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Kapitel 19: Zahlungsbilanz in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 602 - 626

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_602

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 591 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 593 Kapitel 19: Zahlungsbilanz Kapitel 19 Inhaltsübersicht 19.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 594 19.1.1 Aufbau der Zahlungsbilanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 594 19.1.2 Ausgleich der Zahlungsbilanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 600 19.2 Außenwirtschaftliches Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 604 19.2.1 Leistungsbilanz, Ersparnis und Investitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607 19.2.2 Leistungsbilanzsalden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607 19.3 Fallbeispiele zu Kapitel 17 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 611 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 594 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft594 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Die Zahlungsbilanz ist keine Bilanz im eigentlichen Sinne, sondern eine Stromrechnung. Sie erfasst vielfältige Transaktionen zwischen dem In- und Ausland. •• Aufgrund der Systematik der doppelten Buchführung ist die Zahlungsbilanz stets ausgeglichen. Überschüsse oder Defizite treten nur in den Teilbilanzen auf. •• Der internationale Güteraustausch zeigt sich in der Handels- und Dienstleistungsbilanz. •• Die Kapitalbilanz erfasst die Zahlungsvorgänge, die aus der Güter- und Faktormobilität resultieren. Hinzu kommen reine Finanztransaktionen, die z. B. aus Direktinvestitionen oder Portfolioinvestitionen resultieren. Daneben werden Währungsreserven von Unternehmen, privaten Haushalten und Staat erfasst. •• Der gesonderte Ausweis einer sogenannten Devisenbilanz lässt sich durch die besondere Rolle der Notenbanken erklären. Der Saldo der Devisenbilanz weist die Veränderung der Währungsreserven der Zentralbank aus. •• Die Leistungsbilanz ist der Gradmesser für die ökonomische Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Eine ausgeglichene Leistungsbilanz kann als außenwirtschaftliches Gleichgewicht interpretiert werden. •• Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass das Inland netto Vermögen gegenüber dem Ausland aufbaut. Das Inland wird zu einem Gläubigerland. Ein Leistungsbilanzdefizit bedeutet, dass das Inland über seine Verhältnisse lebt. Dieses Defizit muss finanziert werden. Das Land wird zu einem Schuldnerland. 19.1 Grundlagen 19.1.1 Aufbau der Zahlungsbilanz Ein wesentlicher Teil unseres materiellen Lebensstandards ist auf die Einbettung deutscher Unternehmen in den internationalen Handel zurückzuführen (Abb. 19.1). Die deutsche Volkswirtschaft weist traditionell hohe Export- und Importquoten sowie einen hohen Offenheitsgrad auf. Die Investitionstätigkeit deutscher Unternehmen im Ausland ist Begleiterscheinung einer weltweit erfolgreichen Exportnation. Ein großer Teil der durch den Export verdienten Devisen wird wieder im Ausland ausgegeben, sei es durch Urlaub in anderen Ländern oder durch den Kauf ausländischer Güter. Die Mehrzahl der Handelsaktivitäten, Touristenströme, Auslandsinvestitionen oder des Technologietransfers zeigt sich in der Zahlungsbilanz eines Landes. Sie kann als ökonomisches Spiegelbild der Globalisierung dienen. Die Zahlungsbilanz ist definiert als systematische Aufzeichnung des Werts aller ökonomischen Transaktionen an Gütern und Forderungen bzw. Verbindlichkeiten zwischen In- und Ausländern in einer Periode. Wir werden sehen, dass nicht nur Zahlungen, sondern eine Vielzahl außenwirtschaftlicher Transaktionen erfasst werden. Es erfolgt keine zeitpunktbezogene Erfassung von Beständen, wie es z. B. in der Bilanz im betrieblichen Rechnungswesen geschieht. Erfasst werden Stromgrößen in einem bestimmten Zeitraum (Abb. 19.2). Die Zahlungsbilanz entspricht somit konzeptionell eher der Gewinn- und Verlustrechnung. Zur Unterscheidung zwischen In- und Ausländern dient der Wohnsitz bzw. die Ansässigkeit und nicht die rechtlich-formale Staatsangehörigkeit. Die Erfassung erfolgt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 595 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 595 zu Transaktionswerten (Marktpreisen). Als Erfassungszeitpunkt gilt der Zeitpunkt, zu dem die Transaktion stattfindet. Die Verbuchung der Transaktionen zwischen In- und Ausländern erfolgt aus Sicht des Inlandes nach dem Prinzip der doppelten Buchführung, so dass die Zahlungsbilanz formal stets ausgeglichen ist. Alle Positionen werden Kaum ein anderes Land profitiert in ähnlich hohem Maße von Handel und internationaler Arbeitsteilung wie Deutschland Abb. 19.1: Außenhandel Deutschlands (1953–2005) Quelle: Statistisches Bundesamt Spiegelbild der Globalisierung Abb. 19.2: Zahlungsbilanz für Deutschland (2004) Quelle: Statistisches Bundesamt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 596 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft596 in inländischen Währungseinheiten ausgewiesen. In Deutschland gibt die Deutsche Bundesbank monatlich die Zahlungsbilanz heraus. Grundlage ist eine Richtlinie des Internationalen Währungsfonds (IWF) über den Aufbau der Zahlungsbilanz. Sie sehen, dass die Zahlungsbilanz in Unterbilanzen gegliedert ist. Die Gütertransaktionen werden in der Leistungsbilanz (LB) gebucht und die Finanztransaktionen in der Kapitalbilanz (KB). Vermögensübertragungen (VÜ), die einmalige Transaktionen (z. B. Erbschaften, Schenkungen) beinhalten, werden in einem eigenen Teil erfasst. In der Praxis dient – da nicht alle Transaktionen statistisch korrekt erfasst werden – der Restposten dazu, einen Ausgleich der Zahlungsbilanz zu erreichen. Da er nur ein Ausdruck der statistischen Unvollkommenheit ist, wird er nachfolgend nicht weiter berücksichtigt. Auch Vermögensübertragungen bleiben aus Vereinfachungsgründen nicht weiter betrachtet, da es sich um einmalige Vorgänge handelt. Aufbau In der Kontendarstellung der Zahlungsbilanz werden Zahlungszuflüsse des Inlandes auf der Aktivseite und Zahlungsabflüsse des Inlandes auf der Passivseite der jeweiligen Teilbilanz verbucht (Abb. 19.3). Als Folge der doppelten Buchführung muss die Gesamtsumme der Teilsalden der Zahlungsbilanz Null ergeben. Ein Kapitalexport ist identisch mit einem Import an Forderungen bzw. Eigentumsrechten auf ausländisches Kapital. Der Import von Forderungen wird daher verbucht wie der Import von Gütern. Auch Devisen – z. B. US-$ im Besitz von Inländern – sind Forderungen und werden bei einer Zunahme auf der Habenseite verbucht. Entsprechend sind Euro-Bestände im Besitz von Ausländern Verbindlichkeiten des Inlandes; eine Zunahme wird auf der Sollseite verbucht. In der Kontendarstellung wird jeder Vorgang zweiseitig verbucht, d. h. annahmegemäß steht einem Wertstrom vom Inland in das Ausland stets ein gleich großer Wertstrom vom Ausland in das Inland gegenüber. Somit