7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 82 - 115

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_82

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter Ein staatliches Projekt kann zum einen Haushalte und Unternehmen mit zusätzlichen Leistungen in Form von öffentlichen Gütern versorgen. In diesem Zusammenhang ist vor allem an Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen zu denken. Daneben können von Projekten aber auch externe Effekte ausgehen. Diese Problematik erlangt ihre besondere Bedeutung vor allem dann, wenn man sich im Rahmen von Nutzen-Kosten-Analysen auch mit Fragen der Umweltverschmutzung oder -zerstörung zu befassen hat. So ist es vorstellbar, dass von einem öffentlichen Projekt negative wie auch positive Effekte auf die natürliche Umwelt ausgehen, die man dann ebenfalls zu bewerten hat. Man denke in diesem Zusammenhang an die Lärmemissionen von Flughäfen, die Luftverschmutzung durch den Straßenverkehr oder die Verkehrsberuhigung von Ortskernen durch den Bau von Umgehungsstraßen. Zum anderen lassen sich natürlich auch spezifische politischeMaßnahmen zur Erhaltung der natürlichen Umwelt und der Gesundheit einer nutzen-kosten-analytischen Untersuchung unterziehen, wie zum Beispiel Maßnahmen zur Minderung des Nitratgehalts von Gewässern oder zur Erhaltung von Biotopen [siehe Beispiele in Hanley/ Spash 1993, Johansson 1993]. Bei allen diesen Fragestellungen sieht sich die Nutzen-Kosten-Analyse im Zusammenhang mit der Bewertung vor erhebliche Probleme gestellt. Um diesen gerecht zuwerden, habenwir das vorliegende Kapitel in drei Abschnitte aufgegliedert. Im ersten versuchen wir, die theoretischen Grundlagen zu erarbeiten, die notwendig sind, um zu verstehen, worin die eigentlichen Ursachen für auftretende Bewertungsprobleme bestehen. Im zweiten werden wir indirekte pragmatischeMöglichkeiten aufzeigen, die es in der Praxis der Nutzen-Kosten- Analyse gibt, um die vorhandenen Schwierigkeiten zumindest ansatzweise zu überwinden. Der dritte Teil beinhaltet direkte pragmatische Verfahren, mit denen man versucht, den auftretenden Bewertungsproblemen gerecht zu werden. 7.1 Theoretische Grundlagen 7.1.1 Externe Effekte Externe Effekte, auch Drittwirkungen genannt, treten dann auf, wenn die Erstellung von Produkten in einem Unternehmen oder der Konsum eines Gutes durch einen Haushalt zu Vor- oder Nachteilen bei anderen Unternehmen oder Haushalten führt. Je nachdem, ob diese Effekte auf die Betroffener einen positiven oder einen negativen Einfluss haben, unterscheidet man zwischen externen Nutzen und externen Kosten [Sohmen 1992]. Geht man davon aus, dass sich eine Volkswirtschaft nur aus Produzenten und aus Konsumenten zusammensetzt, dann können nur zwischen diesen Wirtschaftssubjekten ex- 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 69 terne Wirkungen auftreten. Man erhält somit die folgende Klassifikation von Interdependenzen: (1) Produzenten – Produzenteneffekte, (2) Produzenten – Konsumenteneffekte, (3) Konsumenten – Produzenteneffekte, (4) Konsumenten – Konsumenteneffekte. Fraglos die wichtigste Kategorie von externen Effekten im Rahmen der praxisorientierten Nutzen-Kosten-Analyse stellen diejenigenWirkungen dar, die vom Staat als Produzenten auf Konsumenten und auf private Produzenten ausgehen. DennNutzen-Kosten-Analysen werden vor allem zur Evaluierung von Investitionsprojekten eingesetzt, die im öffentlichen Infrastruktur-, im Bildungs- oder im Gesundheitsbereich anfallen. Drittwirkungen, die als Ausgangspunkt den Staat als Konsumenten voraussetzen, sind für die Praxis dagegen ohne größere Bedeutung. Die eigentliche Problematik vonDrittwirkungen besteht darin, dass für sie kein Markt existiert und sie damit in einerMarktwirtschaft auch nicht mit Hilfe eines Preises bewertet und dementsprechend abgegoltenwerden. Dies gilt sowohl für externe Vorteile wie auch für externe Nachteile. Externe Begünstigungen, die beispielsweise ein Haushalt erhält, erhöhen dessenNutzenniveau, ohne dass er hierfür ein Entgelt zu entrichten hätte. Ebenso zahlen Unternehmen in der Regel keinen Preis dafür, dass ihre Produktionskosten durch positive Drittwirkungen, etwa aus dem öffentlichen Infrastrukturbereich, gesenkt werden. Auch im Falle negativer externer Effekte, etwawenn ein Flughafen Lärmbelästigungen bei den Anrainern hervorruft, bietet der Marktmechanismus kaum eine Möglichkeit, den Verursacher hierfür finanziell entsprechend zu belasten. Im Zusammenhang mit der Bewertung eines öffentlichen Projekts hat man jedoch alle ökonomischenWirkungen in die Betrachtung einzubeziehen, die von diesem ausgehen, also auch die externen Effekte. DerMarkt- oder Schattenpreis eines öffentlichen Vorhabens ist also um jenen Betrag nach oben oder unten zu korrigieren, der die Bewertung der Drittwirkungen widerspiegelt. Wie aber kann dies geschehen, wenn es zum einen schon schwierig ist, solche Effekte in physischen Größen zu erfassen, und wenn man zum anderen nicht auf Marktpreise zurückgreifen kann, um siemonetär zu bewerten? Am folgenden Beispiel lässt sich dieses Dilemma aufzeigen. Der Bau einer Ortsumgehungsstraße soll zu einer Beschleunigung des bisherigen Verkehrsflusses führen, aber auch zu einer Reduzierung des Verkehrslärms innerhalb einer Gemeinde. Die Abnahme der Lärmbelästigung, einen positiven externen Effekt, kannman noch relativ gut mit Hilfe technischerMessgeräte erfassen und in physischen Einheiten angeben. Doch wie soll man diese monetär bewerten? Lärm ist keinmarktfähiges Gut; es existieren dafür keineMarktpreise, die man in irgendeiner Form für die Bewertung heranziehen könnte. Weiterhin sei unterstellt, dass der Bau dieser Straße die Rodung umfangreicher Waldgebiete erfordert. Wald aber stellt einen wesentlichen Faktor für die Reinhaltung der Luft und für den Wasserhaushalt einer Region dar. Er bietet außerdem Freizeitmöglichkeiten für Spaziergänger und Sportler, bildet A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse70 also zusätzlich einen wichtigen Erholungsfaktor für die Bevölkerung. Weder für reine Luft noch für das Freizeitangebot des Waldes gibt es freilich eigene Märkte, die demNutzen-Kosten-Analytiker unmittelbare Hinweise über deren Konsumwert geben könnten. In beiden Fällen, sowohl bei positiven wie bei negativen Drittwirkungen, bleibt dem Analytiker im Grunde keine andere Möglichkeit, als nach einer akzeptablen Alternative zur Marktbewertung Ausschau zu halten. Wir werden darauf gleich ausführlich eingehen. 7.1.2 Öffentliche Güter Reine öffentliche Güter Öffentliche oder kollektive Güter in der reinen Form charakterisiert man in der Literatur gewöhnlich anhand der folgenden beiden Merkmale [Hanusch 1981]: (1) Der Konsum oder die Nutzung eines Gutes durch ein Individuum beeinträchtigt nicht den Konsum oder die Nutzung des gleichen Gutes durch andere Personen. Anders ausgedrückt, zwischen den Wirtschaftssubjekten herrscht Nichtrivalität im Konsum. Sie können das gleiche Gut zu gleichen Bedingungen gemeinsam nutzen. (2) Alle Konsumenten, die sich für die Nutzung des Gutes interessieren, können vom gemeinsamen Konsum nicht ausgeschlossen werden. Das für den Markt charakteristische Ausschlussprinzip über den Preis lässt sich also nicht anwenden. Ein häufig zitiertes Beispiel mit diesen Merkmalen stellt die Wahrung des Friedens in Form von militärischer Sicherheit dar, die durch Ausgaben im staatlichen Verteidigungsbereich gewährleistet wird. Auch externe Effekte besitzen in der Regel die Eigenschaft der Nichtrivalität. Zudem kann auch das Ausschlussprinzip nicht zum Zuge kommen, da die Wirtschaftssubjekte selbst nicht in der Lage sind, Beeinträchtigungen von sich fernzuhalten. Unter ökonomischen Aspekten besteht daher kaum eine Unterscheidungsmöglichkeit zwischen externen Effekten und öffentlichen Gütern. Falls überhaupt, so lässt sich eine Differenzierung noch am ehesten danach vornehmen, ob und inwieweit beide den Intentionen des politischen Handlungsträgers entsprechen. Öffentliche Güter sind nach diesem Kriterium Leistungen, die vom Staat willentlich und bewusst bereitgestellt werden. Externe Effekte hingegen stellen eine Art von Nebenprodukten dar, die unbeabsichtigt mit dem Angebot an öffentlichen Gütern einhergehen. Nehmenwir als Beispiel wieder den Bau einer Straße. Die fertig gestellte Straße selbst verkörpert das eigentliche öffentliche Gut, dessen ökonomisches Ziel in der Reduzierung von Fahrtzeiten für die Nutzer besteht. Die damit verbundenen Beeinträchtigungen der Umwelt zählt man hingegen zu den externen Effekten. Beide Erscheinungen sind untrennbar mit dem öffentlichen Projekt verknüpft. 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 71 Komplexe Güterwelt Man muss freilich zugeben, dass es gar nicht so leicht ist, Beispiele für Güter zu finden, die die oben genannten Eigenschaften gewissermaßen in Reinkultur verkörpern, auch wenn sie vom öffentlichen Sektor produziert und/oder angeboten werden. Bei denmeisten öffentlichen Gütern nämlich kann ein Konsumentenausschluss zumindest prinzipiell zur Anwendung gelangen. So stellen etwa städtische Parkanlagen oder regionale Naturschutzparks sowie Autobahnen oder Brücken letztlich Leistungen zur Verfügung, von deren Nutzung man Individuen durchaus abzuhalten vermag. Dies kann sogar in Form eines Preisausschlusses geschehen. Dass diese Möglichkeit zumeist nicht praktiziert wird, liegt zum einen ammangelnden politischenWillen der öffentlichen Entscheidungsträger, zum anderen aber auch an den nicht eben geringen Kosten, die damit verbunden wären. Um einen Park wäre beispielsweise ein Zaun zu ziehen, und am Eingangmüsste ein Automat oder eine Person den Zugang kontrollieren. Derartige Ausschlussverfahren sind zwar technischmöglich, aber auch entsprechend kostenträchtig. Güter oder Leistungen, welche (a) tatsächlich ausreichend für alle Interessenten angeboten werden können, und bei denen damit das Kriterium der Rivalität nicht zum Zuge kommt, und die (b) mittels des Preises nur von einer bestimmte Gruppe genutzt werden können, die also dem Prinzip des Ausschlusses Rechnung tragen, nennt man Maut- oder Clubgüter. Auch die Bedingung der Nichtrivalität tritt in der komplexen Güterwelt der Realität häufig nicht in reiner, sondern in vielfach differenzierter Form auf. So kann es bei zahlreichen öffentlichen Gütern vorkommen, dass der Konsum des einzelnen ab einer bestimmten Zahl von Nutzern im Umfang und/oder in der Qualität wesentlich beeinträchtigt wird. Nehmen wir als Beispiel einen öffentlichen Badesee, der noch nicht bekannt ist und daher nur von wenigen Besuchern aufgesucht wird. Seine Nutzung hat dann eindeutig nichtrivalen Charakter und diese Eigenschaft bleibt auch erhalten, solange neue Besucher nur in beschränkter Zahl hinzukommen. Lockt der Badesee, weil man auf ihn aufmerksam wird, im Laufe der Zeit jedoch mehr und mehr Besucher an, so reduziert sich dadurch nach und nach die Nutzungsmöglichkeit für jeden; der See verändert, vor allem aus der Sicht des traditionellen Besuchers, seinen ökonomischen Charakter. Er vermag den Erholungssuchenden nicht mehr jenes „Serviceniveau“ bereitzustellen, welches ihn früher ausgezeichnet hat. Ein derartiges Gut, bei dem das Kriterium des Ausschlusses keine Anwendung findet, aber unter Umständen Rivalität unter den Nutzern entsteht, wird in der Literatur als Allmendegut bezeichnet. Nachfolgende Tabelle 2 verdeutlicht noch einmal die unterschiedlichen