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1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Investition, page 33 - 45

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3658-7, ISBN online: 978-3-8006-4434-6, https://doi.org/10.15358/9783800644346_33

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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8 1 Die Finanzwirtschaft 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 1.2.1 Die Ziele der Finanzwirtschaft Erst aufgrund gesetzter Ziele als Angabe des gewünschten Zustandes der Realität ist der Entscheidungsträger in der Lage, die zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen zu bewerten und so zu einer Entscheidung zu gelangen. Entscheidungsträger können also erst dann eine rationale Entscheidung treffen, wenn mittels eines vorgegebenen Zielkriteriums festgestellt werden kann, ob die durch die Entscheidung ausgelöste Maßnahme einen Beitrag zur Erreichung dieses Zieles liefert.11 In der Realität verfolgen die für eine Unternehmung Verantwortlichen gleichzeitig mehrere Ziele. Man unterscheidet zwischen Oberzielen, welche die allgemeinen Zielvorstellungen der Unternehmung beinhalten, und Unter- bzw. Zwischenzielen, die aufgrund der fehlenden Operationalität der Oberziele aus diesen abgeleitet und nach- bzw. zwischengeschaltet werden müssen. Die Gesamtheit der nebeneinander existierenden bzw. hierarchisch geordneten – teilweise sogar miteinander konkurrierenden – Ziele wird als Zielsystem einer Unternehmung bezeichnet. Aus Gründen der Operationalität formuliert man manchmal hierarchisch untergeordnete Ziele als Nebenbedingungen in der Weise, dass ein bestimmter Wert nicht unter- oder überschritten werden soll. I. d. R. dominieren in einer marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaft die monetären Oberziele wie Umsatz- und Gewinnstreben. Letzteres wird häufig auch als das Oberziel der Unternehmung bezeichnet.12 Aus leistungswirtschaftlicher Sicht wird angestrebt, bei der Erstellung der betrieblichen Leistungen und bei ihrem Absatz langfristig den Gewinn zu maximieren. Verfolgt die Unternehmungsleitung ausschließlich dieses Ziel, so werden betriebliche Leistungen nur erbracht, wenn sich damit ein Gewinn erzielen lässt, wenn also eine positive Differenz zwischen Erlösen und Kosten, den leistungsbedingten Erfolgsbeiträgen, zu erwarten ist.13 Die finanzwirtschaftliche Sicht ist im Gegensatz dazu kapital- bzw. zahlungsorientiert. Dies zeigt sich in der Formulierung der finanzwirtschaftlichen Zielfunktion im Sinne der Maximierung der Kapitalrentabilität (dies entspricht einer Kapitalorientierung) unter den Nebenbedingungen der Liquidität (dieses Kriterium ist zahlungsorientiert), der Sicherheit und der Unabhängigkeit.14 Diese Unterscheidung in leistungs- und finanzwirtschaftliche Sichtweise zeigt sich auch in der Gewinn- und Verlustrechnung nach § 275 Abs. 2 HGB (Gesamtkostenverfahren) und § 275 Abs. 3 HGB (Umsatzkostenverfahren). Dort werden die Erfolgsbeiträge (Erträge, 11 Vgl. Süchting, Joachim: Finanzmanagement – Theorie und Politik der Unternehmungsfinanzierung. 6. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 295. 12 Vgl. Wöhe, Günter: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 23. Aufl., München 2008, S. 15-18. 13 Auf die wichtige Differenzierung zwischen Leistungen und Erträgen bzw. Kosten und Aufwendungen, wobei die neutralen Erträge und Aufwendungen einerseits und die kalkulatorischen Leistungen und Kosten andererseits zu berücksichtigen sind, sei hier nur hingewiesen; vgl.Wöhe, Günter: Bilanzierung und Bilanzpolitik. 9. Aufl., München 1997, S. 21-24. 14 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 2: Finanzierung. Freiburg i. Br. 1991, S. 18-26. 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 9 Aufwendungen), die aus dem leistungswirtschaftlichen Bereich stammen (Positionen 1-8 in Abs. 2; Positionen 1-7 in Abs. 3; der Saldo dieser Posten kann als Betriebsergebnis bezeichnet werden)15 getrennt von den aus dem finanzwirtschaftlichen Bereich stammenden Erfolgsbeiträgen (Positionen 9-13 in Abs. 2; Positionen 8-12 in Abs. 3; der Saldo dieser Positionen kann als Finanzergebnis bezeichnet werden)16 ausgewiesen. Häufig ist in den leistungswirtschaftlich geprägten Industrie- und Handelsunternehmungen das Finanzergebnis aufgrund der hohen Fremdkapitalzinsen negativ. Die Schemata des § 275 Abs. 2 bzw. 3 HGB zur Gewinn- und Verlustrechnung nehmen diese Differenzierung des „Ergebnisses der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit“ (Position 14 in Abs. 2 bzw. Position 13 in Abs. 3) entsprechend dem Bereich ihrer Entstehung in Betriebs- und Finanzergebnis allerdings nur insoweit vor, als die zusammengehörenden Positionen unmittelbar aufeinander folgen. Über die für finanzwirtschaftliche Überlegungen ebenfalls entscheidenden Ein- und Auszahlungen einer Periode informiert die nur für die Erfolgsermittlung zuständige Gewinn- und Verlustrechnung dagegen nicht.17 Nur über den wenig aussagefähigen Saldo der Ein- und Auszahlungen des Geschäftsjahres wird man aufgrund der Veränderung der Bestandsgröße „liquide Mittel“, also der Aktivposition B. IV. (§ 266 Abs. 2 HGB) informiert. Aus finanzwirtschaftlicher Sicht sind also mehrere Nebenbedingungen zu beachten, die leistungswirtschaftlich von untergeordneter Bedeutung, im