etwas irreführend, wenn G. laufend von GNOMON 4/89/2017 M. A. Gruber: Goldhill, Sophocles and the Language of Tragedy 307 «choral voice» (84) und «voice of the chorus» (90) spricht – so auch die Titel der beiden Unterkapitel –, weil dadurch gerade im Unterschied zum nachfolgenden Kapitel 5, ‘The Chorus in Action’ (109–133), der Eindruck erweckt wird, daß es hier zunächst um das Chorlied im engeren Sinn ginge, ehe der Chor als Mitspieler besprochen würde. Tatsächlich aber wählt G. für seine drei Interpretationen zur «lyric voice» (ein Terminus, der in Kapitel 4 ebenfalls Verwendung findet) ausgerechnet Partien aus, in denen der Chor in Kontakt mit den dramatis personae steht; in Kapitel 5 wird die Handlungsbeteiligung des Chores dann anhand der Bauform des Kommos demonstriert (wozu ein Kapitel über den Philoktet als ganzen tritt). Somit wirkt die Behandlung des Chores in der Disposition ein wenig unglücklich, da keine große Trennschärfe (Chorlied – Handlung) mehr zu erkennen ist, wie sie die ältere Forschung zwar oft zu schematisch, aber doch hilfreich angewandt hat. G.s Darstellung der Komplexität und Flexibilität des Mediums Chor (zusammenfassend 131) tritt streckenweise als zu verwickelt in sich selbst in Erscheinung und droht am Ende paradoxerweise ins Nivellieren abzugleiten – eine Tendenz, die sich insgesamt für den ersten Teil abzeichnet. Dies ändert jedoch nichts daran, daß die Detailinterpretationen jeden Sophokleskenner inspirieren dürften, zumal sie in ihrer ‘Schärfe’ provozierend im ursprünglichen Wortsinne sind. Den Auftakt zum zweiten, rezeptionsgeschichtlichen Teil bildet das gleichermaßen einführende wie zentrale Kapitel 6, ‘Generalizing about Tragedy’ (137– 165). Dreh- und Angelpunkt ist für G. der deutsche Idealismus, der in der Sattelzeit – mit ihrem Höhepunkt um 1800 – überhaupt erst eine Theorie der Tragödie und des Tragischen aufgestellt habe. Infolge der philosophischen Initialzündung durch I. Kant haben Denker wie G. W. F. Hegel, F. W. Schelling und die Brüder F. und A. W. Schlegel im Zuge der Ausarbeitung ihrer eigenen Systeme immer auch zur Literaturgeschichte – von der älteren bis hin zur zeitgenössischen – Stellung bezogen. Mit der Einsetzung des Individuums als Erkenntnis-, Urteils- und Handlungsinstanz und der damit einhergehenden Bewußtwerdung einer Trennung des Subjekts von einem Objekt habe sich, so G., auch eine Vorstellung davon entwickelt, was ‘die Tragödie’ und ʻdas Tragische’ seien. G. führt weiter aus, daß mit der Fortwirkung der Dialektik Hegels (einschließlich des Konzepts der ʻSittlichkeit’) auf andere Denker wie F. Nietzsche, S. Kierkegaard, T. Eagleton und P. Szondi die Tragödie – vor allem die des Sophokles – geradezu das Diagnosemedium des neuzeitlichen Menschen und der conditio humana geworden sei. G. sieht auch den Philhellenismus der noch nicht staatlich geeinten Deutschen als Ursache dafür, daß sich die Tragödie als ein schier unerschöpfliches Reservoir für die geistige Fortentwicklung etablieren konnte; dieses nationale Momentum sei bei J. G. Herder, F. Hölderlin und R. Wagner zu erkennen. Doch auch für das viktorianische England macht G. einen starken Einfluß des deutschen Idealismus aus, so daß sich in der Sophoklesforschung von R. C. Jebb bis hin zu B. Knox eine Fixierung auf bestimmte Fragen wie die nach dem tragischen Helden, seinem Entscheidungskonflikt und seiner Schuld ergeben habe.1 Schließlich habe auch der vom Christentum geprägte Orientierungsrahmen der Denker, Philologen, Lehrer und Künstler in ganz Europa einem metaphysisch-philosophischen Zugriff Vorschub geleistet. Der Preis für diese Erfolgsge- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 R. C. Jebb: ‘Sophocles. The plays and fragments’, Cambridge 1883–1886; B. Knox: ‘The Heroic Temper. Studies