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3.6 Beispiel zur Anwendung der statischen Verfahren der Investitionsrechnung in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Investition, page 90 - 93

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3658-7, ISBN online: 978-3-8006-4434-6, https://doi.org/10.15358/9783800644346_90

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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3 Die statischen Verfahren der Investitionsrechnung66 ist die Amortisationsdauer also auch kein geeigneter Beurteilungsmaßstab für das mit einer Investition verbundene Risiko.130 Aus diesem Grund wird von Hax vorgeschlagen, die Amortisationsdauer nicht als Kriterium für die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung von Investitionsobjekten heranzuziehen, sondern als organisatorische Regelung zur Kompetenzabgrenzung. „Wenn man überhaupt bei betrieblichen Investitionsentscheidungen mit einer maximal zulässigen Amortisationsdauer arbeitet, dann sollte dies nur in der Weise geschehen, daß die Entscheidung über Projekte, deren Amortisationsdauer das Maximum überschreitet, höheren Instanzen der betrieblichen Hierarchie vorbehalten wird“.131 3.6 Beispiel zur Anwendung der statischen Verfahren der Investitionsrechnung132 Die Riesling GmbH benötigt für das kommende Jahr eine neue Abfüllanlage für ihren Prädikatswein. Es stehen ihr dazu die folgenden Investitionsalternativen zur Verfügung: Anlage I Anlage II Anschaffungskosten (EUR) 66.000 75.000 Nutzungsdauer (Jahre) 6 6 Kapazität (Flaschen/Jahr) 9.500 10.000 Sonstige fixe Kosten (EUR/Jahr) 9.250 8.225 Materialkosten (EUR/Flasche) 0,72 0,72 Löhne und Lohnnebenkosten (EUR/Jahr) 11.610 12.000 Energiekosten (EUR/Flasche) 0,10 0,12 Sonstige variable Kosten (EUR/Jahr) 10.000 10.875 Aufgrund der wirtschaftlich angespannten Lage ist von einem Kalkulationszinssatz von 5 % auszugehen. (1) Ermitteln Sie nach der Kostenvergleichsrechnung die kostengünstigere Investitionsalternative! (2) Die Riesling GmbH kann am Markt einen Preis von 5,70 EUR je Flasche Wein erzielen. Für welche Anlage würde sich die Unternehmung entscheiden, wenn sie eine Gewinnvergleichsrechnung bei ihrer Entscheidung zugrunde legt und außerdem davon ausgegangen werden kann, dass alle jährlich abgefüllten Weinflaschen am Markt abgesetzt werden könnten? (3) Welche Anlage ist nach der Rentabilitätsvergleichsrechnung – unter den gleichen Prämissen wie bei (2) – vorteilhafter? 130 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 1: Investition und Unternehmungsbewertung. 2. Aufl., Freiburg i. Br. 1997, S. 52. 131 Hax, Herbert: Investitionstheorie. 5. Aufl., Würzburg/Wien 1993, S. 38. 132 Entnommen aus Kußmaul, Heinz: Statische Verfahren der Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1995, S. 261-263. 3.6 Beispiel zur Anwendung der statischen Verfahren der Investitionsrechnung 67 (4) Berechnen Sie die statische Amortisationsdauer der beiden Anlagen nach der Durchschnittsmethode! Lösung: (1) Bei der Kostenvergleichsrechnung werden periodisierte Größen und Durchschnittswerte herangezogen. Wie bei allen statischen Verfahren der Investitionsrechnung wird das zeitliche Auseinanderfallen der Zahlungsgrößen nicht berücksichtigt. Da die beiden Anlagen unterschiedliche Kapazitäten pro Jahr aufweisen, kann der Vergleich nicht auf Gesamtkostenbasis durchgeführt werden, sondern es sind die Stückkosten (Kosten je Flasche Wein) als entscheidungsrelevante Größe zur Ermittlung der kostengünstigeren Alternative maßgeblich. Anlage I Anlage II Anschaffungskosten (EUR) 66.000 75.000 Nutzungsdauer (Jahre) 6 6 Liquidationserlös am Ende der Lebensdauer (EUR) ? ? Kapazität (Flaschen/Jahr) 9.500 10.000 Abschreibungen (EUR/Jahr) 66.000 11.000 6 ? 