8. Diskontierung von Nutzen und Kosten in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 115 - 132

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_115

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 8.1 Zur Bedeutung der Diskontierung In unseren bisherigen Ausführungen zur Bewertung öffentlicher Vorhaben haben wir den Aspekt der Zeit völlig vernachlässigt. Die Analyse war statisch angelegt und beschränkte sich darauf zu untersuchen, wie die positiven und negativen Effekte in der Periode ihres jeweiligen Eintretens bewertet werdenmüssen. Gewöhnlich aber muss man davon ausgehen, dass die Vor- und Nachteile eines Projekts über einen Zeitraum anfallen, der mehrere Perioden umfasst. So sind Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, beispielsweise zur Errichtung von Straßen, Kanälen oder U-Bahnsystemen, einerseits mit Baukosten verbunden, die in der Gegenwart oder in relativ naher Zukunft anfallen, während andererseits ihre Unterhaltskosten und die Nutzeffekte oftmals über einen Zeitraum von 50 Jahren und mehr hinweg auftreten. In solchen Situationen muss man natürlich danach fragen, ob man Nutzen und Kosten, die zu unterschiedlichen Zeiten anfallen, ohne weiteres gleich behandeln darf oder ob man sie nicht erst durch eine zeitliche Gewichtung aufeinander abzustimmen hat. Ebenso wie in der privatwirtschaftlichen Investitionsrechnung wird diese Frage auch in der Nutzen-Kosten-Analyse eindeutig beantwortet: Nutzen und Kosten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstehen, müssen auf einen gemeinsamen Zeitpunkt umgerechnet werden; sie sind in temporaler Hinsicht zu homogenisieren. Als gemeinsamer Zeitpunkt bietet sich dabei der Beginn eines Projekts an. Den Vorgang der zeitlichen Homogenisierung bezeichnet man als Diskontierung. Erst nach erfolgter Diskontierung lassen sich zeitlich verschiedeneNutzen und Kostenmiteinander vergleichen und zu jeweils gemeinsamen Werten zusammenfassen. Der Vorgang der Diskontierung kommt am deutlichsten in der folgenden finanzmathematischen Formel zum Ausdruck, nach der man den Wert aller Kosten tK und aller Nutzen tN berechnet, den diese zu Beginn eines Projekts besitzen. Deren Gegenwartswerte (GW) ergeben sich dabei als = + + + + + + + " 1 2 T 0 2 T K K K GW(K) K (1 d) (1 d) (1 d) (65) = = + ∑ T t t t 0 K (1 d) und = + + + + + + + " 1 2 T 0 2 T N N N GW(N) N (1 d) (1 d) (1 d) (66) A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse102 = = + ∑ T t t t 0 N . (1 d) Mit =t 0,...,T bezeichnen wir darin die Zeitperioden (Jahre), die zwischen dem Beginn eines Projekts und den verschiedenen Zeitpunkten liegen, zu denen jeweils Nutzen oder Kosten anfallen. Das Symbol d steht für die Diskontierungsrate, mit deren Hilfe die zeitliche Angleichung vorgenommen wird. Die Diskontierungsrate verkörpert hierbei einen Abzinsungsfaktor, von dem wir zunächst annehmen wollen, dass er positiv ist. Außerdem sei vom möglichen Problem der zukünftigen Preisentwicklung hier noch abgesehen [siehe Kapitel 8.6] und alle Kosten und Nutzen zukünftiger Perioden seien in Preisen der Basisperiode ermittelt. Die Differenz zwischen abgezinsten Nutzen und Kosten gibt den Nettogegenwartswert (NGW) eines Vorhabens an, NGW = GW(N) – GW(K). (67) Er ist das geeignete Kriterium, um eine Auswahl unter solchen öffentlichen Projekten zu treffen, deren Wirkungen in die Zukunft hineinreichen. Den Formeln (65) und (66) kann man zwei Eigenheiten der Diskontierung entnehmen: Man sieht zum einen, dass der Wert der Nutzen und Kosten umso geringer ausfällt, je weiter diese von der Gegenwart entfernt liegen. Über die Diskontierung findet also eine Abwertung zukünftiger Größen statt. Zum anderen wird deutlich, dass mit der Höhe der Diskontierungsrate auch die Gegenwartswerte der Nutzen und Kosten eines Projekts schwanken. Diese Feststellungen sind für die Nutzen-Kosten-Analyse von weitreichender Konsequenz. Sie besagen nämlich im Grunde nichts anderes, als dass das Ergebnis einer Projektevaluierung in signifikantem Maße von der Höhe der Diskontierungsrate abhängt. Je höher diese angesetzt wird, umso geringer fallen die Gegenwartswerte von zukünftigen Wertströmen aus. Dieser Effekt wirkt sich bei weiter in der Zukunft liegenden Wertströmen stärker aus. Mit derWahl der Diskontierungsrate ist man daher sogar in der Lage, die Auswahl unter mehreren Alternativvorhaben entscheidend mitzubestimmen. Dies gilt vor allem für öffentliche Projekte wie beispielsweise Staudämme oder Kanäle, bei denen der größte Teil der Kosten zu Beginn auftritt, während die Nutzeffekte bis weit in die Zukunft hineinreichen. Wird bei derartig divergierenden Zeitprofilen vonNutzen und Kosten ein recht hoher Zinssatz zur Diskontierung herangezogen, dann fallen die Kosten im Verhältnis zu den Nutzen sehr viel stärker ins Gewicht. Diesen Zusammenhang will auch das Schaubild 14 aufzeigen [Anderson/Settle 1977]. Es sind darin für zwei hypothetische Projekte A und B die Nettogegenwartswerte für unterschiedliche Diskontierungsraten wiedergegeben. Jedes der beiden Projekte ist mit Kosten in Höhe von EUR 5 Millionen verbunden, die allein zum Zeitpunkt des Baubeginns anfallen. Zudemweisen sie jährliche Nutzenströme über einen Zeitraum von 10 Jahren auf. Aus Projekt A gehen gleich bleibende jährliche Nutzenströme inHöhe von EUR 1,5Millionen hervor, 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 103 während das Projekt B in den ersten fünf Jahren jeweils EUR 0,5Millionen und in den letzten fünf Jahren jeweils EUR 3,5 Millionen erwirtschaftet. Man sieht, dass für Diskontierungsraten zwischen 0 und 15 Prozent das Projekt B dem Projekt A überlegen ist. Bei Zinssätzen von über 15 Prozent hingegen wandelt sich das Bild grundlegend. Nunmehr ist Projekt A vorteilhafter als