führt jede Sollbuchung zu einer entsprechenden Habenbuchung und umgekehrt. Zahlungszuflüsse werden jeweils auf der Aktivseite, Zahlungsabflüsse auf der Passivseite verbucht. Demnach würde z. B. eine Wareneinfuhr in das Inland auf der Passivseite verbucht und damit einhergehende Abnahme der Forderungen (Devisen fließen in das Ausland) auf der Aktivseite. Die Leistungsbilanz (LB) unterteilt sich in die Handelsbilanz (HB), die Dienstleistungsbilanz (DL), die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen (Faktoreinkommen FE), und die Bilanz der laufenden Übertragungen (LÜ). Beispiele für Zahlungszuflüsse in der Leistungsbilanz aus Sicht des Inlandes sind: •• in der Handelsbilanz: die Warenexporte; •• in der Dienstleistungsbilanz: z. B. Ausgaben ausländischer Touristen im Inland oder Verkauf von Lizenzen durch deutsche an ausländische Unternehmen; •• in der Einkommens- und Vermögensbilanz: z. B. Einkommen deutscher Arbeitnehmer im Ausland oder die Überweisung von Anlagezinsen aus dem Ausland; •• in der Übertragungsbilanz: z. B. regelmäßige Zahlungen von der EU. In der Kapitalbilanz werden grenzüberschreitende Kapitalbewegungen mit Ausnahme der Devisentransaktionen der Notenbank erfasst (Abb. 19.4). Die Bundesbank unterteilt die Kapitalbilanz in folgende Unterbilanzen: •• Kreditverkehrsbilanz (erfasst werden neben den Kredittransaktionen auch die Devisenänderungen im Besitz von privaten Haushalten, Unternehmen und Staat), •• Bilanz der Direktinvestitionen (erfasst werden Beteiligungen deutscher Unternehmen an ausländischen Unternehmen und umgekehrt von mehr als zehn Prozent), Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 597 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 597 •• Wertpapierbilanz (Aktien, Investmentzertifikate, Rentenwerte und andere Geldmarktpapiere). Im Fall der Kapitalbilanz sind zwei unterschiedliche Arten von Transaktionen zu unterscheiden: •• induzierte Finanztransaktionen: dazu zählen sämtliche Vorgänge, die durch die Transaktionen der Leistungsbilanz induziert worden sind, z. B. Zahlungen oder Kreditbeziehungen aus dem Ex- und Import von Waren und Dienstleistungen. Teilbilanz Aktiv Passiv Handelsbilanz Export Waren Import Waren Dienstleistungsbilanz Export Dienst leistungen Import Dienstleistungen der Faktoreinkommen vom Ausland an das Ausland der laufenden Übertragungen vom Ausland an das Ausland Leistungsbilanz Teilbilanz Aktiv Passiv der Direkt- Investitionen vom Ausland an das Ausland der Wertpapiere vom Ausland an das Ausland der Kredite und des sonstigen Kapitalverkehrs vom Ausland an das Ausland Kapitalbilanz Veränderung der Devisenreserven der Notenbank Devisenabfluss, Zahlungsausgang Devisenzufluss, Zahlungseingang Teilbilanzen der Zahlungsbilanz im Überblick Abb. 19.3: Aufbau der Zahlungsbilanz Kapitalbilanz Kapitalimport (Zahlungszufluss) Kapitalexport (Zahlungsabfluss) Zunahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland (+) Abnahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland (–) Abnahme der Forderungen gegenüber dem Ausland (–) Zunahme der Forderungen gegenüber dem Ausland (+) Buchungsbeispiele Gewährung von Krediten Ausland an Inland Gewährung von Krediten Inland an Ausland ausländische Kapitalanlagen im Inland inländische Kapitalanlagen im Ausland Devisen fließen an das Ausland Devisen fließen vom Ausland ins Inland Auflösung inländischer Kapitalanlagen im Ausland Auflösung ausländischer Kapitalanlagen im Inland Teilbilanzen der Kapitalbilanz im Überblick Abb. 19.4: Kapitalbilanz Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 598 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft598 •• autonome Finanztransaktionen: diese bestehen aus zwei gegenläufigen Kapitalströmen. Durch diese zu- und abfließenden Ströme ändert sich nur die Zusammensetzung, nicht jedoch die Höhe des Nettovermögens. Kapitalimporte erscheinen als Zahlungszufluss auf der Aktivseite. Sie entsprechen dem Verkauf inländischer Vermögensobjekte an Ausländer oder der Gewährung von Krediten durch das Ausland. Kapitalexporte führen zu Zahlungsabflüssen und werden auf der Passivseite verbucht. Sie kennzeichnen den von Inländern getätigten Kauf von Vermögensobjekten oder die Vergabe von Krediten an das Ausland. Als Nettokapitalexporte wird die Differenz der Kapitalexporte und -importe bezeichnet. Sie entspricht dem Saldo der Kapitalbilanz. Im Gegensatz zu anderen Teilbilanzen sind in der Kapitalbilanz nicht nur Plus-, sondern auch Minusbuchungen möglich, wenn z. B. Kredite zurückgezahlt oder Direktinvestitionen aufgelöst werden. Die sogenannte Devisenbilanz kann in einer weitergehenden Betrachtung als Teilbilanz der Kapitalbilanz verstanden werden. Sie erfasst die Transaktionen der Notenbank, die ihre Nettoauslandsaktiva (= Auslandsposition) verändern. Sind die Devisen im Besitz der privaten Haushalte, der Unternehmen oder des Staates, werden sie in der Kreditverkehrsbilanz erfasst. Sind sie im Besitz der Notenbank, erscheinen sie in der Devisenbilanz. Banknoten und Münzen, sogenannte Sorten, werden stets in der Devisenbilanz erfasst. Verbucht werden in der Devisenbilanz auch Stützungsankäufe und Stützungsverkäufe von Devisen, Forderungen bzw. Verbindlichkeiten gegenüber dem Internationalen Währungsfonds sowie eine Veränderung der Währungsreserven, die hauptsächlich aus US-$ bestehen. Der Saldo der Devisenbilanz weist die Veränderung der Währungsreserven der Zentralbank aus. Kauft die Europäische Zentralbank (bzw. die Deutsche Bundesbank) Währungsreserven von Gebietsfremden, nehmen ihre Forderungen an das Ausland zu. Gleichzeitig steigen die Verbindlichkeiten der Notenbank gegenüber dem Ausland, da die Notenbank als Gegenleistung für die Überlassung der Währungsreserven den Gebietsfremden den entsprechenden €-Gegenwert gutschreiben muss. Die Transaktion findet also Niederschlag in der Devisenbilanz und in der Kapitalbilanz (Zunahme der Verbindlichkeiten). Beim Kauf von Devisen z. B. bei gebietsansässigen Geschäftsbanken würden hingegen die Forderungen der Geschäftsbanken gegenüber dem Ausland abnehmen. Da die Transaktionen in inländischer Währung ausgewiesen werden, enthält die Devisenbilanz einen Ausgleichsposten zur Auslandsposition der Bundesbank. Dieser dient der Korrektur unterschiedlich bewerteter Währungsbestände, die nicht aus Devisentransaktionen, sondern z. B. aus Veränderungen der Wechselkurse resultieren. Betragen die Devisenreserven der Notenbank z. B. 40 Mrd. US-$ und entspricht ein US-$ einem €, ergibt sich ein €-Gegenwert von 40 Mrd. €. Verändert sich der Wechselkurs z. B. auf 1 US-$/0,90 €, verändert sich der €-Gegenwert der Devisenreserven auf 36 Mrd. €, ohne dass eine Kapital- oder Leistungstransaktion stattgefunden hat. In der Praxis kommt es zu einer Abschreibung (-) von Beständen, im umgekehrten Fall zu einer Zuschreibung (+). Ab- und Zuschreibungen werden im Ausgleichsposten zur Auslandsposition der Notenbank gegengebucht. Tabelle 19.1 zeigt die wichtigsten Positionen der Währungsreserven der Deutschen Bundesbank, die