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Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 573 - 602

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_573

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 561 Angebotspolitik Ordnungspolitik •Deregulierung •Privatisierung „Schlanker Staat“ •Reduktion Staatsquote •Subventionsabbau •Anreizeorientierte Steuern Flexibilisierung des Arbeitsmarktes •Löhne •Arbeitszeiten •Arbeitsrecht Stärkung der Innovationskraft •Forschung •Bildung •Existenzgründungen Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung Kapitel 18 Inhaltsübersicht 18.1 Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 562 18.1.1 Grundsatzpositionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 566 18.1.2 Umsetzungsprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 571 18.2 Beschäftigungskonforme Lohnpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 573 18.2.1 Lohnformeln und Verteilungsspielräume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 574 18.2.2 Arbeitskosten und internationale Wettbewerbsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . 579 18.3 Fallbeispiele zu Kapitel 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 584 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 562 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung562 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Angebotsschocks betreffen die Produktionsseite einer Volkswirtschaft und führen häufig zu Kostensteigerungen für Unternehmen. Im Fall der Stagflation sind mehrere gesamtwirtschaftliche Ziele verletzt. Das Lehrbuchbeispiel für eine solche Situation sind Ölpreiskrisen. Eine Stagflation lässt sich ursachengerecht nicht durch nachfrageorientierte Maßnahmen der Geld- und Finanzpolitik, sondern nur durch angebotspolitische Maßnahmen bekämpfen. •• Die Angebotspolitik beruht auf Basishypothesen, die primär der (neo-)klassischen Theorie entstammen und auf mikroökonomischen Überlegungen aufbauen. Im Mittelpunkt stehen Maßnahmen, die Marktkräfte unterstützen, Anreizstrukturen verändern sowie die Investitions- und Innovationstätigkeit von Unternehmen stärken. •• Maßnahmen der Angebotspolitik wirken oft nur mit Zeitverzögerungen und müssen Gruppeninteressen überwinden. Rasche Erfolge sind eher selten. •• Aus angebotspolitischer Sicht muss die Tariflohnpolitik ihrer beschäftigungspolitischen Verantwortung gerecht werden. Sie muss dazu die Produktivitätsentwicklung, die Inflationsrate und die Verteilungspositionen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Auge behalten. Als Richtschnur für verteilungsneutrale Lohnabschlüsse gilt die produktivitätsorientierte Lohnpolitik. •• Internationale Vergleiche von Arbeitskosten müssen die unterschiedlichen Produktivitäten zwischen Volkswirtschaften und Wechselkursveränderungen berücksichtigen. 18.1 Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik Konjunkturelle Probleme werden zum Teil überlagert von Angebotsschocks. Das Lehrbuchbeispiel für einen negativen Angebotsschock sind Ölpreiskrisen. Ölpreiskrise In Deutschland hatten die niedrigen Energiepreise das Wirtschaftswunder nach 1949 beschleunigt. Die Automobilindustrie hatte sich zu einer der tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft entwickelt. Mobilität in Form eines eigenen PKW war für die Bundesbürger nicht mehr wegzudenken und zum Bestandteil von „Lebensqualität“ geworden. Diese Errungenschaften schienen in den 70er Jahren in akuter Gefahr zu sein. Der Rohölpreis, der 1971 noch bei rund 2,5 US-$ pro Barrel (158,8 Liter) lag, hatte sich bis zur Jahreswende 1973/74 fast verfünffacht. Ursächlich war eine Einschränkung des Erdölangebots durch die OPEC (Organization of the Petroleum Exporting Countries). Der Ölpreisschock stellte also keine Versorgungskrise dar, sondern wurde durch die konzertierte Aktion der Förderstaaten verursacht. Die westlichen Industriestaaten traf die erste Ölpreisexplosion wie ein Schock. Billiges Öl galt bis dahin als Grundvoraussetzung für das Wirtschaftswachstum. Gesamtwirtschaftlich hatten die Ölpreiserhöhungen weiterreichende Folgen als leere Autobahnen und autofreie Sonntage vor dem Fernseher. In einer Kettenreaktion kam es zu einem drastischen Anstieg der Inflationsrate, (1974/75: rund 7 %), der Lohnkosten (im öffentlichen Dienst: 11 %), der Arbeitslosenquote (1973: 1,2 %; 1975: 4,7 % mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl auf rund 1 Mio.) und zu einem Rückgang des realen BIP. Der Preisanstieg des Erdöls setzte sich fort und erreichte Ende der 70er Jahre einen Höchststand (zweite Ölpreiskrise). Der Zeitraum 2003/2004 wird zum Teil als dritte Ölpreiskrise bezeichnet. Dieser Preisanstieg war jedoch im Gegensatz zu den Ölpreiskrisen 1973 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 563 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 563 und 1981 nicht auf eine Drosselung der Förderung, sondern auf die steigende Weltnachfrage zurückzuführen. Es handelt sich daher weniger um einen Angebotsschock als um einen Nachfrageschock. Ölpreiskrise im gesamtwirtschaftlichen Modell Um die Ölpreiskrise im Modell darzustellen, müssen wir zunächst eine methodische Erweiterung vornehmen, denn natürliche Ressourcen wie das Erdöl sind bisher weder in der gesamtwirtschaftlichen Angebots- noch in der Nachfragefunktion aufgetreten. Am ehesten lassen sich natürliche Ressourcen in die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion integrieren. Der Faktor Energie tritt dann gleichberechtigt neben die anderen Faktoren Kapital, Arbeit und technischer Fortschritt. Wir können die Erhöhung des Ölpreises aber auch als eine Erhöhung des Gewinnaufschlags (∂) in der Gleichung der Angebotsfunktion interpretieren (vgl. Kap. 3): P = (1 + ∂) × lsnom = Pe × (1 + ∂) × f(ALQ, F) oder lsnom /P = 1/(1 + ∂) Der Gewinnaufschlag stellt dar, wie weit der Angebotspreis über den Löhnen festgelegt wird. Bei gegebenen Löhnen steigen die Produktionskosten, wenn sich die Ölpreise erhöhen. Sofern der Wettbewerb es zulässt, werden die Unternehmen die Preise anheben. Ein Anstieg des Gewinnaufschlags verschiebt die Preissetzungsfunktion nach unten, was zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit und zu einem Rückgang des Outputs führt (Bewegung von Punkt A nach B, Abb. 18.2). Infolge des höheren Gewinnaufschlags verschiebt sich die Angebotskurve nach links oben. Ein Anpassungsprozess wird über höhere Inflationserwartungen in Gang gesetzt. Das neue Gleichgewicht ist durch höhere Preise und einen geringeren Output gekennzeichnet (Punkt B, Abb. 18.2). Übertragungskanäle eines Ölpreisschocks Vor allem für die Geldpolitik ist es wichtig zu wissen, wie sich steigende Ölpreise auf das Preisniveau oder andere Größen übertragen. Üblicherweise werden direkte und indirekte Erstrundeneffekte und Zweitrundeneffekte unterschieden (Abb. 18.3): Preis des „schwarzen Goldes“ Abb. 18.1: Entwicklung der nominalen Rohölpreise (1980–2010) Quelle: Mineralölwirtschaftsverband Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 564 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung564 •• Die direkten Erstrundeneffekte können Sie selbst an den Zapfsäulen beobachten. Sie machen sich im Anstieg der Energiepreise (z. B. Benzin) und nachgelagert im Verbraucherpreisindex bemerkbar. •• Ein Anstieg der Energiepreise geht nicht nur über den direkten Energieverbrauch in die Inflationsrate ein. Energie ist ein wichtiger Faktor bei der Erzeugung anderer Güter. Wird eine Ölverteuerung auch von Unternehmen energieferner Güter in ihren Produzentenpreisen weitergegeben, so können sich durch diesen indirekten Erstrundeneffekt die Preise anderer Güter im Warenkorb erhöhen. •• Geldpolitisch sind vor allem die Zweitrundeneffekte von Bedeutung. Diese entstehen aus höheren Inflationserwartungen, die zu höheren Lohnforderungen führen können. Stagflation und angebotsorientierte Wirtschaftspolitik Die Erfahrungen der 70er Jahre haben dazu geführt, dass sich Ökonomen verstärkt mit negativen Angebotsschocks auseinandersetzen. Dazu zählen auch Lohnerhöhungen oberhalb des Produktivitätsfortschritts und das Aufkommen von Schwellenländern im internationalen Wettbewerb. Eine Stagflation stellt die Wirtschaftspolitik vor einen Zielkonflikt, der sich nicht durch eine nachfrageorientierte Politik lösen lässt: •• Der Versuch, die reale Produktionsleistung durch nachfragepolitische Maßnahmen (Rechtsverlagerung der aggregierten Nachfragefunktion) zu erhöhen, würde zu einem weiteren Anstieg der Inflation führen. •• Der Versuch, die Inflation durch eine entsprechende Geldpolitik zu verringern (Linksverlagerung der aggregierten Nachfragefunktion), führt zu weiteren Wachstums- und Beschäftigungsverlusten. Ursachengerecht lösen lässt sich diese Problemsituation, die z. B. in den 80er Jahren in vielen westlichen Industriestaaten aufgetreten ist, durch eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik (supply-side economics). Reaganomics in den USA und Thatcherismus in Großbritannien sind bekannte Umschreibungen derartiger Konzeptionen (Abb. 18.4). 