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Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 43 - 95

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_43

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 19 Kapitel 2 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie Inhaltsübersicht 2.1 Volkswirtschaftliche Rechenwerke. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.2 Der Wirtschaftskreislauf als Basis der Volkswirtschaftlichen Gesamt rechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.2.1 Produktion und einfacher Wirtschaftskreislauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2.2.2 Dynamische Wirtschaft mit Vermögensbildung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.2.3 Wirtschaftskreislauf mit Staat. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 2.2.4 Offene Volkswirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3 Grundregeln der BIP Berechnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.3.1 Berechnungsarten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.3.2 Preisbereinigung und Wirtschaftswachstum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 2.4 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 2.4.1 Entstehungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 2.4.2 Verwendungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 2.4.3 Verteilungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 2.5 Volkswirtschaftliche Kennziffern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 2.6 Fallbeispiele zu Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 20 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen20 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Eine Volkswirtschaft lässt sich durch Wirtschaftskreisläufe darstellen, die stufenweise komplexer werden und sich der Realität annähern. Der Wirtschaftskreislauf ist die Grundlage für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. •• Der Wirtschaftskreislauf liefert eine erste Vorstellung davon, an welchen Stellen die Wirtschaftspolitik eingreifen kann, um makroökonomische Grö- ßen zu beeinflussen. •• Unabhängig von der Komplexität des Wirtschaftskreislaufs gilt ex-post die Identität von Investitionen und Sparen. Gleichzeitig sind bei einer ex-post Betrachtung Nachfrage und Angebot identisch. Der daraus resultierende Wert entspricht dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). •• Das wichtigste makroökonomische Rechenwerk ist die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Sie zeigt, wie hoch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das gesamtwirtschaftliche Angebot in einem Zeitraum waren. •• Das BIP wird zu Marktpreisen ausgewiesen. Zu unterscheiden sind das nominale und das reale, preisbereinigte, BIP. •• Die Entstehungsrechnung erfasst das BIP von der Angebotsseite. Erfasst werden die Aktivitäten der offiziellen Sektoren einer Volkswirtschaft. Nicht erfasst wird die Schattenwirtschaft. •• Die Verwendungsrechnung des BIP zeigt, welcher Teil der produzierten Güter konsumiert, investiert oder exportiert wird. •• Das Bruttoinlandsprodukt erfasst die wirtschaftlichen Aktivitäten im Inland. Demgegenüber umfasst das Bruttonationaleinkommen (Bruttonationalprodukt) das von inländischen Wirtschaftssubjekten im In- und Ausland durch die Produktion erwirtschaftete Einkommen. •• Das Bruttonationaleinkommen ist der Ausgangspunkt zur Berechnung von Verteilungsgrößen. Die Verteilungsrechnung zeigt, wie das entstandene Einkommen auf Arbeitnehmer- und Unternehmens- bzw. Vermögenseinkommen aufgeteilt wird. •• Der Konsum und die Ersparnis der Privaten Haushalte werden von ihrem Verfügbaren Einkommen bestimmt. Dieses berücksichtigt neben den Faktoreinkommen auch die staatliche Umverteilung durch Steuern und monetäre Transfers. •• Aussagen zur personellen Einkommensverteilung lassen sich nicht aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ableiten. Die „Gerechtigkeit“ der Einkommensverteilung in einer Volkswirtschaft lässt sich durch Konzentrationsmaße ermitteln. 2.1 Volkswirtschaftliche Rechenwerke Die ökonomischen Entscheidungsträger (Staat, Notenbank, Tarifpartner) benötigen Da ten über den Stand und die Entwicklung gesamtwirtschaftlicher Größen. Ein einziges Rechenwerk ist nicht in der Lage, den unterschiedlichen Fragestellungen Rechnung zu tragen. In Deutschland gibt es mehrere, weitgehend aufeinander abgestimmte Teilrechnungen, die verschiedene Aspekte in den Vordergrund rücken (Abb. 2.1). Die Ergebnisse des Volkswirtschaftlichen Rechnungswesens (VGR) stammen nicht aus eigenen Erhebungen (Primärstatistik), sondern greifen auf bereits vorhandenes Zahlenmaterial zurück (Sekundärstatistik). Dies sind z. B. die Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 21 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 21 •• jährliche Umsatzsteuerstatistik, Kostenstrukturerhebungen sowie Umfragen im Verarbeitenden Gewerbe und in anderen Wirtschaftszweigen, •• Unterlagen der Sozialversicherungsträger, •• Finanzstatistik von Bund, Ländern und Gemeinden, •• Lohn und Einkommensteuerstatistik der Finanzämter, •• Arbeitsmarktstatistiken der Bundesanstalt für Arbeit. Die Statistiken liefern eine Fülle unterschiedlicher Daten (Abb. 2.2). Insbesondere über Daten zu Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit und Inflation wird in den Medien regelmäßig berichtet. Beispielsweise ist der wichtigste Indikator für den Arbeitsmarkt die Zahl der Arbeitslo sen, die monatlich von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht wird. Die Arbeits losenzahl ist als Bestandsgröße zeitpunktbezogen, z. B. 2,8 Mio. am 1. Juli eines Jahres. Stromgrößen sind hingegen zeitraumbezogen z. B. die Entlassungen und Einstellungen im darauffolgenden August eines Jahres. Bestand 1. Juli 2,8 Mio. Personen Bestandsgröße + Entlassungen 200.000 Personen Stromgröße – Einstellungen 300.000 Personen Stromgröße Bestand 1. August 2,7 Mio. Personen Bestandsgröße Für die Berechnung der Arbeitslosenquote (ALQ) wird die Zahl der Arbeitslosen (AL) bezogen auf die Zahl der Erwerbspersonen (EP), also der Personen, die arbeiten oder arbeiten wollen. Die Erwerbspersonen umfassen in der amtlichen Statistik somit die Erwerbstätigen (ET) und die Arbeitslosen. Nehmen wir an, in einer Volkswirtschaft gibt es 37  Mio. Erwerbstätige und 3  Mio. Arbeitslose. Die Arbeitslosenquote (ALQ) errechnet sich als Quotient: ALQ = AL / EP, also (3 / 40) × 100 = 7,5 % Haushaltsrechnung von Bund, Ländern, Gemeinden z.B. www.bundesfinanzministerium.de Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (z.B. Entstehung, Verteilung, Verwendung des BIP) www.destatis.de Zahlungsbilanz (Transaktionen zwischen In- und Ausland) www.bundesbank.de Arbeitsmarktstatistik www.arbeitsagentur.de Quellen der wichtigsten makroökonomischen Daten Bundesministerium für Finanzen Statistisches Bundesamt Deutsche Bundesbank Bundesagentur für Arbeit Abb. 2.1: Institutionen gesamtwirtschaftlicher Rechenwerke Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 22 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen22 Indikator für Preisniveaustabilität ist die Veränderung des Verbraucherpreisindex (VPI), die monatlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht wird. Der VPI ist definiert als der Durchschnitt von repräsentativen Konsumgüterpreisen. Die Inflationsrate ist definiert als Wachstumsrate des Indexwertes. Sie wird in Prozent ausgewiesen. Inflationsrate (in %): π − − − = ×1 1 100t t t P P P oder 1 1 100t t P P π − = − × . Ein Beispiel: Jahr Index Inflationsrate 2005 (Basisjahr) 100 – 2006 104 [(104 – 100)/100] × 100 = 4,00 % 2007 106 [(106 – 104)/104] × 100 = 1,92 % Verwechseln Sie nicht Prozent und Prozentpunkte. Prozentpunkte bezeichnen die Differenz zwischen zwei Prozentangaben. Steigt die Inflation z. B. von 2 % auf 4 %, so handelt es sich um eine Erhöhung um 2 Prozentpunkte. Dies entspricht einer Erhöhung des Wertes um 100 Prozent [(4/2 – 1) × 100]. Indikator für ein angemessenes Wirtschaftswachstum ist die Veränderung des realen BIP. Üblicherweise wird nicht auf absolute Zuwächse, sondern auf relative Zuwächse zwischen den Jahren abgestellt. Jahr BIP (Mrd. €) Absolutes Wachstum (Mrd. €) Relatives Wachstum W-Rate (%) 2005 2050 – – 2006 2150 100 4,88 % 2007 2227 77 3,58 % 2008 2246 19 0,85 % Im Umgang mit Wachstumsraten gibt es im Fall relativ kleiner Veränderungen einige nützliche Annäherungen (vgl. Box 2.1). Box 2.1: Rechenregeln im Umgang mit prozentualen Wachstumsraten Wachstumsrate (W) Rechenregel einer Größe (x) in einer Zeiteinheit (t) Wt = [xt – xt-1/xt-1] × 100 oder Wt = [(xt/xt-1) – 1] × 100 eines Produktes (x × y) W(x × y) ≈ W(x) + W(y) eines Quotienten (x / y) W(x / y) ≈ W(x) – W(y) Ein Zahlenbeispiel: Größe Dimension Jahr 2008 Jahr 2009 Veränderung in % BIP Mrd. € 2.800 2.828 +1 % Bevölkerung in Mio. 100 99 –1 % BIP-pro-Kopf in Tsd. € 28.000 28.565 +2,02 % Das BIP pro Kopf (BIP/Bevölkerung) hat sich 2009 verändert um näherungsweise: W(BIP) – (WBevölkerung): 1 % – (–1 %) = 2 %. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 23 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 23 Viele Daten können nicht unverändert in die amtliche Statistik übernommen werden, da sie Lücken und Überschneidungen aufweisen. Diese Daten haben vorläufigen Cha rakter und dienen als Bausteine, die noch bearbeitet und wie ein Puzzle zusammenge fügt werden müssen. Für wirtschaftspolitische und unternehmerische Entscheidungen ist es wichtig, die Daten möglichst frühzeitig zu erhalten. Je kürzer der Abstand zur Berichtsperiode ist, desto größer sind die Schätzungen angesichts des noch unvoll ständigen Datenmaterials. Die Ausgangsdaten müssen gegebenenfalls durch später anfallendes Datenmaterial ergänzt und notfalls revidiert werden. In Deutschland haben viele aktuelle Daten durchschnittlich einen Nachlauf von etwa drei Monaten. In Einzelbereichen liegen die Daten aufgrund des Erhebungsverfahrens auch früher vor (z. B. für die Arbeitsmarktstatistik). Das umfassendste Rechenwerk stellt die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) dar. Die Bedeutung dieses Rechensystems wird dadurch deutlich, dass im 1980 Richard Nicholas Stone den Nobelpreis erhielt „für seine bahnbrechenden Leistungen bei der Entwicklung von volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungssystemen, wodurch er die Grundlage empirischer Wirtschaftsanalysen deutlich verbessert hat“. Heute sind derartige Rechensys teme das wichtigste Instrumentarium für konjunkturpolitische Analysen und sollen rechtzeitig auf Fehlentwicklungen der Wirtschaft aufmerksam machen. Sie sind z. B. für die mittelfristige Finanzplanung der öffentlichen Haushalte unverzichtbar, da die Steuereinnahmen eng mit der aktuellen konjunkturellen Entwicklung zusammenhän gen. Das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG 1995) hat die nationalen Rechensysteme abgelöst und ist eine Folge der europäischen Integration. Ziel dieser Reform ist die Vergleichbarkeit der europäischen Gesamtrechnungssysteme, die z. B. für die Ermittlung von Beiträgen der Mitgliedstaaten für den EU Haushalt und die Ausrichtung einer einheitlichen Geldpolitik in der EWU notwendig ist. Das ESVG 1995 berücksichtigt den weltweiten Standard des Systems of National Account (SNA 1993), so dass internationale Vergleiche auf einer einheitlichen Grundlage möglich sind. Wichtigstes Bindeglied zwischen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Stromrechnung und der Vermögensrechnung als Bestandsrechnung ist die Finanzie- Messung der wichtigsten gesamtwirtschaftlichen Größen 1/2010 12/2010 Bestand BestandStromgröße Wachstum in % in Mrd. €, und jeweiligen Preisen 4% 3,5 Mio. + 100.000 BIP Arbeitslose 3,6 Mio. 12/20101/2010 Preisindex 100 101 103 102 104 Niveau Inflationsrate (103/100 – 1) × 100 = 3% 2.500 2.600 Abb. 2.2: Daten in der VGR Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 24 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen24 rungsrechnung. Sie gibt Aufschluss über die laufende Vermögensbildung der Rech nungsperiode sowie deren Zusammensetzung (z. B. Geld und Sachvermögen) und Finanzierung (z. B. durch Kredite). Mit Hilfe der Finanzstatistik lassen sich Angaben über die Einnahmen, Ausgaben und die Verschuldung der öffentlichen Haushalte gewinnen. Detaillierte Informationen über die vielfältigen Transaktionen des Inlandes mit dem Ausland enthält die Zahlungsbilanz (Kapitel  19). Wir werden uns nachfolgend auf die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung konzentrieren. Schlagwörter •• ESVG, VGR •• Primär-, Sekundärstatistik •• Zahlungsbilanz •• Vermögens-, Finanzierungsrechnung 2.2 Der Wirtschaftskreislauf als Basis der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung So wie Knappheit ein Ausgangpunkt der Mikroökonomie ist, so ist dies im Fall der Makroökonomie der Wirtschaftskreislauf. Als Begründer der modernen Kreislauf analyse gilt John Maynard Keynes, der ausgehend von der Weltwirtschaftskrise Ende der 20 Jahre des letzten Jahrhunderts gesamtwirtschaftliche Probleme mit Hilfe des Kreislaufansatzes durchleuchtete. Die Kreislaufanalyse ist die Basis der Volkswirt schaftlichen Gesamtrechnung. Konventionen der Kreislaufanalyse Die deutsche Volkswirtschaft setzt sich aus rund 40 Mio. privaten Haushalten, 4 Mio. Unternehmen und 15.000 staatlichen oder quasi staatlichen Institutionen zusammen, Ökonomische Daten – BIP – Konsumausgaben – Einkommen – Zinsen – Preise – Löhne – Bevölkerung – Altersstruktur – Private Haushalte – Erwerbstätige – Arbeitslose – Zeitverwendung Basis für ökonomische Analysen und PrognosenStone, Richard Nicholas 1913–1991 (Großbritannien) © Nobel Foundation Ökonomische Daten bilden das Grundgerüst für Wirtschaftsanalysen Abb. 2.3: Bedeutung gesamtwirtschaftlicher Rechenwerke Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 25 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 25 die vielfältige wechselseitige Zusammenhänge aufweisen. Ein volkswirtschaftlicher Kreislauf reduziert die Vielfalt dieser Beziehungen auf wenige überschaubare Größen und baut auf folgenden Konventionen auf: 1. Volkswirtschaft: Sie ist definiert als wirtschaftliche Betätigung von Wirtschaftssub jekten mit Produktionsschwerpunkt bzw. Wohnsitz im Inland und grenzt sich von der Weltwirtschaft ab. 2. Aggregatgrößen: In einer institutionellen Abgrenzung werden Sektoren wie private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland gebildet. In Verwendung der entspre chenden Abkürzungen ergibt sich das volkswirtschaftliche „HAUS“ (Abb. 2.4). Aus funktioneller Sicht lassen sich ökonomische Vorgänge z. B. zum Konsum der priva ten Haushalte oder zu den Investitionen des Unternehmenssektors zusammenfas sen. Je nach Einbeziehung der Aggregate lassen sich Zwei , Drei und Vier Sektoren Modelle unterscheiden. 