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1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Investition, page 45 - 53

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3658-7, ISBN online: 978-3-8006-4434-6, https://doi.org/10.15358/9783800644346_45

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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20 1 Die Finanzwirtschaft stellen, welches Investitionsobjekt zu realisieren ist, wenn Mittel in genügend großer Höhe zur Verfügung stehen. Andererseits ist Ausgangsfrage der Finanzierung, wie eine Investition, die zwingend benötigt wird, optimal finanziert werden sollte. Diese Fragestellungen lassen u. U. vermuten, jeweils einer der Teilbereiche sei fix, während der andere zu optimieren sei. Tatsächlich können aber in der Praxis beide Teilbereiche gestaltet werden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der gemeinsamen Planung von Investition und Finanzierung. Es gilt folgender Zusammenhang: Jede Mittelverwendung hat eine Mittelbeschaffung zur Voraussetzung. Der beste Investitionsplan ist bedeutungslos, wenn keine Mittel zur Beschaffung der Investition zur Verfügung stehen. Umgekehrt ist die Beschaffung finanzieller Mittel unsinnig, wenn für sie keine ertragbringende Verwendung gefunden werden kann. Daher muss Mittelbeschaffung stets eine Mittelverwendung nach sich ziehen.47 1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft 1.3.1 Die Investition Der Investor verfolgt mit einer zum gegenwärtigen Zeitpunkt erfolgenden Geldauszahlung für bestimmte Vermögensgegenstände oder Dienstleistungen das Ziel, dadurch in späteren Perioden höhere Geldeinzahlungen oder Minderauszahlungen zu erwirtschaften. Charakteristische Merkmale von Investitionen sind demnach die Transformation eines gegenwärtigen Zahlungsmittelbestandes in materielle, immaterielle oder finanzielle Güter, sowie das Ziel, dadurch auf direkte bzw. indirekte Weise zusätzliche Einzahlungen oder geringere Auszahlungen zu erreichen.48 Es lässt sich also eine enge Verknüpfung zwischen der güter- bzw. leistungswirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Ebene einer Unternehmung erkennen. Jedoch kann bei der Beratung, Beurteilung und Entscheidung über eine Investition prinzipiell eine Trennung zwischen leistungswirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Aspekten vorgenommen werden. Stehen die technischen und kapazitätsorientierten Eigenschaften der Investitionsobjekte und damit der leistungswirtschaftliche Aspekt im Vordergrund, so lassen sich die zu beschaffenden Vermögensgegenstände ihrer Art nach gemäß Abbildung 8 (Seite 21) unterscheiden. Auf den leistungswirtschaftlichen Aspekt wird auch abgezielt, wenn in einer Wirtschaftsperiode die Unterteilung der Gesamt- oder Bruttoinvestitionen eines Betriebes in Ersatz- oder Reinvestitionen (Ersatzbeschaffung wirtschaftlich verbrauchter Güter) und in Erweiterungs- oder Nettoinvestitionen (Vergrößerung der Kapazität) erfolgt. Dieser Kapazitätseffekt der Investitionen erfährt i. d. R. allerdings keine Berücksichtigung im Rahmen des Themengebiets „Investitionsrechnung“, sondern wird in der Literatur im Zusammenhang mit der „Betriebsgrößenplanung“ bzw. generell im Rahmen des Bereiches „Produktion“ diskutiert. 47 Vgl. Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9. Aufl., München 2002, S. 3. 48 Vgl. Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 1: Investition und Unternehmungsbewertung. 2. Aufl., Freiburg i. Br. 1997, S. 1. 