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1.1 Die Grundlagen der Finanzwirtschaft in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Investition, page 26 - 33

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3658-7, ISBN online: 978-3-8006-4434-6, https://doi.org/10.15358/9783800644346_26

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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1 Die Finanzwirtschaft1 1.1 Die Grundlagen der Finanzwirtschaft 1.1.1 Leistungswirtschaftlicher und finanzwirtschaftlicher Bereich 1.1.1.1 Der ökonomische Bezugsrahmen einer Unternehmung Jede Unternehmung ist über die Beschaffung der Faktoreinsatzgüter, die eigentliche Leistungserstellung („Produktion“) sowie den Absatz der erstellten Güter in die Gesamtwirtschaft eingebunden. Über diesen „Kernbereich“ der Unternehmungstätigkeit, dem leistungsbzw. güterwirtschaftlichen Bereich, tritt sie mit anderen in- und ausländischen Wirtschaftssubjekten und mit dem Staat in Kontakt. Diesen vielfältigen Güter- und Leistungsströmen laufen in einer Geldwirtschaft jeweils Geldströme (Zahlungsströme) entgegen. Abbildung 1 (Seite 2) zeigt diese Leistungs- und Zahlungsströme einer Volkswirtschaft. Was hinsichtlich der Leistungs- und Zahlungsströme allgemein für die Gesamtwirtschaft gilt, lässt sich auch in jeder einzelnen Unternehmung beobachten. Die Einbindung einer Unternehmung in die Leistungs- und Zahlungsströme einer Volkswirtschaft zeigt Abbildung 2 (Seite 3). Die hier getroffene gedankliche Unterscheidung zwischen leistungs- und finanzwirtschaftlichem Bereich sollte jedoch nicht zu der Annahme verleiten, diese beiden Bereiche seien unabhängig voneinander. Die Abhängigkeit zwischen leistungs- und finanzwirtschaftlichem Bereich resultiert einerseits aus vorangegangenen vertraglichen Vereinbarungen sowie gesetzlichen Vorschriften. Andererseits bedingen sich diese beiden Unternehmungsbereiche in zweifacher Hinsicht gegenseitig. Zum einen ist der reibungslose Ablauf des leistungswirtschaftlichen Prozesses jeder Unternehmung nur gesichert, wenn genügend finanzielle Mittel zur Beschaffung der Produktionsfaktoren zur Verfügung stehen und durch den Absatz der Betriebsleistungen über den Markt wieder zurückgewonnen werden können; der leistungswirtschaftliche Bereich setzt also generell voraus, dass seine Finanzierung gesichert ist. Zum anderen führen Störungen im leistungswirtschaftlichen Bereich letztlich immer auch zu Störungen im finanzwirtschaftlichen Bereich, da sich der aus dem Absatz der Betriebsleistungen erwartete Zustrom an Zahlungsmitteln nachteilig verändert. All dies zeigt die Berechtigung der Vorstellung Riegers, wonach der betriebliche Kreislauf im Allgemeinen in Geldform beginnt und über die Umwandlung in Güter bzw. Leistungen in der Wiedergeldwerdung als Folge der Leistungsverwertung endet.2 Es zeigt auch, dass 1 Wesentliche Passagen dieses Abschnitts sind entnommen aus Bieg, Hartmut: Aufgaben, Grundprinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft. In: Der Steuerberater 1994, S. 456-460, 499-504, Der Steuerberater 1995, S. 15-19, 53-60 und aus Kußmaul, Heinz: Grundlagen der Investition und Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1995, S. 99-103, 135-139, 179-183. 2 Vgl. Rieger, Wilhelm: Einführung in die Privatwirtschaftslehre. 3. Aufl., Erlangen 1964, S. 179. 