11. Berücksichtigung von Beschäftigungseffekten in:

Horst Hanusch

Nutzen-Kosten-Analyse, page 155 - 167

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3412-5, ISBN online: 978-3-8006-4475-9, https://doi.org/10.15358/9783800644759_155

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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B. Erweiterte Nutzen-Kosten-Analyse Im Folgenden wollen wir den analytischen Rahmen der traditionellen Nutzen- Kosten-Analyse erweitern, indem wir zwei ihrer Grundannahmen aufheben: Zum einen die Voraussetzung, dass in einer Volkswirtschaft immer Vollbeschäftigung herrsche, zum anderen die Prämisse, dass die in einer Gesellschaft vorgefundene Verteilung der Einkommen und Produktivkräfte stets die bestmögliche sei. Mit diesen Veränderungen im Datenkranz begeben wir uns nunmehr in den Bereich der „Erweiterten Nutzen-Kosten-Analyse“. 11. Berücksichtigung von Beschäftigungseffekten Ein Projekt ruft Opportunitätskosten hervor, wenn die benötigten Inputfaktoren alternativen Verwendungen im privaten oder öffentlichen Sektor entzogen werden. Die traditionelle Nutzen-Kosten-Analyse geht bei der Evaluierung öffentlicher Projekte grundsätzlich von dieser Prämisse aus. Sie konzentriert sich damit ausschließlich auf die Ermittlung von Wohlfahrtszuwächsen oder -einbußen, die auf eine projektbedingte Reallokation von Ressourcen zurückzuführen sind. In diesemKapitel wollen wir der Frage nachgehen, wie im Rahmen der Nutzen- Kosten-Analyse Produktionsfaktoren zu bewerten sind, die entweder keine Beschäftigung finden oder aber brachliegen. Dabei interessiert uns insbesondere der Faktor Arbeit. Auf Modifikationen in der Bewertung bei den Faktoren Kapital und Boden in einer Situation der Unterbeschäftigung werden wir dagegen nur am Rande eingehen. Einen eigenen Abschnitt werden wir auch den besonderen Problemen widmen, die im Zusammenhang mit der Auslastung von Produktionsfaktoren in Entwicklungsländern auftreten. 11.1 Direkte Beschäftigungseffekte: Theorie Die Bewertung des Faktors Arbeit in einer Unterbeschäftigungssituation leiten wir hier in einem partialanalytischen Modell ab. Diesem liegt die Vorstellung zugrunde, dass nur der Arbeitsmarkt in einer Volkswirtschaft sich in einem Ungleichgewicht befindet (Unterbeschäftigung). Die Situation auf anderen Märkten, wie dem Güter- und dem Kapitalmarkt, sowie eventuelle Wechselwirkungen zwischen diesen und dem Arbeitsmarkt bleiben vorerst unberücksichtigt. Auf sie werden wir später eingehen, wenn wir uns mit den indirekten Beschäftigungseffekten öffentlicher Vorhaben auseinandersetzen. B. Erweiterte Nutzen-Kosten-Analyse142 In Kapitel 5 haben wir dargelegt, dass im Vollbeschäftigungsgleichgewicht bei vollkommener Konkurrenz auf allen Märkten die Opportunitätskosten eines öffentlichen Projekts durch den Wert der Inputfaktoren = = Δ∑∑ n 1 h hi i 2 h 1 w F (63) bestimmt sind. Diese wiederum entsprechen demWert der Produktion, den die eingesetzten Ressourcen in alternativen Verwendungen geschaffen hätten. Da wir unsere Analyse im Folgenden primär auf den Faktor Arbeit konzentrieren wollen, gehen wir davon aus, dass die Bezeichnung l für „Arbeit“ steht, und setzen Δ = Δli iF A . Wir bezeichnen weiterhin mit w den Preis der Arbeit (Lohnsatz) und erhalten schließlich als neuen Ausdruck für die Opportunitätskosten eines Projekts − = = = Δ + Δ∑∑ ∑ n l 1 n h hi i i 2 h 1 i 2 w F w A . (99) Bei Vollbeschäftigung kann somit der Term = Δ = Δ∑ n i i 2 w A w A (100) den gesamten Wert der Arbeit angeben, die in einem öffentlichen Projekt gebunden wird. Er entspricht dem Produkt von Marktlohn und eingesetzte Arbeitsmenge. Der Marktlohn wiederum bildet sich unter den Annahmen die wir in Abschnitt 4.1 darlegten, als Gleichgewichtspreis, bei dem sich Angebot und Nachfrage gerade decken. Dabei entspringt das Arbeitsangebot dem individuellen Kalkül der Nutzenmaximierung. Die Nutzenfunktion eines Haushalts haben wir bereits in Abschnitt 3.2 [siehe Gleichung (2)] kennen gelernt. Hier nun nehmenwir darin zusätzlich dieMenge an Arbeit a auf, die der Haushalt in die Produktion einbringt, = "1 nu u(x , ,x ,a), (101) mit ∂ ∂

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Zusammenfassung

Die erste Wahl: Nutzen-Kosten-Analyse

Nach dem Haushaltsgrundsätzegesetz sind für alle finanzwirksamen Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung angemessene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durchzuführen. Als umfassendste gesamtwirtschaftliche Untersuchungsmethodik stellt die Nutzen-Kosten-Analyse innerhalb der Finanzwissenschaft nach wie vor das Instrument der ersten Wahl dar. Durch die gute Eignung für die Bewertung von Umwelteffekten konnten in den letzten Jahren Nutzen-Kosten-Analysen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Der Gesetzgeber verlieh dem Instrument zudem ein entscheidendes Gewicht im Bereich des medizinischen Fortschritts. Durch die Gründung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und dessen weitgehende Verpflichtung, neue Arzneimittel hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhält-nisses zu prüfen, müssen sich alle namhaften forschenden Arzneimittelhersteller mit der Methodik intensiv auseinandersetzen. Neben der eigentlichen Nutzen-Kosten-Analyse enthält das Buch auch Kapitel über die Kostenwirtschaftlichkeitsanalyse sowie die Nutzwertanalyse. Bei allen Verfahren beschreibt das Buch die jeweiligen Stärken und Schwächen, Unterschiede und die spezifischen Möglichkeiten in der Anwendung. Praktische Beispiele zeigen die Anwendung, insbesondere im Gesundheits- und Umweltbereich. Das Buch ist in erster Linie ein Lehrtext für den Unterricht an Universitäten. Es hilft jedoch auch Experten in Politik und Verwaltung, sich mit modernen Entscheidungsmethoden vertraut zu machen.

Der Autor

Prof. Dr. Horst Hanusch ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg.