12. Berücksichtigung von Verteilungseffekten in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 167 - 174

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_167

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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12. Berücksichtigung von Verteilungseffekten Die traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse verzichtet explizit auf die Berücksichtigung von Verteilungseffekten. Der Frage, wen ein öffentliches Projekt belastet undwen es begünstigt, misst sie keine Bedeutung zu. ZusätzlichenNutzen, der bei reichen Bevölkerungsteilen anfällt, bewertet sie ebenso hochwie einenNutzenzuwachs bei armen Gesellschaftsschichten. Eine solche Vorgehensweise ist nur dann haltbar, wenn die bestehende Einkommensverteilung in einer Gesellschaft für optimal gehalten wird. Gegenstand der folgenden Erörterungen ist daher die Frage, in welcher Form die bisher vorgestellten Bewertungsverfahren zu modifizieren sind, wenn diese Ansicht aufgegeben und der Verteilungsaspekt in die Analyse einbezogen wird. 12.1 Der grundlegende Bewertungsansatz Zweck einer Nutzen-Kosten-Analyse ist es, öffentliche Projekte anhand ihrer Wohlfahrtswirkungen zu beurteilen. Dies kann grundsätzlich mit Hilfe von ordinalen oder von kardinalen Bewertungsverfahren geschehen. Sobald allerdings Verteilungsgesichtspunkte eine Rolle spielen, eignen sich ordinale Verfahren nicht länger zur Bewertung der Vor- undNachteile eines öffentlichen Projekts. Denn Urteile über Verteilungsfragen sind grundsätzlich nur in einem kardinalen Kontext möglich [Ng 1982]. Man hat somit entweder auf das Konzept der Konsumentenrente oder auf das der Zahlungsbereitschaft zurückzugreifen. Beide sind in Kapitel 4 bereits ausführlich diskutiert worden. Sieht man von Preisänderungen ab, so lautet der Bewertungsansatz in Form der maximalen Zahlungsbereitschaften: μ μ = = = Δ = Δ = Δ∑ ∑ ∑ m m n k k k i ik k 1 k 1 i 1 W v p x , (106) mit ΔW als Wohlfahrtsänderung und μ λ= ∂ ∂k k k( W v ) als sozialem Grenznutzen des Einkommens für den Haushalt k. Die obige Gleichung zeigt uns den Weg auf, wie Verteilungswirkungen in die traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse integriert werden können. Dort abstrahiert man von Verteilungsänderungen, indem man annimmt, die Verteilung der Einkommen sei optimal. Als Folge davon darf man die Verteilungsgewichte μk vernachlässigen und die Konsumänderungen bei den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern unverändert zu gesamtwirtschaftlichenMengenänderungen zusammenfassen. In der erweitertenNutzen-Kosten-Analyse hingegen können Nutzenänderungen unterschiedlicher Haushalte nicht mehr als gleichwertig betrachtet werden; sie sind jetzt mit dem jeweiligen sozialen Grenznutzen des Einkommens μk zu gewichten. B. Erweiterte Nutzen-Kosten-Analyse154 Die Beschaffung der Informationen, die eine in der obigen Form erweiterte Nutzen-Kosten-Analyse benötigt, ist zweifelsohne mit einem immensen Arbeits- und Kostenaufwand verbunden. Dies zwingt den Analytiker in der Praxis zu erheblichen Abstrichen vom theoretisch vorgegebenen Konzept. Man ist hier überwiegend auf mehr oder weniger aussagefähige Näherungsverfahren angewiesen. So käme, ausgehend vom Ziel der gerechten Verteilung, aus theoretischer Sicht eigentlich nur eine Gruppierung von Individuen oder Haushalten entsprechend ihrer