3. Wirtschaftsobjekte: Dazu zählen Waren, Dienstleistungen, Rechte und Patente. Leistungstransaktionen wie der Kauf von Gütern verändern die Höhe des Geldver mögens. Finanztransaktionen, z. B. die Aufnahme eines Kredits, führen zu einer anderen Zusammensetzung des Geldvermögens der beteiligten Wirtschaftssubjekte. 4. Ökonomische Aktivitäten: Zu den grundlegenden Aktivitäten zählen a) Güter produzieren und verwenden, b) Einkommen erzielen, empfangen und verwenden, c) Vermögen bilden. Darstellungsformen von Wirtschaftskreisläufen Je nach Fragestellung lassen sich unterschiedliche Modelle bilden, die unabhängig von ihrer Ausgestaltung Gemeinsamkeiten aufweisen. Erfasst werden vorwiegend Ströme (= zeitraumbezogene Größen), deren Ausgangs und Endpunkte als Pole (Sektoren) bezeichnet werden. Die Bewertung der Ströme erfolgt in Geldeinheiten (€). Vier-Sektoren-Modell Drei-Sektoren-Modell Zwei Sektoren-Modell H + U: geschlossene Volkswirtschaft ohne Staat H + U + S: geschlossene Volkswirtschaft mit Staat H + A + U + S: offene Volkswirtschaft mit Ausland und Staat Ausland (A) Haushalte (H) Unternehmen (U) Staat (S) Privater Sektor Inländische Sektoren (H A U S) Volkswirtschaftliches „H A U S“ Abb. 2.4: Sektoren der Kreislaufanalyse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 26 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen26 Der Kreislauf ist geschlossen, d. h. die Wertsumme der für einen Pol zufließenden Ströme ist gleich der Wertsumme aller abfließenden Ströme (Kreislaufaxiom, Abb. 2.5). Durch Bildung eines neuen Pols, der alle Saldenströme aufnimmt, kann jeder Kreislauf geschlossen werden. Neben der graphischen Darstellung, die sich vor allem aus didaktischen Gründen anbietet, gibt es folgende analytische Darstellungsformen eines Wirtschaftskreislaufs (vgl. dazu Tab. 2.1, 2.2 und 2.3): •• Gleichungssysteme, •• Matrizen, •• Kontendarstellungen. Darstellungen des Wirtschaftskreislaufs werden auf Grund ihrer Schlichtheit oft un terschätzt und spätestens dann vergessen, wenn anspruchsvollere Modelle auftauchen. Dennoch liefern Kreislaufmodelle wichtige Einsichten über makroökonomische Zu sammenhänge, die auf allen Ausbildungsstufen nützlich sind. Schlagwörter •• Volkswirtschaft •• Wirtschaftskreislauf •• Aggregatgrößen •• Ströme, Pole •• Kreislaufaxiom •• Offener, geschlossener Kreislauf 2.2.1 Produktion und einfacher Wirtschaftskreislauf Es hat sich als sinnvoll erwiesen, den Wirtschaftskreislauf schrittweise zu erweitern. In dem ersten Kreislauf, den wir betrachten, fehlen zunächst die Vermögensänderung sowie die Sektoren Staat und Ausland. Wir betrachten eine statische, geschlossene Wirtschaft ohne Staat. Das Attribut „statisch“ bringt zum Ausdruck, dass die Wirtschaft 2 = Pole 10 10 20 10 10 20 Offener Kreislauf Geschlossener Kreislauf Volkswirtschaft als geschlossenes System = Ströme 31 Pol Abfluss Zufluss 1 – 30 2 10 10 3 30 – 2 1 3 Pol Abfluss Zufluss 1 30 30 2 10 10 3 30 30 30 Ein Kreislauf ist geschlossen, wenn bei jedem Pol die Summe der abfließenden der Summe der zufließenden Ströme entspricht Abb. 2.5: Offener und geschlossener Kreislauf Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 27 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 27 weder wachsen noch schrumpfen kann. Es wird angenommen, dass sie nicht Kapital anhäuft und dass das Kapital im Zeitablauf nicht an Wert verliert. Reale und monetäre Ströme In einer arbeitsteiligen Volkswirtschaft sind Güter- und Geldströme eng miteinander verknüpft. Auf den Faktormärkten stellen die privaten Haushalte den Unternehmen Arbeit und Kapital zur Verfügung. Sie erzielen dadurch Einkommen (Y) in Form von Löhnen und Gehältern, Zinsen und Dividenden in Höhe von hier 1.000 Mrd. €. Auf den Gütermärkten erwerben die privaten Haushalte Konsumgüter und tätigen dafür Konsumausgaben in Höhe von ebenfalls 1.000 Mrd. €. Ergebnis dieser Transaktionen ist ein realer und ein entgegengesetzter monetärer Strom (Abb. 2.6). Reale Ströme erfassen den mengenmäßigen Umfang der Transaktionen, wie z. B. die Lieferungen und die Bezüge von produzierten Waren und Dienstleistungen. Die realen Ströme entsprechen den in Geld bewerteten Gegenleistungen (monetäre Ströme). Der Begriff „real“ wird nicht im Sinne von „wirklich“ verwendet, denn die Bezahlung ist keine irreale, sondern eine tatsächlich existierende Transaktion. Das Begriffspaar „real – monetär“ charakterisiert zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen desselben Vor gangs. Solange von einheitlichen Faktorleistungen (z. B. Arbeitsstunden einheitlicher Qualität) oder Gütern ausgegangen wird, ergeben sich bei der Erfassung von realen Strömen keine Probleme. Handelt es sich um unterschiedliche Faktorleistungen – z. B. Beratung eines Rechtsan walts, Haarschnitt eines Frisörs, Arbeitsstunden eines PKW Mechanikers – und um unterschiedliche Güter – z. B. Obst, Arztbesuch, Hausreinigung – ist die Addition nur möglich, wenn alle Größen in monetären Einheiten gemessen werden. Geld wechselt im Wirtschaftskreislauf mehrfach den Besitzer. Die Häufigkeit entspricht der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Konsumgüter Geldkreislauf: Geldmenge × Umlaufgeschwindigkeit Erlöse (1.000) Einkommen (1.000) Unternehmen Haus-halte Verknüpfung von Güter- und Faktormärkten Arbeitskraft Güterkreislauf: Preise × Transaktionen Abb. 2.6: Reale und monetäre Ströme Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 28 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen28 Arten von Transaktionen Neben den zweiseitigen Transaktionen, die sich aus einem Güter und einem Geld strom zusammensetzen, gibt es u. a. einseitige Transaktionen, bei denen keine direkte Gegenleistung erkennbar ist, z. B. die Schenkung eines Grundstücks, die Zahlung von Steuern oder eine Erbschaft (Abb. 2.7). Um auch solche Entwicklungen zu erfassen und graphische Darstellungen möglichst einfach zu halten, beschränken sich Kreislaufdar stellungen in der Regel auf die Betrachtung der monetären Ströme, bei denen Geldvermögen seinen Besitzer wechselt. Der Wirtschaftskreislauf ist also ein Geldkreislauf. Geld und Einkommen Die Begriffe Geld und Einkommen werden häufig verwechselt. Einkommen wird aus dem Verkauf von Gütern und der Entlohnung von Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapi tal und Boden) erzielt. Es wird einmalig verwendet. Geld dient als Tauschmittel und Recheneinheit und wird mehrfach genutzt. Produktion und Einkommen Das Kreislaufaxiom liefert uns die Erkenntnis, dass das Einkommen (Y) und die Kon sumausgaben (C) übereinstimmen. Da die Haushalte nicht sparen (die Vermögensbil dung ist annahmegemäß ausgeschlossen), ist das Einkommen gleich dem Wert der produzierten Güter. Auch wenn wir den Kreislauf realitätsnäher gestalten, wird sich daran nichts ändern. Der Wert der Produktion und die Höhe des Einkommens sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wie hoch ist nun die Wirtschaftsleistung? Abbildung 2.6 bietet zwei Möglichkeiten der Messung an. Entweder betrachten wir dazu den Wert der Produktion (Entstehungsrechnung) oder wir ermitteln, wofür das Einkommen verwendet wurde (Verwendungsrechnung). Beide Werte sind gleich, denn es gilt Y = C. Es gibt noch einen dritten Weg, der sich nicht unmittelbar aus Abb. 2.6 erkennen lässt (Verteilungsrechnung). Gibt Erhält Gut Geldforderung Nichts Gut Nichts Naturaltausch Güterkauf oder Güterverkauf gegen Geld Sachtransfer an Andere Finanztransfers von Anderen (z.B. vom Staat) – Geben und Nehmen Sachtransfer von Anderen Güterkauf oder Güterverkauf gegen Geld Finanztransfers an Andere (z.B. Steuern) Reine Finanztransaktion Geldforderung Abb. 2.7: Ökonomische Transaktionen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 29 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 29 Nehmen wir an, die Faktorentgelte von Y = 1.000 verteilen sich auf Arbeitnehmerent gelte (AE) sowie Unternehmens und Vermögenseinkommen (UV) im Verhältnis von 700 zu 300 (funktionelle Einkommensverteilung). Da sich die Anteile am Gesamteinkommen (Y) auf Eins summieren, gilt: (1) AE/Y = 0,7 (Lohnquote: 70 %) (2) UV/Y = 0,3 (Gewinnquote: 30 %) (3) AE/Y + UV/Y = 1. Es gibt also mit der Entstehungs , Verwendungs und Verteilungsrechnung drei Be trachtungsebenen der Wirtschaftsleistung, die wir erneut aufgreifen und praxisnäher ausgestalten (vgl. Kap. 2.4). Schlagwörter •• Statische Wirtschaft •• Reale, monetäre Ströme •• Geld, Einkommen •• Entstehungs-, Verwendungs-, Verteilungsrechnung 2.2.2 Dynamische Wirtschaft mit Vermögensbildung Wir haben bisher unterstellt, dass die privaten Haushalte ihr gesamtes Einkommen für den Kauf von Konsumgütern ausgeben. Diese Annahme ist nicht realistisch, da ein Teil des Einkommens gespart wird. Das Sparen der privaten Haushalte führt zur Bildung von Geldvermögen. Im Fall von Leistungstransaktionen verändert sich die Höhe des Geldvermögens, z. B. wenn Sie einen PC kaufen oder für einen wohltätigen Zweck spenden. Finanztransaktionen führen zu einer anderen Zusammensetzung des Geldvermögens, z. B. wenn Sie von ihrer Bank US $ für eine Urlaubsreise kaufen. Investitionen Eine dynamische Wirtschaft setzt nicht nur voraus, dass gespart wird, sondern dass die Ersparnisse zur Sachvermögensbildung eingesetzt werden. Die neu produzierten Investitionsgüter werden als Bruttoanlageinvestitionen ( bruttoAnlageI ) ausgewiesen. Zu berück sichtigen ist, dass sich ein Teil des Produktionsapparates abnutzt. Diese Abnutzung wird als Abschreibung (D) erfasst und volkswirtschaftlich als Ersatz- oder Reinvestition bezeichnet. Eine Nettozunahme der Investitionsgüter stellt sich immer dann ein, wenn die Neuzugänge an Investitionen größer sind als die Abgänge durch die Abnutzung des bisherigen Bestandes (Abb. 2.8). In diesem Fall sind die Nettoanlageinvestitionen positiv ( 0bruttoAnlage netto Anlage I DI = − > ). Da die Bruttoinvestitionen in einer wachsenden Wirtschaft größer als die Abschreibungen sind, nimmt der Produktionsapparat im Zeitablauf zu. Eine schrumpfende Wirtschaft liegt vor, wenn die Abschreibungen die Bruttoinvestitionen übersteigen, d. h. die Net toinvestitionen negativ sind. Güter, die nicht abgesetzt werden können, werden als Lagerinvestitionen (ILager) oder Vorratsinvestitionen bezeichnet. Sie sind ebenso wie die Anlageinvestitionen Bestand teil der Bruttoinvestitionen ( bruttoAnlage brutto LagerI II = + ). Der zunächst offene Kreislauf wird durch Bildung eines Pols der Vermögensände rung geschlossen. Er wird vielfach als Bankensektor interpretiert, der die Ersparnisse sammelt und Investoren zur Verfügung stellt. Ergebnis ist die Ex post Identität von Investitionen und Ersparnis. In Abbildung 2.9 unterstellen wir zunächst, dass die Ein nahmen der Unternehmen (1.000) vollständig an die privaten Haushalte in Form von Faktorentgelten ausgezahlt werden. Die Haushalte verwenden dieses Einkommen für Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 30 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen30 Konsumzwecke (800) und Ersparnis (200). Dieser Ersparnis stehen gleich hohe Investiti onen des Unternehmenssektors gegenüber. Sofern die Unternehmen vom wertmäßigen Produktionsergebnis einen Teil als Gewinn einbehalten (Sparen der Unternehmen = SU), trägt auch dies zur Bildung von Geldvermögen bei. Im zweiten Beispiel werden von den Einnahmen nur 950 als Faktorentgelte ausgezahlt; die Ersparnis der Unternehmen beträgt somit 50. Bei gleichem Konsum der Privaten Haushalte (800) reduziert sich ihre Wachsen, stagnieren und schrumpfen Inetto 10 Abschreibungen 30 Abschreibungen 30 Ibrutto 40 Ibrutto 20 Ibrutto 30 Inetto –10 Abschreibungen –30 Abschreibungen 30 Inetto –30 1) 3) 4)2) 1) Ibrutto > Abschreibungen; Inetto > 0; wachsende Wirtschaft in Höhe der Nettoinvestitionen 2) Ibrutto = Abschreibungen; Inetto = 0; der Vermögensbestand bleibt unverändert 3) Ibrutto < Abschreibungen; Inetto < 0; Vermögensabbau in Höhe der negativen Nettoinvestitionen 4) Ibrutto = 0; Inetto < 0; Vermögensabbau in Höhe der Abschreibungen Abb. 2.8: Wachsende, stationäre und schrumpfende Wirtschaft SH = 200 (150) SU = 0 (50) YUH = 1000 (950 ) IU = 200 CH = 800 Vermögensänderung Haushalte Unternehmen Fundamentaler Zusammenhang von I und S Legende Y Faktoreinkommen C Konsumausgaben I Investitionen S Sparen H Haushalte U Unternehmen Ex-post kommt es aufgrund der Konstruktion des Wirtschaftskreislaufs als geschlossenes System stets zum Ausgleich von gesamter Ersparnis und Investitionen. Abb. 2.9: Wirtschaftskreislauf mit Vermögensänderung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 31 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 31 Ersparnis auf 150. Die gesamte Ersparnis S beträgt aber wiederum 200 (S = SU + SH) und entspricht den privaten Investitionen. Anpassungsprozesse Die Identität von Ersparnis und Investition ist auf den ersten Blick erstaunlich, da beide Entscheidungen von unterschiedlichen Größen abhängen. In der Regel fallen die geplante (ex-ante) Ersparnis der privaten Haushalte und die geplante (ex ante) Investition der Unternehmen auseinander, da sie unabhängig voneinander ihre Entscheidungen treffen. Anpassungsprozesse führen dazu, dass die tatsächlich realisierten Größen (ex-post) wieder identisch sind. Betrachten wir dazu ein Beispiel (Abb. 2.10). Nehmen wir an, die privaten Haushalte planen bei einem Einkommen von 1.000 eine Ersparnis von 300 und einen Konsum (z. B. Kauf von PKW) von 700. Die Unternehmen planen hingegen eine Investition von 200 und rechnen mit einem Konsum der privaten Haushalte (z. B. Verkauf an PKW) von 800. Die geplante Ersparnis der Unternehmen sei 0. In diesem Beispiel ist die geplante Ersparnis der privaten Haushalte (300) also größer als die geplante Investition (200). Da die Unternehmen somit ex post nur Einnahmen in der Höhe von 900 (CH + IU) bei Ausgaben in Höhe von 1000 (YUH) erzielen, realisieren sie einen Verlust, d. h. die tat sächliche (ex post) Ersparnis der Unternehmen beträgt SU = –100. Die Gesamtersparnis ist dann S = SH + SU = 200 und entspricht den geplanten und realisierten Investitionen. Ex post kann es zu realen oder monetären Anpassungsreaktionen kommen (Abb. 2.10). In der Ziffer 1 kommt es zu realen Anpassungsreaktionen. Die Unternehmen bauen Lager bestände an PKW auf ( 100ungeplantLagerI = ), so dass Investitionen (200+100) und Ersparnis (300) wieder zusammenfallen. Die Ziffer 2 beschreibt monetäre Anpassungsreaktionen. Können die Unternehmen im Vergleich zu ihren Plänen (800) zu wenig PKW (700) verkaufen, werden sie wahrscheinlich die Preise senken. Die Unternehmen können Unterschied zwischen geplanten und tatsächlichen Größen SH = 300 SU = –100 YUH = 1000 IU = 200 CH = 700 Vermögensänderung Haushalte Unternehmen