Projekt B. Die Höhe der Diskontierungsrate beeinflusst in diesem Fall also unmittelbar die Entscheidung darüber, ob ein Projekt einem anderen vorzuziehen ist oder nicht. Der Bestimmung der Diskontierungsrate kommt demnach im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse eine große Bedeutung zu. Dies zeigt sich auch an der lebhaften, häufig recht kontroversen Diskussion, die hierüber in der Literatur geführt wird [Feldstein 1964,Marglin 1967,Dasgupta/Pearce 1972, Pearce/Nash 1981]. ImWesentlichen lassen sich beim heutigen Stand der Diskussion drei Ansätze unterscheiden, um das Problem der Diskontierung in den Griff zu bekommen. So schlägt man vor, die Abzinsung (1) entweder über eine soziale Zeitpräferenzrate (der Haushalte) oder mit Hilfe (2) einer sozialen Opportunitätskostenrate vorzunehmen oder aber (3) eine Synthese aus diesen beiden Raten zu bilden. Wir wollen nachfolgend diese drei Ansätze näher vorstellen. Dabei versuchen wir zuerst, in einem einfachen Modell die soziale Zeitpräferenzrate und die soziale Opportunitätskostenrate theoretisch abzuleiten. Danachwerdenwir auf Unterschiede und spezifische Probleme beider Diskontierungsraten eingehen sowie ein Konzept zu ihrer Synthese vorstellen. Schlussfolgerungen für die Praxis beenden schließlich das Kapitel. Schaubild 14: Nettogegenwartswerte für unterschiedliche Diskontierungsraten NGW (in Mio EUR) (%) d0 5 15 10 5 10 15 20 25 20 A B A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse104 8.2 Bestimmung der sozialen Diskontierungsraten Die wesentlichen Zusammenhänge, die für die theoretische Bestimmung einer sozialen Diskontierungsrate bedeutsam sind, lassen sich in einem einfachen Zwei-Perioden-Modell ableiten, wie es Schaubild 15 veranschaulicht [Feldstein 1964, Dasgupta/Pearce 1972, Pearce/Nash 1981]. Es soll die Verhältnisse auf der Konsum- und der Produktionsseite einer Volkswirtschaft abbilden. Auf den Achsen unseres Diagramms sind die Gütermengen für zwei aufeinander folgende Zeitperioden (Jahre) abgetragen. Diese bezeichnenwir mit tX und +t 1X . Betrachten wir zunächst die Konsumenten. Wir gehen davon aus, dass für sie eine intertemporale Wohlfahrtsfunktion +t t 1W(X , X ) existiert, in die alle individuellen Präferenzen eingehen. Vorausgesetzt werden muss allerdings, dass diese in den betrachteten Perioden unverändert bleiben. Analog zum Vorgehen der Nutzentheorie lässt sich auch hier aus der intertemporalen Wohlfahrtsfunktion eine Schar von sozialen Indifferenzkurven ableiten. Eine Indifferenzkurve dieser Art, beispielsweise die Kurve I in Schaubild 15, besitzt die Eigenschaft, dass sie alle Kombinationen von gegenwärtigem und zukünftigem Konsum angibt, die einer Gesellschaft die gleiche Wohlfahrt stiften. Ihre konvexe Form erhält man, wenn man annimmt, dass auch für sie das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens gilt. Die Steigung der sozialen Indifferenzkurve entspricht nun dem Verhältnis der Grenznutzen, den die Gesellschaft aus dem gegenwärtigen und dem zukünftigen Konsum erzielen kann, also + + ∂ ∂ − = ∂ ∂ tt 1 t t 1 W XdX . dX W X (68) 1tX A R Q S 0 • T P I tX 45° Schaubild 15: Bestimmung der sozialen Diskontierungsraten 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 105 Diese Steigung sagt aus, auf wie viele Einheiten des gegenwärtigen Konsums die Gesellschaft zu verzichten bereit ist, wenn sie dafür eine Einheit an zukünftigem Konsummehr erhält. Man darf sie somit auch als Austauschrate (Substitutionsrate) zwischen gegenwärtigem und zukünftigemKonsum interpretieren. Setzt man weiterhin + ∂ ∂ = + ∂ ∂ t t 1 W X 1 z W X (69) oder + ∂ ∂ = − ∂ ∂ t t 1 W X z 1, W X (69’) dann definiert der Wert z die soziale Zeitpräferenzrate der Gesellschaft. Sie ist ein Maß dafür, um wie viel Prozent der zukünftige Konsum den gegenwärtigen übersteigen muss, damit beide von der Gesellschaft als gleichwertig eingeschätzt werden. Über das Vorzeichen der sozialen Zeitpräferenzrate lässt sich keine generelle Aussage treffen. Dieses hängt vielmehr davon ab, wie die Gesellschaft, im Einzelfall, tatsächlich ihren Konsum in gegenwärtigen und zukünftigen aufteilt. Will man sich jedoch zumindest auf theoretischer Ebene darüber Klarheit verschaffen, so muss man ergänzend die Produktionsseite einer Volkswirtschaft in die Überlegungen einbeziehen. Unterstellen wir daher, dass im Unternehmensbereich eine intertemporale Transformationsfunktion + =t t 1F(X ,X ) 0 existiert, wie sie die Kurve T in Schaubild 15 darstellt. Ihr Verlauf zeigt die Möglichkeiten auf, die eine Gesellschaft besitzt, um gegenwärtigen Konsum mittels Investitionen in zukünftigen zu verwandeln. Dabei verdeutlicht der Punkt Q eine Situation, in der bereits in der Periode t die gesamte Produktion konsumiert wird. Punkt R wiederum repräsentiert den genau entgegengesetzten Fall. Hier würde in der Gegenwart nichts konsumiert und alles investiert. Realistischer erscheint allerdings eine intertemporale Verteilung der Güter, wie sie beispielhaft der Punkt A beschreibt. Hier verbraucht die Gesellschaft in der Periode t die Gütermenge OP und zum Investieren verbleibt ihr die Menge PQ. Aus dieser Investition wiederum entsteht ein Konsum in Höhe von OS in der Periode +t 1 . Die Differenz zwischen der Investition PQ in der Gegenwart und dem Konsum OS in der folgenden Periode ist dabei auf die Produktivität des investierten Kapitals zurückzuführen. An dieser Stelle möchten wir noch einmal auf die Einfachheit unseres Zwei- Perioden-Modells hinweisen. In der Realität haben sicherlich auch Investitionen aus früheren Perioden Auswirkungen auf den Konsum zum Zeitpunkt t, während andererseits nicht nur die zu dieser Zeit getätigten Investitionen das Angebot an Konsumgütern in der nachfolgenden Periode beeinflussen. Auf diese