Rahmen der Gesamtunternehmung aber von existenzieller Bedeutung sind. Ansonsten orientieren sich unternehmerische Entscheidungen sowohl im leistungswirtschaftlichen wie im finanzwirtschaftlichen Bereich an der Zielsetzung der (langfristigen) Gewinnmaximierung. Auch die Tatsache, dass im finanzwirtschaftlichen Bereich eine relative Gewinngröße (Kapitalrentabilität), im leistungswirtschaftlichen Bereich dagegen der absolute Gewinn als Entscheidungskriterium herangezogen wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass letztlich eben doch jede Mittelbeschaffung und Mitteldisposition nach ihrem Gewinnbeitrag zu beurteilen ist.18 1.2.2 Die finanzwirtschaftlichen Entscheidungskriterien 1.2.2.1 Die Kapitalrentabilität als eigenständige finanzwirtschaftliche Zielsetzung Die Kapitalrentabilität stellt eine besondere Interpretation des Gewinnbegriffs dar. Kapitalrentabilitäten sind Kennzahlen, in denen eine Erfolgsgröße ins Verhältnis zu verschiedenen in der Unternehmung eingesetzten Kapitalgrößen gesetzt wird. Sie geben an, in welcher Höhe sich das eingesetzte Kapital in der betreffenden Periode verzinst hat, und tragen somit dem weit verbreiteten Renditedenken Rechnung. Da das in der Finanzwirtschaft angestrebte Ziel die Rentabilitätsmaximierung ist, orientiert man sich bei finanzwirtschaftlichen Entscheidungen nicht an der absoluten Höhe des Gewinns, sondern an der Relation zwischen 15 Vgl. Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Grundlagen der Bilanzierung. 4. Aufl., Wiesbaden 2000, S. 136. 16 Vgl. Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Grundlagen der Bilanzierung. 4. Aufl., Wiesbaden 2000, S. 136. 17 Dieser Aufgabe wird die Kapitalflussrechnung gerecht, welche gem. § 297 Abs. 1 HGB obligatorischer Bestandteil eines Konzernabschlusses ist. 18 Vgl. Köhler, Richard: Zum Finanzierungsbegriff einer entscheidungsorientierten Betriebswirtschaftslehre. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft 1969, S. 443. 10 1 Die Finanzwirtschaft Gewinn bzw. Jahresüberschuss und eingesetztem Kapital, also an der relativen Höhe des Gewinns. Abbildung 5 enthält Ausprägungsformen der Kapitalrentabilität. a) Gewinn (bzw. JÜ)Eigenkapitalrentabilität EK ? b) Gewinn (bzw. JÜ) + FK-ZinsenGesamtkapitalrentabilität EK + FK ? c) BetriebsergebnisBetriebskapitalrentabilität betriebsnotwendiges Kapital ? d) Rentabilität eines einzelnen dem Projekt zurechenbare Einzahlungsüberschüsse Investitionsobjektes für das Projekt erforderlicher Kapitaleinsatz ? JÜ = Jahresüberschuss; EK = Eigenkapital; FK = Fremdkapital; EK + FK = Gesamtkapital Abbildung 5: Ausprägungsformen der Kapitalrentabilität19 Die Messung der Rentabilität kann zum einen für eine Abrechnungsperiode (Geschäftsjahr) erfolgen, so in den in Abbildung 5 aufgeführten Fällen a) – c), sie kann sich zum anderen aber auch auf einen längeren oder kürzeren Zeitraum beziehen, so in dem in Abbildung 5 genannten Fall d), wobei man die Gesamtlebensdauer der Unternehmung oder die Laufzeit eines Investitionsprojekts heranzieht. An dieser Stelle soll zumindest erwähnt werden, dass man den Jahresüberschuss (oder in anderer Definition das Betriebsergebnis) einer Unternehmung auch zu ihren Umsatzerlösen in Beziehung setzen kann; man erhält so die Umsatzrentabilität. Eine Modifikation der Kennzahl Gesamtkapitalrentabilität stellt der Return On Investment (ROI) dar, der als Quotient aus Jahresüberschuss bzw. Betriebsergebnis und Gesamtkapital gebildet wird. Um die Gründe für einen gegenüber dem Vorjahr verbesserten oder verschlechterten ROI besser analysieren zu können, zerlegt man ihn in die Bestandteile Umsatzrentabilität (Jahresüberschuss bzw. Betriebsergebnis : Umsatzerlöse) und Kapitalumschlagshäufigkeit (Umsatzerlöse : Gesamtkapital). Das Produkt dieser beiden Größen ergibt wiederum den ROI.20 Welche der dargestellten Rentabilitätskennziffern die jeweils „richtige“ ist, hängt vom konkreten finanzwirtschaftlichen Entscheidungsproblem ab. So wird man bei einem Investitionsvorhaben zwar stets auch die Rentabilität des insgesamt eingesetzten Eigenkapitals im Auge behalten, vorrangig orientiert man sich aber an der Vorteilhaftigkeit des betreffenden Investitionsprojekts. Dagegen löst man sich bei der finanziellen Steuerung der Gesamtunternehmung weitgehend von der Projektebene und orientiert sich am Periodenergebnis. Strittig kann allerdings sein, ob bei einer Finanzierungsentscheidung die Eigenkapital- oder die Gesamtkapitalrentabilität als Entscheidungskriterium herangezogen werden soll. Da- 19 Entnommen aus Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 2: Finanzierung. Freiburg i. Br. 1991, S. 23. 20 Ausführlich hierzu Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Externes Rechnungswesen. 5. Aufl., München 2009, S. 345-347. 