Lilian Maul-Balensiefen, Marco Giuman: Archeologia dello sguardo. Fascinazione e baskania nel mondo classico. in:

Gnomon, page 351 - 354

GNO, Volume 89 (2017), Issue 4, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2017-4-351

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C.H.BECK, München
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M. J. Squire: Hurwit, Artists and Signatures in Ancient Greece 351 the evidence available to us», xv), H. has done a useful service. But where H. ends up modernising the ancient artist, so that Greek artists essentially mirror those of later western Europe,1 the remaining challenge lies in adopting a more comparative, self-aware and critically nuanced perspective. Only then, I think, will we be placed to make sense of the Greek ‘artist’. And only then will we have a better sense of what Greek art is – or what classical art history might be. London Michael J. Squire * Marco Giuman: Archeologia dello sguardo. Fascinazione e baskania nel mondo classico. Roma: Giorgio Bretschneider Editore 2013. XV, 185 S. 24 Taf. (Archaeologica. 173.). Das Buch handelt von der Vorstellung, dass der Blick eines Menschen, eines Dämons oder einer Gottheit eine alles bezwingende Wirkmacht entfalten und dass er diejenigen, die von ihm erfasst werden, bezaubern oder behexen kann. Βασκανία ist der im Untertitel genannte griechische, fascinatio der lateinische Terminus für die insbesondere durch das Medium des Blicks erfolgende und den Betroffenen meist Unheil bringende Behexung. Dieses kulturgeschichtliche Phänomen aus dem Bereich der Magie und des Wissens um die Wirkmacht übernatürlicher Potenzen wird heute im allgemeinen dem Volksglauben zugeordnet. Keineswegs ist es auf die Kulturen des griechisch-römischen Altertums beschränkt. Während ihrer Tätigkeit in der Abteilung Rom des Deutschen Archäologischen Instituts musste die Rezensentin erfahren, dass die Namen mancher (einen großen Namen habender) Fachkollegen im Beisein anderer, ebenfalls bekannter italienischer Kollegen nicht ausgesprochen werden durften. Schon das Hören dieser Namen bringe, so wurde ihr erklärt, Unheil, da die Namensträger das malocchio besäßen. Wir müssen also nicht glauben, dass das Wissen um den ‘bösen Blick’ nur antiken, vormodernen und in religiösen Vorstellungen fest verhafteten Gesellschaften angehört; vielmehr herrscht es ebenso in unserer heutigen, westlichen Welt bis hinein in hohe Gelehrtenkreise. Der in der Reihe ‘Archaeologica’ erschienene Band enthält die Monographie des Autors Marco Giuman (im Folgenden G.; S. 1–141) mitsamt einem ‘Appendice iconografica’ betitelten Anhang von Chiara Pilo (S. 143–149), die auch das Abbildungsverzeichnis (S. 181–185) erstellt hat. G. fasst das gesamte griechischrömische Altertum ins Auge und zieht, wie schon aus dem Abbildungsteil (Tav. I–XXIV) und dem langen Register der antiken Schriftquellen (S. 177–180) ersichtlich ist, sowohl archäologische als auch literarische Zeugnisse heran. Bereits dem Verzeichnis der antiken Eigennamen (S. 173–176) lässt sich entnehmen, dass intensiv auch auf den Mythos zurückgegriffen wird. Ein solcher Weitblick ist durchaus angemessen, geht es doch um die Erforschung einer bestimmten Vorstellung oder Überzeugung, die in Verhaltensweisen und (rituellen) Handlungen des alltäglichen Lebens sowie in den Medien des Bildes, des Textes und des Mythos ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 On the specific cultural discourses said to have given rise to the Renaissance artist – informed above all by Judaeo-Christian ideas, whereby the artist encapsulates the disegno