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Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 527 - 573

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_527

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 515 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand Kapitel 17 Nordrhein-WestfalenGebiet Juli Arbeitslosenzahl Arbeitslosenquote Offene Stellen Erwerbstätige Veränderung in % gegenüber Vormonat www.arbeitsamt.de Inhaltsübersicht 17.1 Hoher Beschäftigungsstand als wirtschaftspolitisches Ziel. . . . . . . . . . . . . . . . 516 17.1.1 Arbeitsmarktindikatoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 520 17.1.2 Arbeitsangebot und Arbeitsvolumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523 17.1.3 Formen der Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsstrategien . . . . . . . . . . . . . 529 17.2 Arbeitsmarktbezogene Ursachen der Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 531 17.2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 533 17.2.2 Strukturelle Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 536 17.3 Institutionelle Rahmenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539 17.3.1 Lohnverhandlungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 542 17.3.2 Marktunvollkommenheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 544 17.4 Gesamtwirtschaftliche Ursachen der Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545 17.4.1 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545 17.4.2 Wirtschaftswachstum, Produktivität und Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . 550 17.5 Fallbeispiele zu Kapitel 17 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 555 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 516 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung516 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Arbeitslosigkeit ist von allen makroökonomischen Problemstellungen jene, die Menschen am unmittelbarsten betrifft. Arbeitslosigkeit hat nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche und makroökonomische Dimension. •• Zur Beurteilung der Arbeitsmarktsituation stehen verschiedene Indikatoren bereit. Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht die Arbeitslosenquote. Sie ist das Resultat der Teilrisiken Betroffenheit, Häufigkeit und Dauer von Arbeitslosigkeit. •• Die Beurteilung der Arbeitslosigkeit muss das Arbeitsangebot berücksichtigen, das u. a. von der demographischen Entwicklung und vom Erwerbsverhalten abhängig ist. •• Die Ursachen für Mismatch-Arbeitslosigkeit liegen auf dem Arbeitsmarkt begründet. Häufig ist der Wechsel zwischen Beschäftigungsverhältnissen nicht reibungslos oder aufgrund einer fehlenden Qualifikation auch dauerhaft nicht möglich. •• Auch institutionelle Rahmenbedingungen – z. B. zu hohe Mindestlöhne oder zu vielschichtige arbeitsrechtliche Regelungen – können Arbeitslosigkeit verursachen. •• Arbeitslosigkeit muss seine Ursachen nicht auf dem Arbeitsmarkt haben. Verantwortlich sind häufig gesamtwirtschaftliche Entwicklungen. Dazu zählen vor allem ein Nachfragemangel auf dem Gütermarkt, technologische Entwicklungen oder ein zu geringes Wirtschaftswachstum. 17.1 Hoher Beschäftigungsstand als wirtschaftspolitisches Ziel In Deutschland gehörte die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit über mehrere Jahrzehnte zu den gravierendsten ökonomischen und sozialen Problemen. In vielen Jahren war die Arbeitslosigkeit durch ein hohes Maß an Beharrlichkeit (Persistenz) gekennzeichnet. In den Abschwungphasen 1973/74, 1981/82 und 1992/93 stieg die konjunkturelle Arbeitslosigkeit sprunghaft an. Gleichzeitig etablierte sich eine hohe Sockelarbeitslosigkeit, die im konjunkturellen Aufschwung nicht spürbar abgebaut werden konnte. In einigen Jahren stieg die Arbeitslosigkeit sogar trotz eines zunehmenden Angebots an offenen Stellen. Dies ist ein Indiz für das Vorliegen einer strukturellen Arbeitslosigkeit (Abb. 17.1). Zu diskutieren bleibt, welches Ausmaß an Beschäftigung realistisch erscheint. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es eine unvermeidbare friktionelle Arbeitslosigkeit gibt, die vor allem aus dem Wechsel von Arbeitsverhältnissen resultiert. Der Begriff Vollbeschäftigung wird oft als erreicht betrachtet, wenn alle, die einer bezahlten Arbeit nachgehen möchten, einen Arbeitsplatz besitzen. Die Vollbeschäftigungsgrenze in den 60er Jahren wurde bei einer Arbeitslosenquote von etwa einem Prozent gesehen. Begründung des Ziels Arbeitslosigkeit ist diejenige makroökonomische Problemstellung, die Menschen am unmittelbarsten betrifft. Arbeitslosigkeit führt in der Regel zu Einkommenseinbußen und bei längerfristiger Dauer zu psychischen Belastungen, Verlust an Selbstwertgefühl und Status in einer leistungsorientierten Gesellschaft (Abb. 17.2). Es ist daher nachvollziehbar, dass die ursprüngliche Begründung für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im sozialethischen Bereich liegt. Aus gesellschaftspolitischer Sicht gilt Arbeitslosigkeit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 517 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 517 als systemgefährdend, da sie zumindest bei Auftreten von Massenarbeitslosigkeit antidemokratischen Strömungen Vorschub leisten kann. Ökonomisch bedeutet Arbeitslosigkeit, dass der Produktionsfaktor Arbeit nicht in ausreichendem Maße zur Produktion eingesetzt werden kann. Ein erreichbares Wohlfahrtsmaximum wird verfehlt, wobei die entstehenden Kosten der Produktionsausfälle nur schwer zu beziffern sind. Messbar sind hingegen die direkten Kosten der Arbeits- Vollbeschäftigung unvermeidbare (friktionelle) Arbeitslosigkeit Arbeitslosigkeit (zunehmender Sockel) Offene StellenKonjunkturelleArbeitslosigkeit Strukturelle Arbeitslosigkeit Arbeitslose, offene Stellen (in Prozent der Erwerbspersonen 1 3 6 Komplexes Bild der Arbeitslosigkeit Zeit Abb. 17.1: Arbeitslosigkeit Dimensionen der Arbeitslosigkeit Fiskalische Kosten Beispiele Mrd. €. Mehrausgaben Arbeitslosengeld I, Arbeitslosengeld II Wohngeld Sozialversicherungsbeiträge Mindereinnahmen Steuern Sozialversicherungsbeiträge Summe Outputverluste Beispiele Mrd. €. entgangenes BIP Verschwendung von Humankapital Summe Ökonomische DimensionGesellschaftlich-individuelle Dimension Soziale Kosten Beispiele individuelle Ebene Verlust an Selbstwertgefühl Statusverlust materielle Not gesellschaftliche Ebene Gefährdung der politischen Ordnung bei Massenarbeitslosigkeit Abb. 17.2: Dimensionen der Arbeitslosigkeit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 518 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung518 losigkeit. Sie entstehen durch zusätzliche Ausgaben der öffentlichen Hand und durch verringerte Einnahmen von Steuern und Sozialbeiträgen. Die umfassendste rechnerische Größe für die gesamten Kosten der Unterbeschäftigung bzw. Beschäftigungslücke ist das entgangene Bruttoinlandsprodukt. Diese Größe bezeichnet den Verlust an gesellschaftlicher Wohlfahrt durch Unterbeschäftigung, ausgedrückt als Entzug von zusätzlich verteilbarem Einkommen bzw. Gütern. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat versucht, die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Unterbeschäftigung zu berechnen. Danach wäre das nominale BIP im Jahr 2006 um rund 230 Mrd. höher gewesen, wenn zu dieser Zeit ein hoher Beschäftigungsstand geherrscht hätte. Zwar sind derartige Berechnungen mit methodischen Unsicherheiten behaftet, sie zeigen dennoch die hohen ökonomischen Wohlfahrtseinbußen einer anhaltend hohen Arbeitslosigkeit. Messung des Ziels Die Messung des Ziels „Hoher Beschäftigungsstand“ im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz erfordert zunächst einen Blick auf beschäftigungsrelevante Größen (Abb. 17.3). Erwerbspersonen sind alle Personen, die unmittelbar oder mittelbar eine auf Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben oder suchen. Erwerbstätige sind Personen, die entweder in einem Arbeitsverhältnis stehen (Arbeiter, Angestellte, Beamte, Auszubildende), oder selbstständig ein Gewerbe betreiben bzw. einen freien Beruf ausüben. Das Erwerbspersonenpotential bezeichnet in einer weiten Abgrenzung den Umfang des Arbeitskräfteangebots der Wohnbevölkerung im Alter zwischen 15 bis 65 Jahren (abhängig vom gesetzlichen Renteneintrittsalter). In einer engen Abgrenzung erfasst das Erwerbspersonenpotential die Erwerbspersonen und die Stille Reserve. Zur Stillen Reserve zählen nichtbeschäftigte Personen, die eine Erwerbstätigkeit suchen, jedoch nicht die Arbeitsagentur einschalten bzw. Personen, die zur Zeit zwar keine Arbeit suchen, aber im Fall einer besseren Arbeitsmarktlage dem Arbeitsmarkt Arbeitskräfteangebot (Erwerbspersonenpotential) Erwerbstätige Stille ReserveErwerbspersonen Arbeitslose abhängig Beschäftigte Selbständige, mithelfende Familienangehörige besetzte Stellen der Arbeitsagentur gemeldet der Arbeitsagentur nicht gemeldet unbesetzte Stellen Arbeitskräftenachfrage Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt Abb. 17.3: Arbeitskräfteangebot und -nachfrage Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 519 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 519 zur Verfügung stehen würden. Zu dieser Größe zählen vor allem Hausfrauen, ältere Arbeitskräfte oder in (Ausweich-)Ausbildung stehende Personen. Ausgehend von den beschäftigungsrelevanten Größen lassen sich Beschäftigungs-, Erwerbs- und Arbeitslosenquoten ausweisen (Abb. 17.4). In der Regel wird der „Negativindikator“ Arbeitslosenquote für die Umschreibung des Ziels „Hoher Beschäftigungsstand“ verwendet, nicht aber z. B. die Erwerbsquote. In der öffentlichen Diskussion werden zumeist die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) herangezogen, weil sie kontinuierlich und flächendeckend verfügbar sind. Die Statistik der registrierten Arbeitslosigkeit wird monatlich von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht. Danach gelten Personen zwischen 15 und 65 Jahren als „registriert arbeitslos“, wenn sie •• bei der Bundesagentur für Arbeit arbeitslos gemeldet sind, •• beschäftigungslos sind oder einer geringfügigen Tätigkeit von höchstens 14 Stunden pro Woche nachgehen, •• eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von mindestens 15 Stunden pro Woche suchen und •• für die Vermittlung verfügbar sind. Verfügbarkeit bedeutet, dass der Arbeitslose der Vermittlung in eine Beschäftigung oder in eine Maßnahme der aktiven Arbeitsmarktpolitik sofort zur Verfügung steht. Nicht als registriert arbeitslos zählen Personen, die keine Erwerbstätigkeit ausüben dürfen oder können (z. B. Ausländer ohne Arbeitserlaubnis oder Personen, die erwerbsunfähig erkrankt sind). Ebenfalls nicht als arbeitslos registriert sind Personen im Bildungssystem, in Altersrente sowie Wehr- oder Zivildienstleistende. Auch Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik zählen nicht zu den registrierten Arbeitslosen. Nicht registriert arbeitslos sind zudem Personen, die wegen verminderter Leistungsfähigkeit Arbeitslosengeld erhalten sowie nicht arbeitsbereite ältere Arbeitslose und Arbeitsnachfrage Beschäftigungsquote = Erwerbstätige Bevölkerung im Alter von 15–65 Jahren Erwerbsquote = Arbeitsangebot Matching Arbeitslosenquote = Kennziffern zur Beurteilung der Arbeitsmarktsituation Erwerbspersonen Bevölkerung im Alter von 15–65 Jahren Arbeitslose (registriert) Erwerbspersonen Abb. 17.4: Arbeitsmarktindikatoren Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 520 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung520 Personen mit dem Status „Altersruhestand wegen Arbeitslosigkeit“. Üblich ist die Beurteilung der Arbeitslosigkeit anhand folgender Arbeitslosenquoten (ALQ): •• weite Definition: ALQ = (Arbeitslose / Erwerbspersonen) × 100 •• enge Definition: ALQ = (Arbeitslose / (Arbeitslose + abhängig Beschäftigte)) × 100 Da die Zahl der Selbständigen nicht in die enge Definition einfließt, ist die Quote bei einer gegebenen Zahl von registrierten Arbeitslosen entsprechend höher (in der Praxis etwa 1 %). Wir betrachten dazu ein Zahlenbeispiel: In einer Volkswirtschaft gibt es 5 Mio. Schüler und Studierende, 5 Mio. Rentner, 18 Mio. Erwerbstätige, 2 Mio. Selbständige und 2 Mio. Arbeitslose. Schüler, Studierende und Rentner gehen keiner Beschäftigung nach. Auf dieser Grundlage errechnet sich folgende Arbeitslosenquote: •• enge Definition (ohne Selbständige): (2 Mio./(18 Mio. + 2 Mio.)) × 100 = 10 % •• weite Definition (mit Selbständigen): (2 Mio./(18 Mio. + 2 Mio. + 2 Mio.)) × 100 = 9,1 % Die Arbeitslosenquote steht in komplementärer Beziehung zum Beschäftigungsgrad (BEG): BEG = (Arbeitsnachfrage / Arbeitsangebot) × 100 = (Erwerbstätige / Erwerbspersonen) × 100 Schlagwörter •• Sockelarbeitslosigkeit •• Vollbeschäftigung •• Massenarbeitslosigkeit •• registrierte Arbeitslosigkeit •• Erwerbspersonen •• Erwerbstätige •• Erwerbspersonenpotential •• Stille Reserve •• Beschäftigungsgrad 17.1.1 Arbeitsmarktindikatoren Die geläufige statistische Betrachtung der Arbeitslosenzahl bzw. Arbeitslosenquote verkennt, dass sich hinter dieser Bestandszahl erhebliche Bewegungen am Arbeitsmarkt verbergen können. Die Zahl der Arbeitslosen wird durch verschiedene Komponenten bestimmt: •• Zugang an Arbeitslosen (Zugangsrisiko), •• Abgang aus der Arbeitslosigkeit, •• Dauer der Arbeitslosigkeit (Verbleibrisiko). Im Jahr 2009 waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit etwa 3,1 Mio. Personen arbeitslos; die Zugänge in die Arbeitslosigkeit betrugen in diesem Jahr etwa 8,7 Mio. Fälle, die Abgänge etwa 8,5 Mio. Fälle. Es ist einleuchtend, dass die Arbeitslosenzahl (-quote), umso höher ist, •• je öfter die Menschen arbeitslos werden, •• je länger die Menschen arbeitslos bleiben und •• je mehr Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Eine Zerlegung der Arbeitslosigkeit in ihre einzelnen Komponenten liefert für die Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik wichtige Anhaltspunkte. So weist eine Kombination von niedrigem Verbleibrisiko und