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7.1 Die Grundlagen: Sukzessive und simultane Investitionsplanung in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Investition, page 235 - 237

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3658-7, ISBN online: 978-3-8006-4434-6, https://doi.org/10.15358/9783800644346_235

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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7 Die Investitionsprogrammentscheidungen Die Grundlagen: Sukzessive und simultane Investitionsplanung 7.1 Die Grundlagen: Sukzessive und simultane Investitionsplanung Unter der Voraussetzung vollständiger, sich gegenseitig ausschließender Investitionsalternativen kann der Investor eine optimale Entscheidung treffen, indem er jedes Einzelinvestitionsobjekt isoliert mit Hilfe der dynamischen Verfahren der Investitionsrechnung beurteilt. In der Realität bestehen allerdings zahlreiche Interdependenzen zwischen den Investitionsobjekten, die bewirken, dass sich die Zahlungswirkungen der Investitionsobjekte gegenseitig beeinflussen. Hinsichtlich der Interdependenzen kann unterschieden werden zwischen375 ? indirekten Interdependenzen, bei denen die Einzelprojekte über mindestens eine gemeinsame Restriktion miteinander verbunden sind (z.B. über ein beschränktes Finanzierungsvolumen oder über beschränkte Absatzmöglichkeiten), sowie ? direkten Interdependenzen, bei denen der Nutzen einer Einzelmaßnahme von der gleichzeitigen oder späteren Realisierung einer oder mehrerer anderer Investitionsmaßnahmen abhängt (beispielsweise in mehrstufigen Produktionsprozessen, bei denen die Wirksamkeit der Durchführung einer Erweiterungsinvestition zur Beseitigung eines Engpasses davon abhängig ist, ob durch diese Maßnahme eine vor- oder nachgelagerte Produktionsstufe zum neuen Engpass wird). Investitionsprogrammentscheidungen berücksichtigen diese Interdependenzen und liefern eine Antwort auf die Frage, welche Kombination von Investitionsobjekten aus einer Menge sich nicht gegenseitig ausschließender Alternativen das finanzielle Optimum des Investors liefert. Prinzipiell könnte man Investitionsprogrammentscheidungen lösen, indem man die Zahlungsreihen sämtlicher möglicher Programmalternativen durch vollständige Enumeration ermittelt und anschließend mit den bekannten Verfahren der dynamischen Investitionsrechnung bewertet. Somit könnte jedes Problem der Investitionsprogrammplanung zur Einzelentscheidung in Gestalt einer Wahlentscheidung reduziert werden. Die vollständige Enumeration führt jedoch mit steigender Anzahl der Programmalternativen sehr schnell zu einem nicht mehr vertretbaren Rechen- und Zeitaufwand, so dass diese Vorgehensweise in der Praxis nicht durchführbar ist. Muss der Investor beispielsweise eine Entscheidung bezüglich verschiedener Investitionsobjekte treffen, die er einzeln oder gleichzeitig anschaffen kann, so ergeben sich bei drei Investitionsobjekten 23=8, bei zehn Investitionsobjekten schon 210=1024 Programmalternativen.376 Zur Lösung des Investitionsprogrammproblems müssen daher andere Wege beschritten werden. 375 Vgl. dazu Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 1: Investition und Unternehmungsbewertung. 2. Aufl., Freiburg i. Br. 1997, S. 131. 376 Vgl. dazu Bieg, Hartmut: Betriebswirtschaftslehre 1: Investition und Unternehmungsbewertung. 2. Aufl., Freiburg i. Br. 1997, S. 131-132 sowie Kruschwitz, Lutz: Investitionsrechnung. 12. Aufl., München 2009, S. 219. 