Güterausprägungen, sowohl für reine öffentliche und private Güter wie auch für die Mischformen. Bei diesen kommt entweder das Prinzip der Nichtrivalität oder das der Nichtausschließbarkeit zum Tragen. A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse72 Tabelle 2: Unterschiedliche Güterausprägungen Rivalität Ausschluss Ja Nein Möglich Rein private Güter (Mp3-Player, Schokolade, Schuhe) Clubgüter (Kabelfernsehen, Automobilclub, Tunnel) Nicht möglich Allmendegüter (internationale Fischgründe, Viehweiden, Badeseen) Rein öffentliche Güter (innere Sicherheit, Leuchttürme, Deiche) Ein öffentliches Gut hat also nur solange tatsächlich „öffentlichen“ Charakter, solange keine derartigen Kapazitätseffekte auftreten, die man in der englischsprachigen Literatur auch als „density effects“ oder als „congestion“ bezeichnet. Im Extremfall können solche Beeinträchtigungen imKonsum eines öffentlichen Gutes sogar dazu führen, dass dieses überhaupt keinenNutzenmehr zu stiften vermag, obwohl es vomAnbieter in unveränderterWeise zur Verfügung gestellt wird. Dieser Fall ist immer dann gegeben, wenn die Auslastung des Gutes durch die gleichzeitige Mitnutzung vieler die Kapazität letztendlich überschreitet. Man denke hier vor allem an Staus, die den Verkehr auf Autobahnen zum völligen Stillstand bringen, oder an Zusammenbrüche in der Stromversorgung wegen zu starker Belastung des Leistungsnetzes. Bewertung öffentlicher Güter: Grundlagen und Probleme Das Charakteristische in der Bewertung von öffentlichen Gütern lässt sich am besten veranschaulichen, wennman diesemit jener für private Güter vergleicht. Betrachten wir zunächst die Bewertung für ein privates Gut. Der Einfachheit halber nehmen wir an, nur zwei Haushalte würden für dieses Nachfrage äu- ßern. Im linken Teil des Schaubildes 10 stellen 1N und 2N die beiden individuellen Nachfragekurven für das private Gut dar. Aus diesen ergibt sich dessenMarktnachfragekurve N durch Aggregation der zu jedem Preis von den Haushalten nachgefragte Menge. Die Addition der jeweils gewünschten Mengen erfolgt also horizontal. Sehen wir uns als nächstes den rechten Teil des Schaubildes an. Auch hier sind individuelle Nachfragekurven ( 1N , 2N ) eingezeichnet, diesmal jedoch nicht für ein privates, sondern für ein öffentliches Gut. Wir unterstellen also, dass auch für dieses Nachfragekurven offenbart werden. Wegen der gemeinschaftlichen Nutzung des öffentlichen Gutes durch beide Konsumenten darf nun die Aggregation ihrer Nachfragemengen nicht mehr horizontal über dieMengenachse erfolgen, denn beiden Konsumenten steht ja stets ein und dieselbe Menge des 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 73 öffentlichen Gutes zur Verfügung. Die Aggregation ist vielmehr vertikal über die Preisachse vorzunehmen. Man addiert also für jeweils eine Mengeneinheit die Preise auf, die beide Individuen dafür zu zahlen bereit sind. Dabei sollte für den Begriff „Preis“ besser der Ausdruck „Quasipreis“ stehen, da es für öffentliche Güter keine Märkte gibt. Halten wir noch einmal den charakteristischen Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Gütern fest: Auf einem Privatgütermarkt fragen die Verbraucher unterschiedliche Mengen zum gleichen Preis nach. Im Zusammenhang mit einem öffentlichen Gut äu- ßern die Konsumenten unterschiedliche Zahlungsbereitschaften für die gleiche Menge eines en-bloc Angebots. Auf den ersten Blick scheint es, als hätten wir damit eine elegante und analytisch einwandfreie Methode der Bewertung gefunden. Für eine Nutzen- Kosten-Analyse von Projekten, die öffentliche Güter zur Verfügung stellen, würde es demnach, ähnlich wie bei einemmarktfähigen privaten Güterangebot, genügen, die individuellen Nachfragekurven von Konsumenten als Ausdruck ihrer maximalen Zahlungsbereitschaften zu ermitteln. Doch gerade in der Eruierung individueller Präferenzen liegt das eigentliche Problem. Während sich für private Güter exakte Zahlungsbereitschaften aus den tatsächlichen Käufen der Konsumenten auf real existierenden Märkten ableiten lassen, gibt es kaum eine Möglichkeit, die Nachfrager öffentlicher Güter dazu zu bringen, ihre wahren Präferenzen und damit ihre Zahlungsbereitschaften zu äußern. Dieser Umstand hat seine Ursache vor allem in der Nichtanwendbarkeit des Ausschlussprinzips. Als Folge davon, so wird in der Literatur gewöhnlich argumentiert [Wicksell 1896, Buchanan 1999], können Konsumenten ohne ein entsprechendes Entgelt in den Genuss eines öffentlichen Gutes gelangen. Sofern Individuen sich ausschließlich an ihrem eigenen Nutzenmaximierungskalkül orientieren, werden Schaubild 10: Bewertung öffentlicher Güter N 1P 2P P 1N 2N X1X 2X XX N P 1N 2N (1) Privates Gut (2) Öffentliches Gut P P A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse74 sie ihre wahren Präferenzen verheimlichen und als so genannte Trittbrettfahrer oder „free rider“ öffentliche Güter konsumieren. Allokationsmechanismen, die, wie der Markt mit seiner Steuerung über Preise, auf die Offenlegung der Konsumentenwünsche angewiesen sind, müssen in diesem Fall versagen. Leider besitzen wir bis heute keine eindeutige Antwort auf die Frage, wie bedeutsam das „free rider“-Phänomen für die Präferenzeruierung im Zusammenhang mit öffentlichen Gütern tatsächlich ist. Denn um dessen Relevanz zu erkennen, müsste man die wahren Zahlungsbereitschaften der Individuen jeweils exakt ermitteln und den offenbarten gegenüberstellen können. So wurde in der Vergangenheit eine Reihe von Forschungsarbeiten in Form sozialer Laborexperimente durchgeführt, mit derenHilfe man versuchte, die Bedeutung des Problems empirisch abzuschätzen [Bohm 1972, Scherr/Babb 1975, Pommerehne 1982]. Soweit man den Ergebnissen solcher Untersuchungen vertrauen kann, lässt sich vermuten, dass dem „free rider“-Verhalten, gemessen an seinem Niederschlag in der Literatur, realiter eine eher eingeschränkte Bedeutung zukommt. Völlig ausschließen lässt sich die Trittbrettfahrer-Einstellung bei den Nutznießern nichtausschließbarer Güter allerdings nie. Grundsätzlich günstiger sieht die Lage für jene öffentlichen Güter aus, die zwar weiterhin die Bedingung der Nichtrivalität im Konsum erfüllen, für die aber Möglichkeiten existieren, potentielle Nachfrager von der Nutzung auszuschließen. Sie sind prinzipiell einer Bewertung über Preise zugänglich. Denn sobald das Ausschlussprinzip zum Tragen kommen kann, ist auch die Nutzen- Kosten-Analyse eher in der Lage, objektive Anhaltspunkte über individuelle Zahlungsbereitschaften zu gewinnen. Bei der Bewertung von externen Effekten und öffentlichen Gütern kann man also in aller Regel weder auf individuelle Nachfragekurven noch auf Marktpreise zurückgreifen. Angesichts dieses Defizits hat man sich in der Praxis der Nutzen-Kosten-Analyse darum bemüht, pragmatische Verfahren zu entwickeln, die dennoch die gewünschte Bewertung der Nutzen und der Kosten eines öffentlichen Projekts möglichmachen sollen. Man unterscheidet hierbei zwischen indirekten und direkten Verfahren. Im Folgendenwerdenwir einen Überblick über die gebräuchlichsten pragmatischen Verfahren geben [Andel 1977,Arnold 1980,Hanley/Spash 1993, Endres/Holm- Müller 1998, Pearce/Atkinson/Mourato 2006]. Dabei soll zuerst auf diverse indirekte Bewertungsverfahren eingegangen werden, wie die Reisekostenmethode oder der hedonische Preisansatz. Anhand der Schwächen dieser Verfahren wird sodann das Konzept des ökonomischen Gesamtwertes (engl.: „Total Economic Value“ (TEV)) entwickelt, welches zu den direkten Bewertungsverfahren überleitet. Hierzu zählt unter anderem als wichtigstes Beispiel die kontingente Evaluierungsmethode (KEM) (engl.: „Contingent ValuationMethod“ (CVM)). Danach stellen wir Kombinationsformen vor. Wir werden dabei sehen, dass sich der überwiegende Teil dieser Methoden auf die Bewertung der positiven Wirkungen eines Vorhabens bezieht, denn damit hat die Nutzen-Kosten-Analyse in der Praxis weitaus größere Probleme als mit der Bewertung auf der Kostenseite. 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 75 7.2 Indirekte Verfahren zur Bewertung öffentlicher Güter und externer Effekte 7.2.1 Bewertung öffentlicher Güter über komplementäre Privatleistungen Die Schwierigkeiten der Ermittlung vonNachfragekurven für öffentliche Güter haben dazu geführt, dass man versucht, diese indirekt über Wahlhandlungen der Konsumenten zu konstruieren. Da dieseWahlhandlungen einer Bewertung über denMarktpreis ausgesetzt sind, lässt sich dann zumindest ein Näherungswert für den Nutzen des öffentlichen Gutes ermitteln. In diesem Zusammenhang zieht man in der Nutzen-Kosten-Analyse die Preise von Privatleistungen heran, die zu dem betrachteten staatlichen Angebot in einer komplementären Beziehung stehen. Einen der beliebtesten Schattenpreise bilden dabei die Anfahrtskosten, die private Nutzer aufzubringen bereit sind, um in den Genuss eines öffentlichen Gutes zu gelangen. Die Summe der Anfahrtskosten – so der Tenor in der Literatur [Andel 1977, Arnold 1980, Pommerehne 1987, Willis/Benson 1989, Willis/Garrod 1991, Hanley/Spash 1993] – über alle Interessenten hinweg aggregiert, würde ein geeignetes Maß darstellen, um die Nutzen zahlreicher öffentlicher Vorhaben zu erfassen. Reisekostenmethode Praktische Verwendung findet das Konzept vor allem bei der Evaluierung von öffentlichen Einrichtungen aus dem Freizeit- und Kulturbereich. Die interessanteste Konzeption stammt in dem Zusammenhang von Clawson und Knetsch [1966]. Sie wollen wir nachfolgend etwas ausführlicher vorstellen. Clawson und Knetsch habenmit der Reisekostenmethode als eine der ersten den Versuch unternommen, Abhängigkeiten zwischen der Besucherfrequenz einer öffentlichen Einrichtung und den aufgewandten Anfahrtskosten zu ermitteln, um daraus eine Art Nachfragekurve für ein öffentliches Angebot abzuleiten. Sie stellen hierbei auf das Beispiel eines öffentlichen Naherholungsgebiets ab. Im Einzelnen gehen sie wie folgt vor: In einem ersten Schritt ermitteln sie die Anfahrtskosten, die zur Nutzung eines Naherholungsgebietes aufzuwenden sind, und zwar für Gruppen von Besuchern, die verschieden lange Anfahrtswege haben. Die unterschiedlichen Anfahrtskosten werden dabei als „Preise“ interpretiert, die die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager ausdrücken. In einem zweiten Schritt versuchen sie sodann, die dazugehörigenMengengrößen statistisch zu erfassen, nämlich die jeweiligen Besuche der öffentlichen Einrichtung pro Person und Jahr. Aus der Verbindung von „Preis“ und „Menge“ lässt sich drittens die gewünschte Nachfragekurve konstruieren. Aus dieser wird schließlich die Konsumentenrente der Besucher abgeschätzt, die durch die öffentliche Einrichtung entsteht. Vergegenwärtigen wir uns dieses Vorgehen am besten anhand eines numerischen Beispiels. Nehmen wir an, das fragliche Naherholungsgebiet würde von den Einwohnern vier umliegender Städte A, B, C und D zu Tagesausflügen genutzt. Die Einwohner der Städte sollen hinsichtlich der Bevölkerungsstruktur, der Präferenzen, der Kaufkraft und der Verteilung ihrer Einkommen weitge- A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse76 hend identisch sein. Die empirischen Erhebungenmögen einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Besuche pro Person im Jahr sowie der Anfahrtskosten ergeben haben, wie sie Tabelle 3 ausweist. Tabelle 3: Reisekostenmethode Stadt Einwohner Anfahrtskosten in € Besuche pro Person und Jahr A 3000 10 3 B 4000 