Legende Y Faktoreinkommen C Konsumausgaben I Investitionen S Sparen H Haushalte U Unternehmen Ex-ante Situation: Igeplant (200) < Sgeplant (300) Ex-post Anpassungen: (1) Realwirtschaftlich (Lagerinvestitionen): (200) + (100) = (300) (2) Monetär (Preissenkungen): (200) = (300) + (–100) Abb. 2.10: Ex-post und Ex-ante Situation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 32 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen32 weniger sparen und ihr Gewinn sinkt (–100 = Sungeplant). Die Identität zwischen Er sparnis (SU + SH = 200) und Investitionen (200) ist wiederhergestellt. Auch die Zahl der verkauften und gekauften PKW muss sich dann ex post entsprechen. Anders kann es ja auch nicht sein – was verkauft worden ist, muss gekauft worden sein. Überlegen Sie selbst, welche Reaktionen eintreten, wenn die Unternehmen mit PKW Käufen in Höhe von 800 rechnen, die Privaten Haushalte aber PKW in Höhe von 900 nachfragen, d. h. die geplante Ersparnis von 100 ist geringer als die geplante Investition in Höhe von 200. Alternative Darstellungsformen des Wirtschaftskreislaufs Der Wirtschaftskreislauf lässt sich auch in Form von Konten, Gleichungen und als Matrix darstellen (Tab. 2.1, 2.2, 2.3). In Kontenform werden auf der rechten Seite die Einnahmen (Zuflüsse) und auf der linken Seite die Ausgaben (Abflüsse) eines Sektors notiert. Die Differenz entspricht der Ersparnis des Sektors und erscheint als Vermö gensänderung. Tab. 2.3: Wirtschaftskreislauf in Matrixform von \ an Haushalte Unternehmen Vermögens- änderung Summe Haushalte – 800 200 1000 Unternehmen 1000 – 0 1000 Vermögensänderung – 200 – 200 Summe 1000 1000 200 Tab. 2.1: Wirtschaftskreislauf in Kontenform Private Haushalte CH 800 YUH 1.000 SH 200 Unternehmen YUH 1.000 CH 800 SU 0 IU 200 Vermögensänderung IU 200 SH 200 SU 0 Pol Abflüsse Zuflüsse Symbol in Mrd. € Symbol in Mrd. € Haushalte CH 800 YUH 1.000 SH 200 Unternehmen YUH 1000 CH + IU 800 + 200 Vermögensänderung IU 200 SH + SU 200 + 0 Tab. 2.2: Wirtschaftskreislauf in Gleichungsform Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 33 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 33 In Matrixform werden die Geldströme der Sektoren untereinander dargestellt. Diese Darstellung ist hilfreich, wenn die Leistungen zwischen den Sektoren im Vordergrund der Betrachtung stehen. Demgegenüber ist nicht mehr erkennbar, um welche Leistun gen es sich handelt. Schlagwörter •• Leistungs-, Finanztransaktionen •• Vermögensbildung •• Ex-post-Identität •• Ex-ante-Betrachtung 2.2.3 Wirtschaftskreislauf mit Staat Alle Volkswirtschaften verfügen über einen Sektor Staat. In einer engen Abgrenzung umfasst dieser Sektor die öffentlichen Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Gemein den), in einer weiten Abgrenzung auch die Sozialversicherungshaushalte. Staatseinnahmen Zur Finanzierung seiner Aufgaben benötigt der Staat Einnahmen. Während die Sozial versicherungshaushalte überwiegend durch Sozialbeiträge finanziert werden, besteht die Haupteinnahmequelle der Gebietskörperschaften aus Steuern. Wir unterscheiden an dieser Stelle folgende Kategorien: a) Gütersteuern (TG), die pro Einheit einer produzierten oder gehandelten Ware oder Dienstleistung zu entrichten sind (z. B. Mehrwertsteuer oder Verbrauchsteuern wie Mineralöl und Tabaksteuer). Diese Steuern lassen sich als indirekte Steuern bezeichnen, da sie aus erhebungstechnischen Gründen zunächst die Unternehmen belasten und diese die höheren Kosten anschließend in Form gestiegener Preise an die Konsumenten weitergeben. Die Nettogütersteuern bezeichnen den Saldo aus Gütersteuern und Gütersubventionen. b) Einkommensteuern (TEV) umfassen die Steuern auf das Einkommen natürlicher Personen (aus unselbständiger Arbeit, aus Unternehmertätigkeit, aus Vermögen) und Steuern auf das Einkommen von Kapitalgesellschaften (z. B. Körperschaftsteuer). Diese Steuern gelten als direkte Steuern, da sie den Steuerpflichtigen unmittelbar belasten. Staatsausgaben Da unentgeltlich bereitgestellte staatliche Dienstleistungen (z. B. zur Gewährleistung von innerer und äußerer Sicherheit) nicht verbrauchsgerecht auf die privaten Haus halte bzw. Unternehmen zugerechnet werden können, wird unterstellt, dass der Staat die Dienstleistungen kollektiv konsumiert (CSt). Diese Konsumausgaben des Staates beinhalten u. a. die Arbeitnehmerentgelte der öffentlich Bediensteten (YSt,H), Abschrei bungen sowie Vorleistungskäufe der Unternehmen (VLSt,U), um die Dienstleistungen anbieten zu können. Darüber hinaus tätigt der Staat öffentliche Investitionen (ISt) z. B. in die Verkehrsinfrastruktur, die bei privaten Unternehmen zu Aufträgen in Form von Güterkäufen führen. Konsumausgaben des Staates und öffentliche Investitionen wer den zum Kürzel „G“ (= Government) zusammengefasst, um den Einfluss des Staates auf das Wirtschaftsgeschehen in einer Größe abzubilden. Weitere Staatsausgaben sind die Gütersubventionszahlungen an die Unternehmen sowie die monetären Sozialleistungen (z. B. Arbeitslosengeld I und Arbeitslosengeld II („Hartz IV)“) an die privaten Haushalte (TrSt,H). Die nachfolgende Übersicht zeigt einige weitere Beispiele für die Zuordnung staatlicher Transaktionen: Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 34 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen34 Transaktion Staatskonsum (CSt) Investitionen (ISt) Transfers (TrSt,H) Gesetzliche Pflegeversicherung X BAföG X Beamtengehälter X Sozialer Wohnungsbau X Kostenloses Angebot von Studien plätzen X Budgetsaldo Die Differenz zwischen Staatsausgaben (G) und Steuereinnahmen (T = Taxes) ent spricht der positiven bzw. negativen Ersparnis oder dem Budgetüberschuss/-defizit des Sektors: •• G > T = Budgetdefizit, negatives Sparen des Staates, •• G < T = Budgetüberschuss, positives Sparen des Staates. Sofern ein Budgetdefizit auftritt, muss dieses durch Mehreinnahmen oder durch Kre dite finanziert werden. Aus Vereinfachungsgründen werden nachfolgend nur einzelne staatliche Transaktionen in die Analyse einbezogen (Abb. 2.11). Ausgeklammert werden die monetären Sozialleistungen, die Sozialbeiträge, die Subventionszahlungen und die öffentlichen Investitionen. SH = 350 SU = –100 YUH = 1000 IU = 200 CH = 800 Vermögensänderung TEV,H = 100 YStH = 250 SSt = –50 VLStU = 100 Unternehmen Haushalte Staat TEV,U = 100 TG = 100 Drei-Sektoren-Modell Legende VL Vorleistungen Y Faktoreinkommen C Konsumausgaben I Investitionen S Sparen TG Gütersteuern TEV Einkommen- und Vermögensteuern H Haushalte U Unternehmen St Staat Abb. 2.11: Staat im Wirtschaftskreislauf Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 35 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 35 In Kontenform gebracht zeigt sich für den Sektor Staat eine negative Ersparnis (G > T). Staat Staatsausgaben (= Government) YStH 250 TEV, H 100 VLStU 100 TEV, U 100 SSt –50 TG 100 Für die übrigen Sektoren ergibt sich folgende Zusammenstellung: Private Haushalte CH 800 YUH 1.000 TEV, H 100 YStH 250 SH 350 Unternehmen YUH 1.000 CH 800 TEV, U 100 IU 200 TG 100 VLStU 100 SU –100 Vermögensänderung IU 200 SH 350 SU –100 SSt –50 Ex-post Identität des Wirtschaftskreislaufs mit Staat Durch die Einbeziehung des Staates verändern sich die Definitionsgleichungen für die bisherigen Größen. Für die Produktion und die Einkommensverwendung gilt nunmehr: (1) Y = CH + IU + G 800 + 200 + 350 = 1.350 (2) Y = CH + SH + SU + T 800 + 350 – 100 + 300 = 1.350 Auch nach Einbeziehung des Staates gilt die Ex-post-Identität von Investitionen und Sparen. Sie erweitert sich wie folgt: (3) CH + SH + SU + T = CH + IU + G 800 + 350 – 100 + 300 = 800 + 200 + 350 (4) SH + SU + T = IU + G 350 – 100 + 300 = 200 + 350 (5) SH + SU = IU + (G – T) 350 – 100 = 200 + (350 – 300) Wird die Differenz aus Staatseinnahmen (T) und Ausgaben (G) als staatliche Ersparnis (SSt) bezeichnet, ergibt sich: (6) SH + SU + (T – G) = IU 350 – 100 + (300 – 350) = 200 (7) SH + SU + SSt = IU 350 – 100 – 50 = 200 Die Ex post Identität von privaten Investitionen und gesamter Ersparnis lässt noch eine weitere Interpretation zu. Die private Sachvermögensbildung kann durch die Ersparnis von Haushalten, Unternehmen und dem Staat finanziert werden. In der Regel weist aber der Staat ein Defizit auf, d. h. die staatliche Ersparnis ist negativ. In diesem Umfang Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 36 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen36 werden der privaten Wirtschaft Mittel für die Finanzierung der privaten Investitions tätigkeit entzogen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „crowding out“. Durch Einbeziehung des Staates lässt sich mit dem Verfügbaren Einkommen der Privaten Haushalte (YvH) eine wichtige Einkommensgröße ausweisen: (8) YvH = YUH + YStH – TEV, H 1.000 + 250 + 100 = 1.150 Diese Größe bildet den Bezugspunkt zur Ermittlung von Konsum und Sparquote der Privaten Haushalte. In der Praxis bleiben zur Ermittlung dieser Größe die Sozialversi cherungsabgaben sowie die monetären Sozialleistungen zu berücksichtigen. Schlagwörter •• Konsumausgaben des Staates •• Gütersteuern, -subventionen •• Einkommen-, Vermögensteuern •• Budgetsaldo •• Verfügbares Einkommen der privaten Haushalte 2.2.4 Offene Volkswirtschaft Der Wirtschaftskreislauf lässt sich durch das Einfügen des Sektors Ausland vervoll ständigen. Eine detaillierte Darstellung der Zusammenhänge zwischen in und aus ländischen Wirtschaftseinheiten liefert die Zahlungsbilanz, die monatlich von der Deutschen Bundesbank erstellt wird (vgl. Kap. 19). Die grenzüberschreitenden Trans aktionen in der EWU werden in € abgewickelt. Im Fall von Transaktionen z. B. mit den USA müssen einheimische mit ausländischen Zahlungsmitteln getauscht werden. Erhält z. B. ein deutscher Exporteur für Lieferungen in die USA US $, dann wird er diese in € umwechseln. Ein deutscher Importeur muss zur Bezahlung von Gütern aus den USA € gegen US $ tauschen. Solche Tauschgeschäfte erfolgen zum jeweils gültigen Wechselkurs. Wechselkursnotierungen Der Wechselkurs ist ein Austauschverhältnis von Währungen. Die Bezeichnung Wech selkurs kommt daher, dass der internationale Zahlungsverkehr früher hauptsächlich auf der Basis von Handelswechseln abgewickelt wurde. Heute werden üblicherwei se Banküberweisungen genutzt. Der Fachausdruck für eine Zahlungsanweisung in fremder Währung ist Devise. Deshalb sprechen wir häufig vom Devisenkurs. Fremde Währungen werden auf dem Devisenmarkt gehandelt. Dabei handelt es sich nicht um ausländisches Bargeld (Sorten), sondern um Guthaben bei ausländischen Banken. Die ser Handel findet zumeist telefonisch zwischen den Kreditinstituten statt, die Angebot und Nachfrage in den verschiedenen Währungen untereinander ausgleichen. Der Wechselkurs hat zahlreiche Berührungspunkte zum täglichen Leben, z. B. bei der Wahl eines außereuropäischen Urlaubsziels oder der Frage nach den Kosten eines Auslandsstudiums in den USA. Auch für die Exportchancen von Unternehmen ist der Wechselkurs von grundlegender Bedeutung. Er übt als strategischer Preis eine Scharnierfunktion zwischen Inlandsmarkt und ausländischen Märkten aus. Da der Wechselkurs als Austauschverhältnis zwischen zwei Währungen definiert ist, lässt er sich in zwei Notierungen ausweisen: •• Preisnotierung: Preis einer Einheit der Fremdwährung gerechnet in inländischer Währung: w = €/US $, z. B. 0,75 €/US $. •• Mengennotierung: Menge an Fremdwährung, die man für eine Einheit der inländi schen Währung erhält: w = US $/€, z. B. 1/0,75 US $/€ = 1,33 US $/€. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 37 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 37 Um missverständliche Aussagen zu vermeiden, sollte im Fall einer Veränderung von Wechselkursen stets von einer Auf bzw. Abwertung gesprochen und nicht ausschließ lich auf die Notierung Bezug genommen werden (Abb. 2.12). Flexible und feste Wechselkurse Der € wird gegenüber dem US $ an den internationalen Devisenmärkten üblicherwei se in der Mengennotierung ausgewiesen (Abb. 2.13). Im Fall einer Aufwertung des € erhält man eine größere Menge an US $ für einen €. Der Wechselkurs zwischen € und US $ ist ein flexibler Wechselkurs, d. h. der Preis der beiden Währungen bildet sich auf der Grundlage von Angebot und Nachfrage auf den Devisenmärkten. Flexible Wechselkurse bilden sich weitgehend frei auf den Devisenmärkten und schwimmen auf den „Wellen“ der Marktkräfte (floating). Zentralbanken können am Devisenmarkt aktiv werden (managed floating), sie sind jedoch nicht dazu verpflichtet. Zur Zeit der DM wurde der Wechselkurs vorwiegend preisnotiert ausweisen. In diesem Fall gibt der Wechselkurs an, wie viele DM für einen US $ zu zahlen sind, also z. B. 1,60 DM/ US $. Im Fall einer Abwertung der heimischen Währung muss mehr für eine Einheit der Auslandswährung gezahlt werden. Die Preise für Währungen können durch poli tische Entscheidungsträger oder Notenbanken festgelegt werden. In diesem Fall liegt ein festes Wechselkurssystem vor. Eine Devisenknappheit bei festem Wechselkurs hat zur Folge, dass die Zentralbanken zusätzlich Devisen am Markt anbieten müssen. Umgekehrt bedeutet ein Devisenüberschuss beim festen Wechselkurs, dass die Zentral banken zusätzlich Devisen am Markt nachfragen müssen. Diese Marktinterventionen führen zu einem unveränderten Wechselkurs. Müssen die Zentralbanken fortdauernd intervenieren, dann ist der Wechselkurs nicht marktgerecht und muss neu festgelegt werden. Die Preise der wichtigsten Weltwährungen (US $, Yen, €) bilden sich heute weitgehend flexibel auf den Devisenmärkten. Außenbeitrag (Nettoexporte) In dem Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft unterstellen wir vereinfacht einen Wechselkurs von 1 € = 1 US $. Wir betrachten zudem nur die Ex und Importe Wechselkursveränderung Mengennotierung Preisnotierung Aufwertung des € Wechselkurs steigt Wechselkurs sinkt Abwertung des € Wechselkurs sinkt Wechselkurs steigt Wechselkurs verknüpft Volkswirtschaften € €€$ $ Mengennotation: für einen € erhalten Sie 1,33 US-$ Preisnotation: ein US-$ kostet 0,75 € Schreibweise: 1,33 US-$/€ Schreibweise: 0,75 €/US-$ Abb. 2.12: Wechselkurse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 38 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen38 von Waren und Dienstleistungen. Sie führen aus Sicht des Inlandes zu Exporterlösen und zu Importausgaben. Beide Transaktionen werden dem Unternehmenssektor zuge rechnet, so dass in der Darstellung auf die Auslandsbeziehungen der Sektoren Private Haushalte und Staat verzichtet werden kann (Abb. 2.14). Auf dem Auslandskonto ist zu berücksichtigen, dass die Transaktionen aus Sicht des Auslandes erfasst werden, d. h. auf der rechten Seite erscheinen die Importerlöse als Einnahmen (Zuflüsse) und die Exportausgaben auf der linken Seite als