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Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 367 - 393

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_367

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 351 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion € Kapitel 11 Inhaltsübersicht 11.1 Die EWU als optimaler Währungsraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352 11.1.1 Asymmetrische Schocks und Anpassungsmechanismen . . . . . . . . . . . . . . . 355 11.1.2 Kosten und Nutzen einer Währungsunion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360 11.2 Institutionelle Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 11.2.1 Konvergenzkriterien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364 11.2.2 Struktur und Aufgaben des ESZB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368 11.3 Fallbeispiele zu Kapitel 11. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 352 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU352 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Die Errichtung der EWU und die Einführung des Euro ist ein ökonomisches Jahrhundertprojekt, das weltweit ohne Vorbild ist. Die monetäre Integration ist damit in einigen Ländern der EU abgeschlossen. Es fehlt noch eine weitergehende wirtschaftspolitische Integration. •• Die ökonomische Theorie hat Kriterien entwickelt, mit denen sich beurteilen lässt, ob und inwieweit die EWU als optimaler Währungsraum einzuordnen ist. •• In einer Währungsunion stehen Zinsen und Wechselkurse nicht mehr als nationale Instrumente bereit, wenn eine Volkswirtschaft von einem makroökonomischen Schock betroffen ist. In diesem Fall müssen andere Mechanismen die Anpassungslast übernehmen. •• Die Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages formulieren die Hürden, die ein Staat überspringen muss, um an der EWU teilnehmen zu können. Auch nach Beitritt eines Staates müssen diese Kriterien erfüllt werden. •• Das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) ist verantwortlich für die Geldpolitik in der EWU und für die Gewährleistung der Preisniveaustabilität. Diese Aufgabe hat Priorität und Verfassungsrang. •• Von zentraler Bedeutung für den Erfolg der Geldpolitik ist die Unabhängigkeit der Notenbank. In der EWU sind sehr weitgehende Regelungen getroffen worden, damit die Notenbank ihre Verfassungsaufgabe ohne Einfluss von Dritten wahrnehmen kann. 11.1 Die EWU als optimaler Währungsraum Die Europäische Währungsunion ist das bisher ehrgeizigste Projekt der regionalen Integration von Volkswirtschaften. Ökonomisches Ziel von Integrationsvorhaben ist es, die Potentiale des intraregionalen Handels auszuschöpfen und Wohlfahrts- und Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Regionale Integrationsvorhaben unterscheiden sich nach Umfang und Intensität (Tab. 11.1). Die Freihandelszone ist durch Zollfreiheit und den Abbau mengenmäßiger Beschränkungen (z. B. Export- und Importkontingente) zwischen den Mitgliedsländern gekennzeichnet. Ergebnis ist ein freier Warenverkehr. Die Europäische Freihandelszone (European Free Trade Association, EFTA) wurde bereits 1960 gegründet. Die Zollunion, die in Westeuropa 1968 errichtet wurde, erweitert die Freihandelszone um das Element gemeinsamer Außenzölle gegenüber Drittstaaten. Tab. 11.1: Regionale Integrationsformen Regionale Integrationsformen (1) (2) (3) (4) Freihandelszone X – – – Zollunion X X – – Gemeinsamer Markt X X X – Wirtschafts- und Währungsunion X X X X (1) Abbau von Zöllen, mengenmäßigen Beschränkungen (2) Gemeinsamer Außenzoll gegenüber Drittstaaten (3) Mobilität von Kapital und Arbeit, Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit (4) Gemeinsame Währung und Abstimmung der Wirtschaftspolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 353 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 353 Mit der Errichtung des Europäischen Binnenmarktes zum 1.1.1993 sind mit der Mobilität von Waren, Dienstleistungen, Arbeit und Kapital die vier grundlegenden Freiheiten vollendet. Diese Integration findet in der EWU und der Einführung der Gemeinschaftswährung Euro zum 1.1.1999 ihren Höhepunkt (Abb. 11.1). Zum 1. März 2002 haben die nationalen Währungen ihren Status als gesetzliches Zahlungsmittel verloren. Die politischen Entscheidungsträger haben sich für einen Weg entschieden, der über eine währungspolitische Integration die politische Integration in der EU beschleunigen soll (Grundsteintheorie). Dieser Ansatz ist nicht unumstritten, denn vielfach wird die Auffassung vertreten, dass die währungspolitische Integration erst nach einer politischen Integration angestrebt werden sollte (Krönungstheorie). Währungsreform und -union In Deutschland sind im Vorfeld der EWU Vorbehalte gegen die Einführung einer europäischen Währung geäußert worden, die u. a. auf historischen Erfahrungen beruhen. Die Währungsreformen der Jahre 1923 und 1948 haben tiefe Spuren und Inflationsängste hinterlassen. Der wirtschaftliche Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland nach dem II. Weltkrieg ist hingegen untrennbar mit der Erfolgsgeschichte einer „stabilen“ D-Mark verknüpft. Die Aufgabe der eigenen Währung im Zuge der Währungsunion fällt einer an Preisniveaustabilität gewohnte Volkswirtschaft nicht leicht. Eine Währungsreform ist die Neugestaltung der Geldordnung und Geldverfassung. Sie erfolgt dann, wenn die wesentlichen Funktionen des Geldes nicht mehr erfüllt werden. Die Umstellung der nationalen Währungen auf den Euro ist geldtechnisch betrachtet eine Währungsumstellung und ein buchungstechnischer Vorgang (Tab. 11.2). Alle Bestands- und Stromgrößen (z. B. Einkommen, Vermögenswerte) in nationaler Währung werden zum selben Kurs in Euro umgerechnet. Einheitswährung Feste Wechselkurse mit Bandbreiten Flexible Wechselkurse EWS 1979 EFTA 1960 EWU 1999 Binnenmarkt 1993 Freihandelszone Zollunion Wirtschaftliche Integration Binnenmarkt Währungsunion Meilensteine auf dem Weg zur EWU Unwiderruflich feste Wechselkurse Zollunion 1968 Abb. 11.1: Wirtschaftliche und monetäre Integration in Europa Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 354 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU354 Am 31.12.1998 wurden die fixierten Umrechnungskurse der nationalen Währungen zum Euro bekanntgegeben (Abb. 11.2; Box 11.1). Durch eine Währungsumstellung bleibt der Realwert sowohl der Ersparnisse als auch der Einkommen erhalten und es ändert sich lediglich die Recheneinheit. Eine Währungsunion ist ein Zusammenschluss souveräner Staaten mit zuvor getrennten Währungen zu einem einheitlichen Währungsgebiet. Zwei Wege stehen dazu offen: •• eine Währungsunion mit unwiderruflich festgelegten Wechselkursen zwischen verschiedenen Währungen, die aber bestehen bleiben, •• oder eine Währungsunion mit einheitlicher Währung, die nationale Währungen ablöst. Die Staaten der EU haben im Innenverhältnis Vorteile aus festen Wechselkursen gesucht und waren bereit, auf eine eigenständige Währungs- und Geldpolitik zu verzichten. Mit dem Inkrafttreten der Währungsunion werden über 60 % des Außenhandels der Mitgliedstaten zum Binnenhandel. Es entsteht ein mit den USA vergleichbarer Wirtschaftsraum, dessen Außenhandel 10 bis 12 % des BIP entspricht. Mit flexiblen Wechselkursen besteht im Außenverhältnis der EU ein Währungswettbewerb zwischen Euro, US-$ und Yen hinsichtlich der Anerkennung als international akzeptierte Reserve-, Handels- und/oder Leitwährung. Tab. 11.2: Währungsreform 1949 und EWU 2002 Aktiva Währungsreform 1949 (Reichsmark gegen DM) Währungsunion 2002 (DM gegen €) Laufende Zahlungen (Löhne, Renten) 1 : 1 1,95583 : 1 Geldvermögen (Lebensversicherungen, Wertpapiere) 10 : 1 1,95583 : 1 Bankeinlagen 15,4 : 1 1,95883 : 1 1 € entspricht 1. Belgien BEF 40,3399 2. Deutschland DEM 1,95583 3. Spanien ESP 166,3861 4. Frankreich FRF 6,5595 5. Irland IEP 0,7875 6. Italien ITL 1936,2787 7. Luxemburg LUF 40,3399 8. Niederlande NLG 2,2037 9. Österreich ATS 13,7603 10. Portugal PTE 200,4827 11. Finnland FIM 5,9456 Historische Umrechnungskurse Abb. 11.2: Historische Euro-Umrechnungskurse der EWU-Staaten zum 1.1.1999 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 355 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 355 Schlagwörter •• regionale Integrationsformen •• Grundsteintheorie •• Krönungstheorie •• Währungsreform •• Währungsunion 11.1.1 Asymmetrische Schocks und Anpassungsmechanismen Anhaltspunkte zur Beurteilung des Reifegrades der EWU liefert die Theorie optimaler Währungsräume, die u. a. von Robert Mundell entwickelt wurde. Im Jahre 1999 erhielt er den Nobelpreis „für seine Analyse der Geld- und Fiskalpolitik in verschiedenen Wechselkurssystemen und für seine Analyse optimaler Währungsgebiete“ (zum Mundell-Fleming-Modell vgl. Kap. 22). Die Optimalität eines Währungsraumes bemisst sich an der Fähigkeit, ein externes Gleichgewicht bei gleichzeitiger Erreichung binnenwirtschaftlicher Ziele herbeizuführen. Dazu stehen neben aktiven finanzpolitischen Maßnahmen vor allem Zinsen, Wechselkurse, Güterpreise und Löhne als Anpassungsmechanismen bereit. Ausgangspunkt für die Beurteilung ihrer Wirksamkeit ist die Untersuchung im Fall asymmetrischer Schocks. Dabei kann es sich um kurzfristige Veränderungen auf der Nachfrageseite (z. B. Veränderungen der Exportnachfrage) oder der Angebotsseite (z. B. Auswirkungen von Ölpreisveränderungen) handeln. Wir wollen diese Überlegung anhand eines Beispiels vorstellen. Asymmetrischer Nachfrageschock Wir betrachten zwei Länder, die beide ein Gut (hier: PKW) erzeugen. Angenommen sei, dass die in B hergestellten PKW gegenüber den in A-Land produzierten PKW bevorzugt werden. Dieser asymmetrische Schock führt zu einem Rückgang der Nachfrage in A-Land, zu einem Anstieg der (konjunkturellen) Arbeitslosigkeit und einem Außenhandelsdefizit. In B-Land dagegen steigt die (nachfragebedingte) Inflationsrate. Die Geld- bzw. Wechselkurspolitik könnte im Fall getrennter Währungsgebiete zur Abmilderung der Probleme beitragen (Abb. 11.3): •• Eine restriktive Geldpolitik (z. B. durch Anhebung der Leitzinsen) könnte die Inflation in B-Land senken. In A-Land wäre eine expansive Geldpolitik in der Lage, der Wirtschaft positive Impulse zu verleihen. •• Eine Abwertung der Währung von A-Land gegenüber der Währung von B-Land würde die Wettbewerbssituation von A-Land verbessern. Die Exportgüter würden relativ preiswerter, die Auslandnachfrage würde steigen und die Arbeitslosigkeit ginge zurück. In B-Land würde die Aufwertung der Währung die Inflationsimpulse aus dem Ausland durch Verbilligung der Importgüter abschwächen. Die Verteuerung der Exportgüter würde der Überhitzung der Konjunktur entgegenwirken. Box 11.1: DM/Euro – Die Festlegung von Wechselkursen in der EWU 1. Schritt DM-Betrag im Euro-Währungskorb 0,6242 DM 2. Schritt DM-US-$ Wechselkurs (Preisnotierung) am 31.12.1998 1,6763 DM/US-$ 3. Schritt Gegenwartswert (GG) des nationalen Währungsbetrages in US-$ 0,6242 DM/1,6763 DM/US-$ = 0,3723677 US-$ = GG 4. Schritt Schritte 1 bis 3 für alle im Euro-Währungskorb enthaltenen Währungen ∑GGi = 1,16675 US-$/€ 5. Schritt Ermittlung des Wechselkurses DM zum € durch Multiplikation von (4) und (2) 1,6763 DM/US-$ × 1,16675 US-$/€ = 1,95583 DM/€ Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 356 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU356 In einer Währungsunion stehen diese Instrumente auf nationaler Ebene nicht mehr zur Verfügung, so dass andere Instrumente die Anpassungslasten übernehmen müssen. In diesem Zusammenhang ist zwischen Niveau- und Struktureffekten zu unterscheiden. Niveaueffekte beziehen sich auf die Höhe der Veränderungen von makroökonomischen Größen, z. B. des Einkommens oder des Outputs. Struktureffekte meinen die Verteilung dieser Veränderungen auf die Länder der Währungsunion. Anpassungsmechanismen in einer Währungsunion Expansive Geldpolitik: Im Außenverhältnis ist zunächst zu klären, wie sich die Währung des Währungsraums gegenüber Währungen von Drittstaaten verändert. Unterstellen wir, dass es aufgrund der expansiven Geldpolitik zu einer Zinssenkung kommt, die den Zins unterhalb des Weltmarktzinssatzes drückt. Im Fall vollständiger Kapitalmobilität und flexibler Wechselkurse kommt es zu einer Abwertung der Inlandswährung, die im Normalfall zu einer Verbesserung der Nettoexporte des Währungsraums gegenüber Drittstaaten führen kann (vgl. Kap. 21). Es kommt also zu einer Erhöhung des Einkommensniveaus in einer Währungsunion. Wie sich dieser Effekt auf die Länder der EWU verteilt, ist ohne nähere Informationen nicht zu klären. Bezogen auf das Innenverhältnis kann die Notenbank nur noch eine einheitliche Geldpolitik für den Währungsraum betreiben. Damit lässt sich ein bestehendes Konjunkturgefälle zwischen A-Land und B-Land nicht beseitigen. Die Notenbank steht vor einem Zielkonflikt: Gemeinsame Geldpolitik A-Land B-Land expansiv BIP steigt Inflation steigt weiter restriktiv BIP sinkt weiter Inflation sinkt P P GA GN GN‘ GA GN GN‘ BIPeal BIPreal Asymmetrischer Nachfrageschock zwischen Volkswirtschaften Wirtschaftliche Probleme in B-Land und Lösungsansätze Inflation, konjunkturelle Überhitzung Zinserhöhung, Aufwertung Wirtschaftliche Probleme in A-Land und Lösungsansätze Rückgang des BIP Zinssenkung, AbwertungArbeitslosigkeit Abb. 11.3: Asymmetrischer Nachfrageschock zwischen Volkswirtschaften Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 357 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 357 Expansive Finanzpolitik: Auch hier bleibt zunächst zu diskutieren, wie sich die Währung des Währungsraums gegenüber der Währung von Drittstaaten verändert. Zudem ist zwischen einem aktiven Land (z. B. B-Land) und einem passiven Land (z. B. A-Land) zu unterscheiden. Wir unterstellen, dass beide Länder in etwa gleich groß sind. Aufgrund der expansiven Finanzpolitik des aktiven Landes kommt es zu einer Stimulierung der Gesamtnachfrage (Abb. 11.4, Punkt 1). Kurzfristig kann es zu Zinssteigerungen in A-Land und zu Kapitalzuflüssen aus B-Land kommen. Zinssteigerungen können dann zu einer Aufwertung der gemeinsamen Inlandswährung gegenüber Drittstaaten führen, so dass die Nettoexporte aller am Währungsraum beteiligten Länder zurückgehen. Das aktive Land kann seine Position zu Lasten des passiven Landes verbessern. Es wird also ein Konjunkturgefälle aufgebaut, das aber mit Nachteilen einhergeht. Es liegt eine Spielart der beggar-my-neighbour-policy vor (englisch: den Nachbarn zum Bettler machen). Somit besteht ein Anreiz auch für A-Land auch eine aktive Finanzpolitik zu betreiben, zumal keine nationale Verantwortung für die Erreichung des Ziels Preisniveaustabilität besteht. Die staatliche Stimulierung der Nachfrage in der EWU hat auch aus diesem Grund Verschuldungsgrenzen zu berücksichtigen, die durch Konvergenzkriterien und den Stabilitätspakt gesetzt werden (vgl. dazu Kap. 8). Transferleistungen: Denkbar wären in einer Währungsunion Transferleistungen von B-Land („reiches“ Land) zu A-Land („armes“ Land), das infolge des asymmetrischen Schocks von Arbeitslosigkeit und Rückgang des BIP betroffen ist. Dies provoziert Verteilungskonflikte zwischen Geber- und Empfängerländern. Transferleistungen können zudem falsche Anreize setzen und zu einer Transfermentalität führen, die dauerhaft nicht finanzierbar ist. Veränderung der relativen Preise: Sinkt die Nachfrage nach Gütern von A-Land und steigt sie in B-Land, können wir erwarten, dass die relativen Preise in A-Land fallen und in B-Land steigen. Preisveränderungen übernehmen die Funktion der Wechselkurse (Abb. 11.4, Punkt 2). Diesen Aspekt wollen wir uns etwas genauer anschauen. Dazu nehmen wir an, dass die Veränderung des Wechselkurses (∆w) langfristig die Inflationsunterschiede zwischen zwei Ländern wiederspiegelt, d. h. die relative Kaufkraftparität gilt (vgl. dazu Kap. 21). (1) ∆w = ∆PA-Land – ∆PB-Land Wir unterstellen, dass sich die Preisbildung in beiden Ländern durch ein Aufschlag (∂) auf die Kosten ergibt, die im Wesentlichen aus den Lohnkosten bestehen. Zu berücksichtigen bleibt das Verhältnis der