2 1 Die Finanzwirtschaft „jeder güterwirtschaftliche Vorgang zugleich einen Akt der Kapitaldisposition darstellt“.3 Zu den Güter- und Leistungsströmen parallel, aber in entgegengesetzter Richtung, verlaufen die Zahlungsströme (Geldströme). Allerdings müssen die korrespondierenden Ströme nicht zeitgleich fließen (z. B. beim Kauf auf Ziel); außerdem gibt es finanzwirtschaftliche Transaktionen ohne leistungswirtschaftliches Äquivalent. Trotzdem ist es berechtigt, die Finanzwirtschaft als Spiegelbild der Leistungswirtschaft zu charakterisieren, so dass den genannten (leistungswirtschaftlichen) „Kernbereichen“ der Unternehmung die finanzwirtschaftlichen Äquivalente der Beschaffungsfinanzierung, der Produktionsfinanzierung und der Absatzfinanzierung gegenübergestellt werden können.4 Löhne und Gehälter Export- u. Importgüter Ausland Staat Grundstoffindustrie Groß- u. Einzelhandel Konsumgüterindustrie Investitionsgüterindustrie Haushalte Güter GüterGüter Kaufpreiszahlung Kaufpreiszahlung Kaufpreiszahlung Kaufpreiszahlung Steuern Kaufpreiszahlung SteuernLöhne u. Gehälter Güter Kaufpreiszahlung Güter Güterstrom Geldstrom Abbildung 1: Die Unternehmung im volkswirtschaftlichen Güter- und Geldstrom5 Der finanzwirtschaftliche Bereich umfasst diejenigen Vorgänge und Aktivitäten, die Einzahlungen und Auszahlungen auslösen. Der Saldo der Ein- und Auszahlungen eines bestimmten Zeitraumes entspricht der Veränderung der zugehörigen Bestandsgröße, des Zahlungsmittelbestandes. Diesen Bestand liquider Mittel kann man definieren als den an einem bestimmten Zeitpunkt feststellbaren Bestand an Bargeld sowie jederzeit verfügbaren Guthaben bei Kreditinstituten (Sichtguthaben). 3 Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. 3. Band: Die Finanzen. 8. Aufl., Berlin/Heidelberg/New York 1980, S. 2. 4 Vgl. Hahn, Oswald: Finanzwirtschaft. 2. Aufl., Landsberg a. L. 1983, S. 37. 5 Modifiziert entnommen aus Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 10. 1.1 Die Grundlagen der Finanzwirtschaft 3 Finanzmarkt Eigenkapital Fremdkapital Einlagen EntnahmenGewinne Kredite Rückzahlungen Zinsen Rechnungswesen Finanzbereich Rechnungswesen Finanzbereich Steuern Gebühren Beiträge Zuschüsse Subventionen Staat Beschaffungsmarkt Arbeitskräfte Betriebsmittel Werkstoffe Absatzmarkt Betriebe Haushalte Lager unfertiger Erzeugnisse Verwertung der Betriebsleistung (Absatz) Lager fertiger Erzeugnisse Erstellung der Betriebsleistung (Produktion) dispositiver Faktor Bestand liquider Mittel Roh-, Hilfs- und Betriebsstoff-Lager Personalbestand Anlagenbestand Elementarfaktoren Güterbewegungen Finanzbewegungen Abbildung 2: Güter- und Finanzbewegungen in der Unternehmung Die Auszahlungen des Leistungsbereichs, die Leistungsauszahlungen, umfassen die laufend anfallenden Auszahlungen für Löhne und Gehälter, für die Beschaffung von Waren bzw. Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen sowie von Dienstleistungen, aber auch die Auszahlungen für die Beschaffung der im Leistungsbereich benötigten Betriebsmittel wie Gebäude, Maschinen und Werkzeuge. Als Einzahlungen im Leistungsbereich (Leistungseinzahlungen) sind vor allem die Einzahlungen aus Umsatzerlösen, aber auch sonstige Einzahlungen, etwa aus dem Verkauf technischer Anlagen, zu nennen. Man unterscheidet vom soeben definierten Zahlungsmittelbestand den Bestand an Geldvermögen (Zahlungsmittelbestand + sonstige Geldforderungen – Geldverbindlichkeiten), der durch Einnahmen und Ausgaben positiv bzw. negativ verändert wird, sowie den Reinoder Nettovermögensbestand (Eigenkapital), der definiert ist als Geldvermögen + übriges Vermögen (Sachvermögen + immaterielles Vermögen + verbriefte und unverbriefte Eigentümerrechte) – Sachleistungsverpflichtungen. Der Reinvermögensbestand wird durch die erfolgswirksamen Erträge und Aufwendungen bzw. die erfolgsunwirksamen Einlagen (in Kapitalgesellschaften: Kapitalerhöhungen) und Entnahmen (in Kapitalgesellschaften: Kapitalherabsetzungen) verändert. Die verschiedenen Bestandsdefinitionen und die zugehörigen positiven und negativen Veränderungen fasst Abbildung 3 (Seite 4) zusammen. Da also zwischen dem Zahlungsmittelbestand und dem Reinvermögen (Eigenkapital) einer Unternehmung unterschieden wird, stellt der Saldo der Leistungseinzahlungen und der Leistungsauszahlungen (Leistungssaldo) lediglich einen Maßstab für die leistungswirtschaftlich bedingten Veränderungen des 4 1 Die Finanzwirtschaft Zahlungsmittelbestandes