Zusammenhänge brauchen wir hier jedoch nicht weiter einzugehen. Nehmenwir an, die Gesellschaft könnte in Periode t maximal tX konsumieren. Um jedoch auch in Periode +t 1mit Konsumgütern versorgt zu sein, verbraucht A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse106 die Gesellschaft die Menge tX nicht vollständig in Periode t, sondern nur tX . Die Ersparnis −t tX X geht als Produktionsfaktor in die Produktion von +t 1X ein. Dieser Zusammenhang lässt sich mit Hilfe einer Produktionsfunktion g beschreiben: + = −tt 1 tX g(X X ). (70) Aus dieser ergibt sich die intertemporale Transformationsfunktion + += − − =tt t 1 t t 1F(X ,X ) g(X X ) X 0. (71) Bezeichnet man mit −t tX X die Investitionen tI , so schreibt sich die Transformationsfunktion + += − =t t 1 t t 1F(X ,X ) g(I ) X 0. (72) Wieman sieht, hat die Transformationskurve T einemit +t 1X abnehmende absolute Steigung. Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass die Grenzproduktivität des eingesetzten Kapitals mit zunehmendemKapitalvolumen sinkt. Gleichzeitig gibt die Steigung an, auf wie viele Einheiten an Konsumgütern die Gesellschaft heute verzichtenmuss, wenn sie in der nächsten Periode eine zusätzliche Einheit erhalten möchte. Differenziert man die Transformationsfunktion implizit und beachtet man +∂ ∂ = −t 1F X 1 , dann entspricht die Steigung der Transformationskurve der Grenzproduktivität des eingesetzten Kapitals tI , + + ∂ ∂ ∂ − = = ∂ ∂ ∂ tt 1 t t 1 t F X gdX . dX F X I (73) Dieser Ausdruck entspricht gleichzeitig der Verzinsung der getätigten Investitionen, + ∂ ∂ = + ∂ ∂ t t 1 F X 1 r. F X (74) Umgeformt erhalten wir + ∂ ∂ = − ∂ ∂ t t 1 F X r 1. F X (74’) In dieser Definition misst r nunmehr die interne Verzinsung einer Investition. Da die Steigung der Transformationskurve die Austauschmöglichkeiten zwischen heutigem und zukünftigem Konsum zum Ausdruck bringt, gibt die Größe r die (Opportunitäts-)Kosten an, ausgedrückt in Konsumgütereinheiten, die der Gesellschaft heute entstehen, wenn sie morgen eine Einheit mehr konsumieren möchte. Aus diesem Grunde nennt man r auch die soziale Opportunitätskostenrate. In einer Volkswirtschaft, die den Bedingungen des vollkommenenWettbewerbs genügt, führt das Verhalten der Anbieter und Nachfrager auf den verschiedenenMärkten dazu, dass zwischen Konsum und Investition ein intertemporales Optimum realisiert wird. 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 107 Dieses ergibt sich als Lösung eines Optimierungsproblems, bei dem die soziale Wohlfahrtsfunktion +t t 1W(X ,X ) unter der Nebenbedingung bestimmter produktionstechnischer Gegebenheiten, sprich der Transformationsfunktion + =t t 1F(X ,X ) 0 , maximiert wird. In unserer Modellökonomie des Schaubildes 15 zum Beispiel ergibt sich ein solches Optimum im Punkt A, wo die Transformationskurve die am weitesten außen liegende soziale Indifferenzkurve tangiert. In diesem Punkt ist ein Konsum von OP in der Periode t und von OS in der Periode +t 1 optimal. Gleichzeitig wird damit eine wachsende Wirtschaft gekennzeichnet, da der Konsum in der zweiten Periode größer ist als der in der Vorperiode. Für die Zwecke der Nutzen-Kosten-Analyse aber ist wesentlich, dass im intertemporalen Optimum die soziale Opportunitätskostenrate r mit der sozialen Zeitpräferenzrate z übereinstimmt, =* *r z . Welches Vorzeichen besitzt der Zinssatz *r und damit auch die Zinsrate *z ? Um diese Frage beantworten zu können, benötigen wir zwei weitere Annahmen, eine über die Gestalt der sozialen Indifferenzkurve und eine über die gesamtwirtschaftliche Transformationskurve [Faber 1979]. Gehenwir zur Verdeutlichung von dem Fall einer stationärenWirtschaft aus, die durch die Bedingung +=t t 1X X beschrieben wird. Im Schaubild 15 liegen alle intertemporalen Konsummöglichkeiten einer stationären Wirtschaft auf der Winkelhalbierenden. Hinsichtlich der intertemporalen Präferenzen der Haushalte unterstellen wir, dass diese heutigen Konsum zukünftigem vorziehen. Diese Annahme trifft man gewöhnlich in der Literatur, und sie scheint die Verhältnisse in der Realität am ehesten wiederzugeben. Formal lässt sich diese Annahme so beschreiben, dass die Steigung der sozialen Indifferenzkurve an der Stelle +=t t 1X X größer als eins ist, + + = ∂ ∂ > ∂ ∂ t t 1 t t 1 X X W X 1. W X (75) Wenn also bei einer intertemporalen Gleichverteilung der Konsumgütermengen eine Gütereinheit aus der nächsten Periode in die heutige transferiert wird, dann gelangt die Gesellschaft auf ein höheres Wohlfahrtsniveau. Bezüglich der Transformationskurve nehmen wir an, dass Investitionen die Produktivität des eingesetzten Kapitals erhöhen. Auch diese Annahme ist nicht völlig realitätsfern. Sie kannman formal dadurch zumAusdruck bringen, dass die Steigung der Transformationskurve an der Stelle +=t t 1X X größer als eins ist, + + = ∂ ∂ > ∂ ∂ t t 1 t t 1 X X F X 1. F X (76) Unter diesen beiden Voraussetzungen ist der Zinssatz im Optimum positiv. A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse108 Liegt der Tangentialpunkt von Transformations- und Wohlfahrtsfunktion auf der Winkelhalbierenden +=t t 1X X , dann gilt + + ∂ ∂ ∂ ∂ = = + = + > ∂ ∂ ∂ ∂ * *t t t 1 t 1 F X W X 1 r 1 z 1, F X W X (77) woraus = >* *r z 0 (77’) folgt. Kennzeichnet derOptimalpunkt dagegen einewachsendeWirtschaft ( + >t 1 tX X ), dann ist wegen des konvexen Verlaufs die Steigung der sozialen Indifferenzkurve dort größer als an der Stelle +=t t 1X X ; sie ist somit insbesondere größer als eins. Wir erhalten also auch in diesem Fall eine Lösung, die einen positiven Zinssatz impliziert. Als drittes kann das Optimum aber auch eine schrumpfende Wirtschaft ( + >t 1 tX X ) charakterisieren. Für sie ist wegen der Konkavität der Transformationskurve der optimale Zinssatz ebenfalls positiv. Wir