in Sophoclean Tragedy’, Berkeley 1964. Vergeblich dagegen sucht man im Literaturverzeichnis Namen wie W. Schadewaldt, H. Diller, A. Schmitt, E. Lefèvre; auch H. Flashars Buch von 2000 fehlt. Angefügt sei hier, daß die ohnehin recht wenigen deutschsprachigen Titel eine Reihe von Druckfehlern enthalten; auch die Erfassung der Primärliteratur befremdet, z.B. «Schlegel, F. (2001)». GNOMON 4/89/2017 M. A. Gruber: Goldhill, Sophocles and the Language of Tragedy 308 schichte aber, und hier hakt G. fortwährend ein, sei eine zu pauschale Sicht auf die Griechische Tragödie gewesen, denn man habe meist nur mit Allgemeinbegriffen und Wertungen wie «tragedy itself», «true tragedy», «the tragic» oder auch «the chorus» (139, vgl. 7) hantiert. Der entscheidende Umschwung sei erst im ausgehenden 20. Jahrhundert mit der Rekontextualisierung der Gattung in ihre historischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen erfolgt. Was das Sachliche betrifft, so wird man G. bei dieser umfassenden Darstellung zustimmen können. Doch vereinfacht er mit dem zuspitzenden Diktum: «ʻThe tragicʼ is a modern conceit» (146) die Gemengelage. Man hat den Eindruck, als wolle G. den – von ihm so gesehenen – ‘pauschal-philosophischen’ Ansatz gegen den ‘politisch-dekonstruktiven’ ausspielen, der seit etwa drei Philologengenerationen große Akzeptanz erfährt und zumindest in der englischsprachigen Forschung die offenbar wichtige Frage nach dem Tragischen in seiner Interdependenz von Gott, Schicksal und Mensch verdrängt zu haben scheint. Dies lehrt auch ein Blick in die Indices der derzeit maßgeblichen Companions, wo entsprechende Schlagworte schon gar nicht mehr zu finden sind.1 Eine Idee des Tragischen sieht G. in der Antike noch gar nicht angelegt; so habe Aristoteles lediglich eine «theory of tragedies, not a theory of the tragic» (145) geliefert. Immerhin aber doch verwendet Aristoteles recht spezifisch τραγικός (so Poet. 1453b39. 1456a21), bringt eine allgemeine, rezipientenbezogene Bestimmung der Gattung, operiert mit der Kategorie ‘Pathos’ und kommt mit seiner Vorstellung von der Peripetie (1452a22–29) in die Nähe der von der Moderne so bemühten Dialektik. Damit hat Aristoteles zweifellos mehrere Keimzellen für die Poetiken der Neuzeit geliefert – die nun aber ihrerseits, sozusagen trotz einer Grundorientierung an dem ‘apolitischen’ Aristoteles, die eigenen, gewiß neuartigen Konzeptualisierungen des Tragischen mit einem vitalen Interesse für Staat und Gesellschaft als Thema verbinden, also Politisches durchaus im Blick haben; bekanntlich waren in dieser Hinsicht für Hegel die Antigone und auch die Eumeniden Mustertragödien. Hierzu paßt der auffallende Befund, daß die Zeit um 1800 noch den beiden Oidipus-Stücken, vor allem dem Tyrannos, Interesse entgegenbrachte, während die anderen vier Tragödien eine untergeordnete Rolle spielten. Handelt es sich hier um eine Absage an das Apolitische? Es scheint so, und dies wäre zeitgeschichtlich erklärbar. Doch warum hat man dann wiederum Aischylos und Euripides und deren eminent ‘politische’ Tragödien weniger wahrgenommen? Die Antwort hierauf dürfte in einer weiteren neuzeitlichen Konzeption begründet liegen, der Suche nach dem ‘Klassischen’ und der ‘Klassik’. Mit diesem Problem, welches für eine Einschätzung der Erfolgsgeschichte gerade der sophokleischen Tragödie wesentlich ist, beschäftigt sich G. bei seiner Rekonstruktion der Idee des Tragischen nicht näher.2 Eine Untersuchung dieses Zusammenhangs stünde freilich unter der Kautele, daß auch die Vorstellung eines ‘klassischen’ Sophokles rezeptionsgeschichtlich vorbelastet ist. ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 A. Markantonatos (ed.): ‘Brill’s Companion to Sophocles’, Leiden u. Boston 2012; K. Ormand (ed.): ‘A Companion to Sophocles’, Malden (MA) u. Oxford 2012. Vgl. demgegenüber den Titel eines bereits älteren Sammelbandes: M. S. Silk (ed.): ‘Tragedy and the Tragic. Greek theatre and beyond’, Oxford 1996; vgl. auch die Bestandsaufnahme von H. Flashar: ‘Sophokles. Dichter im demokratischen Athen’, München 2000, 188–195. 2 Auch im Index findet sich kein entsprechender Eintrag. GNOMON 4/89/2017 M. A. Gruber: Goldhill, Sophocles and the Language of Tragedy 309 Was G.s sicher berechtigte Kritik an überholten Allgemeinurteilen betrifft, so steht jede Auseinandersetzung mit der Tragödie in Gefahr, einen selektiven Blick zu werfen (der auch ins Pauschalisieren abgleiten kann). Ist es bei Platon eine pädagogische Sicht, so bei Aristoteles eine technisch-analytische; haben die von Aufklärung, Klassik und Romantik inspirierten Denker und Literaten über Epochen hinweg die abstrahierenden Konzepte des Tragischen (und des Klassischen) entwickelt, so scheint sich ein Teil der Forschung der letzten etwa drei Dezennien einer offenbar als heikel empfundenen Frage schon gar nicht mehr stellen zu wollen und konzentriert sich zu stark auf den gesellschaftlichen Kontext der Gattung. Jedenfalls aber kann die Suche nach dem Tragischen nicht aus der Luft gegriffen sein, wenn sie derartige Wellen geschlagen hat. Dies aber muß im inneren Gehalt der Griechischen Tragödie begründet liegen: Eine bestimmte Wahrnehmung der Welt ist Sophokles nicht abzusprechen. Und ein Dichter, der Tragödien zur Aufführung bringt, in denen durchgehend existentielle Fragen gestellt werden, steht auf einem denkerisch-dichterischen Grund, in einer Tradition, der man ebenfalls einen intensiven Frageimpuls unterstellen muß, was das Verhältnis von Gott und Mensch, Leben und Tod, Familie und Staat betrifft. Ohne Zweifel hat die Tragödienforschung von den Entwürfen der Zeit um 1800 nicht nur ihren Ausgang genommen, sondern auch profitiert; damals griff man fürwahr ‘umfassend’ und im großen Schwung auf verschiedene Werke der europäischen Literatur zu, von der Antike über Shakespeare bis hin zum noch lebenden Goethe, doch traf dieses Vorgehen den Nerv der Zeit. Die damaligen Ideengeber waren freilich keine Philologen, sondern Intellektuelle und Publizisten, und wohl gerade deshalb wirkten sie schon ‘vorwissenschaftlich’ so in die Breite. Gewiß haben Hegel und seine Zeitgenossen und Nachfolger (Hölderlin vielleicht ausgenommen) ihren Sophokles nicht Wort für Wort so gelesen und interpretiert, wie es ein Altphilologe wie G. im ersten Teil seines Buches mustergültig vorführt; abgesehen von sehr guten Kenntnissen des Altgriechischen setzt dies auch die Präsenz der Klassischen Philologie als einer Universitätsdisziplin voraus, als welche sie sich im 19. Jahrhundert aber erst entwickelte. Nach Kapitel 6 als dem Herzstück des ganzen Buches kreist ‘Generalizing about the Chorus’ (166–200) um die ebenso bekannte wie seit jeher kritisierte Einschätzung A. W. Schlegels, daß der tragische Chor «der idealisierte Zuschauer» sei; hingewiesen sei ergänzend auf F. Grillparzer, der sich hierzu in einer weithin unbekannten Schrift ‘Über die Bedeutung des Chors in der alten Tragödie’ schon 1817 äußerte. G. verfolgt die damalige Diskussion auch in Bezug auf die Überlegungen zum Verhältnis von Wort und Musik in der Romantik und die zeitgenössischen Opernproduktionen. Von speziellem Interesse ist Kapitel 8, ‘The Language of Tragedy and Modernity. How Electra lost her Piety’ (201– 230), wo G. detailliert nachvollzieht, wie sich die Interpretation der Elektra wandelte: Habe die Hauptfigur im viktorianischen England das Muster für das damals vorherrschende Frauenbild abgegeben, so hätten Einflüsse von außerhalb der Klassischen Philologie (H. v. Hofmannsthal, nach E. Rohde) die dunkle Seite der Elektra hervorgekehrt, so daß