nach einem einheitlichen Schema für alle Mitgliedstaaten des Internationalen Währungsfonds monatlich erstellt werden. Die Währungsreserven sind Teil der Auslandsposition der Bundesbank (Auslandsvermögensstatus). Seit mehr als dreißig Jahren spielt Gold für die Zentralbanken zumin- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 599 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 599 dest als Reserve kaum noch eine Rolle. Als Anfang der 70er Jahre das einst in Bretton Woods geschaffene System weltweiter fester Wechselkurse zerbrach, hatte Gold als Reservemedium ausgedient. Die USA entledigten sich ihrer Verpflichtung, jederzeit US-Dollar zu einem festen Kurs gegen Gold einzutauschen. An seine Stelle traten Devisenreserven, die den Vorteil haben, dass sie Zinsen abwerfen. Ein Land kann auf verschiedene Wege in den Besitz von Währungsreserven gelangen: •• Leistungsbilanzüberschüsse, •• Kredite, •• Kauf von Währungen, •• Zuteilung von Währungen (z. B. vom Internationalen Währungsfonds), •• Eigenproduktion (z. B. von Gold, US-$ durch US-Notenbank). Ob und inwieweit sich die Devisenbilanz ändert, hängt auch von der Konstruktion des internationalen Währungssystems ab. In einem Währungssystem mit Interventionszwang der Zentralbanken zur Stabilisierung der Wechselkurse (i. d. R. im Rahmen einer engen Bandbreite) verändern sich durch Kauf oder Verkauf von Devisen die Währungsreserven und die Geldmenge. Nehmen wir z. B. feste Wechselkurse zwischen dem € und dem US-$ an, so bestehen folgende Zusammenhänge: Intervention der Notenbank Abwertungstendenz des € gegenüber dem US-$ Aufwertungstendenz des € gegenüber dem US-$ Richtung Ankauf von €, Verkauf von US-$ Verkauf von €, Ankauf von US-$ Devisenreserven sinken steigen Euro-Geldmenge sinkt steigt In einem System flexibler Wechselkurse besteht für die Notenbank kein Interventionszwang, so dass sich ihre Währungsreserven nicht verändern. Saldenmechanik Betrachten wir den Aufbau der Zahlungsbilanz nun in formaler Hinsicht. Die Leistungsbilanz (LB) ist gegeben durch: (1) LB = HB + DL + FE + LÜ Die Kapitalbilanz im weiteren Sinne (KBW) lässt sich einteilen in Transaktionen der Nicht-Zentralbanken (KB) und der Notenbank (DB, Devisenbilanz): (2) KBW = KB + DB Greift die Zentralbank netto in den Markt für ausländische Wertpapiere (Devisen) ein, so ergibt sich ein Saldo der DB. Hierdurch verändert sich der Bestand an Devisen Tab. 19.1: Währungsreserven der Deutschen Bundesbank in Mio. €, Stand: März 2005 1. Devisen, darunter: Wertpapiere Einlagen bei Währungsbehörden und Geschäftsbanken außerhalb der EWU 29.908 20.460 9.448 2. Reserveposition IWF 4.979 3. Sonderziehungsrechte 1.558 4. Gold und Goldforderungen 36.348 Insgesamt 72.794 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 600 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft600 im Besitz der Zentralbank. Diese Nettoauslandsaktiva im Besitz der Zentralbank sind Währungsreserven (R). Kauft die Zentralbank z. B. Devisen gegen die Hergabe eigener Währung, so steigen die Währungsreserven transaktionsbedingt (ΔR > 0). Es liegt ein Kapitalexport der Zentralbank (DB < 0) vor. Die Änderung der Währungsreserven ist aus Sicht der Liquiditätsversorgung von besonderem Interesse. In einem System flexibler Wechselkurse tätigt die Zentralbank netto keine wechselkursbeeinflussende Devisenmarkttransaktionen, d. h. der Saldo der Devisenbilanz ist Null. In einem System fester Wechselkurse ist die Zentralbank zur Kursstützung verpflichtet. Tritt bei dem fixierten Wechselkurs ein Devisenangebotsüberschuss auf, so muss dieser von der Zentralbank gegen eigene Währung aufgekauft werden, um eine Abwertung der Auslandswährung zu verhindern. Umgekehrt muss die Zentralbank einen Devisennachfrageüberschuss durch die Abgabe eigener Währungsreserven ausgleichen. Der formale Ausgleich der Zahlungsbilanz wird hier also über eine Veränderung der Währungsreserven hergestellt. (3) LB + KB + DB = 0 Schlagwörter •• Teilbilanzen der Zahlungsbilanz •• induzierte, autonome Finanztransaktionen •• Saldenmechanik 19.1.2 Ausgleich der Zahlungsbilanz In der Zahlungsbilanz findet das Prinzip der doppelten Buchführung Anwendung. Zu jeder Buchung muss eine Gegenbuchung erfolgen. Jede Leistungstransaktion zieht eine Finanztransaktion nach sich (induzierte Finanztransaktion) und wirkt sich auf die Leistungs- und die Kapitalbilanz aus. Autonome Finanztransaktionen bestehen aus zwei Finanztransaktionen, d. h. diese Transaktionen sind auf die Kapitalbilanz beschränkt. Dazu zählt z. B. der Kauf von Aktien und deren Bezahlung (Tab. 19.2). Tab. 19.2: Beispiele für internationale Transaktionen reine Leistungstransaktionen (DLB = 0) 1) Inländischen Güterexporten stehen gleich hohe Güterimporte gegenüber (betroffen ist nur die Handelsbilanz). 2) Das Inland leistet Entwicklungshilfe (= Übertragungsbilanz), die vollständig für den Kauf inländischer Waren verwendet wird (= Handelsbilanz). komplementäre Transaktionen (DLB + DKB = 0) 3) Die ausländischen Lieferanten von Importen (= Import) verwenden den Erlös zum Kauf von inländischen Wertpapieren (= Kapitalimport). 4) Das Inland gewährt einem Entwicklungsland einen Kredit (= Kapitalexport), der für den Kauf inländischer Waren verwendet wird (= Export). reine Finanztransaktionen (DKB = 0) 5) Inländer erwerben ausländische Aktien (= Kapitalexport) und tauschen zur Finanzierung bei ihren Hausbanken inländische Währung in ausländische Währung um (= Kapitalimport, Rückgang der Auslandsforderungen) 6) Ein ausländisches Unternehmen nimmt im Inland Direktinvestitionen vor (= Kapitalimport) und finanziert diese in gleicher Höhe mit inländischen Krediten (= Kapitalexport). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 601 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 601 Zahlungsbilanzkonto Um die Zahlungsbilanz abzuschließen, werden die Salden der einzelnen Teilbilanzen gebildet und auf das Zahlungsbilanzkonto umgebucht. Die Buchungssätze sind entsprechend nummeriert. Überwiegen die Positionen auf der Aktivseite, erhält der Saldo ein positives Vorzeichen, überwiegen die Positionen auf der Passivseite, erhält der Saldo ein negatives Vorzeichen. Die Vorzeichenregelung der Devisenbilanz ist genau umgekehrt zu interpretieren, um Leistungs- und Kapitalbilanz den Veränderungen der Währungsreserven gegenüberzustellen: ΔR = – DB. Das Grundprinzip der Zahlungsbilanzbuchung können wir am besten anhand von Buchungsbeispielen nachvollziehen (Tab. 19.3). Aus didaktischen Gründen trennen wir die Verbuchung der Vorgänge 1 bis 9 und 10 bis 15. Die Vorgänge 1 bis 9 führen zu induzierten Finanztransaktionen (Tab. 19.4). Die Gegenbuchungen zur Leistungsbilanz lassen erkennen, dass zwischen der Leistungsbilanz und der Kapitalbilanz ein direkter Zusammenhang besteht (Tab. 19.5). Tab. 19.3: Buchungsbeispiele zur Zahlungsbilanz 1 Deutsche Unternehmen exportieren Waren gegen Kasse (Devisen) in Höhe von 2.000 Mio. €. 2 Deutsche Unternehmen importieren Waren gegen Devisen in Höhe von 2.100 Mio. €. 