1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft 21 Die Investitionsrechnung interessiert sich jedoch im Allgemeinen nicht dafür, in welcher Weise ein Investitionsobjekt mit den übrigen betrieblichen Produktionsfaktoren zusammenwirkt oder welchen Einfluss es auf die Leistungsfähigkeit der Unternehmung besitzt, sondern für sie ist lediglich der finanzwirtschaftliche Aspekt relevant.49 Ihre Betrachtungsweise reduziert das Investitionsobjekt auf die von ihm ausgelösten Veränderungen des Zahlungsmittelbestandes; dies kommt auch im eingangs erwähnten zweiten Merkmal der Investition zum Ausdruck. Sachinvestitionen Investitionen Finanzinvestitionen ImmaterielleInvestitionen Grundstücke Technische Anlagen Vorräte Fremdleistungen Werbung Ausbildung Sozialleistungen Gläubigerrechte Anteilsrechte Forschung und Entwicklung Abbildung 8: Gliederung der Investitionen nach der Art der Vermögensgegenstände50 Diesem Tatbestand trägt der zahlungsorientierte (pagatorische) Investitionsbegriff Rechnung. Er ist laut Büschgen insbesondere eine Folge davon, dass Investition und Finanzierung bei der Investitionsplanung gemeinsam zu betrachten sind.51 Danach ist eine Investition eine betriebliche Maßnahme, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten Ein- und Auszahlungen verursacht. Der erste Zahlungsvorgang ist dabei im Normalfall eine Auszahlung und wenigstens eine der folgenden Zahlungen ist eine Einzahlung. Das Fachgebiet „Investitionsrechnung“ betrachtet demgemäß nur die finanzwirtschaftlichen Aspekte der Investitionen, d. h. ihre Zahlungsströme. Jede Investition lässt sich nämlich – unabhängig von der Art der Investition (Sach-, Finanz- oder immaterielle Investition) und unabhängig davon, ob es sich um eine Ersatz- oder um eine Erweiterungsinvestition handelt – auf die von ihr ausgelösten Zahlungsmittelbewegungen (Ein- und Auszahlungen) reduzieren. 49 Vgl. Büschgen, Hans E.: Betriebliche Finanzwirtschaft – Unternehmensinvestitionen. Frankfurt a. M. 1981, S. 12; vgl. dazu auch Kruschwitz, Lutz: Investitionsrechnung. 12. Aufl., München 2009, S. 3-5. 50 Modifiziert entnommen aus Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 1: Investition und Unternehmungsbewertung. 2. Aufl., Freiburg i. Br. 1997, S. 2. 51 Vgl. Büschgen, Hans E.: Betriebliche Finanzwirtschaft – Unternehmensinvestitionen. Frankfurt a. M. 1981, S. 11-12. 22 1 Die Finanzwirtschaft Rechnungswesen Internes Externes Kostenrechnung Finanzrechnung Jahresabschluss (+ Lagebericht) kurzfristig langfristig Rechnungen Abbildung der Leistungsund Finanzströme Bilanz Fin.Inv. Investition(srechnung) Mittelverwendung Finanzierung Mittelherkunft Finanzwesen Abbildung 9: Zusammenhänge zwischen betrieblichem Rechnungswesen und Finanzwesen52 Betrachtet man die innerhalb des Bereichs des betrieblichen Finanz- bzw. Rechnungswesens ablaufenden Prozesse hinsichtlich Entscheidungsvorbereitung, Treffen von Entscheidungen sowie Informationserstellung und -verwertung, so wirken sich die mit einer Investition in Zusammenhang stehenden Aktionen zum einen deutlich auf die Aktivseite einer 52 Entnommen aus Kußmaul, Heinz: Grundlagen der Investition und Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1995, S. 101. 1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft 23 Bilanz sowie auf die Gewinn- und Verlustrechnung und die Finanzrechnung aus, zum anderen macht sich die Planung und Berechnung von realisationsfähigen und auch zur Verwirklichung geeigneten Investitionsobjekten (Investitionsrechnung) im Bereich der mittel- bis langfristigen Unternehmungsplanung bemerkbar (vgl. Abbildung 9; Seite 22). Betrachtet man den Vorgang der Investition vom Standpunkt der Bilanz, so kommt er auf der Aktivseite der Bilanz, die Aufschluss über die Verwendung des unternehmerischen Kapitals gibt, zum Ausdruck. Vorausgehen muss der Betrachtung, Beurteilung und Realisierung von Investitionen zunächst die Beschaffung von verwendbarem Kapital. Bilanztechnisch erkennbar wird die Kapitalbeschaffung auf der Passivseite der Bilanz, die Auskunft darüber gibt, welche Kapitalbeträge dem Betrieb zur Nutzung überlassen worden sind und in welcher Form (Eigen- bzw. Fremdkapital) dies geschehen ist. Abgesehen von dem Fall der Einbringung von Sacheinlagen durch die Kapitalgeber erscheinen die vermögensmäßigen Gegenwerte des beschafften Kapitals in der Bilanz zunächst als Zahlungsmittel, ehe sie