16. Projektempfehlungen in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 183 - 187

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_183

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

Bibliographic information
16. Projektempfehlungen 16.1 Kosten-Wirksamkeits-Matrix Am Ende seiner Untersuchung muss der Analytiker in der Lage sein, seine Ergebnisse in einer vollständigen Kosten-Wirksamkeits-Matrix darzulegen. Die Zeitproblematik sowie Risiko- und Unsicherheitsgesichtspunkte sollten darin bereits angemessen berücksichtigt sein. Formal hat eine solche Matrix die in Schaubild 23 dargestellte Gestalt. Schaubild 23: Kosten-Wirksamkeits-Matrix Projekt Kosten Wirksamkeit W1 W2 W3 … Wm A1 A2 A3 . . . An K1 K2 K3 Kn W11 W21 W31 Wn1 W12 W22 W32 Wn2 W13 W23 W33 Wn3 W1m W2m W3m Wnm Liegt eine derartige Matrix vor, stellt sich anschließend die Frage, welche Empfehlungen für die Projektauswahl auf dieser Grundlage ausgesprochenwerden können. Sehen wir uns dieses Problem im Folgenden etwas näher an. 16.2 Auswahl dominanter Projekte Auf der Grundlage einer Kosten-Wirksamkeits-Matrix lässt sich eine eindeutige Empfehlung für ein bestimmtes Projekt nur dann aussprechen, wenn sich herausstellt, dass dieses allen anderen Alternativen hinsichtlich seiner Kosten und seiner Wirksamkeiten überlegen ist. Das jeweils beste Projekt muss also über alle Wirksamkeiten hinweg die höchsten Skalenwerte aufweisen und mit den geringsten Kosten verbunden sein. Im Beispiel des Schaubildes 24 dominiert in diesem Sinne die Alternative A dieMaßnahmen B und C und kann daher ohne Bedenken zur Realisierung vorgeschlagen werden. 16. Projektempfehlungen 171 Schaubild 24: Auswahl dominanter Projekte Projekt Kosten in tausend EUR Wirksamkeit W1 W2 W3 A B C 90 120 150 24 22 10 15 13 11 144 111 74 Bei einer eindeutigen Besserstellung einzelner Projekte lässt sich selbstverständlich auch eine Projektrangfolge angeben. So dominiert in unserem Beispiel das Projekt A das Vorhaben B und dieses wiederum ist klar vorteilhafter als die Alternative C. Eine eindeutige Empfehlung mit Hilfe der Kosten-Wirksamkeits-Matrix kann jedoch nicht mehr gegeben werden, wenn eine ansonsten dominierende Alternative auch nur in einem einzigen Wirksamkeitsbereich oder auf der Kostenseite schlechter abschneidet als eine andere Maßnahme. Man spricht in einem solchen Fall von der Dominanz zweier oder mehrerer Alternativen. Die Matrix in Schaubild 25 zeigt einen typischen Fall mit zwei überlegenen Alternativen, nämlich A und B. Mit Sicherheit lässt sich hier hinsichtlich einer Projektempfehlung nur eines sagen: Die Alternative C wird sowohl von A als auch von B dominiert und scheidet deshalb von vornherein aus jeder weiteren Betrachtung aus. Schaubild 25: Auswahl dominanter Projekte I Projekt Kosten in tausend EUR Wirksamkeit W1 W2 W3 A B C 50 40 60 8 8 8 12 10 7 13 25 11 Die Kosten-Wirksamkeits-Matrix eignet sich also besonders für einen paarweisen Vergleich von Alternativen. Auf diese Weise kann sie helfen, dominante Maßnahmen zu eruieren. Die Erstellung einer Rangfolge unter diesen ist jedoch ausgeschlossen. 