sehen also, dass unter durchaus einleuchtenden Annahmen sowohl die optimale soziale Opportunitätskostenrate als auch die optimale soziale Zeitpräferenzrate ein positives Vorzeichen besitzen. Befindet sich eine Volkswirtschaft in ihrem intertemporalen Optimum, so macht es keinen Unterschied, ob man zum Diskontieren auf die soziale Zeitpräferenzrate oder auf die soziale Opportunitätskostenrate zurückgreift. Beide Raten stimmen überein. Schwierig wird die Situation erst dann, wenn zwischen beiden Raten keine Identität mehr besteht – ein Sachverhalt, den man für die reale Wirtschaft wohl als Regelfall ansehen muss. Für den Analytiker ergeben sich in dieser Lage zwei grundsätzliche Probleme: Er muss zum einen sich Kenntnis darüber verschaffen, wie hoch die eine und die andere Rate anzusetzen ist, und zum anderen auch darüber befinden, welche der beiden Raten sich für seine Zwecke besser eignet. Hinsichtlich des ersten Problembereichs wird im Allgemeinen angenommen, dass die soziale Zeitpräferenzrate niedriger sei als die soziale Opportunitätskostenrate. Dies führt man vor allem auf die Existenz von Körperschaftsteuern zurück. Man argumentiert, mit ihnen seien die privaten Unternehmen nicht mehr in der Lage, die finanziellen Mittel für neue Investitionen aus dem Bruttogewinn zu schöpfen, sondern nur noch aus einer Art Nettogewinn, der sich, verglichen mit ersterem, um den Körperschaftsteueranteil vermindert. Sie müssen also bei ihren Investitionsentscheidungen vorab bereits die Belastung durch anfallende Steuern mit einkalkulieren und eine höhere Diskontierungsrate (interne Bruttoverzinsungsrate) ansetzen als dies die privaten Haushalte bei ihren Konsum- und Sparentscheidungen tun. Was das zweite Problem, dieWahl der „richtigen“ Diskontierungsrate, anlangt, so ist hier eine eindeutige Stellungnahme nicht möglich. Geht man nämlich vom Opportunitätskostenprinzip aus, so erscheint es durchaus logisch, die soziale Opportunitätskostenrate als Diskontierungssatz für öffentliche Investitionen zu 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 109 empfehlen. Bezieht man sich hingegen auf das Prinzip der Konsumentensouveränität, so muss man zur Diskontierung von Projektwirkungen auf die soziale Zeitpräferenzrate zurückgreifen. Beide Vorstellungen sind also grundsätzlich vertretbar, und zu beiden haben sich auch in der Diskontierungsliteratur entsprechende Lehrmeinungen herausgebildet: die eine favorisiert die soziale Zeitpräferenzrate, die andere setzt sich für die soziale Opportunitätskostenrate ein. Wir werden auf beide „Schulen“ noch näher eingehen. Zuvor sei jedoch kurz auf ein anderes Problem hingewiesen, das bei der Bestimmung der Diskontierungsrate auftritt. Es geht um ihre Konstanz im Zeitablauf. Die optimale Diskontierungsrate ist, wie wir sahen, sowohl durch die Produktionsmöglichkeiten in einer Volkswirtschaft als auch durch die Präferenzen der Gesellschaftsmitglieder bestimmt.Manwird jedoch kaumdavon ausgehen können, dass einmal vorgefundene Zustände unverändert fortdauern. Im Bereich der Produktionwerden sicherlich Einflussgrößenwie der technische Fortschritt oder der Wettbewerb auf Produktmärkten dafür sorgen, dass die Erträge aus dem Kapitaleinsatz zeitgebunden variieren. Auf Seiten der Konsumenten wiederumwird es Geschmacks- und Gewohnheitsveränderungen geben, die auch einen Wandel in der Einstellung der Gesellschaft zu Gegenwart und Zukunft nach sich ziehen. Von einer Konstanz der Diskontierungsrate sollte man daher eigentlich nicht ausgehen. Auf der anderen Seite macht es bereits die größteMühe, eine konstante Diskontierungsrate zu bestimmen. Umwie viel größer wäre noch der Aufwand, wenn man zudemmögliche Veränderungen im Zeitablauf beachten wollte. Nicht zuletzt aus Gründen der einfacheren Handhabung wird man generell bei zeitlich unveränderten Diskontierungsraten verbleiben müssen. 8.3 Die soziale Zeitpräferenzrate Die Nutzen-Kosten-Analyse bildet eine Teildisziplin der individualistischen Wohlfahrtsökonomie. Daher liegt es nahe, auch bei der zeitlichen Homogenisierung von Nutzen und Kosten auf die intertemporalen Wertschätzungen derjenigen Wirtschaftssubjekte zurückzugreifen, die von einem öffentlichen Projekt betroffen sind. Muss nicht das Prinzip der Konsumentensouveränität, das ja demVerfahren ansonsten auch als Grundlage dient, ebenfalls die soziale Diskontierungsrate determinieren? Wer auf diese Frage eine positive Antwort gibt, für den kommt zur Diskontierung nur die Rate der sozialen Zeitpräferenz in Betracht. Diese Zeitpräferenzwiederumwürde sich am einfachsten erfassen lassen, wenn man davon ausgehen könnte, dass die idealtypische Welt der vollkommenen Konkurrenz auch für den Kapitalmarkt gilt. Unter dieser Annahme kann man sie nämlich ohne weiteres aus den Aktivitäten ableiten, mit denen Haushalte auf demKapitalmarkt Konsumverschiebungen von einer Periode in die andere vornehmen. Denn sobald auf einem vollkommenen Kapitalmarkt der Zinssatz kleiner ist als die Zeitpräferenz eines Haushalts, wird dieser weniger sparen, A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse110 einen Teil des geplanten Konsums der Zukunft in die Gegenwart verschieben und diesen über Kredite finanzieren. Sobald andererseits der zu entrichtende Zinssatz für Kredite größer ist als die individuelle Zeitpräferenz, wird dementsprechend mehr gespart und ein Teil des Konsums der Gegenwart in die Zukunft transferiert. Am Kapitalmarkt findet auf diese Weise laufend ein Prozess der Anpassung von Konsum und Sparen statt, der letztlich in ein stabiles Gleichgewicht einmündet, bei dem die Zeitpräferenz aller Haushalte mit dem geltenden Zinssatz übereinstimmt. In einer solchen Situation des Gleichgewichts zwischen Sparen und Kreditaufnahme stellt natürlich