hohem Zugangsrisiko auf saisonale Arbeitslosigkeit hin, während ein hohes Verbleibsrisiko ein Indiz auf strukturelle Arbeitslosigkeit ist. Ein hohes Verbleibrisiko in Verbindung mit einem hohen Zugangsrisiko ist hingegen kennzeichnend für die Langzeitarbeitslosigkeit. Die Beurteilung der Arbeitslosigkeit muss komplexe Wirkungszusammenhänge zwischen dem Arbeitsmarkt, der Arbeitslosigkeit, dem Bildungssystem und dem Entscheidungsverhalten der Arbeitssuchenden bzw. Beschäftigten berücksichtigen. Wir Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 521 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 521 betrachten dazu einige Beispiele, wobei aus Vereinfachungsgründen auf die Einbeziehung der Selbständigen verzichtet wird: Bereich Relevante Größen (Beispiele) Arbeitsmarkt abhängig Beschäftigte, offene Stellen Arbeitslosigkeit registrierte Arbeitslose Bildungssystem Studium, Ausbildung, Weiterbildung Entscheidungsverhalten (freiwillige) Kündigung, Aus- und Fortbildung, Ruhestand Die Zusammenhänge zwischen Arbeitsmarkt, Bildungssystem und Erwerbstätigkeit lassen sich wie folgt erklären (Abb. 17.5): •• Aus der erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter zwischen 15–65 Jahren bieten einige ihre Leistungen nicht auf dem Arbeitsmarkt an (1), z. B. Hausmänner und Hausfrauen; und einige sind noch im Bildungssystem (2), z. B. Studierende. •• Das Arbeitsangebot setzt sich aus angebotenen Vollzeit- und Teilzeitkräften (3) zusammen. •• Der überwiegende Teil der Arbeitsanbieter erhält einen Arbeitsplatz (4), der Rest ist arbeitslos (5). Gleichzeitig werden offene Stellen angeboten (6). •• Der „Sektor“ Arbeitslose ist durch Entlassungen (7), durch freiwillige Kündigungen (8) und Einstellungen (9) mit dem Beschäftigungssektor verbunden. •• Arbeitslose gehen in das Bildungssystem (10), z. B. Fortbildung; auch aus dem Sektor Beschäftigte kann das Bildungssystem Zulauf erhalten (11), z. B. wenn begabte Auszubildende ein Studium aufnehmen. Beide Gruppen bieten nach dem Ende ihrer Ausbildung wieder Arbeit an (12), oder sie kehren nicht auf den Arbeitsmarkt zurück (17), z. B. weil sie während der Ausbildungsphase eine Familie gründen. Nicht auf dem Arbeitsmarkt Erwerbsfähige Bevölkerung (15–65 Jahre) Bildungssystem Arbeitsangebot Offene Stellen Abhängig Beschäftigte Registrierte Arbeitslose 3 2 17 12 6 4 10 9 811 14 13 1 15 16 5 7 Arbeitsmarkt als Resultat vieler Vorgänge 1. Hausmänner und Hausfrauen 2. Studierende 3. Arbeitsangebot: Voll-, Teilzeitarbeitskräfte 4. tatsächliches Arbeitsangebot 5. unfreiwillig arbeitslos 6. offene Stellen 7. Entlassungen 8. freiwillige Kündigungen 9. neue Einstellungen 10. Fortbildung/Umschulung 11. zweite Ausbildung 12. Erfolgreicher Abschluss 13. Entmutigte 14. (Vor-)Ruhestand 15. Rückkehr in das Erwerbsleben 16. Nachschulungen 17. keine Rückkehr aus der Ausbildung in den Arbeitsmarkt Abb. 17.5: Vorgänge zwischen (Nicht-)Arbeitsmarkt und Bildungssystem Quelle: in Anlehnung an Franz, 2006, S. 7 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 522 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung522 •• Vergeblich Arbeitssuchende verlassen entmutigt den Arbeitsmarkt (13) und gehen ebenso wie zuvor abhängig Beschäftigte in den (Vor-)Ruhestand (14). Diese Personen können jedoch wieder in den Arbeitsmarkt zurückkehren (15), z. B. Rentner, die wieder eine geringfügige Beschäftigung aufnehmen oder sich weiterqualifizieren (16). Viele dieser Vorgänge haben Auswirkungen auf die Arbeitslosenquote und über- bzw. unterzeichnen die Arbeitslosigkeit. Konzeptionelle Effekte Im Kern soll in der Statistik nur die unfreiwillige Arbeitslosigkeit ausgewiesen werden. Eine freiwillige Arbeitslosigkeit liegt vor, wenn Menschen zum herrschenden Lohnsatz nicht bereit sind, eine Arbeit aufzunehmen. Schwierig ist diese Differenzierung jedoch bezogen auf jene Menschen, die z. B. dann arbeiten würden, wenn es eine bessere Kinderbetreuung gäbe. Stehen keine Hortplätze zur Verfügung, werden diese Menschen unter den gegebenen Umständen als freiwillig und nicht als unfreiwillig arbeitslos betrachtet. Zutreffender wird dieser Teil der Arbeitslosen als Stille Reserve bezeichnet. Dazu zählen auch Personen, die nicht bei der Bundesagentur für Arbeit registriert sind, die aber aus eigener Initiative eine Beschäftigung suchen. Gleichzeitig sind nicht alle von der Statistik erfassten Personen unfreiwillig arbeitslos. Menschen können sich arbeitslos melden, obwohl sie eigentlich gar keine Arbeit suchen bzw. aufnehmen wollen, aber Anspruch auf Lohnersatzleistungen haben. Wir müssten also die Personen hinzurechnen, die zu Unrecht nicht erfasst (z. B. Stille Reserve) und diejenigen Personen herausrechnen, die zu Unrecht erfasst werden. Neben der Stillen Reserve wird häufig noch eine verdeckte Arbeitslosigkeit ausgewiesen (Tab. 17.1). Der Begriff „unbefriedigend“ ist gemeint im Sinne von für die Arbeit überqualifiziert; eine Änderung der Beschäftigung oder Beendigung der Arbeitslosigkeit ist erwünscht. Aus dieser Tabelle ergeben sich folgende Konzepte: Konzepte Personenkreis Fälle A bis F Erwerbspersonenpotential Fälle C und D Stille Reserve Fälle B und D verdeckte Arbeitslosigkeit Fall E unechte Arbeitslosigkeit Tab. 17.1: Abgrenzung: Stille Reserve, verdeckte und unechte Arbeitslosigkeit Quelle: in Anlehnung an von der Lippe, 1996, Kap. II.2.5 subjektive Bewertung erwerbstätig arbeitslos nicht registriert registriert Befriedigend Fall A: Normalfall der Beschäftigung Fall C: keine Arbeitssuche Fall E: unechte (freiwillige) Arbeitslosigkeit unbefriedigend Fall B: Dauer, Umfang und Art der Tätigkeit nicht wie gewünscht Fall D: Entmutigte, die eine Arbeitssuche aufgegeben haben Fall F: offene, echte Arbeitslosigkeit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 523 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 523 Je nach Abgrenzung erscheint damit die statistisch ausgewiesene Zahl der Arbeitslosen zu groß oder zu klein. Eine korrigierte Arbeitslosenzahl könnte sein: Registrierte Arbeitslose + verdeckte Arbeitslosigkeit – unechte Arbeitslosigkeit. Neben der Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit werden Arbeitslose seit März 2005 vom Statistischen Bundesamt auch in einer repräsentativen Telefonumfrage erfasst. Sie werden dort Erwerbslose genannt. Dieses Erhebungskonzept orientiert sich an den internationalen Empfehlungen der ILO (International Labour Organization) zur Messung der Arbeitslosigkeit, die von der deutschen Systematik abweichen (Abb. 17.6). Eine Umstellung der Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit auf diese Kriterien, wie sie z. B. von der OECD und dem Europäischen Statistikamt (eurostat) nach den ILO-Konzept ermittelt werden, würde die offizielle Arbeitslosenquote in einigen Jahren um bis zu 1,5 Prozentpunkte senken. Schlagwörter •• verdeckte Arbeitslosigkeit •• Dauer der Arbeitslosigkeit •• Zugangsrisiko •• Verbleibrisiko •• Stille Reserve •• (un-)freiwillige Arbeitslosigkeit •• Arbeitslose •• Erwerbslose 17.1.2 Arbeitsangebot und Arbeitsvolumen Grundsätzlich ist Arbeitslosigkeit ein Verteilungsproblem der vorhandenen Arbeit und lässt immer wieder den Ruf nach ihrer gerechteren Verteilung (z. B. durch Arbeitszeitverkürzung) laut werden. Arbeitslosigkeit kann daher nicht losgelöst vom Arbeitsangebot betrachtet werden. Das quantitative Arbeitsangebot hat eine demographische, eine verhaltensmäßige und eine zeitliche Dimension (Abb. 17.7). Aus qualitativer Sicht ist zudem der Ausbildungsstand des Arbeitsangebots zu berücksichtigen. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsangebot oder Arbeitsvolumen einer Volkswirtschaft entspricht der Menge an Arbeitsleistungen (Vollzeit, Teilzeit, Überstunden), die in einer Periode (z. B. in einem Jahr) von allen Erwerbspersonen geleistet werden (im Jahr 2010 etwa: 57 Mrd. Stunden). Unterschiedliche Erfassungsmethoden der Arbeitslosigkeit als erwerbslos gelten Personen, die … als arbeitslos gelten Personen, die … Erfassung bei telefonischer Befragung angeben, dass sie keine Beschäftigung oder eine Beschäftigung von weniger als 1 Stunde pro Woche ausüben sich arbeitslos gemeldet haben und die keine Beschäftigung oder eine Beschäftigung von weniger als 15 Stunde pro Woche ausüben Suche eine Beschäftigung von mindestens 1 Stunde pro Woche suchen und in den letzten vier Wochen selbst aktiv nach Arbeit gesucht haben eine Beschäftigung von mindestens 15 Stunden je Woche suchen Verfügbarkeit dem Arbeitsmarkt innerhalb von zwei Wochen zur Verfügung stehen dem Arbeitsmarkt zeitnah zur Verfügung stehen Abb. 17.6: Erwerbs- und Arbeitslose Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 524 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung524 Bevölkerungsentwicklung Die Größe einer Bevölkerung ist abhängig von der Zahl der Geburten und Sterbefälle sowie Wanderungsbewegungen. Obwohl die Geburtenrate in Deutschland seit Jahrzehnten niedrig ist, kam es bisher nicht zu einem deutlichen Bevölkerungsrückgang, weil die Lebenserwartung der Einwohner gestiegen ist und zudem regelmäßig mehr Menschen nach Deutschland ein- als auswandern. Die zusammengefasste Fertilitätsrate gestattet eine Aussage zum Erhalt einer Bevölkerung (ohne Berücksichtigung von Wanderungen). Diese Kennziffer bezeichnet im statistischen Mittel die Anzahl der Lebendgeborenen, die eine Frau während ihres gesamten gebärfähigen Alters (gewöhnlich zwischen 15 und 45 Jahren) zur Welt bringt. Dabei wird unterstellt, dass die derzeitigen altersspezifischen Geburtenraten im Laufe des gebärfähigen Lebensabschnitts einer Frau konstant sind. Die Fertilitätsrate von 2,1 ist dabei von besonderer Bedeutung. Für den Erhalt der Bevölkerung sind pro Frau mindestens zwei Kinder als „Ersatz“ für Vater und Mutter notwendig, zusätzlich eines „Ausgleichs“ von 0,1 für diejenigen, die keine Kinder bekommen oder frühzeitig gestorbene Kinder (Erhaltungs-, Nettoreproduktionsrate). Generell ergeben sich folgende Fälle: Geburtenrate unterhalb 2,1 Kinder pro Frau Bevölkerung schrumpft Geburtenratenrate nahe 2,1 Kinder pro Frau Bevölkerung nahezu konstant Geburtenrate oberhalb 2,1 Kinder pro Frau Bevölkerung wächst Bei einer Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau, wie sie zurzeit in Deutschland gegeben ist, nimmt die Bevölkerung innerhalb einer Generation, d. h. innerhalb von 30 Jahren, um 34 % ab. Dieser Prozess hat längerfristig auch Auswirkungen auf den Ein-, Auswanderung Geburten Sterbefälle Wanderungssaldo Bevölkerungsentwicklung Gesamtbevölkerung Anteil erwerbsfähiger Personen (15 - 65 Jahre) Erwerbspersonenpotential Erwerbsbeteiligung (= Erwerbsquoten) Erwerbspersonen (angebotene) Arbeitszeitje Erwerbsperson × × × Demographie • Altersaufbau • Lebensarbeitszeit Erwerbsverhalten • Geschlecht • Familienstand Erwerbszeit • Tag, Monat • Voll-, Teilzeit Arbeitsvolumen Arbeitsproduktivität× Output (BIP) Legende: demographische Komponente verhaltensmäßige Komponente zeitliche Komponente Zentrale Einflussfaktoren des Arbeitsangebots Abb. 17.7: Bestimmungsgrößen des Arbeitsvolumens Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 525 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 525 Arbeitsmarkt. Der seit dem Beginn der Industrialisierung andauernde Trend eines stetigen Bevölkerungswachstums ist beendet. Selbst wenn jährlich 200.000 Migranten nach Deutschland zuwandern (Einwanderungsland), könnte die Bevölkerung von derzeit 82 Millionen auf 70 Millionen im Jahr 2050 schrumpfen (Abb. 17.8). Der Bevölkerungsrückgang lässt sich durch halbwegs realistische Zuwanderungsraten nur mildern, aber nicht aufhalten. Niedrige Geburtenraten und steigende Lebenserwartungen lassen die Alterung der Bevölkerung voranschreiten. Der Anteil der Hochbetagten (über 80 Jahre) wird sich voraussichtlich bis 2035 von derzeit weniger als 4 % auf über 12 % mehr als verdreifachen. Die dramatische Alterung belastet die sozialen Sicherungssysteme (Rente, Gesundheit, Pflege) und erfordert langfristige Anpassungsstrategien. Im deutschen Rentensystem kommen die derzeit Erwerbstätigen und ihre Arbeitgeber mit ihren Beiträgen für diejenigen auf, die heute Rente beziehen. Deshalb können wir aus der Erwerbstätigkeit ableiten, wie stark die sozialen Sicherungssysteme künftig durch den erhöhten Anteil älterer Menschen belastet werden. Als Maßzahl hierfür wird der Rentnerquotient genommen, d. h. die Anzahl der Beitragszahler (Erwerbstätige), die für einen Rentner aufkommen (Abb. 17.9). Im Sinne des Generationenvertrags kommen derzeit dreieinhalb Erwerbstätige jeweils für einen Rentner auf. Aufgrund sinkender Geburtenraten und steigender Lebenserwartung werden in 30 Jahren nur noch zwei Beitragszahler für jeweils einen Rentenbeziehenden sorgen. Der Altenquotient, auch Altenlastquote, ist hingegen ein Begriff aus der Demografie. Er gibt das Verhältnis von der Anzahl Menschen an, die nicht mehr im erwerbsfähigen Alter sind (ab 65 Jahre), zu der Anzahl der Menschen, die im erwerbsfähigen Alter sind (15 bis unter 65 Jahre). Je nach länderspezifischem Bildungssystem und Renteneintrittsalter kann es auch engere oder weitere Abgrenzungen der Personengruppen geben. Schrumpfende Bevölkerung Abb. 17.8: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland bis 2050 Quelle: DB-Research, 2006 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 526 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung526 Mögliche Probleme der Rentenversicherung lassen sich anhand der elementaren Finanzierungsgleichung der Rentenversicherung diskutieren: Anzahl der Versicherten × Lohn × Beitragssatz = Anzahl der Rentner × Höhe der Rente Daraus lassen sich verschiedene Reformoptionen ableiten: •• Wir können die Zahl der Versicherten erhöhen, z. B. durch Erhöhung der Lebensarbeitszeit oder die Einbeziehung weiterer Personenkreise in die Rentenversicherung. Im zweiten Fall erhöht sich unmittelbar die Zahl der Versicherten und schafft auf der linken Seite der Gleichung zusätzliche Einnahmen. Auf der rechten Seite der Gleichung kommt es allerdings ebenfalls