19. Empfehlungskraft und Weiterentwicklung der Standardversion in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 195 - 197

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_195

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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19. Empfehlungskraft und Weiterentwicklung der Standardversion 19.1 Empfehlungskraft Der große Vorteil der Nutzwertanalyse besteht darin, dass sie dazu zwingt, Entscheidungsprozesse im öffentlichen Sektor offen zu legen. Da Werturteile expliziert werden müssen, sind die einzelnen Bewertungsschritte der Analyse relativ einfach zu überprüfen. Außerdem erfolgt im Rahmen der Nutzwertanalyse die Entscheidungsfindung in einer systematischen Form, was wiederum Vergleiche zwischen den Evaluierungen unterschiedlicher Projekte erleichtert. Auch ihre Entscheidungskraft ist, wennman einmal von der Kostenproblematik absieht, generell größer als die der Kosten-Wirksamkeits-Analyse. Dieser Vorteil resultiert aus der expliziten Amalgamation von Teilwirksamkeiten öffentlicher Vorhaben zu einem eindimensionalen Nutzwert. Sind die Kosten im konkreten Fall für alle Projektalternativen zumindest in etwa identisch, so lässt sich sogar eine eindeutige Rangfolge von Projekten anhand ihrer Nutzwerte aufstellen. Ist hingegen die Voraussetzung gleicher Kosten nicht aufrechtzuerhalten, so kann man die Kosten der zu untersuchenden Projekte in Form von negativen Teilnutzwerten in die Analyse einbeziehen. Die Nutzwertanalyse versagt jedoch, ebenso wie die Kosten-Wirksamkeits- Analyse, immer dann, wenn es um die Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Vorteilhaftigkeit einer Maßnahme geht. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie Kosten gewöhnlich in monetären Einheiten, Nutzwerte aber in dimensionslosen Zahlen misst. Ein nutzwertanalytischer Vergleich unterschiedlicher Alternativen ist weiterhin nur möglich, wenn diese dem gleichen Zielsystem dienen. 19.2 Weiterentwicklungen Die Nutzwertanalyse entspricht in der Form, wie wir sie hier vorgestellt haben, der vonZangemeister [1971] entwickelten Standardversion. Dieser relativ einfach zu handhabende Typ hat in den letzten Jahren große Verbreitung gefunden. Ausgehend von vorhandenen Schwächen der Standardversion hat insbesondere Bechmann [1978] eine Weiterentwicklung der Nutzwertanalyse vorgeschlagen. Seine Kritik bezieht sich vor allem auf die spezifischen Annahmen, die die Standardversion benötigt. Diese verlangt, dass – Nutzwerte kardinal skaliert werden, – zwischen den Teilzielen keine Wirksamkeitsabhängigkeiten bestehen und – die Gewichte, mit denen man die Zielerfüllungsgrade versieht, konstant sind. D. Nutzwertanalyse184 Die Rigorosität dieser Prämissen erschwert häufig eine wirklichkeitsnahe Bewertung öffentlicher Projekte. Die von Bechmann vorgeschlageneNutzwertanalyse der zweiten Generation versucht daher, die Schwachstellen der Standardversion zu eliminieren, indem sie das Spektrum der Annahmen weniger streng formuliert. Sie geht im einzelnen davon aus, dass – die Skalierungen der Zielerfüllungsgrade und Nutzwerte auch ordinal sein können, – auf eine konstante Gewichtung verzichtet werden kann und – alle möglichen Beziehungen zwischen den einzelnen Zielerfüllungsgraden (konkurrierend, neutral, komplementär) in der Analyse zugelassen sind. Die Konzeption dieses Typs einer Nutzwertanalyse ermöglicht zweifelsohne einen wesentlich problemangepaßteren Einsatz in der Beurteilung öffentlicher Projekte. Gleichzeitig ist aber ihre formale Struktur weniger eindeutig, präzise und mechanisch festgelegt. Eine Nutzwertanalyse der zweiten Generation zu erstellen, erfordert daher einen erheblich größeren Aufwand als dies bei der Standardversion der Fall ist. Die Nutzwertanalyse verliert damit einen Großteil ihrer praktischen Vorzüge gegenüber den übrigen Analyseverfahren. In der Praxis der Projektevaluierung hat der weiterentwickelte Analysetyp daher auch nur eine geringe Beachtung gefunden. 20. Die Nutzwertanalyse im Gesundheitsbereich 20.1 Überblick Von besonderer Bedeutung ist die Nutzwertanalyse auch im Bereich des Gesundheitswesens. Mit ihrer Hilfe versucht man den Erfolg verschiedener medizinischer Maßnahmen bezogen auf dasWohl eines Patienten zu vergleichen. Manwill damit nicht nur die Auswirkungen einer bestimmten Behandlung auf die zu erwartende Änderung der Lebenszeit des Patienten ermitteln, sondern auf mehrdimensionale Weise auch den Effekt auf die Lebensqualität mit in die Bewertung einbeziehen, umVergleiche innerhalb des Gesundheitswesens anzustellen. Nimmt die Nutzwertanalyse dabei einen einheitlichen Bewertungsstandard an, so können Maßnahmen über verschiedene Krankheitsbilder hinweg miteinander verglichen werden. Stellt man so den ermittelten Nutzwerten die entstehenden Kosten gegenüber, gelangt man zur Kosten-Nutzwertanalyse. Mit ihrer Hilfe wird es möglich, Empfehlungen abzugeben. In diesen wird sowohl das Wohl der Patienten auf der einen Seite, als auch die ökonomisch sinnvolle Verwendung im Sinne der Kosteneffizienz monetärer Ressourcen berücksichtigt. Zu den bekanntesten Verfahren in der Kosten-Nutzwertanalyse des Gesundheitsbereiches zählen neben den QALYs auch die behinderungsbereinigten Lebensjahre, kurz DALYs (disability-adjusted-life-years). Diese fanden zum ersten Mal im Weltentwicklungsbericht der Weltbank [1993] Verwendung, um globale Krankheitsbelastungen (GBD) in unterschiedlichen Ländern zumessen. Die krankheitsbereinigten Lebensjahre ergeben sich dabei aus der Kombination zweier Komponenten: Zum einen wird die Abweichung zwischen dem Alter einer Person zum Todeszeitpunkt im Vergleich zu einer standardisierten Lebenserwartung (80 Jahre für Männer, 82,5 Jahre für Frauen) betrachtet. Zum anderenwerden Gesundheitsverluste berücksichtigt, welche auf Grund von Behinderungen entstanden sind [Murray/Acharya 1997]. Diese Gesundheitsverluste werden durch Experten der Schwere nach unterschiedlich gewichtet. Zusätzlich gehen in die Bewertung die Jahre in nicht-linearer Weise ein, nämlich entsprechend dem Alter, in dem sich eine Person befindet. Dabei geht man davon aus, dass Personen mittleren Alters (höchste Bewertung im Alter von 25 Jahren) eine höhere Bewertung erfahren sollen als sehr junge oder sehr alte Menschen. Eine medizinische Maßnahme stiftet in diesem Sinne umso größeren Nutzen, je mehr DALYs vermieden werden können [Murray 1994]. Wie wir bereits in Kapitel 7 erwähnten, soll nun nachfolgend ausführlicher auf das QALY-Konzept eingegangen werden. Dieses hat sich in den letzen Jahren zum wohl prominentesten Vertreter der Kosten-Nutzwertanalyse entwickelt und es stellt heute in der Gesundheitsökonomie nicht nur ein wichtiges Instrumentarium bei der Bewertung medizinischer Maßnahmen dar, sondern auch

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Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.