der Marktzinssatz die geeignete Diskontierungsrate in der Nutzen-Kosten-Analyse dar. Dann nämlich entspricht er genau der sozialen Rate der Zeitpräferenz, das heißt jener Rate, die für alle Individuen in einer Gesellschaft gilt, also auch für jene, die von einem öffentlichen Projekt tangiert werden. Leider kommen Kapitalmärkte in der Wirklichkeit den idealtypischen Voraussetzungen nicht sehr nahe. Man hat es dort vielmehr mit Bedingungen zu tun, die in vielerlei Hinsicht als unvollkommen gelten. So wird häufig darauf hingewiesen [Hesse 1980], dass in der Realität kein einzelner, sondern eine Vielzahl vonMarktzinssätzen existiere und es daher nicht auszumachen sei, welcher von diesen die Zeitpräferenz der Individuen tatsächlich widerspiegele. Aufgrund unterschiedlicher Risiken bei der Aufnahme und der Vergabe von Kreditenweichen beispielsweise die Soll- und Habenzinssätze voneinander ab. Außerdem komme es aufgrund von geldpolitischen Eingriffen der Notenbank sowie einer ungleichenmarginalen Besteuerung von personalen Einkünften aus angespartem Kapital zu exogenen Einflüssen auf den Marktzins, der den eigentlichen Zusammenhang zwischen Zeitpräferenz und Zinshöhe verwische. Immer dann also, wenn der Kapitalmarkt von seiner idealtypischen Gestalt abweicht, wird auch ein vorgefundener Zinssatz nicht mehr mit der sozialen Zeitpräferenzrate übereinstimmen. Für den Analytiker hat dies zur Folge, dass er aus einer Vielzahl von Alternativen jenen Zinssatz herauszufinden hat, der geeignet ist, um bei der Evaluierung eines öffentlichen Projekts als soziale Diskontierungsrate zu dienen. Im konkreten Fall steht er damit vor der Qual der Wahl und zudem auch vor der Gefahr, dass die von ihm gefällte Entscheidung als subjektiv und willkürlich angesehen wird. In diesemDilemma kann ihm auch kaum der Ratschlag helfen [Musgrave/Musgrave/Kullmer 1994], verschiedene Zinssätze, die amKapitalmarkt existieren, zu einer Durchschnittsrate zu verschmelzen und diese dann zur Abzinsung der Nutzen und der Kosten einzusetzen. Denn es wäre reiner Zufall, wenn ein so gebildeter „Marktzinssatz“ genau der sozialen Zeitpräferenzrate entspräche. Von den Vertretern der an der Zeitpräferenzrate orientierten Grundposition werden freilich kritische Einwände dieser Art als nicht besonders schwerwiegend erachtet. Sie nehmen hierzu eine recht pragmatische Stellung ein, indem sie darauf hinweisen, dass grundsätzlich jeder Marktzinssatz als ein Näherungswert an die Zeitpräferenz der Haushalte angesehen werden kann. Am häufigsten wird dabei die Rendite von risikolosen langfristigen Staatspapieren als geeigneter Maßstab für die soziale Zeitpräferenzrate vorgeschlagen. 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 111 8.4 Die soziale Opportunitätskostenrate Die Anhänger der sozialen Opportunitätskostenrate [Krutilla/Eckstein 1958, Baumol 1968] hingegen sind der Ansicht, dass eine Diskontierung öffentlicher Projekte mit der sozialen Zeitpräferenzrate die Allokationseffizienz in einer Volkswirtschaft verschlechtern würde. Grundlage ihrer Überlegungen ist die Feststellung, dass staatliche Vorhaben stets auf Kosten privater Aktivitäten vorgenommen werden, zumindest solange, wie in einer Volkswirtschaft alle Produktionsfaktoren vollbeschäftigt sind. Entzieht nun ein öffentliches Vorhaben die erforderlichen Ressourcen aus dem Bereich der privaten Unternehmen, so wird sich dort die Investitionstätigkeit entsprechend reduzieren. Dabei kann man in der Regel davon ausgehen, dass eine private Investition mit einer höheren Produktivität beziehungsweise Verzinsung des eingesetzten Kapitals verbunden gewesen wäre als die an deren Stelle durchgeführte öffentliche Investition. Wenn aber aus Gründen, die wir bereits kennen gelernt haben, zu vermuten ist, dass die soziale Zeitpräferenzrate niedriger ist als die soziale Opportunitätskostenrate, würde eine Diskontierung mittels ersterer systematisch die Erträge unterbewerten, die man alternativ im privaten Sektor hätte erzielen können. Folglich sollte man im öffentlichen Sektor allein die soziale Opportunitätskostenrate zur Diskontierung hernehmen. So einleuchtend sich diese Empfehlung ausnimmt, so schwer ist es, die soziale Opportunitätskostenrate in der Praxis größenmäßig zu bestimmen. Ideal wäre es, wenn man für jedes öffentliche Projekt Informationen besäße, welche privaten Investitionen dadurch tatsächlich verdrängt werden und wie hoch die Verzinsung des dort eingesetzten Kapitals gewesen wäre. Die interne Verzinsungsrate der nicht durchgeführten Privatinvestitionen könnte dann als soziale Opportunitätskostenrate dienen. Leider muss diese Vorstellung in den allermeisten Fällen ein theoretisches Wunschbild bleiben, da dafür in der Praxis die erforderlichen Daten fehlen. In der Literatur [Musgrave/Musgrave/Kullmer 1994] macht man daher gerne den Vorschlag, als praktikable Ersatzgröße auf die durchschnittliche Produktivitätsrate der privaten Industrie zurückzugreifen. Aus pragmatischen Gründen, so wird empfohlen, sollte man dabei nur die wichtigsten Industriesektoren einer Volkswirtschaft berücksichtigen und diese ihrer wirtschaftlichen Bedeutung gemäß gewichten. Die so berechnete Durchschnittsrate würde dann einen zwar groben, aber doch recht gut geeignetenMaßstab für die soziale Opportunitätskostenrate abgeben. 