Nutzenniveaus in Frage. Da aber eine empirische Bestimmung individueller Nutzenniveaus kaum möglich ist, klassifiziert man die von einem öffentlichen Projekt Betroffenen in der Regel nach der Höhe ihres Einkommens. Zudem lässt sich in der Praxis die theoretisch gebotene Zurechnung der Verteilungseffekte auf einzelne Individuen oder Haushalte nicht durchführen. Allein praktikabel erscheint eine Vorgehensweise, die einzelne zu Gruppen zusammenfasst und die Verteilungsanalyse auf Gruppenbelastungen und -begünstigungen beschränkt. Dieses Verfahren schlägt beispielsweise auchWeisbrod [1968] mit seinem „grandefficiency“-Konzept vor. Der „grand-efficiency“-Wert GE eines Projekts berechnet sich dabei nach der Formel μ μ μ= − + − + + −"1 1 1 2 2 2 ´m m mGE g (N K) g (N K) g (N K) . (107) − k(N K) bezeichnet hier die Nettobegünstigung oder -belastung der k-ten =(k 1,...,m) Einkommensklasse, kg die Anzahl der Haushalte in dieser und μk steht für das gesellschaftliche Zielgewicht von Nutzenänderungen in dieser Einkommensklasse. Eine verteilungsorientierte Nutzen-Kosten-Analyse hat demnach vorrangig zwei Problembereiche zu bearbeiten. Als erstes muss sie die Wirkungen eines Projekts den einzelnen Mitgliedern einer Gesellschaft zurechnen. Als zweite hat sie zu bestimmen, wie die Verteilungsgewichte für die verschiedene Gesellschaftsmitglieder aussehen sollen. Mit beiden Aufgabenstellungen wollen wir uns nachfolgend näher beschäftigen. 12.2 Personale Zurechnung von Verteilungswirkungen Selbst eine stark vereinfachte Zurechnung von Verteilungswirkungen auf Personengruppen wirft in der praktischen Umsetzung noch enorme Schwierigkeiten auf, insbesondere dann, wenn ein öffentliches Projekt eine besonders lange Lebenszeit aufweist. In dem Fall kann man sich nur weiterhelfen, indem man auf noch einfachere approximative Verfahren zurückgreift. Dazu zählt neben repräsentativen Befragungen vor allem die ex post-Auswertung bereits vorhandener Projektstudien. Man bemüht sich dabei, aus der Analyse bereits durchgeführter Projekte ähnlicher Art Verteilungswerte zu gewinnen und diese auf geplante Vorhaben zu übertragen. So kann beispielsweise die tatsächliche Inanspruchnahme bei bestehenden Einrichtungen der öffentlichen Infrastruktur durch die Bürger eines Landes oder einer Region und deren 12. Berücksichtigung von Verteilungseffekten 155 verteilungsstatistische Auswertung [Hanusch 1976] durchaus die gewünschten Näherungswerte liefern. Stehen auch derartige ex post-Verteilungsanalysen nicht zur Verfügung, dann ist der Analytiker bei der Zurechnung projektbedingter Nutzen und Kosten auf reine Plausibilitätsüberlegungen angewiesen. Er kann beispielsweise für staatliche Aufwendungen imGesundheitswesen Zurechnungskriterien heranziehen, die sich an den privaten Ausgaben für die Gesundheitspflege orientieren. Für den Verkehrsbereich wiederum käme eine Aufschlüsselung nachMaßgabe der privaten Kraftfahrzeugaufwendungen in Frage. Die für solche Verteilungsrechnungen notwendigen statistischen Daten liegen für jedermann leicht zugänglich vor, so etwa für die Bundesrepublik Deutschland in den Einkommens- und Verbrauchsstichproben des Statistischen Bundesamtes. Wenn es dem Analytiker gelungen ist, die Nutzen und Kosten eines Projekts einzelnen Einkommensklassen zuzurechnen, so kann er diese für die verschiedenen Gruppen saldieren und auf dieseWeise