dar, nicht jedoch für den Periodenerfolg der Unternehmung. So führt der Kauf von Gegenständen des Anlage- und Umlaufvermögens im Lieferungszeitpunkt zu einer Ausgabe, im Zahlungszeitpunkt zu einer Auszahlung (beide Zeitpunkte können identisch sein), also zu den genannten Zeitpunkten zu einer Verminderung des Geldvermögens bzw. des Zahlungsmittelbestandes, dagegen erst in späteren Perioden zu Aufwendungen, etwa in Form von planmäßigen Abschreibungen über die angesetzte Abschreibungsdauer beim zeitlich begrenzt nutzbaren Anlagevermögen, in Form von außerplanmäßigen Abschreibungen beim Anlage- und Umlaufvermögen oder in Form der Verrechnung des Wareneinsatzes in der Periode des Warenverkaufs. Bei Rückstellungen folgt der Aufwandsverrechnung i.d.R. eine Auszahlung. Zahlungsmittelbestand = Kassenbestand + jederzeit verfügbare Guthaben bei Kreditinstituten (einschließlich Deutsche Bundesbank bzw. Landeszentralbank) Veränderungen: Einzahlungen (+) Auszahlungen (–) Geldvermögen = Zahlungsmittelbestand + sonstige Geldforderungen – Geldverbindlichkeiten Veränderungen: Einnahmen (+) Ausgaben (–) Reinvermögen = Geldvermögen + Sachvermögen + immaterielles Vermögen + verbriefte und unverbriefte Eigentümerrechte – Sachleistungsverpflichtungen Veränderungen: Erträge (+) Aufwendungen (–) erfolgswirksam Einlagen/Kapitalerhöhungen (+) Entnahmen/Kapitalherabsetzungen (–) erfolgsunwirksam Abbildung 3: Ausgewählte Bestandsgrößen und ihre positiven und negativen Veränderungen Zweifellos ist der Leistungssaldo wesentlicher Bestandteil der in einer Unternehmung anfallenden Zahlungsströme. Weitere Ein- und Auszahlungen ergeben sich aber auch aus den Beziehungen der Unternehmung zu ihren externen Geldgebern, die Einlagen oder Kredite zur Verfügung stellen. Diese Einlagen und Kreditgewährungen begründen Rechtsbeziehungen, die in der Zukunft Zahlungen von der Unternehmung an die Eigentümer in Form gewinnabhängiger Ausschüttungen und eventueller Kapitalrückzahlungen bzw. an die Gläubiger in Form vertraglich vereinbarter Zins- und Tilgungszahlungen erforderlich machen. Diese Auszahlungen sind ebenso wenig unmittelbar vom Leistungsbereich abhängig wie Auszahlungen, die für den Erwerb von Finanztiteln (z. B. Aktien, GmbH- und Genossenschaftsanteile, festverzinsliche Wertpapiere, aber auch Kreditgewährungen und Festgelder) durch die Unternehmung geleistet werden. 1.1 Die Grundlagen der Finanzwirtschaft 5 Daneben gibt es weitere finanzwirtschaftliche Transaktionen, die nicht unmittelbar vom Leistungsbereich der Unternehmung ausgelöst werden. Dazu zählen Zahlungen, welche die Unternehmungen in Form von Steuern, Beiträgen und Gebühren an den Staat leisten bzw. in Form von Subventionen und Zuschüssen vom Staat erhalten. So lassen sich zumindest nicht alle Steuern als Leistungsauszahlungen dem Leistungsbereich zuordnen. Beispielsweise sind die Bemessungsgrundlagen der Steuern vom Einkommen und Ertrag nicht nur vom Leistungsbereich abhängig; sie werden auch durch finanzwirtschaftliche Dispositionen beeinflusst (z. B. kann für Einzelunternehmer und Gesellschafter von Personengesellschaften die Belastung mit Einkommensteuer von der Gewinnverwendungsentscheidung abhängig sein). Wie es nicht vom Leistungsbereich ausgelöste Auszahlungen gibt, so kommen – neben den bereits erwähnten Subventionen und Zuschüssen – auch Einzahlungen vor, die nicht aus dem Leistungsbereich resultieren, so wenn früher erworbene Finanztitel veräußert werden oder infolge Zeitablaufs zur Rückzahlung gelangen bzw. wenn aus gehaltenen Finanztiteln gewinnabhängige (z. B. Dividenden) oder vertraglich vereinbarte (z. B. Zinsen) Einzahlungen fließen. 