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 11 bei ist die Frage zu beantworten, ob der bzw. die Eigentümer einer Unternehmung auf eine betriebliche Maßnahme verzichten soll(en), die zwar die Gesamtkapitalrentabilität vermindern, die Eigenkapitalrentabilität jedoch erhöhen würde. Ein Verzicht auf die Maßnahme hätte zwar zur Folge, dass sich das insgesamt – von Eigentümer(n) und Gläubigern – eingesetzte Kapital besser „verzinst“ als dies bei Durchführung der Maßnahme der Fall wäre. Ein Eigentümer kann aus seiner Sicht allerdings eine Verschlechterung der Gesamtkapitalrentabilität durchaus in Kauf nehmen, wenn sich durch die Maßnahme die „Verzinsung“ des von ihm eingesetzten Kapitals verbessert.21 Das hier angedeutete Zusammenspiel zwischen mehreren Rentabilitätskennziffern ist Grundlage des Leverage-Effekts. Dabei geht es um die Frage, inwiefern sich durch Erhöhung des Verschuldungsgrads (Fremdkapital : Eigenkapital) die Eigenkapitalrentabilität steigern lässt.22 Letztendlich geht es bei jeder unternehmerischen Betätigung um eine Maximierung des Unternehmenswertes aus der Sicht des Anteilseigners und damit um eine Maximierung des „Unternehmerwertes“. Diese aus dem Gewinnmaximierungsprinzip ableitbare Zielsetzung wird als Shareholdervalue-Ansatz bezeichnet. Bei dieser konsequent an der Steigerung des Unternehmenswerts ausgerichteten Zielsetzung sind die Interessen der anderen Anspruchsgruppen (Stakeholder) als Nebenbedingungen bzw. Unterziele zu berücksichtigen.23 1.2.2.2 Die Liquidität Würde man die Liquidität mit dem Zahlungsmittelbestand (Kassenbestand + jederzeit verfügbare Guthaben bei Kreditinstituten) gleichsetzen, so wäre ihr Umfang eindeutig und ihre Messung unproblematisch. Die Definition der Liquidität als positiver Zahlungsmittelbestand ist aber als finanzwirtschaftliches Kriterium wenig aussagefähig. Nicht die Höhe des Zahlungsmittelbestandes ist ausschlaggebend, sondern ob die Zahlungskraft einer Unternehmung insgesamt ausreicht, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Dem Umstand, dass der Zahlungsmittelbestand nur einen Teil der disponierbaren Zahlungsmittel umfasst, trägt der erste zu erörternde Liquiditätsbegriff Rechnung, wonach Liquidität die Eigenschaft eines Vermögensobjektes ist. Dem Umstand, dass Liquidität nicht nur durch die Zahlungskraft, sondern auch durch die Zahlungsverpflichtungen bestimmt wird, trägt der zweite Liquiditätsbegriff Rechnung, wonach Liquidität die Eigenschaft eines Wirtschaftssubjektes (in unserem Zusammenhang also einer Unternehmung) ist. Versteht man Liquidität als eine Eigenschaft von Vermögensobjekten, so geht es im Wesentlichen um die Liquidisierbarkeit (oft verkürzt auch als Liquidierbarkeit bezeichnet) einzelner Vermögensgegenstände. Man kann also unter Liquidität die „Eigenschaft von Vermögensobjekten (verstehen), mehr oder weniger leicht als Zahlungsmittel verwendet oder durch Verkauf oder Abtretung in ein Zahlungsmittel umgewandelt werden zu können“24 (absolute Liquidität). Zahlungsmittel sind dabei dadurch gekennzeichnet, dass durch 21 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 2: Finanzierung. Freiburg i. Br. 1991, S. 23-24. 22 Vgl. hierzu Bieg, Hartmut/Kußmaul, Heinz: Investitions- und Finanzierungsmanagement. Band III: Finanzwirtschaftliche Entscheidungen, München 2000, Abschnitt 1.2.2. 23 Vgl. dazu Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 14-15; vgl. dazu ausführlich Abschnitt 9.5. 24 Stützel, Wolfgang: Liquidität. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften. 6. Band, Stuttgart/Tübingen/Göttingen 1959, S. 625. 12 1 Die Finanzwirtschaft ihre Übertragung eine Zahlungsverpflichtung mit befreiender Wirkung erfüllt wird. Gesetzliche Zahlungsmittel, für die Annahmezwang besteht, verfügen bei ungestörter Geldwirtschaft über diese Eigenschaft. Inwieweit auch andere als die gesetzlichen Zahlungsmittel hier einzubeziehen sind, hängt von der Annahmebereitschaft der Gläubiger ab.25 Zwei Aspekte sind für die angesprochene Geldnähe von Vermögensobjekten bestimmend: ? Der Zeitraum, in dem sich die einzelnen Vermögenspositionen im Rahmen des üblichen Umsatzprozesses wieder „verflüssigen“ (self-liquidating period). Im Zusammenhang mit dieser ursprünglichen oder absoluten Liquidität spricht Moxter von Geldwerdungsabstand, Stützel von der Selbstliquidationsperiode.26 Dieser Zeitraum spielt z. B. auch eine Rolle bei der Gliederung der Aktivseite von Bilanzen. ? Die Möglichkeit, einen Vermögensgegenstand bereits vor Ablauf seiner Selbstliquidationsperiode vorzeitig zu liquidisieren (shiftability). Im Zusammenhang mit dieser künstlichen oder abgeleiteten Liquidität ist nicht selten ein – im Voraus mitunter nicht exakt bestimmbares – Disagio in Kauf zu nehmen.27 Liquidität wird aber auch als Eigenschaft von Wirtschaftssubjekten im Sinne von Zahlungsfähigkeit verstanden. Wie bereits angedeutet, kann es sich im Rahmen betriebswirtschaftlicher Untersuchungen bei den in Frage stehenden Wirtschaftssubjekten nur um Unternehmungen handeln. Insoweit kann man Liquidität auch als Eigenschaft von Unternehmungen verstehen, „Zahlungsansprüche mehr oder weniger leicht erfüllen zu können“.28 Dieser Liquiditätsbegriff wurde am prägnantesten von Witte formuliert: „Liquidität ist die Fähigkeit der Unternehmung, die zu einem Zeitpunkt zwingend fälligen Zahlungsverpflichtungen uneingeschränkt erfüllen zu können; sie muß während des Bestehens der Unternehmung zu jedem Zeitpunkt gegeben sein“.29 Unter zwingend fälligen Zahlungsverpflichtungen versteht man in diesem Zusammenhang solche, die vertraglich oder gesetzlich zwingend bzw. wirtschaftlich unumgänglich sind. Die Liquidität einer Unternehmung ist also dann gegeben, wenn zwischen den Zahlungsverpflichtungen und der Zahlungsfähigkeit Übereinstimmung besteht. Für die Zahlungsfähigkeit sind nicht nur die vorhandenen Zahlungsmittel entscheidend, sondern die Zahlungskraft der Unternehmung, worunter die Summe der Zahlungsmittel verstanden werden soll, über die eine Unternehmung zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügen kann. Bei diesem Liquiditätsbegriff, der lediglich auf die Zahlungsfähigkeit im Zeitpunkt des Fälligwerdens einer Zahlungsverpflichtung abstellt, kommt es demzufolge nicht darauf an, ob die Erfüllung durch bereits vorhandene Zahlungsmittel erfolgt oder ob die Zahlungsmittel erst beschafft werden müssen. Entscheidend ist, dass sie rechtzeitig in der erforderlichen Höhe zur 25 Vgl. Bieg, Hartmut: Schwebende Geschäfte in Handels- und Steuerbilanz. Frankfurt a. M./Bern 1977, S. 180-181. 