75.000 12.500 6 ? Zinsen (5 % auf 1/2 Anschaffungswert) (EUR/Jahr) 1.650 1.875 Sonstige fixe Kosten (EUR/Jahr) 9.250 8.225 Gesamte fixe Kosten (EUR/Jahr) 21.900 22.600 Gesamte fixe Kosten (EUR/Flasche) 2,3053 2,26 Materialkosten (EUR/Flasche) 0,72 0,72 Löhne und Lohnnebenkosten (EUR/Jahr) 11.610 12.000 Löhne und Lohnnebenkosten (EUR/Flasche) 11.600 1,2221 9.500 ? 12.000 1,20 10.000 ? Energiekosten (EUR/Flasche) 0,10 0,12 Sonstige variable Kosten (EUR/Jahr) 10.000 10.875 Sonstige variable Kosten (EUR/Flasche) 10.000 1,0526 9.500 ? 10.875 1,0875 10.000 ? Gesamte variable Kosten (EUR/Flasche) 3,0947 3,1275 Gesamte Kosten (EUR/Flasche) 5,40 5,3875 Die Anlage I weist die höheren Kosten mit 5,40 EUR pro Flasche auf. Deshalb würde die kostengünstigere Anlage II bevorzugt von der Riesling GmbH ausgewählt werden. Eine absolute Vorteilhaftigkeit der Anlagen für die Unternehmung lässt sich aus der statischen Kostenvergleichsrechnung allerdings nicht ablesen. (2) Die Gewinnvergleichsrechnung stellt eine Erweiterung der Kostenvergleichsrechnung durch Einbeziehung der Erlöse dar. Für den durchschnittlichen Periodengewinn gilt allgemein: Periodengewinn Periodenerlöse Kosten der Periode? ?? ?? 3 Die statischen Verfahren der Investitionsrechnung68 Für die beiden Anlagen bedeutet dies bei einem Absatzpreis von 5,70 EUR/Flasche, dass folgende durchschnittliche Periodengewinne erzielt werden könnten: IG (5,70 5,40)? ? ? 0,30 EUR / Flasche IG (5,70 5,40) 9.500? ? ? ? 2.850 EUR / Jahr IIG (5,70 5,3875)? ? ? 0,3125 EUR / Flasche IIG (5,70 5,3875) 10.000? ? ? ? 3.125 EUR / Jahr Anlage II ist nach der Gewinnvergleichsrechnung vorteilhafter, denn die Riesling GmbH erzielt einen Gewinn von 3.125 EUR gegenüber nur 2.850 EUR bei einer Investition in Anlage I. (3) Zu dem Ergebnis der Gewinnvergleichsrechnung müssen die Zinsen hinzugerechnet werden, da sie vorher – sowohl im Falle der vollständigen Finanzierung über Eigenkapital als auch bei Fremdkapitalfinanzierung – ergebniswirksam abgezogen wurden, also den durchschnittlichen Periodengewinn geschmälert haben. Allgemein gilt: PeriodengewinnKapitalrentabilität Kapitaleinsatz ? IGewinn 2.850 1.650 4.500 EUR? ? ? 0 I A 66.000Kapitaleinsatz 33.000 EUR 2 2 ? ? ? I I 4.500Rentabilität : r 0,1364 33.000 ? ? ? 13,64% IIGewinn 3.125 1.875 5.000 EUR? ? ? 0 II A 75.000Kapitaleinsatz 37.500 EUR 2 2 ? ? ? II II 5.000Rentabilität : r 0,1333 37.500 ? ? ? 13,33% Die Rentabilität beider Investitionsprojekte liegt deutlich über der geforderten Mindestverzinsung von 5 %. Somit ist die Realisation beider Anlagen für sich genommen sinnvoll. Im Vergleich ist die Anlage I mit einer maximal erzielbaren Rendite von 13,64 % vorzuziehen. (4) Die statische Amortisationsrechnung geht im Allgemeinen von den Ergebnissen der Kostenvergleichsrechnung und der Gewinnvergleichsrechnung aus und dient der Unternehmung zur Einschätzung des Risikos, welches sie finanzwirtschaftlich mit der Investition eingeht. Die Vorteilhaftigkeit einer Investition wird anhand der Amortisationsdauer gemessen. Allgemein gilt für die Bestimmung der maßgeblichen Amortisation nach der Durchschnittsmethode: 3.7 Zusammenfassende Beurteilung 69 AM Anschaffungskosten [EUR]Amortisationszeit (Jahre) t Kapitalrückfluss [EUR/Jahr] Anschaffungskosten EUR Gewinn EUR/Jahr Abschreibungen EUR/Jahr ? ? ? ?? ?? ?? ? ? ?? ? ? ? Wird die Anschaffung der Maschine vollständig über Fremdkapital finanziert, so gilt hinsichtlich der Vorteilhaftigkeiten der beiden Investitionsalternativen Folgendes: IAM 66.000t 4,77 Jahre 2.850 11.000 ? ? ? ? 