1/(1+∂) A B Reallohn Preisniveau ALQ BIPreal GN A PerwartetAnstieg des Gewinnaufschlags B Ein Anstieg der Erdölpreise erhöht den Gewinnaufschlag und führt • zu einem Rückgang des Outputs • zu einer Erhöhung des Preisniveaus • zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit Ölpreisanstieg im makroökonomischen Modell Abb. 18.2: Ölpreisschock im gesamtwirtschaftlichen Modellrahmen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 565 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 565 Auch die unter Helmut Kohl in Deutschland praktizierte Wirtschaftspolitik wurde zumindest von offizieller Seite als angebotsorientiert eingestuft. Schlagwörter •• Angebotsschock •• Ölpreisschock •• Stagflation •• angebotsorientierte Wirtschaftspolitik Ölpreis (in Euro) Verbraucherpreisindex LohnforderungenInflationserwartungen Erzeugerpreise, Produzentenpreise Indirekte Effekte Direkte EffekteErstrundeneffekte Zweitrundeneffekte Auswirkungen eines Ölpreisanstiegs Abb. 18.3: Erst- und Zweitrundeneffekte eines Ölpreisschocks Quelle: EZB, 2004b, S. 58 • wurde in den 1980er Jahren insbesondere in den USA und Großbritannien forciert • führt im Modell zu einer (Rechts-)Verschiebung der aggregierten Angebotsfunktion GA-FunktionGN-FunktionPreisniveau BIPreal Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik (supply-side economics) In diesem Modell ist ein inflationsneutrales Wirtschaftswachstum möglich. Es gibt keinen Zielkonflikt zwischen Preisniveaustabilität und Beschäftigung. Abb. 18.4: Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 566 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung566 18.1.1 Grundsatzpositionen Die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik (supply-side economics) geht davon aus, dass Unternehmen Investitionen dann tätigen, wenn die Ertragsaussichten positiv sind. Deshalb müssen – so die Forderung – attraktive Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einen international freien Handel und einen intensiven Wettbewerb auf den Märkten fördern sowie die Kosten der Produktion (Arbeitskosten, Steuern/Abgaben, Zinsen) möglichst gering halten. In der populärwissenschaftlichen Diskussion wird diese Position oft als neoliberale Position bezeichnet, dem u. a. auch der gegenwärtige Trend der Globalisierung folge. Zu berücksichtigen bleibt, dass es in der (makro-) ökonomischen Theorie kein in sich geschlossenes Konzept der angebotsorientierten Politik gibt. Es gibt jedoch einige klar erkennbare Kernaussagen und aus diesen abgeleitete Politikempfehlungen. Zur Systematisierung der Angebotspolitik bietet sich eine Trennung in eine ordnungspolitische, finanzpolitische, wachstumsorientierte und beschäftigungspolitische Dimension an (Abb. 18.5). Ordnungspolitische Dimension Die angebotspolitische Konzeption basiert weniger auf makroökonomischen Kreislaufzusammenhängen, sondern auf Grundaussagen der mikroökonomischen und (neo-) klassischen Theorie. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Marktwirtschaften stabil und weitgehend selbst in der Lage sind, wirtschaftliche Probleme zu meistern. Es werden zwar auch Marktmängel betrachtet, jedoch werden diese vorrangig auf der Angebotspolitik Wachstumspolitik Bildungspolitik Innovationsförderung Beschäftigungspolitik Flexibilisierung Arbeitsmarkt Abbau von Innovationshemmnissen Ordnungspolitik Bürokratieabbau Förderung des Wettbewerbs Finanzpolitik Abbau der Staatsverschuldung leistungsgerechtes Steuersystem produktivitätsorientierte Lohnfindung Senkung der Staatsquote Vorrang von Marktkräften Aktive Arbeitsmarktpolitik Abb. 18.5: Grundpostulate der Angebotspolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 567 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 567 Angebotsseite erkannt. Voraussetzung für die Selbstheilungskräfte des Marktes ist ein funktionsfähiger Preismechanismus. Seine Wirksamkeit setzt einen weitgehend freien Wettbewerb voraus. Ausgehend von dieser Vorstellung sind in der Praxis eine Reihe marktwidriger Regulierungen (Deregulierung) abgebaut und zahlreiche Bereiche für den Wettbewerb geöffnet worden (z. B. Telekommunikation, Finanzdienstleistungen, Energieversorgung). Die Gesamtheit dieser Maßnahmen soll ein kostengünstiges und effizientes Angebot ermöglichen und dem schärferen internationalen Wettbewerb Rechnung tragen. Wettbewerb und die Aktivitäten dynamischer Unternehmen führen zu einem zeitlichen Vorlauf des Güterangebots vor der Nachfrage. Auch wenn auf einzelnen Märkten die Nachfrage nicht ausreicht, um das Angebot aufzunehmen, sind in gesamtwirtschaftlicher Sicht dauerhafte Nachfragelücken nicht zu erwarten, sofern die Preise auf den Märkten flexibel sind. Grundlage für diese Argumentation ist das nach dem französischen Ökonomen Jean Baptiste Say (1776–1832) benannte Saysche Gesetz, nach dem sich jedes Angebot seine eigene Nachfrage schafft. Betrachten wir dazu ein Beispiel. Die Produktion in Höhe von 100 Mio. € führt zu einem Faktoreinkommen im gleichen Umfang, das sich auf Gewinne und Arbeitseinkommen aufteilt. Die Gewinne werden entweder investiert oder gespart, die Arbeitseinkommen konsumiert oder gespart. Von zentraler Bedeutung ist, dass das gesparte Einkommen über den Kapitalmarkt von Unternehmen und privaten Haushalten in Form von Krediten vollständig aufgenommen wird und anschließend zu Konsum oder Investitionen führt. Einen Nachfrageausfall kann es nach diesem Verständnis des Wirtschaftskreislaufs nicht geben (Abb. 18.6). Anders als in der keynesianischen Theorie sind die Größen Konsum (C) und Investitionen (I) nicht vom Einkommen, sondern vom Zins abhängig. Produktion = Angebot = 100 Faktoreinkommen = 100 Gewinne Unternehmen (20) Arbeitseinkommen (80) Investitionen (10) Sparen ( 10 + 20 = 30) Konsum (60) nachfragewirksame Kreditaufnahme (30) Nachfrage (100) Jean-Baptiste Say (1767–1832) „Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage“ Angebot (100) = Nachfrage (100) Abb. 18.6: Saysches Gesetz Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 568 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung568 Finanzpolitische Dimension Die angebotsorientierte Politikkonzeption lehnt eine antizyklische Fiskalpolitik ab, da diese konjunkturelle Schwankungen nicht beseitigt, sondern sie zum Teil sogar verursacht. Die für investive Entscheidungen der Unternehmen wichtigen wirtschaftspolitischen Daten sollen nicht laufend geändert werden, sondern sich in ein längerfristiges Konzept einordnen. Nur unter diesen Voraussetzungen sind die Unternehmer bereit und in der Lage, ihr Investitionskalkül auf einen längeren Zeithorizont auszurichten und ihr Kapital in Anlagen zu binden, die sich erst auf lange Sicht als rentabel erweisen. Gefordert wird eine langfristig ausgerichtete Finanzpolitik, die sich ebenso wie die Geldpolitik an der Entwicklung des Produktionspotentials orientiert. Neben dem Abbau von leistungshemmenden Abgaben sollen leistungsmindernde staatliche Ausgaben zurückgeführt werden. Dazu zählen z. B. Erhaltungssubventionen oder Sozialausgaben, die das Anspruchsdenken privater Wirtschaftssubjekte erhöhen können. Eine Einschränkung der Staatstätigkeit muss mit dem Abbau struktureller Budgetdefizite einhergehen (Abb. 18.7). Zum einen führen steigende Zins- und Tilgungslasten dazu, dass der finanzielle Manövrierspielraum und die wirtschaftspolitische Gestaltungsmöglichkeit abnehmen. Zum anderen belastet der Staat durch eine wachsende Verschuldung den Kapitalmarkt. Dadurch bedingte Zinssteigerungen können in der Folge die private Investitionstätigkeit negativ beeinflussen. Umgekehrt kann der Abbau staatlicher Budgetdefizite das Angebot am Kapitalmarkt erhöhen. Dadurch ausgelöste Zinssenkungen können die privaten Investitionen stimulieren, das gesamtwirtschaftliche Wachstum und die Nachfrage nach Arbeitskräften steigern. Hinsichtlich der Einnahmenpolitik wird eine anreizorientierte Senkung der Steuern empfohlen. Eine zu hohe marginale Steuer- und Abgabenbelastung birgt die Gefahr, dass die Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer abnimmt und das Investitionsverhalten der privaten Unternehmen zurückgeht. Steuererleichterungen für die privaten langfristig ausgerichtete Finanzpolitik (Verzicht auf antizyklische Variation von Einnahmen und Ausgaben) Einschränkung der Staatstätigkeit, z.B. • Bürokratieabbau • Subventionsabbau • Rückführung der Sozialausgaben weniger Aufgaben, geringere Ausgaben geringere Einnahmen, Steuersenkungen führt zu erlauben höhere Leistung, höheres Wachstum begünstigen Steuermehreinnahmen (Laffer-Theorem) ermöglicht Abbau der strukturellen Verschuldung erleichtert Reduzierter Staat als Wachstumsmotor Abb. 18.7: Finanzpolitische Dimension der Angebotspolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 569 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 569 Haushalte erhöhen ihr verfügbares Einkommen, ermöglichen ein größeres Sparen, steigern das Angebot auf dem Kapitalmarkt und schaffen Spielräume für Zinssenkungen. In der Folge können die Investitionen und das Güterangebot zunehmen und zur Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte führen. Die Angebotspolitik stellt somit den wachstumstheoretischen Zusammenhang zwischen Ersparnisbildung, Investitionen und Wachstum in den Vordergrund. Hinsichtlich der Finanzierbarkeit von Steuersenkungen setzen angebotspolitische Vorschläge häufig auf das Laffer-Theorem (vgl. dazu Kap. 7). Wachstumsorientierte Dimension Zentrale Schlüsselgröße für wirtschaftliches Wachstum sind private Investitionen. Zur Stimulierung dieser Größe werden im Rahmen der angebotsseitigen Politik viele Größen gebündelt. Besondere Bedeutung kommt den innovationsorientierten Maßnahmen zu (Abb. 18.8). Der Pionierunternehmer treibt als Innovator die wirtschaftliche Entwicklung voran. Diese Sichtweise geht auf Joseph Schumpeter (1883–1950) zurück (Abb. 18.9). In seiner „Theorie der Wirtschaftlichen Entwicklung“ (1911) interpretiert der österreichische Ökonom die Dynamik der marktwirtschaftlichen Entwicklung als einen Prozess der kreativen Zerstörung. Träger dieses Fortschrittsprozesses sind die dynamischen Pionierunternehmer. Sie sind die Motoren des Fortschritts und der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie erkunden neue Märkte (Produktinnovationen), wenden neue Verfahren an (Verfahrensinnovationen), erschließen neue Rohstoffquellen (Ressourceninnovationen) und setzen organisatorische Neuerungen um. Den Anreiz bilden Pioniergewinne, die dafür sorgen, dass Konkurrenten als Nachahmer (Imitatoren) auftreten und für die rasche Verbreitung und Diffusion der Neuerungen sorgen. Die Produkt- und Prozessinnovationen zerstören zwar alte Märkte (z. B. werden Schreibmaschinen durch Computer ersetzt), dieser Prozess ist jedoch wohlstandsmehrend und erhöht die Produktivität der Volkswirtschaft. Sättigungstendenzen auf alten Märkten werden durch Schaffung neuer Märkte überkompensiert. Ohne Pioniere besteht die Gefahr, dass das Wirtschaftssystem in einen Zustand der Sklerose gerät. Maßgeblich für das Auftreten der Pionierunternehmer sind entsprechende Rahmenbedingungen. Der Staat muss insbesondere dafür Sorge tragen, dass •• die nationalen und internationalen Märkte offen sind und neue Konkurrenten auftreten können, Private Investitionen im Focus der Wirtschaftspolitik (Ausweitung des Produktionspotentials) Raum für Investitionen schaffen Innovationsorientierte Maßnahmen Kostensenkende Maßnahmen • Innovationshemmnisse abbauen • Internationale Märkte öffnen • Förderung von Innovationen und Existenzgründungen • zukunftsfähige Bildungspolitik • Senkung von direkten Kosten (u.a. Steuern, Arbeitskosten, Kapitalkosten) Abb. 18.8: Ansatzpunkte zur Förderung privater Investitionen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 570 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung570 •• administrative und bürokratische Wettbewerbshemmnisse beseitigt werden, •• hohe Pioniergewinne nicht durch zu hohe Steuern abgeschöpft werden. Wirtschaftspolitisch sind also Marktöffnung, Deregulierung, Privatisierung und die Senkung der hohen Grenzsteuersätze geboten. Zur Stärkung der Innovationsfähigkeit und der Wachstumskräfte enthält die Angebotspolitik zum Teil Forderungen an eine zukunftsgerichtete Bildungspolitik, deren vielfältige Maßnahmen die Aus- und Weiterbildung sowie die Lernbedingungen an Schulen und die Studienbedingungen an Hochschulen umfassen. Auch die gezielte Förderung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben soll das Innovationspotential steigern und zu neuen Produkten und Produktionsverfahren führen, die auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähig sind. Die Palette ist vielfältig und reicht von technologieorientierten Existenzgründungen bis hin zur staatlichen Finanzierung von Großprojekten. Beschäftigungspolitische Dimension Bezogen auf den Arbeitsmarkt ist die Angebotspolitik als offensive Strategie einzustufen, da sie das Beschäftigungsproblem vorrangig über die Schaffung neuer und zusätzlicher Arbeitsplätze lösen will. Arbeitslosigkeit ist aus angebotsorientierter Sicht auch auf die institutionellen Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes zurückzuführen. Folgerichtig finden sich zahlreiche Vorschläge, die zu einer größeren Flexibilisierung der Arbeitsmärkte beitragen sollen (Abb. 18.10). Generell verbindet sich damit die Hoffnung, dass sich im konjunkturellen Aufschwung ein stärkerer positiver Effekt auf den Arbeitsmarkt ergibt und strukturell verfestigte Formen der Arbeitslosigkeit abgebaut werden. Umgekehrt können die Unternehmen Joseph Alois Schumpeter (1883–1950) • Neugier • Kreativität • Wissen • Freiheit • … • technisches Können • rechtliches Dürfen • … • Pioniergeist • Unternehmertum • Fähigkeiten • Verantwortung • rechtliches Umfeld … • Erfindung • Forschung und Entwicklung • Umsetzung • Realisation • handeln wollen • handeln können • handeln dürfen Innovationen unternehmerisches Handeln Markterfolg Schöpferische Zerstörung Abb. 18.9: Schumpeter-Prozess der schöpferischen Zerstörung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 571 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 571 bei flexiblen Regelungen im Konjunkturabschwung besser auf die veränderten Bedingungen, z. B. durch die Nutzung von Zeitkonten, reagieren. Schlagwörter •• Ordnungspolitik •• Wettbewerb •• Deregulierung •• dynamische Pionierunternehmen •• Saysches Gesetz •• Flexibilisierung der Arbeitsmärkte 18.1.2 Umsetzungsprobleme Die Maßnahmen der Angebotspolitik laufen darauf hinaus, die Rahmenbedingungen für private Investitionen und Innovationen zu verbessern, um ein höheres Wachstum erreichen und Arbeitsplätze schaffen zu können (Abb. 18.11). Angebotsorientierte Maßnahmen brauchen jedoch Zeit, um ihre Wirkungen zu entfalten. „Wunder“ sind nicht zu erwarten. Die Angebotspolitik ist im wesentlichen Ordnungspolitik, die z. B. den Wettbewerb fördern und Investitionshemmnisse abbauen will. Die erforderlichen Maßnahmen (z. B. Verkürzung von Planungs- und Genehmigungsverfahren für Investitionen, Öffnung von Märkten für den Wettbewerb) sind oft nur mühsam durchzusetzen und die entsprechenden Gesetzesänderungen erfordern Zeit. Erfahrungen mit angebotsorientierten Konzepten zeigen, dass durchaus 3–5 Jahre vergehen können, bis die Maßnahmen greifen. Im Zweifel sind Regierungen, die diese Maßnahmen beschlossen und umgesetzt haben, gar nicht mehr im Amt, so dass Nachfolgeregierungen sich mit den positiven wie negativen Folgen auseinandersetzten müssen. Demokratisch legitimierten Regierungen kann vor der Wirksamkeit der Maßnahmen das Vertrauen entzogen werden; die nachfolgende Regierung muss den eingeschlagenen Kurs keineswegs fortsetzen. Es ist schwierig, die Angebotspolitik hinsichtlich ihres wirtschaftlichen Erfolges zu überprüfen. Dies liegt neben dem erwähnten Zeitfaktor daran, dass die Angebotspolitik in der Praxis nicht in der reinen Form umgesetzt worden ist. Beispielsweise ist die unter Ronald Reagan praktizierte Angebotspolitik (Reaganomics) keineswegs ein • Lockerung von Kündigungsschutzregeln • Einführung von Öffnungsklauseln in Tarifverträgen • Anpassung an Kapazitätsauslastung der Unternehmen • Teilzeit • flexible Arbeitszeitmodelle flexibel rigide • stärkere Differenzierung zwischen Branchen und Regionen • möglichst freie Lohnbildung • kollektive Lohnverhandlungen • Mindestlöhne Arbeitsentgelt • identische Betriebszeiten • fest vorgegebene Arbeitszeiten Arbeitszeit • ausgeprägter Kündigungsschutz • keine Öffnungsklauseln Arbeitsplatzsicherheit Tauziehen um die Ausgestaltung von Beschäftigungsverhältnissen Abb. 18.10: Ansatzpunkte zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 572 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung572 Lehrbuchbeispiel. So führte die US-amerikanische Wirtschaftspolitik, die zu Beginn der 80er Jahre mit Senkungen der direkten Steuern bei gleichzeitiger Steigerung der öffentlichen Ausgaben vor allem im militärischen Bereich einherging, zu steigenden Haushaltsdefiziten. Dieses deficit spending kann nicht als Bestandteil der Angebotspolitik betrachtet werden. „Echte“ Angebotspolitik würde beispielsweise bedeuten, dass eine Senkung der Steuersätze durch eine Senkung von konsumtiven Staatsausgaben finanziert wird. Haushaltsdefizite kann man auf diese Weise vermeiden. Neben diesen praktischen Problemen der Überprüfbarkeit ist die angebotsorientierte Politik auch konzeptionellen Kritikpunkten ausgesetzt. Die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik geht von einer eindeutigen Beziehung zwischen zu hohen Kosten (z. B. Löhnen, Steuern) und