Lohnsätze (ls) zur Arbeitsproduktivität (µ), d. h. die Lohnstückkosten. Für A-Land gilt daher (entsprechend für B-Land): (2) PA-Land = ∂ × (ls/µ) Nehmen wir an, dass der Aufschlagsatz unverändert bleibt. Dann ergibt sich für die Preisbildung in A-Land ausgedrückt in Veränderungsraten: (3) ∆PA-Land = ∆lsA-Land – ∆µA-Land Die Veränderung des Wechselkurses in einer Währungsunion ist definitionsgemäß Null, so dass es mittelfristig zu einer Angleichung der Inflationsraten zwischen zwei Ländern kommen muss: (4) ∆w = 0 = ∆PA-Land – ∆PB-Land oder (5) ∆lsA-Land – ∆µA-Land = ∆lsB-Land – ∆µB-Land Wenn sich nun die Arbeitsproduktivitäten zwischen A-Land und B-Land unterscheiden (∆µA-Land = ∆µB-Land), muss sich dies auch in den Lohnsätzen der Länder niederschlagen (∆lsA-Land = ∆lsB-Land). Ansonsten kommt es zu einer Erhöhung der Lohnstückkosten mit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 358 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU358 entsprechend nachteiligen Konsequenzen für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Für die Lohn- und Tarifpolitik in der Währungsunion heißt dies, dass eine Angleichung der Löhne bei der Existenz von Produktivitätsunterschieden zwischen den EU-Staaten nicht angestrebt werden sollte. Will A-Land seine Arbeitslosigkeit verringern und die Beschäftigungssituation dauerhaft verbessern, müssen die Lohnabschlüsse hinter dem Produktivitätsfortschritt zurückbleiben. Nur längerfristig lassen sich die Arbeitsproduktivitäten angleichen, z. B. indem die einzelnen Länder mit Sach- und Humankapital ausgestattet werden oder durch technisch-organisatorischen Fortschritt die Produktivität der Arbeitnehmer erhöht wird. Migration der Arbeitskräfte: Wenn die Nachfrage nach Gütern in A-Land abnimmt und die Arbeitslosigkeit steigt, dann könnten Arbeitslose nach B-Land wandern (Migration) und für einen Ausgleich der asymmetrischen Schocks sorgen. Bekannt ist dieser Mechanismus z. B. aus den USA. Geht es einem Bundesstaat konjunkturell „schlecht“ und ist die Arbeitskräftemobilität hoch, wandern die Arbeitskräfte in die Bundesstaaten, denen es besser geht. Allerdings könnte durch die Wanderung von Arbeitskräften das BIP in A-Land sinken (Abb. 11.4, Punkt 3). Denkbar wäre auch eine Reduzierung der Angebotskapazitäten (Abb. 11.4, Punkt 4). In der EWU ist die Arbeitskräftemobilität aufgrund der sprachlichen Barrieren eher gering. Selbst innerhalb einzelner EWU-Länder ist die Arbeitskräftemobilität nicht stark ausgeprägt und die Arbeitsmärkte sind rigide strukturiert. Offenheit und Exportvielfalt einer Volkswirtschaft Zu fragen ist, wie anfällig einzelne Volkswirtschaften für asymmetrische Nachfrageschocks überhaupt sind. Ronald Mc Kinnon hat 1963 den Offenheitsgrad einer Volkswirtschaft in die Diskussion eingebracht. Je größer das Verhältnis von handelbaren zu nicht-handelbaren Gütern ist, desto weniger effektiv lässt sich ein flexibler Wechselkurs als Anpassungsinstrument nach einem asymmetrischen Schock einsetzen. Nehmen P GA GN‘ 1 GA‘ 2 BIPreal GN Mundell, Robert A. 1932 – (Kanada) © Nobel Foundation 3 4 GA‘‘ GN‘‘ Wirtschaftliche Probleme in A-Land und Lösungsansätze Rückgang des BIP, Arbeitslosigkeit 1. Stimulierung der Binnennachfrage 2. Flexible Preise und Löhne 3. Migration von Personen 4. Abbau von Kapazitäten Wie auf asymmetrische Schocks reagiert werden kann Abb. 11.4: Anpassungsmechanismen in einer Währungsunion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 359 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 359 wir an, A-Land wird von einem Nachfragerückgang nach seinem wichtigsten Exportgut „PKW“ betroffen. Eine Abwertung könnte zur Stimulierung der ausländischen Nachfrage beitragen. Gleichzeitig würden jedoch die importierten Vorleistungen und Güter teurer. Inländische Güter werden durch die Abwertung also erst billiger, dann durch eine importierte Inflation wieder teurer. Im Extremfall einer vollständig offenen Ökonomie würde eine Währungsabwertung (z. B. um 5 %) eine proportionale Veränderung des Preisniveaus bewirken, d. h. die inländischen Preise sind relativ instabil. Je kleiner und offener eine Volkswirtschaft ist (z. B. Niederlande, Belgien), desto lohnender ist der Beitritt zu einer größeren Währungsunion mit relativ stabileren Preisen. Peter Kenen hat 1969 das Kriterium der Exportdiversifikation eingeführt. Störungen der Exportnachfrage gleichen sich bei einer diversifizierten Produktionsstruktur und Unabhängigkeit der einzelnen Störungen zumindest teilweise aus, so dass die Exporterlöse relativ stabil bleiben. Ein Nachfragerückgang bei einzelnen Exportgütern führt gesamtwirtschaftlich dann nur zu einer geringeren Arbeitslosigkeit. Die Erfordernis von Wechselkursanpassungen tritt folglich vor allem bei Volkswirtschaften mit einer gering diversifizierten Exportstruktur auf. Zusammenfassend ist die EWU gemessen an ökonomischen Kriterien nicht eindeutig als optimaler Währungsraum zu klassifizieren (vgl. Tab. 11.3). Zwar weist die Mehrzahl der Mitgliedstaaten eine diversifizierte Exportstruktur auf und die Volkswirtschaften sind offen. Im Rahmen der nationalen Finanzpolitik, der Lohn- und Preisflexibilität sowie der Arbeitskräftemobilität sind jedoch Beschränkungen vorhanden, die eine Anpassung an sektorale Probleme zumindest erschweren können. Schlagwörter •• asymmetrische Schocks •• Anpassungsmechanismen in einer Währungsunion •• Exportdiversifikation •• Arbeitskräftemobilität Schocks symmetrisch Ursachen für Asymmetrie vorübergehend? (geringer Diversifizierungsgrad, geringer Offenheitsgrad, spezielle Anpassungsprobleme, asymmetrische Geldpolitik) Existieren andere Anpassungsinstrumente? (Preis-/Lohnflexibilität, Arbeits-/Kapitalmobilität, Fiskalische Integration/Transfers) keine Währungsunion Währungsunion nein nein nein ja ja ja Wann eine Währungsunion sinnvoll ist Abb. 11.5: Argumente gegen und für die Errichtung einer Währungsunion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 360 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU360 11.1.2 Kosten und Nutzen einer Währungsunion Auch eine Währungsunion lässt sich einer Kosten-Nutzen Analyse unterziehen. Eine Währungsunion ist dann vorteilhaft, wenn die Kosten unterhalb des Nutzens liegen. Die makroökonomischen Kosten bestehen in einem Verlust der nationalen Wechselkurs- und Geldpolitik. Dieser Verlust wiegt umso geringer, je höher der Grad der wirtschaftlichen Verflechtung ist. Die Beziehung zwischen Handelsintensität und Kosten einer Währungsunion ist folglich negativ (Kostenkurve K1, Abb. 11.6). Stehen einige der zuvor genannten Anpassungsmechanismen bereit (z. B. flexible Löhne und Preise, Transfersystem), dann verschiebt sich die Kostenkurve nach unten (K2). Bei einem gegebenen Grad an Handelsintegration fallen die Kosten der Einheitswährung geringer aus. Zu berücksichtigen bleiben ferner die Einführungskosten einer neuen Währung sowie die damit verbundenen Umstellungskosten z. B. für Unternehmen und Konsumenten. Für diejenigen Länder, die vor Gründung einer Währungsunion hohe Inflationsraten hatten, kann die Übernahme einer stabilen Währungsunion vorteilhaft sein. Aber auch Länder, die stets relativ geringe Inflationsraten aufwiesen, z. B. Deutschland, können profitieren. Die Vorteile sind weniger makroökonomischer Natur, sondern bestehen vorwiegend in mikroökonomischen Effizienzgewinnen. Dazu zählen: •• Wegfall von Transaktionskosten im Zusammenhang mit dem Umtausch von Währungen (geschätzter Vorteil: 0,3 %–0,4 % des EU-BIP), •• erhöhte Preistransparenz im Währungsraum durch den Ausweis von Güterpreisen in einheitlicher Währung, Kriterium wichtiges Element Erfordernis Realisierungsgrad in der EWU makro- ökonomische Stabilisierung Geldpolitik Integration der nationalen Geldpolitiken; homogene Präferenzen der Inflationsbekämpfung Integration formal erfüllt (ESZB); heterogene Einstellungen zur Inflationsgefahr Fiskalpolitik Angleichung der Fiskalpolitik formale Regeln zur Staatsverschuldung liegen vor; jedoch Haushaltssouveränität in jedem