3 Deutsche Unternehmen exportieren Waren auf Ziel im Wert von 500 Mio. € 4 Deutsche Touristen zahlen im Ausland 150 Mio. € per Kreditkarte. 5 Deutsche Unternehmen verkaufen im Rahmen des Technologietransfers Lizenzen an südostasiatische Unternehmen im Wert von 10 Mio. €. 6 Eine US-Bank überweist Zinsen in Höhe von 100 Mio. € an deutsche Anleger. 7 Musiker mit Wohnsitz in USA erhalten von deutschen Musikunternehmen 20 Mio. € an Tantiemen. 8 Die Bundesregierung überweist 50 Mio. € an die Vereinten Nationen. 9 Ausländische Gastarbeiter in Deutschland überweisen 30 Mio. € in ihre Heimatländer. 10 Deutsche Unternehmen kaufen eine Produktionsstätte in Brasilien für 250 Mio. €. 11 Deutsche Unternehmen erwerben Mehrheitsbeteiligungen an US-Unternehmen im Umfang von 1.000 Mio. €. 12 Die Deutsche Bank kauft Anleihen von einer US-Bank in Höhe von 1.000 Mio. €. 13 Deutsche Anleger kaufen ein Aktienpaket von US-Investmentbanken in Höhe von umgerechnet 500 Mio. €. 14 Eine deutsche Geschäftsbank kauft bei der Europäischen Zentralbank 30 Mio. US-$ zum Kauf von US-Staatsanleihen. 15 Die Bundesregierung kauft Devisen bei der Europäischen Zentralbank in Höhe von 10 Mio. US-$, um Verpflichtungen beim Internationalen Währungsfonds zu erfüllen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 602 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft602 Wenn ein Land einen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaftet, geht dies einher mit einem Aufbau privater Forderungen gegenüber dem Ausland, mit einer Zunahme der Währungsreserven oder einer Abnahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. Wenn ein Land hingegen mehr Leistungen importiert als exportiert hat (Leistungsbilanzdefizit), dann muss dieser Importüberschuss finanziert worden sein, sei es durch Abbau privater Forderungen gegenüber dem Ausland, durch Reduktion der Währungsreserven der Zentralbank oder durch eine Zunahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. Verbuchung autonomer Transaktionen Es fehlt noch die Verbuchung der autonomen Kapitalbeziehungen (Buchungssätze 10 bis 15). Sie erkennen, dass die Kapitalbilanz für diese Buchungen ausgeglichen ist, d. h. es verändert sich nur die Zusammensetzung aber nicht die Höhe des Vermögens (Tab. 19.6). Skalenform der Zahlungsbilanz Wenn wir jetzt die Zahlungsbilanz in die Skalen- oder Staffelform bringen, wird erkennbar, dass die Summe der Teilbilanzen Null ist (Tab. 19.7). Aktiva Passiva HB 1. Warenexport 2.000 2. Warenimport 2.100 3. Warenexport 500 Saldo +400 DL 5. Dienstleistungs-Export 10 4. Dienstleistungs-Import 150 Saldo –140 FE 6. empf. Faktoreinkommen 100 7. geleistete Faktoreinkommen 20 Saldo +80 ÜB 8. geleistete Übertragungen 50 9. geleistete Übertragungen 30 Saldo –80 Summe (ohne Salden): 2.610 Summe (ohne Salden): 2.350 Saldo Leistungsbilanz +260 Tab. 19.4: Verbuchung der Leistungstransaktionen in der Leistungsbilanz Tab. 19.5: Gegenbuchungen zur Leistungsbilanz (induzierte Finanztransaktionen) Aktiva Passiva KB 2. Kapitalimporte (Devisen) 2.100 1. Kapitalexporte (Devisen) 2.000 4. Kapitalimporte (Devisen) 150 3. Kapitalexporte (Devisen) 500 7. Kapitalimporte (Devisen) 20 5. Kapitalexporte (Devisen) 10 8. Kapitalimporte (Devisen) 50 6. Kapitalexporte (Devisen) 100 9. Kapitalimporte (Devisen) 30 Summe: 2.350 Summe: 2.610 Saldo –260 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 603 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 603 Die Summe aller Teilbilanzen der Zahlungsbilanz ist Null. Hier geht ein Leistungsbilanzüberschuss mit Nettokapitalexporten und einer Abnahme der Währungsreserven der Zentralbank einher. In der Realität kann eine Vielzahl von Zahlungsbilanzsituationen auftreten (Abb. 19.5): (1) LB + KB + DB = 0 (2) LB + KB = – DB Die Zahlungsbilanz ist als geschlossenes Rechenwerk daher ein guter Ausgangspunkt für die Beurteilung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen eines Landes. Tab. 19.6: Verbuchung autonomer Transaktionen in der Zahlungsbilanz Aktiva Passiva DI 10. Kapitalexporte (DI) 250 11. Kapitalexporte (DI) 1.000 Saldo –1.250 WP 12. Kapitalexporte (WP) 1.000 13. Kapitalexporte (WP) 500 14. Kapitalexporte (WP) 30 Saldo –1.530 KB 10. Kapitalimporte (DI) 250 15. Kapitalexporte (Kredite) 10 11. Kapitalimporte (DI) 1.000 12. Kapitalimporte (Devisen) 1.000 13. Kapitalimporte (Devisen) 500 Saldo +2.740 DB 14. Veränderung WR (DB) 30 15. Veränderung WR (DB) 10 Saldo +40 Teilbilanz Transaktion Wert Saldo HB Warenexport (1), (3) +2.500 Warenimport (2) –2.100 +400 DL Dienstleistungs-Export (5) +10 Dienstleistungs-Import (4) –150 –140 FE Empfangene Faktoreinkommen (6) 100 Geleistete Faktoreinkommen (7) –20 +80 ÜB Empfangene Übertragungen 0 Geleistete Übertragungen (8), (9) –80 –80 KB Kapitalimporte (2), (4), (7), (8), (9), (10), (11), (12), (13) +5.100 Kapitalexporte (1), (3), (5), (6), (10), (11), (12), (13), (14), (15) –5.400 –300 DB Veränderung Währungsreserven (14), (15) +40 +40 Summe der Salden 0 Tab. 19.7: Skalenform der Zahlungsbilanz Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 604 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft604 Schlagwörter •• Zahlungsbilanzausgleich •• Zahlungsbilanzkonto •• Skalen-, Staffelform der Zahlungsbilanz 19.2 Außenwirtschaftliches Gleichgewicht Innerhalb des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes von 1967 ist die Zielsetzung eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts gesetzlich verankert. Bund und Länder sind demnach verpflichtet, ihre wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen so zu treffen, dass sie zur Erreichung dieses Ziels beitragen. Ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht ist dadurch gekennzeichnet, dass von den wirtschaftlichen Beziehungen des Inlands mit dem Ausland keine negativen Wirkungen auf die binnenwirtschaftliche Entwicklung ausgehen. Es sollen aus dem Ausland also weder eine importierte Inflation, eine importierte Arbeitslosigkeit noch eine importierte Wachstumsschwäche in die Binnenwirtschaft hereingetragen werden. Umgekehrt sollen heimische Fehlentwicklungen nicht zu Lasten des Auslandes gelöst werden (kein Export der heimischen Inflation, kein Export der heimischen Beschäftigungsprobleme bzw. keine exportierte Wachstumsschwäche). Eine Politik, die heimische Probleme auf Kosten des Nachbarn löst, wird als beggar-my-neighbour policy bezeichnet. Messung des Ziels In der Literatur gibt es keine einheitliche Operationalisierung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts. Ausgangspunkt für alle Interpretationen ist die Zahlungsbilanz. Da diese ex-post stets ausgeglichen ist, kann sich die Interpretation nur auf die Teilbilanzen beziehen (Abb. 19.6). € 0 + 100 – 100 – 20 Aktivsaldo Leistungsbilanz Nettokapitalexport Situation 1: Aktivsaldo der LB wird durch Nettokapitalexporte genau ausgeglichen € Passivsaldo Leistungsbilanz – 100 0 + 100 Nettokapitalimport Situation 2: Passivsaldo der LB wird durch Nettokapitalimporte genau ausgeglichen € 0 + 50 – 30 Devisenüberschuss (Zunahme: -) Situation 3: Aktivsaldo der LB wird durch Nettokapitalexporte nur teilweise ausgeglichen; die Zentralbank nimmt Devisen auf € Situation 4: Aktivsaldo der LB wird durch Nettokapitalexporte nur teilweise ausgeglichen; die Zentralbank gibt Devisen ab 0 – 50 + 30 + 20 Devisendefizit (Abnahme: +) Ein Saldo der Leistungsbilanz kann viele Ursachen haben Abb. 19.5: Zahlungsbilanzsituationen (Beispiele) Quelle: www.rzuser.uni-heidelberg.de/~ataalouc/jurdolm/30_11_04.pdf Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 605 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 605 Der Saldo aus Handels- und Dienstleistungsbilanz entspricht dem Außenbeitrag zum BIP. Wird zusätzlich der Saldo der Faktoreinkommen berücksichtigt, ergibt sich der Außenbeitrag zum Bruttonationaleinkommen. Der Saldo aus Ersparnis und Nettoinvestitionen lässt sich ermitteln, wenn zusätzlich die Bilanz der laufenden Übertragungen in die Analyse einbezogen wird. Wird der Leistungsbilanzsaldo um den Saldo der Vermögenseinkommen korrigiert, entsteht der Finanzierungssaldo gegenüber dem Ausland. Ist dieser positiv, entspricht dies einer Zunahme der Forderungen, d. h. der Netto-Auslandsposition des Inlandes. Die Veränderung der Netto-Auslandsposition der Notenbank (Devisenbilanz) zeigt die Entwicklung ihres Bestandes der Gold- und Devisenreserven auf. Die Teilbilanzen der Zahlungsbilanz liefern unter verschiedenen Gesichtspunkten interessante Informationen und dienen als Ausgangspunkt für wirtschaftspolitische Ziele (Abb. 19.7). Die Handelsbilanz zeigt, wie gut es der heimischen Wirtschaft gelungen ist, Güter auf den Weltmärkten zu verkaufen. Die Entwicklung der Direktinvestitionen gibt Aufschluss über die Vorteilhaftigkeit eines Investitionsstandortes. Der Auslandsabsatz inländischer Wertpapiere dient als Indikator für die Attraktivität des heimischen Kapitalmarktes. Zu berücksichtigen ist, dass nicht alle Ziele gleichzeitig zu erreichen sind. Wenn der Außenhandelssaldo zum großen Teil durch die Kapitalbilanz ausgeglichen wird, stellt sich z. B. die Frage, ob Deutschland „Exportweltmeister“ oder ein schlechter Unternehmensstandort ist. Im ersten Fall wird der Exportüberschuss an Waren und Dienstleistungen betont, im zweiten Fall der Kapitalexportüberschuss. In der Praxis ist die Formulierung eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts häufig mit der Forderung nach einem Überschuss des Außenbeitrages (z. B. 1,5 % des BIP) verknüpft worden. Begründet wird diese Forderung damit, dass durch einen Überschuss in der Handels- und Dienstleistungsbilanz Devisen verdient werden, um z. B. Defizite in der Bilanz der laufenden Übertragungen finanzieren zu können (Abb. 19.8). Ist dieser Saldo gerade so groß, dass ein Defizit in der Bilanz laufender Übertragungen oder anderen Teilbilanzen der Leistungsbilanz abgedeckt werden kann, entspricht diese Forderung im Kern einer ausgeglichenen Leistungsbilanz. Teilbilanz Der Saldo der Bilanz ist z.B. positiv, wenn: Handels- und Dienstleistungsbilanz Exporte > Importe (Exportüberschuss) Bilanz der Faktoreinkommen Einnahmen > Ausgaben Bilanz der laufenden Übertragungen Leistungen vom Ausland > Leistungen an das Ausland Vermögenseinkommensbilanz Vermögenszuwachs > Vermögensabnahme Devisenbilanz (andere Vorzeichenregelung!) Währungsreserven abnehmen Außenbeitrag zum BIP Außenbeitrag zum BNE Differenz aus S und I (Leistungsbilanzsaldo) Finanzierungssaldo gegenüber Ausland Netto-Auslandsposition der Notenbank Bezeichnung des Saldos Positive Salden einzelner Teilbilanzen bedeuten … Abb. 19.6: Teilbilanzen und Salden der Zahlungsbilanz Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 606 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft606 Nur wenige Länder haben dauerhaft eine ausgeglichene Leistungs- und Kapitalbilanz. Ob ein Ungleichgewicht für ein Land kurz- oder langfristig positive oder negative Folgen hat, ist anhand der Zahlungsbilanz nur schwer zu beurteilen. Hier spielen die zeitliche Dimension und die wirtschaftliche Gesamtlage eines Landes eine Rolle, so Wirtschaftspolitische Ziele mit Bezug auf Teilbilanzen Leistungsbilanz Kapitalbilanz+ Devisenbilanz+ = 0 Gläubiger gegenüber dem Ausland (Unabhängigkeit) Nettokapitalimporteur (Attraktivität des Wirtschaftsstandortes) Handelsbilanzüberschuss (wettbewerbsfähige Wirtschaft) 2 Aber: 1 – 4 sind nicht gleichzeitig erreichbar ! Handelsbilanz Aufbau von Devisenreserven (Unabhängigkeit, Bildung von Rücklagen) 3 1 4 1 3 4 2 Abb. 19.7: Salden der Zahlungsbilanz und wirtschaftspolitische Ziele Teilbilanz Zahlungszuflüsse des Inlandes Zahlungsabflüsse des Inlandes Zahlenbeispiel Handels- Bilanz Exporterlöse für Waren Importausgaben für Waren + 50 Dienstleistungsbilanz Exporterlöse für Dienstleistungen Importausgaben für Dienstleistungen – 10 Bilanz der Faktoreinkommen Faktoreinkommen aus dem Ausland Faktoreinkommen an das Ausland – 20 Bilanz der Übertragungen Empfangene Übertragungen Geleistete Übertragungen – 20 Leistungsbilanz 0 BIP: 2.000 Mrd. € Anteil des Außenbeitrages am BIP: (40/2.000) × 100 = 2% Das außenwirtschaftliche Gleichgewicht wird in Deutschland mit einer ausgeglichenen Leistungsbilanz umschrieben. Abb. 19.8: Außenwirtschaftliches Gleichgewicht Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 607 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 607 dass Leistungsbilanzungleichgewichte nur mit Hilfe weiterer Informationen beurteilt werden können. Schlagwörter •• außenwirtschaftliches Gleichgewicht •• Außenbeitrag zum BIP •• Außenbeitrag zum BNE •• Finanzierungssaldo gegenüber dem Ausland •• Netto-Auslandsposition der Notenbank 19.2.1 Leistungsbilanz, Ersparnis und Investitionen Offene Volkswirtschaften ermöglichen es, dass sich ein Land im Ausland verschulden oder Ersparnisse im Ausland anlegen kann. Wir haben diesen Sachverhalt bereits im Zusammenhang mit der Kreislaufanalyse kennengelernt (vgl. Kap. 2) und wollen ihn nochmals aufgreifen. Wir vereinfachen diese Analyse unter zwei Gesichtspunkten: •• Wir setzen das BIP mit dem BNE gleich, d. h. der Saldo der Primäreinkommen mit dem Ausland ist Null bzw. die Erwerbs- und Vermögenseinkommensbilanz ist ausgeglichen. •• Der Saldo der Leistungsbilanz kann vereinfacht mit dem Saldo der Handels- und Dienstleistungsbilanz gleichgesetzt werden, d. h. der Leistungsbilanz-Saldo (LB) ist identisch mit der Differenz zwischen Ex- und Importen (vgl. Box 19.1). Box 19.1: Leistungsbilanz: Wann lebt ein Land über bzw. unter seinen Verhältnissen? (1) BIP = C + I + G + Ex – Im (2) LB = Ex – Im (3) BIP = C + I + G + LB Die private Ersparnis ist vereinfacht gegeben als Sprivat = BIP – T – C oder BIP = Sprivat + T + C. Daraus folgt: (4) C + I + G + LB = Sprivat + T + C Lösen wir Gleichung (4) nach LB auf, ergibt sich: (5) LB = (Sprivat – I) + (T – G) Hintergrund: Ist der Leistungsbilanzsaldo größer als Null, so liegt ein Leistungsbilanz- überschuss vor, im umgekehrten Fall ein -defizit. Ein Überschuss bedeutet, dass die inländischen Ersparnisse die Investitionen übersteigen. Ein Defizit bedeutet umgekehrt, dass die inländischen Investitionen größer sind als die Ersparnis im Inland. 