zu Belastungen, weil jeder Beitragszahler auch später ein Rentner wird. Anders ist es allerdings bei der Erhöhung der Lebensarbeitszeit. Hier sinkt die Zahl der Rentner respektive der Zeitraum, in dem diese eine Rente beziehen. Die Maßnahme ist also mit Blick auf die Finanzen der Rentenkasse als positiv zu beurteilen. •• Eine Erhöhung der Löhne oder der Beitragssätze steigert die Einnahmen, ist aber aus beschäftigungspolitischer Sicht nicht unproblematisch und führt auch zu höheren Rentenansprüchen auf der rechten Seite. •• Eine Ausgabensenkung über eine Kürzung der Rente wäre möglich, die Anzahl der Rentner lässt sich jedoch nicht reduzieren. Vereinfachend lässt sich sagen, dass Erhöhungen auf der linken Seite der Gleichung stets zu Lasten der aktuellen Beitragszahlergeneration gehen, während Kürzungen auf der rechten Seite der Gleichung zu Lasten der jetzigen Rentnergeneration gehen. Die Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf die sozialen Sicherungssysteme lassen sich vereinfacht darstellen, wenn wir uns eine Volkswirtschaft mit 100 Personen vorstellen, die ein BIP von 1 Mio. € produziert. Daraus ergibt sich ein Einkommen pro Kopf von 10.000 €. Wenn in dieser Volkswirtschaft 60 Personen erwerbstätig sind und die anderen 40 Leistungsempfänger (Rentner), dann muss jeder Erwerbstätige im Durchschnitt 16.667 € erwirtschaften (Tab. 17.2). Rentenquotient Altenquotient Alternde Bevölkerung Abb. 17.9: Renten- und Altenquotient (2000–2030) Quelle: Rürup-Kommission, 2003 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 527 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 527 Wenn die Zahl der Erwerbstätigen auf 50 zurückgeht und die Zahl der Leistungsempfänger im gleichen Umfang steigt, dann müssen die Erwerbstätigen bei gleicher Höhe des Pro-Kopf-Einkommens von 10.000 € ein BIP von 20.000 € je Person erwirtschaften. Diese zusätzliche Leistung kann z. B. durch Produktivitätssteigerungen möglich werden. Geht die Zahl der Rentner aufgrund einer Erhöhung des Renteneinstiegsalters von 40 auf 20 zurück und erhöht sich dementsprechend die Zahl der Erwerbstätigen von 60 auf 80, dann müssen die Erwerbstätigen nur noch 12.500 € erwirtschaften, wenn der Lebensstandard unverändert bleiben soll. Erwerbsverhalten und Arbeitszeit Seit den 70er Jahren sind veränderte Verhaltensweisen in der Erwerbsbeteiligung erkennbar (Verhaltenskomponente): •• Verringerung der Erwerbsquoten der jüngeren Bevölkerung infolge längerer Ausbildungszeiten (einschließlich Studium), •• geringere Erwerbsquoten der über 60-jährigen aufgrund früheren Renteneintritts, •• höhere Erwerbsquoten von Frauen. Die zeitliche Zusammensetzung des Arbeitsvolumens weist in den letzten Jahrzehnten deutliche Veränderungen auf (Abb. 17.11). Seit 1960 hat sich die tatsächliche Lebensarbeitszeit fast halbiert. Ursächlich sind neben den längeren Ausbildungszeiten (einschließlich Studium) die Zunahme der Urlaubstage, die Verringerung der Arbeitsstunden pro Woche sowie ein früherer Eintritt in die Rente. Auch die effektive Jahresarbeitszeit ist deutlich zurückgegangen. Angesichts der demographischen Entwicklung wird heute vermehrt über eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit sowie eine längere Beschäftigung von älteren Arbeitnehmern diskutiert. Tab. 17.2: Zahlenbeispiel zur Demographie und sozialen Sicherungssystemen Erwerbstätige Leistungsempfänger BIP Anzahl 60 40 1 Mio. € Produktion je Erwerbstätigem 16.667 € – 1 Mio. € Einkommen pro Kopf 10.000 € 10.000 € 1 Mio. € Durchschnittswerte 1960 2010 Urlaubstage 15,5 31,0 Arbeitsstunden / Woche 44,5 36,5 effektive Jahresarbeitszeit in Stunden 2.080 1.550 Renteneintrittsalter in Jahren 64,7 62,8 Kennziffern des Arbeitslebens Abb. 17.10: Arbeitszeitrelevante Eckwerte Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 528 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung528 Wirtschaftswachstum, Arbeitsvolumen und Arbeitszeit Die Arbeitsproduktivität in Deutschland ist gestiegen, während die Arbeitszeit und das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen gesunken sind. Diese Entwicklung hat Konsequenzen für den Arbeitsmarkt. Wir betrachten folgendes Zahlenbeispiel: Die Firma „Solar Deutschland GmbH“ produziert mit 50 Beschäftigten (EWT), die 8 Std. pro Tag und 200 Tage im Jahr arbeiten, im Jahr 320.000 Solarzellen (Beitrag zum BIP). Das Arbeitsvolumen (AV) im Jahr beträgt also 80.000 Stunden (50 × 8 × 200). Folgende Kennziffern lassen sich berechnen (Tab. 17.3): Das BIP und die daraus resultierende Nachfrage nach Erwerbstätigen ergibt sich als: Erwerbstätigenzahl × Jahresarbeitszeit pro Erwerbstätigen × Produktivität je Arbeitsstunde. Somit ergibt sich: 50 (EWT) × 1.600 (AV/EWT) × 4 (BIP/AV) = 320.000 (BIP) Je höher die Produktivität ist, desto geringer das Arbeitsvolumen, das für ein bestimmtes BIP benötigt wird. Ebenso gilt: je länger die durchschnittliche Arbeitszeit pro Erwerbstätigen, desto weniger Erwerbstätige sind nötig, um dieses BIP zu erstellen. Wir wollen nun davon ausgehen, dass es aufgrund von technologischen Neuerungen gelingt, die Produktivität um 25 % zu steigern, d. h. es können anstatt 4 nunmehr 5 Solarzellen pro Stunde hergestellt werden. Was folgt daraus? Zunächst könnten wir insgesamt 400.000 Stück produzieren, wenn das Arbeitsvolumen unverändert bleibt (80.000 · 5). Wenn wird unterstellen, dass wir 360.000 Stück absetzen können (Produktion und Absatz: +12,5 %), müssen wir das Arbeitsvolumen reduzieren: 360.000 : 5 = 72.000 Stunden/Jahr. Das verringerte Arbeitsvolumen von 72.000 Stunden lässt sich auf verschiedene Varianten verteilen (Tab. 17.4). Bei konstantem Arbeitsvolumen erzeugt der Produktivitätsfortschritt also eine Produktionssteigerung (Wirtschaftswachstum). Bei gleicher Produktionsmenge impliziert der Produktivitätsfortschritt eine Reduzierung des benötigten Arbeitsvolumens. Diese Aussagen ergeben sich rein aufgrund definitorischer Beziehungen. Sie geben einen ersten Orientierungsrahmen, der aufzeigt, welche Kombinationen von Entwicklungen möglich bzw. unmöglich sind. Es handelt sich jedoch nicht um Ursache-Wirkungs- Zusammenhänge. Schlagwörter •• Arbeitsangebot •• Geburtenrate, Fertilitätsrate •• Bevölkerungsentwicklung •• Bevölkerungsrückgang •• Erwerbsbeteiligung •• Lebens-, Jahres-, Wochenarbeitszeit •• Rentnerquotient •• Altenquotient Tab. 17.3: Zahlenbeispiel zu Wirtschaftswachstum Arbeitsvolumen und Arbeitszeit Produktivität je Stunde Arbeitszeit je Beschäftigtem Produktivität je Beschäftigtem Produktivität je Beschäftigtem APRStd = BIP/AV h = AV/EWT APREWT = APRStd × h APREWT = BIP/EWT 4 = 320.000/80.000 1.600 = 80.000/50 6.400 = 4 × 1.600 6.400 = 320.000/50 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 529 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 529 17.1.3 Formen der Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsstrategien Die Frage nach den Ursachen der Arbeitslosigkeit hat zu berücksichtigen, dass es aus makroökonomischer Sicht eigentlich keinen klar abgegrenzten Arbeitsmarkt gibt. Er zerfällt vielmehr in mehr oder minder gut strukturierte Teilarbeitsmärkte, die sich nach mehreren Kriterien differenzieren lassen, z. B. für •• qualifizierte, unqualifizierte, angelernte, ungelernte Arbeitskräfte, •• Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte, geringfügig beschäftigte Arbeitskräfte, •• ältere, jüngere Arbeitskräfte. Es ist angesichts der Existenz von Teilarbeitsmärkten nahe liegend, dass sich auch die Ursachen der Arbeitslosigkeit unterscheiden. Formen der Arbeitslosigkeit Eine geläufige Einteilung trennt hinsichtlich Dauer (kurz-, mittel-, langfristig) und Verbreitung (Gesamtwirtschaft oder bezogen auf einzelne Branchen) der Arbeitslosigkeit (Abb. 17.11). Jede Arbeitslosigkeit unterhalb von drei Monaten gilt als Sucharbeitslosigkeit oder friktionelle Arbeitslosigkeit. Liegt die Dauer der Arbeitslosigkeit oberhalb eines Jahres, liegt Langzeitarbeitslosigkeit vor. Eine kurzfristige Erscheinungsform ist die saisonale Arbeitslosigkeit. In Abschwungphasen tritt konjunkturelle Arbeitslosigkeit auf und ist auf einen Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage zurückzuführen. Aufgrund der engen Zusammenhänge zwischen Wachstum und Konjunktur ergeben sich Berührungspunkte zur wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit, die auf zu geringes Wachstum zurückzuführen ist. Beide Formen können branchenspezifisch oder gesamtwirtschaftlich auftreten. Die strukturelle Arbeitslosigkeit ist zählebig und kann sich über längere Zeiträume verfestigen. Ursächlich sind personengebundene Merkmale (Berufswahl, Alter, Geschlecht, Nationalität), sektorale und regionale Probleme sowie institutionelle Regelungen, wie z. B. Mindestlöhne oder starre Arbeitsmarktregelungen. Tab. 17.4: Arbeitsvolumen, Produktivität und Beschäftigung Variante Beschäftigte Jahresarbeitszeit (Tage × Stunden) Arbeitsvolumen Interpretation Arbeitszeit unver- ändert 45 1.600 72.000 Entlassung von 5 Mitarbeitern (entspricht: –10 %) Beschäftigung unverändert 50 1.440 72.000 Reduzierung der Jahresarbeitszeit (um 10 %) Beschäftigung unverändert 50 180 × 8 = 1.440 72.000 Reduzierung der Jahresarbeitstage (auf 180 Tage) Beschäftigung unverändert 50 200 × 7,2 = 1.440 72.000 Reduzierung der Wochenarbeitszeit (auf 36 Stunden) Beschäftigung unverändert 40 200 × 8 = 1.600 64.000 Vollzeit (keine Veränderung) 10 200 × 4 = 800 8.000 Kurzarbeit (gewollte Teilzeit) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 530 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung530 Andere Systematiken unterteilen die Arbeitslosigkeit in gesamtwirtschaftliche Formen (klassische, keynesianische Arbeitslosigkeit) und Mismatch-Arbeitslosigkeit (strukturelle, friktionelle Arbeitslosigkeit). Die gesamtwirtschaftlichen Formen betonen den Sachverhalt, dass die Ursachen für Arbeitslosigkeit nicht auf dem Arbeitsmarkt liegen müssen. Der Begriff Mismatch-Arbeitslosigkeit ist hingegen auf die Vorgänge und Strukturen des Arbeitsmarktes bezogen. Allerdings sind die Grenzen zwischen beiden Kategorien fließend. So kann sich konjunkturell entstandene Arbeitslosigkeit strukturell verfestigen, wenn Arbeitslose im Laufe der Zeit an Qualifikation verlieren. Die keynesianische Arbeitslosigkeit entspricht im Kern der konjunkturellen Arbeitslosigkeit. Die klassische Arbeitslosigkeit bezeichnet den Fall der lohnbedingten Arbeitslosigkeit, wobei vor allem auf die Mindestlohnarbeitslosigkeit als Spezialfall der strukturellen Arbeitslosigkeit abgestellt wird. Beschäftigungsstrategien Wenn Arbeitslosigkeit unterschiedliche Ursachen hat, müssen notwendigerweise auch die Beschäftigungsstrategien verschieden sein. Einen Königsweg zur Lösung der Beschäftigungsprobleme scheint es nicht zu geben. Grundsätzlich lassen sich offensive und defensive Beschäftigungsstrategien unterscheiden (Abb. 17.12): •• Offensive Strategien wollen das Beschäftigungsproblem über die Schaffung neuer und zusätzlicher Arbeitsplätze lösen. Dazu zählen aktive Maßnahmen der Konjunktur- und Wachstumspolitik. •• Defensive Strategien wollen das Beschäftigungsproblem verringern, indem sie die Zahl der Erwerbspersonen bzw. die Lebensarbeitszeit reduzieren. •• Darüber hinaus gibt es Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik, die u. a. die Arbeitsförderung und Qualifizierung beinhalten. Staatliche Entscheidungsträger können nur in begrenztem Maße den verschiedenen Ursachen der Arbeitslosigkeit Rechnung tragen, z. B. indem sie gesetzliche Regelungen verändern oder nachfragestimulierende Maßnahmen verabschieden. Zu berücksichtigen bleibt, dass die die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände in Deutschland autonom über Löhne und Arbeitsbedingungen verhandeln. Insofern hat auch die Lohnund Tarifpolitik eine gesamtwirtschaftliche Dimension (vgl. dazu Kap. 18). Systematik der Arbeitslosigkeit Fristigkeit Form der Arbeitslosigkeit kurzfristig (bis zu 3 Monaten) friktionell (Sucharbeitslosigkeit) saisonal (eher branchenspezifisch) mittelfristig (vorübergehend) konjunkturell wachstumsdefizitär langfristig (strukturell) tarifvertraglich, institutionell, gesetzlich branchenspezifisch, regional berufsbezogen personengebunden Ausbildung Abb. 17.11: Formen der Arbeitslosigkeit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 531 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 531 Schlagwörter •• Teilarbeitsmärkte •• Ursachen der Arbeitslosigkeit •• offensive, defensive Beschäftigungsstrategien •• aktive Arbeitsmarktpolitik 17.2 Arbeitsmarktbezogene Ursachen der Arbeitslosigkeit Es ist nahe liegend, die Ursachen der Arbeitslosigkeit zunächst auf dem Arbeitsmarkt selbst zu suchen. Ursächlich sind vor allem •• die fehlende Übereinstimmung zwischen Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot (Mismatch) sowie •• institutionelle Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes (u. a. Lohnfindung, gesetzliche Rahmenbedingungen, verfehlte Arbeitsmarktpolitik). Die Mismatch-Arbeitslosigkeit bezeichnet den Sachverhalt, dass strukturelle Disparitäten zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage bestehen. Das Niveau von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage kann hingegen durchaus übereinstimmen. Die Ursachen der Disparitäten liegen in qualitativen, regionalen oder sektoralen Faktoren. Beispielsweise kann ein Nachfrageüberschuss an qualifizierten und zugleich ein Angebotsüberschuss an nicht ausreichend qualifizierten Arbeitskräften bestehen. Auch die zeitweise Arbeitslosigkeit, die aus der Suche nach einem neuen Beschäftigungsverhältnis resultiert (friktionelle Arbeitslosigkeit), wird zur Mismatch-Arbeitslosigkeit gerechnet. Beveridge-Kurve Ein Konzept zur grafischen Beurteilung von verschieden Formen der Arbeitslosigkeit ist die Beveridge-Kurve, benannt nach dem britischen Ökonomen William Henry Beve- EP – EWT = AL = f ( z1) , d2)) 1) = Nettozugänge in Arbeitslosigkeit im Jahr 2) = Verweildauer in Arbeitslosigkeit offensive Strategie: Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen defensive Strategie: Verringerung der Zahl der Erwerbspersonen Instrumente (Bsp.): • Konjunkturpolitische Maßnahmen (u.a. Stabilisierung der Binnennachfrage) • Wachstumspolitische Maßnahmen (u.a. Senkung der Kosten, Innovationen) Instrumente (Bsp.): • Reduzierung der Arbeitszeit (Jahr, Woche) • Vorruhestandsregelungen • Zuwanderungsstop Arbeitsmarktausgleich: Senkung von z und d (Arbeitsmarktpolitik) Instrumente (Bsp.): • bessere Vermittlung, Beratung • (Weiter-)Bildung, Qualifizierung • Arbeitsförderung für Zielgruppen Arbeitslosigkeit lässt sich reduzieren durch … Abb. 17.12: Beschäftigungsstrategien im Überblick Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 532 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung532 ridge (1879–1963). Die Kurve setzt offene Stellen in das Verhältnis zur Arbeitslosigkeit, die dem Angebotsüberschuss auf dem Arbeitsmarkt entspricht (Abb. 17.13). Ein Anstieg der Arbeitsnachfrage •• reduziert ceteris paribus die Arbeitslosigkeit und •• erhöht ceteris paribus die Zahl offener Stellen. Durch Spiegelung auf einer 45°-Hilfslinie lässt sich die Beveridge-Kurve konstruieren. Der negative Zusammenhang zwischen offenen Stellen und Arbeitslosigkeit ist nicht linear, da es immer einen Teil friktioneller Arbeitslosigkeit gibt. Die Beveridge Kurve verläuft in diesem Fall gekrümmt. Häufig werden die Achsen der Beveridge-Kurve getauscht und nicht absolute Zahlen, sondern Vakanzquoten bzw. Arbeitslosenquoten ausgewiesen. Jede Bewegung auf der Kurve spiegelt eine Veränderung der Arbeitsnachfrage wieder, jede Verschiebung der Kurve eine Veränderung der Bestimmungsfaktoren der Arbeitslosigkeit und offenen Stellen (Abb. 17.14). Entlang einer eingezeichneten 45º-Linie entspricht die Zahl der offenen Stellen der Zahl der registrierten Arbeitslosen, z. B. die Punkte A, B und C: •• Eine Verschiebung der Beveridge-Kurve vom Ursprung weg (entlang der 45°-Linie von A nach B) entspricht einem Effizienzverlust des Matching-Prozesses auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenzahl und die Zahl der offenen Stellen steigen gleichzeitig. Dies ist ein Hinweis auf strukturelle Probleme auf dem Arbeitsmarkt. •• Eine Bewegung nach rechts unten (A nach C) zeigt eine konjunkturell bedingte Verschlechterung an. Im Konjunkturabschwung sinkt die Anzahl der offenen Stellen und die Arbeitslosenzahl erhöht sich. •• Eine Bewegung nach links oben (A nach D) zeigt eine konjunkturell bedingte Verbesserung an. Im Konjunkturaufschwung steigt die Anzahl der offenen Stellen an 45° Vakanzen Arbeitsnachfrage- überschuss ArbeitsloseBeveridge-Kurve Vakanzen B Ein Anstieg der Arbeitsnachfrage, z.B. von 150 auf 200 • erhöht die Zahl offener Stellen (Vakanzen) ,z.B. von 25 auf 50 • senkt die Arbeitslosigkeit (AL) z.B. von 100 auf 75 Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und offenen Stellen 150 200 Punkt Arbeitslose Offene Stellen A 100 25 B 75 (- 25) 50 (+ 25) A 100 75 25 50 Abb. 17.13: Herleitung der Beveridge-Kurve Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 533 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 533 und die Arbeitslosigkeit verringert sich. Können die offenen Stellen nachfolgend nicht besetzt werden, wäre dies ein Indiz für ein Mismatch auf dem Arbeitsmarkt. •• Eine Bewegung hin zum Ursprung zeigt eine Verbesserung der Matching-Effizienz auf dem Arbeitsmarkt. Die vorherrschende Arbeitslosigkeit ist hier eher friktioneller Natur (A nach E). Denkbar ist auch eine Drehung der 45°-Linie. Wenn z. B. die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften steigt und höhere Löhne ausgehandelt werden, steigt die Arbeitslosenquote und sinkt die Zahl der offenen Stellen, da der „erwartete Gewinn“ bei einer Besetzung für die Arbeitgeber geringer wird. Die 45°-Linie würde sich im Ursprung nach rechts drehen. Eine Drehung nach links oben ist zu erwarten, wenn die Produktivität und der „erwartete Gewinn“ der Arbeitgeber bei einer Besetzung von offenen Stellen steigt. Gelegentlich wird auch eine korrigierte Beveridgekurve gewählt. Die „Zahl der offenen Stellen“ wird in der amtlichen Statistik allein aus den bei den Arbeitsagenturen gemeldeten offenen Stellen berechnet. Dieser Indikator ist verzerrt, da viele offene Stellen zunächst betriebsintern ausgeschrieben (und häufig auch wiederbesetzt) und nicht alle extern ausgeschriebenen Stellen der Arbeitsagentur gemeldet werden. Daher wird die „Zahl der offenen Stellen“ um den Einschaltungsgrad der Arbeitsämter korrigiert. Schlagwörter •• Mismatch-Arbeitslosigkeit •• Beveridge-Kurve •• Effizienzverlust 17.2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit Offizielle Angaben zur Arbeitslosigkeit stützen sich mehrheitlich auf die Arbeitslosenquote. Dieselbe Arbeitslosenquote kann aber völlig verschiedene Situationen abbilden. Es kann sich um einen aktiven Arbeitsmarkt handeln, auf dem viele Beschäftigungs- 45° D10 5 3 3 5 10 C A B 45°-Linie: Stromgleichgewicht mit Arbeitslosigkeit = offene Stellen (Angebot = Nachfrage) Vakanzquote in % Arbeitslosenquote in % E A = Ausgangspunkt Arbeitsmarktpolitische Konstellationen im Beveridge-Diagramm Abb. 17.14: Verschiebungen und Bewegungen auf der Beveridge-Kurve Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 534 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung534 verhältnisse gelöst werden, gleichzeitig aber viele Arbeitssuchende eine neue Beschäftigung finden. Andererseits kann es sich um einen Arbeitsmarkt handeln, der durch eine geringe Zahl von Kündigungen und Neueinstellungen und einen hohen Bestand an Langzeitarbeitslosen gekennzeichnet ist. Stromgrößen und Bestände auf dem Arbeitsmarkt Die Arbeitslosenquote ist eine Bestandsgröße, die wenig über die Dynamik am Arbeitsmarkt, d. h. über Bewegungsvorgänge, aussagt. Obwohl ein hoher Bestand an Arbeitslosigkeit im Verlauf eines Jahres vorliegt, kann sie mit einer dynamischen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt einhergehen. Notwendig ist es, die Zugänge in die und die Abgänge aus der Arbeitslosigkeit detaillierter zu betrachten (Abb. 17.15). Die jahresdurchschnittliche Bestandsgröße der Arbeitslosigkeit unterliegt starken Schwankungen durch Bewegungsströme der Zugänge in bzw. der Abgänge aus Arbeitslosigkeit. In der Regel sind die Ströme von Zugängen zur Arbeitslosigkeit und Abgängen aus Arbeitslosigkeit pro Jahr um ein Vielfaches größer als der Bestand an Arbeitslosen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Friktionelle Arbeitslosigkeit oder Sucharbeitslosigkeit entsteht aus der zeitlichen Diskrepanz zwischen Beendigung eines alten und Aufnahme eines neuen Beschäftigungsverhältnisses. Unerheblich ist es, ob der Arbeitnehmer freiwillig oder gezwungenermaßen sein Beschäftigungsverhältnis beendet. Das erforderliche Arbeitsplatzangebot ist vorhanden, es müssen jedoch geeignete Bewerber gefunden werden. Die Zeitdauer hängt u. a. von der qualitativen und räumlichen Verfügbarkeit adäquater Beschäftigungsverhältnisse ab. Durch Verbesserung des Stelleninformations- und Stellenvermittlungssystems soll die Verweildauer in friktioneller Arbeitslosigkeit verringert werden. Friktionelle Arbeitslosigkeit ist in einer sich wandelnden Wirtschaft unvermeidbar und wird zum Teil sogar als Beleg für einen wachstumsfördernden Arbeitsplatzwechsel betrachtet. Bezogen auf die Gesamtzahl der Erwerbstätigen werden häufig 2 bis 3 % als friktionell arbeitslos betrachtet. Zu beachten ist jedoch, dass nur ein Teil der Zugänge in und der Erwerbstätige Nicht-Erwerbspersonen Arbeitslose Neueinstellungen Entlassungen, freiwillige Kündigungen Ruhestand Neuzugang Entmutigte Suche Wechsel zwischen Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit Abb. 17.15: Bewegungen am Arbeitsmarkt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 535 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 535 Abgänge aus Arbeitslosigkeit als Sucharbeitslosigkeit zu klassifizieren ist. Auch der Wechsel in oder aus der Selbständigkeit, in oder aus der Stillen Reserve oder die Nichtbzw. Erwerbstätigkeit ist in diesem Zusammenhang möglich. Stromgleichgewicht Ein Modell kann die Anhaltspunkte für eine Art gleichgewichtige Arbeitslosenquote liefern, bei der sich Zugänge in Arbeitslosigkeit und Abgänge daraus die Waage halten (vgl. Box 17.1; Abb. 17.16). •• Wenn 5 % der Beschäftigten jeden Monat den Arbeitsplatz verlieren (= f), beträgt die durchschnittliche Dauer eines Beschäftigungsverhältnisses: 1/0,05 = 20 Monate. •• Wenn 20 % der Arbeitslosen wieder eine Beschäftigung finden (= h), beträgt die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit 1/0,2 = 5 Monate. •• Wenn 2 % der Erwerbspersonen aus der Erwerbsbevölkerung ausscheiden, dann verringert sich die die durchschnittliche Arbeitslosigkeit auf: 1/(0,2 + 0,02) = 4,54  Monate. Box 17.1: Arbeitsmarkt – Der Kreislauf von Zu- und Abgängen (1) Erwerbspersonen = Erwerbstätige + Arbeitslose (EP = EWT + AL) (2) Arbeitslosenquote = Arbeitslose / Erwerbspersonen (ALQ = AL / EP) (3) f = Anteil der Erwerbstätigen, die ihren Arbeitsplatz in einer Periode verlieren (Entlassungsrate: f = fire) (4) h = Anteil der Arbeitslosen, die in einer Periode einen neuen Arbeitsplatz finden (Einstellungsrate: h = hire) (5) Gleichgewichtsbedingung: h × AL = f × EWT (6) h × AL = f × (EP – AL) (7) f × EP = AL × (h + f) (8) ALQ = f/(h + f) × 100 Hintergrund: Der Arbeitsmarkt lässt sich als Kreislauf von Zu- und Abgängen darstellen. Bei konstantem Arbeitsangebot kann ein Abbau der Arbeitslosigkeit erfolgen, wenn mehr Personen eingestellt (h steigt) und/oder weniger Personen entlassen werden (f sinkt). ALQ = (f / (h + f)) × 100 Die Arbeitslosigkeit sinkt, wenn f („fire“) sinkt und/oder h („hire“) steigt. h × AL (Einstellungen) f × EWT (Entlassungen) Beschäftigung Arbeitslosigkeit Stromgleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt Abb. 17.16: Stromgleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 536 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung536 Die friktionelle Arbeitslosigkeit kann bei konstanter Erwerbsbevölkerung dann reduziert werden, wenn die Entlassungsrate f („fire“) reduziert und/oder die Einstellungsrate h („hire“) erhöht wird. Kündigungs- und Einstellungsrate haben jeweils eine strukturelle und eine konjunkturelle (zyklische) Komponente (Tab. 17.5). Da beide Parameter Verhaltensparameter der Unternehmen bzw. privaten Haushalte sind, kann der Staat durch entsprechende Anreizmechanismen Einfluss nehmen. Zu erwähnen sind z. B. die institutionellen Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes, die Einfluss auf das Einstellungs- und Kündigungsverhalten haben. Alle Maßnahmen sind jedoch ein „Kurieren an Symptomen“, denn die Ursachen der Arbeitslosigkeit werden nicht erklärt. Schlagwörter •• Strom-, Bestandsgrößen auf dem Arbeitsmarkt •• friktionelle Arbeitslosigkeit •• Entlassungsrate •• Einstellungsrate 17.2.2 Strukturelle Arbeitslosigkeit Der Begriff der strukturellen Arbeitslosigkeit ist nicht einheitlich definiert. Übereinstimmung besteht dahingehend, dass es sich um eine zählebige und dauerhafte Form der Arbeitslosigkeit handelt. Es ist bereits sprachlich klar, dass strukturelle Arbeitslosigkeit mit dem Strukturwandel einer Volkswirtschaft zusammenhängt. Der Strukturwandel muss jedoch nicht zwangsläufig zur Arbeitslosigkeit führen, wenn die in einzelnen Bereichen nicht mehr benötigten Beschäftigten in anderen expandierenden Bereichen eine neue Arbeit finden. Strukturelle Arbeitslosigkeit ist eher ein Problem einzelner Teilmärkte (Abb. 17.17). Als Strukturmerkmale kommen branchenmäßige, regionale und personengebundene Merkmale in Betracht, die auf einzelnen Teilarbeitsmärkten zu einem Ungleichgewicht führen. Beispiel ist ein zu großes Angebot an ungelernten Fachkräften bei gleichzeitigem Facharbeitermangel auf anderen Teilarbeitsmärkten. Branchenbezogene, regionale Dimension Betroffen sind vor allem Branchen, deren volkswirtschaftliche Bedeutung dauerhaft zurückgeht (z. B. Landwirtschaft, Bergbau), die durch technologische Entwicklungen unter Anpassungsdruck geraten (z. B. Unterhaltungselektronik) oder die sich im internationalen Wettbewerb einer zunehmenden Standortkonkurrenz ausgesetzt sehen (z. B. Textil-, Bekleidungsindustrie). Der Strukturwandel führt dazu, dass bestimmte Sektoren und Berufe an Bedeutung verlieren. Notwendig ist in diesem Fall ein breites Angebot an Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie ein hohes Maß an Tab. 17.5: Strukturelle und konjunkturelle Komponenten der friktionellen Arbeitslosigkeit strukturelle Komponente konjunkturelle Komponente Kündigungsquote Wie einfach ist es, Arbeitskräfte zu entlassen? In einer Rezession steigt die Wahrscheinlichkeit den Arbeitsplatz zu verlieren. Einstellungsquote •• Wie effizient ist der Suchprozess? •• Wie groß sind die Anreize für Arbeitslose zu suchen? •• Wie einfach ist es für Unternehmen, Arbeitskräfte befristet einzustellen? In einer Rezession gibt es weniger offene Stellen; somit sinkt die Wahrscheinlichkeit eine offene Stelle zu finden. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 537 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 537 beruflicher Mobilität der Betroffenen. Sofern Regionen durch Monostrukturen geprägt sind, können sektorale und regionale Arbeitslosigkeit zusammenfallen (z. B. Bergbau in Nordrhein-Westfalen, Werftindustrie in Küstenländern). Regionale Arbeitslosigkeit kann unabhängig von sektorspezifischen Problemen entstehen, wenn ein Raum aufgrund seiner geographischen Lage benachteiligt ist (z. B. früheres „Zonenrandgebiet“, Gebirgsregionen). Diese Ausprägung der Arbeitslosigkeit wird verstärkt, wenn eine geringe Mobilitätsbereitschaft der Betroffenen vorliegt. Personenbezogene Dimension Die Ursachen für strukturelle Arbeitslosigkeit können in personengebundenen Merkmalen der Arbeitskräfte (Alter, fehlende Qualifikation, Geschlecht, Nationalität oder Gesundheitszustand) liegen. Wenn derartige Merkmale als „problematisch“ eingestuft und nicht mehr nachgefragt werden, kann Langzeitarbeitslosigkeit entstehen. Betroffen sind vor allem „Risikogruppen“ ohne Berufsausbildung, höheren Alters oder mit gesundheitlichen Einschränkungen. Eine qualifikations- oder berufsspezifische Arbeitslosigkeit beruht auf einer nichtvorhandenen oder nicht marktadäquaten Ausbildung. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat für das Jahr 2007 ermittelt, dass von 100 Langzeitarbeitslosen in Deutschland rund 50 % keine oder eine abgebrochene Berufsausbildung aufweisen. Dieser Tatbestand ist beunruhigend, da sich längerfristig ein Trend zur Höherqualifizierung erkennen lässt. In zunehmendem Maße werden Arbeitskräfte mit einfachen Kenntnissen durch qualifizierte Arbeitnehmer ersetzt. Die Vermittlungschancen von Personen mit fehlender oder nicht marktadäquater Ausbildung werden dadurch erschwert. Umgekehrt sinkt das Risiko einer dauerhaften Arbeitslosigkeit mit besserer Arbeitsangebot (Arbeitskräfte) Arbeitsnachfrage (Arbeitsplätze) Entstehen struktureller Arbeitslosigkeit qualifizierte Arbeitskräfte 100 unqualifizierte Arbeitskräfte 100 Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften 150 Bedarf an unqualifizierten Arbeitskräften 50 Offene Stellen 100 < 150 Mangel an Fachkräften Situation auf Teilarbeitsmarkt Arbeitslosigkeit 100 > 50 Summe 200 Summe 200 Abb. 17.17: Mismatch auf Teilarbeitsmärkten Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 538 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung538 Ausbildung deutlich. Auch ein (erfolgreiches) Studium ist eine Art „Versicherung“ gegen zukünftige Arbeitslosigkeit. Zur Darstellung eines Mismatch auf dem Arbeitsmarkt eignen sich qualifikationsspezifische Beveridge-Kurven (Abb. 17.18). Vereinfacht werden nur qualifizierte und gering qualifizierte Tätigkeiten unterschieden. Im Fall eines Trends zur Höherqualifizierung durch Strukturwandel steigt die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern. Die Vakanzquote für die Qualifizierten kann sich erhöhen, während ihre Arbeitslosenquote sinkt. Der gegenteilige Effekt tritt innerhalb der Gruppe der Geringqualifizierten auf. Denkbar ist auch, dass es innerhalb der Gruppe der Qualifizierten zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und der offenen Stellen kommt. Dies ist z. B. der Fall, wenn Fehlqualifikationen bestehen (z. B. zu viele Lehrer und zu wenige Ingenieure) und es Zeit braucht, bis die erforderlichen Qualifikationen bereitstehen (graphisch würde sich die Beveridge-Kurve für Qualifizierte nach rechts verlagern). Eigentlich müssten Beveridge-Kurven für geringe Qualifikationen näher am Ursprung liegen, da offene Stellen aufgrund des Anforderungsprofils schneller zu besetzen sind. Erkennbar ist jedoch in vielen Ländern (u. a. in Deutschland), dass die Beveridge-Kurve für geringe Qualifikationen weiter außen liegt als für hohe Qualifikationen. Im Zeitablauf kann sich die Beveridge-Kurve für geringe Qualifikationen nach rechts verlagern (Abb. 17.19). Das Mismatch fällt dann bei geringen Qualifikationen stärker aus als bei höheren Qualifikationen. Die Ursachen können aus der Beveridge-Kurve nicht direkt abgeleitet werden, sondern erfordern eine tiefergehende Betrachtung. Ein Mismatch hinsichtlich formaler Anforderungen ist in der Gruppe der gering Qualifizierten unplausibel, da die offenen Stellen bezogen auf diese Gruppe nur wenige Anforderungen stellen. Vakanzquote in % Vakanzquote in % Arbeitslosenquote in % Arbeitslosenquote in % höhere Vakanzen, geringere Arbeitslosigkeit Gering Qualifizierte Qualifizierte geringere Vakanzen, höhere Arbeitslosigkeit Strukturwandel in Richtung Höherqualifizierung Abb. 17.18: Qualifikationsspezifische Beveridge-Kurve und Strukturwandel Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 539 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 539 Studien verweisen eher auf andere Ursachen. Beispielsweise entsprechen die sozialen Kompetenzen (soft skills) nicht den Anforderungen des Arbeitsplatzes oder der Abstand zwischen den Lohneinkommen und der staatlichen Arbeitslosenunterstützung wird als zu gering erachtet. Zum Teil fehlt auch die Bereitschaft Personen mit „Handicaps“ einzustellen (z. B. Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen). Insgesamt können die verschiedenen Ausprägungen der strukturellen Arbeitslosigkeit nur mit einem breiten Maßnahmenbündel verringert werden. Ansatzpunkte finden sich in der breiten Palette der aktiven Arbeitsmarktpolitik, z. B. •• stärkerer Druck zur Aufnahme von gering qualifizierten Tätigkeiten („fördern und fordern“), •• Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), um eine Verringerung der Qualifikationen zu verhindern, •• kontinuierliche Fortbildungen von Arbeitslosen, •• geringere Löhne für Neueingestellte, •• Lohnsubventionen und Eingliederungszuschüsse. Schlagwörter •• strukturelle Arbeitslosigkeit •• Langzeitarbeitslosigkeit •• qualifikationsspezifische Arbeitslosigkeit •• qualifikationsspezifische Beveridge-Kurven 17.3 Institutionelle Rahmenbedingungen In das Handlungsfeld der Lohn- und Tarifpolitik fallen alle betrieblichen und staatlichen Maßnahmen, die auf die Gestaltung von Höhe, Struktur und Entwicklung der Löhne ausgerichtet sind. Träger sind in Deutschland die Gewerkschaften und die Vakanzquote in % Arbeitslosenquote in % 40 35 30 25 20 15 10 5 5 10 15 20 25 30 35 40 Eigentlich sollte die Beveridge- Kurve für geringe Qualifikationen näher am Ursprung liegen, weil die Anforderungsprofile offener Stelle eine schnelle Besetzung erwarten lassen. Oft ist jedoch eine Verlagerung nach außen zu beobachten. Verlagerung der Beveridge-Kurve für geringe Qualifikationen Abb. 17.19: Stilisierter Verlauf der Beveridge-Kurve für geringe Qualifikationen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 540 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung540 Arbeitgeberverbände, die autonom über Löhne und Arbeitsbedingungen verhandeln (Tarifautonomie). In den Tarifverhandlungen können verteilungspolitische Ziele, wie z. B. jenes einer „gerechten“ Einkommens- und Vermögensverteilung verfolgt werden. Hohe Lohnabschlüsse verbessern die Verteilungsposition der Arbeitnehmer und umgekehrt. Generell sind die Tarifverhandlungen durch einen Verteilungskonflikt geprägt, der die zwei Seiten des Lohnes verdeutlicht. Für die Unternehmen stellt er Kosten dar, für die privaten Haushalte ist er die wesentliche Einkommensquelle. Instrumente zur Erreichung der jeweiligen Ziele sind auf Arbeitgeberseite die Aussperrung, Rationalisierung oder die Produktionsverlagerung. Gewerkschaften können mit Streiks antworten (Abb. 17.20). Denkbar ist auch, dass „zu hohe Lohnabschlüsse“ zu Lasten von Arbeitslosen gehen. Der Einfluss des Staates ist weitgehend auf moralische Appelle „vernünftiger“ Lohnabschlüsse reduziert. Tarifverhandlungen können auf Ebene der Gesamtwirtschaft, innerhalb der Branche oder auf Unternehmensebene stattfinden. So sind z. B. die skandinavischen Länder eher in zentralisierten Lohnfindungssystemen organisiert. Das deutsche Tarifverhandlungssystem ist mit dem Flächentarifvertrag (Verhandlungen auf Branchenebene) den intermediären Systemen zuzuordnen. Die USA und Kanada weisen eher dezentralisierte Strukturen der Lohnfindung auf. Die hump-shape Hypothese von Calmfors und Driffill stellt eine buckelförmige Beziehung zwischen dem Zentralisierungsgrad der Lohnverhandlungen und der Arbeitsmarktsituation einer Volkswirtschaft her (Abb. 17.21). Danach wirken zentrale und dezentrale Organisationen eher positiv auf den Arbeitsmarkt, während ein mittlerer Organisationsgrad eher negative Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation ausübt. In einer dezentralen Organisation sind Arbeitnehmer bzw. Gewerkschaften Lohnnehmer, die keinen Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung haben. Überzogene Lohnforderungen würden die Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitsplätze ihrer Unternehmen gefährden. Die Konsequenzen hätten die Arbeitnehmer unmittelbar selbst zu tragen. Bei zentralen Organisationen akzeptieren die Gewerkschaften ihre gesamtwirtschaftliche Verantwortung. Sie erkennen, dass sich überzogene Lohnfor- Akteure Ziele Mittel in bzw. nach der Tarifauseinandersetzung Arbeitgeber Gewinne, Produktion Preiserhöhungen, Aussperrung, Rationalisierung, Produktionsverlagerung Gewerkschaften Lohnerhöhung, Arbeitszeitverkürzung, humane Arbeitswelt Schwerpunktstreiks, Warnstreiks Flächenstreiks, Arbeitsverweigerung Staat Senkung der Arbeitslosigkeit nicht beteiligt (Ausnahme: als Arbeitgeber) Arbeitslose Beschäftigung nicht an Tarifverhandlungen beteiligt Tarifkonflikte als Bestandteil der Marktwirtschaft Abb. 17.20: Akteure auf dem Arbeitsmarkt bei Tarifautonomie Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 541 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 541 derungen in einer höheren Inflationsrate (und somit geringeren Reallöhnen) bzw. in einer höheren Arbeitslosenquote niederschlagen. Im mittleren Bereich haben die Gewerkschaften zwar Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, sie erkennen dies jedoch nicht immer, so dass sie der Volkswirtschaft durch überzogene Lohnforderungen schaden können. Organisierte Interessen sind so stark, dass sie Störungen im gesamtwirtschaftlichen Ablauf produzieren können, aber nicht umfassend genug, um die dadurch verursachten volkswirtschaftlichen Kosten zu tragen. Sie werden auf andere Gruppen überwälzt (Tab. 17.7). Das eben skizzierte Modell ist in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt, aber auch kritisiert worden. Bemängelt wird z. B. die Ausklammerung der Außenwirtschaft. Stehen die nationalen Unternehmen im internationalen (Preis-)Wettbewerb, bleiben die Rückwirkungen der Nominallöhne auf die Preise zu diskutieren. Im Modell ist nicht berücksichtigt, dass die Lohnbildung in einem mehrstufigen Prozess erfolgen kann. Zentralisierte Systeme sind häufig dadurch gekennzeichnet, dass auf lokaler Ebene nach Abschluss der zentralen Tarifverträge zusätzlich verhandelt wird. In Deutschland ist dies weit verbreitet. Je nach Konstellation kann dies entweder zu einer Verbesserung oder Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation führen. zentral, gesamtwirtschaftlich intermediär, Branchentarifverträge dezentral, Betriebsebene hump-shape Zentralisierungsgrad Reallohn Bedeutung der Verhandlungsebene Abb. 17.21: Hump-shape Hypothese Verhandlungsebene Wirksamkeit der Marktkräfte Berücksichtigung externer Effekte der Lohnabschlüsse (z. B. auf Inflation) Lohnabschlüsse dezentral (Betrieb) ja nein moderat Region/Branche eingeschränkt eingeschränkt überzogen zentral nein ja moderat Tab. 17.7: Verhandlungsebenen der Tariflohnpolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 542 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung542 Schlagwörter •• Verteilungskonflikt •• Tarifautonomie •• hump-shape Hypothese 17.3.1 Lohnverhandlungen Tarifverhandlungen finden in der Regel in einem festen Rhythmus statt. Zunehmend werden längerfristige Vereinbarungen getroffen, die als Junktim mit anderen Regelungen verbunden sind (z. B. Lohnzurückhaltung gegen Beschäftigungssicherung bzw. Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze) und den Beteiligten eine größere Planungssicherheit geben. Können sich die Tarifpartner nicht einigen, ist ein Verfahren zur Beilegung von strittigen Punkten mit dem Ziel der Beendigung bzw. Vermeidung von Arbeitskämpfen (Streiks) vorgesehen (Schlichtungsverfahren). Als Vermittler ist eine überparteilich anerkannte Persönlichkeit zu wählen. Brutto-, Netto-, Nominal – und Reallöhne In den Tarifverhandlungen werden Bruttolöhne ausgehandelt. Die Verhandlungen enthalten implizit Erwartungen über die Entwicklung der Inflation. Reallöhne ergeben sich inflationsbereinigt, indem die Veränderungen des Preisniveaus berücksichtigt werden. Die Nettolöhne ergeben sich nach Abzug der Lohn- und Einkommensteuer und des Arbeitnehmeranteils an der gesetzlichen Sozialversicherung (Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung) von den Bruttolöhnen. Für die Arbeitgeber bleibt darüber hinaus der Arbeitgeberanteil an der gesetzlichen Sozialversicherung zu berücksichtigen, der den Charakter eines „zweiten Lohnes“ annehmen kann (Abb. 17.22). Preise Private Haushalte Unternehmen reales verfügbares Einkommen A rb ei tn eh m er en tg el t Arbeitgeberanteil Sozialbeiträge Steuern Arbeitnehmeranteil Sozialbeiträge Nettolöhne B ru tto lo hn verfügbares Einkommen (Netto)Transfers Wie sich das reale verfügbare Einkommen ergibt Abb. 17.22: Lohn- und Einkommenskategorien Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 543 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 543 An den realen Ergebnissen der Lohnverhandlungen sind also neben den Tarifpartnern indirekt der Staat und gegebenenfalls auch andere Gruppen beteiligt, die die Inflationsrate beeinflussen können. Personalzusatzkosten Ursächlich für die große Diskrepanz zwischen Arbeitskosten sowie Brutto- und Nettolöhnen ist die Entwicklung der Personalzusatzkosten. Rund die Hälfte dieser Kosten ist gesetzlich bedingt (insbesondere zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme), die andere Hälfte wird im Rahmen von Tarifverhandlungen bestimmt (z. B. Weihnachts-, Urlaubsgeld; Abb. 17.23). Der Faktor Arbeit wird letztendlich durch drei Kategorien „belastet“: Einkommensteuern, Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer. Alle drei Kategorien sind bedeutsam, da sie das Nettoeinkommen der Arbeitnehmer reduzieren und das Arbeitsangebot beeinflussen bzw. die Arbeitskosten erhöhen und die Arbeitsnachfrage durch die Unternehmen verändern. Auch eine Veränderung der Sozialbeiträge hat folglich gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Effektiv-, Effizienz- und Mindestlöhne Der tatsächliche, dem Arbeitnehmer gezahlte Lohn wird als Effektivlohn bezeichnet (Tab. 17.8). Er setzt sich aus dem Tariflohn, Überstundenvergütungen und sonstigen Zuschlägen zusammen. Da der Effektivlohn relativ flexibel an die