zu geringer Investitionsneigung der Unternehmen aus. Wird unterstellt, dass die angebotsorientierten Maßnahmen primär auf der Angebotsseite greifen, stellt sich die Frage, ob das erhöhte Angebot zu einer Nachfragesteigerung führt. Die Annahme, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft, ist nicht zwangsläufig gegeben. Kurzfristig kann die Nachfrage durchaus hinter dem Angebot zurückbleiben (Abb. 18.12). Unternehmen können im Ausland investieren oder in Beteiligungen, die volkswirtschaftlich nicht zu einem Zuwachs im Inland führen. Private Haushalte können einen Teil ihrer Ersparnis in Geldvermögen halten. Dieses „Horten“ führt aus Sicht der keynesianischen Theorie zu einem Nachfrageausfall, da es nicht zur Gewährung von Krediten an andere Wirtschaftssubjekte zur Verfügung steht. In der Vergangenheit ist daher vielfach für eine „gemäßigte“ Variante der Angebotspolitik plädiert worden, die auch die nachfrageseitigen Kreislaufzusammenhänge berücksichtigt. Die Angebotspolitik kann die Faktorpreise und damit die Produktionskosten aufgrund der Autonomie der Entscheidungsträger nur begrenzt beeinflussen. Dies gilt für die Senkung der Löhne oder der tariflich vereinbarten Lohnnebenkosten auf den Arbeitsmärkten ebenso wie für die Wettbewerbspolitik auf den Gütermärkten, da sich zumindest die grenzüberschreitend tätigen Unternehmen einer nationalen Politik • Flexibilisierung des Arbeitsmarktes • Lohnzurückhaltung Fiskalische Angebotspolitik • Abbau der Staatsverschuldung • Subventionsabbau • Steuersenkungen Erhöhung der Faktorproduktivitäten • Bildung • Modernisierung • Forschung und Entwicklung Ordnungspolitik • Wettbewerb • Deregulierung • Auflösung von Monopolen Rentabilität der Produktion nimmt zu größere Investitionsdynamik Innovationen werden angeregt Wachstum und Beschäftigung Beschäftigungspolitik Finanzpolitik Ordnungspolitik Wachstumspolitik Angebotspolitisches Programm für Wachstum und Beschäftigung Abb. 18.11: Zielsetzungen der Angebotspolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 573 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 573 entziehen können. Ein weiterer Problemkreis der angebotsorientierten Politik resultiert aus ihrer politischen Akzeptanz. Da diese Politik Besitzstände in Frage stellt (z. B. durch den Abbau wettbewerbsverzerrender Subventionen), gerät sie rasch in Konflikt mit den jeweiligen Interessengruppen. Schlagwörter •• Reaganomics •• Autonomie der Entscheidungsträger •• politische Akzeptanz •• wirtschaftspolitische Kontroversen 18.2 Beschäftigungskonforme Lohnpolitik In der Diskussion um die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft bzw. ihrer Unternehmen nimmt die Frage nach der Höhe der „richtigen“ Lohnabschlüsse unabhängig von der jeweils verfolgten wirtschaftspolitischen Konzeption eine zentrale Rolle ein. Die Löhne oder Arbeitskosten allein haben jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft. Entscheidend ist vielmehr das Konzept der Lohnstückkosten, das die Relation aus Arbeitskosten und Produktionsleistung beschreibt: (1) Lohnstückkosten = Lohnkosten / Output Die Lohnkosten können in die Komponenten Lohnsatz je Arbeitseinheit und Anzahl der Arbeitseinheiten aufgespalten werden. Dabei werden – je nach Fragestellung – als Arbeitseinheiten entweder die geleisteten Arbeitsstunden oder die Anzahl der beschäftigten Personen verwendet. Daraus können zwei weitere alternative Definitionen der Lohnstückkosten abgeleitet werden: (2) Lohnstückkosten = (Lohnsatz je Arbeitsstunde × Arbeitsstunden) / Output = Lohnsatz / Arbeitsproduktivität je Stunde Produktion (100) Faktoreinkommen (100) Gewinne der Unternehmen (20) Arbeitseinkommen (80) Investitionen (10) Sparen (5 + 20) = 25 Konsum (50) nachfragewirksame Kreditaufnahme (20) Marktwert (80) Ausland (5) Nachfrageausfall (5) Importgüter (10) Nachfrageausfall (10) Geld horten: Nachfrageausfall (5) „Nicht jedes Angebot führt automatisch zu höherer Nachfrage.“ Angebot (100) > Nachfrage (80) Abb. 18.12: Saysches Theorem und Nachfrageausfall Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 574 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung574 (3) Lohnstückkosten = (Lohnsatz je Beschäftigtem × Zahl der Beschäftigten) / Output = Lohnsatz / Arbeitsproduktivität je Beschäftigtem Der Zusammenhang zwischen Lohnstückkosten und Arbeitsproduktivität soll an folgendem Zahlenbeispiel verdeutlicht werden: Unternehmen A Unternehmen B Stundenlohn (in € je Arbeitsstunde) 30 25 Arbeitsproduktivität (Output je Arbeitsstunde) 100 70 Lohnstückkosten (€ je Outputeinheit) 0,3 = 30 / 100 0,36 = 25 / 70 Obwohl in Unternehmen A die Arbeitskosten je Stunde höher als in Unternehmen B sind, weist Unternehmen A aufgrund der höheren Produktivität geringere Lohnstückkosten als Unternehmen B auf. Von besonderer Bedeutung sind die Veränderungen der Lohnstückkosten. Beispielsweise erhöht ein Lohnanstieg, der über die Produktivitätsentwicklung hinausgeht, die Lohnstückkosten und bei gleich bleibenden Kapitalstückkosten die gesamten Stückkosten. Auf makroökonomischer Ebene sind die Lohnstückkosten ein wichtiger Indikator für Verteilungsspielräume im Inland sowie für die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Bei der Berechnung der Lohnstückkosten auf gesamtwirtschaftlicher Ebene wird als Bezugsgröße für die Produktionsleistung das reale BIP gewählt. Die Lohnkosten entsprechen dem Arbeitnehmerentgelt, also der Summe aus den Bruttolöhnen und -gehältern und den Sozialversicherungsbeiträgen der Arbeitgeber. Die Arbeitsproduktivität wird auf der Basis der Erwerbstätigen (Arbeitnehmer und Selbstständige) ermittelt, da diese an der Produktion des BIP beteiligt sind. Der Lohnsatz wird auf der Basis der Arbeitnehmer bestimmt, da nur bei ihnen das Arbeitnehmerentgelt anfällt. Somit ergibt sich in der Abgrenzung des statistischen Bundesamtes folgende Definition der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten: (4)         Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer Lohnstückkosten Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen = Diese Abgrenzung ist nicht direkt mit den Abgrenzungen der Gleichungen (1) bis (3), die auf Unternehmensebene angewendet werden können, vergleichbar. Vielmehr gilt: (5) ( ) Arbeitnehmerentgelt Erwerbstätige Lohnstückkosten BIP real Arbeitnehmer = × Schlagwörter •• Lohnstückkosten •• Arbeitnehmerentgelt •• Arbeitsproduktivität je Stunde •• Arbeitsproduktivität je Beschäftigtem •• Lohnsatz 18.2.1 Lohnformeln und Verteilungsspielräume Lohnabschlüsse haben Auswirkungen auf die Inflationsrate, die Primärverteilung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, und auf die Beschäftigungssituation. Wir wollen diesen Sachverhalt anhand von Beispielen diskutieren, die stets nur eine der genannten Rahmendaten ändern. Die Darstellung hat didaktischen Charakter, da sich die Größen in der Praxis gleichzeitig verändern. Produktivitätsorientierte Lohnpolitik Angenommen sei, dass die Volkswirtschaft nur aus einem Unternehmenssektor besteht, in dem aus Vereinfachungsgründen nur Arbeitskosten anfallen (Abb. 18.13). Wir Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 575 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 575 unterstellen nun, dass sich die Produktion bei gleichbleibendem Arbeitseinsatz aufgrund des technischen Fortschritts um 10 % auf 55.500 Stück je Monat erhöht (Variante 1, Abb. 18.14). Die Arbeitsproduktivität steigt ebenfalls um 10 % (55.500 / 100 = 550). Werden die Stundenlöhne im Ausmaß der Produktivitätssteigerung um 10 % auf 33 € erhöht, steigt zwar die Lohnsumme, die Lohnstückkosten bleiben jedoch mit 9 € konstant. Von der Lohnsteigerung gehen keine Auswirkungen auf die Preise aus und die funktionelle Einkommensverteilung, d. h. das Verhältnis von Gewinn zur Lohnsumme, bleibt konstant. Unternehmensdaten Gewinn = Erlös – Kosten Beschäftigte × Lohnsatz je Stunde × Arbeitsstunden pro Monat = Lohnkosten Menge × Preis = ErlösArbeitskosten Gewinn 100 × 30 × 150 = 450.000 500.000 – 450.000 = 50.000 50.000 × 10 = 500.000 Annahme: Es werden eine monatliche Produktionsleistung sowie monatlich anfallende Lohnkosten betrachtet. Alle sonstigen Kosten werden nicht berücksichtigt. Lohnstückkosten: 450.000 : 50.000 = 9 Abb. 18.13: Rahmenbedingungen der Lohnpolitik Lohnpolitik kann verteilungsneutral sein Gewinn = Erlös – Kosten Menge × Preis = ErlösArbeitskosten Gewinn 550.000 – 495.000 = 55.000 Mengensteigerungen führen zu proportionalen Lohnerhöhungen. Die Verteilungspositionen verändern sich im gleichen Ausmaß Lohnstückkosten: 495.000 : 55.000 = 9 Beschäftigte × Lohnsatz × Stunden = Lohnkosten 100 × 33 × 150 = 495.000 55.000 × 10 = 550.000 Abb. 18.14: Produktivitätsorientierte Lohnpolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 576 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung576 Diese Form der Lohnpolitik ist beschäftigungsneutral. Da