7 Die Investitionsprogrammentscheidungen214 Die Vielzahl der entwickelten Lösungsansätze lässt sich in zwei Klassen unterteilen: ? Sukzessive Investitionsplanung: Die sukzessive Investitionsprogrammplanung stellt den einfachsten Fall der Investitionsprogrammplanung dar. In einem ersten Planungsschritt wird die Menge der zur Verfügung stehenden Finanzmittel bestimmt, die im nachfolgenden Planungsschritt auf eine darum konkurrierende Menge sich nicht gegenseitig ausschließender Investitionsprojekte aufgeteilt wird. Die Ergebnisse der Finanzplanung können dabei nicht mehr revidiert werden. ? Simultane Investitionsplanung: Unter simultaner Investitionsplanung versteht man die harmonische Abstimmung der einzelnen Teilpläne des Investors (z.B. Finanzplan, Produktionsplan, Absatzplan, Beschaffungsplan) mit dem Investitionsplan durch explizite Einbeziehung der zwischen den betrieblichen Teilbereichen bestehenden Interdependenzen. Aus Gründen der Modellvereinfachung und der engen Verknüpfung mit dem Investitionsbereich beschränken sich die in der Literatur entwickelten Modelle hauptsächlich auf Finanzierungs- und/oder Produktionspläne. Dabei werden die folgenden Modellgruppen unterschieden: – Simultane Investitions- und Finanzplanung, – simultane Investitions- und Produktionsplanung, – simultane Investitions-, Finanz- und Produktionsplanung. Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf die Darstellung der simultanen Investitions- und Finanzplanung. Durch die Einbeziehung weiterer Teilpläne wächst die Komplexität der Modelle. Trotzdem soll noch darauf hingewiesen werden, dass eine Vielzahl weiterer Simultanplanungsmodelle existiert, die die Absatzplanung,377 Personalplanung,378 Standortplanung379 oder die Steuerpolitik380 berücksichtigen. Außerdem wurden Modelle entwickelt, die einem Totalmodell der Unternehmung angenähert sind und nahezu sämtliche betrieblichen Teilbereiche berücksichtigen.381 In den folgenden Abschnitten werden die klassischen kapitaltheoretischen Ansätze sowie kombinatorische Ansätze zur simultanen Investitions- und Finanzplanung vorgestellt und diskutiert. Grundsätzliche Kritik an den Modellen zur simultanen Planung verschiedener Investitionsbereiche wird in Abschnitt 7.4 geübt; dabei wird insbesondere der Anspruch der 377 Vgl. Jacob, Herbert: Neuere Entwicklungen der Investitionsrechnung. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft 1964, S. 487-507 und S. 551-594. 378 Vgl. Domsch, Michel: Simultane Personal- und Investitionsplanung im Produktionsbereich. Bielefeld 1970. 379 Vgl. Bloech, Jürgen: Industrieller Standort. In: Industriebetriebslehre, hrsg. von Marcell Schweitzer, 2. Aufl., München 1994, S. 108-129; Hansmann, Karl-Werner: Entscheidungsmodelle zur Standortplanung der Industrieunternehmen. Wiesbaden 1974. 380 Vgl. insbesondere Haberstock, Lothar: Zur Integrierung der Ertragsbesteuerung in die simultane Produktions-, Investitions- und Finanzierungsplanung mit Hilfe der linearen Programmierung. Köln u.a. 1971; Haberstock, Lothar: Quo vadis Steuerbilanzpolitik. In: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 1984, S. 464-482 sowie Jääskeläinen, Veikko: Optimal Financing and Tax Policy of the Corporation. Helsinki 1966. 381 Vgl. z.B. Rosenberg, Otto: Investitionsplanung im Rahmen einer simultanen Gesamtplanung. Köln u.a. 1975. 7.2 Die klassischen kapitaltheoretischen Modelle 215 verschiedenen Ansätze, Entscheidungsmodelle für die Praxis zu sein, in Frage gestellt. Tatsächlich haben die Modelle der simultanen Investitions-, (Produktions-) und Finanzplanung bis heute kaum Eingang in die Praxis gefunden. Die Bedeutung der verschiedenen Ansätze liegt vielmehr in den theoretischen Erkenntnissen, die sie vermitteln. In erster Linie handelt es sich also um Erklärungsmodelle. Die klassischen kapitaltheoretischen Modelle 7.2 Die klassischen kapitaltheoretischen Modelle zur simultanen Investitions- und