zur Durchführung des Betriebsprozesses verwendet, also investiert werden. Da jedoch die Erwirtschaftung von Kapital auch im Rahmen der Freisetzung investierter Geldbeträge durch den betrieblichen Umsatzprozess vonstatten gehen kann, macht sich die Bereitstellung finanzieller Mittel für erneute Investitionsvorgänge oftmals durch Vermögensumschichtungen auf der Aktivseite (ggfs. ohne Änderung der auf der Passivseite ausgewiesenen Kapitalpositionen) bemerkbar.53 1.3.2 Die Finanzierung In der Literatur herrscht keine Einigkeit über die Definition des Finanzierungsbegriffes. Die klassische Interpretation der Finanzierung orientiert sich an dem in der Bilanz ausgewiesenen Kapital.54 Finanzierung beschränkt sich dann auf die Vorgänge der Kapitalbeschaffung, wobei der Begriff der Kapitalbeschaffung eng oder weit gefasst werden kann. So kann der Begriff der Kapitalbeschaffung anhand nachfolgender Kriterien eingeschränkt werden: ? entsprechend der Form der Kapitalbeschaffung, z. B. Beschränkung auf die Beschaffung finanzieller Mittel durch Ausgabe von Wertpapieren; ? entsprechend der Dauer der Kapitalbereitstellung, z. B. Beschränkung auf die Beschaffung langfristiger Mittel; ? entsprechend der Verwendung der beschafften Kapitalbeträge, z. B. Beschränkung auf die Kapitalbeschaffung zum Zwecke der Gründung und Erweiterung oder zum Zwecke der Finanzierung von aus dem Rahmen der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit herausfallenden Vorhaben. In der weitesten Fassung dieser klassischen Definition der Kapitalbeschaffung erfolgt keine Einschränkung bezüglich Form, Fristigkeit und Verwendung der finanziellen Mittel. Sie umschließt über die Kapitalbeschaffung hinaus sämtliche Kapitaldispositionen, die im Zu- 53 Vgl. Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9. Aufl., München 2002, S. 2-5. 54 Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 348. 24 1 Die Finanzwirtschaft sammenhang mit dem Betriebsprozess stehen, also auch die Kapitalrückzahlung und die Kapitalumschichtungen.55 Aber auch in dieser Fassung bezieht sich der Finanzierungsbegriff nur auf die Vorgänge der Passivseite, die extern ausgelöst werden. Der am abstrakten Kapital orientierte Finanzierungsbegriff wird erweitert durch die Einbeziehung der Vermögensseite. Damit setzt sich Finanzierung nicht nur mit der Beschaffung externer Mittel, sondern auch mit der internen Mittelbeschaffung durch Gewinne, Mittelfreisetzungen, Abschreibungen usw. auseinander. Dies bezeichnet man als den am Realkapital orientierten Finanzierungsbegriff.56 Definiert man Finanzierung als „die Summe der Tätigkeiten, die darauf ausgerichtet sind, den Betrieb in dem entsprechendem Umfang mit Geld und anderen Vermögensteilen auszustatten, der zur Realisation der betrieblichen Ziele erforderlich ist“,57 so handelt es sich um einen – weiten – entscheidungsorientierten Finanzierungsbegriff. Ebenfalls um einen entscheidungsorientierten – wenn auch engeren und damit möglicherweise operationaleren – Ansatz handelt es sich, wenn Finanzierung als zielgerichtete Gestaltung und Steuerung sämtlicher Zahlungsströme einer Unternehmung verstanden wird. Dies führt zu dem pagatorischen, d. h. an Zahlungsströmen orientierten, Finanzierungsbegriff. Köhler definiert diesbezüglich: „Zusammenfassend sei die Finanzierung, Teil der Finanzwirtschaft, definiert als Gesamtheit der Zahlungszuflüsse (Einzahlungen) und der beim Zugang nichtmonetärer Güter vermiedenen sofortigen Zahlungsmittelabflüsse (Auszahlungen)“.58 Diese Definition beinhaltet alle Formen der internen und externen Geld- und Kapitalbeschaffung, einschließlich der Kapitalfreisetzungseffekte. In Anlehnung an Vormbaum und Wöhe/Bilstein gehen wir im Folgenden von einer vier Kernbereiche umfassenden Auslegung des Finanzierungsbegriffs aus.59 Danach fallen in den Bereich der Finanzierung als Erstes alle betrieblichen Maßnahmen der Versorgung der Unternehmung mit disponiblem (für unternehmerische Entscheidungen zur Verfügung stehendem) Kapital ? zur Durchführung der betrieblichen Leistungserstellung und Leistungsverwertung (Erfüllung des eigentlichen Betriebszwecks) und ? zur Vornahme bestimmter außerordentlicher finanztechnischer Vorgänge (Unternehmungsgründung, Kapitalerhöhung, Umwandlung, Sanierung, Liquidation). 