Mitgliedsland Flexibilität von Arbeitsund Gütermärkten Faktormobilität hohe Mobilität des Faktors Arbeit formal möglich; jedoch aufgrund kultureller und sprachlicher Hindernisse geringe Mobilitätsbereitschaft Lohnfindung Flexibilität von Löhnen keine Flexibilität nach unten (Mindestlöhne) in nahezu allen EWU-Ländern Handelsverflechtung und Integration Offenheit hoher Anteil handelbarer Güter intensive Handelsverflechtung gegeben Branchenstruktur Diversifizierung der Produktions-, Exportstruktur teilweise gegeben Finanzmärkte hohes Maß an Integration gegeben Tab. 11.3: Kriterien eines optimalen Währungsraums Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 361 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 361 •• höheres internationales Gewicht einer Gemeinschaftswährung, •• Wachstumseffekte des gemeinschaftlichen Handels durch Wegfall des Wechselkursrisikos. Diese Effizienzgewinne sind umso höher, je intensiver der Handel zwischen den Mitgliedstaaten eines Währungsraums ist. Es ist anzunehmen, dass die absolute Höhe der Transaktionskosten positiv vom Handelsvolumen abhängt. Für diejenigen Länder, die durch eine Gemeinschaftswährung eine Stabilisierung ihres Preisniveaus erreichen, ist der Nutzen bei einem gegebenen Handelsvolumen höher. Grafisch entspricht dies einer Verschiebung der Nutzen-Kurve nach oben (in Abb. 11.7 von N1 nach N2). Kosten (in % des BIP) Handel (in % des BIP) K1 K2 Kostenbetrachtung einer Währungsunion Abb. 11.6: Kostenfunktion einer Währungsunion Quelle: de Grauwe, 2009 Nutzen (in % des BIP) Handel (in % des BIP) N1 N2 Nutzenbetrachtung einer Währungsunion Abb. 11.7: Nutzenfunktion einer Währungsunion Quelle: de Grauwe, 2009 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 362 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU362 Sofern die Nutzen die Kosten übersteigen, wäre der Beitritt zu einem einheitlichen Währungsraum vorteilhaft. Hat ein Land z. B. die Nutzen-Kurve N1 und die Kosten- Kurve K1, wäre ein Beitritt ab einem Handelsvolumen von H1 zu empfehlen (Abb. 11.8). Ist die Situation durch die Nutzen-Kurve N2 und die Kosten-Kurve K2 gegeben, ist der Beitritt sogar zu einem geringeren Handelsvolumen von H2 < H1 lohnenswert. Was grafisch gut nachvollziehbar ist, steht in der Praxis vor dem Problem, die Kosten-Nutzen- Kurven für ein Land empirisch zu ermitteln. Dennoch liefern die Kriterien wichtige Argumente zur Beurteilung einer Währungsunion. Handel (in % des BIP) Kosten, Nutzen (in % des BIP) K1 K2 N2 N1 Nutzen > Kosten H2 H1 Kosten- und Nutzenbetrachtung einer Währungsunion Abb. 11.8: Kosten-Nutzen-Analyse einer Währungsunion Nutzen Kosten Wirtschaftspolitik • Vertiefung der währungspolitischen Zusammenarbeit • größere internationale Bedeutung der Gemeinschaftswährung • Verlust an nationaler Geldpolitik und Wechselkurspolitik Gütermarkt • Preistransparenz • Wachstumseffekte durch Wegfall des Wechselkursrisikos • geringere Transaktionskosten • größerer Wettbewerb durch Preistransparenz für nichtwettbewerbsfähige Unternehmen Kapitalmarkt • größere Attraktivität für ausländische Investoren • Kapitalflucht • Standortkonkurrenz Arbeitsmarkt • Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, dadurch geringere Arbeitslosigkeit • Know-how-Transfer bei Rückwanderung • Verlust qualifizierter Arbeitskräfte bei Abwanderung • Lohnsenkungen und höhere Arbeitslosigkeit einheimischer Arbeitskräfte Transfers • Nettoempfänger • Nettozahler • Verteilungskämpfe Tab. 11.4: Nutzen und Kosten einer Währungsunion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 363 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 363 Insgesamt sind die Nutzen und Kosten einer Währungsunion vielfältig. Die Übersicht (Tab. 11.4) erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern spiegelt die Auswertung von Studien wieder. Die angemessene Zahl der Länder – z. B. 6, 9, 15 oder gar 30 – lässt sich aus der Theorie optimaler Währungsräume nicht eindeutig ableiten. Allerdings zeigt die Übertragung aus dieser Theorie entwickelter Kriterien auf die EWU, dass sich zum Teil unterschiedliche Schlussfolgerungen ergeben, die entweder einen eher kleinen oder einen großen Währungsraum empfehlen bzw. einen Währungsraum mit Ländern nahe legen, die sich in ihren Strukturen eher ähneln sollten. Schlagwörter •• Grad an Offenheit •• Produktdiversifizierung •• Kosten-Nutzen-Analyse einer Währungsunion 11.2 Institutionelle Grundlagen Die Idee zur Errichtung einer EWU lässt sich bis 1970 zurückverfolgen. Aber erst 1990 hat dieses Jahrhundertprojekt konkrete Gestaltung angenommen. Die Entwicklung in den 90er Jahren hin zur EWU kann grob in drei Stufen zerlegt werden (Abb. 11.9). Zu Beginn standen die verstärkte Kooperation und Konvergenz in den Bereichen der Finanz- und Geldpolitik einschließlich der Einführung des freien Kapitalverkehrs auf der Prioritätenliste der Agenda. Mit dem Vertrag von Maastricht wurden die Kriterien für die Aufnahme der Mitgliedstaaten, die Konvergenzkriterien, konkretisiert. Die geldpolitischen Entscheidungen werden seit dem 1.1.1999 autonom vom Europäischen System der Zentralbanken (ESZB) getroffen. Zu unterscheiden ist das ESZB vom Eurosystem. Der Begriff wurde eingeführt, um das Zentralbankensystem des Euro-Währungsgebietes unmissverständlich zu definieren. Das Eurosystem ist eine im Rahmen 1990 bis 1993: Einführung des freien Kapitalverkehrs und Einbindung des EWS. 1992: Formulierung der Konvergenzkriterien. Kurse schwanken enges Band EWS feste Kurse Euro Vorbereitung EWU (1.1.90 – 31.12.93) Ausgestaltung EWU (1.1.94 – 31.12.98) Effektiver Start EWU, endgültige Umstellung (ab 1.1.99) 3. Stufe 2. Stufe 1. Stufe 1994: Gründung des EWI, Einsetzung des Direktoriums der EZB und Errichtung ESZB. Die Mitgliedstaaten müssen die Konvergenzkriterien erfüllen. 1998: Entscheidung der Staats- und Regierungschefs über die Teilnehmerstaaten an der EWU. Bekanntgabe der Umrechnungskurse zum €. Legende: EWI = Europäisches Währungsinstitut EZB = Europäische Zentralbank ESZB = Europäisches System der Zentralbanken 1.1.1999: Unwiderrufliche Fixierung der Wechselkurse. EZB beginnt einheitliche Geldpolitik. 1.1.2002: Der Euro tritt neben die nationalen Währungen, Einführung neuer Banknoten und Münzen. 1.7.2002: Der Euro ist Alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel. Die EWU als Stufenplan Abb. 11.9: Stufen der Entwicklung der EWU Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 364 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU364 der EWU gebildete Organisationseinheit. Es besteht aus den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten, die den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt haben, und der Europäischen Zentralbank (EZB). Solange es EU-Staaten gibt, die nicht dem Euro- Währungsgebiet angehören, werden das Eurosystem und das ESZB nebeneinander bestehen. Wir werden nachfolgend vorwiegend den Begriff der ESZB verwenden. Schlagwörter •• Drei Stufen der EWU •• ESZB, EZB, Eurosystem 11.2.1 Konvergenzkriterien Die EWU ist als Stabilitätsgemeinschaft konzipiert, die eine Erfüllung von Konvergenzkriterien durch die einzelnen Volkswirtschaften vorsieht (Art. 109j des EU-Vertrages von Maastricht). Es handelt sich um Kriterien der monetären und fiskalischen Konvergenz. Die Formulierung von Konvergenzkriterien basiert auf der These, dass sich nur Volkswirtschaften mit relativ ähnlicher ökonomischer Struktur bzw. Leistungsfähigkeit zu einer erfolgreichen Währungsunion zusammenschließen können. Ausgeprägte wirtschaftliche Unterschiede würden zum Nicht-Funktionieren der monetären Union führen. Monetäre Konvergenzkriterien Die Kriterien der monetären Konvergenz formulieren Bedingungen hinsichtlich des Preis- und Zinsniveaus sowie der Wechselkursstabilität (Abb. 11.10). Die Forderung nach einer weitgehenden Konvergenz der Inflationsraten in der EWU wird durch die Kaufkraftparitätentheorie unterstützt. Die relative Version der KKP besagt, dass die Veränderung der Wechselkurse (∆w/w) längerfristig der Inflationsdifferenz zwischen