16.3 Das Wirksamkeits-Kosten-Verhältnis Etwas einfacher gestaltet sich die Aufgabe der Projektempfehlung, wenn es die Kosten-Wirksamkeits-Analyse nur mit einem eindimensionalen Zielkriterium und damit auch nurmit einem einzigenWirksamkeitsmaß zu tun hat. In diesem Fall wird es ihr nämlich möglich, Wirksamkeits-Kosten-Verhältnisse zu bilden und darauf aufbauend eine Rangfolge unter Projekten zu erstellen. Projekte C. Kosten-Wirksamkeits-Analyse172 werden dabei, wie das Schaubild 26 zeigt, umso höher eingeschätzt, je größer ihr Wirksamkeits-Kosten-Verhältnis ausfällt. Schaubild 26: Wirksamkeits-Kosten-Verhältnis Projekt Kosten in tausend EUR Wirksamkeit W/K Rang A B C D E 100 50 50 25 25 200 110 130 100 75 2,0 2,2 2,6 4,0 3,0 5. 4. 3. 1. 2. Gegen das Wirksamkeits-Kosten-Verhältnis als Kriterium der Projektbeurteilung wird hauptsächlich eingewandt, dass darin die absolute Höhe der Wirksamkeit eines Vorhabens vernachlässigt würde. Nicht zuletzt ist auch sein Anwendungsbereich beträchtlich eingeschränkt, da es auf ein eindimensionales Zielkriterium angewiesen ist. 16.4 Der „fixed effectiveness” – und „fixed cost”-Ansatz Dieser Ansatz konzentriert sich ebenfalls auf den paarweisen Vergleich von Projekten und ermittelt unter den dominanten Alternativen eine Auswahl, indem er eine Kostenrestriktion in bestimmter Höhe und eine konkrete Mindestwirksamkeit als zusätzliche Nebenbedingungen für die Selektion von Projekten einführt. Anhand dieser beiden Beschränkungen lässt sich ein so genannter Durchführbarkeitsbereich für die geplanten Vorhaben bestimmen und die Zahl der dominanten Alternativen in der Regel beträchtlich einschränken (Schaubild 27). Die Auswahl eines absolut vorteilhaften Projekts oder die Erstellung einer Rangfolge kann jedoch auch dieses Instrument nicht gewährleisten. Es wird darin auch nicht spezifiziert, nach welchen Kriterien die beiden Beschränkungen fixiert werden sollten. Neben der fragwürdigen Festlegung der „constraints“ hat der Ansatz schließlich noch den Nachteil, dass auch er wei- Schaubild 27: Bestimmung eines Durchführbarkeitsbereiches minW maxK K Durchführbarkeitsbereich Überschreitung der Kostenrestriktion Unterschreitung der Mindestwirksamkeit W 16. Projektempfehlungen 173 terhin von der Voraussetzung ausgeht, die positiven Wirkungen eines Projekts seien in einem eindimensionalen Wirksamkeitsmaß abzubilden. 16.5 Grenzen der Empfehlungskraft der Kosten-Wirksamkeits-Analyse Fassenwir noch einmal kurz zusammen, anwelche Grenzen die Empfehlungskraft der Kosten-Wirksamkeits-Analyse in der praktischen Anwendung stößt. Da die Kosten-Wirksamkeits-Analyse normalerweise von multiplen Zielsetzungen ausgeht, ist es ihr in der Regel nicht möglich, eine eindeutige Rangfolge als Grundlage für die Projektauswahl festzulegen. Hierzu müsste sie die verschiedenen Teilwirksamkeiten ihres Zielsystems zu einer Gesamtwirksamkeit zusammenfassen. Gerade diese Aufgabe will aber die Analyse nicht selbst angehen; sie bleibt allein dem politischen Entscheidungsträger überlassen. Aufgrund der unterschiedlichen Dimensionen, in denen Kosten und Wirksamkeiten gemessen werden, ist die Kosten-Wirksamkeits-Analyse auch nicht in der Lage, Aussagen über die gesamtwirtschaftliche Vorteilhaftigkeit eines isolierten Vorhabens zu treffen. Die Kosten-Wirksamkeits-Analyse erlaubt also, im Gegensatz zur Nutzen-Kosten-Analyse, keine Antwort auf die Frage, ob es sinnvoll ist, für ein bestimmtes Projekt Mittel aus einer alternativen Verwendung im privaten oder öffentlichen Sektor abzuziehen. Sie ist letztlich nur in der