derenNettobegünstigungen oder Nettobelastungen errechnen. Die Ergebnisse lassen sich sodann in Tabellen von der Art darstellen, wie sie Schaubild 19 wiedergibt [Weisbrod 1968]. Schaubild 19: Personale Zurechnung von Verteilungswirkungen Projektalternative Einkommensklasse E1 E2 … Em N K N-K N K N-K N K N-K A1 A2 A3 . . . An Um abschließend eine endgültige Projektrangfolge erstellen zu können, in der sowohl der Aspekt der Effizienz als auch der der Verteilung enthalten ist, muss der Analytiker für jedes Vorhaben die jeweiligen Nettowerte in den Einkommensklassen mir entsprechenden Verteilungsgewichten zu einem Gesamtergebnis amalgamieren. Welche Schwierigkeiten in dem Zusammenhang bei der Bestimmung von Verteilungsgewichten auftreten, werden wir im nächsten Abschnitt aufzeigen. Hier jedoch gilt es noch darauf hinzuweisen, dass eine vollständige Integration von Effizienz und Verteilung nicht um jeden Preis angestrebt werden muss. Man kann die Analyse bereits vorher abbrechen und die projektspezifischen Verteilungsmatrizen als Addendum an die ansonsten effizienzbezogenen Berechnungen anfügen. Auf dieseWeise bleibt die endgültige Entscheidung den politisch Verantwortlichen überlassen. B. Erweiterte Nutzen-Kosten-Analyse156 12.3 Bestimmung von Verteilungsgewichten Verteilungsgewichte lassen sich in demokratischen Gesellschaften prinzipiell auf zwei Arten ermitteln, – auf der Basis der Präferenzen der einzelnen Bürger oder – nachMaßgabe der Vorstellungen legitimierter politischer Entscheidungsträger. Beide Möglichkeiten wollen wir im Folgenden diskutieren. 12.3.1 Individualistische Gewichtung Die Nutzen-Kosten-Analyse hat sich grundsätzlich an individuellen Präferenzen zu orientieren. Von daher liegt es nahe, auch die Bestimmung von Verteilungsgewichten daran auszurichten. Dies kann entweder auf direktem Wege mittels repräsentativer Erhebungen geschehen, indem man die Bürger unmittelbar zur relativen Bedeutung von Effizienz und Gerechtigkeit befragt. Oder man versucht, auf indirekte Weise Informationen zu gewinnen, indem man zumBeispiel das karitative Verhalten einzelner beobachtet und daraus auf ihre Einstellung zum Verteilungsziel schließt. Gegen beide Verfahren kann man allerdings einwenden, dass sie in ihren Ergebnissen sehr stark von der momentanen Zugehörigkeit der Probanden zu einer bestimmten Einkommensschicht beeinflusst sind und daher wohl kaum als ausgewogen gelten können. Eine ideale Lösung des Gewichtungsproblems wäre erst dann gefunden, wenn es gelänge, die Individuen vollkommen losgelöst von ihrer aktuellen Einkommenslage zu befragen oder zu beobachten. Wie jeder empirisch forschende Sozialwissenschaftler weiß, ist dies eine Wunschvorstellung, die sich im Forschungsalltag nie erfüllen lässt. 12.3.2 Politische Gewichtung Angesichts der Schwierigkeiten, die zwangsläufig bei einer individualistischen Lösung auftreten, werden in der Literatur überwiegend politische Verfahren zur Bestimmung von Zielgewichten vorgeschlagen. Die legitimierten Entscheidungsträger im öffentlichen Sektor sollen selbst festlegen, welche relative Bedeutung sie der allokativen Effizienz und der Verteilungsgerechtigkeit beimessen. Dagegen lässt sich wiederum einwenden, dass auch Politiker, die imWettstreit um Wählerstimmen stehen, nicht völlig losgelöst von den Interessen ihrer Klientel über Fragen der Verteilung befinden. Daneben spielen