In- und Ausland entspricht (vgl. Box 11.2 sowie ausführlicher Kap. 21). Monetäre Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages Kriterium Formulierung Inflationskriterium Ein hoher Grad an Preisniveaustabilität gilt als erreicht, wenn die Inflationsrate eines Landes ein Jahr vor der Eintrittsprüfung jahresdurchschnittlich um nicht mehr als 1,5% über der Inflationsrate in jenen – höchstens drei – Mitgliedstaaten liegt, die auf dem Gebiet der Preisniveaustabilität das beste Ergebnis erzielt haben. Zinskriterium Der durchschnittliche langfristige Nominalzins soll um nicht mehr als 2% über dem entsprechenden Satz in jenen – höchstens drei – Mitgliedstaaten liegen, die auf dem Gebiet der Preisniveaustabilität das beste Ergebnis erzielt haben. Wechselkurskriterium Im Hinblick auf die Wechselkursentwicklung gilt ein Land qualifiziert, wenn es die im Rahmen des EWS vorgesehenen normalen Bandbreiten zumindest in den letzten zwei Jahren vor der Prüfung ohne starke Spannung eingehalten hat. Abb. 11.10: Monetäre Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 365 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 365 Für das Zinskriterium gelten ähnliche Überlegungen wie im Fall des Inflationskriteriums. Würden sich die Zinssätze in einer Währungsunion nicht auf einem annähernd gleichen Niveau bewegen, würde eine „Kapitalflucht“ in das Land mit dem höchsten Zinsniveau einsetzen. Die Zinsparitätentheorie besagt, dass sich bei der in der EWU gegebenen vollständigen Kapitalmobilität die Zinssätze im In- und Ausland nur durch die erwartete Wechselkursänderungsrate unterscheiden (vgl. Box 11.2, Kap. 21). Eine anhaltende Wechselkursstabilität ist ein Kennzeichen dafür, dass ein Land bei Eintritt in die EWU auf dieses Instrument verzichten kann. Als Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass die drei monetären Kriterien durchaus auf wissenschaftlich begründeten Überlegungen beruhen. Im Beitrittsjahr zur EWU haben 14 der damals 15 EU-Mitgliedstaaten das Inflations- und Zinskriterium erfüllt (Abb. 11.11). Fiskalische Konvergenzkriterien Die fiskalischen Kriterien beziehen sich auf die laufenden Defizite und den Schuldenstand der öffentlichen Haushalte in einer Volkswirtschaft. Die Kriterien sollen verhindern, dass eine ausufernde Staatsverschuldung die monetäre Stabilität gefährdet und die Inflationsgefahren erhöht. In der EWU sind folgende Grenzen vorgesehen (Abb. 11.12): •• laufende Defizite maximal 3 % des nominalen BIP, •• Schuldenstand maximal 60 % des nominalen BIP. Der Zusammenhang zwischen Defizit- und Schuldenstandskriterium ist formaler Art (vgl. Box 11.2). Im Jahr 1991, dem Jahr vor Unterzeichnung der Verträge von Maastricht, betrug der Durchschnitt der Verschuldung in den EU-Staaten 60 %. Z in ss ät ze in % Inflationsrate in % (1997) Gelungene Konvergenz von Inflationsraten und Zinsniveaus Abb. 11.11: Inflations- und Zinskriterium im Jahr 1997 Quelle: Friedrich Ebert Stiftung, 1999 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 366 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU366 In einer wachsenden Wirtschaft ist die Entwicklung der Schuldenstandsquote abhängig von folgenden Größen (vgl. Kap. 8): (1) D (B/Y) = BD/Y – g × B/Y Die Entwicklung des Schuldenstandes wird stabilisiert (D(B/Y) = 0), wenn gilt. (2) BD/Y = g × B/Y Wir können erkennen, dass eine Stabilisierung der Schuldenstandsquote bei 60 % ein nominales Wachstum von 5 % erfordert, wenn das Defizit 3 % nicht überschritten werden soll: 0,03 = 0,05 × 0,60 Liegt die zulässige Neuverschuldung hingegen bei 4 % und das nominale BIP bei 5 %, dann konvergiert der Schuldenstand gegen 80 % (0,04/0,05). Bezogen auf die gegenwärtigen makroökonomischen Daten in den Mitgliedstaaten erscheinen die gewählten Referenzwerte eher zu „optimistisch“. Die Finanzkriterien sind nicht eindeutig definiert. Wird der Schwellenwert von 3 % überschritten, ist zu überprüfen, „ob die Defizitquote erheblich und laufend zurückgegangen ist und einen Wert in der Nähe des Referenzwertes erreicht hat“ oder „ob der Referenzwert nur ausnahmsweise und vorübergehend überschritten wird und das Verhältnis in der Nähe des Referenzwertes bleibt“. Diese Begriffsbildung ist unklar. Auch das Schuldenstandskriterium lässt Auslegungsspielräume zu. Es gilt als erfüllt, wenn die Quote in „hinreichendem Maße“ rückläufig ist und sich rasch genug dem Referenzwert nähert. Die Begriffe „erheblich“, „laufend“ und in „hinreichendem Maße“ sind weder vertraglich noch von öffentlicher Seite aus bislang konkretisiert worden. Es ist daher nicht erstaunlich, dass angesichts einer zum Teil „kreativen Buchführung“ gerade die Kriterien der Finanzpolitik Anlass zu Meinungsverschiedenheiten gegeben haben. Bei einer strengen Auslegung der Kriterien hätten letztendlich nur vier Länder (Finnland, Frankreich, Großbritannien, Luxemburg) an der EWU teilnehmen dürfen, auch Deutschland hätte das Schuldenstandkriterium wenn auch knapp mit 60,3 % verfehlt (Abb. 11.13). Strukturelle und reale Konvergenz Inzwischen wird nicht nur ein Überdenken der fiskalischen Referenzwerte gefordert, sondern auch die Erweiterung der Maastricht-Kriterien durch strukturelle bzw. real- Fiskalische Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages Kriterium Formulierung Defizit- Kriterium Das jährliche Budgetdefizit darf den Referenzwert von 3% des BIP (nominal) nicht überschreiten, es sei denn, die Quote ist erheblich und laufend zurückgegangen und liegt in der Nähe des Referenzwertes oder der Referenzwert wird nur ausnahmsweise und vorübergehend überschritten. Schuldenstands- Kriterium Der Gesamtschuldenstand darf den Referenzwert von 60% des BIP (nominal) nicht überschreiten, es sei denn das Verhältnis ist hinreichend rückläufig und nähert sich dem Referenzwert. Abb. 11.12: Fiskalische Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 367 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 367 wirtschaftliche Aspekte diskutiert. Ansätze dazu finden sich im Maastricht-Vertrag selbst (Art. 109j, Abs. 1): „Die Berichte der Kommission … berücksichtigen auch … die Ergebnisse bei der Integration der Märkte, den Stand und die Entwicklung der Leistungsbilanzen, die Entwicklung bei den Lohnstückkosten und andere Preisindizes.“ Die strukturelle Konvergenz bezeichnet die Angleichung der Konsum- und Produktionsmuster sowie instituti- Box 11.2: Konvergenzkriterien – Die Logik der EWU Inflationskonvergenz: Eine Fixierung des Wechselkurses in einer Währungsunion setzt ein annäherndes Gleichgewicht der Inflationsraten voraus: (1) Δw/w = π Inland – πAusland (2) Δw/w = 0, wenn πInland = πAusland Zinskonvergenz: Da in einer Währungsunion keine Wechselkurs- änderungen möglich sind, müssen sich die Zinssätze mittelfristig im Gleichgewicht befinden: (3) (Δw/w)erwartet = iInland – iAusland (4) (Δw/w)erwartet = 0, wenn iInland = iAusland Konvergenz der Verschuldung: Für die Änderung der Schuldenquote gilt: (5) Δ(B/Y)) = BD/Y – g × B/Y Wenn die Schuldenquote unverändert bleiben soll, d. h. Δ(B/Y) = 0, gilt: (6) BD/Y = g × B/Y Hintergrund: Die Konvergenzkriterien sollen zu einer Annäherung in wirtschaftlichen Grunddaten der Beitrittsländer führen. Nach dem Beitritt ist aufgrund einer einheitlichen Geldpolitik zumindest mittelfristig mit einer annähernden Inflations- und Zinskonvergenz zu rechnen. Die fiskalische Konvergenz ist nicht zwangsläufig gesichert, da die Finanzpolitik noch in nationaler Hand liegt. Sie soll durch den Stabilitätsund Wachstumspakt erreicht werden. Haushaltsdefizit in % des BIP Sc hu ld en st an d in % d es B IP Zum Teil verfehlte fiskalische Konvergenz Abb. 11.13: Fiskalische Konvergenzkriterien (1997) Quelle: Friedrich Ebert Stiftung, 1999 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 368 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU368 onelle Veränderungen, die sich vorteilhaft auf die Fähigkeit der Länder auswirken, externe Störungen aufzufangen. Dazu zählen z. B. die Integration der Arbeitsmärkte, die Annäherung der steuerpolitischen