Content

8.2 Die Investitionsrechnungsverfahren in der Praxis in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Investition, page 257 - 260

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3658-7, ISBN online: 978-3-8006-4434-6, https://doi.org/10.15358/9783800644346_257

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
8 Die Beurteilung der Investitionsrechnungsverfahren236 zugrunde gelegte Einteilung ganz eng sieht. Sollten keine Finanzgrenzen vorhanden sein und keine Marktgrenzen, dann wäre es am besten, immer die gleiche Zahl des jeweils absolut überlegenen Projektes heranzuziehen, das im Beispielsfall mit Anschaffungskosten von 2 Millionen EUR zugrunde liegt. Insofern kann diese Einteilung nur einen gedanklichen Hinweis für die Beurteilung von Investitionsrechnungsverfahren liefern, weil genau dieser zuletzt besprochene Fall sich sozusagen selbst ad absurdum führt. Im Ergebnis – sollte man diesen Extremfall als nicht gegeben ansehen – spricht vieles dafür, den konkreten Betrachtungsfall des Vorliegens von Finanzgrenzen als Hauptkriterium heranzuziehen, der dann entweder die Anwendung einer Absolutmethode oder einer Relativmethode indiziert. Welche Methode in den beiden Bereichen jeweils herangezogen wird bzw. werden soll, ist bereits im Vorfeld hinreichend diskutiert worden. Neben der Kapitalwertmethode spricht im Bereich der Absolutmethoden in bestimmten Fällen vieles für die Anwendung einer Vermögensendwertmethode, bei den Relativmethoden sollte als Ersatz der Methode des internen Zinsfußes ernsthaft die Anwendung von Sollzinssatzmethoden (Baldwin-Zinssatz- oder TRM-Methode) in Erwägung gezogen werden. 8.2 Die Investitionsrechnungsverfahren in der Praxis Von den diversen in der Vergangenheit durchgeführten Umfragen zur Thematik des Einsatzes von Investitionsrechnungsverfahren in der Praxis wird wird häufig die bereits 1997 veröffentlichte Untersuchung von Heidtmann/Däumler herangezogen.418 Die Studie, die sich auf mittelständische Unternehmungen bezog, welche im Jahr 1994 einen Jahresumsatz zwischen 20 und 399 Mio. DM aufwiesen, ist unter den Studien mit ausschließlichem Deutschland-Bezug nach wie vor die aktuellste.419 Aus der Untersuchung lässt sich entnehmen, dass an der Befragung Unternehmungen der verschiedensten Wirtschaftszweige – Maschinen- und Schiffbau, Bauindustrie, Auto- und Autozubehörindustrie, Eisen- und Stahlerzeugung, Mineralölindustrie und Bergbau, Energieversorgung, Dienstleistungsbetriebe, Nahrungs- und Genussmittelindustrie, Verlage und Papier, Handel, Elektrotechnik, Chemisch-Pharmazeutische Industrie sowie bestimmte andere Unternehmungen – teilnahmen.420 Eine Auswertung der Fragebögen der befragten Unternehmungen sowie telefonische Interviews ergaben, dass ca. 81,8% der Unternehmungen Investitionsrechnungsverfahren einsetzen. Die Verbreitung der Verwendung der verschiedenen Verfahren in den Unternehmungen kann aus Abbildung 55 (Seite 237) entnommen werden. 418 Vgl. z.B. Blohm, Hans/Lüder, Klaus/Schaefer, Christina: Investition. 9. Aufl., München 2006, S. 43-47. 419 Die von Brounen, De Jong und Koedijk im Jahr 2004 vorgelegte Studie ist aktueller, bezieht sich jedoch nicht ausschließlich auf Deutschland, sondern auch auf Großbritannien, die Niederlande und Frankreich; vgl. Brounen, Dirk/De Jong, Abe/Koedijk, Kees C. G.: Corporate Finance in Europe – Confronting Theory with Practice. In: Financial Management 2004, S. 71-102. 420 Vgl. dazu und zu den folgenden Ausführungen Heidtmann, Dietmar/Däumler, Klaus-Dieter: Anwendung von Investitionsrechnungsverfahren bei mittelständischen Unternehmen – eine empirische Untersuchung. In: Buchführung, Bilanz, Kostenrechnung, Beilage 2/1997. 