20 2 C 2000 30 1 D 5000 40 0 Zur Berechnung der aggregierten Konsumentenrente leitet man zunächst die hypothetischen Nachfragekurven der einzelnen Städte für das Naherholungsgebiet ab. Hierzu unterstellt man, dass die Besucher auch für den Eintritt in das Naherholungsgebiet einen Preis zu bezahlen haben. Für die Stadt A ergibt sich in unserem Beispiel folgender Zusammenhang: Wird von der Verwaltung des Naherholungsgebietes kein Eintrittspreis erhoben, so fallen bei den Besuchern aus A nur Anfahrtskosten in Höhe von EUR 10 an und es kommt zu 9000 Besuchen pro Jahr.Wird ein Eintrittspreis von EUR 10 verlangt, so steigen die Kosten für Anfahrt und Eintritt auf EUR 20. Für diesen Betrag allerdings besitzen wir keine Daten für die Stadt A. Wenn wir auch dazu Aussagen machen wollen, müssen wir auf die Daten der anderen Städte ausweichen und diese auf A übertragen. DieserWeg ist durchaus gangbar, weil für die vier Städte weitgehend identische ökonomische und soziale Strukturen unterstellt wurden. Die Einwohner der Stadt B statten demNaherholungsgebiet bei einemKostenanfall in Höhe von EUR 20 jeweils zwei Besuche ab. Übertragen auf die Stadt A bedeutet dies, dass ein Eintrittspreis von EUR 10 zu 6000 Besuchen pro Jahr führen wird. Für Eintrittspreise von EUR 20 und EUR 30 kann man aus den Daten der Städte C und D analog dazu eine Anzahl von Besuchen pro Jahr in Höhe von 3000 und 0 ableiten. Als Ergebnis solcher Berechnungen erhält man schließlich die Nachfragekurve AN für die Stadt A und in ähnlicher Weise auch die Nachfragekurven BN und C N für die Städte B und C, wie sie Schaubild 11 aufzeigt. Die einzelnen Nachfragekurven wiederum lassen sich vertikal zu einer Gesamtnachfragekurve aggregieren. Die Fläche unterhalb dieser Kurve stellt dann die Summe der maximalen Zahlungen dar, die die Bewohner der umliegenden Städte für das Naherholungsgebiet aufzubringen bereit sind. Man erhält einen Betrag von EUR 225.000. Dieses Verfahren bietet sich an, wenn es um die Evaluierung einer neu zu errichtenden öffentlichen Einrichtung im Freizeit- oder im Kulturbereich geht. Grundvoraussetzung allerdings ist, dass sich die erforderlichen Daten ermitteln 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 77 lassen, ohne dass der hierfür notwendige Aufwand den beschränkten Budgetrahmen einer Nutzen-Kosten-Analyse übersteigt. So elegant und aussagefähig die Clawson-Knetsch-Methode auf den ersten Blick auch erscheinen mag, bei näherem Besehen lassen sich doch einige Schwächen nicht verleugnen. Der gravierendste Einwand bezieht sich dabei auf die Aussagefähigkeit des Konzepts der Anfahrtskosten. Aus ihm nämlich lässt sich letztlich nicht mehr ableiten, als dass Nachfrager die Vorteile einer öffentlichen Leistung höher einschätzen als den finanziellen Aufwand, der erforderlich ist, um in deren Genuss zu kommen. Anfahrtskosten können für die Bewertung von Nutzen nur eine Untergrenze angeben, sie sagen aber nichts aus über den gesamten Nutzenumfang, den ein öffentliches Projekt abwirft. Allein dieser aber ist für die Zwecke der Nutzen-Kosten-Analyse von Interesse. Darüber hinaus müssen komplementäre Kosten grundsätzlich auch dann als mehr oder weniger fragwürdig angesehen werden, wenn etwa die Anfahrt zu einem öffentlichen Park einen eigenen spezifischen Nutzen stiftet. 7.2.2 Bewertung öffentlicher Güter über vergleichbare oder substitutive Leistungen Als nächstes wollen wir einen Ansatz vorstellen, der auch in der Praxis eine gewisse Bedeutung erlangt hat. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er zur Bewertung eines öffentlichen Gutes auf solche bereits existierenden Leistungen zurückgreift, die mit dem staatswirtschaftlichen Angebot entweder vergleichbar sind oder zu ihm sogar in einer substitutiven Beziehung stehen. Sind das öffentliche und die vergleichbaren Leistungsangebote in einem gewissenMaße ähnlich, und kennt man die Nachfragefunktion für das Vergleichsobjekt, dann Schaubild 11: Reisekostenmethode AN Eintrittspreis Besuche0 5000 30 20 10 BN CN A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse78 kann man letztere für die Bewertung der Nutzen auch des öffentlichen Gutes verwenden [Andel 1977, Arnold 1980, Faber 1986]. Bei den Vergleichsprojekten kann es sich sowohl um private als auch um öffentliche Projekte handeln. Nehmen wir an, eine Kommune plane die Errichtung eines Hallenbades, für dessen Nutzung die Bürger nichts oder nur eine geringfügige Gebühr zu bezahlen haben werden. Wenn nun mit Hilfe des hier vorgestellten Ansatzes der Nutzen dieses Projekts ermittelt werden soll, auf welche Verfahrensschritte hat der Analytiker dann insbesondere zu achten? Zunächst kann er versuchen, Kommunen zu finden, in denen ein vergleichbares Schwimmbad privat betrieben wird. Diese Kommunen sollten annähernd ähnlich strukturiert sein, wobei sich allerdings die Eintrittspreise für die jeweiligen Privatbäder unterscheiden müssen. Aus diesen Preisen und den dazugehörigen Besucherzahlen lässt sich dann eine Nachfragefunktion nach dem Gut Schwimmbad schätzen, die auf die Situation der untersuchten Kommune übertragen wird. Haben dort die Konsumenten keine Gebühr für die Nutzung des öffentlichen Bades zu entrichten, dann entspricht die Fläche unter der geschätzten Nachfragekurve, sprich die Konsumentenrente, dem Nutzen dieses Projekts. Bei Erhebung einer Gebühr reduziert sich dieser Nutzen dann im gleichen Maße, wie sich die Konsumentenrente verringert. Wie verändert sich diese Vorgehensweise, wenn die privaten Vergleichsobjekte und das öffentliche Projekt nicht nur vergleichbar sind, sondern in einer substitutiven Beziehung zueinander stehen, wie dies der Fall ist, wenn sich in unserem obigen Beispiel alle Schwimmbäder in einer ganz bestimmten Region befinden? Hier lässt sich die Nachfragefunktion für private Schwimmbäder nicht ohneweiteres auf das öffentliche Bad übertragen.Manmuss vielmehr beachten, dass durch das öffentliche Projekt die Nachfrage nach dem substitutiven Privatgut zum Teil abgezogen wird. (Dass das öffentliche Bad auch bei einem Eintrittspreis von Null nicht alle Nachfrage auf sich ziehen kann, hängt damit zusammen, dass Konsumenten auch ihre Anfahrtskosten oder sonstige Kosten ins Kalkül ziehen, wie wir es bereits in Kapitel 7.2.1 kennen gelernt haben.) Freilich ist bei dieser Vorgehensweise im Allgemeinen Vorsicht angebracht. Denn im Einzelfall wird es nicht einfach sein festzustellen, ob eine ausreichende Ähnlichkeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Angebot besteht. Schon kleinere, häufig kaum erkennbare Unterschiede in der Ausstattung oder im Serviceniveau könnenmerkliche Abweichungen in den Zahlungsbereitschaften der Besucher hervorrufen und das gesamte Verfahren in Frage stellen. Generell kann man aus obigem Beispiel den Schluss ziehen, dass Preise von vergleichbaren Alternativangeboten insbesondere aus dem privaten Sektor nur bedingt als Schattenpreise für ein öffentliches Angebot verwendet werden können. Falls überhaupt, sollte man sie lediglich als eine Art Obergrenze für die Bewertung in Betracht ziehen. Ähnlich wie bei privaten Vergleichsobjekten kannman auch im Falle vergleichbarer öffentlicher Leistungen vorgehen, deren Nachfragekurven z.B. wie in Kapitel 7.2.1 beschrieben ermittelt wurden. Dies bietet sich gerade bei der Bewertung von Naturschutzgebieten oder Freizeitparks an [Arnold 1980]. 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 79 7.2.3 Bewertung öffentlicher Güter über Kostenersparnisse Zahlreiche öffentliche Projekte haben bei privaten Haushalten und Unternehmen Kostenersparnisse zur Folge. Durch diese werden Ressourcen freigesetzt, die denWirtschaftssubjekten für andere Verwendungen zur Verfügung stehen und dort zusätzlichenNutzen stiften. Hier setzt ein weiteres Bewertungsverfahren an, um zu monetär quantifizierbaren Größen für den Nutzen öffentlicher Güter zu gelangen. Die analytische Vorgehensweise des Verfahrens basiert auf demGrundkonzept, das wir im Zusammenhang mit der marktmäßigen Bewertung von Vorteilen kleiner öffentlicher Vorhaben bereits kennen gelernt haben [siehe Kapitel 5]. Unter den Bedingungen der vollkommenen Konkurrenz ist der Preis eines Produktionsfaktors in allen Verwendungen gleich, und er entspricht seinem Wertgrenzprodukt. Werden nun durch ein öffentliches Projekt Ressourcen freigesetzt, so entspricht deren Wert in ihrer neuen Verwendung genau demjenigen, den sie auch in ihrer ursprünglichen Einsatzmöglichkeit gehabt hätten. Kostenersparnis in der alten undWertzuwachs in der neuen Verwendung sind also identisch. Das vorliegende Bewertungsverfahren hat in seiner praktischen Umsetzung also die folgenden Aufgaben zu bewältigen: (1) Es muss zunächst die durch ein öffentliches Projekt hervorgerufenen Ersparnisse nach ihrer Art und ihrem mengenmäßigen Umfang bestimmen. (2) Sodann hat es deren monetären Wert anhand vorgefundener Faktorpreise zu quantifizieren. Als Ergebnis erhält man so ein Äquivalent für den Wert der freigesetzten Ressourcen. Kostenersparnisse im privaten Sektor treten vor allem bei Vorhaben aus dem öffentlichen Verkehrsinfrastrukturbereich auf. Deshalb soll uns zur Veranschaulichung des Verfahrens auch ein Beispiel aus diesem Bereich dienen: der Bau eines U-Bahnnetzes in einer Großstadt. Ein solches Investitionsvorhaben wird in der Regel das bisherige Verhalten der Verkehrsteilnehmer in zweifacherWeise verändern: Zum einenwerden ehemalige Straßenbahnbenutzer nunmehrmit der U-Bahn fahrenwollen, da dies für sie mit erheblichen Zeitersparnissen verbunden ist. Zum anderer werden aus dem gleichen Grunde auch bisherige Benutzer von privaten Personenkraftwagen auf den öffentlichenNahverkehr umsteigen. Das geändert Verkehrsverhalten beider Gruppen dürfte zu einer Entflechtung des innerstädtischen Verkehrsflusses führen und dadurch auch denjenigen Zeit- und Kostenersparnisse bringen, die weiterhin ihr privates Auto benutzen. Zudem wird sich eventuell die Zahl von Verkehrsunfällenmit Sach- und Personenschäden verringern.Wendenwir uns nun den angesprochenenMöglichkeiten einer Kostenersparnis im Einzelnen zu und sehen wir uns an, wie ihre monetäre Quantifizierung konkret aussehen könnte [Hesse/Arnold 1970]. A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse80 Vermiedener Aufwand zur Behebung von Sach- und Personenschäden Vermiedene Sachschäden, zum Beispiel an privaten Kraftfahrzeugen, lassen sich verhältnismäßig einfach quantifizieren. Man kann sie mit Hilfe einschlägiger Verkehrsstatistikenmengenmäßig erfassen und für ihre Bewertung tatsächlich beobachtbare Marktpreise für Reparaturen oder für den Kauf von Neuwagen verwenden. Verhinderte Personenschäden dagegen sindwesentlich schwieriger zu erfassen. Im Zusammenhang mit Körperverletzungen kann man zwar auf medizinische Behandlungskosten zurückgreifen, wie sie niedergelassene Ärzte oder Krankenhäuser mit den Krankenkassen verrechnen, doch man sollte nicht außer Acht lassen, dass es sich hierbei um keine reinen Marktpreise handelt. Das Gesundheitssystem ist in der Bundesrepublik Deutschland, ebenso wie in anderen entwickelten Industrieländern, nicht allein nachmarktwirtschaftlichen Gesichtspunkten organisiert. Daher können die den Krankenkassen abverlangten „Preise“ auch nicht die echten Zahlungsbereitschaften von Unfallgeschädigten wiedergeben. Verringert sich durch eine öffentliche Verkehrsinvestition die Anzahl von Unfällen mit Todesfolge, dann ist der Analytiker natürlich gezwungen, sich auch über denWert der gerettetenMenschenleben Gedanken zumachen. Die Schwierigkeiten, die bei solchen Quantifizierungsversuchen auftreten, sind allerdings so vielfältig, dass wir uns am Ende dieses Kapitels eigens damit beschäftigen wollen. Betriebskostensenkungen Privatwirtschaftliche Betriebskostensenkungen als Folge einer projektbedingten Beschleunigung des innerstädtischen Verkehrsflusses resultieren zum größten Teil aus der Reduktion des bisherigen Kraftstoffverbrauchs. Darüber hinaus ergeben sich Kostenersparnisse durch einen geringeren Ölverbrauch und Reifenverschleiß, gesunkene Unterhalts- und Reparaturkosten sowie verminderte fahrbedingte Abschreibungen. Die Erfassung dieser Größen fällt nicht schwer, da man auch hier auf einschlägige Verkehrsstatistiken zurückgreifen kann. Die Bewertung erfolgt dann mit Hilfe der vorhandenen Marktpreise. Insofern diese Preise (Monopolrenten und) indirekte Steuern beinhalten, wie dies beim Kraftstoff der Fall ist, muss für die korrekte Erfassung der Kostenersparnis unter Umständen eine Korrektur vorgenommen werden. Immer dann, wenn durch das öffentliche Projekt der individuelle Kraftstoffverbrauch zwar zurückgeht, insgesamt aber die Kraftstoffnachfrage nicht verändert wird, machen (Monopolrenten beziehungsweise) indirekte Steuern keine Probleme – dieMarktpreise geben die Zahlungsbereitschaft wider. Sinkt jedoch infolge des Projekts der Kraftstoffverbrauch insgesamt, somüssen dieMarktpreise um die Steuern (beziehungsweise Monopolrenten) gekürzt werden – sie stellen keine Einsparung an Ressourcen dar. 