natürlich auch ihre eigenen Interessen eine nicht geringe Rolle. Das Hauptproblem eines jeden politischen Ansatzes dürfte aber wohl darin zu sehen sein, dass selbst Entscheidungen von demokratisch gewählten Organen nicht immer offen diskutiert und in derMehrzahl auch nicht zur allgemeinen Abstimmung gestellt werden. Diese sind vielmehr von bürokratisch organisierten Verwaltungen detailliert vorbereitet und häufig auch maßgeblich beeinflusst. Folglich kann es auch zu 12. Berücksichtigung von Verteilungseffekten 157 keinen eindeutigen, demokratisch abgestimmten Entscheidungen in der Gewichtungsproblematik kommen [Frey 1978]. Der Nutzen-Kosten-Analytiker fährt daher in der Regel besser, wenn er versucht, politische Verteilungsgewichte auf indirektem Wege zu eruieren. Die Grundidee ist, dass im politischen RaumEntscheidungen über die Gewichtung der Ziele Effizienz und Verteilungsgerechtigkeit in impliziter Form permanent getroffen werden. Man muss nur die richtigen Entscheidungsfelder suchen, um daraus auch für die erweiterte Nutzen-Kosten-Analyse die notwendigen Informationen zu erhalten. Zwei Bereiche gelten in demZusammenhang als besonders ergiebige Quellen: bereits zurückliegende Investitionsentscheidungen der öffentlichenHand sowie das jeweils herrschende Einkommensteuersystem in einem Land. Ableitung von Verteilungsgewichten aus zurückliegenden Investitionsentscheidungen Der Gedanke, Verteilungsgewichte aus Investitionsentscheidungen der Vergangenheit abzuleiten, geht auf Weisbrod [1968] zurück. Sein „revealed preference approach“ beruht auf der Beobachtung, dass in der Praxis häufig öffentliche Projekte zur Durchführung gelangen, die hinsichtlich ihrer Effizienz nicht mit anderen, ebenfalls realisierbaren Vorhaben konkurrieren können. Weisbrod führt diese faktische Bevorzugung von vergleichsweise weniger wirtschaftlichen Vorhaben darauf zurück, dass öffentliche Entscheidungsträger auch Verteilungsanliegen in ihr Kalkül aufnehmen. Er unterstellt damit, dass im politischen Prozess ein „trade-off“ zwischen Effizienz undUmverteilung existiert und in staatswirtschaftlichen Entscheidungen auch zumTragen kommt. Für die Nutzen-Kosten-Analyse komme es nur darauf an, solche implizit vorhandenen Verteilungsgewichte in numerisch fassbarer Form auszudrücken. Die großen Schwächen des Weisbrodschen Ansatzes liegen offensichtlich in seinen Voraussetzungen begründet. Soll sein Verfahren theoretisch gerechtfertigt sein, so muss es davon ausgehen, dass öffentliche Entscheidungsträger auch in der Praxis stets rational handeln und ihre Vorhaben aufgrund einer einheitlichen Gewichtung zwischen dem Effizienz- und dem Verteilungsziel auswählen. In ihren Entscheidungen darf außerdem kein Platz für Fehler sein. Schließlich müsste der Analytiker, um die impliziten Verteilungsgewichte in einwandfreier Weise explizieren zu können, den gleichen Informationsstand besitzen, wie jene Verantwortlichen im öffentlichen Sektor, die frühere Entscheidungen getroffen haben. Aber selbst wenn diese Voraussetzungen erfüllt wären, verbleibt noch die Frage nach der aktuellen Bedeutung von Verteilungsgewichten, die aus der Vergangenheit stammen. Gerade für neue Projekte, die weit in die Zukunft hineinreichen, mögen Verteilungsgewichte aus früherer Zeit keine besondere Relevanz mehr haben [Pearce/Nash 1981]. Obwohl man dem Weisbrodschen Ansatz einen gewissen Zug