Ausgaben (Abflüsse). Die Differenz aus Ex und Importen entspricht der positiven bzw. negativen Ersparnis des Auslandes (SA) und einer Vermögensänderung. Unternehmen YUH 1.000 CH 800 TEV, U 100 IU 200 TG 100 VLStU 100 Im 100 Ex 200 SU 0 Ausland Ex 200 Im 100 SA –100 (Ex – Im) 100 Vermögensänderung IU 200 SH 350 SU 0 SSt –50 SA –100 Feste, ab 1973 flexible Wechselkurse zwischen DM und US-$ in Preisnotierung Flexible Wechselkurse zwischen € und US-$ in Mengennotierung (US-$/€) (DM/US-$) Wechselkurssysteme und Notierungen Abb. 2.13: Preis- und Mengennotierungen von Wechselkursen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 39 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 39 Durch die Einbeziehung des Auslandes verändern sich die bisherigen Definitionsglei chungen. Für die letzte Verwendung der produzierten Güter (YVW)gilt: (1a) YVW = CH + IU + G + Ex 800 + 200 + 350 + 200 = 1.550 Das Bruttoinlandsprodukt (Y) ergibt sich als Verwendung durch Abzug der Importe: (1b) Y = CH + IU + G + Ex – Im 800 + 200 + 350 + (200 – 100) = 1.450 Die Nettobetrachtung (Exporte minus Importe = Außenbeitrag) ist erforderlich, weil der Import von Gütern bereits in anderen Komponenten des BIP enthalten ist. So ist z. B. der Kauf ausländischer PKW durch private Haushalte bereits in den Konsumausga ben oder der Kauf ausländischer Computer und Softwareprodukte durch inländische Unternehmen bereits in den Investitionen berücksichtigt. Erwerben inländische Wirt schaftseinheiten Güter im Ausland, so reduziert dieser Kauf zwar die Nettoexporte, in gleichem Maße erhöhen sich jedoch die privaten oder staatlichen Konsum und Investitionsausgaben, so dass das BIP als Summe von Konsumausgaben, Investitionen und den Nettoexporten unverändert bleibt. Ex-post Identität in einer offenen Volkswirtschaft Auch nach Einbeziehung des Auslandes gilt die Ex-post-Identität von Investitionen und Sparen. Sie erweitert sich wie folgt: (2) CH + SH + SU + T = CH + IU + G + Ex – Im 800 + 350 + 0 + 300 = 800 + 200 + 350 + 200 – 100 (3) SH + SU + T = IU + G + Ex – Im 350 + 0 + 300 = 200 + 350 + 200 – 100 (4) SH + SU + (T – G) + (Im – Ex) = IU 350 – 0 + (300 – 350) + (100 – 200) = 200 YUH = 1.000 IU = 200 CH = 800 Vermögensänderung YStH = 250 Ex = 200 (Ex - Im) = 100 Im = 100 VLStU = 100 SU = 0 SH = 350 SSt = –50 Ausland Staat TEV,H = 100 TEV,U = 100 TG = 100 Haushalte Unternehmen Vier-Sektoren-Modell Legende VL Vorleistungen Y Faktoreinkommen C Konsumausgaben I Investitionen S Sparen TG Gütersteuern TEV Einkommen- und Vermögensteuern Ex Exporterlöse Im Importausgaben H Haushalte U Unternehmen St Staat A Ausland SA = –100 Abb. 2.14: Kreislaufmodell mit offener Volkswirtschaft Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 40 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen40 Die Differenz aus Staatseinnahmen und ausgaben wird wiederum als staatliche Ersparnis (SSt) bezeichnet. Wird die Differenz aus Im und Exporten (Importe minus Exporte) als Ersparnis des Auslandes (SA) bezeichnet, ergibt sich: (5) SH + SU + SSt + SA = IU 350 – 0 – 50 – 100 = 200 Ein Exportüberschuss des Inlandes bedeutet eine negative Ersparnis des Auslandes, d. h. das Ausland verschuldet sich gegenüber dem Inland. Dementsprechend bedeutet ein Importüberschuss des Inlandes eine positive Ersparnis des Auslandes, d. h. das Inland verschuldet sich gegenüber dem Ausland. Der negative Finanzierungssaldo des Auslandes entspricht dem positiven Finanzierungssaldo des Inlandes. Hier handelt es sich nicht um eine ökonomische Theorie, sondern um definitorische Zusammenhänge. Die Investitionsstätigkeit eines Landes kann somit durch inländische Ersparnis (Haus halte, Unternehmen, Staat) oder eine Verschuldung gegenüber dem Ausland (ausländi sche Ersparnis) finanziert werden. Beispielsweise wiesen die USA in den vergangenen Jahren sowohl ein Haushaltsdefizit (negative staatliche Ersparnis) als auch einen Im portüberschuss auf. Dies bedeutete, dass die private Investitionstätigkeit des Inlandes nicht ausschließlich durch die private inländische Ersparnis, sondern auch durch eine hohe Verschuldung gegenüber dem Ausland (z. B. China) finanziert wurde. Im Falle von Budgetdefiziten des Staates und gleichzeitigem Importüberschuss eines Landes spricht man auch von einem „twin deficit“ (Zwillingsdefizit). In diesem Zusammenhang ist es hilfreich die Gleichungen (4) und (5) wie folgt umzuformen: S = SH + SU + (Im – Ex) + (T – G) = IU Gesamte private Ersparnis Import- oder Exportüberschuss (Ersparnis des Auslands) Budgetüberschuss oder -defizit des Staates (Ersparnis des Staates) Private Investitionen (S – I) + (Im – Ex) + (T – G) = Null Spar- oder Investitions- überschuss Import- oder Export- überschuss Budgetüberschuss oder -defizit des Staates Die Kreislaufanalyse lässt sich durch Aufnahme weiterer Sektoren und Transaktio nen schrittweise an die Realität heranführen, wird aber in graphischer Form schnell unübersichtlich. Zur detaillierten Betrachtung gesamtwirtschaftlicher Größen und Quoten wird aus Übersichtsgründen von den Statistischen Ämtern eine Kontendar stellung gewählt. Schlagwörter •• Wechselkurs •• Devisen, Sorten •• Preisnotierung •• Mengennotierung •• Flexible, feste Wechselkurse •• Offene Volkswirtschaft •• Bruttoinlandsprodukt •• Nettoexporte, Außenbeitrag 2.3 Grundregeln der BIP-Berechnung 2.3.1 Berechnungsarten Das Bruttoinlandprodukt (BIP) ist eine der wichtigsten Größen der makroökono mischen Analyse und in der Regel der Indikator zur Messung des wirtschaftlichen Wachstums. Das BIP umfasst den Wert sämtlicher während eines Jahres im Inland Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 41 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 41 hergestellter Endprodukte – vom Spielzeug bis zu kompletten Industrieanlagen, vom Haarschnitt im Friseursalon bis zu neuen Urheberrechten. Die Grundlagen der BIP Berechnung lassen sich anhand des folgenden Beispiels verdeutlichen (Abb. 2.15). Ein Stahlunternehmen produziert durch Einsatz von Arbeit und Kapital Stahl für die PKW- Produktion. Der Stahl wird für 100 Mio. € an einen Automobilproduzenten verkauft. Das Stahlunternehmen zahlt Löhne in Höhe von 80 Mio. €, der Rest ergibt den Gewinn. Das Automobilunternehmen produziert PKW und verkauft diese für 400 Mio. € an PKW-Händler. Von den Erlösen verbleibt nach Zahlung von 100 Mio. € an das Stahlunternehmen und von 200 Mio. € an Arbeitskräfte ein Gewinn von 100 Mio. €. Die Händler verkaufen die PKW im Gesamtwert von 500 Mio. € an Private Haushalte (200 Mio. €), Unternehmen (100 Mio. €), staatliche Behörden (Dienstwagen: 100 Mio. €) und an ausländische Kunden (100 Mio. €). Die PKW-Händler zahlen ihren Mitarbeitern Löhne im Umfang von 70 Mio. €, der Rest ergibt den Gewinn. Die Importe betragen aus Vereinfachungsgründen Null. In tabellarischer Form: Stahlproduktion PKW-Produktion PKW-Handel Erlöse 100 Erlöse 400 Erlöse 500 Löhne 80 Stahl 100 PKW 400 Gewinn 20 Löhne 200 Löhne 70 Gewinn 100 Gewinn 30 Entstehung der Produktion (Entstehungsrechnung) Zur Ermittlung des BIP können wir zunächst daran denken, die Erlöse der am Pro duktionsprozess beteiligten Unternehmen zu addieren (100 + 400 + 500 = 1.000). Es ist jedoch nachvollziehbar, dass es in diesem Fall zu Mehrfachzählungen von Vorleistun Entstehung und Berechnung der Produktion Löhne 80 Gewinn 20 100 Stahlproduktion 100 W er ts ch öp fu ng Gewinn 100 Löhne 200 300 W er ts ch öp fu ng Vo rle is tu ng 400 Stahl PKW Gewinn 30 Löhne 70 100 Vo rle is tu ng W er ts ch öp fu ng Entstehung 100 300 100 BIPPKW-Produktion PKW-Handel Abb. 2.15: Produktionsleistung einer Beispiel-Ökonomie (Zahlenbeispiel) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 42 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen42 gen kommt, die in das Endprodukt PKW eingehen. Die Größe, die sich durch Addition der Erlöse ergibt, wird als Bruttoproduktionswert (= 1.000) bezeichnet. Das BIP ergibt sich (vereinfacht), wenn wir die Vorleistungen (100 + 400) vom Bruttoproduktionswert subtrahieren. Sie sehen, dass dieser Wert exakt dem Wert der Endprodukte (500) ent spricht. Anders ausgedrückt: das BIP ist die Summe der Mehrwerte (Wertschöpfung), die im Produktionsprozess entstehen (100 + 300 + 100 = 500). Verwendung der Produktion (Verwendungsrechnung) Die produzierten und verkauften PKW (Verkaufswert von 500) werden je nach Verwen dung unterschiedlichen Komponenten des BIP zugewiesen: als Konsumgut bei den privaten Haushalten, als Investition für die gewerbliche Nutzung in Unternehmen, bei der Verwendung in öffentlichen Behörden als Ausgaben des Staates und beim Verkauf an das Ausland als Export. Beachten Sie, dass bei dieser Betrachtung die Importe abge zogen werden müssen, da das BIP auf die Wertschöpfung im Inland abstellt. Ergebnis ist die Verwendungsseite des BIP. Addition der Einkommen (Verteilungsrechnung) Eine weitere Möglichkeit der BIP Berechnung ergibt sich aus der Addition der Ein kommen, die aus Löhnen (350) und Gewinnen (150) resultieren. Sie sehen, dass die Einkommen auf den einzelnen Produktionsstufen identisch mit der Wertschöpfung sind (Abb. 2.17). Betrachten wir folgende Erweiterung unseres Zahlenbeispiels. Nehmen wir an, das in der Grenzregion angesiedelte PKW Werk setzt ausländische Arbeitskräfte ein, die ein Viertel der Lohnausgaben von 200 Mio. € beziehen (Faktoreinkommen an das Ausland: 50 Mio. €). Im Gegenzug arbeiten zuvor im PKW Werk beschäftigte Arbeitnehmer im Ausland und verdienen 10 Mio. €. Der PKW Hersteller nimmt Abschreibungen in Höhe 16 Verwendung der Produktion Löhne 80 Gewinn 20 100 Stahlproduktion 100 W er ts ch öp fu ng Gewinn 100 Löhne 200 300 W er ts ch öp fu ng Vo rle is tu ng 400 Stahl PKW Gewinn 30 Löhne 70 100 Vo rle is tu ng W er ts ch öp fu ng Verwendung Private Haushalte 200 BIPPKW-Produktion PKW-Handel Unternehmen 100 Staat 100 Export 100 Abb. 2.16: Verwendung des BIP (Zahlenbeispiel) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 43 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 43 von 10 Mio. € und der PKW Händler in Höhe von 50 Mio. € vor. Durch Gütersteuern (MWSt) auf die produzierten PKW nimmt der Staat 30 Mio. € ein. Im Gegenzug gewährt der Staat dem PKW Hersteller eine Gütersubvention in Höhe 15 Mio. €. Die Berücksich tigung dieser Vorgänge führt zu den gesamtwirtschaftlichen Verteilungsgrößen des Bruttonational und Volkseinkommens (Tab. 2.4). In der Praxis ist die Entstehungs , Verwendungs und Verteilungsrechnung komplizier ter als unser Zahlenbeispiel. Die Grundregeln bleiben jedoch erhalten. Schlagwörter •• Bruttoproduktionswert •• Bruttowertschöpfung •• Vorleistungen •• Entstehungsrechnung •• Verwendungsrechnung •• Verteilungsrechnung Verteilung der Produktion Löhne 80 Gewinn 20 100 Stahlproduktion 100 W er ts ch öp fu ng Gewinn 100 Löhne 200 300 W er ts ch öp fu ng Vo rle is tu ng 400 Stahl PKW Gewinn 30 Löhne 70 100 Vo rle is tu ng W er ts ch öp fu ng Verteilung BIPPKW-Produktion PKW-Handel Löhne 350 = 80+200+70 Gewinn 150 = 20+100+30 Abb. 2.17: Verteilung des BIP und der Wertschöpfung (Zahlenbeispiel) Tab. 2.4: Vom BIP zum Volkseinkommen Vom BIP zum Volkseinkommen BIP 500 – Faktoreinkommen an das Ausland 50 + Faktoreinkommen aus dem Ausland 10 = Bruttonationaleinkommen 460 – Abschreibungen 60 = Nettonationaleinkommen 400 – Gütersteuern 30 + Gütersubventionen 15 Volkseinkommen 385 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 44 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen44 2.3.2 Preisbereinigung und Wirtschaftswachstum Das Bruttoinlandsprodukt repräsentiert sowohl den Wert der in einem Land produ zierten Waren und Dienstleistungen als auch die daraus entstandenen Einkommen. Während das Einkommen eine nominale Größe darstellt, handelt es sich bei der Pro duktion um eine Mengengröße (Realgröße). Da Mengen mit ihren unterschiedlichen physikalischen Maßeinheiten (z. B. Kilogramm, Liter, Stück, m2) nicht addiert werden können, müssen wir sie mit Geldeinheiten (Nominalgrößen) bewerten. Bei dieser Be wertungsmethode tritt jedoch das Problem der jährlichen Preissteigerungen (Inflation) auf. Dadurch kann sich der Nominalwert erhöhen, ohne dass der reale Wert und damit die Güterversorgung entsprechend gestiegen sind. Es ist durchaus möglich, dass die in laufenden Preisen bewertete Produktionsleistung einer Volkswirtschaft gegen über der Vorperiode z. B. um 4 % zugenommen hat, die Güterpreise im Durchschnitt gleichzeitig z. B. um 5 % gestiegen sind. In diesem Fall wäre das BIP zwar gestiegen, die volkswirtschaftliche Produktionsleistung aber real nicht gewachsen, sondern sogar geringer geworden. Diese Überlegung macht es erforderlich, in der Ökonomie zwischen realen und nomi nalen Größen zu unterscheiden. Die Abbildung 2.18 zeigt beispielhaft an der Entwick lung des BIP Wachstums in der Bundesrepublik Deutschland für den Zeitraum 1992 bis 2010, dass es beträchtliche Unterschiede zwischen nominalen und realen Größen gibt. Nominale Größen sind Werte in jeweiligen Preisen. Reale Größen sind inflations bereinigte Werte. Der Unterschied zwischen den Wachstumsraten realer und nominaler Größen entspricht näherungsweise der Inflationsrate. Beispiele finden sich in den Un terschieden zwischen realen und nominalen Löhnen, realem und nominalem Konsum oder zwischen realen und nominalen Zinsen. Für viele ökonomische Fragestellungen, z. B. auch hinsichtlich der Höhe des wirtschaftlichen Wachstums, ist es notwendig, preisbereinigte und damit reale Größen heranzuziehen. Nominales und reales BIP Abb. 2.18: Wachstumsraten des realen und nominalen BIP (1992–2010) Quelle: Statistisches Bundesamt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 45 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 45 Zur Erläuterung dieses Sachverhalts nehmen wir an, dass in einer Volkswirtschaft nur zwei Endprodukte A und B hergestellt werden. Die jeweiligen Preise (p) und Mengen (q) der Güter sind für drei Jahre wie folgt gegeben: Gut Jahr 2008 Jahr 2009 Jahr 2010 p q p × q p q p × q P q p × q A 20 60 1.200 18 66 1.188 17 69 1.173 B 10 160 1.600 11 154 1.694 12 152 1.824 Summe 2.800 2.882 2.997 Das nominale BIP im Jahr 2008 errechnet sich durch Multiplikation der Preise und Mengen dieses Jahres und beträgt in diesem Beispiel 2.800 Mrd. €. In den Jahren 2009 und 2010 haben sich sowohl die Preise als auch die Mengen der Güter verändert. Das BIP in jeweiligen Preisen im Jahr 2009 beträgt 2.882 Mrd. €, im Jahr 2010 beläuft es sich auf 2.997 Mrd. €. Der Wachstumsfaktor für das Jahr 2009 ergibt sich als 2.882/2.800 = 1,029; die zugehörige Wachstumsrate beträgt 2,9 %. Für das Jahr 2010 ergibt sich ein Wachstumsfaktor von 2.997/2.882 = 1,04. Dies entspricht einer Wachstumsrate von 4 %. Um zu prüfen, inwieweit Steigerungen des BIP auf Preisveränderungen zurückgeführt werden können und welcher Anteil auf der Veränderung der Mengen beruht, gibt es mehrere statistische Methoden, von denen die beiden wichtigsten vorgestellt werden. Methode 1: Mengenindex nach Laspeyres, Preisindex nach Paasche Bis zum Jahr 2005 ermittelte das Statistische Bundesamt das reale BIP, indem die Mengen des jeweiligen Jahres mit den konstanten Preisen eines Basisjahres multipli ziert wurden. Diese als Laspeyres Index bekannte Methode (E. Laspeyres, 1834–1913) ermöglicht einerseits die Mengen der verschiedenen Produkte einer Volkswirtschaft aufzuaddieren, da sie mit Preisen multipliziert und somit in Geldeinheiten gemessen werden. Andererseits werden durch die Verwendung konstanter Preise Preissteige rungen nicht in die Berechnung einbezogen, so dass ein derart errechnetes BIP die mengenmäßige Entwicklung der Volkswirtschaft repräsentiert. In unserem Beispiel ergibt sich dadurch: Gut Jahr 2008 Jahr 2009 Jahr 2010 p2008 q2008 p2008 × q2008 p2008 q2009 p2008 × q2009 p2008 q2010 p2008 × q2010 A 20 60 1.200 20 66 1.320 20 69 1.380 B 10 160 1.600 10 154 1.540 10 152 1.520 Reales BIP 2.800 2.860 2.900 Allgemein ergibt sich der Laspeyres Volumenindex, der das reale BIP repräsentiert, als: Laspeyres Volumenindex: ,L t o tQ p q= ×∑ Das reale BIP (BIP in konstanten Preisen des Jahres 2008) für 2009 beträgt damit 2.860 Mrd. €. Sein Wachstumsfaktor ergibt sich als: 2.860/2.800 = 1,021; die Wachstumsrate beträgt somit 2,1 %. Für das Jahr 2010 erhält man den Wachstumsfaktor 2.900/2.860 = 1,014; dies entspricht einer Wachstumsrate von 1,4 %. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 46 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen46 Die Veränderung des Preisniveaus wird durch den BIP-Deflator gemessen. Er ist de finiert als Verhältnis zwischen nominalem und realem BIP, d. h. im vorliegenden Fall: BIP Deflator im Jahr 2008 = (nominales BIP/reales BIP) = (2.800/2.800) = 1,000 BIP Deflator im Jahr 2009 = (nominales BIP/reales BIP) = (2.882/2.860) = 1,008 BIP Deflator im Jahr 2010 = (nominales BIP/reales BIP) = (2.997/2.900) = 1,033. Der BIP Deflator pBIP wird in der Praxis als Index ausgewiesen. Die Änderung dieses Index gibt die Inflationsrate wieder. Die Wachstumsrate (W) des BIP Deflators lässt sich näherungsweise als Differenz der Wachstumsraten des nominalen und des realen BIP errechnen: WpBIP = WBIPnom – WBIPreal In unserem Beispiel ergibt sich für das Jahr 2009 eine Inflationsrate von 0,8 % und für das Jahr 2010 von 2,6 % (= 100 × (1,033/1,008) – 1). Der soeben verwendete Preisindex wird als Paasche-Preisindex bezeichnet (nach H.  Paasche, 1851–1922). Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass die Preise des laufen den Jahres (pt) und des Basisjahres (p0) jeweils mit den Mengen des Berichtsjahres (qt) gewichtet werden. In der üblichen Schreibweise ergibt sich damit: Paasche Preisindex: , 0 100t tp t t p q P p q × = × × ∑ ∑ Da dieser Index auf einem flexiblen Warenkorb beruht, der ständig seine Gewichte verändert, sind streng genommen nur Vergleiche zwischen dem Berichtsjahr und dem Basisjahr, nicht aber zwischen beliebigen anderen Perioden möglich. Methode 2: Mengenindex auf der Vorjahrespreisbasis (Kettenindex) Mit der Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden zur Berechnung des realen BIP die Mengen eines Jahres nicht mehr mit den Preisen eines Basisjahres, sondern mit den Preisen des jeweiligen Vorjahres bewertet. Dadurch erhält man eine Folge von Jahresergebnissen in konstanten Preisen des Vorjahres, für die eine Mess zahlenfolge gebildet wird. BIP Messzahl im Jahr t: 1 1 1 t t t t p q p q − − − × × ∑ ∑ Diese Messzahlen werden nunmehr verkettet (multipliziert), so dass eine Index Zeitrei he des realen BIP (Kettenindex) entsteht. Aus dieser können wir durch Multiplikation mit dem BIP eines Basisjahres auch eine Zeitreihe von Volumenindizes errechnen. Dies wird anhand unseres Zahlenbeispiels verdeutlicht. Gut Jahr 2008 Jahr 2009 Jahr 2010 p2008 × q2008 p2008 × q2008 p2008 × q2009 p2009 × q2009 p2009 × q2010 A 1.200 1.200 1.320 1.188 1.242 B 1.600 1.600 1.540 1.694 1.672 Summe 2.800 2.800 2.860 2.882 2.914 Wählen wir das Jahr 2008 als Basisjahr, ergibt sich hier die Messzahl 1. Die Messzahl für das Jahr 2009 ergibt sich als (2.860/2.800) = 1,021. Für das Jahr 2010 wird eine Mess zahl von (2.908/2.882) = 1,011 ermittelt. Daraus werden nun die Kettenindizes und die Volumenindizes (reales BIP) berechnet (zum Teil gerundete Werte): Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 47 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 47 Kettenindex Volumenindex Jahr 2008 1 1 × 2.800 = 2.800 Jahr 2009 1 × 1,021 = 1,021 1,021 × 2.800 = 2.860 Jahr 2010 1 × 1,021 × 1,011 = 1,033 1,033 × 2.800 = 2.892 Im Jahr 2009, also dem ersten Jahr nach dem gewählten Basisjahr stimmen der Ketten index, und somit die BIP Wachstumsrate, sowie der Volumenindex mit den Ergebnissen nach Laspeyres überein. Ab dem zweiten Jahr (hier: 2010) weichen die Ergebnisse beider Berechnungsmethoden voneinander ab. Der Volumenindex beträgt nun 2.892 gegen über 2.900 (nach Laspeyres). Er kann zudem nicht mehr als Mengenindex in Preisen ei nes Basisjahres interpretiert werden. Die Wachstumsrate des realen BIP beträgt im Jahr 2010 nun (1,003/1,021 – 1) × 100 = 1,1 %. Im Vergleich dazu betrug die Wachstumsrate nach Laspeyres 1,4 %. Im gewählten Beispiel kommt der Unterschied dadurch zustande, dass die Mengenänderungen nicht mehr mit den Preisen des Basisjahres (hier: 2008) sondern des jeweiligen Vorjahres (hier: 2009) gewichtet werden. Steigt mit sinkenden Preisen die Nachfrage (oder umgekehrt) ändern sich diese Gewichte. Dies bedeutet, dass der Kettenindex, und der daraus abgeleitete Volumenindex, die Realität genauer wiedergeben. Dieser Vorteil muss dadurch erkauft werden, dass das reale BIP nicht mehr als Summe seiner realen Komponenten errechnet werden kann (Nichtadditivität). Der BIP Deflator ist definiert als Quotient aus dem nominalen BIP und dem Volumen index. In unserem Beispiel erhalten wir die BIP Deflatoren als: Jahr 2008: 1 Jahr 2009: (2.882/2.860) = 1,008 Jahr 2010: (2.997/2.892) = 1,036 Die Inflationsrate beträgt für das Jahr 2009 wie zuvor 0,8 %. Im Jahr 2010 ergibt sich hingegen eine Inflationsrate von (1,036/1,008 – 1) × 100 = 2,8 % (zuvor 2,6 %). Schlagwörter •• BIP-Deflator •• Paasche-Preisindex •• Laspeyres-Mengenindex •• Volumenindex •• Kettenindex 2.4 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in der Praxis Das BIP kann unter drei unterschiedlichen Aspekten betrachtet werden (Abb. 2.19): •• Die Entstehungsrechnung zeigt, wie hoch das gesamtwirtschaftliche Angebot in einer Periode war und wo es entstanden ist. •• Die Verteilungsrechnung zeigt, wie sich das aus der Produktion resultierende Ein kommen auf bestimmte Personengruppen oder Sektoren verteilt. •• Die Verwendungsrechnung gibt Aufschluss über die gesamtwirtschaftliche Nach frage und ihre Komponenten. 2.4.1 Entstehungsrechnung Die Entstehungsrechnung zeigt, welche Beiträge einzelne Wirtschaftsbereiche zur Ent stehung der gesamtwirtschaftlichen Produktion erbracht haben. Entscheidend für die Zurechnung zur Volkswirtschaft ist der Wohnsitz (mindestens 1 Jahr) oder der Sitz und Schwerpunkt der wirtschaftlichen Aktivität. Die „übrige Welt“ besteht aus der Gesamt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 48 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen48 heit von Wirtschaftseinheiten, die ihren ständigen Sitz oder Produktionsschwerpunkt außerhalb des geographischen Wirtschaftsgebietes einer Volkswirtschaft haben. Sektoren und Wirtschaftseinheiten Das aktuelle – statistisch und empirisch abgeleitete – Rechenwerk ESVG 1995 hat im Vergleich zur historisch theoretischen Kreislaufanalyse eine tiefergehende Sektoren abgrenzung (Abb. 2.20). Zu den Privaten Haushalten nach der ESVG 1995 zählen nicht nur Konsumenten, sondern auch Produzenten wie Freiberufler, Selbständige und Einzelunternehmer. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Non Profit Orga nisationen wird ein eigener Sektor Private Organisationen ohne Erwerbszweck aus gewiesen. Dazu zählen z. B. gemeinnützige Organisationen, Kirchen, Stiftungen und Vereine. Die Finanziellen Kapitalgesellschaften umfassen Banken, Versicherungen und Pensionskassen. Zu den Nicht-finanziellen Kapitalgesellschaften zählen Unternehmen in den Rechtsformen der AG, GmbH, OHG oder KG, die Waren oder nicht finanzielle Dienstleistungen produzieren und anbieten. Hinzu kommen öffentliche Kranken häuser sowie staatliche Eigenbetriebe mit eigener Rechnungslegung und ohne eigene Rechtspersönlichkeit. Der Sektor Staat umfasst die Gebietskörperschaften (Bund, Län der und Gemeinden) sowie die Sozialversicherungsträger (Renten , Kranken , Pflege , Arbeitslosen und Unfallversicherung). Hinzu kommen staatliche Eigenbetriebe (z. B. Versorgungs und Verkehrsunterneh men), wenn ihre Rechnungsführung vollständig im Rahmen der öffentlichen Haus halte erfolgt. Der Sektor Übrige Welt wird differenziert in EU Staaten, Drittländer und internationalen Organisationen. Land- und Forstwirtschaft Private Konsumausgaben Konsumausgaben des Staates Investitionen Außenbeitrag Arbeitnehmerentgelt Unternehmens-/ Vermögenseinkommen Produzierendes Gewerbe Kernprozesse einer Volkswirtschaft Baugewerbe Handel, Verkehr, Gastgewerbe Dienstleister Verteilungsrechnung (Einkommen) Entstehungsrechnung (Produktion) Verwendungsrechnung (Nachfrage) Abb. 2.19: Betrachtungsperspektiven des BIP Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 49 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 49 Wirtschaftsgruppen und Wirtschaftszweige Das ESVG 1995 teilt die Volkswirtschaft in sechzig Wirtschaftsgruppen auf Basis der international üblichen Gliederung der NACE Klassifikation (Nomenclature générale des activités économique) ein. Sie lassen sich zu sechs großen Wirtschaftszweigen und diese wiederum zu drei übergreifenden Wirtschaftssektoren zusammenfassen (Abb. 2.21). Die tiefergehende Analyse der Entstehungsrechnung gibt Hinweise auf die Produktionsstruktur und den Strukturwandel einer Volkswirtschaft. Der Großteil der gesamtwirtschaftlichen Produktion wird von Unternehmen auf Märk ten angeboten (Marktproduzenten). Dazu zählt die Produktion von materiellen Gütern ebenso wie jene von Dienstleistungen, z. B. die Gebühren eines Arztes für eine Behand lung oder die Provision eines Immobilienmaklers für den Verkauf eines Hauses. Hinzu kommen alle Güter, die nicht im gleichen Zeitraum auf dem Markt verkauft werden können (Veränderungen der Lagerbestände an Fertigprodukten). Nicht erfasst ist z. B. der Kapitalgewinn, der aus dem Verkauf eines Hauses resultiert. Solche Transaktionen stellen einen Eigentumstransfer dar und haben mit der Produk tion nichts zu tun. Auch die Verkäufe von gebrauchten Gütern wie PKW, Gemälden oder Gebäuden gehen nicht in das BIP ein, da sie bereits in Vorperioden erfasst worden sind. Die Bewertung der Marktproduktion erfolgt zu Herstellungspreisen. Dies ist der Betrag, den der Produzent vom Käufer erhält, abzüglich der zu zahlenden Gütersteuern und zuzüglich aller empfangenen Gütersubventionen, also: Verkaufspreis – Gütersteuern + Gütersubventionen = Herstellungspreis Diese Bewertung ermöglicht eine vom nationalen Steuersystem unabhängigere Mes sung der Produktionsprozesse als die Erfassung zu Marktpreisen. ESVG 1995 Inhalt Kreislaufanalyse Nicht-finanzielle Kapitalgesellschaften Kapital-, Personengesellschaften, Staatsbetriebe/öffentliche Krankenhäuser mit eigener Rechnungslegung Finanzielle Kapitalgesellschaften Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Börsen Private Haushalte und Private Organisationen ohne Erwerbszweck Einzelunternehmer, Freiberufler (Gruppen von) Einzelpersonen Gemeinnützige Organisationen, Kirchen, Gewerkschaften, Vereine Staat Gebietskörperschaften, Sozialversicherung, staatl. Eigenbetriebe Übrige Welt EU-Staaten, Drittländer,Internationale Organisationen Unternehmen Private Haushalte Staat Ausland Zusammensetzung der volkswirtschaftlichen Sektoren Abb. 2.20: Sektorenabgrenzung im ESVG 1995 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 50 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen50 Nicht-Marktproduktion Zur Nicht Marktproduktion für die Eigenverwendung zählen selbsterstellte Anlagen, der Eigenverbrauch von Waren im Unternehmerhaushalt, einschließlich der Eigen leistungen im Wohnungsbau sowie der Mietwert aus eigengenutzten Wohnungen. Die Bewertung wird zu Herstellungspreisen vergleichbarer Güter vorgenommen. Für die Wohnungseigennutzung werden u. a. geschätzte Vergleichsmieten herangezogen. Baugewerbe Land- und Forstwirtschaft Finanzierung, Vermietung, Unternehmensdienstleister Öffentliche und private Dienstleister € % Produzierendes Gewerbe Handel, Verkehr, Gastgewerbe Primärer Sektor (1%) Sekundärer Sektor (30%) Tertiärer Sektor (69%) 1% 26% 4% 19% 28% 22% Wirtschaftszweige Wirtschaftssektoren Abb. 2.21: Anteile der Wirtschaftszweige und -sektoren an der Entstehung des BIP 2010 Eigene Berechnungen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Erfassungssystematik der Produktion Marktproduktion Am Markt gehandelt für Dritte Nicht-Marktproduktion Für die Eigenverwendung (z.B. Eigenverbrauch, selbst erstellte Anlagen) Sonstige Nicht-Marktproduktion (z.B. unentgeltlich für die Allgemeinheit, vor allem Dienstleistungen des Staates) Bewertung zu Herstellungspreisen Bewertung zu Herstellungspreisen vergleichbarer Güter Bewertung zu (Selbst-)Kosten Abb. 2.22: Produktionswert Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 51 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 51 Die sonstige Nicht-Marktproduktion erfasst jene Produktion, die anderen Wirtschafts einheiten unentgeltlich oder nahezu unentgeltlich zur Verfügung gestellt wird. Dazu gehört vor allem das Angebot von öffentlichen Dienstleistungen. Der Wert wird be helfsmäßig über die Kosten ermittelt, die ihre Produktion verursacht. Beispielsweise wird die staatlich bereitgestellte Bildung erfasst als Summe der Lehrer und Professorengehälter, der laufenden Kosten für Schulgebäude und Hochschulen sowie der Ausstattungskosten einschließlich der gezahlten Mieten. Auch die Kosten, die zur Bereitstellung der inneren und äußeren Sicherheit anfallen, sind im BIP enthal ten, z. B. in Form von Gehältern und Sachausgaben für Polizei, Justiz und Bundeswehr. Höhere Gehälter und Rüstungsausgaben führen zu einem höheren Produktionswert des Staates und steigern das BIP, obwohl damit nicht zwangsläufig ein gesamtwirt schaftlicher Mehrwert verbunden ist. Die staatlichen Konsumausgaben enthalten neben den Personalausgaben, Sachkäufen und Abschreibungen auch soziale Sachtransfers. Letztere umfassen die einzelnen Personengruppen