4 Jahre, 9 Monate, 7 Tage IIAM 75.000t 4,8 Jahre 3.125 12.500 ? ? ? ? 4 Jahre, 9 Monate,18 Tage Würde hingegen eine Finanzierung gänzlich über Eigenkapital erfolgen, so müssten zum durchschnittlichen Periodengewinn noch die kalkulatorischen Eigenkapitalzinsen hinzugerechnet werden, was im Vergleich zu den oben berechneten Werten zu einer Verkürzung der Amortisationsdauern führt: IAM 66.000t 4,26 Jahre 4.500 11.000 ? ? ? ? 4 Jahre, 3 Monate, 3 Tage IIAM 75.000t 4,29 Jahre 5.000 12.500 ? ? ? ? 4 Jahre, 3 Monate,13 Tage Unabhängig von der unterstellten Finanzierungssituation lässt sich als Ergebnis festhalten, dass die Anlage I die geringere Amortisationszeit aufweist und somit vorteilhafter als die Anlage II ist. Allgemein gültige Kriterien bezüglich einer maximal vertretbaren Amortisationsdauer gibt es nicht. 3.7 Zusammenfassende Beurteilung Bedingt durch die verschiedenen Vorteilhaftigkeitskriterien gehen in die statischen Verfahren der Investitionsrechnung im Wesentlichen Erfolgsgrößen ein; eine Ausnahme hiervon bildet lediglich die Amortisationsrechnung, bei der eine entsprechende Berücksichtigung nicht-zahlungswirksamer Kostenbestandteile erfolgt. Jedoch können Erfolgsgrößen die finanzwirtschaftlichen Aspekte von Investitionen, also die durch sie ausgelösten Zahlungsströme, nicht zutreffend beschreiben, da es sich dabei um aus diversen Gründen in bestimmter Weise periodisierte Zahlungsvorgänge handelt. Außerdem stehen die verwendeten Vorteilhaftigkeitskriterien in nur sehr weitläufigem Zusammenhang zur jeweiligen Zielpräferenzstruktur des Investors. Da in die statischen Verfahren der Investitionsrechnung nur Durchschnittsgrößen eingehen (eine Ausnahme hiervon bildet nur die Amortisationsrechnung in der Variante der Kumulationsrechnung), es sich also nur um einperiodige Verfahren handelt, findet die zeitliche Verteilung der Erfolgsgrößen keine Berücksichtigung. Es kann also keine Einbeziehung der Tatsache erfolgen, dass zu realisierende Investitionsprojekte im Zeitablauf gleich bleibende, steigende bzw. fallende Gewinne aufweisen können.

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References

Zusammenfassung

Zu Beginn dieses Lehrbuches wird auf die grundlegenden Prinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft eingegangen. Daran schließt sich die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Investition (und hier vor allem mit den Verfahren der Investionsrechnung) an. Dabei werden alle theorie- und praxisrelevanten Facetten behandelt. Zur Veranschaulichung der Inhalte dient ein durchgehendes Beispiel. Im letzten Kapitel wird sich mit Fragen der Unternehmensbewertung (inkl. DCF-Verfahren) auseinandergesetzt.

- Einführendes Lehrbuch in die Verfahren der Investitionsrechnung

- Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

- Zusammenhänge und finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

- Einordnung von Investitionsrechnung und Investitionsentscheidungen

- Statische und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung

- Dynamische Verfahren der Investitionsrechung

- Bestimmung der optimalen Nutzungsdauer und des Ersatzzeitpunktes von Investitionen

- Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen

- Investitionsprogrammentscheidungen

- Entscheidungen über Finanzinvestitionen

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Investitionsproblemen.