ins „Heroische“ nicht absprechen kann, findet er auch heute immer noch Befürworter [Brent 1984]. B. Erweiterte Nutzen-Kosten-Analyse158 Ableitung von Verteilungsgewichten aus dem Einkommensteuer System Eine zweite Möglichkeit zur Bestimmung politischer Verteilungsgewichte besteht darin, die erforderlichen Informationen aus dem herrschenden Einkommensteuersystem herauszufiltern. Als einer der ersten hat Eckstein [1961] auf diesen Weg hingewiesen. Geht man nämlich davon aus, dass der Gesetzgeber die Einkommensteuersätze entsprechend dem Prinzip des gleichen Grenzopfers festlegt, so lassen sich die relativen Verteilungsgewichte μk als einfache Inverse der Grenzsteuersätze k t für unterschiedliche Einkommensklassen berechnen μ μ =1 2 2 1( t t ). Wird beispielsweise ein Einkommen von 10 000 Geldeinheiten mit einem Grenzsteuersatz von 25 Prozent belegt, während ein Einkommen in Höhe von 40 000 Geldeinheiten an der Grenze mit 50 Prozent besteuert wird, so folgt daraus, dass der Fiskus einer zusätzlichen Einkommenseinheit bei Angehörigen der unteren Einkommensschicht implizit ein doppelt so hohes Verteilungsgewicht beimisst wie einem entsprechenden Einkommenszuwachs in der oberen Einkommensklasse. Abweichend von Eckstein ersetzt Mera [1969] die Prämisse, der Staat besteuere nach dem Prinzip des gleichen Grenzopfers, durch die Annahme einer Besteuerung nach dem gleichen absoluten Opfer. Nach seiner Auffassung resultieren aus dem letzten Opferprinzip Verteilungsgewichte, denen in entwickelten Volkswirtschaften eine größere Relevanz zukommt. Er nimmt für die Mitglieder der Gesellschaft eine konstante und einheitliche Einkommenselastizität β an. Mit dieser ermittelt er seine Verteilungsgewichte μk nach der Formel β μ ( $ = & # % " k k y , y (108) mit y als durchschnittlichem Einkommen und β als vorgegebenem Elastizitätsparameter. Für die Ableitung politischer Verteilungsgewichte aus Einkommensteuerdaten spricht der relativ geringe Aufwand, der damit verbunden ist, und die Annahme, dass sich Politiker gerade bei der Festlegung des Einkommensteuersystems in besonderer Weise auch von Verteilungsüberlegungen leiten lassen. Dagegen kannman argumentieren, dass die Einkommensteuer allein nicht das gesamte verteilungspolitisch relevante Einnahmen- und Ausgabensystem des öffentlichen Sektors abbildet. Außerdem ist die Frage, welches Opferprinzip einem Steuersystem tatsächlich zugrunde liegt, nicht eindeutig zu beantworten. Letztendlich muss auch offen bleiben, ob die politisch Verantwortlichen sich bei der Besteuerung überwiegend an effizienz- und verteilungspolitischen Gesichtspunkten orientieren oder ob nicht fiskalische, konjunktur- oder wachstumspolitische Überlegungen eine ebenso große Rolle spielen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die in der Literatur vorgeschlagenen Verfahren zur Ermittlung politischer Verteilungsgewichte allesamt kaum zu überzeugen vermögen. Im Rahmen der erweitertenNutzen-Kosten-Analyse kann dem Analytiker daher eigentlich nur empfohlen werden, die Auswahl öffentlicher Projekte anhand unterschiedlicher Gewichtungssysteme vorzuneh- 12. Berücksichtigung von Verteilungseffekten 159 men, die Konsequenzen sorgfältig zu untersuchen und in seinem Endbericht entsprechend zu dokumentieren. Literatur zu Kapitel 12 Brent, Robert J.:Use of distributional weights in cost-benefit analysis: A survey of