unentgeltlich zur Verfügung gestellten Güter. Dazu gehören Arzt und Krankenhausleistungen, Medikamente, Heilmittel und Kuren sowie individuell zurechenbare Sachleistungen. Monetäre Transfers (z. B. Lohnersatzleistungen, Arbeits losengeld I und II) zählen nicht zu den Konsumausgaben des Staates, sondern zu den Ausgaben der Sozialversicherungssysteme. Von der Bruttowertschöpfung zum BIP Die Bruttowertschöpfung ergibt sich aus dem Bruttoproduktionswert durch Abzug der Vorleistungen. Bruttowertschöpfung der Wirtschaftsbereiche (zu Herstellungspreisen) 2239,8 – + 265,7 Gütersteuern 6,7 Gütersubventionen Bruttoinlandsprodukt (zu Marktpreisen) 2.498,8 = Bruttoproduktionswert der Wirtschaftsbereiche (zu Herstellungspreisen) 4573,9 2334,1– Vorleistungen Nettogütersteuern = Abb. 2.23: Bruttoproduktionswert und BIP 2010 (in Mrd. € und in jeweiligen Preisen) Quelle: Statistisches Bundesamt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 52 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen52 Da die gesamtwirtschaftliche Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen bewertet ist, müssen zur Ermittlung des BIP zu Marktpreisen Korrekturen vorgenommen wer den. Die Marktpreise werden durch Subventionen unterzeichnet (Abb. 2.24). Produktions- und Importabgaben sind Steuern, die pro Einheit einer produzierten oder gehandelten Ware oder Dienstleistung zu entrichten sind. Diese umfassen u. a. die Gütersteuern (z. B. MWSt). Importabgaben sind zu entrichten, wenn Waren durch Über schreiten der Grenze in das Wirtschaftsgebiet gelangen oder wenn Dienstleistungen von gebietsfremden Einheiten für gebietsansässige Einheiten erbracht werden. Zu den sonstigen Produktionsabgaben gehören z. B. Grundsteuern, betriebliche Kfz Abgaben und Umweltabgaben. Der Saldo der Gütersteuern minus Gütersubventionen ergibt die Nettogütersteuern und wird zur Bruttowertschöpfung hinzuaddiert. Ergebnis ist das BIP zu Marktpreisen. In der Entstehungsrechnung werden die Aktivitäten des offiziellen Sektors einer Volks wirtschaft erfasst. Andere Bereiche bleiben außen vor. Selbstversorgungswirtschaft Die Selbstversorgungswirtschaft enthält Leistungen, die unentgeltlich erbracht werden, wie z. B. die Nachbarschaftshilfe, die ehrenamtlichen Tätigkeiten, die Haushaltsfüh rung und die Kindererziehung. Diese Leistungen werden im BIP nicht berücksichtigt (Abb. 2.26). Dies führt zu einer grundsätzlichen Kritik an der Erfassungssystematik des BIP, da diese wohlfahrtsrelevanten Vorgänge ausgeblendet werden (vgl. Kap. 15). Schattenwirtschaft Die Schattenwirtschaft im engeren Sinne (Schwarzarbeit) ist ein erwerbswirtschaftlicher Bereich. Dazu gehören alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die ihrem Wesen nach Abb. 2.24: Gütersubventionen Zusammensetzung der Subventionen Gütersubventionen Subventionen, die pro Einheit einer produzierten oder eingeführten Ware oder Dienstleistung geleistet werden oder berechnet als Differenz zwischen einem angestrebten Preis und dem tatsächlich gezahlten Marktpreis Sonstige Subventionen Importsubventionen SonstigeGütersubventionen Wichtig: Gütersubventionen erhöhen die Bruttowertschöpfung und nicht das BIP Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 53 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 53 zwar erlaubt sind, aber illegal am Fiskus vorbei ausgeführt werden. Solche schat tenwirtschaftlichen Aktivitäten decken sich mit denen der offiziellen Wirtschaft, sie werden aber im Unterschied zu ihr versteckt ausgeführt, um die Zahlung von Steuern und Sozialabgaben zu vermeiden. Abzugrenzen ist diese Form der Schattenwirtschaft von solchen wirtschaftlichen Handlungen, die nicht nur am Fiskus vorbei ausgeführt werden, sondern auch ihrem Wesen nach verboten sind (Wirtschaftskriminalität). Dazu gehören z. B. Drogenhandel, Diebstahl und Erpressungsgelder. Zusammensetzung der Produktions- und Importabgaben Gütersteuern Steuern, die pro Einheit einer produzierten oder gehandelten Ware oder Dienstleistung zu entrichten sind Sonstige Produktionsabgaben Mehrwertsteuer Importabgaben Zölle, Abschöpfungsbeträge, Importsteuern ohne Einfuhrumsatzsteuer Sonstige Gütersteuern Wichtig: Gütersteuern erhöhen das BIP und nicht die Bruttowertschöpfung Abb. 2.25: Produktions- und Importabgaben sowie Gütersteuern 1) Teilweise aufgrund von Schätzungen im BIP enthalten Güter Offizieller Sektor Haushalts- Sektor a) Informeller Sektor b) Irregulärer Sektor c) Krimineller Sektor d) legal legal legal legal illegal Ausführung legal legal legal illegal illegal Markttransaktion ja nein ja ja ja VGR- Konvention BIP Selbstversorgungswirtschaft (legal) 1) Schattenwirtschaft (illegal) 1) a) z.B. Do-it-yourself, Eigenarbeit beim Hausbau, Kinderbetreuung, Reparaturen b) z.B. Nachbarschaftshilfe, Selbsthilfeorganisation, Ehrenamt c) z.B. Schwarzarbeit (Verstoß gegen Gewerbe-, Handwerksordnung; Steuer- und Abgabenhinterziehung), Leistungsmissbrauch d) z.B. Hehlerei, Drogenhandel, verbotene Glücksspiele, Betrug, Schmuggel, Menschenhandel Was im BIP (nicht) erfasst wird Abb. 2.26: Arten wirtschaftlicher Aktivitäten und „Untergrundaktivitäten“ Quelle: IW, 2003 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 54 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen54 Schwarzarbeit verursacht volkswirtschaftliche Schäden, da dem Staat und den Sozi alkassen Einnahmen hinterzogen werden. Die Höhe dieser Schäden ist nicht genau zu beziffern, da sie von unterschiedlichen Grundannahmen und Rechenmodellen ab hängt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wird ein Teil der Leistungen aus dieser Schwarzarbeit bereits in das amtlich publizierte BIP eingerechnet. Deutschland kam im Jahr 2005 mit 15,6 Prozent exakt auf den Durchschnitt von 21 OECD Ländern. Schätzungen gehen davon aus, dass ein großer Teil der durch Schwarzarbeit erzielten Einkommen vor allem über den Konsum wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück fließt. Studien zeigen, dass Schattenwirtschaft mit zunehmender Abgabenbelastung (Steuern, Sozialbeiträge) tendenziell zunimmt. Schlagwörter •• Wirtschaftsgruppen •• Wirtschaftszweige •• (Nicht-)Marktproduzenten •• Herstellungs-, Marktpreise •• Gütersteuern, -subventionen •• Produktions-, Importabgaben •• Schattenwirtschaft •• Schwarzarbeit 2.4.2 Verwendungsrechnung Private Konsumausgaben Die mit Abstand größte Verwendung des BIP entfällt auf die privaten Konsumausga ben. Dazu zählen alle Käufe der privaten Haushalte und der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck. Auch der Kauf von langlebigen Gütern – z. B. PKW – durch private Haushalte gilt als Konsum. Die Güter gelten nach dem Kauf als verbraucht, so dass keine anteilige Aufteilung für die Nutzungsjahre erfolgt. Neben tatsächlichen Trans aktionen werden fiktive Transaktionen berücksichtigt, z. B. Mieten für selbstgenutzte Wohnungen. Die Konsumausgaben werden zu Anschaffungspreisen ausgewiesen. Das ist der Preis, den der Käufer zum Kaufzeitpunkt tatsächlich für die Güter bezahlt. Konsumausgaben des Staates Die Konsumausgaben des Staates entsprechen den Kosten für die überwiegend un entgeltliche Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen. Das ESVG 1995 unterscheidet das Ausgabenkonzept (Wer tätigt die Ausgaben?) und das Verbrauchskonzept (Wer verbraucht die bereitgestellten Güter?) (Abb. 2.27). Die Konzepte unterscheiden sich durch die Zurechnung der sozialen Sachtransfers des Staates. Das Ausgabenkonzept verbucht die sozialen Sachtransfers in dem Sektor, der für sie zahlt. Beim Staat werden die entsprechenden Leistungen als Vorleistungen erfasst und gehen in die Konsum ausgaben des Staates ein. Das Verbrauchskonzept weist die sozialen Sachtransfers direkt dem Sektor Private Haushalte zu, da dieser die entsprechenden Güter verbraucht. Die um diesen Betrag erhöhten privaten Konsumausgaben werden nach dem Verbrauchskonzept als Individualkonsum der privaten Haushalte (und der Privaten Organisationen ohne Erwerbs zweck) ausgewiesen. Die um diesen Posten verringerten Konsumausgaben des Staates werden als Kollektivkonsum bezeichnet. Achten Sie beim Ausweis von Staatsquoten (Anteil der Staatsausgaben am BIP) stets darauf, welche Abgrenzung gewählt wird. In der Regel wird in VGR Darstellungen das Ausgabenkonzept bevorzugt. Investitionen Die Bruttoinvestitionen umfassen Sachanlagen wie Bauten (Wohnbauten – auch der privaten Haushalte – und Nichtwohnbauten), Ausrüstungen (z. B. Maschinen) sowie Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 55 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 55 sonstige Anlagen wie Computerprogramme und Urheberrechte (Abb. 2.28). Auch pri vate Haushalte können als Investoren auftreten, da dieser Sektor Freiberufler und Selbständige enthält. Zu den öffentlichen Anlageinvestitionen gehören militärische Anlagen, wenn sie zivil genutzt werden können (z. B. Flughäfen, Hafenanlagen, Stra ßen, Krankenhäuser). Zu den Bruttoanlageinvestitionen werden alle Güter gerechnet, die länger als ein Jahr in der Produktion eingesetzt und die zur Erweiterung oder/ und Qualitätsverbesserung des Anlagevermögens dienen. Der Kauf z. B. gebrauchter Immobilien ist in volkswirtschaftlicher Sicht keine Anlageinvestition, da lediglich ein Vermögenstausch stattfindet. Der Ersatz vorhandener Anlagen durch ein Unternehmen, der als Ersatz oder Reinves titionen bezeichnet wird, führt volkswirtschaftlich zwar zu einer Erhöhung der Brut to , nicht aber der Nettoinvestitionen, weil nur die Wertminderung des Sachkapitals Private Konsumausgaben 1444,7 Soziale Sachtransfers 294,2 Bruttoinlandsprodukt (zu Marktpreisen) 2498,8 Konsumausgaben des Staates 486,7 Brutto- Investitionen 437,2 Außenbeitrag 130,2 Kollektivkonsum 192,5 Individualkonsum 1738,9 Verbrauchskonzept + Abb. 2.27: Verwendungsrechnung des BIP (2010) (Angaben in Mrd. € und in jeweiligen Preisen) Quelle: Statistisches Bundesamt Zusammensetzung der Bruttoinvestitionen AnlageinvestitionenILager Bau investitionen Ausrüstungsinvestitionen Immaterielle Anlageinvestitionen • Wohnbauten • Geschäftsbauten • gewerblich genutzte Fahrzeuge • Maschinen, Geräte • Computerprogramme • Urheberrechte Abb. 2.28: Investitionskategorien Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 56 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen56 ausgeglichen wird. Angefangene Bauten und Ausrüstungen, bei denen der Eigentümer noch nicht feststeht, werden als Vorratsinvestitionen ausgewiesen. Die Bewertung der Anlageinvestitionen erfolgt zu Anschaffungspreisen. Die Anlageinvestitionen werden zu dem Zeitpunkt ausgewiesen, in dem das Eigentum an den Erwerber der Investiti onsgüter übergegangen ist. Der Anteil der Anlageinvestitionen am BIP entspricht der Investitionsquote, der Quotient von Netto zu Bruttoinvestitionen kann als Modernisierungsgrad einer Volkswirtschaft interpretiert werden. Außenbeitrag Die von inländischen Wirtschaftseinheiten an ausländische Wirtschaftseinheiten ex portierten Güter werden netto, d. h. abzüglich der Importe ausgewiesen. Die Anteile der Ex bzw. Importe am BIP entsprechen der Ex bzw. Importquote. Die Differenz aus Ex und Importen ist der Außenbeitrag. Der relativ geringe prozentuale Anteil des Au ßenbeitrages (2010: 5,2 % am BIP) darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Exporte die zweitgrößte Verwendungskomponente des BIP darstellen. Schlagwörter •• Ausgaben-, Verbrauchskonzept •• Individual-, Kollektivkonsum •• Außenbeitrag 2.4.3 Verteilungsrechnung Das Bruttoinlandprodukt (BIP) basiert, wie bereits sprachlich deutlich wird, auf dem Inlandskonzept. Hingegen werden beim Inländerkonzept nicht geographische Gren zen der Produktion betrachtet, sondern die in diesem Gebiet wohnenden Personen, welchen die Einkommen aus den wirtschaftlichen Leistungen zufließen. Das heißt: die Einkommen von im Ausland arbeitenden Inländern (entscheidend ist der Wohnsitz, nicht die Nationalität) fließen in die Berechnung ein; die Einkommen von im Inland arbeitenden Ausländern werden herausgerechnet. Ergebnis dieser Saldierung ist das Bruttonationaleinkommen (BNE), das näherungsweise der bis vor einigen Jahren ver wendeten Größe Bruttosozialprodukt entspricht. Wir betrachten dazu einige Beispiele: •• Ein Deutscher, der in Aachen wohnt, erzielt sein Einkommen in Brüssel. Dieses Ein kommen fließt also einem Inländer zu und ist damit im deutschen BNE enthalten, nicht aber im deutschen BIP, da das Einkommen nicht im Inland entstanden ist. Ein Franzose, der in Straßburg lebt und zur Arbeit nach Karlsruhe pendelt, trägt hinge gen zum BIP Deutschlands bei, da das Einkommen in Deutschland entstanden ist. Gleichzeitig trägt er jedoch zum BNE Frankreichs bei. •• Ein (ehemaliger) deutscher Showmaster wohnt in den USA und erzielt nicht unbe trächtliche Werbeeinkünfte in Deutschland. Er ist Ausländer, weil er seinen Wohn sitz in den USA hat. Sein Einkommen ist damit im deutschen BNE nicht enthalten, wohl aber im deutschen BIP, da das Einkommen in Deutschland entstanden ist. •• Ein Deutscher mit Wohnsitz in Köln legt sein Kapital in Luxemburg an und bezieht (legale) Zinseinkünfte, die auf sein deutsches Konto überwiesen werden. Dadurch steigt das deutsche BNE, während das deutsche BIP durch diesen Vorgang unver ändert bleibt. •• Ein Musiker britischer Nationalität mit permanentem Wohnsitz in den USA gibt in Deutschland ein Konzert. Die damit verbundene Wertschöpfung steigert das BIP in Deutschland, da sie im Inland entstanden ist. Nach dem Inländerkonzept würde das BNE in den USA steigen, da sich dort der ständige Wohnsitz befindet. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 57 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 57 In Deutschland ist der Unterschied zwischen Inlands und Inländerkonzept relativ gering. Es gibt jedoch Ausnahmen: •• BIP < BNE: Kuwait hat einen relativ großen Teil seiner Öleinnahmen im Ausland investiert bzw. angelegt. Das Auslandsvermögen hat sich stetig erhöht und das Land erzielt hohe Kapitaleinkommen aus dem Rest der Welt. Die Kapitalerträge sollen auch zukünftigen Generationen eine finanzielle Unabhängigkeit sichern, selbst wenn die Ölquellen versiegt sind. Der Anteil des BIP am BNE liegt also unterhalb von 1 (siehe Abb. 2.30). •• BIP > BNE: In Irland liegt der Anteil des BIP am BNE oberhalb von 1 (im Jahr 2002: 1,25). Viele ausländische Unternehmen haben in den letzten Jahren in Irland in vestiert. Die erzielten Gewinne fließen zu einem großen Teil an die ausländischen Anteilseigner zurück, so dass das BNE in Irland hinter der Produktionsleistung zurückbleibt. In Irland ist diese Situation Ausdruck einer hohen Attraktivität als Produktions und Investitionsstandort in Europa, die u. a. auf die niedrigen Steuer sätze zurückzuführen ist. Primär- und Volkseinkommen Der Übergang zwischen BIP und BNE wird durch den Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt hergestellt. Enthalten sind neben den Faktoreinkommen, die nach Deutschland fließen bzw. hinausfließen, auch die an die EU geleisteten und von der EU empfangenen Subventionen. Zur Ermittlung weiterer Einkommensgrößen müssen vom Bruttonationaleinkommen die Abschreibungen subtrahiert werden. Ergebnis ist das Nettonationaleinkommen zu Marktpreisen oder das Primäreinkommen. Vermindert um den Saldo der Produktions und Importabgaben abzüglich der Gü tersubventionen ergibt sich das Volkseinkommen. Das Volkseinkommen verteilt sich auf Arbeitnehmerentgelte sowie Unternehmens und Vermögenseinkommen und ent spricht der Primärverteilung (Abb. 2.31). Bruttoinlandsprodukt (= im Inland erbrachte Wertschöpfung) 100 Einkommen von Inländern im Ausland (= B) 15 Einkommen von Inländern im Inland 90 Einkommen von Ausländern im Inland (= A) 10 Bruttonationaleinkommen (= von Inländern erbrachte Wertschöpfung) 105 Merke: Wenn A < B, dann gilt: BIP < BNE Unterschied zwischen Inlandsprodukt und Nationaleinkommen Abb. 2.29: Inlands- und Inländerkonzept (fiktives Beispiel) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 58 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen58 Unterschiede zwischen Bruttoinlandsprodukt und Bruttonationaleinkommen Abb. 2.30: Verhältnis des BIP zum BNE in ausgewählten Ländern Quelle: Blanchard/Illing, 2009, S. 541 Bruttonationaleinkommen (zu Marktpreisen) 2.531,9 - + 33,1 Abschreibungen353,2 Subventionen Volkseinkommen 1.901,2 = Bruttoinlandsprodukt (zu Marktpreisen) 2.498,8 310,4 + Saldo der Primäreinkommen Primäreinkommen 2.178,7 = 32,9 Produktions- und Importabgaben- = Nettoproduktionsund Importabgaben Abb. 2.31: Gesamtwirtschaftliche Einkommensbegriffe 2010 (Angaben in Mrd. € und in jeweiligen Preisen) Quelle: Statistisches Bundesamt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 59 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 59 Die Verteilung des gesamtwirtschaftlichen Einkommens gehört zu den interessantes ten makroökonomischen Fragen, da hier auch persönliche Lebenssituationen direkt betroffen sind. Verteilungsfragen sind zudem stark durch normative Erwägungen geprägt. Folgende Verteilungskonzepte lassen sich unterscheiden (Abb. 2.32): •• Funktionelle (funktionale) Verteilung: hier wird geklärt, wie sich das Einkommen auf die Produktionsfaktoren (Arbeit, Boden, Kapital) verteilt. •• Primäre Verteilung: sie zeigt die Verteilung des Einkommens durch den direkten Produktionsprozess auf Arbeitnehmerentgelte und Unternehmens und Vermögens einkommen (z. B. Gewinn, Zinsen, Dividenden). •• Sekundäre Einkommensverteilung: Sie beschreibt die Verteilung nach der staatli chen Umverteilung durch Steuern, Abgaben sowie monetäre Transfers. •• Personelle Verteilung: Hier wird dargestellt, wie sich das Einkommen auf einzelne Personen bzw. gruppen verteilt. Verteilung auf funktionelle Aggregate Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte (AE) am Volkseinkommen (VE) wird als Lohnquote bezeichnet. Es gilt: (1) LQt = AEt / VEt Sie wird häufig als Maß für die funktionelle Einkommensverteilung herangezogen. Der Anteil des Unternehmens und Vermögenseinkommen am Volkseinkommen entspricht der Gewinnquote. Bei der Interpretation dieser Quoten ist Vorsicht geboten. Einerseits fließen den Arbeitnehmern auch Teile des Unternehmens und Vermögenseinkommens zu, so dass das Einkommen der Arbeitnehmer als Personengruppe insgesamt über die Arbeitsentgelte hinausgeht (Querverteilung). Zudem werden Managergehälter als Ar beitnehmerentgelte erfasst. Unternehmens und Gewinneinkommen fließen hingegen keineswegs nur den Unternehmen bzw. Unternehmerhaushalten zu, sondern können wie im Fall von Kapitalgesellschaften auch an Anteilseigner verteilt werden. Arbeitnehmerentgelte Unternehmensund Vermögenseinkommen Funktionelle Verteilung, Primärverteilung Personelle Verteilung, Querverteilung Arbeitnehmer Selbständige Andere (z.B. Rentner) Staat Monetäre Transfers an • abhängig Beschäftigte • Selbständige • Andere Steuern, Abgaben Steuern, Abgaben Sekundäre Verteilung (Umverteilung) Produktionsfaktoren: • Arbeit, • Kapital, • Boden Verteilung und Umverteilung des Einkommens Abb. 2.32: Verteilungsbegriffe Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 60 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen60 Die Lohnquote kann sich auch dann verändern, wenn die Arbeitnehmerquote, d. h. der Anteil der Arbeitnehmer (AN) an den Erwerbstätigen (EWT), also den Arbeitnehmern und den Selbstständigen, im Zeitverlauf Veränderungen unterliegt und somit die Arbeitnehmerentgelte auf eine unterschiedliche Personenzahl verteilt werden. Um die tatsächliche Lohnentwicklung zu messen, wird die Beschäftigtenstruktur eines Basisjahres beibehalten (Abb. 2.33). Ergebnis ist die bereinigte Lohnquote (LQb): (2) LQ = AE / VE (für ein Basisjahr) (3) AQ = AN / EWT (für ein Basisjahr) (4) LQbt = (AEt / VEt) × (AN / ET)Basisjahr / (ANt / EWTt) Bereits seit 1988 verwendet der Sachverständigenrat die Arbeitseinkommensquote (AEQ) als Indikator für die Einkommensverteilung. Dazu wird das gesamtwirtschaft liche Arbeitseinkommen (AEK) als Summe der Arbeitnehmerentgelte und dem kalkulatorischen Arbeitseinkommen der selbständig Erwerbstätigen einschließlich der mithelfenden Familienangehörigen zugrunde gelegt. Verteilung auf Sektoren: Konsum- und Sparquote Im Vordergrund vieler Analysen steht das Verfügbare Einkommen des Sektors Private Haushalte, da es eine entscheidende Einflussgröße für den privaten Konsum und somit für die größte Komponente des BIP darstellt. Zunächst fließen den privaten Haushalten die Arbeitnehmerentgelte zu. Beachten Sie, dass die Arbeitnehmerentgelte die Sozial beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer umfassen. Im Gegensatz dazu enthalten die Bruttolöhne und gehälter nur den Anteil der Arbeitnehmer. Dem Sektor Private Haushalte fließen zudem Teile des Unternehmens und Vermögenseinkommens (z. B. Zinseinkünfte, ausgeschüttete Gewinne) sowie (Netto )Transfers des Staates zu. Ver mindert um die Sozialbeiträge sowie die Einkommen und Vermögensteuern ergibt sich das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte. Jahr Arbeitnehmerentgelt Volkseinkommen Arbeitnehmer Erwerbstätige 2005 80 100 160 200 2008 90 120 150 200 Unbereinigte Lohnquote 2005: (80/100) × 100 = 80% Unbereinigte Lohnquote 2008: (90/120) × 100 = 75% Bereinigte Lohnquote 2008: 90/120 × × 100 = 80% Berechnung der Lohnquote Abb. 2.33: Bereinigte und unbereinigte Lohnquote Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 61 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 61 Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte ist Bezugspunkt für die Berech nung der Konsumquote und der Sparquote, die sich beide zu 100 % ergänzen (Abb. 2.34). Schlagwörter •• Bruttonationaleinkommen •• Inlandskonzept •• Inländerkonzept •• Primäreinkommen •• Volkseinkommen •• Lohnquote •• Gewinnquote •• bereinigte Lohnquote •• funktionelle Einkommensverteilung •• Querverteilung •• verfügbares Einkommen •• Konsum-, Sparquote •• Bruttolöhne, -gehälter •• sekundäre Einkommensverteilung 2.5 Volkswirtschaftliche Kennziffern Die aus makroökonomischen Größen abgeleiteten Quoten bilden eine wichtige Grund lage für das Verständnis wirtschaftspolitischer Zusammenhänge (Abb. 2.35). Auf das BIP lassen sich noch weitere Kennziffern sinnvoll beziehen. Geläufig sind z. B. Anteil einzelner Ausgabenkategorien am BIP (u. a. Gesundheits , Bildungs , Forschungs , Rüstungsausgaben). Bei allen Quoten handelt es sich um Durchschnittsgrößen, die aufgrund der Aggregation von Daten zu Informationsverlusten führen. Allgemein (vereinfacht) fiktives Zahlenbeispiel (Mrd. €) Arbeitnehmerentgelte 1.600 + Unternehmens- und Vermögenseinkommens der priv. Haushalte + 300 + Staatliche monetäre (Netto-)Transfers + 200 – Sozialbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber – 400 – Einkommen-/Vermögensteuern – 200 = Verfügbares Einkommen der Privaten Haushalte = 1.500 davon: Konsumausgaben 1.350 davon: Sparen 150 Konsumquote: (1.350 / 1.500) × 100 = 90% Sparquote: (150 / 1.500) × 100 = 10% Weg zum Verfügbaren Einkommen der Privaten Haushalte Abb. 2.34: Verfügbares Einkommen, Sparquote und Konsumausgaben Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 62 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen62 2.6 Fallbeispiele zu Kapitel 2 Lösungs und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 2.1: Volkswirtschaftliches Rechnungswesen (0) 1) Welche Teilrechnungen des Volkswirtschaftlichen Rechnungswesens geben Auskunft über folgende gesamtwirtschaftliche Sachverhalte: Wirtschaftliches Wachstum, Arbeits losigkeit, Staatsverschuldung, Außenhandelsverflechtung, Kreditverflechtung, Geldver mögen? 2) Welche Dimensionen haben folgende Größen? Geben Sie jeweils ein Beispiel: Nominale, reale Größe; Bestands , Stromgröße; Niveauvariable; Wachstumsrate. 3) Sie besitzen als Student der BWL am 1. November Sachgüter im Wert von 2.000 € und ein geerbtes Aktienpaket im Wert von 25.000 €. Bargeld haben Sie nicht. Sie haben Ihr laufendes Girokonto mit 1.000 € überzogen. Sie erhalten monatlich ein Stipendium von 800 € (verfügbares Einkommen) und geben für Miete, Essen und andere Verbrauchsgüter 1.000 € aus. Sie verkaufen für 22.000 € Aktien gegen Bargeld, kaufen dafür ein Auto für 20.000 € (bar) und zahlen 1.000 € auf Ihr Konto ein. Mit welchen Beträgen werden Ein kommen, Konsum und Ersparnis im November in der Volkswirtschaftlichen Gesamt rechnung ausgewiesen. Wie hat sich dadurch Ihr Vermögen gegenüber dem Anfang des Monats verändert? (in Anlehnung an Willke, 1998, S. 59) Fallbeispiel 2.2: Denksport für Kreislauftheoretiker (+) Ihre studentische Wohngemeinschaft leistet sich einen neuen Kühlschrank zu 150 €. Der Händler bekommt aufgrund der überteuerten Ware moralische Skrupel und schickt einen Auszubildenden mit 50 € zurück. Dieser unterschlägt jedoch aufgrund seines geringen Ge Bezugsgrößen für volkswirtschaftliche Quoten Enstehungs-/ Verwendungsseite Verteilungsseite • Investitionen / BIP = Investitionsquote • Steuereinnahmen / BIP = Steuerquote • Staatsdefizit / BIP = Defizitquote • Exporte / BIP = Exportquote • Importe / BIP = Importquote • Arbeitnehmerentgelt / Volkseinkommen = Lohnquote • Unternehmens- u. Vermögenseink./ Volkseinkommen = Gewinnquote Bezugsgröße: Verfügbares Einkommen der Priv. Haushalte • Privater Konsum / verfügbares Einkommen = Konsumquote • Private Ersparnis / verfügbares Einkommen = Sparquote Bezugsgröße: Volkseinkommen Bezugsgröße: nominales BIP Abb. 2.35: Ausgewählte makroökonomische Quoten Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 63 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 63 halts 20 € und zahlt Ihrer Wohngemeinschaft nur 30 € aus. Ihre Wohngemeinschaft hat damit 120 € für den Kühlschrank gezahlt, 20 € hat der Auszubildende. Anfangs waren jedoch 150 € im Kreislauf. Wo sind die 10 € geblieben? (Quelle: van Suntum, 2006/07) Fallbeispiel 2.3: Dynamische und stationäre Wirtschaft (0) In einer Ökonomie entwickeln sich die Bruttoinvestitionen wie folgt: Jahr 2009 2010 2011 2012 Mrd. € 40 30 20 0 1) Wie entwickelt sich die Volkswirtschaft, wenn die Abschreibungen in allen Jahren bei 30 Mrd. € liegen? Stellen Sie die Entwicklung grafisch dar. 2) Wie sieht der Kreislauf einer stationären Wirtschaft aus? 3) Wie verändert sich der Kreislauf in einer dynamischen Wirtschaft? Fallbeispiel 2.4: Ex-post Identität von Sparen und Investieren (+) In einer Volkswirtschaft planen Unternehmen die Herstellung von Investitionsgütern zu 40 Mrd. € und von Konsumgütern zu 120 Mrd. €. Im Laufe des Wirtschaftsjahres realisieren die Unternehmen diese Pläne. Die Haushalte – als Bezieher des Volkseinkommens – planen Konsumausgaben in Höhe von 110 Mrd. €. Sie wollen 50 Mrd. € sparen. 1) Stellen Sie die Pläne von Unternehmern und Haushalten gegenüber und beschreiben Sie die Ex ante Situation. 2) Wie kann der Ausgleich zwischen den Plänen zustande kommen (Ex post Identität)? Fallbeispiel 2.5: Wirtschaftskreislauf mit Staat (++) In einem geschlossenen Wirtschaftskreislauf liegen folgende Geldströme. vor. Durch die Verfassung ist ein ausgeglichener Staatshaushalt vorgeschrieben. SH = SU = YUH = 1000 IU = CH = 900 Vermögensänderung TEV,H = YStH = 250 SSt = 0 VLStU = 100 Unternehmen Haushalte Staat TEV,U = 100 TG = 100 1) Ermitteln Sie a) das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte, b) das Sparen der privaten Haushalte, c) die Investitionen des Unternehmenssektors. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 64 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen64 2) Wie würde sich das Ergebnis verändern, wenn der Staat zur Ankurbelung der Wirtschaft die Einkommensteuern der privaten Haushalte um 100 Mrd. € senkt und diese das höhere verfügbare Einkommen vollständig konsumieren? Interpretieren Sie das Ergebnis. Fallbeispiel 2.6: BIP und Wirtschaftskreislauf (++) In einer offenen Volkswirtschaft sind folgende Transaktionen gegeben: Private Haushalte CH 800 YUH 1.000 TEV, H 400 YStH 200 TrStH 200 Unternehmen YUH 1.000 CH 800 TEV, U 150 IU 200 TG 150 VLStU 300 Im 150 Ex 200 1) Vervollständigen Sie den Wirtschaftskreislauf durch Abschluss der Konten. 2) Wie hoch ist das BIP? Fallbeispiel 2.7: Wechselkurse als Scharnier zum Ausland (+) 1) Eine Studentin aus Singapur will für drei Monate als Austauschstudentin nach Südaf rika gehen. Zu einem Kurs von: 1 Singapur Dollar (SGD) = 4,2 Südafrikanische Rand (ZAR) wechselt sie 3.000 SGD um. Bei ihrer Rückkehr nach Singapur hat sie 3.900 ZAR übrig, die sie zu einem Kurs von 1 SGD = 4 ZAR in SGD zurücktauscht. • Wie viele ZAR hat die Studentin beim Antritt Ihres Studiums erhalten? • Wie viele SGD hat sie bei ihrer Rückkehr erhalten? • Beurteilen Sie, ob sich der Wechselkurs während der drei Monate zum Vor oder Nachteil der Studentin verändert hat. (in Anlehnung an PISA, 2003, Teil Mathematik) 2) Beurteilen Sie anhand der nachfolgenden Abbildung, wie teuer ein US PKW für einen Bürger der EWU bzw. wie teuer ein deutscher PKW für einen US Bürger ist, wenn der Wechselkurs aus deutscher Sicht 0,9 US $/€ beträgt. PKW: 50.000 US-$ PKW: 50.000 €0,90 US-$/€ 3) Wie verändern sich die Preise der PKW in den USA und in der EWU im Fall folgender Wechselkursveränderungen (jeweils ausgehend von einem Wechselkurs von 0,9 US $/€)? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 65 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 65 Preise der PKW Aufwertung des € auf 1 US-$/€ Abwertung des € auf 0,80 US-$/€ PKW in USA in € PKW in EWWU in US-$ Fallbeispiel 2.8: Offene Volkswirtschaft im Wirtschaftskreislauf (+) 1) Unterscheiden Sie die Begriffe offene Volkswirtschaft und offener Wirtschaftskreislauf! 