8.2 Die Investitionsrechnungsverfahren in der Praxis 237 Investitionsrechnungsverfahren Anteil an den befragten, Investitionsrechnungsverfahren einsetzenden Unternehmungen in Prozent Rentabilitätsvergleichsrechnung Methode des internen Zinsfußes Kapitalwertmethode Kostenvergleichsrechnung dynamische Amortisationsrechnung statische Amortisationsrechnung Annuitätenmethode Gewinnvergleichsrechnung sonstige Verfahren lineare Planungsrechnung MAPI-Methode 47,06 44,44 35,95 34,64 28,76 20,92 11,76 11,76 3,27 2,61 0,00 Abbildung 55: Anwendung von Investitionsrechnungsverfahren in der Praxis421 Erkennen lässt sich anhand dieser Auswertung, dass die Rentabilitätsvergleichsrechnung mit 47,06% das am häufigsten eingesetzte Verfahren der Investitionsrechnung darstellt, allerdings dicht gefolgt von der Methode des internen Zinsfußes mit 44,44%. Weitaus weniger bzw. gar keine Anwendung bei den befragten Unternehmungen finden die lineare Planungsrechnung (2,61%) bzw. die MAPI-Methode (0,00%). Fasst man die statische und die dynamische Amortisationsrechnung zusammen, so ergibt sich bei den befragten Unternehmungen, die investitionsrechnerische Methoden anwenden, eine Quote von 49,68% für den Einsatz dieses Rechenverfahrens, m.a.W., fast die Hälfte dieser Unternehmungen bringt die Amortisationsrechnung in irgendeiner Weise zum Einsatz. Bei einem Vergleich dieser Umfrageauswertung mit einigen in früheren Jahren angestellten Analysen422 lässt sich feststellen, dass insbesondere die Amortisationsrechnung im Vergleich zu den 70er und 80er Jahren etwas an Verbreitung in den Unternehmungen eingebüßt hat und außerdem eine eindeutige Tendenz weg von der statischen hin zur dynamischen Amortisationsrechnung zu erkennen ist. Dagegen nimmt die Anwendungshäufigkeit der Kapitalwertmethode, der Annuitätenmethode und der Methode des internen Zinsfußes ständig zu, nicht nur in mittelständischen Unternehmungen, sondern insbesondere auch in Großunternehmungen, wobei diese Verfahren bei letzteren Unternehmungen noch weitaus größere Bedeutung haben als in den mittelständischen Betrieben. Die gleiche Entwicklung wie obige drei Methoden zeigen im Wesentlichen auch die Kostenund die Gewinnvergleichsrechnung; auch ihr Anteil ist im Laufe der Zeit angestiegen, wobei die prozentuale Anwendung wiederum in den Großunternehmungen höher ist als die in mittelständischen Betrieben. Ebenfalls ein deutlicher Anstieg erkennen lässt sich bei der 421 Vgl. Heidtmann, Dietmar/Däumler, Klaus-Dieter: Anwendung von Investitionsrechnungsverfahren bei mittelständischen Unternehmen – eine empirische Untersuchung. In: Buchführung, Bilanz, Kostenrechnung, Beilage 2/1997, S. 4. 422 Vgl. Grabbe, Hans-Wilhelm: Investitionsrechnung in der Praxis – Ergebnisse einer Unternehmensbefragung. Köln 1976 und Wehrle-Streif, Uwe: Empirische Untersuchung zur Investitionsrechnung. Köln 1989. 8 Die Beurteilung der Investitionsrechnungsverfahren238 Rentabilitätsvergleichsrechnung, die jedoch anstatt der Methode des internen Zinsfußes vermehrt in mittelständischen Unternehmungen zum Einsatz gelangt. Obwohl die lineare Planungsrechnung in der Praxis eher ein Schattendasein fristet, hat sich ihr Einsatz in den letzten Jahrzehnten – allerdings auf extrem niedrigem Niveau – in etwa verdreifacht, wobei ihr Einsatzbereich aber fast ausschließlich in Großunternehmungen erfolgt. Gemäß obiger Ausführungen kann ein Trend zur verstärkten Anwendung dynamischer Verfahren festgestellt werden, der jedoch keineswegs zur Ablösung der statischen Verfahren führt; neuere Untersuchungen, wie die von Brounen, De Jong und Koedijk, bestätigen die oben skizzierte Tendenz zur Methodenvielfalt.423 423 Vgl. Brounen, Dirk/De Jong, Abe/Koedijk, Kees C. G.: Corporate Finance in Europe – Confronting Theory with Practice. In: Financial Management 2004, S. 71-102. Vgl. erläuternd Blohm, Hans/Lüder, Klaus/Schaefer, Christina: Investition. 