26 Vgl. Moxter, Adolf: Bilanzlehre. Wiesbaden 1974, S. 99-100; Stützel, Wolfgang: Liquidität. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften. 6. Band, Stuttgart/Tübingen/Göttingen 1959, S. 622. 27 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 10. 28 Stützel, Wolfgang: Liquidität. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften. 6. Band, Stuttgart/Tübingen/Göttingen 1959, S. 622. 29 Witte, Eberhard: Die Liquiditätspolitik der Unternehmung. Tübingen 1963, S. 15. 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 13 Verfügung stehen und dass die Zahlungsfähigkeit während des Bestehens der Unternehmung zu jedem Zeitpunkt gegeben ist (Bonitätsaspekt). Liquidität im Sinne dieses zweiten Begriffs lässt sich nicht allein aufgrund des vorhandenen Zahlungsmittelbestandes ermitteln; vielmehr wird eine Aussage darüber getroffen, ob die Unternehmung zu einem bestimmten Zeitpunkt mindestens die Zahlungskraft aufweist, die zur Tilgung ihrer fälligen Zahlungsanforderungen nötig ist.30 Da es hier offenbar um ein Deckungsverhältnis, eine Relation geht, spricht man auch von relativer Liquidität. Nach Mellerowicz ist unter der Liquidität der Tatbestand der Zahlungsbereitschaft, also die Fähigkeit einer Unternehmung, allen Zahlungsverpflichtungen und Zahlungsnotwendigkeiten fristgerecht nachkommen zu können, zu verstehen. Diese Formulierung zeigt besonders deutlich, dass die Liquidität immer unter dem Gesichtspunkt einer fortzuführenden Unternehmung zu sehen ist, die das ständige Eingehen neuer Zahlungsverpflichtungen erforderlich macht. Können diese Verpflichtungen ohne Gefährdung der zukünftigen Liquidität eingegangen werden, so wird die Unternehmung vom Zahlungsbereich her nicht behindert.31 Der Gelddisponent hat aufgrund des dargestellten Zusammenhangs also Vorsorge zu treffen, dass aus vorhandenen Zahlungsmittelbeständen und verfügbaren Krediten ein Zahlungspotenzial in einer Höhe mobilisiert werden kann, dass alle im Laufe eines Tages auftretenden Verfügungen in voller Höhe gedeckt werden können. Liquidität ist damit weniger eine Frage ausreichender Zahlungsmittelbestände als vielmehr eine Frage ausreichender Bonität der Unternehmung, die zusätzliche Zahlungsmittel beschaffen muss. Die Sicherung der Liquidität ist aber nicht nur ein Problem der täglichen Gelddisposition. Es ist vielmehr sicherzustellen, dass Liquidität (i. S. d. Zahlungsfähigkeit) auch an jedem Tag der Unternehmungszukunft gegeben ist. Die Definition der Liquiditätssicherung als Zukunftsproblem ergibt sich, da es am heutigen Tag eine absolut sichere Liquiditätsdisposition und Liquiditätsvorsorge für den zukünftigen Tag nicht geben kann. Die Erhaltung der Liquidität ist kein ursprüngliches betriebswirtschaftliches Ziel, sondern eine Nebenbedingung der Rentabilitätsmaximierung, „die bei allen erwogenen Aktionen zur Realisierung bestimmten Verhaltens streng zu beachten ist“.32 Liquidität ist sogar Existenzbedingung aller Unternehmungen, da (dauernde) Zahlungsunfähigkeit (Illiquidität) nach § 16 i. V. m. § 17 Abs. 1 InsO Insolvenzgrund ist und somit zum Ausscheiden der Unternehmung aus dem Wirtschaftsprozess führt. Berechnet man das Deckungsverhältnis zwischen verfügbaren Zahlungsmitteln einerseits und fälligen Zahlungsverpflichtungen andererseits für einen bestimmten Zeitpunkt, etwa für den Bilanzstichtag, so spricht man von statischer Liquidität. Dagegen bezieht sich die dynamische Liquidität auf einen zukünftigen Zeitraum, z. B. auf das nächste Jahr. Dabei sind z. B. auch die nicht in der Bilanz ausgewiesenen zugesagten und bereitgestellten, aber noch nicht abgerufenen Kredite zu berücksichtigen. 30 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 11. 31 Vgl. Mellerowicz, Konrad: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 3. Band, 10. Aufl., Berlin 1959, S. 23. 32 Köhler, Richard: Zum Finanzierungsbegriff einer entscheidungsorientierten Betriebswirtschaftslehre. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft 1969, S. 443. 