jeweilige wirtschaftliche Situation angepasst werden kann, liegt er während einer Hochkonjunktur häufig über dem Tariflohn. Die Differenz zwischen Tarif- und Effektivlohn wird Lohndrift genannt. Unternehmen werden vor allem (hoch-)qualifizierten Arbeitnehmern Löhne zahlen, die oberhalb ihres „Grenzprodukts“ liegen. Dies senkt die Fluktuationskosten und kann die Produktivität erhöhen. Auch werden sich bei relativ höheren Löhnen tendenziell Lohnkosten (nur gesetzlich bedingte Personalzusatzkosten) 20 € + 4 € 24 € Bruttolohn-Stunde: 20 €/Stunde gesetzliche Sozialversicherung: 20 % (Arbeitnehmer) 20% (Arbeitgeber) Lohnsteuer: 22% Bruttolohn 20 € Nettolohn 20,00 € – 4,00 € – 4,40 € = 11,60 € tariflich vereinbarte Personalzusatzkosten, • Weihnachtsgeld • Urlaubsgeld Unterschied zwischen Lohnkosten, Brutto- und Nettolohn Abb. 17.23: Brutto- und Nettolohn Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 544 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung544 höher qualifizierte Arbeitskräfte bewerben. Dieser Lohn, der über dem markträumenden Gleichgewichtsniveau liegt, wird als Effizienzlohn bezeichnet. Auch Mindestlöhne können über einem markträumenden Gleichgewichtsniveau liegen. Sie werden pro Stunde (z. B. 8 €) oder im Monat (z. B. 1.200 €) für eine Branche (z. B. Gebäudereinigung) gesetzlich oder durch einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag festgeschrieben. Zielgruppe sind vor allem gering qualifizierte Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor, deren Einkommenssituation durch Mindestlöhne verbessert werden sollen. Die ökonomischen Auswirkungen werden kontrovers diskutiert. Lohndifferenzierung Um Arbeitslosigkeit abzubauen, wird z. B. die Einführung von Öffnungsklauseln diskutiert, die vom Tarifvertrag abweichende Regelungen über Arbeitsentgelte zulassen. Empfohlen werden Härteklauseln zur Abwehr drohender Insolvenzen, zur Sicherung von Arbeitsplätzen oder zur Verbesserung der Sanierungsaussichten von Unternehmen. Ein Teil der Regelungskompetenzen wird somit von den Tarifpartnern auf die Betriebsebene verlagert. In Deutschland verteilen sich die Tarifverhandlungen zeitlich über ein Jahr oder einen längeren Zeitraum. Bei jeder Verhandlung spielen auch die Ergebnisse der vorherigen und die Prognosen für die nächsten Tarifrunden eine Rolle. Die Gewerkschaften einer Branche wollen nicht hinter den Abschlüssen anderer Branchen zurückstehen. Umgekehrt wollen die Arbeitgeber einer Branche keine größeren Kostensteigerungen hinnehmen als andere Branchen. Abschlüsse in anderen Branchen werden daher oft als Maßstab betrachtet. Es kann sogar ein Trend zur Angleichung der Abschlüsse einsetzen, der den unterschiedlichen Entwicklungen in den Branchen nur bedingt Rechnung tragen kann. Häufig ist daher die Forderung zu hören, die Löhne stärker an die jeweiligen wirtschaftlichen Bedingungen anzupassen und zu differenzieren. Schlagwörter •• Tarifautonomie •• Brutto-, Nettolöhne •• Nominal-, Reallöhne •• Personalzusatzkosten •• Tariflöhne •• Effektivlöhne •• Lohndrift •• Effizienzlöhne •• Mindestlöhne 17.3.2 Marktunvollkommenheiten In der Makroökonomie spielt der Begriff der natürlichen Arbeitslosigkeit eine wichtige Rolle. Dieser auf Milton Friedman zurückgehende Begriff umfasst im Kern Ausprägungen der strukturellen und friktionellen Arbeitslosigkeit. Diese Form der Arbeitslosigkeit lässt sich nicht kurzfristig beseitigen und resultiert aus Informationsmängeln, Mobilitätshemmnissen, Anpassungskosten, demographischen Veränderungen, kurzum aus Marktunvollkommenheiten, die eine Theorie oft ausblendet. Nur in Theoriemo- Tab. 17.8: Lohnkategorien Lohnkategorie Wer ist verantwortlich? Zielgruppe (Beispiele) Tariflohn Tarifpartner Branche / Unternehmen Effektivlohn Tarifpartner, Arbeitgeber Branche / Unternehmen Mindestlohn Gesetzgeber z. B. Berufsgruppen im Niedriglohnsektor Effizienzlohn Arbeitgeber z. B. höher qualifizierte Berufsgruppen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 545 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 545 dellen mit funktionierenden Wettbewerbs- und Arbeitsmärkten ist Vollbeschäftigung mit einer Arbeitslosigkeit von Null gleichzusetzen. In der Realität wird (konjunkturelle) Arbeitslosigkeit aufgrund der Marktunvollkommenheiten nicht verschwinden, sondern um ein bestimmtes Niveau pendeln, das als natürliche Arbeitslosenquote bezeichnet wird. Dieses Niveau ist vor allem durch ordnungs- und strukturpolitische Maßnahmen, nicht aber durch Konjunkturpolitik zu beeinflussen (Abb.  17.24). Die natürliche Arbeitslosigkeit wollen wir nachfolgend gleichsetzen mit dem Begriff der NAIRU (non accelerating inflation rate of unemployment), die inflationsstabile Arbeitslosenquote. Ab diesem Punkt trägt eine Konjunkturbelebung nicht zur Verbesserung der Arbeitsmarktlage bei, sondern treibt die Inflation nach oben. Ein Abbau der Arbeitslosigkeit ist ähnlich wie beim Konzept der natürlichen Arbeitslosigkeit nur über eine Veränderung der Rahmenbedingungen möglich. Die NAIRU gibt Informationen über die Grenze zwischen der Arbeitslosigkeit, die auf Funktionsstörungen auf Arbeits- und Gütermärkten beruht, und einer darüber hinausgehenden konjunkturellen Arbeitslosigkeit. Zu klären bleibt der Begriff „inflationsstabil“. Dazu ist zu berücksichtigen, dass Arbeitnehmer und Unternehmen über Marktmacht verfügen und sich einen Anteil an der Produktion sichern wollen. Ausdruck dieser Marktmacht ist der Lohnbildungsund Preisbildungsprozess. Folgende Situationen sind denkbar: tatsächliche Arbeitslosenquote > NAIRU Arbeitsplatzverluste der Arbeitnehmer Absatzverluste der Unternehmen tatsächliche Arbeitslosenquote < NAIRU höhere Nominallohnforderungen der Arbeitnehmer höhere Absatzpreise der Unternehmen Der Mechanismus, der die Verteilungsansprüche von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Übereinstimmung bringt, ist die Arbeitslosigkeit. Im Fall überzogener Verteilungsansprüche werden Arbeitnehmer mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und Arbeitgeber mit Absatzeinbußen (u. a. durch Rückgang der Nachfrage infolge der Arbeitslosigkeit) bedroht. Schlagwörter •• natürliche Arbeitslosigkeit •• NAIRU •• Arbeitsmarktpolitik 17.4 Gesamtwirtschaftliche Ursachen der Arbeitslosigkeit Bisher wurde nur der Arbeitsmarkt als Ausgangspunkt für Beschäftigungsprobleme betrachtet. Diese Analyse wird nun erweitert, da auch andere Faktoren ursächlich für die Existenz von Arbeitslosigkeit sein können. Zu nennen sind insbesondere ein schleppender Konjunkturverlauf, ein zu geringes wirtschaftliches Wachstum, der technologische Fortschritt und ein zu großes Arbeitsangebot. Wir werden diese Faktoren unter den Begriffen der konjunkturellen und wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit diskutieren. 17.4.1 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit sieht die Ursache des Beschäftigungsproblems in einem Rückgang der aggregierten Nachfrage (Abb. 17.24). Diese Form der Arbeitslosigkeit ist als ein zyklisches Phänomen aufzufassen. Im Fall der konjunkturellen Erholung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 546 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung546 und einer zunehmenden Auslastung der Produktionskapazitäten, so die Erwartung, geht diese Form der Arbeitslosigkeit wieder zurück. Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit variiert entsprechend den Phasen des jeweiligen Konjunkturzyklus. In der Regel sind nicht alle Branchen einer Volkswirtschaft gleichmäßig von einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage betroffen. Es kann sich eine gespaltene Konjunkturentwicklung ergeben, in dem z. B. die Produktionskapazitäten der exportabhängigen Industriebranchen (Automobil-, Maschinenbau) unterausgelastet sind, während die Konsumgüterindustrie oder Dienstleistungsbranchen expandieren. Sofern nur einzelne Branchen von einem Nachfragerückgang betroffen sind, wird von einer strukturalisierten konjunkturellen Arbeitslosigkeit gesprochen. Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit weist Verbindungen zur keynesianischen Theorie auf, nach der sich ein Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung einspielen kann. Dieser Terminus ist eigentlich ein Widerspruch in sich, denn Unterbeschäftigung bedeutet, dass der Arbeitsmarkt im Ungleichgewicht ist. Es soll vielmehr zum Ausdruck kommen, dass vom Gütermarkt keine Impulse zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit ausgehen (Abb. 17.25): •• Die Investitionsnachfrage hängt aus keynesianischer Sicht nicht nur von den Kosten der Finanzierung, sondern vor allem auch vom erwarteten Gewinn der Investition ab. Wenn in einer Volkswirtschaft pessimistische Zukunftserwartungen bestehen, ergeben sich geringe oder gar negative Renditen. In diesem Fall werden viele Unternehmen nicht investieren. Die Nachfrage nach Investitionsgütern bleibt aus und nicht alle produzierten Güter werden verkauft. Die Unternehmen werden nur so 1 2 3 4 5 6 Normalauslastung Produktionspotential in % 100 96,5 93 Jahr Anstieg der konjunkturellen Arbeitslosigkeit Rückgang der konjunkturellen Arbeitslosigkeit konjunktureller Abschwung, Rezession konjunktureller Aufschwung Stilisierte Fakten: • Verarbeitendes Gewerbe und Baugewerbe sind stärker als andere Branchen (z.B. Dienstleistungen) der Konjunktur unterworfen. • Abschwung- und Aufschwungphasen treten nicht in allen Branchen gleichermaßen und zeitgleich ein. • Die Investitionsgüterproduktion schwankt stärker als die Konsumgüterproduktion. Arbeitslosigkeit im Konjunkturzyklus Abb. 17.24: Konjunkturelle Arbeitslosigkeit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 547 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 547 viele Mitarbeiter beschäftigen, wie zur Produktion der absetzbaren Menge benötigt werden. Wenn diese Anzahl an Mitarbeitern unter dem Arbeitsangebot liegt, kommt es zu konjunktureller Arbeitslosigkeit. •• Aus mikroökonomischer Sicht ist diese Arbeitslosigkeit Ausdruck eines nicht funktionierenden Arbeitsmarktes. In diesem Fall führt ein sinkender Lohn dazu, dass Einstellungen attraktiver werden und die Arbeitslosigkeit verringert wird. Eine allgemeine Senkung des Reallohnsatzes, wie sie aus (neo-)klassischer Sicht empfohlen wird, wäre in einer solchen Situation aus keynesianischer Sicht aber wenig erfolgversprechend. Zum einen sind Nominallohnsätze häufig starr, so dass eine Senkung des Reallohnsatzes nur durch Preissteigerungen möglich ist. Selbst bei flexiblen Löhnen kann es jedoch zur Arbeitslosigkeit kommen. Grundlegende Ursache der Arbeitslosigkeit ist die fehlende Güternachfrage, die durch sinkende Löhne kaum steigen dürfte. Das Gegenteil wäre zu befürchten, denn fallende Löhne würden zu noch größerer Zurückhaltung beim Konsum führen. Die Menschen kaufen neue Autos oder PC, wenn die Einkommen steigen, und nicht, wenn sie fallen. Es kann eine Deflation eintreten, in der Löhne, Preise und Einkommen sinken und die Nachfrage immer weiter zurückgeht. Aus dieser Situation können sich die Tarifvertragsparteien nicht selbst befreien. Sie brauchen Unterstützung. In keynesianischer Denktradition besteht diese primär in fiskalpolitischen Maßnahmen. Kaufkraftargument Eine Erhöhung der Gesamtnachfrage durch Lohnerhöhungen verspricht das Kaufkraftargument. Löhne sind wesentlicher Bestandteil des Verfügbaren Einkommens der Arbeitnehmer. Lohnerhöhungen haben positive Auswirkungen auf die Kaufkraft der Arbeitnehmer und über eine Steigerung ihre Konsumausgaben positive Implikationen für Investitionen und Beschäftigung (Abb. 17.26). Produktion sinkt gesamtwirtschaftliches Einkommen sinkt Beschäftigung sinkt 1. Private Investitionen 2. Private Konsumausgaben Kompensation des privaten Nachfrageausfalls durch staatliche Nachfrage und/oder staatliche Stimulierung der privaten Nachfrage sinken, stagnieren 1. Negative Ertragserwartungen der Investoren 2. Kaufzurückhaltung der Konsumenten sinken, stagnieren Abwärtsspirale der konjunkturellen Arbeitslosigkeit Abb. 17.25: Konjunkturelle Arbeitslosigkeit als Folge eines Nachfragemangels Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 548 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung548 Kostenargument Das Kostenargument stellt die nachteiligen Auswirkungen von Lohnerhöhungen heraus, die oberhalb des Produktivitätsfortschritts liegen und die Lohnstückkosten erhöhen (Abb. 17.27). Die daraus resultierende geringere Rentabilität der Produktion und Gewinnschmälerungen lassen aus unternehmerischer Sicht folgende Reaktionsweisen erwarten: •• Rationalisierung, geringere Investitionen und Beschäftigung, •• Verlagerung der Produktion in das Ausland, •• Erhöhung der Angebotspreise mit nachteiligen Folgen für die Kaufkraft der Löhne und die Inlandsnachfrage. Die Nachfrageeffekte des Kaufkraftarguments werden zwar auch von angebotsorientierten Ökonomen nicht vernachlässigt, sie werden jedoch geringer eingeschätzt. Steuern, Sozialbeiträge, Ersparnisbildung und der Kauf ausländischer Güter führen zu Sickerverlusten innerhalb des inländischen Einkommenskreislaufs und schmälern die Kaufkrafteffekte einer Tariflohnerhöhung. Untersuchungen gehen davon aus, dass von 100 € Lohnerhöhung (brutto) etwa 40 € als direkter Nachfrageeffekt für inländische Unternehmen verbleiben (Abb. 17.28). Diese Sicht ist allerdings zu relativieren. Sofern ein Teil der (Brutto-)Lohnerhöhungen aufgrund von Steuern und Sozialbeiträgen versickert, ist zu berücksichtigen, dass der Staat diese Einnahmen wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgibt und seinerseits Nachfrage schafft, z. B. in Form von öffentlichen Investitionen, Subventionen an Unternehmen oder Transferleistungen an die privaten Haushalte. Auch die Ausgaben für Importe verschwinden nicht einfach, sondern können dazu dienen, dass das Ausland Exportgüter des Inlandes kaufen kann. Eine zuverlässige Beurteilung beider Argumentationsketten ist insofern schwierig, da beide in sich geschlossen wirken und auf anderen theoretischen Zusammenhängen beruhen. Tariflöhne