2) In einer kleinen Volkswirtschaft sind folgende Daten bekannt: Private Ersparnis: 300 Staatsausgaben: 300 Staatseinnahmen: 200 Private Investitionen: 400 Vervollständigen Sie die Ex post Identität des Wirtschaftskreislaufs. Liegt in der Volks wirtschaft ein Export oder ein Importüberschuss vor? Vergleichen Sie dazu die inländi sche Ersparnis und die inländische Nachfrage. 3) Wie kann der in 2) ermittelte Überschuss abgebaut werden? Diskutieren Sie im Rahmen des Wirtschaftskreislaufs. 4) Welche Informationen liefert ein positiver Außenbeitrag aus güter und finanzwirtschaft licher Sicht? Fallbeispiel 2.9: BIP-Berechnung (0) In einer Volkswirtschaft werden in der Stahlindustrie Löhne und Gehälter im Wert von 300 Mrd. € gezahlt. Die gesamte Produktion wird für 560 Mrd. € an die Automobilindustrie verkauft. Die Automobilindustrie zahlt Löhne und Gehälter im Wert von 200 Mrd. €. Die pro duzierten PKW werden für 1.000 Mrd. € an inländische Händler verkauft. Dort fallen Löhne und Gehälter im Umfang von 500 Mrd. € an. Die PKW werden für 560 Mrd. € an den Staat (Dienstfahrzeuge) und für 1.440 Mrd. € an private Haushalte verkauft. Die privaten Haus halte zahlen Einkommensteuern in Höhe von 20 % und konsumieren 90 % ihres verfügbaren Einkommens. Abschreibungen, Gütersteuern, Subventionen und Auslandsbeziehungen werden nicht berücksichtigt. (in Anlehnung an Forster/Klüh/Sauer, 2005, S. 16). 1) Ermitteln Sie die Wertschöpfung auf jeder Produktionsstufe. 2) Wie hoch sind Bruttoproduktionswert, Vorleistungen und das BIP von der Verwendungs seite? 3) Ermitteln Sie das BIP von der Verteilungsseite. 4) Stellen Sie die Transaktionen in einem Kreislaufmodell dar! Wie beurteilen Sie die wirt schaftlichen Entwicklungsperspektiven der Volkswirtschaft? Fallbeispiel 2.10: Reales und nominales BIP (+) Eine Ökonomie produziert drei Güter: Autos, Computer und Äpfel. Produktionsmengen und Preise je Einheit für die Jahre 2009 und 2010 sind durch folgende Tabelle gegeben (in Anlehnung an Blanchard/Illing, 2009, S. 75): 2009 2010 Menge Preis Menge Preis Autos 10 2.000 € 12 3.000 € Computer 4 1.000 € 6 500 € Äpfel 1.000 1 € 1.000 1 € Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 66 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen66 1) Ermitteln Sie das nominale BIP für die Jahre 2009 und 2010 sowie das prozentuale Wachs tum. 2) Ermitteln Sie das reale BIP in Preisen von 2009 bzw. für 2010 für beide Jahre. Wie stark ist das BIP jeweils gewachsen? 3) Gehen Sie davon aus, dass das BIP in Preisen von 2010 berechnet wird. Ermitteln Sie die Wachstumsrate des BIP Deflators zwischen beiden Jahren. Fallbeispiel 2.11: Paasche-Preisindex (0) Gegeben ist folgender Warenkorb: Gut Menge (Jahr 0) Preis (Jahr 0) Menge (Jahr 1) Preis (Jahr 1) Hot Dogs 100 3 € 100 4 € Coca-Cola 30 2 € 40 1 € Videos 10 20 € 20 15 € Taxifahrten 30 10 € 20 20 € Kinobesuche 2 8 € 1 15 € Berechnen Sie den Paasche Preisindex. Fallbeispiel 2.12: Sektorenabgrenzung innerhalb des ESVG 1995 (0) 1) Wie wird in der VGR die Volkswirtschaft bzw. „übrige Welt“ abgegrenzt? 2) Zu welchen Sektoren gehören folgende Wirtschaftseinheiten? Wirtschaftseinheit Sektor (1) Private Krankenversicherung (2) Deutsche Post AG (3) Einzelunternehmen (4) Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (5) Deutscher Gewerkschaftsbund (6) Deutsche Bundesbank (7) SPD (8) Rentenversicherungsanstalt (9) Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern 3) Grenzen Sie den Unternehmenssektor in der VGR ab. Fallbeispiel 2.13: Wertschöpfung des Unternehmenssektors (0) 1) Ein Computerhersteller produziert und verkauft Computeranlagen zu einem Preis von 50.000 €. Die gesamten Zahlungen für Zwischenprodukte und Dienstleistungen belaufen sich im Februar auf 500.000 €. Von den bezogenen Leistungen waren am Monatsende noch Güter im Wert von 100.000 € auf Lager. Im Februar verkauft das Unternehmen 20 Anlagen. Der Lagerbestand an fertigen Anlagen verringerte sich von 240.000 € (8 An lagen) um 5 Anlagen 150.000 € (3 Anlagen). Eine selbsterstellte Anlage wurde im eigenen Betrieb installiert. Zusätzlich wurde ein Drucker für 5.000 € eingekauft. Die Werte für Lagerbestände und eigenerstellte Anlagen werden mit 30.000 € je Anlage angesetzt. Die Abschreibungen betragen 50.000 €. Ermitteln Sie die betriebliche Leistung, die Brutto und Nettowertschöpfung im Februar. 2) Wie wirkt sich ein zunehmendes Outsourcing in einer Volkswirtschaft auf den Produk tionswert und die Wertschöpfung aus? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 67 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 67 Fallbeispiel 2.14: Wertschöpfung des Staates (+) 1) Wie wird die Bruttowertschöpfung des Staates berechnet? 2) Aus welchen Größen setzen sich die Konsumausgaben des Staates zusammen? 3) Wie wirken sich folgende Vorgänge auf die staatlichen Konsumausgaben aus? a) Erhöhung der Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung b) Gewährung von Arbeitslosengeld II c) Die Stadt Bonn kauft neue Dienstwagen d) Die Stadt Bonn mietet Wohnungen für Aussiedler aus Osteuropa an, die diese mietfrei bewohnen können e) Einstellung zusätzlichen Personals im Sozialamt der Stadt Bonn Fallbeispiel 2.15: Ausgaben- und Verbrauchskonzept der Konsumausgaben (0) 1) Wodurch unterscheiden sich das Ausgaben und Verbrauchskonzept in der VGR? 2) Für eine Volkswirtschaft liegen folgende Größen vor: • BIP 2.000 Mrd. € • Individualkonsum 1.390 Mrd. € • Konsumausgaben des Staates 380 Mrd. € • Soziale Sachtransfers 220 Mrd. € • Monetäre Transfers 420 Mrd. € Ermitteln Sie folgende Größen: a) Private Konsumausgaben b) Kollektivkonsum c) Konsumausgaben nach dem Ausgabenkonzept und nach dem Verbrauchskonzept 3) Welche Staatsquoten lassen sich im Beispiel ausweisen? Warum ist diese Betrachtung auch von wirtschaftspolitischem Interesse? Fallbeispiel 2.16: Bewertungslücken und Untergrundaktivitäten (+) 1) Was verstehen Sie unter Markt und Nicht Marktproduktion? 2) In welche zwei Bereiche lassen sich ökonomische Untergrundaktivitäten einteilen? 3) Ordnen Sie die folgenden Aktivitäten einzelnen Gruppen der Untergrundwirtschaft zu (in Anlehnung an Rittenbruch, 2005, S. 35): Aktivität Legal Illegal Selbstversorgung 1 2 Schattenwirtschaft 3 4 a) Verkauf legaler Waren ohne Rechnung b) Fahrgemeinschaft und getrennte Angabe der Fahrtkilometer in der Steuererklärung c) Tausch im Handwerk: Malerarbeit gegen Installation d) unentgeltliche Mitarbeit im Deutschen Roten Kreuz e) Verkauf von Heizöl als Dieselkraftstoff f) Drogenhandel g) Hilfe von Verwandten im Eigenheimbau h) Vermittlung illegaler Leiharbeit i) private Mitarbeit an der Errichtung eines Biotops j) Schwarzarbeit k) eigenes Tapezieren in der Wohnung l) privater Schmuggel von Zigaretten 4) Das reguläre Gehalt eines Fliesenlegers soll bei 2.000 € liegen. Arbeitgeber und Arbeit nehmeranteil zur Sozialversicherung betragen 20 %. Hinzu kommen 30 % freiwillige Leistungen des Arbeitgebers, die sich ebenfalls auf das Bruttoeinkommen beziehen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 68 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen68 Die Einkommensteuerbelastung liegt bei 20 %. In einer Zeitung können Sie lesen „In der Schattenwirtschaft spart der Auftraggeber die Hälfte der Kosten und verdient der Schwarzarbeiter das Doppelte des regulären Gehalts“. Beurteilen Sie diese Aussage, wenn der Schwarzarbeiter „Brutto als Netto“ als Bezahlung erhält. Fallbeispiel 2.17: Investitionskategorien des ESVG 1995 (0) 1) Handelt es sich bei den folgenden Aktivitäten um Investitionen? Wenn ja, welche Inves titionskategorie liegt vor? Aktivität Ja Nein Kategorie Ausgaben für Computerprogramme durch Unternehmen Neubau von Doppelhaushälften durch private Haushalte Zunahme der Vorräte durch Unternehmen Kauf von PKW durch private Haushalte Errichtung von Militärkrankenhäusern, die auch zivil nutzbar sind Erwerb von Beteiligungen an Unternehmen durch andere Unternehmen Kauf von PKW durch Unternehmen 2) Folgende Größen sind gegeben (in Mrd. €): BIP 2.000; Abschreibungen 200; Nettoinves titionen 200. Wie hoch sind die Investitionsquote bzw. der Modernisierungsgrad der Volkswirtschaft? 3) Ein Industrieroboter hatte am 1. Februar einen Wert von 100.000 €. Zur Leistungssteige rung wird im April eine neue Computersteuerung von 25.000 € eingebaut. Am Ende des Jahres wird der Wert des Industrieroboters mit 75.000 € angegeben. Wie hoch waren im vorliegenden Zeitraum Brutto und Nettoinvestition bzw. Abschreibungen? Fallbeispiel 2.18: Inlands- und Inländerkonzept (+) 1) Wie verändert sich das BIP bzw. BNE des jeweiligen Landes bei folgenden Vorgängen? a) Ein Wochenendpendler aus Belgien arbeitet bei einem PKW Hersteller in Köln. b) Kölner Unternehmer erzielen Dividenden von Biotech Unternehmen aus den USA. c) Ein Ingenieur aus Freiburg arbeitet bei einem Chemie Unternehmen in Basel. d) Ein Börsenhändler aus New York erzielt Dividenden von Chemie Unternehmen in Deutschland 2) Ein Belgier wohnt in Aachen und arbeitet in den Niederlanden. Beurteilen Sie, wie da durch das BIP bzw. BNE in den drei Ländern betroffen ist. („0“ = keine Auswirkungen; „+“ = steigt; „–“= sinkt) Land/Effekt BIP BNE Belgien Niederlande Deutschland 3) Nehmen Sie an, das BIP in Deutschland liege bei 2.000 Mrd. €. Im kleinen Nachbarland, das die gleiche Währung hat, liegt das BIP bei 400 Mrd. €. Nennen Sie mögliche Ursachen dafür, dass in Deutschland das Auslandseinkommen der Inländer kleiner ist als das Inlandseinkommen der Ausländer. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 69 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie 69 Fallbeispiel 2.19: Gesamtwirtschaftliche Einkommensbegriffe (++) In Deutschland wurden im Jahr 2005 folgende Vorgänge beobachtet: • Bruttoproduktionswert 2.400 • Unternehmens und Vermögenseinkommen 300 • Zins und Mieteinkünfte 135 • Private Konsumausgaben 1.100 • Staatskonsum 350 • Bruttoinvestitionen 380 • Exporte – Importe 150 • Nettoproduktionsabgaben 120 • Auslandseinkommen der Inländer 50 • Inlandseinkommen der Ausländer 150 • Nettonationaleinkommen 1.455 Ermitteln Sie folgende Größen: BIP, BNE, Abschreibungen, Vorleistungen, Volkseinkommen sowie Arbeitnehmerentgelt für das Jahr 2005 (Quelle: Forster/Klüh/Sauer, 2005, S. 17). Fallbeispiel 2.20: Verteilungsbegriffe (0) 1) Was besagen die Begriffe Primär , Quer und Sekundärverteilung? 2) In einer Volkswirtschaft sind folgende Größen bekannt: • Volkseinkommen 100 • Arbeitnehmerentgelte 60 • Zinseinkommen der Privaten Haushalte 10 • Steuern der Privaten Haushalte 40 • Transfers an Private Haushalte 50 Ermitteln Sie die funktionale Verteilung, die primäre und die sekundäre Verteilung bezogen auf die Privaten Haushalte. 3) Wann gibt es keinen Unterschied zwischen funktionaler und primärer Verteilung? Fallbeispiel 2.21: (Un-)Bereinigte Lohnquote (++) Gegeben sind folgende Größen: • Arbeitnehmerentgelte im Jahr 2000 1.200 Mrd. € • Volkseinkommen im Jahr 2000 1.600 Mrd. € • Arbeitnehmerquote im Jahr 2000 90 % • Arbeitnehmerquote im Jahr 1995 (Basisjahr) 85 % 1) Berechnen Sie unbereinigte und bereinigte Lohnquote für das Jahr 2000. 2) Wie verändert sich unter sonst gleichen Bedingungen die unbereinigte Lohnquote bei folgenden Vorgängen: Vorgang Lohnquote Berechnung Die Arbeitnehmerentgelte steigen aufgrund von Lohnerhöhungen um 20 Mrd. €. In einer Rezession sinken die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 50 Mrd. €. Durch hohe Arbeitslosigkeit sinken die Arbeitnehmerentgelte um 30 Mrd. €. 100.000 leitende abhängig Beschäftigte machen sich innerhalb eines Jahres selbständig, so dass die Arbeitnehmerentgelte um 50 Mrd. € sinken und gleichzeitig die Unternehmenseinkommen um den gleichen Betrag steigen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 70 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen70 3) „Im letzten Jahr ist die Lohnquote von 74 % auf 70 % zurückgegangen. Dies ist ein deut liches Signal für die realen Einkommensverluste der Arbeitnehmerhaushalte, während die Unternehmen ihre Gewinne – gemessen an der Gewinnquote – von 26 % auf 30 % steigern konnten.“ Nehmen Sie Stellung zu dieser Aussage. Fallbeispiel 2.22: Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung (++) Das Statistische Bundesamt hat für das Jahr 2008 folgende Größen in Mrd. € ermittelt (Pro duktions und Importabgaben = Gütersteuern; Saldo der Primäreinkommen gleich Null): Entstehungsrechnung – Vorleistungen 1.000 – Bruttowertschöpfung 1.800 – Abschreibungen 200 Verwendungsrechnung – Private Konsumausgaben 1.170 – Anlageinvestitionen (netto) 200 – Exporte 500 – Importe 450 Verteilungsrechnung – Bruttonationaleinkommen – Volkseinkommen – Arbeitnehmerentgelte 1.200 – Unternehmens- und Vermögenseinkommen davon an Private Haushalte 400 300 Staatseinnahmen – Einkommen- und Vermögensteuern davon: Private Haushalte 250 200 – Produktions- und Importabgaben 250 – Sozialbeiträge 400 Staatsausgaben – Staatliche Konsumausgaben, davon: Soziale Sachtransfers 380 220 – Monetäre Sozialleistungen 470 – Gütersubventionen 50 – Staatliche Bruttoinvestitionen 0 1) Berechnen Sie a) den Bruttoproduktionswert, b) das BIP von der Entstehungs und Verwendungsseite, c) das BNE, d) die Sparquote der privaten Haushalte, e) die Lohnquote und f) die Staatsquote ohne und mit Sozialversicherungshaushalten. 2) Überprüfen Sie die Gültigkeit der Ex post Identität von S und I. Beachten Sie, dass der Staat hier auch die Sozialversicherungshaushalte enthält. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 71 Kapitel 3 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie (1) CH = Caut + c × Y (2) Y = CH + SH (3) Y = Caut + c × Y + SH (4) SH = - Caut + (1 – c) × Y = - Caut + s × Y 45° C Y Inhaltsübersicht 3.1 Makroökonomische Modellbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 3.1.1 Stammbaum der Makroökonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 3.1.2 Analysemethoden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 3.2 Aggregierte Nachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 3.2.1 Gütermarkt – Gleichgewicht von Investitionen und Sparen . . . . . . . . . . . . . 86 3.2.2 Geldmarkt – Einführung des Geldes in die Makroökonomie. . . . . . . . . . . . 90 3.2.3 IS-LM-Modell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 3.2.4 Gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 3.3 Aggregiertes Angebot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 3.3.1 Lohnfindung, Preissetzung und Arbeitsmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 3.3.2 Gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 3.4 Gesamtwirtschaftliches Totalmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 3.5 Fallbeispiele zu Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.