Rahmenbedingungen und die Beseitigung von Marktbarrieren auf den Gütermärkten. Die reale Konvergenz bezieht sich auf die Verringerung der Unterschiede bei Kenngrößen wie z. B. BIP-pro-Kopf, Lebensstandard und Arbeitslosenquote. Die Bedeutung dieser Kriterien liegt auf der Hand, insbesondere mit Blick auf die wirtschaftlichen Unterschiede der Mitgliedstaaten in der EU bzw. EWU. Schlagwörter •• monetäre, fiskalische Konvergenz •• Zins-, Inflations-, Wechselkurskriterium •• Kaufkraftparitätentheorie •• Zinsparitätentheorie •• Schuldenstandkriterium •• Defizitkriterium •• strukturelle, reale Konvergenz 11.2.2 Struktur und Aufgaben des ESZB Das ESZB umfasst die EZB und die nationalen Zentralbanken aller EU-Mitgliedstaaten (Artikel 107 Absatz 1 des EG-Vertrags), unabhängig davon, ob sie den Euro eingeführt haben oder nicht. Das Eurosystem besteht aus der EZB und den nationalen Zentralbanken der Länder, die Mitglieder der EWU sind. Solange es EU-Mitgliedstaaten gibt, die nicht dem Euro-Währungsgebiet angehören, werden das Eurosystem und das ESZB nebeneinander bestehen. Die föderale Struktur des ESZB ist vergleichbar mit dem früheren deutschen Notenbanksystem (Abb. 11.14). Die Europäische Zentralbank (EZB) entspricht als Leitorgan der Bundesbank, die nationalen Notenbanken den deutschen Landeszentralbanken: •• Das Direktorium leitet die EZB und ist für die laufenden Geschäfte zuständig. Es setzt u. a. die vom EZB-Rat festgelegten geldpolitischen Leitlinien um und erteilt den nationalen Zentralbanken die entsprechenden Weisungen. Dem Direktorium gehören der EZB-Präsident, der Vizepräsident sowie bis zu vier weitere Mitglieder an. Ihre Ernennung erfolgt durch den Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs auf Empfehlung des Rates der Finanz- und Wirtschaftsminister. Die Amtszeit beträgt acht Jahre. Eine Wiederwahl ist nicht möglich. Damit soll die längerfristige Orientierung der Geldpolitik gefördert werden. •• Der Rat (vergleichbar mit dem Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank) legt die geldpolitischen Leitlinien der Geldpolitik fest. Darunter fallen beispielsweise Veränderungen der Leitzinsen. Mitglieder sind das Direktorium (6 Stimmen) und die Notenbankpräsidenten der EWU-Mitgliedstaaten Die Ernennung der nationalen Notenbankpräsidenten erfolgt nach nationalem Verfahren. Die Amtszeit in Deutschland beträgt acht, mindestens jedoch fünf Jahre. Eine Wiederwahl ist möglich. Die Entscheidungen werden mit einfacher Mehrheit gefällt (Ausnahmen: Entscheidungen über das EZB-Kapital, Weitergabe von Währungsreserven der nationalen Zentralbanken an die EZB). Bei Stimmengleichheit entscheidet der Präsident der EZB. Der Präsident des Ministerrates und ein Mitglied der EU-Kommission können an den Sitzungen des ESZB-Rates teilnehmen, sie haben jedoch kein Stimmrecht. •• Darüber hinaus wird ein Erweiterter Rat gebildet, um die noch nicht der EWU angehörenden EU-Mitgliedstaaten stärker einzubinden. Ihm gehören der Präsident und der Vizepräsident der EZB sowie die Notenbankpräsidenten aller Zentralbanken der Europäischen Union an. Seine Aufgaben betreffen die Gestaltung der Geld- und Währungspolitik zu den EU-Mitgliedstaaten, die den Euro noch nicht eingeführt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 369 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 369 haben. Ihre Währungen sind über den Wechselkursmechanismus II mit dem Euro verbunden. Rotationsmodell Mit Blick auf die zu erwartende Erweiterung der EWU haben sich die EU-Staats- und Regierungschefs im März 2003 auf ein Rotationsmodell geeinigt. Es sind die 6 Direktoriumsmitglieder mit dauerhaftem Stimmrecht sowie maximal 15 stimmberechtigte Zentralbankpräsidenten im EZB-Rat vorgesehen (Tab. 11.3). Das früher übliche Modell „one country, one vote“ wird also durchbrochen, da dieses – so die Befürchtung – Entscheidungsprozesse erschwert und das Gewicht des Direktoriums verringert. Die nationalen Zentralbank-Präsidenten müssen entsprechend der Größe des Landes rotieren. Dazu werden die Mitgliedstaaten gewichtet nach ihrer Wirtschaftskraft und der Stärke ihres Finanzsektors geordnet und in Gruppen geteilt. Das Stimmrecht wird persönlich ausgeübt und rotiert innerhalb der einzelnen Gruppen. Die zeitliche Rotationsfolge wird vom EZB-Rat flexibel beschlossen. Die nicht stimmberechtigten nationalen Zen- Tab. 11.5: Rotationsmodell des ESZB bei 27 Mitgliedstaaten Gruppe Anzahl der Mitglieder Stimmberechtigte (Repräsentanz der Gruppe an geldpolitischen Entscheidungen) EZB-Direktorium 6 6 (100 %) große Mitgliedstaaten 5 (u. a. Deutschland, Frankreich) 4 (80 %) mittlere Mitgliedstaaten 14 (u. a. Niederlande, Polen) 8 (57 %) kleine Mitgliedstaten 8 (u. a. Slowenien, Bulgarien) 3 (37,5 %) Direktorium der EZB: Präsident, Vizepräsident, 4 weitere Mitglieder Notenbank-Präsidenten der EWU-Mitgliedstaaten • Ernennung durch EU-Rat der Regierungschefs • Einmalige Amtszeit von 8 Jahren, nicht abrufbar • Wahrnehmung der laufenden Geschäfte der EZB EZB-Rat: max. 21 Stimmen für Deutschland: • Ernennung in nationalem Verfahren • Amtszeit 8, mindestens 5 Jahre, Wiederwahl möglich Erweiterter Rat: Nicht-EWU-Mitglieder 6 dauerhafte Stimmen 5 Notenbanken der 1. Gruppe mit 4 rotierenden Stimmrechten 14 Notenbanken der 2. Gruppe mit 8 rotierenden Stimmrechten 8 Notenbanken der 3. Gruppe mit 3 rotierenden Stimmrechten max. 15 bei 27 EWU- Mitgliedstaaten Ländergewichtung gemäß der Anteile von 5/6 des BIP und 1/6 der aggregierten Bilanz der Monetären Finanzinstitute der Mitgliedstaaten www.ecb.int Die Entscheidungsträger der europäischen Geldpolitik Abb. 11.14: Struktur und Aufbau des ESZB Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 370 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU370 tralbankpräsidenten nehmen ebenfalls an den EZB-Ratssitzungen teil. Entscheidungen werden in der Regel mit einfacher Mehrheit getroffen. Unabhängigkeit des ESZB Das ESZB genießt laut Art. 108 EG-Vertrag einen unabhängigen Status. Bei der Erfüllung ihrer Aufgaben dürfen weder die EZB noch die nationalen Notenbanken Weisungen von Organen und Einrichtungen der Gemeinschaft, Regierungen der Mitgliedstaaten und anderen Institutionen einholen oder entgegennehmen. Die Anforderungen an die Unabhängigkeit lassen sich in verschiedene Aspekte untergliedern (Abb. 11.15). Ziel-Unabhängigkeit: Eine vollständige Unabhängigkeit bedeutet, dass die Notenbank zwischen verschiedenen Zielen wählen kann (z. B. Federal Reserve System zwischen Wachstumsziel und Inflation). In der EWU besteht insofern eine eingeschränkte Unabhängigkeit, da das ESZB durch Art. 105 EG-Vertrag ausdrücklich auf die Gewährleistung der Preisniveaustabilität festgelegt ist. Dieses Ziel wird von der EZB bei einer Inflationsrate von „nahe unter 2 %“ definiert (Stand 2012). „Soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft, um zur Verwirklichung der in Artikel 2 festgelegten Ziele der Gemeinschaft beizutragen.“ (Art. 105 Absatz 1 des EG-Vertrags). Instrumentelle Unabhängigkeit: Dieser Aspekt umfasst die Kontrolle über die Notenbankzinsen, über den Wechselkurs und über Notenbank-Kredite an den Staat. Nach Art. 111 des EG-Vertrages fallen jedoch Vereinbarungen über ein Wechselkurssystem für den Euro gegenüber Drittlandswährungen sowie allgemeine Orientierungen für die Wechselkurspolitik in die Kompetenz des Rates der Finanzminister (nach Anhörung der EZB). Art. 101 des EG-Vertrages enthält ein klares Verbot der Kreditgewährung an den Staat: „Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der EZB oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (im Folgenden als „nationale Zentralbanken“ bezeichnet) für Organe oder Einrichtungen der Gemeinschaft, Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder andere öffentlich-rechtliche Körperschaften, sonstige Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die EZB oder die nationalen Zentralbanken.