14 1 Die Finanzwirtschaft Während die Erhaltung der Liquidität Voraussetzung für das Rentabilitätsstreben ist, gilt der Umkehrschluss dieser Aussage nicht. Denn auch eine rentabel arbeitende Unternehmung kann trotz erzielter Gewinne bei Illiquidität gezwungen sein, das Insolvenzverfahren einzuleiten. Hingegen kann eine unrentable Unternehmung zunächst noch liquide bleiben und durch rechtzeitig eingeleitete Sanierungsmaßnahmen die Notwendigkeit eines Insolvenzverfahrens wegen Illiquidität oder drohender Illiquidität verhindern. Diese an sich widersprüchliche Situation kann deshalb auftreten, weil für die Liquiditätsbetrachtung die genauen Zahlungszeitpunkte entscheidend sind, also tägliche Zahlungsfähigkeit gefordert wird, während die Rentabilitätsbetrachtung über einen (längeren) Zeitraum erfolgt. Somit ist es für die Erfolgsermittlung nicht entscheidend, wann genau die Aufwendungen zu Auszahlungen und die Erträge zu Einzahlungen werden. Gerade dieses zeitliche Auseinanderfallen von Zahlungszeitpunkt und Zeitpunkt der Erfolgswirksamkeit ist der Grund für die unterschiedliche Beurteilung hinsichtlich der Erfolgs- bzw. Liquiditätslage. Nach Gutenberg befindet sich eine Unternehmung im finanziellen Gleichgewicht, wenn sie zu allen Zeitpunkten genau so viele liquide Mittel zur Verfügung hat, wie sie zur Deckung ihrer fälligen Zahlungsverpflichtungen benötigt.33 Diese Definition reduziert den Begriff des finanziellen Gleichgewichtes auf die Zahlungsfähigkeit, also auf den Liquiditätsaspekt. Da es sich hier um eine ständige Augenblicks- oder Momentanliquidität (zeitpunktbezogene Liquidität) handelt, stellt sich das Problem der Aufrechterhaltung der Liquidität für jede Unternehmung zu jedem Zeitpunkt ihres Bestehens. Bei dieser verwendeten Liquiditätsdefinition gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder liegt Liquidität vor oder nicht. Liquide sein bedeutet im Sinne dieses Liquiditätsbegriffs also nicht, über einen hohen Bestand an Zahlungsmitteln zu verfügen. Eine größere Zahlungskraft, als sie von den Zahlungsanforderungen her bedingt wird, ist unnötig und unter dem Rentabilitätsgesichtspunkt unwirtschaftlich. Reicht die Zahlungskraft nicht aus, die auftretenden Zahlungsanforderungen zu erfüllen, so liegt Illiquidität vor. Abbildung 6 (Seite 15) beinhaltet eine Übersicht über die verschiedenen Liquiditätsbegriffe. Eine weitere Fassung des Begriffs des finanziellen Gleichgewichts bezieht dagegen das gesamte Zielsystem der Unternehmung in die Betrachtung ein. Demnach ist finanzielles Gleichgewicht gegeben, wenn zusätzlich zu der oben geforderten Bedingung jederzeitiger Zahlungsfähigkeit die Zahlungsströme der Unternehmung im Hinblick auf ihr Zielsystem optimal aufeinander abgestimmt sind. Dies ist dann der Fall, wenn bei unveränderter Datenkonstellation im finanziellen Bereich keine Entscheidung revidiert werden muss.34 Das so definierte finanzielle Gleichgewicht ist erreicht, wenn neben der Zahlungsfähigkeit der Unternehmung, die zu jedem Zeitpunkt gegeben sein muss, alle unternehmerischen Entscheidungen in der Weise getroffen werden, dass die Unternehmung dadurch das langfristige Gewinnmaximum erreicht, was im finanziellen Bereich streng genommen bedeutet, dass zu keinem Zeitpunkt mehr liquide Mittel gehalten werden, als zur Bedienung der Zahlungsverpflichtungen erforderlich sind. Man sieht sofort, dass das finanzielle Gleichgewicht in diesem strengen Sinne in der Praxis nie erreicht werden kann, denn i. d. R. wird es – zumin- 33 Vgl. Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. 3. Band: Die Finanzen. 8. Aufl., Berlin/Heidelberg/New York 1980, S. 272-273. 34 Vgl. Mülhaupt, Ludwig: Finanzielles Gleichgewicht. In: Handwörterbuch der Finanzwirtschaft, hrsg. von Hans E. Büschgen. Stuttgart 1976, Sp. 404. 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 15 dest aus Vorsichtsgründen – am Ende der Geschäftstage „Überbestände“ an liquiden Mitteln geben, deren verzinsliche Anlage die Gewinnsituation der Unternehmung verbessert hätte. Da selten beide Kriterien gleichzeitig erfüllt werden können, wird wohl meistens die Erreichung des Gewinnmaximums bzw. einer möglichst hohen Eigenkapitalrentabilität zugunsten der Bereitstellung eines genügend hohen Zahlungsmittelbestandes verfehlt werden. Der dargestellte Gegensatz wird allerdings durch die Möglichkeit der verzinslichen Anlage auf Geldmarktkonten, über die jederzeit verfügt werden kann, gemildert. Liquidität Absolute Liquidität Relative Liquidität Eigenschaft von Vermögensobjekten (Liquidisierbarkeit) Eigenschaft von Wirtschaftssubjekten (Zahlungsfähigkeit) Natürliche, ursprüngliche Liquidität Künstliche, abgeleitete Liquidität Statische Liquidität Dynamische Liquidität Meist zeitpunktbezogen, bilanzorientiert Zeitraumbezogen, anZahlungsreihen (Finanzplan) orientiert Abbildung 6: Systematisierung von Liquiditätsbegriffen35 1.2.2.3 Die Sicherheit Unter Sicherheitsstreben versteht man das Ziel der Eigentümer bzw. der für die Unternehmung Verantwortlichen, das zur Verfügung gestellte Kapital uneingeschränkt zu erhalten. Konsequent umgesetzt würde dies den Verzicht auf jegliches Risiko bedeuten. Da jedoch letztlich (fast) jede unternehmerische Tätigkeit ein gewisses Risiko in sich birgt, müsste bei strenger Verfolgung dieses Zieles jegliche derartige Tätigkeit eingestellt werden. Dies kann allerdings nicht der Zweck dieser Zielsetzung sein. Vielmehr muss dieses Ziel zur Nebenbedingung modifiziert werden. Kann nicht von vornherein ein Verlust ausgeschlossen werden, so wird ein Risiko nur dann eingegangen, „wenn der Verlustgefahr auch die Chance eines Gewinns gegenübersteht“.36 Dabei ist folgendes Verhältnis zwischen Risiko 35 Modifiziert entnommen aus Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 113. 36 Hahn, Oswald: Finanzwirtschaft. 2. Aufl., Landsberg a. L. 1983, S. 35. 