1.1.1.2 Die isolierte Betrachtung des finanzwirtschaftlichen Bereichs Die Finanzwirtschaft beschäftigt sich nur mit denjenigen Vorgängen und Aktivitäten, die Zahlungsmittelbestandsveränderungen, also Ein- und Auszahlungen, auslösen. Dies gilt auch für die unmittelbar leistungswirtschaftlich bedingten Ein- und Auszahlungen. Diese isolierte Betrachtung der Zahlungsströme ist berechtigt, da (fast) alle leistungswirtschaftlichen Vorgänge aufgrund des Kreislaufgedankens auf die von ihnen ausgelösten Zahlungsströme reduziert werden können. So bedeutet eine im leistungswirtschaftlichen Bereich einer Unternehmung vorgenommene Investition unter den für diesen Unternehmungsbereich entscheidenden Aspekten nichts anderes als die Umwandlung von Zahlungsmitteln in materielle und immaterielle Güter, mit denen zur Erstellung der betrieblichen Leistung und zur Aufrechterhaltung bzw. Erhöhung der Leistungsbereitschaft erforderliche Faktorkapazitäten aufgebaut werden bzw. bestehende Faktorkapazitäten besser genutzt werden können. Aus leistungswirtschaftlicher Sicht stehen die technischen und kapazitätsdeterminierenden Eigenschaften des Investitionsobjektes im Vordergrund. Folgerichtig unterscheidet man die Investitionsobjekte bei dieser Sichtweise nach der Art der zu beschaffenden Vermögensobjekte.6 Aus leistungswirtschaftlicher Sicht ist es interessant, in welcher Weise das Investitionsobjekt mit den übrigen betrieblichen Produktionsfaktoren zusammenwirkt und welchen Einfluss es auf die Leistungsfähigkeit der Unternehmung ausübt. Diese Zusammenhänge zu untersuchen, ist Aufgabe der Absatz-, Produktions- und Kapazitätsplanung. Die Finanzwirtschaft – hier im Speziellen die Investitionsrechnung – hingegen interessiert sich nicht für die leistungswirtschaftlichen Auswirkungen auf den Betriebsprozess, sondern nur für die Zahlungsmittelbewegungen, die durch diese Investitionsprojekte ausgelöst werden. 6 Vgl. dazu Abschnitt 1.3.1. 6 1 Die Finanzwirtschaft Für die finanzwirtschaftliche Beurteilung einer Investition sowie für den Vergleich verschiedener Investitionsalternativen ist es daher grundsätzlich völlig unwichtig, ob die betrachteten Investitionen im Leistungsbereich erfolgen, also zu Veränderungen im Leistungsbereich der Unternehmung führen, oder ob es sich um Finanzinvestitionen handelt, die keinerlei Beziehungen zum leistungswirtschaftlichen Bereich der Unternehmung aufweisen. Im Übrigen lässt sich die beschriebene, für die Finanzwirtschaft typische Reduktion des Betriebsprozesses auf Geldbestände und ihre Veränderungen auch für Bilanzen feststellen. Ein Teil des in der Bilanz ausgewiesenen Vermögens ist Ergebnis der leistungswirtschaftlichen Seite der Investitionen. Dazu zählen: ? die bilanzierungsfähigen Einsatzfaktoren, ? das Ergebnis des Kombinationsprozesses dieser Faktoren mit den nicht-bilanzierungsfähigen Einsatzfaktoren (Arbeit, Dienstleistungen fremder Unternehmungen, dispositiver Faktor) sowie ? ein erheblicher Teil des Ergebnisses der Leistungsverwertung (Forderungen). Daneben finden sich im Vermögen aber auch Teile, die aus Finanzinvestitionen stammen, also dem finanzwirtschaftlichen Bereich angehören. Das auf der Passivseite ausgewiesene Kapital der Unternehmung repräsentiert ihren finanzwirtschaftlichen Bereich. Es beruht auf den Rechtsbeziehungen zwischen der Unternehmung und ihren Geldgebern, welche die Rechtsposition eines Eigentümers oder eines Gläubigers einnehmen. Der als Vermögen ausgewiesene Zahlungsmittelbestand stellt die Verbindung zwischen dem Leistungs- und Finanzbereich einer Unternehmung her. Der Zahlungsmittelbestand dient zur Bezahlung der zur Leistungserstellung benötigten Produktionsfaktoren. Erst beim Eingang der Verkaufserlöse kommt es wieder zu einem Zahlungsmittelzufluss. 