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 81 Zeitersparnisse Der wohl bedeutsamste Nutzenfaktor eines öffentlichen Verkehrsprojekts resultiert aus Zeitersparnissen, die nach getätigter Investition bei der Güter und Personenbeförderung eintreten. In der Nutzen-Kosten-Analyse gibt es zwei unterschiedliche Vorgehensweisen hinsichtlich der Bewertung von Zeitersparnissen. Ein erster Ansatz versucht, sie anhand desWertes der Güter zumonetarisieren, die man in der zusätzlich verfügbaren Zeit produzieren kann. Beim zweiten Verfahren schließt man aus dem beobachtbaren Verhalten von Individuen auf den Wert, den sie eingesparter Zeit beimessen. Wenden wir uns zunächst der ersten Methode zu. Wird eingesparte Zeit von den Wirtschaftssubjekten zur Güterproduktion eingesetzt, so erhöht sich hierdurch das Sozialprodukt und mit ihm auch die gesellschaftliche Wohlfahrt. Bei vollkommener Marktkonkurrenz werden die Produktionsfaktoren nach ihremWertgrenzprodukt entlohnt. Auf demArbeitsmarkt entspricht dieses genau dem Lohnsatz, der bezahlt wird. Dieser stellt, so gesehen, einen Maßstab dar, der sich dafür eignet, um das hervorgebrachte Mehrprodukt zu bewerten. Zugleich lässt sich damit auch der Nutzen quantifizieren, der aufgrund von Zeitersparnissen entsteht. Wenn also, um ein einfaches Beispiel zu nehmen, der Bau einer U-Bahn die Anfahrtszeit von 1000 Arbeitnehmern um jeweils 30 Minuten verkürzt, so ergibt sich bei einem Lohnsatz von EUR 10 pro Stunde für die Produktion, die zusätzlich entstehen kann, ein Wert von EUR 5000. Unter der Annahme der vollkommenen Konkurrenz gibt der Lohnsatz auch dann ein korrektes Bewertungsmaß ab, wenn die durch Zeitersparnisse begünstigten Arbeitnehmer, so wie dies üblich sein dürfte, die Anfahrt zur Arbeitsstätte in ihrer Freizeit vornehmen. Denn ein nutzenmaximierendes Individuum, wie es die Nutzen-Kosten-Analyse unterstellt, substituiert auf demArbeitsmarkt solange Freizeit gegen Einkommen, bis das Verhältnis beider Grenznutzen dem gegebenen Lohnsatz entspricht. Diese Aussage ist freilich anweitere Voraussetzungen geknüpft. Die Arbeitszeit darf nur der Einkommenserzielung dienen und, wie auch die Anfahrtszeit zur Arbeit, keinen eigenen Nutzen stiften. Außerdem muss der Lohnsatz um alle Nebenkosten ergänzt werden, die beim Einsatz des Faktors Arbeit entstehen; vor allem um die Beiträge, die Arbeitgeber an die Sozialversicherung zu leisten haben. Der Schattenpreis für eingesparte Zeit ist demnach höher anzusetzen als der reine Lohnsatz, den ein Arbeitnehmer ausbezahlt erhält. Gegen den vorgestellten Bewertungsansatz lässt sich als Einwand vorbringen, dass er auf dem Modell der vollkommenen Konkurrenz basiert, dessen Bedingungen in der Realität kaum erfüllt sind. Oligopolistische Strukturen bewirken, dass der Lohnsatz geringer ist als das Wertgrenzprodukt der Arbeit [siehe Abschnitt 6.2]. Somit liegt die Vermutung nahe, dass der Arbeitslohn im heutigenWirtschaftsgeschehen keinen korrekten Maßstab für den marginalen Wert des Faktors „Zeit“ darstellt. Er lässt bestenfalls eine näherungsweise Bewertung zu. A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse82 Der zweite grundlegende Ansatz zur Bewertung von Zeitersparnissen geht auf Beesley [1965] zurück. Er beruht auf der direkten Beobachtung des Verhaltens von Individuen in Situationen, in denen diese gezwungen sind, sich zwischen einem Mehr oder Weniger an Kosten und an Zeit zu entscheiden. Gerade Verkehrsteilnehmer befinden sich häufig in einer Lage, in der sie wählen müssen, ob sie ein gewünschtes Ziel entweder schnell, dafür aber teuer (Taxi), oder langsam, dafür aber billig (Bus oder Straßenbahn) erreichen wollen. In den getroffenen Wahlhandlungen zeigen sich ihre Präferenzen für den Faktor Zeit. Sehenwir uns wieder ein einfaches Beispiel an. Eine Person soll zwischen zwei Beförderungsarten wählen können: Die eine verbunden mit Kosten in Höhe von EUR 5 und einer Dauer von 20 Minuten, die andere mit Kosten von EUR 3 und einer Dauer von 30 Minuten. Entscheidet sie sich für die erste Alternative, so hat sie eine Zahlungsbereitschaft in Höhe von EUR 2 für eine Zeitersparnis von 10 Minuten zum Ausdruck gebracht. Diese Methode unterstellt also, dass zwischen Fahrtdauer und Fahrtkosten von alternativen Beförderungsarten eine umgekehrt proportionale Beziehung besteht. Vereinfachendwirdweiterhin angenommen, dass ein Verkehrsteilnehmer sich jeweils nur zwischen zwei unterschiedlichen Beförderungsmitteln zu entscheiden hat. Ausgehend von diesen Voraussetzungen hat Beesley seine Methode einer grö- ßeren empirischen Untersuchung zugrunde gelegt. Er wählte hierfür eine Stichprobe von Verkehrsteilnehmern aus, die bei einer staatlichen Behörde beschäftigt waren und die einer bestimmten Einkommensgruppe angehörten. Jede Person wurde zunächst danach befragt, welche Beförderungsmöglichkeiten sie für den Weg von der Wohnung zur Arbeitsstätte besitzt und für welche von zwei Alternativen sie sich letztlich entscheidet. Anschließend konnte für alle Befragten die Differenz in der Beförderungszeit und in den Beförderungskosten zwischen dem gewählten und dem alternativen Verkehrsmittel errechnet werden. Die Ergebnisse sind in Schaubild 12 festgehalten. Schaubild 12: Bewertung von Zeitersparnissen Veränderung der Beförderungszeit Veränderung der Beförderungskosten B A0 III III IV 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 83 Im Schaubild sind Veränderungen in der Beförderungszeit entlang der vertikalen Achse und Veränderungen in den Beförderungskosten entlang der Horizontale abgetragen. Punkte im zweiten Quadranten repräsentieren Individuen, die bereit sind Zeitverluste in Kauf zu nehmen, wenn sie dadurch Kosten sparen können. Personen mit entgegen gesetztem Verhalten sind im vierten Quadranten festgehalten. Im dritten Quadranten gibt es keine echtenWahlentscheidungen, da dort die präferierte Beförderungsart zugleich billiger und schneller ist als die in Frage kommende Alternative. Den Gegensatz hierzu bildet der erste Quadrant, wo die gewählte Beförderungsart zugleich teurer und langsamer sein müsste als jede andere Transportmöglichkeit. Es ist leicht einzusehen, dass diese Konstellation das Rationalitätspostulat verletzt, es sei denn, die Fahrt selbst bereitet ein eigenes Vergnügen. Bei Fahrten in den Urlaub könnte dies durchaus möglich sein, im Zusammenhang mit dem Berufsverkehr indessen erscheint ein solches Verhalten aber als äußerst unwahrscheinlich. Setzt man nun die Annahme, dass der monetäre Wert einer Einheit an Zeitersparnis für alle Individuen gleich ist – um diese Bedingung annähernd zu erfüllen, hat Beesley seine Stichprobe aus einer möglichst homogenen Gruppe gezogen –, dann kann man eine Gerade durch den Ursprung legen, die alle Kombinationen von Zeit- und Kostenersparnissen angibt, bei denen die Individuen sich indifferent gegenüber den beiden Beförderungsarten verhalten. (Für den Verlauf der Gerade muss dabei gefordert werden, dass sie oberhalb möglichst vieler Beobachtungspunkte verläuft. Erst dann kannman annähernd genau sagen, welchesmonetäre Äquivalent eine Zeiteinheit maximal hat [Beesley 1965].) Hierbei ist allerdings zu beachten, dass Individuen, deren Antworten im dritten Quadranten abgetragen sind, vor keiner echten Wahlentscheidung standen. Sie dürfen daher bei der Berechnung des Austauschverhältnisses von Zeit und Kosten keine Berücksichtigung finden. Im Beispiel des Schaubildes 12 würde eine Zeitersparnis von 30 Minuten (OB) ein monetäres Äquivalent in Höhe von EUR 10 (OA) haben. Die Steigung der Indifferenzgeraden gibt also eine Schätzung für denWert an, den Individuen einer Einheit Zeitersparnis beimessen. Beesley kam mit Hilfe dieses Ansatzes zu dem Ergebnis, dass der Schattenpreis für eine Stunde Zeitersparnis sich zwischen 30 und 50 Prozent des Lohnsatzes bewegt. Auch wenn diese Methode alles andere als optimal ist, sie ermöglicht jedenfalls – und dies ist für die Nutzen-Kosten-Analyse in der Praxis von primärer Bedeutung – sinnvolle und nützliche Schätzungen mit relativ geringem Aufwand. Es existieren noch weitere Verfahren zur Bewertung von Zeitersparnissen, die sich allerdings von der Beesley-Methode nicht prinzipiell unterscheiden. Die meisten stellen nur Verfeinerungen jenes Grundansatzes dar [Claffey 1961, Henscher/Hotchkiss 1974,Watson 1974]. Die Ergebnisse der damit durchgeführten Tests lassen darauf schließen, dass man den Schattenpreis der Zeit umso höher anzusetzen hat, je größer pro Person die eingesparte Gesamtzeit ausfällt und je höher das Einkommen der betroffenen Individuen ist. Grundsätzlich wäre es wohl außerordentlich aufwendig, wenn man für jede Nutzen-Kosten-Analyse in der Praxis eigens den Schattenpreis der Zeit be- A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse84 rechnen würde. Im Grunde genügt es, wenn der Analytiker einen bestimmten Abschlag vom durchschnittlichen Lohnsatz vornimmt und diesen als Schattenpreis für die Bewertung von Zeitersparnissen verwendet. Die empirischen Ergebnisse legen in der Regel Abschläge zwischen 50 und 70 Prozent nahe. 7.2.4 Bewertung öffentlicher Güter nach der Alternativkostenmethode Die Alternativkostenmethode ist eng verwandt mit der Bewertung öffentlicher Vorhaben mittels projektinduzierter Kostenersparnisse und unterstellt ebenfalls, dass vom öffentlichen Projekt keinerlei Preisänderungen ausgehen. Das Verfahren basiert auf der Überlegung, dass ein öffentliches Projekt, sobald es realisiert wird, eine ansonsten notwendige Maßnahme im privaten oder im öffentlichen Sektor überflüssig macht. Deren Kosten sind dann nicht mehr zu tragen; es werden Produktionsmittel freigesetzt, die für die Durchführung anderer Vorhaben zur Verfügung stehen. Also kann der Nutzen des ins Auge gefassten öffentlichen Projekts an den Kosten abgelesenwerden, die man für das nunmehr irrelevant