steigen Lohnsumme steigt Konsum steigt Inlandsnachfrage steigt Produktion steigt Investitionen steigen Beschäftigung steigt ΔY = 1/(1 – c) × ΔI Wie Einkommenserhöhungen zu Kaufkraftsteigerungen führen Abb. 17.26: Kaufkraftargument Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 549 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 549 Schlagwörter •• konjunkturelle Arbeitslosigkeit •• Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung •• Kaufkraftargument •• Kostenargument Lohnstückkosten steigen Gewinne sinken Inlandsinvestitionen sinken Inlandsnachfrage sinkt Produktion sinkt Angebotspreise steigen reale Kaufkraft der Löhne sinkt RationalisierungBeschäftigungsinkt Produktionsverlagerung Tariflöhne, die stärker steigen als die Arbeitsproduktivität, erhöhen die Lohnstückkosten und führen zu … Abb. 17.27: Kostenargument 10 Kosten für Arbeitgeber 120 € Arbeitgeberbeiträgezur Sozialversicherung Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung20 25 Einkommensteuer,Lohnsteuer 100 € Brutto für den Arbeitnehmer Netto für den Arbeitnehmer 55 € 5 Ersparnis Kauf von Importgütern 40 Nachfrageimpulse für den inländischen Einkommenskreislauf Sickerverluste Von einer Bruttolohnerhöhung entfällt auf … Abb. 17.28: Sickerverluste im inländischen Einkommenskreislauf (Zahlenbeispiel) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 550 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung550 17.4.2 Wirtschaftswachstum, Produktivität und Arbeitslosigkeit Obwohl die reale Wirtschaftsleistung wächst, muss die Arbeitslosigkeit nicht zurückgehen. Sie kann sogar steigen. Diese Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Beschäftigung wird unter dem Begriff der wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit (jobless growth) diskutiert. Das Wachstum der Beschäftigung ist im Wesentlichen vom Verhältnis der Zuwachsraten von Arbeitsproduktivität und realem BIP sowie von der Entwicklung der Arbeitszeit und der Zahl der Erwerbspersonen abhängig (vgl. Box 17.3). Box 17.3: Beschäftigung – Wovon hängt die Schaffung neuer Arbeitsplätze ab? (1) EP = EWT + AL (2) ALQ = AL / EP (3) BQ = EWT / EP = 1 – ALQ (4) AV = EWT × AZ (5) APRStd = BIPreal / AV In Veränderungsraten (W) ergeben sich näherungsweise folgende Zusammenhänge (6) WAV = WEWT + WAZ (7) WEWT = WBIPreal – WAPRStd – WAZ (8) WBQ = WBIPreal – WAPRStd – WAZ – WEP Hintergrund: Die Beschäftigungsquote ist das Ergebnis des Zusammenspiels von folgenden Größen: • Arbeitsproduktivität (APR) • reales Bruttoinlandprodukt (BIP) • Arbeitsvolumen (AV) • Erwerbspersonen (EP) Ausgehend von diesen Überlegungen lassen sich folgende Arten der wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit unterscheiden: •• Stagnationsarbeitslosigkeit (WBIPreal ist zu gering): Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, es entstehen zu wenig neue Arbeitsplätze. •• Technologische Arbeitslosigkeit (WAPRStd ist zu groß): Der technische Fortschritt hat sich zu stark beschleunigt und Arbeitsplätze werden wegrationalisiert. •• Demographische Arbeitslosigkeit (WEP ist zu groß): Das Arbeitskräftewachstum war zu groß, es gibt einen Mangel an Arbeitsplätzen für geburtenstarke Jahrgänge. In Deutschland lässt sich derzeit mit Blick auf eher abnehmende Wachstumsraten der Bevölkerung nicht von einer demographischen Arbeitslosigkeit sprechen. Dies war eher in den 80er Jahren der Fall, als es zu einer deutlichen Zuwanderung und zu einem Anstieg der Frauenerwerbsquote kam. Wir wollen im Folgenden das Verhältnis von Wirtschafts-, Produktivitäts- und Beschäftigungswachstum näher betrachten (Abb. 17.29). Wachstum und Beschäftigung Wenn wir von einer Veränderung der Erwerbspersonen (EP) absehen, können wir folgende Gleichung aufstellen (vgl. Box 17.3): (1) WBIPreal = WAPRStd + WAZ + WEWT Für ein Zahlenbeispiel unterstellen wir folgende Daten: (2) WBIPreal WAPRStd WAZ WEWT 4 % 2,5 % + –1 % +2,5 % Eine Erhöhung des BIP-Wachstums um einen Prozentpunkt (von 4 % auf 5 %) würde bei Konstanz der übrigen Größen mit einer Erhöhung der Wachstumsrate der Erwerbstätigen im gleichen Umfang (von 2,5 % auf 3,5 %) einhergehen. Nach dieser Gleichung schafft Wachstum also Beschäftigung. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 551 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 551 Dennoch ist die Gleichung mit Vorsicht zu interpretieren, denn sie kann ein schlechter Ratgeber sein, wenn man sie unbedacht zum Einsatz bringt. Nehmen wir an, wir erwarten ein BIP-Wachstum und eine Steigerung der Arbeitsproduktivität von je 2 %, während die Arbeitszeit konstant bleibt. Mit Hilfe unserer Ausgangsgleichung erfahren wir dass sich die Beschäftigung in diesem Fall nicht erhöht: (3) WBIPreal WAPRStd WAZ WEWT 2 % 2 % 0 % 0 % Da wir an der Schaffung von Arbeitsplätzen interessiert sind, verkürzen wir einfach die Jahresarbeitszeit um z. B. 2 %. Die Beschäftigung würde um 2 % wachsen: (4) WBIPreal WAPRStd WAZ WEWT 2 % 2 % –2 % 2 % Es tritt ein, was einige Ökonomen immer schon geahnt haben. Eine Arbeitszeitverkürzung schafft Arbeitsplätze. So einfach ist es aber nicht. Doch wo liegt der Fehler? Wir haben doch gerade erfahren, dass die Ausgangsgleichung definitorisch immer erfüllt sein muss. Der Fehler liegt im unbedachten Einsatz einer ex post gültigen Beziehung für ein ex ante Problem. Wenn die Arbeitszeit tatsächlich um 2 % gekürzt würde, können wir nicht einfach davon ausgehen, dass das BIP und die Arbeitsproduktivität nach wie vor um jeweils 2 % wachsen würden: •• Würde die Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich durchgeführt, dann sinken die Einkommen der Wirtschaftssubjekte und die daraus resultierende Nachfrage. Die Unternehmen würden in einer solchen Situation die Produktion kaum ausweiten und zusätzliche Beschäftigte einstellen. •• Würde die Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich durchgeführt, dann würde sich die Arbeit verteuern. Einige Unternehmen wären dieser Kostenlast nicht gewachsen, andere würden versuchen, die gestiegenen Kosten über die Preise weiter zu geben, sofern sie über die notwendigen Spielräume verfügen. Das würde sich aber negativ auf die Nachfrage auswirken. Es ist also wiederum fraglich, dass die Wirtschaft unverändert um 2 % wächst. Okuns Gesetz Der zuvor dargestellte Zusammenhang zwischen Beschäftigung und Wirtschaftswachstum wird in modifizierter Form unter dem Begriff Okuns Gesetz diskutiert. Der US-Ökonom Arthur M. Okun (1928 – 1980) formulierte folgenden Zusammenhang: ALQt – ALQt-1 = –β × (WBIPt – WBIPn) Die Veränderung der Arbeitslosenquote (ALQ) in %-Punkten entspricht der Abweichung des BIP-Wachstums von seinem normalen Niveau (WBIPn) multipliziert mit einem Koeffizienten (–β). Dieser Koeffizient ist ein Maß für die Stärke des Effekts, den ein Anstieg des Produktionswachstums über das normale Niveau hinaus auf die Arbeitslosenquote hat. Betrachten wir ein Zahlenbeispiel für Deutschland und die USA (Abb. 17.29): Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 552 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung552 Regression Interpretation D ΔALQ = –0,2 × (BIPt – 3,5 %) Es kommt nur dann in Deutschland zu einem Rückgang der ALQ, wenn das Wachstum die Schwelle von 3,5 % (für USA: 3 %) überschreitet. Ein Produktionswachstum um 1 %-Punkt über der Wachstumsrate von 3,5 % führt in Deutschland zu einer Absenkung der Arbeitslosenquote um 0,2 % (für USA: 0,4 %) USA ΔALQ = –0,4 × (BIPt – 3 %) Die Koeffizienten zeigen unterproportionale Zusammenhänge an. Ursachen dafür sind: •• Unternehmensorganisation und gesetzliche Regelungen lassen es nicht zu, dass auf eine veränderte Nachfrage vollständig mit Entlassungen oder Neueinstellungen reagiert wird. Mitarbeiter werden unabhängig vom Produktionsniveau benötigt (z. B. in der Verwaltung), Mitarbeiter gehortet (um Kosten für spätere Neueinstellungen zu sparen), Mehrarbeit wird zunächst mit Überstunden oder durch das Auffüllen von Arbeitszeitkonten geleistet. •• Neueinstellungen führen nicht im gleichen Maße zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit. Offene Stellen werden nicht ausschließlich mit registrierten Arbeitslosen besetzt, sondern auch aus der Stillen Reserve rekrutiert. Okuns Gesetz ist eine Art Daumenregel. Im vorigen Abschnitt haben wir erläutert, dass zwischen den Wachstumsraten der Größen Bruttoinlandsprodukt, Erwerbstätige, Produktivität und Arbeitszeit ein definitorischer Zusammenhang besteht. Die Wachstumsrate des BIP ist auch in Okuns Gesetz enthalten. Indirekt taucht in Okuns Gesetz Deutschland: ΔALQ = - 0,2 (WBIP – 3,5%) Vereinigte Staaten: ΔALQ = - 0,4 (WBIP – 3,0%) Okuns Gesetz fällt in Ländern unterschiedlich aus Abb. 17.29: Okuns Law Quelle: Blanchard/Illing, 2009, S. 282 ff. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 553 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 553 auch die Veränderung der Zahl der Erwerbstätigen auf, denn die Zahl der Erwerbstätigen und die Arbeitslosenquote sind hoch negativ korreliert. Die Veränderung der Zahl der Erwerbstätigen würde sich exakt in der Veränderung der Zahl der Arbeitslosen spiegeln, wenn die Zahl der Erwerbspersonen konstant bleibt, da definitorisch gilt: Erwerbspersonen = Erwerbstätige + Arbeitslose. Je kürzer der betrachtete Zeitraum ist, desto eher können wir davon ausgehen, dass die Zahl der Erwerbspersonen relativ konstant ist und ein Arbeitsloser weniger einen Erwerbstätigen mehr bedeutet. Wenn wir nun annehmen, dass die Produktivität um 3 % steigt und auch die Arbeitszeit konstant bleibt, dann gilt: WEWT = WBIPreal – WAPRStd – WAZ = WBIPreal – 3 % Diese Regel ist Okuns Gesetz sehr ähnlich, denn wir erkennen, dass das BIP um wenigstens 3 % steigen muss, damit die Erwerbstätigkeit zunimmt bzw. die Arbeitslosigkeit abnimmt. Dieser Wert bezeichnet die Beschäftigungsschwelle. Beschäftigungsschwelle Die gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsschwelle lag in der Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum 1992–2004 bei rund 1,5 % (Abb. 17.30). Sie ist sektoral unterschiedlich und in der Industrie höher als in Dienstleistungsbereichen, weil dort die Möglichkeiten von Produktivitätssteigerungen (z. B. durch Kapitaleinsatz und technischen Fortschritt) geringer sind. Im Zuge des zunehmenden Einsatzes von Informationstechnologien im Dienstleistungsbereich kann sich diese Entwicklung jedoch verändern. Gesamtwirtschaftlich galt nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Nürnberg) folgende Faustregel: Jeder %-Punkt, den das Produktionswachstum über dem Wachstum der Arbeitsproduktivität liegt, schafft gesamtwirtschaftlich rund 100 bis 150 Tsd. neue Arbeitsplätze. Ab welcher Schwelle Wirtschaftswachstum zu mehr Beschäftigung führt Abb. 17.30: Beschäftigungsschwelle in Deutschland (1992–2004) Quelle: IW, 2005 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 554 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung554 Wirtschaftliches Wachstum ist in den „hochentwickelten“ Volkswirtschaften weitgehend auf Produktivitätssteigerungen der Faktoren Arbeit und Kapital sowie den technischen Fortschritt zurückzuführen (qualitatives Wachstum). Dies macht es möglich, dass die gleiche Produktionsleistung mit einem geringeren Arbeitskräfteeinsatz oder eine höhere Produktionsleistung mit dem gleichen Arbeitskräfteeinsatz erzeugt werden kann (Abb. 17.31). Im Wachstumsprozess werden nur dann zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, wenn die Produktionsleistung (BIP) schneller wächst als die Arbeitsproduktivität. Der oft unterstellte positive Zusammenhang von Wachstum und Beschäftigung ist damit je nach technologischer Entwicklung, Steigerungsraten der Arbeitsproduktivität und Art der Investition (z. B. Ersatz-, Erweiterungs-, Modernisierung-, Rationalisierungsinvestition) nicht automatisch gewährleistet. Wirtschaftliches Wachstum allein reicht nicht zwangsläufig aus, um das Problem der Arbeitslosigkeit nachhaltig zu lösen. Dies gilt vor allem, wenn die Hauptursachen der Arbeitslosigkeit struktureller Natur sind (Tab. 17.9). Bei der Beurteilung der Wachstums- und Freisetzungseffekte des technischen Fortschritts ist zudem die sektorale Zusammensetzung einer Volkswirtschaft zu berücksichtigen. So können z. B. produktivitätsbedingte Entlassungen in der Industrie von Dienstleistungsbranchen absorbiert werden. Voraussetzung ist, dass eine Umqualifizierung der Arbeitskräfte reibungslos gelingt und keine Mismatch-Situationen entstehen (Tab. 17.9). Produktivitätssteigerung Arbeitsmenge gleiche reale Produktionsleistung mit geringerem Arbeitskräfteeinsatz höhere reale Produktionsleistung mit gleichem Arbeitskräfteeinsatz reales BIP Freisetzungs-, Freizeiteffekt alte Produktionsfunktion neue Produktionsfunktion Wachstumseffekt Doppelte Wirkung des technischen Fortschritts Abb. 17.31: Wachstums- und Freisetzungseffekte des technischen Fortschritts Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 555 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 555 Schlagwörter •• jobless growth •• Stagnationsarbeitslosigkeit •• technologische-, demographische Arbeitslosigkeit •• Okuns law •• Beschäftigungsschwelle 17.5 Fallbeispiele zu Kapitel 17 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 17.1: Arbeitslosenquote und ihre Komponenten (++) 1) In einer Volkswirtschaft sind folgende Angaben zum Arbeitsmarkt gegeben: • Erwerbstätige (Bestand im Jahresdurchschnitt) 36 Mio. • Arbeitslose (Bestand im Jahresdurchschnitt) 4 Mio. • registrierte Fälle von Arbeitslosigkeit im Jahr 8 Mio. • von Arbeitslosigkeit betroffene Personen 6 Mio. Berechnen Sie folgende Kennziffern: a) Zugangsrisiko in Arbeitslosigkeit b) Verbleibrisiko c) durchschnittliche Mehrfacharbeitslosigkeit d) durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit e) Betroffenheit von Arbeitslosigkeit f) Arbeitslosenquote 2) Wer gilt nach der Statistik der Bundesagentur für Arbeit als arbeitslos? Fallbeispiel 17.2: Bildungssystem, Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsmarkt (+) Die Arbeitslosenquote in einem Land errechnet sich als: 4/(36 + 4) × 100 = 10 %. Ordnen Sie den genannten Vorgängen einzelne Ziffern aus Abbildung 17.5 zu und beurteilen Sie, ob und inwieweit diese Vorgänge die Situation auf dem Arbeitsmarkt verändern. Vorgang Ziffer Arbeitslose abhängig Beschäftigte ALQ a) 200.000 Arbeitslose nehmen Fortbildungsmaßnahmen des Arbeitsamtes in Anspruch. Tab. 17.9: Produktivitätswachstum und Arbeitslosigkeit Konstellation Erläuterung Beispiel WAPRBranche > WBranche Freisetzung von Arbeitskräften Branchen mit einem im Vergleich zum Produktivitätswachstum zu geringem Produktionswachstum Landwirtschaft, Teile der Industrie WAPRBranche < WBranche Aufnahme von Arbeitskräften Branchen mit einem im Vergleich zum Produktivitätswachstum zu hohem Produktionswachstum Dienstleistungsbereiche WAPRBranche = WBranche beschäftigungsneutral Branchen mit einem im Vergleich zum Produktivitätswachstum gleichem Produktionswachstum einige Dienstleistungsund Industriebereiche Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 556 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung556 Vorgang Ziffer Arbeitslose abhängig Beschäftigte ALQ b) 500.000 abhängig Beschäftigte nutzen Vorruhestandsregelungen und melden sich arbeitslos. c) 500.000 entmutigte Arbeitslose verlassen den Arbeitsmarkt. d) 400.000 Auszubildende wechseln nach ihrer Ausbildung in ein Studium. e) 500.000 Hausfrauen wechseln aus der Stillen Reserve in offene Stellen und werden zu abhängig Beschäftigten. f) 400.000 Arbeitslose erhalten neue ABM- Stellen. g) 500.000 Personen schließen ihr Studium ab werden zu abhängig Beschäftigten. Fallbeispiel 17.3: Arbeitsvolumen und Erwerbsbeteiligung (++) 1) Was verstehen Sie unter dem Arbeitsvolumen einer Volkswirtschaft? 