Finanzplanung 7.2.1 Prämissen und Arten der Simultanplanungsmodelle Ziel der Modelle zur simultanen (integrierten) Investitions- und Finanzplanung – auch kapitaltheoretische Modelle – ist die gleichzeitige Bestimmung der optimalen Investitions- und Finanzierungsprogramme. Andere betriebliche Teilpläne, insbesondere die Produktions- und Absatzpläne, werden vorab festgelegt und können nicht mehr revidiert werden. Da zwischen Investitions- und Finanzierungsbereich entscheidungsrelevante Zusammenhänge bestehen, ist die Analyse kapitaltheoretischer Modelle sinnvoll. Eine sukzessive Planung führt häufig nur zu suboptimalen Entscheidungen, da sich bei isolierter Ermittlung des Investitionsplans bei gegebenem Finanzmittelbestand die Investitionsmöglichkeiten als so günstig erweisen können, dass es sich gelohnt hätte, einen größeren Betrag zu investieren. Andererseits können die Investitionsobjekte so wenig lohnend sein, dass man im ersten Schritt besser einen geringeren Betrag an Finanzmitteln zur Verfügung gestellt hätte. Eine simultane Planung des Investitions- und Finanzierungsvolumens vermeidet diese Nachteile durch explizite Berücksichtigung der Zusammenhänge. Die Modelle der integrierten Investitions- und Finanzplanung basieren auf den folgenden grundlegenden Prämissen:382 ? Der Investor erstrebt die Maximierung seiner jährlichen Entnahmen bei gegebenem Endvermögen (Einkommensstreben) oder die Maximierung seines Vermögens am Ende des Planungszeitraums (Vermögensstreben). ? Die Investitions- und Finanzierungsprojekte können durch individuelle Zahlungsreihen eindeutig beschrieben werden. Zwischen den einzelnen Investitions- und Finanzierungsprojekten bestehen keine direkten Interdependenzen. ? Die Investitions- und Finanzierungsmaßnahmen sind beliebig teilbar, d.h., wird nur ein Bruchteil eines Projektes durchgeführt, so entsteht auch nur ein Bruchteil seines Zahlungsstromes. ? Der Investor will zu jedem Zeitpunkt des Planungszeitraums liquide bleiben; die Einzahlungen dürfen somit – unter Berücksichtigung des anfänglichen Zahlungsmittelbestands – zu keinem Zeitpunkt hinter den Auszahlungen zurückbleiben. Blohm/Lüder/Schaefer unterscheiden die Simultanplanungsmodelle nach dem zeitlichen Umfang des Entscheidungsfeldes in Einperiodenmodelle (statische Modelle), die nur die 382 Vgl. dazu Kruschwitz, Lutz: Investitionsrechnung. 12. Aufl., München 2009, S. 226-227.

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Zusammenfassung

Zu Beginn dieses Lehrbuches wird auf die grundlegenden Prinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft eingegangen. Daran schließt sich die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Investition (und hier vor allem mit den Verfahren der Investionsrechnung) an. Dabei werden alle theorie- und praxisrelevanten Facetten behandelt. Zur Veranschaulichung der Inhalte dient ein durchgehendes Beispiel. Im letzten Kapitel wird sich mit Fragen der Unternehmensbewertung (inkl. DCF-Verfahren) auseinandergesetzt.

- Einführendes Lehrbuch in die Verfahren der Investitionsrechnung

- Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

- Zusammenhänge und finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

- Einordnung von Investitionsrechnung und Investitionsentscheidungen

- Statische und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung

- Dynamische Verfahren der Investitionsrechung

- Bestimmung der optimalen Nutzungsdauer und des Ersatzzeitpunktes von Investitionen

- Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen

- Investitionsprogrammentscheidungen

- Entscheidungen über Finanzinvestitionen

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Investitionsproblemen.