8.5 Synthetische Diskontierungsraten In den vorangegangenen Abschnitten habenwir uns im Einzelnenmit den zwei grundlegenden Verfahren der Diskontierung beschäftigt, die in der Literatur eine Rolle spielen. Wir sahen, dass die Anhänger der sozialen Zeitpräferenzund der sozialen Opportunitätskostenrate sich nicht nur in ihren Lehrmeinungen konträr gegenüberstehen, sondern auch zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, was die Höhe der Diskontierungsrate anlangt. A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse112 Im Laufe der Entwicklung der Nutzen-Kosten-Analyse haben nun zahlreiche Theoretiker versucht, aus diesen divergierenden Ansichten zu einem Kompromiss zu finden, der beide Grundansätze in Form einer Synthese miteinander vereint. Die Idee, die hinter diesen Bemühungen steht, ist einsichtig: Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass öffentliche Projekte nicht einseitig den Bereich des privaten Konsums oder den der privaten Investitionen belasten, sondern dass beide Bereiche in mehr oder minder starkem Maße davon betroffen sind. Es gilt also, aus der sozialen Zeitpräferenzrate und der sozialen Opportunitätskostenrate eine Durchschnittsrate zu bilden, in die sowohl der Anteil des verdrängten Konsums als auch der Anteil der verdrängten Investitionen eingeht. Wir wollen nachfolgend aus der umfangreichen Forschung auf diesem Gebiet nur einen Ansatz vorstellen, der auf Marglin [1967] und Feldstein [1974] zurückgeht. Er erscheint uns als der prägnanteste und zugleich wichtigste Beitrag auf diesem Feld. Wir werden diesen Ansatz allerdings in einer stark vereinfachten Darstellung wiedergeben. Dieses Vorgehen bietet sich an, da man bei einer formalen Ableitung in allgemeiner Form zu keinen grundsätzlich neuen Erkenntnissen kommt. Marglin und Feldstein gehen davon aus, dass ein öffentliches Projekt durchgeführt wird, welches allein in der Periode +t 0 nominelle Kosten in Höhe von K verursacht. In den nachfolgenden Perioden entstehen hierdurch bei denMitgliedern der Gesellschaft Nutzenzuwächse "1 1 11 2 3X , X , X , die in zusätzlichen Konsumgütereinheiten gemessenwerden. Umdie formale Analyse zu vereinfachen, wollenwir annehmen, dass erstens die Nutzenzuwächse in jeder Periode gleich sind = = ="1 1 11 2(X X X ) und zweitens das Projekt eine unendliche Lebensdauer aufweist. Aufgrund der wohlfahrtsökonomischen Ausrichtung der Nutzen- Kosten-Analyse sind diese Nutzenzuwächsemit der sozialen Zeitpräferenzrate z zu diskontieren. Wir erhalten somit als Gegenwartwert des Nutzens ∞ ∞ = = = = + + + ∑ ∑ 1 1 t t t 1 t 0 X X 1 GW(N) (1 z) 1 z (1 z) (78) = = + − + 1 1 X 1 X . 11 z z 1 1 z Das Kriterium für die ökonomische Vorteilhaftigkeit des Projekts lautet damit > 1 X K. z (79) Wenden wir uns nun der Kostenseite zu. Die Kosten entstehen zwar nominell zu Beginn eines Vorhabens, real aber setzen sie sich für die Gesellschaft zusammen aus dem Konsum, der ihr in der gegenwärtigen und in allen zukünftigen Perioden verloren geht. Nehmenwir zuerst an, dass die Kosten des Projekts nur den Konsum in der Basisperiode verringern. Bezeichnen wir diesen Konsum mit 0X , dann ergibt sich als Gegenwartswert der Kosten ∞ = = = + ∑ 0 0t t 0 X GW(K) X . (1 z) (80) 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 113 Der Wert 0X gibt also an, wie viele Produktionsmittel sofort aus dem privaten Konsumsektor abgezogen und für das öffentliche Vorhaben verwendet werden. Er steht damit für die heutige Verringerung des Güterkonsums. Nehmen wir eine alternative Situation an, bei der ausschließlich Investitionen in einem Umfang von 0I dem Projekt zum Opfer fallen. Hierdurch wird nicht der gegenwärtige Konsum eingeschränkt, sondern die Konsumniveaus in der Zukunft verringern sich. In der privatwirtschaftlichen Verwendung hätten diese Investitionen in jeder zukünftigen Periode einen Ertrag in Höhe von 0rI erbracht, wobei r für deren Rendite steht, gemessen anhand der sozialen Opportunitätskostenrate. Genau dieser Ertrag wäre ohne öffentliches Projekt dem privaten Konsum zugutegekommen. Diese zukünftigen Konsumströme müssen dann mit der Zeitpräferenzrate abdiskontiert werden. Unterstellt man wieder einen unendlichen Zeithorizont, dann erhält man = 0 r GW(K) I . z (81) Geht man nun davon aus, dass ein öffentliches Projekt Ressourcen beansprucht, die sowohl den gegenwärtigen als auch den zukünftigen Konsum betreffen, so ergibt sich für den Gegenwartswert der Kosten = +0 0 r GW(K) X I . z (82) Das Kriterium für die Akzeptanz des Projekts lautet damit > + 1 0 0 X r X I z z (83) oder > +1 0 0X zX rI . (83’) An dieser Formel lässt sich der Grundgedanke, den Marglin und Feldstein in ihremDiskontierungsansatz verfolgen, gut erkennen. Die linke Seite gibt darin denNutzen an, den die Gesellschaftsmitglieder aus dem öffentlichen Projekt im Laufe der Zeit erhalten. Er besteht aus den Konsumgüterströmen 1X , die der Gesellschaft jährlich zufließen. Die rechte Seite ist Ausdruck für die Kosten eines Projekts. Hierbei hat man zu unterscheiden, aus welcher privaten Verwendung die Produktionsmittel stammen, die das öffentliche Projekt aufzehrt. Kommen sie aus dem privaten Konsumbereich, so fallen dort volkswirtschaftliche Kosten an, die mit der sozialen Zeitpräferenzrate zu gewichten sind. Kommen sie hingegen aus dem privaten Investitionsbereich, so sind die entstehenden Kosten mit dem Gewicht der sozialen Opportunitätskostenrate zu versehen. Auch die Verbindung zu den Verfechtern, die ausschließlich für die soziale Opportunitätskosten- oder die soziale Zeitpräferenzrate eintreten, kann mit Hilfe obiger Formel deutlich aufgezeigt werden. Verursacht ein öffentliches Projekt Kosten, die nur im Investitionsgüterbereich anfallen =0(X 0), dann ist der zukünftige Konsum mit der sozialen Opportunitätskostenrate r zu diskontieren, A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse114 > 1 0 X I . r Belastet hingegen ein Projekt nur den privaten Konsumgüterbereich =0(I 0), dann muss zur Diskontierung des zukünftigen Konsums die soziale Zeitpräferenzrate z herangezogen werden, > 1 0 X X . z Der Ansatz vonMarglin und Feldstein stellt so eine Verallgemeinerung der beiden Einzelkonzepte dar, die alternativ zur Diskontierung im öffentlichen Sektor angeboten werden. Er vermag schon allein aus diesem Grunde theoretisch zu überzeugen. Für die praktische Anwendung freilich erscheint er wegen der immensen Anforderung, die er an die Datenlage stellt, gänzlich ungeeignet. Er setzt nicht nur die Kenntnis der beiden ursprünglichen Diskontierungsraten voraus, sondern auch dasWissen darüber, welche privaten Bereiche in welchem Ausmaß von einem öffentlichen Projekt betroffen sind. Diese Forderungen aber lassen sich beim Stand der heutigen Statistik nicht erfüllen. 