2) Welche Informationen liefern die Größen Erwerbsbevölkerung und Erwerbsquote sowie Alten- und Rentenquotient? 3) Zeitungsnotiz: „Obwohl heute die Ausbildungszeiten länger sind und früher aus dem Erwerbsleben ausgeschieden werden kann, liegt die Erwerbsquote heute höher.“ Worauf könnte dieser Sachverhalt zurückzuführen sein? 4) Erhöht Zuwanderung bzw. eine Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen zwangsläufig das Arbeitsvolumen einer Volkswirtschaft? Fallbeispiel 17.4: Arbeitsvolumen und Arbeitszeit (++) 1) Ein Ökonom behauptet, dass eine Arbeitszeitverkürzung stets mehr Arbeitsplätze (Erwerbstätige) mit sich bringt. Überprüfen Sie diese Aussage ausgehend von der definitorischen Beziehung zwischen Arbeitsvolumen und Arbeitszeit. 2) Nehmen Sie an, in einer Volkswirtschaft würden jedes Jahr 2 Mrd. Überstunden anfallen. Ein Institut hat berechnet, dass davon exakt 40 % in Vollzeitstellen umgewandelt werden können. Ermitteln Sie den Beschäftigungseffekt, wenn jährlich 1.600 Stunden gearbeitet werden. Mit welchen Problemen könnte die Umsetzung eines solchen Vorschlags verbunden sein? Fallbeispiel 17.5: Ursachen der Arbeitslosigkeit und Maßnahmen ihrer Bekämpfung (+) 1) Ordnen Sie den nachfolgenden Situationen Ursachen der Arbeitslosigkeit zu. Liegen diese auf der Arbeitgeber- und/oder Arbeitnehmerseite? Situation (1) Paolo T., 42 Jahre, arbeitet seit 22 Jahren in einer Lackfabrik als Hilfsarbeiter und verdient gut. Nun ist er arbeitslos und hat Probleme einen neuen Job zu finden. Seine Deutschkenntnisse sind immer noch nicht ausreichend. (2) Die Konjunkturflaute führt dazu, dass immer weniger Neuwagen gekauft werden. Die Automobilindustrie rechnet mit Entlassungen. (3) Die Konsumenten kaufen immer weniger analoge, sondern verstärkt digitale Kameras. Die Hersteller haben bereits die Hälfte der Beschäftigten entlassen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 557 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 557 Situation (4) Der Einsatz von Fertigungsrobotern hat den Anteil körperlich schwerer Arbeit in der Automobilindustrie reduziert aber auch Arbeitsplätze gekostet. (5) In der Grenzregion Obertau schließt der größte Arbeitgeber seine Tore. Die Lohnkosten in der angrenzenden Auslandsregion sind deutlich niedriger und Umweltauflagen gibt es nicht. (6) Herbert K. ist Ingenieur in einem Softwareunternehmen, das seinen Hauptsitz von Hamburg nach München verlegt. Herbert K. kann seinen Arbeitsplatz behalten, wenn er mitzieht. Die Familie entscheidet sich dagegen, da sie vor vier Jahren ein neues Haus bezogen hat und die Kinder viele Freunde vor Ort gefunden haben. (7) Sarah S., gelernte Krankenschwester, wartet schon seit zwei Monaten auf die Mitteilung für offene Stellen in Krankenhäusern. 2) Um dem Problem der Arbeitslosigkeit zu begegnen, müssen Maßnahmen an verschiedenen Stellen/Ebenen greifen. Ordnen Sie die aufgelisteten Vorschläge einzelnen Aufgabenträgern (Staat, Arbeitsagentur, Tarifpartner, Arbeitsloser; Mehrfachnennungen möglich) zu. • Reduzierung von Lohnnebenkosten • Bereitschaft zur Mobilität • Förderung von Existenzgründungen • flexible Arbeitszeitmodelle • Angebot zur Umschulung, Fortbildung • Erneuerung des Arbeitsrechts • raschere Vermittlung von Arbeitslosen • Bereitschaft zum Lernen • flexiblere Lohnabschlüsse • Förderung von Investitionen • Zeit- und Leiharbeit als Zwischenlösung Fallbeispiel 17.6: Mismatch-Arbeitslosigkeit (0) 1) Was verstehen Sie unter Mismatch-Arbeitslosigkeit? Diskutieren Sie im Rahmen der folgenden Tabelle. Vakanzquote Hoch Gering Gering Hoch Arbeitslosenquote 2) Stellen Sie folgende Situationen mit Hilfe der Beveridge-Kurve dar: • Anstieg der strukturellen Arbeitslosigkeit • konjunkturelle Verbesserung • konjunkturelle Verschlechterung Fallbeispiel 17.7: Kündigungs- und Einstellungsverhalten auf dem Arbeitsmarkt (++) 1) Zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit hat die von der Bundesregierung eingesetzte „Hartz-Kommission“ verschiedene Vorschläge vorgelegt. Erläutern Sie die möglichen Auswirkungen auf die Arbeitslosenquote. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 558 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung558 Vorschlag „fire“ „hire“ gleichgewichtige Arbeitslosenquote (ALQ) Lockerung des Kündigungsschutzes bessere Online-Arbeitsplatzvermittlung durch die Arbeitsämter Stärkung der privaten Arbeitsvermittlung Senkung der Arbeitslosenunterstützung verbesserte Aus- und Weiterbildung 2) Erläutern Sie die strukturelle und zyklische Komponente der Kündigungs- und Einstellungsquote. strukturelle Komponente zyklische Komponente Kündigungsquote Einstellungsquote Fallbeispiel 17.8: Strukturelle Arbeitslosigkeit und Beveridge-Kurve (+) 1) Tragen Sie folgende Kombinationen von Arbeitslosenquote und Vakanzquote in ein Beveridge-Diagramm ein und interpretieren Sie die drei Situationen. Situation Erwerbspersonen in Mio. Erwerbstätige in Mio. Offene Stellen in % der Erwerbspersonen 1 40 36 2 2 30 27,5 8,33 3 40 38,8 6 2) Beurteilen Sie, in welcher Situation eine Zuwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften zur Lösung vorhandener Arbeitsmarktprobleme beitragen könnte. 3) In welche Richtung würde sich die Beveridge-Kurve verlagern, wenn Langzeitarbeitslose besser vermittelt werden könnten. Sollte die Beveridge-Kurve für gering qualifizierte näher oder weiter vom Ursprung entfernt liegen? Begründen Sie kurz Ihre Antwort. Fallbeispiel 17.9: Arbeitskosten (0) Wie hoch sind die betrieblichen Lohnkosten im Jahr (einschließlich aller lohnabhängigen Nebenkosten) und die Lohnkosten für eine Fertigungsstunde, wenn folgende Angaben gelten (in Anlehnung an Wöhe/Kaiser/Döring, 2008, S. 46): • Tarifliche Arbeitszeit bei Std. pro Tag 2.080 Stunden/Jahr • Effektive Arbeitszeit 1.496 Stunden • Arbeitslohn/Std. 20 € • Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung (% vom Bruttolohn) 20 % • Urlaubsgeld/Jahr (30 Urlaubstage) 20 % • Weihnachtsgeld/Jahr (% vom Bruttomonatslohn) 60 % • Vermögenswirksame Leistungen/Jahr, betrieblicher Anteil 150 € Fallbeispiel 17.10: Personalzusatzkosten und Beschäftigung (++) Der Arbeitsmarkt ist durch folgende Funktionen beschrieben: • Arbeitsnachfrage: 130 – (1 + z) × ls • Arbeitsangebot: 70 + 1,2 × ls Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 559 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand 559 Die Größe z beschreibt den Zuschlagsatz der Personalzusatzkosten auf den Lohnsatz. 1) Ermitteln Sie den Lohn und die Höhe der Beschäftigung, wenn z = 0,2 (d. h. 20 %) sei. 2) Zur Finanzierung der Ausgabensteigerungen im Bereich der gesetzlichen Alterssicherung muss der Abgabensatz auf z = 0,3 erhöht werden. Ermitteln Sie die Auswirkungen auf die Höhe der Beschäftigung. 3) Welcher Lohn wäre erforderlich, um wieder die Beschäftigungssituation wie in 1) herzustellen? 4) Ermitteln Sie die Höhe des gesamtwirtschaftlichen Lohnverzichts und die Höhe der zusätzlichen Soziallasten. Fallbeispiel 17.11: Mindestlöhne (++) Die Baubranche einer Volkswirtschaft sei bezogen auf eine Arbeitsstunde durch folgende Funktionen gekennzeichnet: • Arbeitsangebot: 50 + 10 × ls • Arbeitsnachfrage: 250 – 10 × ls 1) Bestimmen Sie den Nominallohn, die Höhe der Beschäftigung und die Lohnsumme im Arbeitsmarktgleichgewicht. 2) Bestimmen Sie die Beschäftigung und die Lohnsumme, wenn ein Mindestlohn von 12 € festgelegt wird. Wie verändert sich das Ergebnis, wenn ein Mindestlohn von 15 € eingeführt wird? Interpretieren Sie das Ergebnis? 3) Nehmen Sie an, der Mindestlohn wird bei 15 € je Stunde (brutto) festgesetzt. Die Arbeitszeit im Monat liegt bei 140 Stunden und die durchschnittliche Belastung des Bruttoeinkommens mit Steuern und Abgaben bei 33 %. Diskutieren Sie mögliche Folgen, wenn das Arbeitslosengeld bei 1.200 € im Monat liegen würde. Fallbeispiel 17.12: (Teil-)Arbeitsmärkte und Lohndifferenzierung (+) Der Arbeitsmarkt einer Volkswirtschaft ist wie folgt gekennzeichnet: • Arbeitsangebot: 4 + 1,2 × ls • Arbeitsnachfrage: 36 – 0,4 × ls 1) Ermitteln Sie den Gleichgewichtslohnsatz und die dazugehörige Beschäftigung. 2) Für zwei Teilarbeitsmarktmärkte sind folgende Funktionen gegeben: hochqualifiziert geringqualifiziert Angebot: 4 + 1,0 × ls Angebot: 0,2 × ls Nachfrage: 32 – 0,3 × ls Nachfrage: 4 – 0,1 × ls Bestimmen Sie die Arbeitsmarktsituation auf beiden Märkten, wenn der zuvor ermittelte Gleichgewichtslohnsatz aufgrund gesetzlicher Regelungen auf beiden Teilarbeitsmärkten gültig wäre. 3) Ermitteln Sie den Lohnsatz für den Arbeitsmarkt geringer und höher qualifizierter Arbeitskräfte bei flexiblen Lohnsätzen und interpretieren Sie das Ergebnis. Fallbeispiel 17.13: Lohnsenkungen und Arbeitslosigkeit (+) In einer Volkswirtschaft sind folgende Funktionen für den Arbeitsmarkt gegeben: • Arbeitsangebot: 2.000 + 300 ls/P • Arbeitsnachfrage: 14.000 – 300 ls/P 1) Ermitteln Sie den Lohnsatz, bei dem sich der Arbeitsmarkt im Gleichgewicht befindet. Unterstellen Sie in Preisniveau von 1. Wie hoch ist das gesamtwirtschaftliche Einkommen (Lohnsumme) im Monat, wenn die Beschäftigten jeweils 40 Stunden arbeiten. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 560 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung560 2) Nehmen Sie an, den Arbeitgebern gelingt es, in den Tarifverhandlungen einen Lohnsatz von 15 € pro Stunde durchzusetzen. Ermitteln Sie die Auswirkungen auf Beschäftigung und Lohnsumme. Interpretieren Sie das Ergebnis. Fallbeispiel 17.14: Kaufkraft- und Kostenargument (+) Gegeben sind folgende Größen: • Bruttoeinkommen 4.000 € • Arbeitnehmer-, Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung je 20 % • Lohn- und Einkommensteuer 20 % • Sparquote 10 % • Anteil ausländischer Güter am Konsum 20 % 1) Berechnen Sie folgende Werte: • Nettolohn • Arbeitskosten • Anteil des Nettolohns an den Arbeitskosten 2) Berechnen Sie die nachfragewirksamen Effekt einer Bruttolohnerhöhung von 200 € für den inländischen Einkommenskreislauf. 3) Nennen Sie Argumente der Tarifparteien, die für das Kosten- bzw. das Kaufkraftargument sprechen könnten. Fallbeispiel 17.15: Produktivitätsfortschritt, Wachstum und Arbeitsmarkt (+) In einem Land sind in zehn Jahren folgende Größen zu beobachten (in prozentualen Ver- änderungen) Erwerbsquote –0,9 Gesamtbevölkerung +3,7 BIP, real +30,7 Arbeitsproduktivität +37,2 Erwerbsfähigenquote –2,1 Jahresarbeitsvolumen –3,1 Ermitteln Sie folgende Größen: • Veränderung des Arbeitsangebots • Veränderung der Arbeitsnachfrage • Veränderung der Beschäftigungsquote Interpretieren Sie die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Fallbeispiel 17.16: Okuns Law (+) Eine Volkswirtschaft ist durch folgende Daten charakterisiert: Jahr ALQ BIPreal Wachstumsrate BIPreal in % Veränderung ALQ in %-Punkten 0 5 1.000,0 1 1.010,0 2 1.040,3 3 1.113,1 1) Vervollständigen Sie obige Tabelle, wenn vorliegender Zusammenhang zu Okuns Law ermittelt wurde: ΔALQ = – 0,5 (WBIPreal – 5 %) bzw. – 0,5 × WBIPreal + 2,5 %. 2) Begründen Sie, ob der Zusammenhang zwischen Wachstumsrate des BIP und Veränderung der Arbeitslosenquote linear, über- oder unterproportional ist. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 561 Angebotspolitik Ordnungspolitik •Deregulierung •Privatisierung „Schlanker Staat“ •Reduktion Staatsquote •Subventionsabbau •Anreizeorientierte Steuern Flexibilisierung des Arbeitsmarktes •Löhne •Arbeitszeiten •Arbeitsrecht Stärkung der Innovationskraft •Forschung •Bildung •Existenzgründungen Kapitel 18: Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung Kapitel 18 Inhaltsübersicht 18.1 Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 562 18.1.1 Grundsatzpositionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 566 18.1.2 Umsetzungsprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 571 18.2 Beschäftigungskonforme Lohnpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 573 18.2.1 Lohnformeln und Verteilungsspielräume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 574 18.2.2 Arbeitskosten und internationale Wettbewerbsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . 579 18.3 Fallbeispiele zu Kapitel 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 584

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References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.