19.2.2 Leistungsbilanzsalden Ein Land kann in der Regel mit einem Überschuss in der Leistungsbilanz besser „leben“ als mit einem Defizit. Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass ein Land mehr produziert als es an eigenen oder fremden Waren nachfragt. Der Überschuss wird exportiert und leistet einen Beitrag zur (Über-)Auslastung der heimischen Kapazitäten. Gleichzeitig fließt Kapital in das Ausland ab, d. h. die es kommt zu einem (Netto-) Kapitalabfluss. Das Inland baut netto Vermögen gegenüber dem Ausland auf und wird zu einem Gläubigerland. Dieser Vermögensaufbau kann in einem Anstieg der Forderungen gegenüber dem Ausland und/oder dem Aufbau von Währungsreserven bestehen (Abb. 19.9). Der Begriff des „Kapitalabflusses“ darf in dieser Situation nicht negativ interpretiert werden, sondern ist Ergebnis eines Leistungsbilanzüberschusses. Die saldenmechanischen Zusammenhänge sagen jedoch nichts darüber aus, worauf ein Leistungsbilanzüberschuss zurückzuführen ist. Denkbar sind z. B. ein Anstieg der Nettoexporte durch hohe Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Produkte, eine Abwertung der heimischen Währung, die Exporte verbilligt, oder eine hohe private oder staatliche inländische Ersparnis, die sich nicht in hohen inländischen Investitionen niederschlägt. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 608 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft608 In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern reichen die privaten Ersparnisse oft nicht aus, um die privaten und gegebenenfalls auch öffentlichen Investitionen zu finanzieren (Abb. 19.10). Ist das staatliche Budget ausgeglichen, dann muss auf ausländische Ersparnisse (Kapitalimport) zurückgegriffen werden, um einen Teil der inländischen Investitionen finanzieren zu können. Ein Leistungsbilanzdefizit bedeutet also, dass das Inland über seine Verhältnisse lebt, da die importierten Leistungen die Leistungsexporte übersteigen. Es kann nachfolgend zu einem Export von Arbeitsplätzen oder einem Import von Arbeitslosigkeit kommen. Dieses Defizit muss finanziert werden. Das Land wird zu einem Schuldnerland. Zunächst können zur Finanzierung eines Leistungsbilanzdefizits Kredite im Ausland (Kapitalimport) aufgenommen werden. Diese Transaktionen tauchen in der Kapitalbilanz als Gegenbuchung zur Leistungstransaktion (z. B. Import von Waren) auf. Ein Ausgleich der Kapitalbilanz kann auch durch die Zentralbank erfolgen. Eine Devisennachfrage kann von der Zentralbank solange befriedigt werden, wie Devisenreserven vorhanden sind. Die Zentralbank verkauft die Devisen an Inländer, damit sie ihren Verpflichtungen gegenüber dem Ausland nachkommen können. Im Extremfall wird das Leistungsbilanzdefizit dann von der Zentralbank finanziert. Die Zentralbank-Reserven gehen in Höhe des Leistungsbilanzdefizits zurück. Wenn die Reserven aufgebraucht sind, hilft nur noch der Schuldenerlass. Besonders risikoreich gelten bestehende makroökonomischen Ungleichgewichte in Form von simultanen Budget- und Leistungsbilanzdefiziten (Zwillingsdefizite; Fall b) in Abb. 19.10), die eine erhöhte Abhängigkeit von ausländischen Investoren nach sich ziehen. Ursächlich ist oft eine massive Staatsverschuldung, der keine hinreichende inländische Ersparnis zur Verfügung steht. Das Beispiel der USA macht deutlich, dass Leistungsbilanzdefizite und selbst Zwillingsdefizite über längere Zeit existieren können. Dazu ist es notwendig, dass internationale Investoren dieses Defizit finanzieren. In dem Moment, in dem die internationalen Kapitalmärkte eine weitere Finanzierung verweigern, steht die betroffene Volkswirtschaft unter dem Zwang, Devisen zu erwirtschaften, d. h. das Defizit muss in einen Leistungsbilanzsaldo = (S – I) + + 200 Kapitalbilanzsaldo –200 Nettokapitalexport = Abfluss von Kapital in das Ausland Aufbau von (Netto-)Auslandsvermögen Zunahme der Netto-Forderungen durch Kreditgewährung an das Ausland, z.B. –150 Notenbank: Aufbau von Währungsreserven, z.B. –50 150 Aufbau von (Netto-)Auslandsvermögen (T – G) 50 Abb. 19.9: Leistungsbilanzüberschuss Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 609 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 609 Überschuss umgewandelt werden. Dazu eignet sich eine Abwertung der heimischen Währung. Die inländischen Güter können im Ausland billiger angeboten werden, während die Importe im Verhältnis teurer werden. Durch den Anstieg der Nettoexporte würde sich das Leistungsbilanzdefizit tendenziell wieder ausgleichen. Das Beispiel des US-$ zeigt jedoch, dass dieser Mechanismus nicht zwangsläufig einsetzt, da der Wechselkurs von vielen Einflussfaktoren abhängig ist. Der US-$ wurde zeitweise sogar aufgewertet. Grund dafür war, dass durch die gleichzeitige hohe Attraktivität der USA für Kapitalanlagen die Kapitalimporte stets die Kapitalexporte überschritten und auf diese Weise die Leistungsbilanzdefizite „finanziert“ werden konnten. Auf Basis der bisherigen Überlegungen können wir nicht sagen, ob ein Leistungsbilanzüberschuss oder -defizit gut oder schlecht ist. In dieser Form ist die Frage auch nicht richtig gestellt, da wir die zeitliche Dimension und die jeweiligen Rahmenbedingungen berücksichtigen müssen. Beginnen wir unsere Ausführungen mit einem (werdenden) Gläubigerland, das schrittweise Leistungsbilanzüberschüsse aufbaut und Kapitalexporte tätigt. Wir könnten hier z. B. an ein erdölexportierendes Land denken, das einen Teil seiner Erdöleinnahmen im Ausland anlegt. Damit verzichtet das Land kurzfristig auf Konsummöglichkeiten im Inland und lebt unter seinen Verhältnissen. Durch zukünftige Zinserträge kann das Land jedoch in Zukunft ein höheres Konsumniveau aufrechterhalten, auch wenn die Ölreserven versiegt sind. Werdendes Gläubigerland Aktiva Passiva Interpretation: Der Exportüberschuss wird zu einer Nettokreditvergabe an das Ausland verwendet (= Nettokapitalexport). Importe (100) Exporte (150)Nettokapitalexport (50) Leistungsbilanzsaldo = (S – I) + a) –50 Kapitalbilanzsaldo + 50 Nettokapitalimport = Zufluss von Kapital aus dem Ausland Abbau von (Netto-)Auslandsvermögen Zunahme der Netto-Verbindlichkeiten durch Kreditaufnahme im Ausland, z.B. 10 Notenbank: Aufbau von Währungsreserven bzw. Aufbau von Auslandsverschuldung, z.B. 40 –50 b) –50 0 Zwillingsdefizite (twin-deficits) Wenn ein Land über seine Verhältnisse lebt (T – G) 0 –50 Abb. 19.10: Leistungsbilanzdefizit und Zwillingsdefizit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 610 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft610 Ein solches Land hat die Chance, zu einem reifen Gläubigerland zu werden, das dauerhaft Kapitalrückflüsse aus anderen Ländern erhält. Dieses Beispiel überträgt die Idee des intertemporalen Konsums auf Nationen, da ein heutiger Leistungsbilanzüberschuss das inländische Einkommen in Zukunft steigen lässt. Reifes Gläubigerland Aktiva Passiva Interpretation: Der Zufluss an realen