55 Vgl. ausführlich zur Abgrenzung der einzelnen Finanzierungsbegriffe und ihrer Vertreter Grochla, Erwin: Finanzierung, Begriff der. In: Handwörterbuch der Finanzwirtschaft, hrsg. von Hans E. Büschgen, Stuttgart 1976, Sp. 413-415. 56 Perridon/Steiner beziehen sich hierbei auf Beckmann, Liesel: Die betriebswirtschaftliche Finanzierung. 2. Aufl., München 1956, S. 28 und Rössle, Karl: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 5. Aufl., Stuttgart 1956, S. 105. Vgl. Perridon, Louis/Steiner, Manfred: Finanzwirtschaft der Unternehmung. 14. Aufl., München 2007, S. 348. 57 Grochla, Erwin: Finanzierung, Begriff der. In: Handwörterbuch der Finanzwirtschaft, hrsg. von Hans E. Büschgen, Stuttgart 1976, Sp. 414. 58 Köhler, Richard: Zum Finanzierungsbegriff einer entscheidungsorientierten Betriebswirtschaftslehre. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft 1969, S. 451. 59 Vgl. Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 26-30; Wöhe, Günter/Bilstein, Jürgen: Grundzüge der Unternehmensfinanzierung. 9. Aufl., München 2002, S. 2-5. 1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft 25 Ergänzend zu dieser Bereitstellung von finanziellen Mitteln jeder Art (Kapitalbeschaffung im weitesten Sinne) kommen als Zweites Maßnahmen zur optimalen Strukturierung des Kapitals der Unternehmung hinzu (Kapitalumschichtung, Umfinanzierung). Durch die vorgenommene Einbeziehung der Sanierung und Liquidation wird der Finanzierungsbegriff als Drittes auf den Verlust und die Rückzahlung früher beschafften Kapitals ausgeweitet (Kapitalabfluss beispielsweise in Form von Kapitalentnahmen, Kredittilgungen, Gewinnausschüttungen). Als Viertes umfasst der verwendete Finanzierungsbegriff schließlich die Freisetzung von in Sach- und Finanzwerten investierten Geldbeträgen in liquide Form durch den sich über den Markt vollziehenden betrieblichen Umsatzprozess. Es handelt sich hierbei um die Wiederbeschaffung früher investierter Mittel und deren Bereitstellung für erneute Finanzierungsvorgänge. Derartige Kapitalfreisetzungen finden ihren Niederschlag nicht nur auf der Passivseite der Bilanz (wegen der Erfolgswirksamkeit), sondern sie zeigen sich vor allem auf der Aktivseite in Form von Vermögensumschichtungen. Vermögensumschichtungen sind zudem auch möglich, wenn die auf der Passivseite ausgewiesenen Kapitalpositionen konstant bleiben. Dadurch fällt auch die Bereitstellung finanzieller Mittel, die nicht zu einer Vergrößerung des auf der Passivseite ausgewiesenen Kapitals führt, unter den Finanzierungsbegriff. I. Bilanzverlängerung IV. Bilanzverkürzung III. Kapitalumschichtung II. Vermögensumschichtung Bilanz Vermögen (= konkretes Kapital) Abstraktes Kapital Nachweis der Kapitalverwendung Nachweis der Kapitalherkunft + – Abbildung 10: Finanzierungsvorgänge und Bilanzinhalt60 Der Begriff Finanzierung beschränkt sich darüber hinaus nicht nur auf die reine Geldbeschaffung (liquide Mittel), sondern er umschließt auch die Zurverfügungstellung von Sachgütern in Form von Sacheinlagen oder die Einbringung von Wertpapieren. Kapitalbeschaffung (Finanzierung) und Kapitalverwendung (Investition) erfolgen in diesen Fällen als 60 Entnommen aus Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 27. II. Vermögensumschichtung a italu sc ichtung 26 1 Die Finanzwirtschaft einheitlicher Vorgang. Finanzierung umfasst infolgedessen nicht nur die Geldbeschaffung, sondern Kapitalbeschaffung in allen Formen. Das zur Nutzung überlassene Eigen- oder Fremdkapital findet seinen vermögensmäßigen Gegenwert in Form von Geld, Sachgütern, Wertpapieren oder anderen Vermögensgegenständen. Der