16 1 Die Finanzwirtschaft und Gewinn entscheidend: Je höher das Risiko einer Aktion ist, desto höher kann i. d. R. der Gewinn aus dieser Aktion und damit die Steigerung der Rentabilität ausfallen. Der Eintritt eines Misserfolges wirkt sich dagegen negativ auf die Rentabilität aus. Bei entsprechend hohem Verlust aus der Aktion werden die Gewinne aus anderen Aktionen aufgezehrt; der so entstehende Periodenverlust führt zur Verminderung des Eigenkapitals. Die Rentabilität kann also auch negativ werden. 0,5 1 -20 -15 -10 -5 0 5 10 15 20 25 30 Erträge (Rentabilität) E W Wahrscheinlichkeitsdichte (Dichtefunktionen der Erträge) Abbildung 7: Kapitalanlagealternativen mit unterschiedlicher Risikoverteilung37 Das Streben nach Sicherheit hat Einfluss auf die Entscheidungen im leistungswirtschaftlichen wie im finanzwirtschaftlichen Bereich. So ist z. B. bei Investitionsentscheidungen, bei denen insbesondere über die aus einer Investition erwarteten Rückflüsse Unsicherheit besteht, die Risikoscheu bzw. Risikoneigung des in der Unternehmung für Investitionen Verantwortlichen, die individuell unterschiedlich ist, zu berücksichtigen. Dies kann pauschal, mit Hilfe subjektiver oder objektiver Wahrscheinlichkeiten oder anderer Gewichtungsfaktoren geschehen. Ex ante ist meist jedoch nur eine Belegung mit subjektiven Wahrscheinlichkeiten möglich. Die in Abbildung 7 dargestellten Kapitalanlagealternativen A und B weisen hinsichtlich der Erfolgserwartungen unterschiedliche Wahrscheinlichkeitsverteilungen auf. Investitionsprojekt B verspricht eine höhere maximale Rendite; zugleich weist es aber auch ein wesentlich höheres Verlustrisiko auf als Projekt A. Investitionsalternative A ist somit „sicherer“ als Alternative B. Eine rationale Entscheidung zwischen den beiden 37 Modifiziert entnommen aus Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 14. A B rscheinlichkeitsdichte ( ic tefunktionen der Erträge) 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 17 Kapitalanlagealternativen kann nur unter Berücksichtigung der Risikopräferenzfunktion des Entscheidungsträgers getroffen werden.38 Aber auch Kapitalbeschaffungsmaßnahmen (Finanzierungsentscheidungen) können Risiken in sich bergen, denn die Aufnahme von Fremdkapital bedeutet immer, dass die an die Fremdkapitalgeber zu leistenden Zins- und Tilgungszahlungen vertraglich fest vereinbart sind. Aufgrund der Unsicherheit bezüglich der Einzahlungen aus der Unternehmungstätigkeit, aus denen die Kreditverpflichtungen erfüllt werden sollen, besteht die Gefahr der Illiquidität. Insofern lassen sich ex ante auch keine Aussagen über die zukünftig erzielbare Gesamtkapitalrentabilität machen. Daraus ergibt sich die Forderung, einen möglichst hohen Anteil an Eigenkapital zu halten, da dieses einerseits keine zwingenden Zahlungsverpflichtungen hervorruft, andererseits als Haftungs- und Risikokapital negative Periodenergebnisse „auffangen“ kann. Eigenkapital soll also das Unternehmungsrisiko tragen, damit dieses nicht auf das Fremdkapital abgewälzt werden muss. 1.2.2.4 Die Unabhängigkeit Unter dem Unabhängigkeitsstreben versteht man das Ziel der Eigentümer bzw. der Unternehmungsleitung, die Kapitalbeschaffung so zu gestalten, dass das Unternehmungsgeschehen nicht durch die Einflussnahme Dritter beeinträchtigt wird. Es geht also konkret um die Möglichkeit der Einflussnahme der (neugewonnenen bzw. ihr bisheriges Engagement verstärkenden) Kapitalgeber auf unternehmerische Entscheidungen. Jede Kapitalaufnahme schafft neue Mitspracherechte, die sich nach der Art des aufgenommenen Kapitals unterscheiden. Mit der Zuführung von Eigenkapital ist üblicherweise die Gewährung von Entscheidungs-, Mitsprache-, Stimm- und Kontrollrechten verbunden. Hierbei sind folgende Fälle zu unterscheiden: Erfolgt die Beteiligungsfinanzierung durch die bisherigen Gesellschafter, so können sich Entscheidungsrechte und das Stimmrechtsverhältnis ändern, wenn die Gesellschafter mit einer vom bisherigen Beteiligungsverhältnis abweichenden Quote zusätzliches Eigenkapital zuführen; dies gilt nur für den Fall, dass die Stimmrechtsverteilung von der Anteilsquote abhängt.39 Beim Eintritt neuer Gesellschafter sind diesen – neben Vermögensrechten in Form einer risikoadäquaten Verzinsung und der Abgeltung stiller Rücklagen bei Ein- und Austritt – auch „Machtbefugnisse“ zu gewähren, die sich auf Mitsprache sowie Informations- und Kontrollrechte erstrecken.40 Dadurch werden die Entscheidungsbefugnisse der bisherigen Gesellschafter geschmälert, was insbesondere bei mittelständischen Unternehmungen, die häufig bewusst nach Unabhängigkeit von fremden Kapitalgebern streben, als nachteilig empfunden wird. Inwieweit sich Auswirkungen auf die Machtstrukturen innerhalb der Gesellschaft ergeben, hängt dabei sowohl von der gesellschaftsrechtlichen Stellung der neuen 38 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 2: Finanzierung. Freiburg i. Br. 1991, S. 24-25. 39 Bei Kapitalgesellschaften ergeben sich analoge Veränderungen beim Bezugsrecht, beim Gewinnverteilungsschlüssel und beim Anspruch auf Liquidationserlös. 40 Vgl. Kußmaul, Heinz: Betriebswirtschaftliche Beratungsempfehlungen zur Finanzierung mittelständischer Unternehmen. In: Steuerberaterkongreß-Report 1990, München 1991, S. 188-189. 