die Lohnstückkosten konstant bleiben, besteht kein Anlass, Arbeitskräfte durch Kapital zu ersetzen oder Investitionen in das Ausland zu verlagern. Viele Ökonomen plädieren daher für mehrjährige Tariflohnabschlüsse, die sich am Trend der Arbeitsproduktivität orientieren und den Unternehmen Planungssicherheit geben. Im Jahr 2005 wurde der Begriff Entlassungsproduktivität zum Unwort des Jahres gewählt. Dieser Begriff bezeichnet eine gleich bleibende oder gesteigerte Produktionsleistung, nachdem Mitarbeiter entlassen wurden. Gleichzeitig wird damit die Mehrbelastung derjenigen verschleiert, die ihren Arbeitsplatz behalten. Betrachten wir unser Beispielunternehmen. Es ist leicht einsehbar, dass die Produktion je Arbeitnehmer selbst bei gleicher Anzahl von produzierten Stücken (hier: 50.000) um 10 % auf 550 Stück je Arbeitnehmer steigt, wenn knapp 10 % der Arbeitskräfte entlassen werden. Lassen wir die Stundenlöhne unverändert, dann führt die Entlassung von Mitarbeitern zu einer deutlichen Senkung der Lohnstückkosten und zu einem vermeintlichen Gewinn an Wettbewerbsfähigkeit (Tab. 18.2). Maßstab der Lohnpolitik und Richtschnur für Produktivitätserhöhungen kann nur der „echte“ Produktivitätsanstieg sein, der z. B. auf technischen Fortschritt oder Höherqualifizierung der Beschäftigten zurückzuführen ist. Korrekterweise müsste die Grenzproduktivität, d. h. der Lohnanstieg bei jeder zusätzlichen Einheit, als Maßstab für Lohnsteigerungen herangezogen werden. In der Praxis wird jedoch aufgrund von Messproblemen die Durchschnittsproduktivität gewählt. Diese Vorgehensweise ist nicht unproblematisch, da sich die Arbeitsproduktivität sektoral unterschiedlich darstellt (z. B. zwischen den Branchen Industrie, Banken und Versicherungen sowie öffentlicher Dienst). Inflationstreibende Lohnpolitik Wird unterstellt, dass die Lohnerhöhungen in Höhe von 10 % ohne eine entsprechende Produktivitätssteigerung einhergehen, entsteht aus Sicht des Unternehmenssektors ein Überwälzungsbedarf, d. h. die Lohnerhöhungen wirken inflationstreibend (Variante 2, Abb. 18.15). Eine reale Anhebung der Einkommen hat nicht stattgefunden und beide Tarifparteien tragen die Inflation von 10 % in gleicher Höhe. Gesamtwirtschaftlich eröffnet diese Variante die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale, wenn die Notenbank nicht gegensteuert. In der Vergangenheit haben die Notenbanken häufiger durch die Ankündigung restriktiver geldpolitischer Maßnahmen versucht, bei laufenden oder bevorstehenden Tarifverhandlungen darauf „hinzuweisen“, dass eine „Lohn-Preis- Tab. 18.2: Entlassungsproduktivität Kennzahlen Variante 1 Ausgangslage neuer Wert (relative Veränderung) 1. Arbeitnehmer 100 91 (–9 %) 2. Produktionsmenge 50.000 50.000 3. Produktion/Arbeitnehmer 500 550 (+10 %) 4. Arbeitsstunden pro Monat 150 150 5. Lohnsatz je Stunde 30 € 30 € 6. Lohnkosten (1 × 4 × 5) 450.000 € 409.500 € 7. Lohnstückkosten (6 : 2) 9 € 8,19 € (–9 %) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 577 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 577 Spirale“ nicht toleriert wird. In einem solchen Fall sind die Tarifpartner gut beraten, stabilitätsorientierte Lohnabschlüsse zu vereinbaren. Umverteilende Lohnpolitik In der Realität ist nicht sichergestellt, dass die Überwälzung der Lohnkosten durch die Unternehmen gelingt. Wird z. B. unterstellt, dass die Europäische Zentralbank die Überwälzung mit Blick auf bevorstehende Inflationsgefahren nicht „akzeptiert“ und eine restriktive Geldpolitik betreibt, dann führt die Lohnerhöhung zwangsläufig zu einer Umverteilung zu Lasten der Gewinne (Variante 3, Abb. 18.16). Lohnpolitik kann die Inflation anheizen Gewinn = Erlös – Kosten Menge × Preis = Erlös Arbeitskosten Gewinn Lohnerhöhungen führen zu steigenden Lohnstückosten. Es entsteht die Gefahr einer Lohn- Preis-Spirale, wenn die Unternehmen die Preise erhöhen. Beschäftigte × Lohnsatz × Stunden = Lohnsumme 100 × 33 × 150 = 495.000 50.000 × 11 = 550.000 550.000 – 495.000 = 55.000 Lohnstückkosten: 495.000 : 50.000 = 9,9 Abb. 18.15: Inflationstreibende Lohnpolitik Lohnpolitik kann umverteilen Gewinn = Erlös – Kosten Menge × Preis = ErlösArbeitskosten Gewinn Lohnerhöhungen führen zu steigenden Lohnstückkosten. Es kommt zur Umverteilung zu Lasten der Unternehmen, wenn diese die Preise nicht erhöhen können 100 × 33 × 150 = 495.000 50.000 × 10 = 500.000 500.000 – 495.000 = 5.000 Lohnstückkosten: 495.000 : 50.000 = 9,9 Beschäftigte × Lohnsatz × Stunden = Lohnsumme Abb. 18.16: Umverteilende Lohnpolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 578 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung578 Arbeitszeitverkürzungen versus Entlassungen Die Gewerkschaften können im Rahmen der Tarifverhandlungen nur die Höhe des Lohnsatzes, nicht aber die Lohnsumme bestimmen. Wenn die Überwälzung durch die Unternehmen nicht möglich ist, weil die Wettbewerbssituation dies nicht zulässt, kommt es zu einer Verschlechterung der Verteilungsposition und in der Regel zu Gegenreaktionen der Unternehmen. Denkbar und wahrscheinlich ist, dass die Unternehmen durch einen Abbau der Beschäftigung sozusagen „nachträglich“ die Produktivität so steigern, wie es die Lohnerhöhungen erfordern (Variante 4, Abb. 18.17). Diese Variante ist zwar produktivitätsorientiert, jedoch gleichzeitig beschäftigungsfeindlich, da die höhere Produktivität nur durch Entlassungen bzw. Verkürzungen der Arbeitszeit zustande kommt. Vorschläge zur Reduzierung der Arbeitszeit plädieren für eine gerechtere Verteilung der bei nicht ausreichendem Wirtschaftswachstum zur Verfügung stehenden Arbeitszeit auf alle Arbeitnehmer. Derartige Vorschläge haben auf den ersten Blick große Beschäftigungseffekte. Würden beispielsweise von den im Jahr 2007 in Deutschland geleisteten 1,6 Mrd. Überstunden die Hälfte in neue Beschäftigungsverhältnisse (Vollzeit) umgewandelt, könnten mit rund 1.600 Arbeitsstunden im Jahr 500.000 neue Stellen geschaffen werden: 800 Mio. Überstunden/1.600 Stunden (Jahr) = 500.000. In der Praxis ergeben sich aber Umsetzungsprobleme: •• Es gibt ein Mismatch zwischen denjenigen, die Überstunden leisten und jenen, die Arbeit suchen. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass überwiegend qualifizierte Arbeitskräfte Überstunden leisten. •• Überstunden gelten als Flexibilitätspuffer vor allem für kleinere Unternehmen. •• Die Umwandlung von Überstunden in neue Stellen ist für Unternehmen teuer, da u. a. auch Lohnnebenkosten für die neu eingestellten Personen anfallen. Lohnpolitik kann Beschäftigung vernichten Gewinn = Erlös – Kosten Menge × Preis = ErlösArbeitskosten Gewinn 500.000 – 450.000 = 50.000 Lohnerhöhungen führen bei unveränderten Erlösen zu einer a) Reduzierung der Beschäftigung oder b) Arbeitszeitverkürzung Beschäftigte × Lohnsatz × Stunden = Lohnsumme 50.000 × 10 = 500.00091 × 33 × 150 ≈ 450.000 100 × 33 × 136 ≈ 450.000 Lohnstückkosten: 450.000 : 50.000 = 9 a) b) Abb. 18.17: Beschäftigungsfeindliche Lohnpolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 579 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 579 •• Für kleinere Unternehmen sind die innerbetrieblichen Strukturen ungeeignet. •• Bezieher geringerer Einkommen sind oft auf Überstunden angewiesen. Es ist strittig, ob durch eine forcierte Arbeitszeitverkürzung (z. B. durch Übergang auf die 35-Stunden-Woche) tatsächlich das Beschäftigungsproblem einer Lösung zugeführt werden kann. In der Praxis ist eher zu beobachten, dass der Beschäftigungseffekt der Arbeitszeitverkürzung ganz oder teilweise durch Produktivitätssteigerungen infolge von Arbeitsverdichtung (höhere Leistung bei unverändertem Maschinenpark) und Rationalisierungsinvestitionen neutralisiert wird. Der Beschäftigungseffekt verpufft also zumindest teilweise. In der jüngsten Zeit wird mit Blick auf die im internationalen Vergleich vergleichsweise geringen Arbeitszeiten in Deutschland eine Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit gefordert. Tendenziell sinken durch diese Maßnahme die Stundenlöhne, wenn der Monatslohn konstant bleiben soll. Bei gleich bleibender Produktion wird allerdings auch weniger Personal benötigt. Die Lohnstückkosten sinken und die Unternehmen werden von der Kostenseite her entlastet. Andererseits wird durch den Beschäftigungsabbau zumindest kurzfristig die Kaufkraft im Inland geschwächt. Nicht eindeutig zu beantworten ist die Frage, ob die gestiegene internationale Wettbewerbsfähigkeit diese Nachteile überkompensieren kann und in der Folge wieder zu mehr Beschäftigung führt. In einer Übersicht lassen sich die Auswirkungen der genannten Varianten auf einzelne gesamtwirtschaftliche Rahmendaten nochmals zusammenfassen (Tab. 18.3). Es ist zu erkennen, dass nur die produktivitätsorientierte Lohnpolitik zentrale gesamtwirtschaftliche Rahmendaten nicht nachteilig beeinflusst. Schlagwörter •• produktivitätsorientierte Lohnpolitik •• Entlassungsproduktivität •• inflationstreibende Lohnpolitik •• umverteilende Lohnpolitik •• Arbeitszeitverkürzung 18.2.2 Arbeitskosten und internationale Wettbewerbsfähigkeit In Zeiten anhaltend hoher Arbeitslosigkeit mehren sich die Vorschläge einer beschäftigungsorientierten Lohnpolitik. Alle Vorschläge gehen von dem Grundsatz aus, dass der Zuwachs der Löhne hinter dem Anstieg der Arbeitsproduktivität zurückbleiben muss, wenn die Arbeitslosigkeit spürbar abgebaut werden soll. Arbeitnehmer, so die Forderung, sollten in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit einen Lohnabschlag hinnehmen, damit den Unternehmen größere Spielräume für Investitionen und Neueinstellungen verbleiben. Produktivitätssteigerungen sollten vorrangig der Beschäftigungsförderung dienen und nicht gleichgewichtig auf Arbeitnehmer und Unternehmen verteilt werden. Tab. 18.3: Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen von Lohnkonzepten Lohnpolitische Zielsetzungen Variante 1 Variante 2 Variante 3 Variante 4 Produktivitätsorientiert ja nein nein ja (nachträglich durch Beschäftigungsabbau) Inflationsneutral ja nein ja Ja Verteilungsneutral ja ja nein Ja Beschäftigungsneutral ja ja ja nein Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 580 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung580 Lohnabschläge Eine beschäftigungsorientierte Tarifpolitik, die von dem Grundkonzept einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik ausgeht (wµ), einen Inflationsausgleich (wp) und einen beschäftigungsfördernden Lohnabschlag (j) berücksichtigt, lässt sich wie folgt darstellen: (1) Wls = Wµ + WP – j Ein Vorschlag zur Operationalisierung des beschäftigungsfördernden Lohnabschlages sieht für je zwei Prozent der Arbeitslosenquote (ALQ) einen Lohnabschlag von 1 % als beschäftigungsfördernde Komponente vor (Eekhoff-Formel). Wird davon ausgegangen, dass eine gewisse Arbeitslosigkeit (ALQn) in einer dynamischen Wirtschaft u. a. aufgrund friktioneller und struktureller Ursachen unvermeidbar ist, lässt sich die Betrachtung wie folgt erweitern: (2) Wls = Wµ + WP – 0,5 × (ALQ – ALQn) Ein Beispiel soll die Zusammenhänge verdeutlichen. Bei einem Produktivitätsanstieg von 2,5 %, einer erwarteten Inflationsrate von 2 %, einer tatsächlichen Arbeitslosenquote von 10 % und einer unvermeidbaren Arbeitslosenquote von 4 % ergibt sich: (3) Wls = 2,5 % + 2 % – 0,5 × (10 % – 4 %) = 1,5 % Die beschäftigungsfördernde Lohnpolitik führt zu einem Anstieg der Löhne von 1,5 %, während die produktivitätsorientierte Lohnpolitik mit Inflationsausgleich einen Zuwachs von 4,5 % möglich macht. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und geringer Inflation läuft diese Lohnformel auf Lohnsteigerungen hinaus, die unterhalb des Produktivitätsfortschritts liegen. Simulationsrechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und anderer Institute zeigen, dass etwa 300.000 neue Arbeitsplätze entstehen können, wenn die Lohnerhöhungen drei Jahre lang um jeweils einen Prozentpunkt unter dem Produktivitätsfortschritt liegen. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Empfehlung aus gewerkschaftlicher Sicht kritisch hinterfragt wird, zumal nicht sichergestellt ist, dass die entsprechende Umverteilung zugunsten der Unternehmen tatsächlich zu Investitionen und Neueinstellungen führt. Derartige Verabredungen lassen sich nur am „runden Tisch“ vollziehen (Bündnis für Arbeit). Internationaler Vergleich von Arbeitskosten Die Notwendigkeit einer beschäftigungsorientierten Lohnpolitik wird u. a. damit begründet, dass sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen stärkt. Unumstritten ist, dass die Arbeitskosten in Deutschland einschließlich der Personalzusatzkosten im internationalen Vergleich eine Spitzenposition einnehmen. Allerdings müssen derartige Vergleiche in einheitlicher Währung durchgeführt und auf die Lohnstückkosten bezogen werden. Allgemein gilt also: (1)         Lohnsatz imInland Lohnstückkosten in nationaler Währung Arbeitsproduktivität imInland = (2)         Lohnsatz im Ausland Wechselkurs Lohnstückkosten in gemeinsamer Währung Arbeitsproduktivität im Ausland × = Eine Verschlechterung der Lohnstückkostenrelation zwischen In- und Ausland ist also ceteris paribus möglich, wenn •• die Löhne im Inland schneller steigen als die Arbeitsproduktivität, •• die heimische Währung aufwertet (die ausländische Währung abwertet). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 581 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 581 Zahlenbeispiel: Einheitliche Währung, unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit Ein Handyhersteller will insgesamt 120.000 Geräte fertigen, davon jeweils 60.000 Geräte an einem Standort in Frankreich und in Portugal (gemeinsame Währung Euro). Die Produktionsbedingungen an beiden Standorten sind folgender Tabelle zu entnehmen. Arbeitstag Produktion je Arbeitstag Zahl der Arbeiter Arbeitskosten in € je Stunde Verkaufspreis in € je Stück Frankreich 8 Stunden 400 10 40 50 Portugal 10 Stunden 250 10 20 50 Wir wollen zunächst die Produktivität je Arbeitsstunde an beiden Standorten ermitteln. Diese kann auf der Basis der Produktion pro Tag oder der Gesamtproduktion erfolgen. Für Frankreich ergeben sich folgende Ergebnisse: (1a) 400 Stück / (8 Stunden × 10 Arbeiter) = 5 Stück/Stunde oder (1b) 60.000 Stück / (150 Tage × 8 Stunden × 10 Arbeiter) = 5 Stück/Stunde Für Portugal ergeben sich folgende Ergebnisse: (2) 250 Stück / (10 Stunden × 10 Arbeiter) = 2,5 Stück/Stunde oder (2b) 60.000 Stück / (240 Tage × 10 Stunden × 10 Arbeiter) = 2,5 Stück/Stunde Ergebnis 1: Hohe Produktivitäten können hohe Löhne ausgleichen. Für die Beurteilung der betriebswirtschaftlichen Wirtschaftlichkeit müssen wir die Betrachtung erweitern. Dazu setzen wir die Leistung und die Kosten in ein Verhältnis. Wir unterstellen, dass die gesamten Fertigungskosten je Stunde in Frankreich bei 100 € und in Portugal bei 50 € liegen. Dann ergibt sich für Frankreich: Leistung: 60.000 Stück × 50 € = 3.000.000 €. Kosten: 12.000 Stunden × 100 € = 1.200.000 €. Wirtschaftlichkeit: 3.000.000 € / 1.200.000 € = 2,5. Betrachten wir Portugal. Hier ergeben sich folgende Ergebnisse: Leistung: 60.000 × 50 € = 3.000.000 € Kosten: 24.000 Stunden × 50 € = 1.200.000 € Wirtschaftlichkeit: 1.200.000 €/3.000.000 € = 2,5 Die Wirtschaftlichkeit, eine dimensionslose Zahl, ergibt sich als Quotient aus Leistung und Kosten. Sie ist an beiden Standorten gleich hoch. Der französische Standort ist zwar deutlich produktiver, allerdings weist der Standort in Portugal Kostenvorteile auf. Diese kompensieren exakt den Produktivitätsvorteil. Ergebnis 2: Geringere Kosten können Produktivitätsvorteile kompensieren. Wir wollen nun die Rahmenbedingungen der Produktion verändern. a) Erhöhung der Arbeitskosten in Frankreich von 40 € auf 50 € je Stunde: In diesem Fall steigen die gesamten Fertigungskosten in Frankreich auf 110 € je Stunde. Damit sinkt die Wirtschaftlichkeit in Frankreich auf: 3.000.000 € / (12.000 Stunden × 110 €) = 2,27 Aus betriebswirtschaftlicher Sicht hat der Standort Portugal also Vorteile. b) Reduzierung der Arbeitszeit durch neue Technologien in Portugal auf 8 Stunden je Tag: Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 582 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung582 In diesem Fall steigt die Produktivität je Stunde in Portugal auf: 250 Stück / (8 Stunden × 10 Arbeiter) = 3,125 Stück/Stunde Insgesamt sind nur noch 19.200 Stunden in Portugal notwendig, um 60.000 Geräte herzustellen. Dadurch steigt die Wirtschaftlichkeit der Produktion auf: 3.000.000 €/ (19.200 Stunden × 50 €) = 3,125 Aus betriebswirtschaftlicher Sicht hat der Standort Portugal also auch in diesem Fall Vorteile. Diese Schlussfolgerungen aus a) und b) lassen sich gut mit den Ergebnissen verknüpfen, die wir bereits bei der Analyse der Währungsunion abgeleitet haben. Ergebnis 3: Ein Land kann seine Wettbewerbsfähigkeit in einer Währungsunion verbessern, wenn es zu geringeren Löhnen produziert und/oder die Produktivität erhöhen kann. Lohnstückkosten übernehmen in einer Währungsunion sozusagen die Funktion des Wechselkurses. Steigen die Löhne schneller als die Produktivität, kommt es zur Verteuerung der Produktion und zu Preisniveausteigerungen, da die Unternehmen die steigenden Lohnstückkosten auf die Preise überwälzen. Gelingt dies nicht, drohen Rationalisierungsinvestitionen oder die Verlagerung von Standorten in das kostengünstigere Ausland. Die Lohnstückkosten sind besonders dann niedrig, wenn sich niedrige Arbeitskosten mit einer hohen Produktivität kombinieren lassen. Das ist oft bei Direktinvestitionen in „Niedriglohnländer“ möglich. Zahlenbeispiel: Verschiedene Währungen, unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit Wir wollen nun unterschiedliche Währungsgebiete betrachten. Wir wählen dazu die gleichen Ausgangsdaten und die türkische Lira