of divine creation – the key (uncited) work is E. Kris – O. Kurz, ‘Legend, myth, and magic in the image of the artist’, trans. A. Laing – L. M. Newman (New Haven [1934] 1979). GNOMON 4/89/2017 L. Maul-Balensiefen: Giuman, Archeologia dello sguardo 352 ihren Niederschlag findet. Dementsprechend vielfältig sind die Forschungsergebnisse, die in G.s Ausführungen einfließen; das Spektrum der umfangreichen Bibliographie (S. 151–169) reicht von archäologischen und philologischen Einzelanalysen bis zu umfassenden und nicht nur altertumswissenschaftlichen religions- und wissenschaftsgeschichtlichen, ethnologischen und anthropologischen Arbeiten. Mit der Wahl seines Gegenstandes und seiner transdisziplinären Herangehensweise vertritt G., worauf gleich zu Beginn seines Vorworts (S. XI) Mauro Menichetti hinweist, eine moderne, wieder als Geistes- oder Kulturgeschichte verstandene ‘Klassische Archäologie’. Die Neugierde auf den Inhalt des Buchs ist damit umso mehr geweckt. Die Ausführungen sind in fünf Hauptkapitel eingeteilt, die bisweilen poetisch klingende Überschriften tragen. G. hat darauf verzichtet, über Fragestellung, Zielsetzung und Vorgehensweise einleitend Auskunft zu geben und am Schluss die gewonnenen Ergebnisse herauszustellen. Im ersten Kapitel (‘Occhio, Malocchio …’; S. 1–22) geht es eingangs um die auch für die Antike bezeugte Vorstellung von dem engen Bezug zwischen dem Auge und dem Blick auf der einen und dem Inneren und der Seele des Menschen auf der anderen Seite. Es folgt die Vorstellung und kurze Diskussion der beiden loci classici zur βασκανία, nämlich das siebte Gespräch der Quaestiones convivales des Plutarch (Plut. qu. conv. 5,7) und der betreffende Abschnitt in Heliodors Liebesroman Aithiopiaka (Hld. Aith. 3,7–9). Beiden Texten liege, so der Schluss (S. 17), die Auffassung von βασκανία als einer ‘negativen Empathie’ zugrunde, die insbesondere durch den Blick übertragen werde. Die anschließende kurze Diskussion antiker Theorien über die Funktionsweise des Auges und den Sehvorgang richtet das Augenmerk auf die Wesensverwandtschaft des Auges mit der Sonne und dem Feuer sowie die gleichzeitige Aktivität und Passivität des Auges beim Sehen. Offenbar kommt dem ersten Kapitel nicht zuletzt die Aufgabe zu, zentrale Aspekte der folgenden Ausführungen anklingen zu lassen: die verführerisch-erotische und die tödliche Macht des Blicks, den Neid als Zündstoff der βασκανία, Mittel und Wege der Abwehr von Unheil, das der ‘böse Blick’ hervorruft. Die Zaubermacht des Blicks, die sich in dem engen Bezug zwischen dem Blick auf der einen und dem Eros und dem Tod auf der anderen Seite zeige, ist Gegenstand des 2. Kapitels (‘Tutto chiudi negli occhi’; S. 31–49). Zeugnisse für den erotischen Blickzauber liefern Passagen aus den Werken Heliodors, Platons und Sapphos und der Mythos in den Gestalten des Achill und der Helena. Hier werden auch die beiden berühmten Vasenbilder (Exekias-Amphora in London, Taf. I; sog. Penthesilea-Schale in München, Taf. II a) besprochen, auf denen die Tötung der Penthesilea durch Achill dargestellt und die Blickbegegnung der beiden deutlich erkennbar ist. Eine weitere Diskussion des Bezugsverhältnisses zwischen Auge und Seele leitet über zum Aspekt der Todesbezogenheit des Auges und des Blicks. Unter den zitierten Vasenbildern mit Gorgo-Darstellungen nimmt hier dasjenige auf einer schwarzfigurigen sog. Augenschale des Cambridge-Malers (Taf. IVa) eine Schlüsselstellung ein, da auf ihm anstelle der Iris aus jedem Auge ein Gorgoneion schaut. Ausgehend von den biblischen Geschichten um Lots Frau und um Moses enthält das 3. Kapitel (‘Vedere oltre, vedere troppo’; S. 51–67) einen Diskurs über das Motiv von der – meist tödlichen – Gefahr, die das gewollte oder ungewollte GNOMON 4/89/2017 L. Maul-Balensiefen: Giuman, Archeologia dello sguardo 353 Erblicken des Göttlichen für den Menschen birgt. Auf das Ritual des Verhüllens von Götterbildern kommt G. hier ebenso zu sprechen wie auf die vielen, vor allem literarisch überlieferten Mytheme von der schicksalhaften Blickbegegnung zwischen Gottheit und Mensch. Die spezielle Todesart, die der Gorgonenanblick bewirkt, wird in einem ‘Zwischenkapitel’ (S. 69–80) im größeren Zusammenhang des Motivs vom ‘Versteinerungstod’ betrachtet. Kapitel 4 (‘Altri mondi in altri sguardi’; S. 81–112) behandelt diejenigen menschlichen, dämonischen und tierischen Wesen, von denen man glaubte, sie besäßen die schädliche Macht des malocchio. Unter Berufung auf antike Schriftquellen und moderne Forschungsergebnisse wird hier u.a. eingegangen auf den für Talos tödlichen Hexen-Blick der Medea, auf die mit ‘doppelten Pupillen’ ausgestatteten Angehörigen fremder Völkerschaften, von denen Plinius (Plin. nat. 7,16–18) berichtet, auf die Fabelschlange Basilisk, auf die Telchinen und die mit diesen assoziierten Robben, denen jedoch sowohl eine schädigende als auch vor Unheil schützende Potenz zugesagt wurde. Der prophylaktischen Abwehr von Schaden, der durch den ‘bösen Blick’ zu befürchten ist, gilt das letzte Kapitel (‘De praefascinandis rebus’; S. 113–141). Eine Vielfalt an Zeugnissen – vor allem auch archäologischer Art – ist hier zusammengetragen und ausgelegt und damit auch ein Einblick in die Wirkweise der unterschiedlichen Apotropaia gegeben, der im Wesentlichen das Prinzip der Umkehrbarkeit zugrunde liegt, da denselben Kräften sowohl schädliche als auch heilende Kräfte zugesprochen werden konnten. Sprüche und Gesten, bestimmte Materialien und Tiere, der Speichel, der auch Fascinus genannte, in Italien als Gottheit verehrte Phallus und die als προβασκάνια bezeichneten Amulette und bildlichen Darstellungen, die den Phallus, Zwerge und Verkrüppelte und nicht zuletzt das (böse) Auge selbst zeigen, sei es in Gestalt des Medusenhauptes, sei es im Bildmotiv des unschädlich gemachten Auges, das auf Mosaiken römischer Privathäuser und Thermen begegnet – all das kommt hier zur Sprache. Dem Neid als dem Agens des ‘bösen Blicks’ gilt dabei das Hauptaugenmerk. Offenbar glaubte man, die Potenz des Neides, der nach antiker Vorstellung – so G. – seine üble Macht besonders in den Thermen entfalten konnte, könne durch Bilder zunichte gemacht werden, aus denen ihm die nicht beneidenswerten Zwerge und Krüppel und besonders sein eigenes, sich selbst würgendes und entleibendes personifiziertes Schreckensbild entgegenblicken. Im ikonographischen Anhang der Monographie stellt Chiara Pilo griechische und römische Bildwerke aus archaischer bis spätantiker Zeit zusammen, deren Darstellungen das Symbol des Auges, den unschädlich gemachten ‘bösen Blick’, den Neid sowie Gesten, Symbole und Figuren enthalten, die der Abwehr des ‘bösen Blicks’ gedient haben. Viele dieser jeweils kurz erläuterten Bildwerke hatte G. bereits aufgeführt. Nicht aufgeführt waren vor allem die Bilder auf Choenkannen aus der klassischen Zeit, die zypriotischen Statuen der sog. ‘temple-boys’ aus dem 5. bis 3. Jh. v. Chr. und italisch-römische Figuren, die jeweils Kleinkinder mit umgebundenen Amuletten zeigen. Alle diese Darstellungen, so wird erklärt, verweisen auf den Glauben, dass gerade die neu geborenen und die kleinen Kinder als vom ‘bösen Blick’ besonders bedroht galten. G.s Erörterung hat offenbar