Ressourcen (Importe > Exporte) wird durch Rückfluss aus dem Auslandsvermögen finanziert (Zinserträge = Nettokapitalimport). Importe (100) Exporte (50) Nettokapitalimport (50) Ein (werdendes) Schuldnerland hat einen negativen Saldo der Leistungsbilanz und einen positiven Saldo der Kapitalbilanz. Es importiert also Güter und für deren Bezahlung auch Kapital. Zu diesem Zeitpunkt werden Schulden aufgebaut, um importieren zu können, jedoch noch keine Schuldendienste geleistet (daher: werdendes Schuldnerland). Werdendes Schuldnerland Aktiva Passiva Interpretation: Der Zufluss an realen Ressourcen (Importe > Exporte) wird durch ausländische Kredite (= Nettokapitalimport) finanziert Importe (100) Exporte (50) Nettokapitalimport (50) Vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer kann die Kreditaufnahme in der Folge zu ernsthaften ökonomischen Problemen führen, wenn mangels international wettbewerbsfähiger Güter keine Devisen erwirtschaftet werden können. Betrachten wir dazu folgendes Beispiel. Betragen die Exporte z. B. 100 Geldeinheiten und die Importe 200 Geldeinheiten, so hat das Ausland dem Inland faktisch einen Kredit in Höhe von 100 Geldeinheiten gewährt, die als Kapitalzufluss zu interpretieren sind. Die Auslandsverschuldung des Landes ist damit um 100 Geldeinheiten gestiegen. Hohe Auslandsschulden haben Rückwirkungen auf die Leistungsbilanz, da die Zahlungen an das Ausland für Zinsen und Tilgung in der Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen verbucht werden. Es kann ein Teufelskreis entstehen. Ein Leistungsbilanzdefizit wird durch Nettokapitalimporte finanziert. Dies erhöht den Bestand an Auslandsschulden, die ihrerseits wieder den Schuldendienst erhöhen. Der höhere Schuldendienst schlägt sich wiederum in einem höheren Leistungsbilanzdefizit nieder und verschärft die Situation (Abb. 19.11). Letztendlich hilft in solchen Situationen oft nur noch der Schuldenerlass. Denkbar sind auch Hilfsprogramme des Internationalen Währungsfonds. Anders gelagert ist der Fall, wenn die Kapitalimporte und die Auslandsverschuldung vorrangig dazu dienen, die Investitionen im Inland zu erhöhen. Dies kann sinnvoll sein, wenn aufgrund eines geringen Pro-Kopf-Einkommens die Ersparnis nicht gesteigert werden kann bzw. nicht auf gegenwärtigen Konsum verzichtet werden soll. Es besteht dann die Aussicht, durch zukünftige Exportsteigerungen den Schuldendienst erbringen zu können. In diesem Fall wäre das Land ein reifes Schuldnerland. Müssen keine neuen Schulden mehr aufgenommen werden, können mittel- und langfristig sogar Verbindlichkeiten abgebaut werden. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 611 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 611 Reifes Schuldnerland Aktiva Passiva Interpretation: Der Exportüberschuss reicht aus, um die Zinsen auf die Auslandsschuld zahlen zu können und Tilgungen vorzunehmen (= Nettokapitalexport). Importe (100) Exporte (150)Nettokapitalexport (50) Schlagwörter •• Leistungsbilanzüberschuss, -defizit •• Gläubiger-, Schuldnerland •• Zwillingsdefizit 19.3 Fallbeispiele zu Kapitel 19 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 19.1: Internationale Güterströme (+) Folgende Angaben liegen vor (in US-$ bei einem Wechselkurs von 1 € = 1 US-$, in Mrd. €): Größe Jahr 2011 Jahr 2012 Welthandel 5.000 5.500 Exporte aus Deutschland 500 510 Importe nach Deutschland 400 408 BIP 2.000 2.010 Jahr Handelsbilanz Kapitalzufluss Schuldendienst (10% des Vorjahres) Schuldenstand Leistungsbilanz 1 –100 100 – 100 –100 2 –100 110 10 210 –110 3 –100 121 11 321 –121 –100 + 100 + 100 –110 + 110 + 210 Ein Leistungsbilanzdefizit wird durch Kapitalimporte finanziert. Dies erhöht die Auslandsschulden und den Schuldendienst. Dieser schlägt sich wiederum in einem höheren Leistungsbilanzdefizit nieder. … Leistungsbilanzdefizit Kapitalbilanz- überschuss Auslandsverschuldung Wenn die Schuldenspirale droht Abb. 19.11: Problematik eines Leistungsbilanzdefizits Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 612 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft612 1) Ermitteln Sie folgende Quoten bzw. Anteile für Deutschland: a) Exportquote, Importquote und Außenbeitragsquote im Jahr 2011 b) Exportanteil und Außenhandelsanteil im Jahr 2011 2) Beurteilen Sie die Dynamik der Exporttätigkeit für Deutschland in den Jahren 2011 und 2012. Fallbeispiel 19.2: Internationale Kapitalströme (0) 1) Beurteilen Sie anhand der nachfolgend dargestellten Ströme, in welchen Fällen es sich um internationale Kapitalbewegungen handelt 2) Was verstehen Sie unter induzierten bzw. autonomen Finanztransaktionen? 3) Welche Teilbilanzen werden in der Kapitalbilanz ausgewiesen? Fallbeispiel 19.3: Währungsreserven (++) 1) Was versteht der IWF unter Währungsreserven? 2) Pressemeldung: „Entgegen vieler Erwartungen hat die Deutsche Bundesbank im vergangenen Jahr aus ihren Währungsreserven nur einen Gewinn von 676 Millionen Euro erzielt.“ Worauf könnte der geringere Gewinn zurückzuführen sein? 3) Zeitungsnotiz: Für 2004 könne der Euro-Wechselkurs zum Dollar beim Bundesbankgewinn drastische Korrekturen erzwingen, berichtet das Handelsblatt. „Jeder Cent, um den der Euro über den Jahresschlusskurs von 2003 von 1,25 Dollar steigt, führt zu einem Abschreibungsbedarf von rund 200 Mio. €“, so ein Sprecher der Deutschen Bundesbank. Überprüfen Sie diese Aussage, wenn die Deutsche Bundesbank über Devisenbestände von 30 Mrd. US-$ verfügt. 4) Nehmen Sie an, dass die Währungsreserven südostasiatischer Länder ausschließlich in US-$ gehalten werden. Was würde geschehen, wenn diese Länder sich plötzlich entschlie- ßen würden, die Hälfte ihrer Reserven in € anzulegen? Fallbeispiel 19.4: Buchungsbeispiele zum Zahlungsbilanzausgleich (++) 1) Verbuchen Sie die folgenden Transaktionen in einer Zahlungsbilanz mit diesen Teilbilanzen: Handels-, Dienstleistungs-, Erwerbs- und Vermögenseinkommens-, Übertragungsbilanz, Kreditverkehrsbilanz, Bilanz der Direktinvestitionen und Devisenbilanz Die folgenden Kapitaltransaktionen werden ausschließlich in Devisen abgewickelt. a) Einfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse im Wert von umgerechnet 120 Mrd. €. b) Export von KFZ und Maschinen im Wert von umgerechnet 240 Mrd. €. c) Auslandsreisen deutscher Touristen im Wert von 60 Mrd. €. d) Ausländer erhalten Zinsen und Dividenden aus Anlagen im Inland im Wert von 60 Mrd. €. e) Gastarbeiter tätigen Überweisungen in ihre Heimatländer im Wert von 6 Mrd. €. f) Gewährung eines (langfristigen) Kredits an Russland im Wert von 10 Mrd. €. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 613 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 613 g) Unentgeltliche Lieferung von Wasserpumpen an Äthiopien im Rahmen der Entwicklungshilfe im Wert von 1 Mrd. €. h) Inländische Unternehmen erwerben Mehrheitsbeteiligungen an Auslandsunternehmen im Wert von 50 Mrd. €. i) Japanische Unternehmen erwerben deutsche Unternehmen und überweisen 42 Mrd. €. j) Deutsche Bundesbank verkauft US-Wertpapiere an US-Bank, die 22 Mrd. US-$ überweist. 