gewordene Alternativvorhaben hätte aufwenden müssen. Berücksichtigt werden darf dabei allerdings nur die jeweils kostengünstigste Alternative. Betrachten wir nachfolgend dieses Grundkonzept etwas näher, und zwar getrennt für Alternativprojekte im privaten und im öffentlichen Sektor. Alternativkosten privater Vorhaben Nutzenkalkulationen nach der Alternativkostenmethode lassen sich relativ einfach durchführen, wenn es gelingt, für das öffentliche auch geeignete private Vorhaben zu finden. Den Kostenvergleich kann man dann mit Hilfe vorgefundener Marktpreise vornehmen. In der Anwendung ist die Methode jedoch an einige Bedingungen geknüpft [Steiner 1966, Eckstein 1958]. Zum einenmuss für ein geplantes öffentliches tatsächlich ein alternatives privates Vorhaben existieren, das auf jeden Fall realisiert würde, falls das öffentliche Projekt, aus welchen Gründen auch immer, nicht zustande käme. Zum anderen muss sowohl die öffentliche wie auch die private Alternative die gleichen Leistungen hervorbringen und diese zudem den gleichenWirtschaftssubjekten zur Verfügung stellen. Beide Annahmen sollen die Vergleichbarkeit der Alternativen sicherstellen. Sind sie erfüllt, dann können die vermiedenen Kosten des Alternativvorhabens im Privatsektor zugleich als Nutzen des öffentlichen Projekts interpretiert werden. Häufig wird, um dieses Konzept zu veranschaulichen, auf folgende Alternativenkonstellation hingewiesen: Ein dicht besiedeltes Gebiet soll durch den Bau von Schutzwällen vom Lärm des Durchgangsverkehrs entlastet werden. Den Effekt des Lärmschutzes könnten andererseits auch Maßnahmen hervorbringen, die auf Eigeninitiative der Anwohner zurückgehen, etwa der Einbau lärmdämmender Fenster. Die Kosten, die hierdurch den privaten Haushalten entstünden, werden geschätzt und als Nutzen dem geplanten öffentlichen Projekt zugeschrieben. 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 85 Beispiele, die die notwendigen Bedingungen eines Vergleichs von öffentlicher und privater Alternative zumindest näherungsweise erfüllen, sind in der Realität freilich rar. Für die praktische Nutzen-Kosten-Analyse hat das Konzept daher kaum eine nennenswerte Bedeutung. Alternativkosten öffentlicher Vorhaben Wesentlich größerer Beliebtheit erfreut sich in der Praxis dagegen eine Form der Alternativkostenmethode, die den Nutzen eines öffentlichen Projekts nicht mehr anhand der Kosten der günstigsten Alternative im privaten, sondern an vergleichbaren Objekten im öffentlichen Sektor misst. Auf dieseWeise hat man in der Vergangenheit vor allem Wasserstraßenprojekte bewertet wobei als Alternative das bestehende Eisenbahnnetz diente [Eckstein 1958, Seidenfus/Meyke 1971]. Sehen wir uns an, wie das Verfahren in seiner konkreten Ausgestaltung für dieses Beispiel aussieht. Ausgangspunkt der Nutzenbewertung sind die Preise für den Transport eine Gutes, die bei der Eisenbahn sowie bei der geplanten Wasserstraße anfallen. Multipliziert man die Differenz mit dem Frachtaufkommen, so besitzt man einen Indikator für den gesamtwirtschaftlichen Kostenvorteil, den die geplante Maßnahmemit sich bringt. Dieser äußert sich in Form von Faktorersparnissen, die einer alternativen Verwendung zugeführt und so zu einer Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Produktion beitragen können. Auf diese Weise geben Kostenvorteile den Maßstab für den Nutzen der geplanten Wasserstraße ab. 7.2.5 Bewertung externer Effekte über Marktpreise für schadenskompensierende Güter Das Verfahren, das wir als nächstes vorstellen wollen, unterscheidet sich in einer Hinsicht wesentlich von den bisher betrachteten Bewertungsansätzen. Es stellt nicht auf die Bewertung der direkten Leistungen ab, die ein öffentliches Projekt hervorzubringen vermag, sondern auf die externen Effekte, die als unbeabsichtigte, aber unvermeidbare Nebenprodukte entstehen können. Zur monetären Bewertung von negativen externen Effekten greift die praxisorientierte Nutzen-Kosten-Analyse häufig auf Marktpreise für schadenskompensierende Güter zurück [Andel 1977]. Ein Beispiel kann uns am besten zeigen, worum es hierbei geht. Am Rande einer Großstadt soll ein neuer Flughafen errichtet werden, der nach seiner Inbetriebnahme Lärmbelästigungen bei den Anwohnern hervorrufen wird. Der Analytiker, der ein solches Projekt zu bewerten hat, kann nun zumindest hypothetisch davon ausgehen, dass die Betroffenen versuchenwerden, diese Beeinträchtigung zu vermindern, etwa indem sie in ihrenHäusern schalldämmende Fenster einbauen. In diesem Fall scheint es plausibel, die Kosten, die durch eine solche kompensierendeMaßnahme entstehen, den eigentlichen Kosten des öffentlichen Projekts hinzuzufügen, da dieses sie ja letztlich verursacht. Die von privater Seite erforderlichenMaßnahmen, um externe Negativeinflüsse zu beheben, lassen sich in der Regel problemlos monetär bewerten, da dafür Marktpreise vorhanden sind. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass die Kosten A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse86 einer Schadenskompensation das wirkliche Ausmaß von negativen externen Effekten in der Regel nur unvollständig zu erfassen vermögen. Zu Unterbewertungen wird es vor allem dann kommen, wenn der Schaden durch die Maßnahmen nicht vollständig kompensiert wird, wenn die Zahl der betroffenen Wirtschaftssubjekte nicht vollständig bekannt ist oder wenn der Umfang der getroffenen Kompensationsmaßnahmen nicht exakt ermittelt werden kann. In unserem Fall könnte beispielsweise ein Teil der Betroffenen darauf verzichten, die Lärmbelästigung zu beseitigen, da sie dies als zu kostspielig ansehen. Ebensowerden auch Kosten bei jenenHaushalten vernachlässigt, die den Belästigungen des Flughafens durch einen Wohnungswechsel ausweichen. Andererseits kann das Verfahren den Umfang der negativen Effekte auch überschätzen, nämlich dann, wenn es Kosten erfasst, die nicht allein der Schadenskompensation dienen, sondern auch anderen davon gänzlich unabhängigen Zwecken. Man denke hier etwa an den Einbau schallschluckender Fenster im Zuge allgemeiner Renovierungsarbeiten, die auch ohne das Flughafenprojekt vorgenommen worden wären. 7.2.6 Bewertung externer Effekte über Wertänderungen von Besitzrechten – Hedonischer Preisansatz Öffentliche Projekte sind häufigmit externen Effekten verbunden, die in positiver oder in negativerWeise die Besitzrechte von privatenHaushalten tangieren. Dies schlägt sich nicht selten in entsprechenden Veränderungen von Vermögenswerten nieder [Arnold 1980, Pearce/Nash 1981, Pommerehne 1987,Weinberger/ Thomassen/Willeke 1991, Hanley/Spash 1993]. Die Qualität von Besitzrechten, etwa an einem Grundstück oder an eine Wohnung, wird gewöhnlich durch ein Bündel von Eigenschaften charakterisiert. Zu diesen zählen unter anderem die Größe einer Wohnung, das Alter des Wohngebäudes, die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, das Ausmaß an Lärmbelästigung sowie die Nähe zu privaten oder öffentlichen Einrichtungen, wie Kaufhäuser, Schulen, Schwimmbäder, Theater, Grünanlagen und ähnliches mehr. Diese Eigenschaften sind nicht unabhängig von öffentlichenMaßnahmen zu sehen. Nach Fertigstellung eines Straßenanschlusses beispielsweise können sich die Marktpreise der anliegenden Gebäude erhöhen. Umgekehrt mag ihr Wert auch fallen, wenn eine wenig befahrene Nebenstraße zur Hauptverkehrsader ausgebaut wird. Solche Veränderungen lassen sich mit Hilfe von Marktpreisen für Besitzrechte quantifizieren, denn in ihnen spiegelt sich auch eine Bewertung der positiven oder negativen Wirkungen eines öffentlichen Projekts wider. Der hedonische oder implizite Preisansatz, dessen Grundidee auf Lancaster [1966], Griliches [1971] und Rosen [1974] zurückgeht, nimmt an, dass die Änderung eines Charakteristikums ceteris paribus eine Veränderung im Preis des Gutes nach sich ziehen muss. Auf diesen Ansatz griff auch die Roskill-Kommission zurück, um die Lärmemission eines Flughafens zu bewerten [Mishan 1970, Dasgupta/Pearce 1972, O’Byrne/Nelson/Seneca 1985]. Nach ihrer Vorgehensweise werden die Haushal- 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 87 te, die vom Lärm des geplanten Flughafens potentiell betroffen sind, in zwei Gruppen unterteilt: in eine, die aufgrund der Lärmstörung aus der betroffenen Umgebungwegziehenwird, und in eine andere, die trotz der Beeinträchtigung ihre bisherige Wohnung beibehalten will. Die negativen Effekte für die letzte Gruppe werden durch den geschätzten Wertverlust ihrer Wohnungen oder Häuser gemessen. Dieser dokumentiert sich im Verfall der Marktpreise, die wiederum mit Hilfe einer Befragung von Wohnungsmaklern ermittelt werden können. Für Personen aus der ersten Gruppe hingegen muss man die negativen Effekte wertmäßig weit höher ansetzen. Bei ihnen nämlich kommen zum Wertverlust ihrerWohnung auch noch Umzugskosten sowie Belastungen hinzu, die aus der Veränderung ihrer bisherigen Umgebung resultieren. Solche Kosten lassen sich mit Hilfe repräsentativer Umfragen zumindest näherungsweise eruieren. Den ausgewählten Personen wird dabei mitgeteilt, dass ihre Wohnung für ein öffentliches Projekt benötigt wird. Sodann werden sie gefragt, welchen Preis sie als angemessene Entschädigung dafür erachten, dass sie ihreWohnung verkaufen und in eine andere Gegend umziehenmüssen. Für Personen, die grundsätzlich nicht bereit sind umzuziehen oder die einen weit überhöhten Betrag nennen, muss vom Analytiker selbst ein Maximalpreis vorgegebenwerden. Die Differenz aus den genannten Beträgen und denMarktpreisen liefert dann ein Maß für die nicht direkt messbaren Kosten der betroffenen Haushalte. Aus ihnen ergibt sich auch der Aufschlag, um den der Wertverlust des Wohneigentums von Ortswechslern ergänzt werden muss. In der Anwendung ist allerdings auch hier Vorsicht angebracht. Denn zum einen werden Marktpreise für Häuser und Grundstücke nicht allein durch Eigenschaften des Angebots bestimmt, sie ergeben sich vielmehr aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Preisänderungen mögen daher zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf Nachfrageimpulsen beruhen, die in keinem Zusammenhang mit dem geplanten öffentlichen Vorhaben stehen. Zu nennen sind hier vor allem demographische Entwicklungen, etwa der Anstieg der Zahl junger Wohnungssuchender Familien. Zum anderen ist es durchaus möglich, dass Preise für Immobilien auf Umwelteinflüsse überhaupt nicht durchgreifend reagieren, wenn etwa den betroffenenHaushalten die notwendigen Informationen fehlen, umUmweltbeeinträchtigungen einigermaßen richtig einzuschätzen. Schließlich sollte man auch nicht vergessen, dass sich Umwelteinflüsse staatlicher Projekte keinesfalls ausschließlich auf die Qualität des Wohneigentums auswirken. Sie können ebenso die Aufenthaltsbedingungen in Schulen, Krankenhäusern, Freizeiteinrichtungen und amArbeitsplatz betreffen. Allein schon aus diesem Grund wird eine monetäre Erfassung externer Effekte allein über Wertänderungen von Besitzrechten zu einer systematischen Unterschätzung der negativen Auswirkungen führen müssen. A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse88 7.3 Direkte Verfahren zur Bewertung öffentlicher Güter und externer Effekte 7.3.1 Das Konzept des ökonomischen Gesamtnutzens Der größte Nachteil, den die eben aufgezeigten indirekten Bewertungsverfahren aufweisen, besteht darin, dass sie nicht in der Lage sind, den entstehenden Gesamtnutzen (engl.: Total Economic Value (TEV)) abzubilden, der