Kapitalbereich der Bilanz (Passivseite) gibt demzufolge Auskunft darüber, welche Kapitalbeträge in welcher rechtlichen Form (Eigenkapital oder Fremdkapital) dem Betrieb zur Nutzung überlassen werden, während der Vermögensbereich der Bilanz (Aktivseite) zum Ausdruck bringt, in welchen Vermögensarten die von den Kapitalgebern zur Verfügung gestellten Mittel derzeit gebunden sind. In diesem Zusammenhang lassen sich grundsätzlich vier Arten von Finanzierungsvorgängen, die sich in einer Änderung des Bilanzinhalts niederschlagen, unterscheiden (siehe Abbildung 10; Seite 25). Bilanzverlängernde Finanzierungsmaßnahmen führen zu einer Erhöhung des dem Betrieb zur Verfügung stehenden Vermögens bei gleichzeitiger, gleichgewichtiger Erhöhung des Kapitals. Diese Vorgänge werden in Abbildung 11 als Kapitalbeschaffung bezeichnet. Mit dem Ausweis des neu aufgenommenen Kapitals (Eigenkapital und/oder Fremdkapital) auf der Passivseite wird der juristische Anspruch dokumentiert. Auf der Aktivseite zeigt sich diese Kapitalerhöhung in ihrer konkreten Form, nämlich als Zufluss von liquiden Mitteln (z. B. Bareinlage, Kreditaufnahme) oder als Erhöhung der Sachgüter (z. B. Sacheinlage, Kauf auf Ziel). Finanzierung i.w.S. Kapitalbeschaffung Kapitalerhöhung Kapitalfreisetzung Kapitalrückfluss Kapitalumschichtung Umfinanzierung Kapitalabfluss Kapitalherabsetzung von außen von innen Kapitalaufnahme von EK oder FK Kapitalzuwachs durch Gewinnthesaurierung bzw. Bildung von Rückstellungen Erhöhung, Beschleunigung der Freisetzung von disponiblem Kapital durch Vermögensumstrukturierungen Veränderung der Kapitalstruktur innerhalb des Betriebes nach außen Kapitalverlust am EK und/oder FK Kapitalrückzahlung von EK und/oder FK Abbildung 11: Elemente des Finanzierungsbegriffs61 61 Modifiziert entnommen aus Vormbaum, Herbert: Finanzierung der Betriebe. 9. Aufl., Wiesbaden 1995, S. 29. 1.3 Die Bestandteile der Finanzwirtschaft 27 Vermögensumschichtende Finanzierungsvorgänge (Aktivtausch) führen bei gleich bleibender Bilanzsumme zu einer Umstrukturierung des Vermögens, indem z. B. Sachgüter oder Finanztitel in liquide Mittel umgewandelt werden; gebundenes Vermögen wird also durch Veräußerung freigesetzt. Es gibt allerdings Finanzierungsvorgänge, die neben einer Vermögensumschichtung gleichzeitig auch zu einer Bilanzverlängerung oder -verkürzung führen, so, wenn beim Verkauf von Vermögensgegenständen zu einem über dem Buchwert liegenden Preis stille Rücklagen gewinnerhöhend aufgedeckt werden oder wenn durch deren vorherige Überbewertung ein außerordentlicher Aufwand entsteht. Finanzierungsmaßnahmen, die zu einer Vermögensumschichtung führen, werden in Abbildung 11 (Seite 26) als Kapitalfreisetzung bezeichnet. Bei kapitalumschichtenden Finanzierungsvorgängen (Passivtausch) kommt es bei gleich bleibender Bilanzsumme zu einer Umstrukturierung der Passivseite. Die Veränderung der Rechtsposition des Kapitalgebers gegenüber der Unternehmung (Eigentümer wird Gläubiger bzw. umgekehrt) zählt ebenso zu dieser Kapitalumschichtung wie Strukturveränderungen innerhalb des Eigenkapitals (z. B. Kapitalerhöhungen aus Gesellschaftsmitteln) und des Fremdkapitals (z. B. Vereinbarung, einen kurzfristigen Kredit auf langfristige Darlehensbasis umzustellen; vgl. Abbildung 11; Seite 26). Bilanzverkürzende Finanzierungsmaßnahmen führen zu einer Verkleinerung der Bilanzsumme durch Verminderung des dem Betrieb zur Verfügung stehenden Vermögens bei gleichzeitiger, gleichgewichtiger Verminderung des Kapitals. Dieser Kapitalabfluss zeigt sich in konkreter Form als Verminderung der liquiden Mittel bzw. von Sachgütern, schlägt sich aber auch in einer entsprechenden Verminderung der die Rechtsansprüche der Kapitalgeber repräsentierenden Eigen- oder Fremdkapitalpositionen nieder (vgl. Abbildung 11; Seite 26). Investitionsrechnung und Entscheidungen über Investitionen 2 Die betriebliche Einordnung der Investitionsrechnung und Entscheidungen über Investitionen62 