Lage, alternative Vorhaben miteinander zu vergleichen, die demselben Zielsystem dienen. Mit anderen Worten, die Kosten-Wirksamkeits-Analyse kann nur darüber informieren, wie weitgehend verwandte Projekte in ihrer relativen Stellung zueinander abschneiden; sie vermag aber nicht, die absolute Vorteilhaftigkeit bestimmter öffentlicher Vorhaben zu beurteilen. Literatur zu Teil C Meyke, Udo: Cost-Effectiveness-Analysis als Planungsinstrument. Unter besonderer Berücksichtigung von Infrastrukturinvestitionen im Verkehr. Göttingen 1973. Quade, Edward S.: Introduction. In: Systems Analysis and Policy Planning. Applications in Defense. Herausgegeben von Edward S. Quade undWayne l. Boucher.New York 1968, S.1-19. Schneeweiß, C.: Kosten-Wirksamkeitsanalyse, Nutzwertanalyse und Multi-Attributive Nutzentheorie. WiSt (1990), S. 13-18. Zangemeister, Christof: Nutzwertanalyse in der Systemtechnik. Eine Methodik zur multidimensionalen Bewertung und Auswahl von Projektalternativen. 2.Aufl., München 1971. D. Nutzwertanalyse 17. Grundlagen und Aufbau 17.1 Grundlagen Die Nutzwertanalyse stellt das dritte wirtschaftlichkeitsanalytische Verfahren dar, das neben der Nutzen-Kosten-Analyse und der Kosten-Wirksamkeits-Analyse für den öffentlichen Sektor entwickelt worden ist. Nutzwertanalyse und Kosten-Wirksamkeits-Analyse sind eng miteinander verwandt. Sie werden daher im englischen Sprachraum auch unter dem Oberbegriff „cost-effectiveness analysis“ zusammengefasst. Wie die Kosten-Wirksamkeits-Analyse hat auch die Nutzwertanalyse die Aufgabe, alternative öffentliche Projekte im Rahmen eines multidimensionalen Zielsystems auf ihre Wirtschaftlichkeit hin zu untersuchen und nach ihrer Vorteilhaftigkeit zu ordnen. Sie drückt diese Ordnung allerdings nicht mehr inMatrizenform durch Teilwirksamkeiten, sondern durch die Angabe vonGesamtwirksamkeiten oder Nutzwerten aus [Zangemeister 1971]. In methodischer Hinsicht ist die Nutzwertanalyse daher eine konsequente Weiterentwicklung der Kosten-Wirksamkeits-Analyse. Im Unterschied zu jener konzentriert sich die Nutzwertanalyse allerdings vorrangig auf die Outputwirkungen öffentlicher Vorhaben, die Kostenseite hingegen wird von ihr in ihrer Grundform nicht explizit berücksichtigt. Die einzige Möglichkeit, um ergänzend auch die Kosten in die Analyse einzubringen, besteht darin, diese als negative Teilnutzwerte aufzunehmen. Die Nutzwertanalyse hat sich in den letzten Jahren vor allem imVerkehrssektor, aber auch im Gesundheitsbereich zum populärsten Bewertungs- und Auswahlverfahren entwickelt. Die Gründe hierfür dürften hauptsächlich in ihrer verhältnismäßig einfachen Handhabung zu suchen sein. 17.2 Aufbau DerNutzwertanalytiker sieht sich zunächst vor die gleichenAufgaben gestellt, die ihm auch bei der Durchführung einer Kosten-Wirksamkeits-Analyse begegnen: (1) Er hat zuerst die Ziele, die mit Hilfe öffentlicher Projekte realisiert werden sollen, vollständig, widerspruchsfrei und operational zu erfassen, sofern diese von der Politik nicht bereits vorgegeben sind (Zielanalyse). (2) In einem zweiten Schritt muss er die jeweils relevantenNebenbedingungen bestimmen (Erfassung von Nebenbedingungen). (3) Anschließend sindHandlungsalternativen zu konzipieren, die den gesetzten Zielen dienen können (Alternativenbestimmung).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.