1.1.2 Investition und Finanzierung als Elemente der Finanzwirtschaft Entsprechend der Einteilung des leistungswirtschaftlichen Bereichs in Beschaffung von Produktionsfaktoren sowie Produktion und Absatz der erstellten Leistungen kann man den finanzwirtschaftlichen Bereich in Kapitalbeschaffung (Finanzierung), Kapitalverwendung (Investition) und Kapitaltilgung unterteilen. Die Lehre der Finanzwirtschaft umfasst daher Theorie und Technik der Kapitalaufbringung (einschließlich der Kapitaltilgung) und der Kapitalanlage, behandelt also sowohl die Akquisition als auch die Disposition finanzieller Mittel.7 Die Zusammenfassung von Investition und Finanzierung unter dem Begriff Finanzwirtschaft erfolgt, weil zwischen beiden Bereichen aufgrund der ausgelösten Zahlungsmittelbewegungen Interdependenzen bestehen. So entstehen ohne Mittelverwendungsmöglichkeiten keine Finanzierungsprobleme; Finanzierungsfragen lassen sich nicht abschließend klären, solange die Beziehung zur Mittelverwendung nicht berücksichtigt wird. Ebenso braucht man ohne Finanzierungsmöglichkeiten nicht über Investitionsmöglichkeiten 7 Vgl. dazu auch Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 3 und 8. 1.1 Die Grundlagen der Finanzwirtschaft 7 nachzudenken; Investitionsfragen können nicht ohne Berücksichtigung der finanziellen Aspekte beantwortet werden.8 Diese übergreifende Betrachtung der genannten Teilbereiche in der Finanzwirtschaft weicht von der traditionellen, isolierten Betrachtung der beiden Gebiete ab. Aber nur in einer derartigen ganzheitlichen Betrachtung des Gesamtsystems der Unternehmung lassen sich die Interdependenzen der einzelnen Bereiche berücksichtigen. Anders als der auf die Deskription finanzwirtschaftlicher Sachverhalte beschränkte, traditionelle Ansatz der Finanzwirtschaft ist der moderne Ansatz der Finanzwirtschaft entscheidungsorientiert. Investition und Finanzierung werden nun als Optimierungsvorgang gesehen, in dem Mittelbeschaffung und Mittelverwendung im Hinblick auf die Unternehmungsziele aufeinander abgestimmt werden.9 Die Charakteristika des traditionellen, des management- und entscheidungsorientierten sowie des kapitalmarktorientierten Ansatzes der Finanzwirtschaft sind in Abbildung 4 gegenübergestellt. Charakteristika älterer und neuerer Auffassungen zur betrieblichen Finanzwirtschaft Traditioneller Ansatz: (1) Externe Betrachtungsweise (2) Deskriptive Methode (3) Isoliertheit der Finanzierungsentscheidungen im Hinblick auf die Kapitalbeschaffung (4) Effizienzkriterium: Einhaltung bestimmter Bilanzstrukturnormen Management- und entscheidungsorientierter Ansatz: (1) Interne Betrachtungsweise (2) Analytische Methode (3) Simultaneität der Entscheidungen im Hinblick auf Kapitalbeschaffung und -verwendung (4) Effizienzkriterien: Beiträge zur Erfolgs- und Risikoposition Kapitalmarktorientierter Ansatz: (1) Externe Betrachtungsweise (2) Analytische Methode (3) Verständnis der Renditeforderungen von Kapitalgebern als Kapitalkosten der Unternehmung (4) Effizienzkriterium: Kurswertmaximierung Abbildung 4: Charakteristika älterer und neuerer Auffassungen zur betrieblichen Finanzwirtschaft10 8 Vgl. Büschgen, Hans E.: Grundlagen betrieblicher Finanzwirtschaft – Unternehmensfinanzierung. 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1991, S. 17. 9 Vgl. Büschgen, Hans E.: Grundlagen betrieblicher Finanzwirtschaft – Unternehmensfinanzierung. 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1991, S. 17. 10 Leicht modifiziert entnommen aus Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 7. 8 1 Die Finanzwirtschaft 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 1.2.1 Die Ziele der Finanzwirtschaft Erst aufgrund gesetzter Ziele als Angabe des gewünschten Zustandes der Realität ist der Entscheidungsträger in der Lage, die zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen zu bewerten und so zu einer Entscheidung zu gelangen. Entscheidungsträger können also erst dann eine rationale Entscheidung treffen, wenn mittels eines vorgegebenen Zielkriteriums festgestellt werden kann, ob die durch die Entscheidung ausgelöste Maßnahme einen Beitrag zur Erreichung dieses Zieles liefert.11 In der Realität verfolgen die für eine Unternehmung Verantwortlichen gleichzeitig mehrere Ziele. Man unterscheidet zwischen