2.1 Die betriebliche Einordnung der Investitionsrechnung 2.1.1 Die Einordnung der Investitionsrechnung innerhalb des Investitionsprozesses Die Begriffe Investitionsrechnung, Investitionsplanung und Investitionsprozess stehen zwar von ihrer thematischen und intentionalen Grundausrichtung her eng miteinander in Beziehung, dürfen aber dennoch nicht als gleichbedeutend angesehen werden. Die Investitionsrechnung wird nämlich als Instrument im Rahmen der Investitionsplanung eingesetzt, welche wiederum eine Phase innerhalb des Investitionsprozesses darstellt. Systematisch logisch zerlegen lässt sich ein Investitionsprozess im Allgemeinen – wie in Abbildung 12 (Seite 30) – in ? eine Planungsphase, ? eine Realisations- oder Durchsetzungsphase sowie ? eine Kontroll- und Überwachungsphase, wobei teilweise eine weitere Untergliederung der ersten Phase in die Planungsstufen ? Problemstellungsphase, ? Suchphase, ? Beurteilungsphase, ? Entscheidungsphase 62 Wesentliche Passagen dieses Abschnitts und der folgenden Abschnitte sind entnommen aus Kußmaul, Heinz: Grundlagen der Investition und Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1995, S. 99-103, S. 135-139 und S. 179-183; Kußmaul, Heinz: Statische Verfahren der Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1995, S. 221-227 und S. 259-263; Kußmaul, Heinz: Dynamische Verfahren der Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1995, S. 302-308, S. 348-353, S. 381-389 und S. 428-436; Kußmaul, Heinz: Berücksichtigung der Steuern und Geldentwertung in der Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1995, S. 463-473; Kußmaul, Heinz: Berücksichtigung der Steuern und Geldentwertung in der Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1996, S. 16-22; Kußmaul, Heinz: Berücksichtigung der Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen. In: Der Steuerberater 1996, S. 63-67 und S. 104-112; Kußmaul, Heinz: Investitionsprogrammentscheidungen. In: Der Steuerberater 1996, S. 151-154, S. 189-195 und S. 223-230; Kußmaul, Heinz: Gesamtbewertung von Unternehmen als spezieller Anwendungsfall der Investitionsrechnung. In: Der Steuerberater 1996, S. 262-268, S. 303-312, S. 350-358 und S. 395-402; Kußmaul, Heinz: Investitionsrechnung. In: Saarbrücker Handbuch der Betriebswirtschaftlichen Beratung, hrsg. von Karlheinz Küting, 4. Aufl., Herne 2008, S. 161-250; Kußmaul, Heinz: Darstellung der Discounted Cash- Flow-Verfahren – auch im Vergleich zur Ertragswertmethode nach dem IDW Standard ES 1 –. In: Der Steuerberater 1999, S. 332-347 sowie Kußmaul, Heinz: Darstellung der Shareholder Value- Ansätze. In: Der Steuerberater 1999, S. 382-390.

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References

Zusammenfassung

Zu Beginn dieses Lehrbuches wird auf die grundlegenden Prinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft eingegangen. Daran schließt sich die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Investition (und hier vor allem mit den Verfahren der Investionsrechnung) an. Dabei werden alle theorie- und praxisrelevanten Facetten behandelt. Zur Veranschaulichung der Inhalte dient ein durchgehendes Beispiel. Im letzten Kapitel wird sich mit Fragen der Unternehmensbewertung (inkl. DCF-Verfahren) auseinandergesetzt.

- Einführendes Lehrbuch in die Verfahren der Investitionsrechnung

- Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

- Zusammenhänge und finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

- Einordnung von Investitionsrechnung und Investitionsentscheidungen

- Statische und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung

- Dynamische Verfahren der Investitionsrechung

- Bestimmung der optimalen Nutzungsdauer und des Ersatzzeitpunktes von Investitionen

- Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen

- Investitionsprogrammentscheidungen

- Entscheidungen über Finanzinvestitionen

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Investitionsproblemen.