einem Individuum in Folge einer bestimmten öffentlichenMaßnahme entsteht, beziehungsweise den Wert anzugeben, der einem Gut durch ein Individuum tatsächlich beigemessen wird. Es können lediglich Nutzungswerte ermittelt werden, also jene Größen, welche durch die unmittelbare Nutzung oder Inanspruchnahme von Gütern durch Individuen entstehen. Dies geschieht, wie wir wissen, mit Hilfe von Schattenpreisen. Es ist aber auch denkbar, dass der Nutzen nicht unmittelbar an die Nachfrage eines Individuums geknüpft ist, oder von diesem erst in der Zukunft realisiert wird. In diesem Zusammenhang wird allgemein zwischenOptions-, Vermächtnis- sowie Existenzwerten unterschieden. Sie sollen nachfolgend genauer erläutert werden. Dabei sollten wir beachten, dass in der Literatur geringe Auffassungsunterschiede bestehen, die aber kaum den Gesamtumfang der ökonomischen Bewertung tangieren. Exemplarisch werden wir nachfolgend die gängigste Definition vorstellen [siehe auch Arrow/Fisher 1974, Endres/Holm-Müller 1998, Pearce/Atkinson/Mourato 2006]. Von einemOptionswert spricht man, wenn eine Person einer bestimmten Leistung oder einem Gut allein dadurch einen Wert beimisst, dass die Möglichkeit der Nutzung besteht, obgleich diese nicht zum aktuellen Zeitpunkt erfolgt [Weisbrod 1964].Weisbrod nennt dabei als Beispiel die Zahlungsbereitschaft eines Individuums für einen Park, welcher möglicher Weise erst zu einem späteren Zeitpunkt von der Person genutzt wird. Hinsichtlich der Nutzung besteht für sie daher eine gewisse Unsicherheit. Aus diesem Grund ist die Person bereit, eine Art Versicherungsprämie für den zukünftigen Erhalt zu entrichten. Als weiteres, vielleicht noch griffigeres Beispiel nennt Weisbrod das Krankenhaus. Hierbei ist es unmittelbar einsichtig, dass allein die potentielle Nutzung dieser Einrichtung einer Person Nutzen stiftet, selbst wenn diese nie in ihrem Leben zu den behandelten Patienten gehört. Eine besondere Form des Optionswertes stellt derVermächtniswert dar, bei dem wiederum die zeitliche Komponente der Nutzung eine wichtige Rolle spielt. In diesem Fall steht nicht mehr dieMöglichkeit der eigenen zukünftigenNutzung imVordergrund, sondern vielmehr die Sicherheit, dass ein bestimmtes Gut oder eine Umweltressource auch noch nachfolgenden Generationen zur Verfügung steht. Dieser Aspekt wird besonders bedeutsam, wenn ein Umweltzustand als einmaliges, irreversibles Gut verstandenwird. Als Beispiel kann der Erhalt eines nahegelegenen, ursprünglichen Nationalparks dienen. Die dritte Form im Bereich der Nicht-Nutzungswerte wird Existenzwert genannt [Krutilla 1967]. In diesem Fall ist eine Nutzung des Gutes durch ein Individuum weder aktuell noch zu einem späteren Zeitpunkt geplant. DerWert, der diesem 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 89 Gut, zum Beispiel einer seltenen Tierart, beigemessenwird, resultiert einzig und allein aus demWissen, dass das Gut existiert. Nachfolgende Grafik verdeutlicht noch einmal die Bestandteile des Total Economic Value: Schaubild 13: Ökonomischer Gesamtnutzen Gesamtnutzen = Nutzungs-werte + Optionswerte + Vermächtniswerte + Existenzwerte Nicht-Nutzungswerte 7.3.2 Präferenzeruierung durch Befragung – die Contingent Valuation Method (CVM) In einer Situation, in derMarktpreise völlig fehlen, liegt es nahe, gleichsam nach Art der Marktforschung die Präferenzen der Individuen für öffentliche Leistungen über Befragungen zu ermitteln [Arnold 1980, Pearce/Nash 1981, Mitchell/ Carson 1989, Johansson 1993, Hanley/Spash 1993]. Hat der Output des zu evaluierenden Projekts den Charakter eines öffentlichen Gutes oder ist dieser mit positiven externen Effekten verbunden, so bietet es sich an, bei den davon Begünstigten zu erfragen, welchen Betrag sie für die erhaltenen Vorteile maximal zu zahlen bereit wären. In diesem Zusammenhang wird auch von der willingness to pay (WTP), also der individuellen Zahlungsbereitschaft gesprochen. Besitzt hingegen der Output in den Augen der Betroffenen den Charakter eines öffentlichen „Übels“ oder geht er mit negativen externen Effekten einher, so kann man, gemäß des Konzepts der willingsness to accept (WTA), beziehungsweise der Akzeptanzbereitschaft, bei den davon Betroffenen eruieren, für welche monetäre Mindestentschädigung sie bereit wären, alle negativen Auswirkungen weiterhin zu ertragen. Es sei darauf hingewiesen, dass letztere Art der Befragung eher zu einer Überbewertung des realistischenWertes führt, da die Auskunft gebende Person keine eigenen Ressourcen aufwenden muss und somit wohl großzügiger bei der Einschätzung sein wird. Grundidee der Contingent Valuation Method Die Contingent Valuation Method (nachfolgend CVM genannt) stellt den praktikabelsten und am häufigsten angewandten Ansatz eines direkten Verfahrens der Bewertung dar. Dies, obwohl sie, wie wir noch sehen werden, einige Nachteile aufweist und in der Literatur kontrovers diskutiert wird, teils bezüglich ihrer ökonomischen Bedeutung, teils hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit im Sinne der neoklassischen Haushaltstheorie. Als ihren größten Vorteil, im Vergleich zu den indirektenMethoden, kannman ihre Fähigkeit ansehen, den ökonomischen Gesamtnutzen zu erfassen, das heißt die Umweltgütern innewohnenden Eigenschaften inklusive der Nicht- A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse90 Nutzungswerte zu eruieren. Somit wird eine der Realität näherkommende Einschätzung der tatsächlich auftretenden Nutzen ermöglicht. Insbesondere in den USA ist diese Methode, vor allem infolge katastrophaler Unglücke wie demUntergang des Tankers „Exxon Valdez“ vor der Küste Alaskas im Jahre 1989 [siehe auch Hausman 1993], bei der monetären Bewertung von Umwelteffekten weit verbreitet. Sie wird auch von Einrichtungen wie der National Oceanic and Athmospheric Administration (NOAA) zur Festsetzung von Schadenshöhen im Umweltbereich verwendet [Arrow/Solow et al. 1993]. Die theoretische Grundidee der CVM, geht auf Ciriacy-Wantrup [1947] zurück und besteht darin, hypothetische Märkte für Umweltgüter im Rahmen von Befragungen zu schaffen.Davis [1963] hat sie erstmalig in die Praxis umgesetzt, indem er die Zahlungsbereitschaft einzelner Haushalte durch Befragung ermittelte. Die interviewten Personen sollen dabei eine Aussage darüber treffen, für wie viel sie bereit wären, eine bestimmte Änderung der Umweltqualität zu „kaufen“, respektive zu „verkaufen“. Die CVM zielt also auf die Nutzenänderung ab, die sich für den einzelnen Befragten daraus ergibt, dass entweder ein bestimmtes Umweltgut neu geschaffen oder ein bestehendes in seinem Umfang vergrößert beziehungsweise in seiner Qualität verbessert wird. Als Beispiel kann hier die Schaffung von Naherholungsgebieten im Rahmen der Renaturierung des früheren Steinkohletagebaus im Ruhrgebiet genannt werden. Ferner lässt sich damit auch der Wert für den Fall ermitteln, dass ein bereits vorhandenes Umweltgut zerstört, verkleinert oder in seiner Qualität verschlechtert wird. Der Bau einer Verkehrsstraße durch einWaldstückmag hier als Beispiel dienen. Die Nutzenänderungwird dann in Geldeinheiten gemessen, und zwar entweder mittels der Kompensation- (CV) oder der Äquivalenzvariation (EV), [siehe auch Kapitel 4]. Die Zusammenhänge, die zwischen der Zahlungsbereitschaft und der Akzeptanzbereitschaft sowie zwischen der Kompensations- und der Äquivalenzvariation bestehen, verdeutlicht noch einmal nachfolgende Tabelle [Ahlheim 1995]. Tabelle 4: Zahlungsbereitschaft und Akzeptanzbereitschaft Willingness to pay (Zahlungsbereitschaft) … Willingness to accept (Akzeptanzbereitschaft) … Verbesserung für die Veränderung, die eintritt; (CV) (Fall I) für die Veränderung die nicht eintritt; (EV) (Fall II) Schädigung für die Veränderung, die nicht eintritt; (EV) (Fall III) für die Veränderung, die eintritt; (CV) (Fall IV) • Fall I bezieht sich auf die Zahlungsbereitschaft einer befragten Person, für eine Situation, in der die Verbesserung (individuelle Nutzenerhöhung) einer bestimmten Umweltqualität zu quantifizieren ist (Bsp.: Zahlungsbereitschaft für den Bau einer Umgehungsstraße). 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 91 • Fall II fragt nach der Akzeptanzbereitschaft einer befragten Person, für eine Situation, in der eine gewisse Verbesserung (individuelle Nutzenerhöhung) einer bestimmten Umweltqualität nicht eintritt (Bsp.: Akzeptanzbereitschaft dafür, dass die Autos weiterhin durch den Ort fahren). • Fall III fragt nach der Zahlungsbereitschaft einer befragten Person, für eine Situation, in der eine schädliche Veränderung (individuelle Nutzenminderung) der Umweltqualität nicht eintritt (Bsp.: Zahlungsbereitschaft für das Unterbleiben eines Kraftwerksbaus). • Fall IV fragt nach der Akzeptanzbereitschaft einer befragten Person, für eine Situation, in der eine schädliche Veränderung (individuelle Nutzenminderung) der Umweltqualität eintritt (Bsp.: Akzeptanzbereitschaft dafür, dass das Kraftwerk gebaut wird). Ablauf der Contingent Valuation Method Der Ablauf der Contingent Valuation Method lässt sich vereinfachend in verschiedene Phasen zerlegen. In der Literatur erfolgt die Ausgestaltung nicht einheitlich. Nachfolgend stellen wir die gängigste Aufgliederung vor [Hanley/ Spash 1993, Enneking 1999]: 1. Phase der Vorbereitung: In dieser Phase geht es um die Gestaltung eines hypothetischen Marktes. Sie setzt sich aus fünf Grundelementen zusammen: (i) Beschreibung des geplanten Projekts, (ii) Beschreibung des hypothetischen Marktmechanismuses, (iii) Bestimmung der Bewertungsmethode, (iv) Formulierung der Bewertungsfragen, (v) Überprüfung der Ergebnisse anhand verschiedener Gütekriterien. 2. Phase der Ausführung: In dieser Phase wird die eigentliche Befragung durchgeführt. Im Idealfall geschieht dies im Rahmen eines persönlich geführten strukturierten Interviews. Ansonsten sind ebenso telefonisch oder postalisch durchgeführte Befragungen denkbar, wobei bei diesen allerdings eine niedrigere Rücklaufquote zu erwarten ist. 3. Phase der Auswertung: In dieser Phase wird die durchschnittlicheWertschätzung ermittelt, indemman aus den erhobenen Wertschätzungen Mittelwerte berechnet (arithmetisches Mittel, Median, „gestutzte“ Mittelwerte). Dabei werden, um ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten, die einzelnen Bewertungsergebnisse aggregiert und die berechnetenMittelwerte auf die Gesamtbevölkerung übertragen („hochgerechnet“), um so die Gesamtbewertung eines Projektes durch die Bevölkerung zu ermitteln. 