als fremde Währung. Arbeitstag Produktion je Arbeitstag Zahl der Arbeiter Arbeitskosten in € je Stunde Verkaufspreis in € je Stück Frankreich 8 Stunden 400 10 40 € 50 Türkei 10 Stunden 250 10 20 Lira 50 Zunächst ermitteln wir die Lohnstückkosten je Arbeitsstunde an beiden Standorten in heimischer Währung. Der Wechselkurs sei: 1 € = 2 Lira. Die Lohnstückkosten sind definiert als: Lohnstückkosten = Arbeitskosten je Stunde / Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde. In Frankreich betragen die Lohnstückkosten: (40 €/Stunde) / (5 Stück/Stunde) = 8 €/Stück. Für die Türkei ergibt sich: (20 Lira/Stunde) / (2,5 Stück/Stunde) = 8 Lira/Stück. Internationale Vergleiche erfordern die Umrechnung in einheitliche Währung (hier: in Euro). Eine Arbeitsstunde in der Türkei koste umgerechnet 10 €. Die Lohnstückkosten in der Türkei in € betragen somit: (10 €/Stunde) / (2,5 Stück/Stunde) = 4 €/Stück. Wir wollen nun eine Aufwertung des € auf 1 € = 4 Lira unterstellen. Durch die Aufwertung des € kostet eine Arbeitsstunde in der Türkei nun umgerechnet nur noch 5 €. Die Lohnstückkosten in € betragen damit: (5 €/Stunde) / (2,5 Stück/Stunde) = 2 €/Stück. Wird der € aufgewertet, sinken die in € umgerechneten Stundenlöhne in der Türkei und damit unter sonst gleichen Bedingungen die dortigen Lohnstückkosten in €. Dies verbessert aus Sicht der Türkei die Exportchancen nach Frankreich oder in andere Staaten. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 583 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 583 Ergebnis 4: Die Aufwertung der heimischen Währung kann preisliche Wettbewerbsvorteile reduzieren. Umgekehrt verschafft die Abwertung der heimischen Währung den Unternehmen „Luft“ im internationalen Wettbewerb. Methodisch sind derartige Vergleiche aber weitaus schwieriger als es unsere vereinfachten Beispiele zeigen. So stellen sich u. a. folgende Fragen: •• Werden die gleichen Produktionsbedingungen verglichen? Lohnstückkosten können z. B. beim Übergang zu kapitalintensiven Produktionsverfahren niedriger ausfallen. •• Sollen beim Ausweis der Löhne auch die Lohnzusatzkosten berücksichtigt werden? Sollen Brutto- oder Nettolöhne verglichen werden? •• Welche Produktivitätsentwicklung und welcher Wechselkurs (z. B. Kaufkraftparitäten-Wechselkurs, realer Wechselkurs, effektiver Wechselkurs) soll als Maßstab herangezogen werden? •• Welcher Preisindex soll beim Vergleich der realen Lohnstückkosten in einheitlicher Währung herangezogen werden? •• Werden Lohnstückkosten für die Industrie ausgewiesen oder für die Gesamtwirtschaft? Im letzteren Fall ist zu berücksichtigen, dass sich die Produktivitäten, z. B. im Dienstleistungsbereich, oft nur schwer bestimmen lassen. Insgesamt ist die Frage nach den Kostenvorteilen und Kostennachteilen im internationalen Wettbewerb eingebettet in ein komplexes Geflecht von Zusammenhängen, die eine Reihe von Faktoren zur Steigerung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit nahe legen (Abb. 18.20). Die Senkung der Arbeitskosten ist dabei nur ein Element. Es ist umstritten, ob es für Hochlohnländer eine geeignete Strategie sein kann, den Platz an der Lohnhierarchie zu räumen und durch Lohnsenkungen den Wettbewerbsdruck der aufholenden Schwellenländer zu vermindern. Ein Arbeitskostendruck besteht für Länder wie Deutschland Infrastruktur Kapitaleinsatz Bildungssystem ProduktivitätArbeitskosten Lohnstückkosten Kapitalkosten Direktentgelte Sozialbeiträge Rohstoffkosten Gesamtkosten GewinnMarktstruktur Konkurrenz Preis Inlandsmarkt Wechselkurs Preis Auslandsmarkt Unternehmenssteuern €/¥ €/$ Abhängigkeit des Preises auf dem Auslandsmarkt Abb. 18.18: Bestimmungsfaktoren der internationalen preislichen Wettbewerbsfähigkeit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 584 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung584 vor allem in den Bereichen, die ein hohes Maß an unqualifizierter Arbeit erfordern und durch Produktionsprozesse weitgehend standardisiert sind. Angesichts der zunehmenden Globalisierung und des Konkurrenzdrucks durch kostengünstigere Anbieter bei standardisierten Verfahren und Prozessen können entwickelte Volkswirtschaften nur mit Hilfe von Innovationen erfolgreich sein. In internationalen Vergleichen muss weiter berücksichtigt werden, dass die Bedeutung der Arbeitskosten in den einzelnen Branchen unterschiedlich ist. In vielen Bereichen der sogenannten Wissensgesellschaft kann zudem gefragt werden, ob das Humankapital nur Lohnkosten und damit Passiva darstellt oder eher Aktiva sind, die ganz wesentlich zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens beitragen. Vor allem für die Unternehmen, die in hohem Maße in Forschung und Entwicklung investieren und qualitativ hochwertige Güter herstellen, ist davon auszugehen, dass die Wertschöpfung primär durch den Faktor Arbeit erzielt wird. Angesichts der im internationalen Vergleich zum Teil vorhandenen Defizite von Humankapital- und Forschungsinvestitionen, wird die Bedeutung von Prozentpunkte-Veränderungen der Arbeitskosten für die mittel- bis längerfristige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nach Auffassung von Fachleuten überschätzt. Studien für Deutschland zeigen beispielsweise, dass veraltete Produktions- und Distributionsprozesse sowie ungenügendes Qualitäts- und Personalmanagement in der Vergangenheit in einzelnen Branchen zu Produktivitätsdefiziten von bis zu 40 % geführt haben. Auch dies wirkt sich negativ auf die Lohnstückkosten aus. Die Reorganisation von Arbeitsabläufen in Entwicklung, Produktion und Vertrieb eröffnet in manchen Branchen ein Kostensenkungspotential von bis zu 30 %. Diese Hinweise machen deutlich, dass in der Kostendebatte eine differenzierte Argumentation unumgänglich ist. Schlagwörter •• beschäftigungsorientierte Lohnpolitik •• preisliche internationale Wettbewerbsfähigkeit 18.3 Fallbeispiele zu Kapitel 18 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 18.1: Ölpreisschock (+) Gegeben sind folgende Ausgangsdaten: Größe Dimension Januar 2008 Februar 2008 Wechselkurs US-$ / € (= Mengennotierung) 1,25 1,20 Rohöl 1 Barrel in US-$ 50 60 Ein deutsches Chemieunternehmen stellt Kunststoffe her. Diese können ausschließlich auf der Basis von Rohöl gefertigt werden. Das Unternehmen kaufte in den letzten Monaten stets 10.000 Barrel auf dem Weltmarkt ein. 1) Welchen €-Betrag muss das Unternehmen im Januar bzw. Februar 2008 für den Kauf des Rohöls aufwenden? 2) Das Unternehmen beklagt einen drastischen Anstieg der Kosten. Worauf ist die veränderte Kostensituation des Unternehmens im Februar 2008 zurückzuführen? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 585 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 585 3) Stellen Sie diese veränderte Kostensituation im makroökonomischen Modell dar. 4) Durch veränderte Produktionsprozesse soll es dem Unternehmen ab März 2008 dauerhaft gelingen, die Menge des benötigten Erdöls deutlich um 20 % zu reduzieren. Welcher Euro-Betrag müsste im März 2008 aufgewendet werden, wenn sich das Unternehmen im Rahmen eines Devisengeschäfts den gleichen Wechselkurs wie im Februar 2008 sichern konnte und der Rohölpreis auf dem Februar Niveau verharrt? Was lässt sich erkennen? Fallbeispiel 18.2: Ölpreiskrise und Stagflation (++) 1) Was verstehen Sie unter direkte und indirekte Erstrundeneffekte und Zweitrundeneffekte einer Ölpreiserhöhung? 2) Gesamtwirtschaftlich rechnet die EZB aufgrund der Verteuerung des Erdöls mit einem Anstieg des Preisniveaus und mit einem Rückgang der Produktion. a) Welche zwei Reaktionen der Notenbank auf diese gesamtwirtschaftliche Situation sind vorstellbar? Stellen Sie diese im gesamtwirtschaftlichen Totalmodell dar. Wofür wird sich die Notenbank voraussichtlich entscheiden? b) Welche Politik ist dauerhaft geeignet, die Folgen der genannten gesamtwirtschaftlichen Zielverletzungen ursachengerecht zu beseitigen? Wie lässt sich diese Politik im gesamtwirtschaftlichen Totalmodell darstellen? Fallbeispiel 18.3: Saysches Gesetz (+) 1) In einer Volkswirtschaft sind folgende Daten bekannt: Arbeitsmarkt Gütermarkt Arbeitsangebot: 2 × ls Y = C = 15 + 0,8 × Y (Hinweis: Es gibt nur die Konsumnachfrage.) Arbeitsnachfrage: 30 – ls Arbeitsproduktivität: 5 Einheiten Bestimmen Sie Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und gesamtwirtschaftliches Einkommen aus angebots- und nachfragetheoretischer Sicht und interpretieren Sie das Ergebnis. 