8.6 Zum Problem der zukünftigen Preisentwicklung Ein Phänomen aller westlichen Industrienationen ist die Inflation. Die heute gültigen Preise können morgen bereits ein höheres Niveau erreicht haben. Aus diesem Grunde unterscheidet die Wirtschaftswissenschaft zwischen nominellen und realen Preisen. Welche dieser Preise sollten nun der Evaluierung von Projekten zugrunde liegen, deren Nutzen und Kosten über einen längeren Zeitraum hinweg anfallen? Unterstellen wir zunächst einmal, alle Preise auf den Märkten für End- und Zwischenprodukte sowie auf dem Arbeitsmarkt in einer Volkswirtschaft würden jährlich um einen Faktor g ansteigen. Sind die Nutzen tN und Kosten tK der Perioden t mit Preisen bewertet, wie man sie in der Basisperiode 0 vorfindet, dann beläuft sich der nominelle Nettonutzen eines Projekts in der Periode l auf + −1 1(1 g)(N K ); allgemein ergibt sich für die Periode t ein Wert von + −t t t(1 g) (N K ). Doch auch der Kapitalmarkt wird auf inflationsbedingte Preiserhöhungen reagieren. Sparer werden nicht mehr bereit sein, zum realen Zinssatz d auf heutigen Konsum zu verzichten. Ihnen muss vielmehr für jeden EUR an angespartem Kapital in dieser Periode in der nächsten ein Betrag von +(1 g) +(1 d) EUR zurückerstattet werden. Die auf dem Kapitalmarkt nominell gezahlten Zinsen enthalten somit einen Anteil, der auf Inflation zurückgeht. Für die Nutzen-Kosten-Analyse bedeutet dies, dass sich im Falle der Inflation der Nettogegenwartswert eines öffentlichen Vorhabens in modifizierter Form berechnet, = + − = + + ∑ tT t t t t t 0 (1 g) (N K ) NGW . (1 g) (1 d) (84) 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 115 Da sich in diesem Ausdruck aber alle Preissteigerungen herauskürzen, macht es keinen Unterschied, ob man für seine Analyse auf reale oder nominelle Preise zurückgreift [Gramlich 1981]. Man muss sich nur auf ein Konzept verständigen. In der Praxis wird man häufig Projektwirkungen, die zeitlich unterschiedlich anfallen, mit den derzeit geltenden, also mit realen Preisen bewerten. Dann allerdings muss man darauf achten, dass die verwendete Diskontierungsrate inflationsbereinigt ist. Vor allem empirisch ermittelte Zinssätze enthalten aber in aller Regel auch einen Inflationseffekt. Dieser ist auf jeden Fall herauszurechnen, um von der nominellen zur realen Diskontierungsrate zu gelangen. Vor einem weitaus größeren Problem steht die Nutzen-Kosten-Analyse, wenn die Preise auf den verschiedenenMärkten sich nicht gleichmäßig erhöhen. Dann nämlich verschiebt sich das relative Preisgefüge, die Austauschverhältnisse der Güter und Faktoren bleiben nicht konstant. Eine derartige Änderung müsste man an sich in jeder Projektbeurteilung berücksichtigen, doch besitzt man zum Zeitpunkt der Analyse kaum Informationen darüber, wie sich in zukünftigen Perioden die Preisentwicklung auf den einzelnen Märkten konkret gestalten wird. Lediglich beim Faktor Arbeit kannman beobachten, dass sein relativer Preis in der Vergangenheit, bedingt durch eine stetige Erhöhung der Arbeitsproduktivität, durchgängig gestiegen ist. Da kein Grund zu der Annahme besteht, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändert, erscheint es gerechtfertigt, wenn die Nutzen-Kosten-Analyse dieser Entwicklung Rechnung trägt. Der Faktor Arbeit auf der Kosten-, beziehungsweise der Faktor Freizeit auf der Nutzenseite muss zu diesem Zweck mit einem Aufschlag versehen werden, der die realen Lohnsteigerungenwiderspiegelt [Hesse/Arnold 1970] und denman aus den Prognosen für die Produktivitätsentwicklung des Faktors Arbeit gewinnen kann. 8.7 Schlussfolgerungen für die Praxis Wir haben uns bisher besonders darum bemüht, die Schwierigkeiten aufzuzeigen, die bei der Auswahl einer geeigneten Diskontierungsrate im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse auftreten. Wie wir sahen, sind sich die Experten weder über die theoretischen Grundlagen einer geeigneten Diskontierungsrate noch über den in der Praxis einzuschlagenden Weg einig. Auf welche Diskontierungsrate sollte dann aber der Nutzen-Kosten-Analytiker im praktischen Fall zurückgreifen? Zunächst ist festzuhalten, dass er seine Entscheidung darüber unter den spezifischen Gegebenheiten des zu untersuchenden Projekts fällen sollte. Als sinnvolle und zugleich praktikable Lösung bietet es sich in dem Zusammenhang an, die Nutzen und Kosten eines Projekts nicht nur für eine, sondern für verschiedene Diskontierungsraten zu berechnen. In der Praxis bietet es sich ebenfalls an. Diskontierungsraten zu verwenden, die in ähnlich gelagerten Projektstudien bereits Eingang gefunden haben. Dieses A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse116 Vorgehen besitzt zudem den großen Vorteil, dass man die jeweils erzielten Resultate einander gegenüberstellen und vergleichen kann. Über eine in der Praxis häufig geübte Verfahrensweise müssen wir hier allerdings besonders kritisch urteilen: Es geht darum, dass der Auftraggeber für eine Nutzen-Kosten-Analyse, in der Regel die staatliche Verwaltung, die Diskontierungsrate selber vorgibt. Übernimmt der Analytiker diese Rate ungeprüft, so drückt seine Handlungsweise letzten Endes nichts anderes aus als mangelnde Entschlusskraft und geringes Verantwortungsbewusstsein