4. Phase der abschließenden Beurteilung: In dieser Phase werden anhand verschiedener Gütekriterien die Ergebnisse der kontingenten Bewertungsstudie evaluiert. Es geht dabei darum zu überprüfen, ob die ermittelten Werte den tatsächlichen Wertschätzungen der Individuen A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse92 entsprechen (können). Diese Evaluierung erfolgt anhand der Kriterien der Reliabilität und der Validität. Dem ersten Kriteriumwird dabei entsprochen, wenn man zeigen kann, dass die Antworten der Probanden trotz des hypothetischen Charakters der Befragung nicht zufälliger Natur sind. Die Validität überprüft, ob die Befragung grundsätzlich in der Lage ist, eine dem Untersuchungsgegenstand gemäße Bewertung und Quantifizierung vorzunehmen [siehe auch Endres/Holm-Müller 1998, Schneider 2001]. Zur konkreten Durchführung einer CVM sei beispielsweise auf die Studie von Hanusch/Cantner/Münch [2000 unveröff.] verwiesen, welche die Umweltwirkungen des Ausbaus der Donaustrecke Straubing-Vilshofen mittels des hier vorgestellten Konzepts untersucht. Zur Problematik von Befragungen im Allgemeinen und der CVM im Speziellen Abgesehen davon, dass es in der Regel äußerst schwer ist, den Kreis der begünstigten oder belasteten Haushalte in seiner Gesamtheit korrekt zu erfassen, weist der Befragungsansatz und damit auch die Contingent Valuation Method mehrere wesentliche Schwächen auf. Zunächst einmal bleibt offen, ob die angesprochenen Individuen überhaupt in der Lage sind, im Augenblick der Befragung auf „Heller und Pfennig“ genau anzugeben, welchen positiven oder negativenWert sie öffentlichen Gütern oder externen Effekten beimessen. Die Qualität der Ergebnisse hängt zweifelsohne in hohemMaße davon ab, ob die Befragten über den Gegenstand der Befragung ausreichend informiert sind. Einemögliche Verzerrung dieser Art ist auch unter dem Begriff des „Information Bias“ bekannt. Eventuell muss den Probanden vorab objektives Informationsmaterial zur Verfügung gestellt werden. Zudem sollte sichergestellt sein, dass sie dieses sorgfältig durchgesehen haben, ehe sie konkrete Angaben machen. Eine Untersuchung, die solche Vorkehrungen beachtet, wird natürlich in erheblichemUmfang mit zusätzlichen Kosten belastet sein, selbst wenn es sich um keine Totalerhebung handelt. Ein zweiter potentieller Defekt der Befragungsmethode besteht in der Gefahr, dass die Befragten aus strategischen Überlegungen heraus ihre geäußerten Präferenzen bewusst verzerren. In diesem Fall spricht man auch vom „Strategic Bias“. Diese Gefahr besteht vor allem deshalb, weil öffentliche Projekte in der Regel aus allgemeinen Steuermitteln finanziert werden und damit der Finanzierungsbeitrag des einzelnen von einer kaum merklichen Größenordnung ist. Angenommen, es geht um die Errichtung eines öffentlichen Parks in einer größeren Gemeinde, dessen Finanzierung ausschließlich aus Steuermitteln des Bundes oder des Landes bestrittenwerden soll. Würdeman nun die Einwohner der Stadt nach ihren Zahlungsbereitschaften für die Parkanlage fragen, bestünde die Gefahr, dass die Befürworter unter den Befragten ihre Wertschätzung bewusst übertreiben. Die Gewissheit nämlich, dass ihr Anteil an der Finanzierung aus den allgemeinen Steuermitteln des Staates relativ gering ist und dass sie auch nicht zu zusätzlichen Zahlungen verpflichtet werden können, dürfte sie veranlassen, überzogene Zahlungsbereitschaften zu äußern; nicht zuletzt 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 93 in der Erwartung, dadurch zu einem positiven Evaluierungsergebnis für den Park beizutragen. Dagegen sind Unterbewertungen zu befürchten, wenn die Befragten damit rechnen können, dass sie genau den von ihnen genannten Betrag zur Finanzierung des Projekts an eine öffentliche Kasse abzuführen haben. Die Tendenz zur Unterbewertung sollte sich sogar noch verstärken, wenn einzelne von der Überlegung ausgehen, dass nur sie, nicht aber alle übrigen Befragten ihre wahre Zahlungsbereitschaft verschleiern. Für jemanden, der so denkt, ist es durchaus rational, gar keine oder nur eine ganz niedrige Zahlungsbereitschaft anzugeben, denn er kann ja annehmen, dass die richtig offenbarten Präferenzen seiner Mitbürger das Projekt dennoch zustande bringen, und er dann ohne eigenen finanziellen Beitrag in den Genuss öffentlicher Leistungen kommt – eine Verhaltensweise, die wir im vorigen Abschnitt bereits als „free rider“-Mentalität kennen gelernt haben. Des Weiteren sollten wir noch erwähnen, dass Befragungen, die man bei Individuen durchführt, die von einem Projekt negativ betroffen sind, auch zu Überbewertungen auf der Kostenseite führen können. Diese Gefahr besteht vor allem dann, wenn der Befragte glaubt, von seinen Angaben hinge das Ausmaß der zu erwartenden Kompensation ab. Rechnet hingegen niemand mit einer tatsächlichen Entschädigung, so könnte dies für die Betroffenen trotzdem Grund genug sein, durch eine gezielte Überschätzung der Negativeffekte ein Projekt gänzlich scheitern zu lassen. In der Quintessenz dürfte diese Haltung dem „free rider“-Phänomen ebenfalls sehr nahe kommen. Als weitere mögliche Verzerrung, welche im Speziellen bei Anwendung der CVM zum Tragen kommt, sei auf den „Embedding-Effekt“ (Einbettungseffekt) hingewiesen. In der Literatur wird dieser im Zusammenhang mit der „Sensitivity to Scope“, also der Sensitivität bezogen auf den Umfang eines bestimmten Themengebietes abgehandelt. Der Einbettungseffekt beschreibt ein Phänomen, das auftreten kann, falls es Probanden unter Umständen nicht gelingt, bei ihrer Benennung von Zahlungsbereitschaften zwischen einem spezifischen, von ihnen zu bewertendem Gut und einer umfassenderen Menge von Gütern, in die auch das spezifische Gut fällt, zu differenzieren. In diesem Falle geben die Probanden für ein bestimmtes einzelnes Gut aus einer größeren Teilmenge möglicher Weise dieselbe oder eine ähnliche Zahlungsbereitschaft an wie für ein anderes, umfassenderes Gut in dieser Teilmenge [siehe auchCarson/Mitchell 1993]. Auf dieses Phänomen gestoßen sind Cummings et al. [1986] in einer Studie bei der sich die Zahlungsbereitschaften für die Erhaltung der Fischbestände sämtlicher Seen Ontarios nur unerheblich von der Bereitschaft unterschieden, den Fischbestand eines kleinen Teils dieser kanadischen Provinz zu bewahren. Als weiteres Beispiel kannman hier die Frage nach der Zahlungsbereitschaft für den Erhalt einer seltenen Tigerart nennen, welche sich, unter Umständen, nicht wesentlich von der Zahlungsbereitschaft unterscheiden muss, die sich ergibt, hätte man nach dem Erhalt sämtlicher Tigerarten gefragt. Die Einbettungseffekte sind dabei im Unterschied zu strategisch bedingten Bewertungsverfälschungen mehr auf der irrationalen Verhaltensebene der Wirtschaftssubjekte angesiedelt und sie entstehen immer dann, wenn für den A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse94 Probanden die Aggregationsebene des Befragungsgegenstandes nicht zur Gänze ersichtlich ist. Schließlich ist in dem hier behandelten Kontext das Phänomen des „Warm Glow“ von Bedeutung. Dabei geht es um die Tatsache, dass befragte Personen auf Grund eines „guten Gefühls“ eine zu hohe Zahlungsbereitschaft für das zu bewertende Umweltgut angeben. Die geäußerte Zahlungsbereitschaft für eine bestimmte Verbesserung der Umwelt entspricht dann nicht dem „wahren“, nutzenstiftendenWert. Sie lässt sich vielmehr auf den Umstand zurückführen, dass sich die Befragten als „gute Menschen“ im altruistischen Sinne fühlen wollen und dadurch eine überhöhte, ergebnisverfälschende Aussage treffen [Ahlheim 2003]. Präventive Reduktion der Verzerrungen Trotz aller Bedenken gegenüber dem Befragungsansatz werden in der Literatur eingehend Methoden der Befragung diskutiert, von denen man annimmt, sie könnten Individuen dazu veranlassen, ihre wahren Zahlungsbereitschaften für öffentliche Güter aufzudecken. Einen sehr praktikablen Ansatz hierzu hat Bohm [1984] mit seiner Intervall-Methode entwickelt [siehe auch Schulz 1985, Mitchell/Carson 1989]. Dieses Verfahren versucht zunächst, eine repräsentative Auswahl unter den potentiellen Nachfragern eines öffentlichen Gutes zu treffen. Der einen Hälfte der ausgewählten Testpersonen werden bestimmte Anreize gegeben, ihre Zahlungsbereitschaften eher in überhöhter Form anzugeben. Dies geschieht beispielsweise dadurch, dass man ihnenmitteilt, die Bereitstellung des betrachteten öffentlichen Gutes würde grundsätzlich aus allgemeinen Steuermitteln finanziert, oder aber, die potentiellen Nachfrager hätten dafür nur eine geringfügige Gebühr zu entrichten. Der anderen Hälfte der Befragten hingegen gibt man Anreize für eine Unterschätzung ihrer Bewertung. Ihnen wird gesagt, sie müssten einen Betrag in Höhe ihrer geäußerten Zahlungsbereitschaft entrichten oder zumindest einer relativ hohen Teil derselben bezahlen, um in den Genuss des fraglichen Gutes zu gelangen. Die Auswertung der Antworten beider Gruppen liefert eine Ober- und eine Untergrenze, zwischen denen sich die wahre Zahlungsbereitschaft der Befragten bewegen muss. Aus den beiden Grenzen kann der Analytiker konkrete Anhaltspunkte dafür entnehmen, wo die „richtige“ Nutzenbewertung liegen mag. Seine Aufgabe besteht schließlich darin, zwischen den beiden Extremen einenMittelwert zu finden, der sich für seine weitere Analyse verwenden lässt. Die Qualität des so erzielten Ergebnisses hängt natürlich in erster Linie von der Bandbreite der geäußerten Antworten ab, die wiederum von der Relevanz des „free rider“-Phänomens bestimmt wird. Daneben gibt es Verfahren, die versuchen, den Teilnehmern einer Befragung derart komplexe Entscheidungssituationen vorzugeben, dass für sie ein strategisches Verhalten von vornherein unmöglich wird und dem „Strategic Bias“ vorgebeugt werden kann [Kurz 1974, Dagenais 1977]. Dies geschieht entweder 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 95 dadurch, dass man sie über den Modus, mit dem man ein öffentliches Gut zu finanzieren beabsichtigt, völlig imUnklaren lässt oder aber eine so komplizierte Form der Finanzierungwählt, dass der einzelne seine Position durch strategisch verzerrte Antworten nicht wissentlich verbessern kann. Weitere Verfahren zur Präferenzenthüllung von Individuen gegenüber öffentlichen Gütern gehen auf Tideman und Tullock [1976] sowie auf Groves und Ledyard [1977] zurück. Die erste Arbeit beschreibt dabei ein Verfahren, bei dem ein Individuum gefragt wird, welchen Betrag es bereit wäre zu zahlen, um eine Entscheidung über ein öffentliches Projekt zu verändern, an der es nicht beteiligt war. Hieraus lassen sich dann die „wahren“ Präferenzen ableiten. Die Analyse vonGroves/Ledyard hingegen, verweist auf dieWirkung von speziellen Steuern, die die Individuen veranlassen, ihre wahren Präferenzen zu enthüllen [siehe auch Johansson 1993]. Beide Konzepte sind jedoch von geringer praktischer Relevanz für die Zwecke der Nutzen-Kosten-Analyse, so dass wir hier nicht weiter auf sie eingehen wollen. Auch bei der Contingent Valuation Method gibt es Weiterentwicklungen und Varianten, den angesprochenenKritikpunkten bei der Befragung von vornherein entgegen zuwirken. Hier gilt es vor allem auf das „ChoiceModelling“ hinzuweisen (auch „Choice Experiment“ genannt), das sich aus einer Synthese der Contingent Valuation und demhedonischen Preisansatz zusammensetzt. Dies stellt momentan das genaueste Verfahren dar, ummitHilfe von Befragungen korrekte Vorhersagen übermenschliches Verhalten im Sinne derWahrscheinlichkeitstheorie treffen zu können [Lancaster 1966, Hanley/Wright/Adamowicz 1998]. Genau wie bei der Methode des hedonischen Preisansatzes geht man auch hier davon aus, dass die Zahlungsbereitschaft für ein Gut durch dessen spezifische Eigenschaften bestimmt ist. Unterschiedliche Kombinationen von Merkmalen müssen dementsprechend in unterschiedlichen Zahlungsbereitschaften zum Ausdruck kommen. Die Zahlungsbereitschaften für die einzelnen Kombinationen der Charakteristika eines Umweltgutes werden dann über die CVM erhoben. Dem Befragten werden sie, zusammen mit unterschiedlich hohen, dafür erforderlichen Zahlungen in geschlossenen Fragen zur Auswahl gestellt. Adamowicz et al. [1998], beispielsweise, bestimmten die Zahlungsbereitschaft in ihrer bekannten Studie zum Erhalt des Karibu-Hirsches in Alberta, Kanada, indem sie Charakteristika wie die Anzahl der Tiere, das ausgewiesene Wildnisgebiet oder die gewährten Schonzeiten verwendeten. Im Choice Modelling wird die Zahlungsbereitschaft als eine Funktion der Umweltcharakteristika definiert, welche meist über ein Logit-Modell geschätzt wird. Der spezifische Vorteil des Choice Modelling liegt darin, dass die Nicht- Nutzungswerte in die Berechnung einfließen, so wie dies auch bei der Contingent Valuation der Fall ist. Im Vergleich zu jener kann hier jedoch dem Problem der strategischen Verzerrung und der Sensitivity to Scope besser Rechnung getragen werden. Verzerrungen wie beispielsweise der Embedding-Effekt sind allerdings nach wie vor nicht vollständig zu vermeiden. Abschließend sei zurMethode der Befragung noch folgende Anmerkung angebracht.Wenn der Nutzen-Kosten-Analytiker bei der Bewertung derWirkungen öffentlicher Projekte auf Verfahren der aufgezeigten Art zurückgreift, sollte ihm A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse96 stets bewusst sein, dass er im Grunde überhaupt nicht befugt ist, potentiellen Nachfragern von öffentlichen Leistungen im Rahmen von Befragungen irgendwelche Finanzierungsformen in einer rechtswirksamenWeise vorzugeben. Dies ist und bleibt allein Aufgabe der politisch Verantwortlichen. Wenn er dennoch versucht, alternative Finanzierungsmodi auf ihre Verhaltenswirkungen hin zu überprüfen, so können seine Vorstellungen immer nur einen hypothetischen Charakter haben. Gewitzte Teilnehmer an solchen Befragungen werden diese Schwachstelle sicherlich schnell erkennen und sich in ihren strategischen Überlegungen entsprechend darauf einstellen. 