schools. Public Finance Quarterly, 12 (1984), S. 213-230. Eckstein, Otto: A survey of the theory of public expenditure criteria. In: Public Finances: Needs, Sources and Utilisation. Herausgegeben vom National Bureau of Economic Research. Princeton, NJ 1961, S.439-504. Frey, Renè L.:Die Nutzen-Kosten-Analyse: Grundzüge, Probleme, Kritik. Wirtschaft und Recht, 30 (1978), S.267-286. Hanusch, Horst:Verteilung öffentlicher Leistungen. Eine Studie zur personalen Inzidenz. Göttingen 1976. Mera, Koichi: Experimental determination of relativemarginal utilities. Quarterly Journal of Econo-mics, 83 (1969), S. 464-477. Ng, Yew-Kwang: Beyond Pareto optimality: The necessity of interpersonal cardinal utilities in distributional judgements and social choice. Zeitschrift für Nationalökonomie, 42 (1982), S. 207-233. Pearce, DavidW. und Christopher A. Nash: The Social Appraisal of Projects. A Text in Cost- Benefit Analysis. London 1981. Weisbrod, Burton A.: Income redistribution effects and benefit-cost analysis. In: Problems in Public Expenditure Analysis. Herausgegeben von Samuel B. Chase, Jr. Washington, D.C. 1968, S.177-209. C. Kosten-Wirksamkeits-Analyse 13. Grundlagen und Aufbau 13.1 Grundlagen Die Kosten-Wirksamkeits-Analyse, in der englischen Literatur als „cost-effectiveness analysis“ bezeichnet, ist das zweite bedeutende Verfahren, das dem Bereich der Wirtschaftlichkeitsanalyse für den öffentlichen Sektor zugezählt wird. Auch sie wurde zu demZweck entwickelt, aus einem Spektrummöglicher Projekte das vorteilhafteste Vorhaben herauszufinden. Ihre Hauptanwendungsbereiche lagen in der Vergangenheit im Verkehrs- und Verteidigungssektor sowie im Bildungs-, Forschungs- und Gesundheitswesen. Die Kosten-Wirksamkeits-Analyse unterscheidet sich von der traditionellen ebensowie von der erweitertenNutzen-Kosten-Analyse inmehrfacher Hinsicht. Im Gegensatz zu jenen kennt sie zur Beurteilung der Outputwirkungen kein monofinales Ziel staatlichenHandelns wie das der Steigerung gesellschaftlicher Wohlfahrt. Sie untersucht öffentliche Projekte vielmehr auf einer der Wohlfahrtszielsetzung untergeordneten projektspezifischenZielebene. Mit Blick auf das konkrete Vorhaben wird das finale Wohlfahrtsziel also in operationalisierbare Subziele aufgespalten. Die Evaluierung erfolgt sodann auf der Grundlage dieser multiplen projektspezifischen Zielkriterien. Umdie Kosten eines öffentlichen Vorhabens zu ermitteln, stützt sich die Kosten- Wirksamkeits-Analyse allerdings weiterhin auf das Opportunitätskostenkonzept, wie wir es im Rahmen der Nutzen-Kosten-Analyse kennen gelernt haben. Auf der Kostenseite kommt demnach unverändert dasmonofinaleWohlfahrtsziel zur Geltung. Lediglich der Output eines Projekts wird über seine Beiträge zu den projektspezifischen Zielen beurteilt. Ein weiteres Wesensmerkmal der Kosten-Wirksamkeits-Analyse besteht im Verzicht auf einemonetäre Bewertung der Outputeffekte öffentlicher Vorhaben; die Projektwirkungen gehen vielmehr in physischen Größen in die Analyse ein. Sie bemüht sich auch nicht weiter darum, die so erfassten Werte, falls sie in unterschiedlichen Maßeinheiten vorliegen, in irgendeiner Form zu einem Gesamtmaß zu vereinen. Einemögliche Verknüpfung bleibt voll und ganz dem politischen Entscheidungsträger überlassen.

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Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.