9. Aufl., München 2006, S. 45-46. DieGesamtbewertungvonUnternehmungen 9 Die Gesamtbewertung von Unternehmungen als spezieller Anwendungsfall der Investitionsrechnung Unternehmensbewertung als Spezialfall der Investitionsrechnung 9.1 Die Unternehmensbewertung als Spezialfall der (dynamischen) Investitionsrechnung 9.1.1 Die Grundlagen: Theoretische Einordnung Im Laufe der Zeit wurden sowohl auf theoretischer als auch auf praxisrelevanter Ebene eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle hinsichtlich der Investitionsrechnung konzipiert bzw. weiterentwickelt. Dabei blieb der Begriff „Investitionsrechnung“ allerdings längere Zeit auf Verfahren zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit von Finanz- und Realinvestitionen, d.h. auf Wirtschaftlichkeitsrechnungen, beschränkt. Mit dem sukzessiven Vordringen investitionstheoretischer Erkenntnisse in den Bereich der Unternehmensbewertung hat sich jedoch allmählich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch die Verfahren der Unternehmensbewertung ihrem Kern nach Investitionsrechnungen verkörpern. Einen grundlegenden Überblick über die Kategorien von Modellen und Verfahren der Investitionsrechnung unter Einbeziehung der Wirtschaftlichkeitsrechnung und Unternehmensbewertung in diesen Bereich vermittelt Abbildung 56 (Seite 240). Differenzen zwischen den Verfahren der Wirtschaftlichkeitsrechnung und denen der Unternehmensbewertung bestehen vor allem in der als Basis zugrunde liegenden Fragestellung: Während die Verfahren der Wirtschaftlichkeitsrechnung die Vorteilhaftigkeit von Investitionen – insbesondere von einzelnen Produktionseinheiten, Aggregaten etc. – bei gegebenen Anschaffungskosten analysieren, ist die investitionsrechnungsbezogene Funktion im Falle der Unternehmensbewertung eine andere. Es wird dabei nämlich nach dem Wert einer Unternehmung, einer Beteiligung oder eines Unternehmensteils gefragt, der beispielsweise zur Ableitung einer Preisforderung herangezogen werden kann.424 Die Dimension der Betrachtung richtet sich also nicht mehr auf eine einzelne Einheit in der Menge der betrieblichen Geschehnisse, sondern vielmehr auf ein komplexes Gebilde vieler Einflussfaktoren. Als Basis für die Unternehmensbewertung können entweder objektive oder subjektive Bewertungsmaßstäbe dienen. Während die objektiven Bewertungsansätze eher als traditionelle Methoden angesehen werden können, zielen die neueren Ansätze vornehmlich auf subjektive Einschätzungen des Bewerters ab. Hinter den früher üblichen, traditionellen Verfahren der Unternehmensbewertung verbirgt sich die Auffassung von der Existenz eines „objektiven Unternehmenswerts“, der unabhängig von der spezifischen Interessenlage des Bewerters zu bestimmen ist. Es liegt dabei also die Perspektive eines neutralen, unparteiischen Gutachters zugrunde, der die Aufgabe 424 Vgl. dazu u.a. Schierenbeck, Henner/Wöhle, Claudia B.: Grundzüge der Betriebswirtschaftslehre. 17. Aufl., München 2008, S. 385.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Zu Beginn dieses Lehrbuches wird auf die grundlegenden Prinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft eingegangen. Daran schließt sich die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Investition (und hier vor allem mit den Verfahren der Investionsrechnung) an. Dabei werden alle theorie- und praxisrelevanten Facetten behandelt. Zur Veranschaulichung der Inhalte dient ein durchgehendes Beispiel. Im letzten Kapitel wird sich mit Fragen der Unternehmensbewertung (inkl. DCF-Verfahren) auseinandergesetzt.

- Einführendes Lehrbuch in die Verfahren der Investitionsrechnung

- Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

- Zusammenhänge und finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

- Einordnung von Investitionsrechnung und Investitionsentscheidungen

- Statische und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung

- Dynamische Verfahren der Investitionsrechung

- Bestimmung der optimalen Nutzungsdauer und des Ersatzzeitpunktes von Investitionen

- Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen

- Investitionsprogrammentscheidungen

- Entscheidungen über Finanzinvestitionen

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Investitionsproblemen.