2) In einem Buch können Sie lesen: „Sparen ist für eine Volkswirtschaft keineswegs so tugendhaft, wie dies der Laie zu glauben geneigt ist“. a) Sie sind Laie und leben in einer Volkswirtschaft, in der folgende Daten bekannt sind: C = 50 + 0,9 × Y und I = 100 Berechnen Sie das Gleichgewichtseinkommen, den Konsum und das Sparen. Interpretieren Sie das Ergebnis. b) Nehmen Sie an, dass sich die marginale Sparquote verdoppelt. Ermitteln Sie wiederum das Gleichgewichtseinkommen, den Konsum und das Sparen. Wie würden Sie aus Sicht des Sayschen Theorems argumentieren, wenn das Sparen größengleich zur Steigerung der Investitionen führt? Fallbeispiel 18.4: Ansatzpunkte und Probleme der Angebotspolitik (+) 1) Begründen Sie, welche der folgenden Maßnahmen nicht Bestandteil der Angebotspolitik ist. Welchen Zusammenhang sehen Sie zur Schumpeter-Pionierunternehmer-Hypothese? Maßnahme (1) Senkung der Unternehmenssteuern (2) Erhöhung der Staatsausgaben (3) Privatisierung staatlicher Betriebe (4) Abbau von Reglementierungen auf dem Arbeitsmarkt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 586 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung586 Maßnahme (5) Stärkung der Kaufkraft von privaten Haushalten durch hohe Lohnabschlüsse (6) Förderung von Forschung und Entwicklung (7) Ausweitung öffentlicher Bildungsinvestitionen (8) Zinssenkungen zur Stimulierung privater Investitionen (9) Förderung des Wettbewerbs auf internationalen Märkten 2) Ein früherer Finanzminister Deutschlands hat behauptet „Angebotspolitik sei die beste Nachfragepolitik“. Wie könnte der Minister argumentieren? 3) Mit welchen Problemen ist die Umsetzung einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik konfrontiert? Fallbeispiel 18.5: Produktivitätsorientierte Lohnpolitik (++) Die nachfolgende Tabelle zeigt die betriebliche Kalkulation (vereinfacht) eines mittelständischen Unternehmens. In der Ausgangslage werden 4.000 Einheiten in 1.000 Arbeitsstunden produziert. Ausgangslage a) Fall b) Fall c) Fall d) 1. Produktionsergebnis 4.000 4.200 4.200 4.200 2. Arbeitsstunden 1.000 1.000 1.000 1.000 3. Arbeitsproduktivität 4. Stundenlohn (€) 16 5. Lohnsumme (€) 6. Lohnstückkosten (€) 7. Materialkosten je Stück (€) 25 25 25 25 8. Sonstige Kosten je Stück (€) 10 10 10 10 9. Stückkosten insgesamt (€) 10. Verkaufspreis (€) 40 40 40 42 11. Erlöse (€) 12. Kosten (€) 13. Gewinn (€) 14. Gewinn/Lohnsumme a) Berechnen Sie die fehlenden Werte für die Ausgangslage. b) Der Betriebsrat fordert die Erhöhung der Stundenlöhne entsprechend der Arbeitsproduktivität. Berechnen Sie die fehlenden Werte. Interpretieren Sie das Ergebnis. c) Aufgrund der Lohnzurückhaltung in den vorangegangenen Jahren fordern die Gewerkschaften eine Stundenlohnerhöhung um das Zweifache der Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Berechnen und interpretieren Sie das Ergebnis. d) Das Unternehmen stimmt nach zähem Ringen dem Vorschlag unter c) zu. In der Folge gelingt es dem Unternehmen, die Stundenlohnerhöhung teilweise auf die Preise zu überwälzen (42 €). Berechnen Sie die fehlenden Werte und interpretieren Sie das Ergebnis. Fallbeispiel 18.6: Entlassungsproduktivität (+) 1) Unterstellen wir, dass in einem Unternehmen rationalisierungsbedingte Entlassungen von 5 % der Belegschaft mit einer Produktionssteigerung von 5 % einhergehen, die auf- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 587 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 587 grund des Einsatzes kapitalintensiver Verfahren möglich wird. Wie würden sich die Löhne je Stunde und die Lohnstückkosten entwickeln, wenn die „echte“ Produktivitätssteigerung als Maßstab gewählt würde? Vervollständigen Sie dazu die nachfolgende Tabelle. Kennzahlen Variante 1 Ausgangslage Veränderung 1. Arbeitnehmer 100 2. Produktion/Menge 5.000 3. Produktion/Arbeitnehmer 50 4. Arbeitsstunden im Monat 150 5. Lohn je Stunde 25 € 6. Lohnkosten (1 × 4 × 5) 375.000 € 7. Lohnstückkosten (6 : 2) 75 € 2) Welches Ergebnis wäre zu erwarten, wenn die die gesamte Produktivitätssteigerung als Maßstab gewählt würde? Fallbeispiel 18.7: Arbeitszeitverkürzung und Verteilungsspielraum (+) Ein mittelständisches Unternehmen produziert mit 500 Mitarbeitern bei einer Arbeitszeit von 40 Stunden je Woche 5.000 Teile für den Automobilbau, die für 100 € verkauft werden. Der Stundenlohn beträgt 20 €. Weitere Kosten werden nicht berücksichtigt. 1) Ermitteln Sie folgende Größen: • Arbeitsproduktivität je Stunde, • Lohnstückkosten, • Gewinnquote, • Lohnquote. 2) Durch den Einsatz neuer Maschinen erhöht sich die Produktivität um 4 %. Dieser soll nach Auffassung der Geschäftsleitung verteilungsneutral zu einer Erhöhung des Nominallohnes führen. Ermitteln Sie den Wochenlohn und beurteilen Sie, ob diese Erhöhung verteilungsneutral ist, wenn die Mehrproduktion auch abgesetzt werden kann. 3) Der Betriebsrat möchte die Produktivitätserhöhung zu einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich nutzen. Er erhofft sich dadurch die Neueinstellung von Arbeitskräften. Ermitteln Sie die Zahl der zusätzlich benötigten Arbeitskräfte und beurteilen Sie, ob auch diese Maßnahme verteilungsneutral ist. Fallbeispiel 18.8: Arbeitszeitverlängerung und Wettbewerbsfähigkeit (+) Ein im Wettbewerb stehendes Unternehmen sieht sich folgenden Daten gegenüber: Kennzahlen Ausgangslage 1. Produktionsmenge 5.000 2. Arbeitnehmer 100 3. Arbeitsstunden im Monat 120 4. Lohnsatz je Stunde 25 € 5. Lohnkosten (2 × 3 × 4) 300.000 € 6. Lohnstückkosten (5 : 1) 60 € Um im Wettbewerb bestehen zu können, wird eine Verlängerung der Arbeitszeit auf 125 Stunden pro Monat bei gleichem Monatslohn vereinbart. Ermitteln und interpretieren Sie folgende Größen, wenn die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde gleich bleibt: Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 588 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung588 1) die „effektiven“ Stundenlöhne aus Sicht des Unternehmens, 2) die Zahl der benötigten Arbeitskräfte, 3) die Lohnstückkosten je Arbeitsstunde, 4) die Lohnsumme. Fallbeispiel 18.9: Vergleich von Lohnkonzepten (+) Die Tarifverhandlungen in einer Branche werden auf Grundlage folgender Angaben geführt, die vom Statistischen Bundesamt vorgelegt worden sind: Volkswirtschaftliche Größe Einheit 1999 2000 Erwerbstätige (EWT) Mio. 40 BIP / Erwerbstätige €/EWT 49.020 Arbeitslose Mio. 4 Arbeitslosenquote % BIP, real Mrd. € 1.950 2.000 Inflationsrate W-Rate in % 2 2 Ermitteln Sie den Lohnabschluss im Jahr 2000, der mit den folgenden Vorschlägen zustande kommen würde: 1) Forschungsinstitute haben für die anstehende Tarifrunde einen Abschluss auf Basis der Produktivitätsentwicklung (BIP/Erwerbstätige) und eines Inflationsausgleichs gefordert. 2) Die Arbeitgeber fordern aufgrund der gestiegenen Gesamtkosten anderer Produktionsfaktoren (Kapital, Rohöl) in Höhe von 4 % einen Lohnabschluss, der die Gesamtkostensituation des Unternehmens unverändert lässt (sog. kostenniveauneutrale Lohnpolitik). 3) Ausgehend von einer „unvermeidbaren“ Arbeitslosenquote von 4 % schlägt „Die Vereinigung der Arbeitslosen“ einen Tarifabschluss auf Basis der sogenannten Eekhoff-Formel vor. Fallbeispiel 18.10: Lohnstückkosten und internationale preisliche Wettbewerbsfähigkeit (++) Ein Handyhersteller will insgesamt 10.000 Geräte fertigen, und zwar je 5.000 Geräte an einem Standort in Deutschland und in Slowenien (mit gemeinsamer Währung Euro). Die Produktionsbedingungen an beiden Standorten sind folgender Tabelle zu entnehmen: Stunden je Arbeitstag Produktion je Arbeitstag Zahl der Arbeiter Arbeitskosten in € je Stunde Verkaufspreis je Stück Deutschland 8 Stunden 400 10 40 50 € Slowenien 10 Stunden 250 10 20 50 € 1) Berechnen Sie die Produktivität je Arbeitsstunde an beiden Standorten. 2) Berechnen Sie die Wirtschaftlichkeit (Kosten/Leistung) der Produktion an beiden Standorten, wenn die gesamten Fertigungskosten je Stunde in Deutschland bei 100 € und in Slowenien bei 50 € liegen. Interpretieren Sie kurz das Ergebnis. 3) Welchen Standort würden Sie unter ökonomischen Gesichtspunkten wählen, wenn folgende Veränderungen eintreten (bei ansonsten konstanten Größen)? Berechnen Sie dazu – falls notwendig – die Wirtschaftlichkeit an dem Standort, der durch die Veränderung betroffen ist: a) Erhöhung der Arbeitskosten in Deutschland auf 50 € je Stunde b) Reduzierung der Verkaufspreise je Stück auf 40 € Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 589 Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung 589 c) Reduzierung der Arbeitszeit durch neue Technologien in Slowenien auf 8 Stunden je Tag 4) Gleiche Situation wie oben – nun aber unterschiedliche Währungen zwischen zwei Standorten: Stunden je Arbeitstag Produktion je Arbeitstag Zahl der Arbeiter Arbeitskosten je Stunde Deutschland 8 Stunden 400 10 40 € Polen 10 Stunden 250 10 20 Zloty a) Ermitteln Sie zunächst die Lohnstückkosten je Arbeitsstunde an beiden Standorten in heimischer Währung. Der Wechselkurs sei: 1 € = 2 Zloty. b) Nehmen Sie eine Aufwertung des € auf 1 € = 4 Zloty an. Wie verändern sich die Lohnstückkosten an beiden Standorten? Interpretieren Sie das Ergebnis. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 591 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

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References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.