18 1 Die Finanzwirtschaft Eigenkapitalgeber (z. B. stiller Gesellschafter, Kommanditist, Komplementär, Stamm- oder Vorzugsaktionär) als auch von den ihnen zustehenden Rechten nach Gesetz, Gesellschaftsvertrag oder Satzung ab.41 Durch entsprechende Gestaltung (z. B. durch Konstruktion einer stillen Gesellschaft oder durch gesellschaftsvertragliche Beschränkung der Einflussnahmemöglichkeiten) kann somit der Machtverlust der bereits beteiligten Gesellschafter begrenzt werden. Die tatsächlichen Einflussnahmemöglichkeiten der Eigenkapitalgeber können faktisch auch durch eine breite Streuung der Kapitalanteile, wie sie beispielsweise bei Publikumskapitalgesellschaften vorkommt, beschränkt sein; diese führt dazu, dass für Inhaber kleiner Anteile eine Beteiligung an der Entscheidungsfindung in der Unternehmung organisatorisch unmöglich wird und eine Kontrolle der Entscheidungsorgane kaum wirksam vollzogen werden kann.42 Insgesamt ist die Mitsprache bei der Aufnahme neuen Eigenkapitals üblicherweise größer als bei der Kreditfinanzierung. Bei Letzterer ist der Umfang der Kreditgewährung und die Marktmacht des Gläubigers im Verhältnis zur kreditnehmenden Unternehmung für den Umfang der Mitspracherechte entscheidend. Das Unabhängigkeitsstreben kollidiert in starkem Maße mit den übrigen finanzwirtschaftlichen Entscheidungskriterien. Durch das Zugeständnis, zukünftig in gewisser Weise auf das Unternehmungsgeschehen Einfluss nehmen zu können, werden u. U. insbesondere Fremdkapitalgeber dazu veranlasst, ihrerseits Zugeständnisse bei der Vereinbarung des Zinssatzes zu machen, ihr Kapital langfristig zur Verfügung zu stellen oder sogar risikobereiter zu investieren. Dies mag die kreditnehmende Unternehmung beim Abschluss des Kreditvertrags als außerordentlich vorteilhaft einschätzen. Sie wird diese Vorteile aber möglicherweise mit einer Einflussnahme des Gläubigers „bezahlen“ müssen, welche die Dispositionsfreiheit und Flexibilität der Unternehmung so stark einschränkt, dass dadurch der Unternehmungsprozess gestört wird. Auch durch die bei der Kreditaufnahme vielfach notwendigen und durchaus üblichen Sicherheiten in Form von Grundpfandrechten, Sicherungsübereignungen und Verpfändungen wird die unternehmerische Verfügungsgewalt eingeengt, ja sogar die Möglichkeit weiterer Kreditaufnahmen begrenzt,43 denn diese Vermögensgegenstände stehen zur Absicherung weiterer Kredite nicht mehr zur Verfügung. Letztlich kann die Beherrschung durch einen einzelnen Kapitalgeber sogar die Rentabilität insofern beeinträchtigen, als dieser Preise diktieren und Wachstumsbeschränkungen im leistungswirtschaftlichen Bereich vorschreiben kann.44 Die Erhaltung der Dispositionsfreiheit und der Flexibilität der Unternehmung ist von solcher Bedeutung, dass sich das Unabhängigkeitsstreben als wichtige Nebenbedingung bei der Kapitalbeschaffung darstellt. Es muss allerdings eine überlegte und klare Abwägung vor- 41 Vgl. Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9. Aufl., München 2002, S. 417-419. 42 Vgl. Franke, Günter/Hax, Herbert: Finanzwirtschaft des Unternehmens und Kapitalmarkt. 5. Aufl., Berlin u.a. 2004, S. 6. 43 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 9-10. 44 Vgl. Hahn, Oswald: Finanzwirtschaft. 2. Aufl., Landsberg a. L. 1983, S. 36. 1.2 Die Grundprinzipien der Finanzwirtschaft 19 genommen werden, ob aus dem Unabhängigkeitsstreben heraus ein Verzicht auf eine weitere Kapitalaufnahme sinnvoll ist, der dann eventuell einen Verzicht auf mögliches Unternehmungswachstum mit sich bringt.45 1.2.3 Die finanzwirtschaftlichen Aufgaben und Fragestellungen Die für die betriebliche Finanzwirtschaft Verantwortlichen müssen die Geldströme (Zahlungsströme) einer Unternehmung, die durch betriebliche und außerbetriebliche Prozesse ausgelöst werden, erfassen, steuern und kontrollieren. Sie haben dabei insbesondere die termingerechte Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen sicherzustellen, müssen dabei allerdings stets auch darauf bedacht sein, der Unternehmung nicht durch den Bestand zu hoher liquider Mittel Erträge entgehen zu lassen. Hieraus ergeben sich die folgenden Aufgaben: ? Die für die betriebliche Finanzwirtschaft Verantwortlichen haben langfristig den Finanzmittelbedarf zu erkunden, den die Unternehmung in den übrigen betrieblichen Teilbereichen, aber auch im finanzwirtschaftlichen Bereich hat. Sie haben Finanzmittel in ausreichendem Umfang und in der gewünschten Fristigkeit zu beschaffen, um diese dann ihrer speziellen Verwendung, etwa der Anschaffung von Realgütern oder der Beschaffung vorübergehender oder langfristiger Finanzanlagen zuzuführen. ? Der zielgerechte Ablauf der Finanzmittelbeschaffung und -verwendung setzt voraus, dass der Zahlungsverkehr kostengünstig und schnell abgewickelt werden kann, d. h., es sind nicht nur die notwendigen Vorkehrungen für den ungestörten Ablauf des Zahlungsverkehrs zu schaffen, sondern es sind auch Neuerungen, die den Ablauf langfristig verbessern können, durchzuführen. Darüber hinaus ist im finanzwirtschaftlichen Bereich das organisatorische Umfeld so zu gestalten, dass die Unternehmung ihre Ziele erreichen kann. ? Schließlich ist zu kontrollieren, ob die eingesetzten Instrumente zielgerecht arbeiten, ob die gewählte Organisationsstruktur sinnvoll ist, ob die Finanzierungsform noch zeitgerecht ist, ob die vorgenommenen Investitionen den Erwartungen entsprechen; falls Änderungen des Umweltzustandes eingetreten sind oder Erkenntnisse anderer Art vorliegen, können unverzüglich Anpassungsmaßnahmen vorgenommen werden. In großen Unternehmungen werden die finanzwirtschaftlichen Entscheidungen häufig dezentral in verschiedenen Abteilungen getroffen. In diesem Falle müssen alle Entscheidungen durch eine Instanz koordiniert werden. Bezeichnet man diese Stelle als das Finanzmanagement, so wird der Begriff – wie allgemein üblich – in institutioneller Sichtweise verwendet. Er bezeichnet also die Instanz, die für die Koordinierung der Aktivitäten der Unternehmungsführung zuständig ist, die das finanzielle Gleichgewicht der Unternehmung sicherstellen sollen. Gewöhnlich ist das der Finanzvorstand.46 Es lässt sich ein enges Zusammenspiel zwischen Kapitalanlage und Kapitalaufbringung feststellen. Selbst wer die Investitionsrechnung isoliert betrachtet, hat die Ausgangsfrage zu 45 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 10. 