7.3.3 Bewertung von Menschenleben In den vorangegangenen Abschnitten sind wir bereits mehrfach auf das Problem der Bewertung von Menschenleben gestoßen. Wir haben gesehen, dass man etwa bei der Evaluierung von Verkehrsinvestitionen gezwungen ist, auch dem Menschenleben explizit einen monetären Wert zuzuordnen. Weitere Beispiele von Vorhaben, die das Todesrisiko verringern, sind Maßnahmen gegen Hochwasserkatastrophen oder groß angelegte Impfaktionen in verseuchten Landstrichen. Andererseits können Unglücksfälle beim Bau von Brücken und Dämmen sowie mögliche Emissionen von Schadstoffen im Zusammenhang mit Atom- oder auch nur gängigen Kohlekraftwerken das Todesrisiko der Bevölkerung erhöhen. Schon aus ethischen Gründen neigt man leicht der Ansicht zu, menschliches Leben sei von unbeschränkt großer Bedeutung und somit einer monetären Bewertung überhaupt nicht zugänglich.Würdeman jedochmenschlichem Leben einen unendlich hohen Wert beimessen, so müssten auch entsprechend hohe Summen etwa für die Verkehrssicherheit oder die Krebsforschung verausgabt werden. Zudem dürften auch keine Produktionsprozesse stattfinden, die einen Unfall mit Todesfolge nach sich ziehen können. So gesehen wäre bei unendlich hoher Priorität des Wertes „Leben“ an einen normalen Wirtschaftsablauf in einer Gesellschaft nicht mehr zu denken. Auf der anderen Seite bedeutet ein völliger Verzicht auf die Bewertung eines Menschenlebens nicht weniger, als dass man diesem implizit den Wert Null beimisst. Beide Extreme müssen als nicht akzeptabel angesehen werden; zwischen ihnen ist ein geeigneter Mittelweg zu finden. Die Bewertung von Menschenleben im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse basiert imWesentlichen auf zwei Ansätzen: Der erste bewertet Menschenleben aus einer produktionsorientierten Sicht. Der zweite fragt danach, welchenWert die Individuen selbst einem Anstieg oder Absinken der Wahrscheinlichkeit ihres Todes beimessen [Gramlich 1981]. In der konkreten Ausgestaltung versucht der produktionsorientierte Ansatz Eintrittswahrscheinlichkeiten von Todesfällen mit volkswirtschaftlichen Outputgrößen zu verbinden. Zu diesem Zweck schätzt er mit Hilfe geeigneter Lohnsätze die zukünftigen Einkommen von eventuell betroffenen Personen, rechnet diese bis zum Ende ihrer Lebenserwartung hoch und ermittelt so die Gesamtsumme für alle. 7. Bewertung V: Externe Effekte und öffentliche Güter 97 Das Verfahren weist allerdings einen erheblichen Defekt auf: Es impliziert, dass das Leben alter Menschen ebenso wie das von Personen mit kleinen oder überhaupt keinem Einkommen einen entsprechend geringerenWert hat. Dieser Einwand lässt sich auch dadurch nicht gänzlich entkräften, dass man sich in der Vorgehensweise anpasst und etwa Änderungen in der Lebenserwartung generell mit dem durchschnittlichen Einkommen bewertet – egal, ob Erwerbstätige, Kinder oder Rentner zu den Hauptbetroffenen zählen. Der Ansatz stellt daher insgesamt nur einen groben Anhaltspunkt für den Mindestwert eines Menschenlebens dar. Der zweite, subjektive Ansatz soll am Bau eines Alpentunnels kurz skizziert werden – ein Vorhaben, das in besondererWeise mit dem Risiko des Eintretens von Unglücksfällen mit Todesfolge verbunden ist. Konkret kann hier die Vorgehensweise wie folgt aussehen: Man weist die am Projekt beteiligten Arbeiter zunächst eindringlich auf das mit ihrem Einsatz verbundene Risiko hin und überlässt es ihnen, ob sie auf der Baustelle arbeiten wollen oder nicht. Bei jenen, denen die Risiken zu hoch erscheinen, erfragt man in einem zweiten Schritt, welche Lohnerhöhung sie dazu bewegen könnte, dennoch die Gefahr auf sich zu nehmen. Mit Hilfe der geforderten Gefahrenzulage lässt sich sodann das erhöhte Risiko eines Todesfalles monetär bewerten. Letztlich, so muss man hier feststellen, wird bei diesen Verfahren nicht der Wert eines Menschenlebens ermittelt, sondern die Bewertung einer Risikoveränderung durchgeführt [Mishan 1988]. Auch gegen die Bewertung von Menschenleben mittels geforderter oder tatsächlich gezahlter Gefahrenzulagen kann man erhebliche Einwände vorbringen. Zunächst müssten alle Arbeiter an dem betreffenden Projekt in ihrem Beschäftigungsverhalten hinreichend flexibel sein, also über alternative Beschäftigungsmöglichkeiten verfügen. In Zeiten verbreiteter Arbeitslosigkeit aber ist diese Bedingung selbst bei Facharbeitern nicht immer gegeben. Die Betroffenen sind dann unter Umständen bereit, auch Arbeiten auszuführen, die mit einer geringeren als der erhofften Gefahrenzulage entgolten werden. Zudem muss sichergestellt sein, dass alle Beteiligten genügend Informationen über die Risiken ihrer Arbeit besitzen. In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass sich in den letzten Jahren, vor allem in der gesundheitsökonomischen Bewertung eine Tendenz erkennen lässt, denWert des menschlichen Lebens, beziehungsweise die Auswirkungen bestimmter Maßnahmen auf den gesundheitlichen Zustand einer Person (z.B.: medikamentöse Behandlungen oder operative Eingriffe) nicht auf eine rein monetäre Quantifizierung zu beschränken. Man will vielmehr auch eine qualitative Betrachtung vornehmen, indem man sich zusätzlich auf Nutzenwerte stützt und diese in Relation zu den entstehenden Kosten setzt. Auf diese Weise wird allerdings der Bereich der Nutzen-Kosten-Analyse im engeren Sinne verlassen. Bei einer derartigen Betrachtung ist nicht allein die Lebenserwartung einer Person von Bedeutung, sondern gleichzeitig auch die Qualität, mit welcher diese ihre Lebenszeit gestaltet. Mit dem dahinter stehenden Konzept der QALYs (quality-adjusted life-years, beziehungsweise der qualitätskorrigierten A. Traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse98 Lebensjahre) wird den beiden letztgenannten Aspekten Rechnung getragen [siehe Kapitel 20]. Zusammenfassend kann man also festhalten, dass im Rahmen einer Nutzen- Kosten-Analyse die Bewertung von Menschenleben einen notwendigen Bestandteil bildet. Über die Art undWeise dermonetären Quantifizierung freilich kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Daher hilft auch hier dem Analytiker nur der Rat: Er sollte klar und deutlich auf den Betrag hinweisen, den er in seiner Evaluierung demWert des menschlichen Lebens beigemessen hat. Gefährdete Leben beziehungsweise eine eigeschränkte Lebensqualität sollten verbal ausgeführt werden. Den politischen Instanzen und der Öffentlichkeit obliegt es dann zu entscheiden, ob sie sein Vorgehen akzeptieren. Literatur zu Kapitel 7 Adamowicz, Wiktor, Peter Boxall, Michael Williams and Jordan Louviere: Stated Preference Approaches for Measuring Passive Use Value: Choice Experiments and Contingent Valuation. American Journal of Agricultural Economics, 80/1 (1998), S. 64-75. Ahlheim, Michael: Nutzen-Kosten-Analyse und Kontingente Evaluierung bei der Bewertung von Umweltprojekten. Staatswissenschaften und Staatspraxis, Band 6/95 (1995), S.317-358. Ahlheim, Michael: Zur ökonomischen Bewertung von Umweltveränderungen. In: Genser, B. (Hrsg.): Finanzpolitik und Umwelt. Berlin 2003, S.9-71. Andel, Norbert:Nutzen-Kosten-Analysen. In: Handbuch der Finanzwissenschaft, Band I. Herausgegeben von Norbert Andel, Heinz Haller und Fritz Neumark. 3.Aufl., Tübingen 1977, S.475-518. Arrow, Kenneth J. und Anthony C. Fisher: Environmental Preservation, Uncertainty, and Irreversibility. 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Garrod:An individual travel cost method for evaluating forest recreation. Journal of Agricultural Economics, 42/1 (1991), S. 33-42. 8. Diskontierung von Nutzen und Kosten 8.1 Zur Bedeutung der Diskontierung In unseren bisherigen Ausführungen zur Bewertung öffentlicher Vorhaben haben wir den Aspekt der Zeit völlig vernachlässigt. Die Analyse war statisch angelegt und beschränkte sich darauf zu untersuchen, wie die positiven und negativen Effekte in der Periode ihres jeweiligen Eintretens bewertet werdenmüssen. Gewöhnlich aber muss man davon ausgehen, dass die Vor- und Nachteile eines Projekts über einen Zeitraum anfallen, der mehrere Perioden umfasst. So sind Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, beispielsweise zur Errichtung von Straßen, Kanälen oder U-Bahnsystemen, einerseits mit Baukosten verbunden, die in der Gegenwart oder in relativ naher Zukunft anfallen, während andererseits ihre Unterhaltskosten und die Nutzeffekte oftmals über einen Zeitraum von 50 Jahren und mehr hinweg auftreten. In solchen Situationen muss man natürlich danach fragen, ob man Nutzen und Kosten, die zu unterschiedlichen Zeiten anfallen, ohne weiteres gleich behandeln darf oder ob man sie nicht erst durch eine zeitliche Gewichtung aufeinander abzustimmen hat. Ebenso wie in der privatwirtschaftlichen Investitionsrechnung wird diese Frage auch in der Nutzen-Kosten-Analyse eindeutig beantwortet: Nutzen und Kosten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstehen, müssen auf einen gemeinsamen Zeitpunkt umgerechnet werden; sie sind in temporaler Hinsicht zu homogenisieren. Als gemeinsamer Zeitpunkt bietet sich dabei der Beginn eines Projekts an. Den Vorgang der zeitlichen Homogenisierung bezeichnet man als Diskontierung. Erst nach erfolgter Diskontierung lassen sich zeitlich verschiedeneNutzen und Kostenmiteinander vergleichen und zu jeweils gemeinsamen Werten zusammenfassen. Der Vorgang der Diskontierung kommt am deutlichsten in der folgenden finanzmathematischen Formel zum Ausdruck, nach der man den Wert aller Kosten tK und aller Nutzen tN berechnet, den diese zu Beginn eines Projekts besitzen. Deren Gegenwartswerte (GW) ergeben sich dabei als = + + + + + + + " 1 2 T 0 2 T K K K GW(K) K (1 d) (1 d) (1 d) (65) = = + ∑ T t t t 0 K (1 d) und = + + + + + + + " 1 2 T 0 2 T N N N GW(N) N (1 d) (1 d) (1 d) (66)

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References

Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.