Oberzielen, welche die allgemeinen Zielvorstellungen der Unternehmung beinhalten, und Unter- bzw. Zwischenzielen, die aufgrund der fehlenden Operationalität der Oberziele aus diesen abgeleitet und nach- bzw. zwischengeschaltet werden müssen. Die Gesamtheit der nebeneinander existierenden bzw. hierarchisch geordneten – teilweise sogar miteinander konkurrierenden – Ziele wird als Zielsystem einer Unternehmung bezeichnet. Aus Gründen der Operationalität formuliert man manchmal hierarchisch untergeordnete Ziele als Nebenbedingungen in der Weise, dass ein bestimmter Wert nicht unter- oder überschritten werden soll. I. d. R. dominieren in einer marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaft die monetären Oberziele wie Umsatz- und Gewinnstreben. Letzteres wird häufig auch als das Oberziel der Unternehmung bezeichnet.12 Aus leistungswirtschaftlicher Sicht wird angestrebt, bei der Erstellung der betrieblichen Leistungen und bei ihrem Absatz langfristig den Gewinn zu maximieren. Verfolgt die Unternehmungsleitung ausschließlich dieses Ziel, so werden betriebliche Leistungen nur erbracht, wenn sich damit ein Gewinn erzielen lässt, wenn also eine positive Differenz zwischen Erlösen und Kosten, den leistungsbedingten Erfolgsbeiträgen, zu erwarten ist.13 Die finanzwirtschaftliche Sicht ist im Gegensatz dazu kapital- bzw. zahlungsorientiert. Dies zeigt sich in der Formulierung der finanzwirtschaftlichen Zielfunktion im Sinne der Maximierung der Kapitalrentabilität (dies entspricht einer Kapitalorientierung) unter den Nebenbedingungen der Liquidität (dieses Kriterium ist zahlungsorientiert), der Sicherheit und der Unabhängigkeit.14 Diese Unterscheidung in leistungs- und finanzwirtschaftliche Sichtweise zeigt sich auch in der Gewinn- und Verlustrechnung nach § 275 Abs. 2 HGB (Gesamtkostenverfahren) und § 275 Abs. 3 HGB (Umsatzkostenverfahren). Dort werden die Erfolgsbeiträge (Erträge, 11 Vgl. Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmungsfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 295. 12 Vgl. Wöhe, Günter: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 23. Aufl., München 2008, S. 15-18. 13 Auf die wichtige Differenzierung zwischen Leistungen und Erträgen bzw. Kosten und Aufwendungen, wobei die neutralen Erträge und Aufwendungen einerseits und die kalkulatorischen Leistungen und Kosten andererseits zu berücksichtigen sind, sei hier nur hingewiesen; vgl.Wöhe, Günter: Bilanzierung und Bilanzpolitik. 9. Aufl., München 1997, S. 21-24. 14 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 2: Finanzierung. Freiburg i. Br. 1991, S. 18-26.

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References

Zusammenfassung

Zu Beginn dieses Lehrbuches wird auf die grundlegenden Prinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft eingegangen. Daran schließt sich die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Investition (und hier vor allem mit den Verfahren der Investionsrechnung) an. Dabei werden alle theorie- und praxisrelevanten Facetten behandelt. Zur Veranschaulichung der Inhalte dient ein durchgehendes Beispiel. Im letzten Kapitel wird sich mit Fragen der Unternehmensbewertung (inkl. DCF-Verfahren) auseinandergesetzt.

- Einführendes Lehrbuch in die Verfahren der Investitionsrechnung

- Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

- Zusammenhänge und finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

- Einordnung von Investitionsrechnung und Investitionsentscheidungen

- Statische und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung

- Dynamische Verfahren der Investitionsrechung

- Bestimmung der optimalen Nutzungsdauer und des Ersatzzeitpunktes von Investitionen

- Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen

- Investitionsprogrammentscheidungen

- Entscheidungen über Finanzinvestitionen

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Investitionsproblemen.