46 Vgl. Büschgen, Hans E.: Grundlagen betrieblicher Finanzwirtschaft – Unternehmensfinanzierung. 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1991, S. 25-26. 20 1 Die Finanzwirtschaft stellen, welches Investitionsobjekt zu realisieren ist, wenn Mittel in genügend großer Höhe zur Verfügung stehen. Andererseits ist Ausgangsfrage der Finanzierung, wie eine Investition, die zwingend benötigt wird, optimal finanziert werden sollte. Diese Fragestellungen lassen u. U. vermuten, jeweils einer der Teilbereiche sei fix, während der andere zu optimieren sei. Tatsächlich können aber in der Praxis beide Teilbereiche gestaltet werden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der gemeinsamen Planung von Investition und Finanzierung. Es gilt folgender Zusammenhang: Jede Mittelverwendung hat eine Mittelbeschaffung zur Voraussetzung. Der beste Investitionsplan ist bedeutungslos, wenn keine Mittel zur Beschaffung der Investition zur Verfügung stehen. Umgekehrt ist die Beschaffung finanzieller Mittel unsinnig, wenn für sie keine ertragbringende Verwendung gefunden werden kann. Daher muss Mittelbeschaffung stets eine Mittelverwendung nach sich ziehen.47 1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft 1.3.1 Die Investition Der Investor verfolgt mit einer zum gegenwärtigen Zeitpunkt erfolgenden Geldauszahlung für bestimmte Vermögensgegenstände oder Dienstleistungen das Ziel, dadurch in späteren Perioden höhere Geldeinzahlungen oder Minderauszahlungen zu erwirtschaften. Charakteristische Merkmale von Investitionen sind demnach die Transformation eines gegenwärtigen Zahlungsmittelbestandes in materielle, immaterielle oder finanzielle Güter, sowie das Ziel, dadurch auf direkte bzw. indirekte Weise zusätzliche Einzahlungen oder geringere Auszahlungen zu erreichen.48 Es lässt sich also eine enge Verknüpfung zwischen der güter- bzw. leistungswirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Ebene einer Unternehmung erkennen. Jedoch kann bei der Beratung, Beurteilung und Entscheidung über eine Investition prinzipiell eine Trennung zwischen leistungswirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Aspekten vorgenommen werden. Stehen die technischen und kapazitätsorientierten Eigenschaften der Investitionsobjekte und damit der leistungswirtschaftliche Aspekt im Vordergrund, so lassen sich die zu beschaffenden Vermögensgegenstände ihrer Art nach gemäß Abbildung 8 (Seite 21) unterscheiden. Auf den leistungswirtschaftlichen Aspekt wird auch abgezielt, wenn in einer Wirtschaftsperiode die Unterteilung der Gesamt- oder Bruttoinvestitionen eines Betriebes in Ersatz- oder Reinvestitionen (Ersatzbeschaffung wirtschaftlich verbrauchter Güter) und in Erweiterungs- oder Nettoinvestitionen (Vergrößerung der Kapazität) erfolgt. Dieser Kapazitätseffekt der Investitionen erfährt i. d. R. allerdings keine Berücksichtigung im Rahmen des Themengebiets „Investitionsrechnung“, sondern wird in der Literatur im Zusammenhang mit der „Betriebsgrößenplanung“ bzw. generell im Rahmen des Bereiches „Produktion“ diskutiert. 47 Vgl. Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9. Aufl., München 2002, S. 3. 48 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 1: Investition und Unternehmungsbewertung. 2. Aufl., Freiburg i. Br. 1997, S. 1.

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References

Zusammenfassung

Zu Beginn dieses Lehrbuches wird auf die grundlegenden Prinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft eingegangen. Daran schließt sich die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Investition (und hier vor allem mit den Verfahren der Investionsrechnung) an. Dabei werden alle theorie- und praxisrelevanten Facetten behandelt. Zur Veranschaulichung der Inhalte dient ein durchgehendes Beispiel. Im letzten Kapitel wird sich mit Fragen der Unternehmensbewertung (inkl. DCF-Verfahren) auseinandergesetzt.

- Einführendes Lehrbuch in die Verfahren der Investitionsrechnung

- Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

- Zusammenhänge und finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

- Einordnung von Investitionsrechnung und Investitionsentscheidungen

- Statische und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung

- Dynamische Verfahren der Investitionsrechung

- Bestimmung der optimalen Nutzungsdauer und des Ersatzzeitpunktes von Investitionen

- Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen

- Investitionsprogrammentscheidungen

- Entscheidungen über Finanzinvestitionen

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Investitionsproblemen.