2) Stellen Sie ein Zahlungsbilanzkonto auf und bilden Sie die Salden der Zahlungsbilanz in Skalenform ab. Fallbeispiel 19.5: Zahlungsbilanzsituationen (+) Stellen Sie folgende Zahlungsbilanzsituationen grafisch dar. Gehen Sie von Abb. 19.5 aus. 1) Situation 1: Der Nettokapitalexport ist größer als der Aktivsaldo der LB; die Zentralbank gibt Devisen ab. 2) Situation 2: Der Nettokapitalimport übersteigt den Passivsaldo der LB; die Zentralbank nimmt Devisen auf. 3) Situation 3: Aktivsaldo der LB und Nettokapitalimport treffen zusammen; Zentralbank nimmt Devisen auf. 4) Situation 4: Passivsaldo der LB und Nettokapitalexport treffen zusammen; die Zentralbank gibt Devisen ab. Fallbeispiel 19.6: Leistungsbilanz und Außenbeitrag (++) Folgende Transaktionen sind gegeben (in Mrd. €): (1) Export von Waren 625 (2) Zahlung von Faktorentgelten an private Haushalte a) vom Staat b) von Unternehmen c) aus dem Ausland 200 1.100 50 (3) Ausgaben deutscher Touristen im Ausland 50 (4) Kauf von Konsumgütern der privaten Haushalte 1.300 (5) Bruttoinvestitionen der Unternehmen und des Staates 450 (6) Staatliche Konsumausgaben 500 (7) Import von Waren 550 (8) Faktoreinkommen der Ausländer aus dem Inland 100 (9) Übertragungen des Inlandes an das Ausland 25 1) Ermitteln Sie den Leistungsbilanzsaldo. 2) Errechnen Sie das BIP bzw. das Bruttonationaleinkommen (BNE). 3) Berechnen Sie den Außenbeitrag zum BIP bzw. zum BNE. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 614 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft614 Fallbeispiel 19.7: Exportweltmeister (+) 1) Nehmen Sie an, die Handelsbilanz eines Landes habe einen Überschuss von 100 Mrd. € und der Wechselkurs liege bei 1 € = 1 US-$. Exporterlöse 200 Importausgaben 100 Saldo 100 Aufgrund hoher Inlandslöhne verlagern die Unternehmen Wertschöpfung im Umfang von 20 Mrd. € in das Ausland. Durch die möglichen Kosteneinsparungen können die Exportgüter billiger hergestellt werden. Folge ist ein Anstieg der Exporterlöse um 40 Mrd. €. Interpretieren Sie das Ergebnis. 2) Ist der Titel „Exportweltmeister“ ein Zeichen für einen starken Wirtschaftsstandort? Beachten Sie hier die Saldenmechanik der Zahlungsbilanz. 3) In einer Zeitung können Sie lesen, dass Deutschland seinen Titel als Exportweltmeister dank eines starken € verteidigt hat. Interpretieren Sie diese Meldung ausgehend von einem Wechselkurs von 1,25 US-$/€. Fallbeispiel 19.8: Außenwirtschaftliches Gleichgewicht (+) Folgende Transaktionen sind gegeben (in Mrd. €): (1) Export von Waren 600 (2) Zahlung von Faktorentgelten an private Haushalte a) vom Staat b) von Unternehmen c) aus dem Ausland 200 1.100 50 (3) Ausgaben deutscher Touristen im Ausland 30 (4) Kauf von Konsumgütern der privaten Haushalte 1.100 (5) Bruttoinvestitionen der Unternehmen und des Staates 450 (6) Staatliche Konsumausgaben 400 (7) Import von Waren 550 (8) Faktoreinkommen der Ausländer aus dem Inland 60 (9) Übertragungen des Inlandes an das Ausland 30 1) Berechnen Sie den Anteil des Außenbeitrages am BIP. 2) Beurteilen Sie, ob in dieser Situation ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht vorliegt. Wie hoch müsste der Außenbeitrag zum BIP ausfallen, damit von einem Außenwirtschaftlichen Gleichgewicht gesprochen werden könnte? Fallbeispiel 19.9: Außenwirtschaftliches Ungleichgewicht (+) Für die USA liegen folgende Werte vor: (1) Konsumausgaben Privater Haushalte 3.090 (2) Export 820 (3) Import 780 (4) Gesamtwirtschaftliche Investitionen 800 (5) Abschreibungen 230 (6) Staatliche Konsumausgaben 800 (7) Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen an Ausländer 140 (8) Arbeitnehmerentgelte an ausländische Grenzgänger (Mexiko, Kanada) 120 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 615 Kapitel 19: Zahlungsbilanz 615 1) Ermitteln Sie den Anteil des Außenbeitrages am Bruttonationaleinkommen. 2) Berechnen Sie die gesamtwirtschaftliche Ersparnis und erläutern Sie, welcher Zusammenhang zwischen Investition und inländischer Ersparnis in den USA besteht. Fallbeispiel 19.10: Saldenmechanik der Leistungsbilanz (++) 1) Leiten Sie ausgehend von der Verwendungsgleichung des BIP die Gleichung für die Leistungsbilanz ab. Gehen Sie vereinfacht davon aus, dass der Saldo der Primäreinkommen Null beträgt. 2) Welche Informationen liefert Ihnen ausgehend von der Gleichung der Leistungsbilanz ein Defizit bzw. ein Überschuss? 3) Gegeben ist folgende Ausgangssituation eines Landes. Leistungsbilanzsaldo (S – I) (T – G) 10 10 0 Erläutern Sie die Auswirkungen auf die Leistungsbilanz, wenn im Inland zeitgleich folgende Veränderungen eintreten: Konsumsteigerung um 5, Investitionserhöhung um 5 und Erhöhung des staatlichen Defizits um 10. Welche Folgen hinsichtlich der Finanzierung resultieren daraus für das Inland? Fallbeispiel 19.11: Auslandsverschuldung (++) 1) Ein Entwicklungsland weist drei Jahre hintereinander jeweils ein Handelsbilanzdefizit von 100 Mio. Geldeinheiten auf, das durch einen Kapitalzufluss aus dem Ausland gedeckt wird. Der Schuldendienst beträgt 10 % des Vorjahres. Beurteilen Sie die Entwicklung der Leistungsbilanz und den Schuldenstand nach drei Jahren. 2) Zur Reduzierung der Auslandsverschuldung werden u. a. auch die Strategien der Exportdiversifizierung und der Importsubstitution diskutiert. Was könnten diese Strategien bedeuten? Fallbeispiel 19.12: Leistungsbilanzsituationen (++) 1) Zeitungsnotiz: „Argentinien droht aufgrund seines Leistungsbilanzdefizits die Zahlungsunfähigkeit“. Wie lässt sich diese Notiz erklären? 2) Welche grundsätzlichen Möglichkeiten bestehen grundsätzlich zur Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten? 3) Was verstehen Sie unter einem Zwillingsdefizit? 4) Stellen Sie sich vor, Sie wären Berater des IWF und müssten Ratschläge zur Beseitigung von Defiziten bzw. Überschüssen in der Leistungsbilanz geben. Welche Ratschläge (erhöhen, senken) würden Sie bezogen auf folgende Größen geben? Leistungsbilanz-Defizit Leistungsbilanz-Überschuss Importe Exporte Sparen Investieren Steuern Staatsausgaben Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 617 Kapitel 20: Devisenmarkt: Der Wechselkurs als makroökonomische Stellgröße Kapitel 20 Inhaltsübersicht 20.1 Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 618 20.2 Devisenmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 619 20.2.1 Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 621 20.2.2 Devisenhandel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 625 20.2.3 Determinanten des Wechselkurses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 628 20.3 Alternative Wechselkurssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 634 20.3.1 Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 634 20.3.2 Europäisches Währungssystem (EWS) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 638 20.4 Fallbeispiele zu Kapitel 20 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 644

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References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.