“ Personelle Unabhängigkeit: Die Mitglieder des EZB-Rates und des Direktoriums können nicht über kurze Vertragslaufzeiten oder jederzeit mögliche Abberufungen unter Dimension Art. Inhalt Institutionell 108 EGV Die Mitglieder des EZB-Rates sind von Weisungen Dritter unabhängig. Funktionell 105 I EGV Vorrangiges Ziel ist die Gewährleistung der Preisniveaustabilität. Finanziell 101 EGV Verbot der monetären Haushaltsfinanzierung für Gemeinschaftsorgane und Regierungen. Personell 108 EGV Lange Amtszeiten der Mitglieder des Direktoriums (8 Jahre ohne Wiederwahl). Operativ 108 EGV Keine Weisungsabhängigkeit hinsichtlich der geldpolitischen Strategie und des Einsatzes der geldpolitischen Instrumente. Dimensionen der Unabhängigkeit der EZB Abb. 11.15: Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 371 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 371 „Druck gesetzt“ werden. Es erfolgt zudem keine Veröffentlichung von Abstimmungsergebnissen und keine strukturierte Analyse von möglichen Zielverfehlungen. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass die Mitglieder des EZB-Rats durch politischen Druck (insbesondere von nationaler Seite) in ihrer Unabhängigkeit eingeschränkt würden. Finanzielle Unabhängigkeit: Die EZB hat einen eigenen Haushalt und kann selbst über den Einsatz ihrer Mittel entscheiden, mit denen sie von den Mitgliedsländern ausgestattet wird. Die Kapitalbeteiligungen an der EZB richten sich zur Hälfte nach der Bevölkerungszahl, und zur Hälfte nach der Höhe des BIP. Der Anteil der Deutschen Bundesbank beträgt rund 20 %. Nicht nur die Verteilung der Gewinne, sondern auch die Verlustverteilung, die Kapitalaufbringung und die Übertragung der Devisenreserven richten sich nach den Kapitalanteilen. Unabhängigkeit der Notenbank und Preisniveaustabilität Für die Unabhängigkeit der Notenbank spricht das Argument, dass auf diese Weise Kreditwünschen des Staates und einer unkontrollierten Geldschöpfung wirksam begegnet werden kann. Ferner vermeidet die geldpolitische Autonomie der Notenbank langwierige Entscheidungsprozeduren und die Vermischung von geldpolitischen Zielen mit der Tagespolitik. Eine Notenbank steht anders als Politiker zudem nicht unter dem Druck der Wiederwahl. Politiker, so die Befürchtung, könnten vor einer Wahl einen Anreiz haben, die Wirtschaft anzukurbeln und wären bereit, eine höhere Inflation in Kauf zu nehmen. Empirische Analysen zeigen, dass die Volkswirtschaften, die die Inflationsbekämpfung in die Hände einer unabhängigen Zentralbank gegeben haben, erfolgreicher in der Erreichung geldpolitischer Ziele sind (Abb. 11.16). Anders formuliert: „Jede Gesellschaft hat letztlich die Inflationsrate, die sie verdient und im Grunde auch will“ (Ottmar Issing, früherer Chef-Volkswirt der EZB). Aufgaben Die grundlegenden Aufgaben der Europäischen Zentralbank sind in Art. 105 Absatz des EG-Vertrages festgelegt. Dazu zählen •• Festlegung und Durchführung der Geldpolitik, •• Durchführung von Devisengeschäften, •• Verwaltung der offiziellen Währungsreserven der Mitgliedstaaten, •• Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld und Gewährleistung eines reibungslosen Zahlungsverkehrs. Zu klären ist, ob und inwieweit die Notenbank als Kreditgeber der letzten Instanz (lender of last resort) einspringen muss, indem sie dem Bankensystem in Krisensituationen die notwendige Liquidität zur Verfügung stellt. Dabei gilt in der Regel der Grundsatz, Dimension Mögliche Kriterien (Einordnung in Skalenwerte) Politisch (personell/institutionell) Amtszeit des Präsidenten; Wer ernennt die Mitglieder? Entlassung möglich? Welche Ziele werden verfolgt? Gibt es klare rechtliche Regelungen? Wirtschaftlich (finanziell/operativ) Kreditgewährung an Staaten möglich? Alleinige Kontrolle der geldpolitischen Instrumente durch die Notenbank? Messung der Unabhängigkeit einer Notenbank Abb. 11.16: Unabhängigkeitsindex der Zentralbank und Inflationsrate Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 372 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU372 dass nur solvente Banken gegen gesetzlich vorgeschriebene Sicherheiten Liquidität erhalten. Eine Notenbank sollte jedoch nur Liquiditätshilfe und keine Insolvenzhilfe bei Bankkonkursen leisten. Würde die Notenbank auch im Fall der Insolvenz bereitstehen, könnte dies ein moral hazard Verhalten fördern. Finanzinstitute gehen dann zu hohe Risiken ein, da bei einer Krise die Notenbank stets einspringt. Dies gilt auch im internationalen Kontext, wenn eine Währung als weltweite Reservewährung fungiert und die Notenbank die Funktion eines lender of last resort einnimmt, d. h. Kredite an „notleidende“ Banken vergeben muss, um damit einem Zusammenbruch des Bankensystems entgegenzuwirken. Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB Am 6. September 2012 hat die EZB den Aufkauf von Staatsanleihen beschlossen. Diese Maßnahme ist umstritten. Hintergrund der EZB-Entscheidung ist die relative große Zinsdifferenz für Staatsanleihen in der Währungsunion. So lag der Zinssatz für spanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit Anfang September 2012 bei 6,66 Prozent. Italien musste 5,71 Prozent Zinsen zahlen. Die Rendite für deutsche Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit lag hingegen nur 1,40 Prozent. Nach Erfahrungen gilt es als kritisch, wenn ein hochverschuldetes Land mit zudem schlechten Wirtschaftsdaten dauerhaft für neue Kredite Zinsen von 7 Prozent und höher zahlen muss. Dies erhöht die Gefahr, dass ein Land seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Die Maßnahme soll „Verzerrungen“ auf den Kapitalmärkten verhindern und letztendlich die Zinspolitik der Notenbank unterstützen. Die Niedrigzinspolitik der Notenbank hat die Kreditvergabe in den Krisenländern nicht stimulieren können. Befürworter sehen diese Maßnahme noch innerhalb des Mandats, das der Notenbank durch das Gesetz vorgegeben ist. Die Risikoaufschläge für die Staatsanleihen sind, so die Befürworter, nicht als Ergebnis von Fundamentaldaten der Krisenländer, sondern resultieren aus dem Zweifel an der Funktionsfähigkeit der Währungsunion. Der EZB, so die Argumentation, sei es zwar verboten, Staaten direkt Geld zu leihen. Nicht verboten sei es hingegen, Anleihen an den Finanzmärkten zu erwerben. Kritiker hingegen betrachten die Maßnahme als verfassungswidrig und als Tabubruch, da die Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik verschwimmt. Im Einzelnen beinhaltet die EZB-Entscheidung folgende Maßnahmen: •• Die Notenbank kann „fokussiert“ und ohne Obergrenze für das Volumen von Krisenstaaten vorrangig Staatspapiere mit einer Laufzeit von einem und drei Jahren aufkaufen. •• Der Aufkauf erfolgt unter Bedingungen. Die Krisenländer müssen einen Hilfsantrag beim Rettungsfonds EFSF/ESM stellen, der aus Steuergeldern gespeist wird. Die Krisenländer müssen ein Sanierungs- und Reformprogramm auflegen und sich Kontrollen durch EZB, EU und IWF unterziehen. Die EZB will das Programm durch den Aufkauf von Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt nur dann flankieren, wenn die Staaten am vereinbarten Sanierungs- und Reformkurs festhalten. •• Die Maßnahme ist beendet, wenn die Ziele erreicht sind. Zum einen sollen die Krisenstaaten finanziell entlastet werden. Vergrößert die EZB den Kreis potentieller Anleihekäufer, kann die erhöhte Nachfrage die Kurse für die Staatsanleihen in die Höhe treiben. Dadurch sinken die Zinsen für die Anleihen. Zum anderen soll das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit und die Stabilität der Währungsunion erhöht werden. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 373 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 373 Es gibt bisher keine Erfahrungen mit dieser Maßnahme in der EWU. Die Risiken liegen in folgenden Punkten: •• Können sich Krisenstaaten günstiger finanzieren kann der Reformdruck sinken. Anleihekäufe können sich als der falsche Weg erweisen, wenn sie dringend notwendige Sparbemühungen und Strukturveränderungen in den öffentlichen Haushalten der hoch verschuldeten Länder unterlaufen und Anreize zur Sanierung nehmen. Die Europäische Zentralbank darf nicht in die Rolle einer Ersatzregierung gedrängt werden, da dies ihre Unabhängigkeit gefährdet. •• Der Aufkauf von Staatsanleihen entspricht de facto einer Schaffung von Zentralbankgeld. Die Maßnahme setzt Marktgesetze außer Kraft und bringt zu viel Geld in Umlauf dem keine Werte gegenüberstehen. Wenn die Notenbank das geschaffene Geld nach Entspannung der Situation nicht wieder einsammelt, vergrößert sich die Gefahr inflationärer Prozesse. •• Die Risiken für die Eigner-Staaten der EZB erhöhen sich, wenn die Notenbank Schuldscheine von Krisenstaaten erwirbt. Verlassen Krisenstaaten gar die Euro- Zone, droht die Notenbank auf ausfallgefährdeten Staatsanleihen sitzen zu bleiben. Letztendlich haften in diesem Fall die Steuerzahler. Für Deutschland beträgt der Anteil an der EZB rund 27 Prozent. Schlagwörter •• ESZB •• EZB-Direktorium •• EZB-Rat •• Erweiterter EZB-Rat •• EWS II •• Notenbankunabhängigkeit •• Kreditgeber der letzten Instanz 11.3 Fallbeispiele zu Kapitel 11 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 11.1: Währungsreform und Währungsunion (0) 1) Beurteilen Sie die Unterschiede zwischen einer Währungsreform und einer Währungsunion mit Hilfe folgender Tabelle: Währungsreform Währungsunion Hoheitsgebiet Ausgangspunkt Ziele Methode Vermögenswirkung 2) Welche Wege stehen zur Errichtung einer Währungsunion offen? Fallbeispiel 11.2: Währungsumstellung Ostmark zur DM und DM zu Euro (++) 1) Die Währungsumstellung der Ostmark zur DM erfolgte differenziert nach Strom- und Bestandsgrößen. Während alle laufenden Transaktionen, also Löhne, Gehälter, Stipendien, Renten, Mieten und Pachten sowie weitere wiederkehrende Zahlungen im Verhältnis 1:1 umgestellt wurden, erfolgte die Umstellung der Vermögens- und Schuldverhältnisse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 374 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU374 grundsätzlich im Verhältnis 2:1. Vor der Wiedervereinigung betrug der durchschnittliche Verrechnungskurs zwischen Ostmark und DM rund 4 Ostmark = 1 DM und das durchschnittliche Einkommen bzw. die durchschnittliche Produktivität je 1/3 des Westniveaus. a) Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den gewählten Umtauschkurs für Einkommensbezieher und Unternehmen? b) Warum wurden die Schulden des Staates und der Unternehmen nicht ebenfalls 1:1 umgestellt? 2) Der historische Umstellungskurs von DM zu € lautet: 1,95583 DM = 1 €. a) Erläutern Sie kurz, wie dieser Kurs zustande gekommen ist. b) Warum wurde nicht ein Kurs von 2 DM 1 € gewählt? Dies erleichtert doch die Umrechnung. Vervollständigen Sie dazu folgende Tabelle: Größe Wechselkurs: 1, 95583 EM = 1 € Vereinfacht: 2 DM = 1 € Nachteil für Einkommen: 2.000 DM Kredit: 5.000 DM Miete: 1.000 DM 1 Liter Milch: 1 DM Fallbeispiel 11.3: Asymmetrische Schocks in der EWU (+) 1) Angenommen sei ein asymmetrischer Nachfrageschock, bei dem eine Verschiebung der Nachfrage von französischen Gütern zu deutschen Gütern stattfindet. Erläutern Sie verbal die Auswirkungen auf folgende makroökonomischen Größen: Deutschland Frankreich Bruttoinlandsprodukt Außenbeitrag Inflationsrate 2) Welche Wechselkurs- bzw. Zinsveränderungen sind aus Ihrer Sicht in Deutschland bzw. Frankreich mit Blick auf die unter 1) genannten Auswirkungen sinnvoll? Unterstellen Sie, dass in beiden Ländern eine eigenständige Geld- und Wechselkurspolitik möglich ist. Deutschland Frankreich Wechselkurs Zins 3) Wie verändert sich Ihre Antwort unter 2), wenn Deutschland und Frankreich eine Währungsunion bilden? 4) Beurteilen Sie anhand der nachfolgenden Tabelle die Bedeutung der einzelnen Kriterien und daran gemessen den „Optimalitätsgrad“ der EWU. Kriterium Hoch Gering Erfüllt (ja/nein) Arbeitskräftemobilität Preis- und Lohnflexibilität Offenheitsgrad Diversifizierung der Branchenstruktur Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 375 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 375 Fallbeispiel 11.4: Kosten und Nutzen einer regionalen Zusammenarbeit von Staaten (++) 1) Land A und B wollen zusammenarbeiten. Wenn nur ein Staat seinen Markt für den anderen öffnet, so kostet das den öffnenden Staat 10 Mrd. €, für beide Staaten fällt ein Gewinn von jeweils 7 Mrd. € an. Öffnen beide Staaten den Markt, so fallen Kosten von 10 Mrd. € an, es entsteht jedoch zweimal ein Gewinn von 7 Mrd. €. Übertragen Sie die möglichen Ergebnisse in nachfolgende Matrix und erläutern sie das Ergebnis. Staat B Kein Gemeinsamer Markt Gemeinsamer Markt Staat A Kein Gemeinsamer Markt A: B: A: B: Gemeinsamer Markt A: B: A: B: 2) Diskutieren Sie mögliche Vor- und Nachteile eines Beitritts zur EU unter folgenden Gesichtspunkten: Vorteile Nachteile Handel Kapitalverkehr Migration Transfers Fallbeispiel 11.5: Konvergenzkriterien in der EWU (0) 1) Was verstehen Sie unter Konvergenz? Erläutern Sie die Begriffe strukturelle und reale Konvergenz. 2) Betrachten Sie folgende Daten von Beitrittskandidaten zur EWU: Land langfristiger Nominalzins Inflationsrate laufendes Defizit im Haushaltsjahr in Mrd. € Schuldenstand in Mrd. € BIPnom in Mrd. € 1 7 % 4 % –20 250 500 2 6 % 3 % –50 1.200 2.000 3 8 % 5 % –25 440 750 4 6 % 2 % –30 700 1.000 5 6 % 2,5 % –10 350 600 6 8,5 % 5,5 % –50 500 1.000 Welche Länder könnten bei einer strengen Auslegung der Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages an einer Währungsunion teilnehmen? 3) Gegeben sind folgende Werte von zwei Ländern. Berechnen Sie Defizit- und Schuldenstandsquoten und interpretieren Sie die Ergebnisse. Größe Land 1 Land 2 BIPreal 2.000 1.000 BIP-Deflator 105 120 Laufendes Defizit 50 25 Schuldenstand 1.200 600 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 376 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU376 4) Ökonomen verweisen darauf, dass das 3 %-Kriterium zur Begrenzung der Neuverschuldung aus heutiger Sicht zu hoch erscheint. Wie hoch könnte das Defizit in Deutschland ausfallen, wenn das nominale BIP-Wachstum bei 3 % liegt und das Schuldenstandskriterium nicht verletzt werden soll? Fallbeispiel 11.6: Aufbau und Unabhängigkeit des ESZB (0) 1) Beschreiben Sie den institutionellen Aufbau des ESZB. 2) Nennen Sie mögliche Merkmale, anhand derer die Zentralbankautonomie in den nachfolgenden Kategorien der Unabhängigkeit beurteilt werden kann: Unabhängigkeit Merkmal Funktionell Institutionell Operativ Personell Finanziell 3) Unter welchen Bedingungen kann die Autonomie des ESZB aufgehoben werden? Fallbeispiel 11.7: Zielprioritäten des ESZB (+) Gehen Sie von folgender Problemsituation in einer Währungsunion aus, die aus Vereinfachungsgründen nur aus den Ländern A und B besteht: 1) Welche Zinsveränderung (Senken, Konstanz, Erhöhen) wäre notwendig, damit das ESZB das jeweils genannte Ziel erreichen kann? Begründen Sie kurz Ihre Antwort. 2) Worin könnte das „Entscheidungsdilemma“ des ESZB liegen. 3) Welches Ziel sollte bzw. muss das ESZB in der EWU vorrangig verfolgen? Begründen Sie Ihre Aussage? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 377 Kapitel 12: Geldpolitik in der EWU Kapitel 12 10 € 1 € Inhaltsübersicht 12.1 Geldmengenbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378 12.1.1 Zentralbankgeld und Geldbasis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380 12.1.2 Giralgeldschöpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 12.1.3 Geldmenge M1 bis M3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388 12.2 Geldpolitische Strategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 12.2.1 Einstufige Strategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394 12.2.2 Zweistufige Strategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 12.2.3 Geldpolitische Strategie des ESZB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 402 12.3 Geldpolitische Instrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404 12.3.1 Offenmarktgeschäfte und Refinanzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 12.3.2 Zinskanal der Geldpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 12.4 Fallbeispiele zu Kapitel 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.