für das Wohl des Ganzen. Denn in theoretischer Sicht beruht die Nutzen-Kosten-Analyse auf dem Konzept der Konsumentensouveränität, während in politischen Abstimmungsprozessen das Konzept derWählersouveränität Anwendung findet. Beide Prinzipien können zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen gelangen. Aus diesem Grunde hat eine politisch oder administrativ bestimmte Diskontierungsrate in der Nutzen-Kosten-Analyse keinen Platz. Aber auch unter pragmatischen Erwägungen kann man die externe Vorgabe einer Diskontierungsrate nicht akzeptieren. Wie wir schon zu Beginn dieses Kapitels darlegten, vermag die Wahl der Diskontierungsrate die Rangigkeit eines Projekts ganz wesentlich zu beeinflussen. Durch eine Vorgabe von außen wäre damit der Willkür Tür und Tor geöffnet. Denn für nahezu jedes Projekt wird man einen Zinssatz finden können, der es ökonomisch vorteilhaft erscheinen lässt. Selbstverständlich ist es nicht die Aufgabe des Analytikers, über die Durchführung eines öffentlichen Vorhabens zu befinden. Dies ist vielmehr ein zentrales Anliegender Politik, die für ihre Entscheidung auchKriterien zu berücksichtigen hat, die nicht nur dem ökonomischen Bereich entstammen, etwa die Förderung strukturschwacher Gebiete. Sinn und Ziel einer Nutzen-Kosten-Analyse ist es jedoch, öffentliche Projekte unter ausschließlich ökonomischen Gesichtspunkten zu analysieren. Dieser Sinn aber geht verloren, wenn politisch bestimmte Diskontierungsraten darin Einlass finden. Sie können, falls überhaupt, in der Praxis der Projektevaluierung nur als Notlösung hingenommen werden. Literatur zu Kapitel 8 Anderson, Lee G. undRussell F. Settle: Benefit-Cost Analysis: A Practical Guide. Lexington, MA 1977. Baumol, William J.:On the Social Rate of Discount. American Economic Review, 58 (1968), S.788-802. Dasgupta, Ajit K. undDavidW. Pearce:Cost-Benefit Analysis. Theory and Practice. London 1972. Faber, Malte: Introduction to Modern Austrian Capital Theory. Berlin, Heidelberg und New York 1979. Feldstein, Martin S.:Opportunity cost calculations in cost-benefit analysis. Public Finance, 19 (1964), S. 117-139. Feldstein, Martin S.: Financing in the evaluation of public expenditure. In: Public Finance and Stabilization Policy. Essays in Honor of Richard A. Musgrave. Herausgegeben von Warren L. Smith und John M. Culbertson. Amsterdam 1974, S.13-36. Gramlich, Edward M.: Benefit-Cost Analysis of Government Programs. Englewood Cliffs, NJ 1981. Hesse, Helmut: Nutzen-Kosten-Analyse I: Theorie. In: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Band 5. Herausgegeben von Willi Albers u.a. Stuttgart, Tübingen und Göttingen 1980, S.361-382. 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 117 Hesse, Helmut undVolker Arnold:Nutzen-Kosten-Analyse für städtische Verkehrsprojekte – dargestellt am Beispiel der Unterpflasterstraßenbahn in Hannover. Kyklos, 23 (1970), S.520-557. Krutilla, John V. und Otto Eckstein: Multiple Purpose River Development. Studies in Applied Economic Analysis. Baltimore, MD 1958. Marglin, Stephen A.: Public Investment Criteria. Benefit-Cost Analysis for Planned Economic Growth. London 1967. Musgrave, Richard A., Peggy B. Musgrave und Lore Kullmer: Die öffentlichen Finanzen in Theorie und Praxis, l. Band. 6.Aufl., Tübingen 1994. Pearce, DavidW. und Christopher A. Nash: The Social Appraisal of Projects. A Text in Cost- Benefit Analysis. London 1981. 9. Entscheidungskriterien 9.1 Vorbemerkungen In diesemKapitel wollenwir davon ausgehen, dass es demAnalytiker gelungen ist, sämtliche Nutzen und Kosten eines oder mehrerer Alternativvorhaben, die zur Bewertung anstehen, vollständig zu ermitteln und in der richtigen Weise zu bewerten. Darüber hinaus sei ihm auch die einwandfreie Bestimmung der sozialen Diskontierungsrate geglückt. Wir unterstellen also, dem Analytiker stünden alle entscheidungsrelevanten Informationen zur Verfügung. Dann stellt sich als nächstes für ihn die Frage, welches Einzelprojekt oder welche Reihe von Vorhaben er dem politischen Entscheidungsträger zur Realisierung empfehlen soll. ImMittelpunkt stehen dabei die folgenden drei Entscheidungssituationen [Dasgupta/Pearce 1972]: (1) Wie soll der Analytiker entscheiden, wenn er vor der Wahl steht, ein bestimmtes Einzelprojekt zur Durchführung zu empfehlen oder es abzulehnen? (2) Welche Vorhaben sind zu verwirklichen, wenn dem Entscheidungsträger ein limitiertes Budget zur Verfügung steht, das nur die Realisierung einer bestimmten Zahl von Projekten zulässt? Mit anderen Worten: Wie hat man zu entscheiden, wennmehrere Projekte einen positivenNettonutzen abwerfen, aber aufgrund der Budgetbeschränkung nicht alle Vorhaben realisierbar sind. Lassen sich die Projekte in eine Rangfolge bringen, und aufweiche Weise sollte dies geschehen? (3) Welches von zwei oder mehreren Alternativvorhaben soll man empfehlen, wenn sich diese gegenseitig ausschließen, das heißt, wenn sie nicht gleichzeitig und nebeneinander verwirklicht werden können? In der Praxis hat man es häufig auchmit einem Spezialfall der dritten Entscheidungskonstellation zu tun, wenn es darum geht, ein Projekt alternativ entweder sofort oder erst zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen. Man steht dann vor dem Problem der Wahl des optimalen Zeitpunkts für den Beginn eines Projekts. 9.2 Die wichtigsten Entscheidungskriterien Zur Formulierung von Maximen für die oben skizzierten Entscheidungskonstellationen bedient man sich dynamischer Entscheidungskriterien. Solche Kriterien wurden ursprünglich imHinblick auf Investitionsentscheidungen im privaten Sektor konzipiert. Dort bezeichnet man sie als betriebswirtschaftliche

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Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.