das Ziel, ein Bild derjenigen antiken Ideen und Vorstellungen zu zeichnen, die an das Wissen um die Macht des Blicks im All- GNOMON 4/89/2017 L. Maul-Balensiefen: Giuman, Archeologia dello sguardo 354 gemeinen und um die βασκανία im Besonderen geknüpft waren. Neu daran ist, dass sie das gesamte Altertum berücksichtigt und auf einem beachtlichen, von Homer bis in die byzantinische Zeit reichenden Fundus an Quellentexten beruht. Bezeichnend sind die vielen langen Zitate aus der griechischen und lateinischen Literatur, die dem Buch fast den Charakter einer Anthologie geben. Wegen dieser reichhaltigen Sammlung wird sie der Forschung nützlich sein. Die Methode besteht im Herausgreifen von einzelnen, als zentral erscheinenden Aspekten und im narrativen Verknüpfen einer großen Vielfalt an Zeugnissen, ‘Themen’, Motiven und Gedanken. Die Interpretationen der Texte und Bilder bewegen sich eher an der Oberfläche und beruhen zumeist auf bereits bekannten Thesen. Nicht zuletzt deshalb bleibt das gezeichnete Bild vage und an vielen Stellen fraglich. Dies kann allerdings den Anreiz zu weiter und tiefer gehenden Studien geben. Man kann das komplexe Thema systematisch und theoretisch angehen, um auf der Basis logischer Argumentation zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Man kann es aber auch, indem man Assoziationsketten knüpft, erzählerisch behandeln und damit dem Leser die eigenen Vorstellungen suggerieren. Eine solche Erzählung ist die ‘Archeologia dello sguardo’. Heidelberg Lilian Maul-Balensiefen * Barbara Sielhorst: Hellenistische Agorai. Gestaltung, Rezeption und Semantik eines urbanen Raumes. Berlin/München/Boston: de Gruyter 2015. X, 354 S. 169 Abb. 4°. (Urban Spaces. 3.). Seit einigen Jahren ist ein deutliches Interesse der altertumswissenschaftlichen Forschung an Fragen der Urbanistik und Architektur während des Hellenismus samt ihrer gesellschaftlichen Tragweite zu verzeichnen. Nicht nur ein eigenes, von althistorischer Seite initiiertes Schwerpunktprogramm widmete sich zuletzt ausführlich diesem Themenkomplex,1 sondern auch einige Abschlussarbeiten mit einem Fokus auf bestimmten Bauformen2 oder der Betrachtung bestimmter Regionen3 und ihrer städtebaulichen Entwicklung sind hierzu jüngst entstanden. Diesem thematischen Schwerpunkt ist die Freiburger Dissertation von Barbara Sielhorst zuzuordnen. Bei ihr steht am Beginn der Arbeit die zentrale, gesellschaftskritische Leitfrage, «wie der Raum der Agora durch die dort agierende Gesellschaft geprägt wurde und wie er auf sie zurückwirkte». Ziel ist es daher, anhand der Analyse hellenistischer Agorai, «die Beziehung zwischen materieller Gestaltung, Wahrnehmung und Semantik jenes Platzes genauer zu erforschen, ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Von 2006–2012 wurde das Schwerpunktprogramm ‘Die hellenistische Polis als Lebensform. Urbane Strukturen und bürgerliche Identität zwischen Tradition und Wandel’ seitens der DFG gefördert, woraus mehrere Publikationen hervorgingen. 2 Siehe z.B. die mehr bautypologischen Arbeiten von B. Emme, ‘Peristyl und Polis. Entwicklung und Funktionen öffentlicher griechischer Hofanlagen’ (Berlin/Boston 2013) mit einem chronologischen Fokus auf dem Hellenismus oder N. Greve, ‘Sepulkrale Hofarchitekturen im Hellenismus. Alexandria - Nea Paphos - Kyrene’ (Turnhout 2014). 3 E. Laufer, ‘Architektur unter den Attaliden. Pergamon und die Städte des Reiches zwischen herrscherlicher Baupolitik, Rezeption und Lokaltradition’ (unpubl. Diss. Köln 2012). 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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.