sich nun ein «dark reading» entwickelt habe – auch seitens des Gräzisten R. P. Winnington-Ingram, der noch im ‘alten’ Erziehungssystem sozialisiert worden sei. Daneben aber habe die traditionelle, den Muttermord nicht problematisierende Deutung bis in die neueste Zeit Bestand, GNOMON 4/89/2017 M. A. Gruber: Goldhill, Sophocles and the Language of Tragedy 310 vor allem in kürzer gefaßten Handbüchern.1 Kapitel 9, ‘Antigone and the Politics of Sisterhood: The Tragic Language of Sharing’ (231–248), greift schließlich feministische Interpretationen der Antigone auf, die sich zwar, so G., antihegelianisch gäben, jedoch ebenfalls die Rolle der Ismene unterschätzten. In der Zusammenfassung, ‘Reading, With or Without Hegel’ (249–263), betont G. die Wichtigkeit des Selbstbewußtseins eines Philologen von der eigenen Zeitgebundenheit. Dabei sieht er jeden, der sich zu jeder Zeit mit einem antiken Werk beschäftigt, als quasi gleichberechtigten Partner in der «performance» eines von Sophokles damals nur gelieferten «scripts» (262f). Der Romantiker Friedrich Schlegel würde dem wohl zustimmen: Für ihn bestand seine neue ‘progressive Universalpoesie’ darin, daß dichterische Texte eigentlich nur Fragmente seien, die vom Leser ständig fortentwickelt würden – die Theorie der ‘Interpretationsgemeinschaft’ hat nicht erst die Dekonstruktion erfunden. Wie aber soll man G.s berechtigten Appell an das Bewußtsein über die historische Verortung des eigenen Werkes weitertragen, bezieht man die Forderung nun auf sein Buch? Abgesehen von den Methoden, die sich selbst überholen können, kommt diese Frage auch im Kontext der Universitätsdisziplin Klassische Philologie auf, welche den Prävalenzen diverser äußerer Instanzen ausgesetzt ist. G.s Buch wurde 2013 mit dem (von der National Bank of Greece gestifteten) ‘Runciman Award’ der Anglo-Hellenic League ausgezeichnet, womit gleichsam der institutionelle Rahmen von Wissenschaft und Universität des ‘Alten Europa’ erscheint. Hier könnte sich für Vertreter einer ‘Zukunftsphilologie’ (mit diesem Kampfbegriff hatte U. v. Wilamowitz-Moellendorff 1872/73 auf Nietzsches revolutionäres Buch ‘Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik’ reagiert) so etwas wie eine zeitgeschichtliche Bedingtheit auch von G.s Buch offenbaren. Unter eben dem Titel ‘Zukunftsphilologie: Revising the Canons of Textual Scholarship’ untersucht gegenwärtig ein Forschungsprogramm der FU Berlin die nach eigener Darstellung bisher vernachlässigte außereuropäische, präkoloniale Wissenschaft; das thematisch wie methodisch durchaus konservativ anmutende Programm ist – es mag ein Zufall sein – ausgerechnet an der ‘Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien’ angesiedelt. Sollten einmal auch Sophokles und die Idee des Tragischen Gegenstand der dort avisierten ʻWeltphilologie’ sein, so wäre dies in der Tat ein weiterer progressiver Schritt. G. weist abschließend schlicht auf die Freude hin, die man Sophokles unabhängig von den jeweiligen «regimes of knowledge» (263) zu jeder Zeit entgegenbringen könne. Wie auch immer in Zukunft an den Universitäten sogenannte Schwerpunktsetzungen den Umgang mit ‘Wissen’ bestimmen und variieren wollen: Der Philologe kann dem gegenwärtigen Regime der Zahl seine unabhängige Wertschätzung einer ‘Größe’ wie Sophokles entgegenhalten – und die eine Konstante hierbei ist zweifellos die Sprache. Dies ist vielleicht eine weiterführende Einsicht, die man aus G.s oft provokantem, aber aufs Ganze gesehen sehr perspektivreichem Buch ziehen kann. Regensburg Markus A. Gruber ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Hierzu rechnet G. (228f) beispielsweise A. Dihle: ‘Griechische Literaturgeschichte’, München 2. Aufl. 1991. GNOMON 4/89/2017

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.