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Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 169 - 193

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_169

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 147 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 149 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 0 2 4 6 8 10 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 0 5 10 15 20 25 30 35 40 Kapitel 5 Inhaltsübersicht 5.1 Wirtschaftliche Schwankungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 5.2 Konjunkturzyklus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 5.3 Konjunkturerklärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 5.4 Konjunkturdiagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 5.5 Konjunkturprognose. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 5.6 Fallbeispiele zu Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 150 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik150 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Die wirtschaftliche Entwicklung verläuft in Zyklen. Mittelfristig lässt sich ein Konjunkturzyklus erkennen, der in verschiedene Phasen zerfällt. •• Die Suche nach dem auslösenden Impuls für konjunkturelle Schwankungen ist Gegenstand der Konjunkturtheorie. Die unterschiedlichen Erklärungsansätze rücken dazu einzelne oder mehrere Komponenten des BIP in den Mittelpunkt. •• In Deutschland gibt es im Jahresablauf eine regelmäßige Abfolge der Konjunkturberichterstattung von Regierung, Forschungsinstitutionen und Expertengremien. Auch die Medien berichten ständig über die wirtschaftliche Lage einer Volkswirtschaft. •• Zur Diagnose der Konjunktur gibt es eine Vielzahl von quantitativen und qualitativen Indikatoren. Besonders wichtig sind die Einteilung in pro- und antizyklische Verläufe von Indikatoren sowie die Trennung in Früh-, Präsensund Spätindikatoren. Aus der Gesamtheit dieser Indikatoren lässt sich eine fundierte Lagebeurteilung einer Volkswirtschaft erstellen. •• Die Prognose der konjunkturellen Entwicklung ist von grundlegender Bedeutung für die Wirtschaftspolitik, z. B. die Finanz-, Geld- und Lohnpolitik. Konjunkturmodelle erleichtern die Konjunkturprognose. Diese bestehen aus Gleichungssystemen und erklären makroökonomische Größen in einem konsistenten Gesamtzusammenhang. Prognosen sind zwangsläufig mit Annahmen behaftet, die sich als falsch erweisen und somit das Prognoseergebnis verzerren können. 5.1 Wirtschaftliche Schwankungen Die Analyse der zyklischen Verhaltensweisen von Volkswirtschaften gehört zu den Schlüsselaufgaben der Makroökonomie. Die geläufigen Begriffe Auf- und Abschwung sollen zum Ausdruck bringen, ob die wirtschaftliche Gesamtsituation insgesamt eher als „gut“ oder „schlecht“ einzuschätzen ist. Kurze und lange ökonomische Zyklen Marktwirtschaftliche Systeme sind nicht stabil, sondern durchlaufen mehr oder minder ausgeprägte Schwankungen von unterschiedlicher Dauer (Abb. 5.1): •• Kitchin-Zyklen (benannt nach Joseph Kitchin (1861–1932)) haben eine Länge von drei bis fünf Jahren. Sie lassen sich mit Nachfrageschwankungen erklären, die u. a. von den Absatzaussichten der Unternehmen abhängen. •• Juglar-Zyklen (benannt nach Clément Juglar (1819–1905)) haben eine Länge von sieben bis elf Jahren. Sie werden als Ergebnis überproportionaler Schwankungen der unternehmerischen Investitionsnachfrage interpretiert. •• Kondratieff-Zyklen (benannt nach Nikolai Kondratieff (1892–1930) haben eine Länge von fünfundvierzig bis sechzig Jahren und sind Wachstumszyklen. Sie beruhen auf Innovationsschüben, welche die gesamte Produktionsweise revolutionieren, wie der Eisenbahnbau Mitte des 19. Jahrhunderts, die synthetische Chemie und Elektrotechnik zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder die Automobil- und Flugzeugindustrie Mitte des 20. Jahrhunderts. Ökonomisch ist weniger das Datum einer Erfindung entscheidend, sondern der Zeitraum, in dem sich eine Technologie durchsetzt oder neue Güter Anwendung finden. Zurzeit befinden sich Deutschland und vergleich- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 151 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 151 bare Volkswirtschaften im fünften Kondratieff, der durch die Informations- und Kommunikationstechnologien geprägt ist. Der empirische Nachweis einzelner Wellen ist nur zum Teil gelungen, da sich die Zyklen überlagern. Die Beurteilung der Dauer hängt davon ab, ob das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität (z. B. Produktion) oder die Wachstumsraten betrachtet werden. Auch die Wendepunkte lassen sich nicht exakt identifizieren. Konjunkturzyklen können gemessen an der Dauer am ehesten als Kitchin-Zyklen und teilweise als Juglar- Zyklen interpretiert werden. Zerlegung der Ursprungsreihe Die Konjunktur ist ein typisches Phänomen von Industriegesellschaften. Sie wird durch Schwankungen der Nachfrage verursacht. Nur durch die Trennung zwischen Produktion und Konsum macht die Beobachtung von Konjunkturzyklen überhaupt Sinn. Keine Volkswirtschaft würde dauerhaft mehr produzieren als verbraucht oder verkauft werden kann. Die Konjunktur wird durch Zeitreihen gesamtwirtschaftlicher Größen dargestellt, z. B. das reale BIP. Diese Zeitreihen lassen sich in folgende Komponenten zerlegen (Abb. 5.2): Trend – Konjunktur – Saison – Restkomponente ( t t t t tX T K S R= + + + ): •• Der Trend beschreibt eine längerfristige Entwicklung. Er kann statistisch bzw. ökonometrisch bestimmt und erklärt werden. Die Ökonomen passen dafür Funktionsverläufe an beobachtete Daten an. Diese Vorgehensweise ist rein phenomenologisch oder induktiv gestaltet. Die Entwicklung wird nicht aus einem Kausalzusammenhang abgeleitet. •• Der Trend wird von der Konjunktur mit einer Periodenlänge von 3 bis 7 Jahren überlagert. Die Schwankung um den Trend ist regelmäßig. Die Entwicklung in 0 10 20 30 40 50 60 Jahre 0 % Kitchin-Zyklus: 3 – 5 Jahre (= x1) Juglar-Zyklus: 7 – 11 Jahre (= x2) Kondratieff-Zyklus: 45 – 60 Jahre (= x3) Überlagerung: x = x1 + x2 + x3 Überlagerung wirtschaftlicher Schwankungen Abb. 5.1: Ökonomische Zyklen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 152 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik152 Deutschland nach dem II. Weltkrieg lässt sich grob in 12 oder 13 Konjunkturzyklen einteilen, deren Dauer zwischen 11 und 19 Quartalen, d. h. etwa 3 bis 5 Jahren, lag. •• Von kürzerer Periodenlänge und schnellerer Schwingung sind die saisonalen Schwankungen. Sie sind vorwiegend jahreszeitlich bedingt, z. B. durch Umsätze zur Weihnachtszeit. •• Weiterhin bleibt die Rest- und Zufallskomponente zu berücksichtigen, die unvorhersehbare Ereignisse (z. B. Streiks, Produktionsausfälle) umfasst. Dazu zählt auch der Einfluss der Kalendertage. So gab es z. B. im Jahr 2004 sechs Arbeitstage mehr als im Jahr 2003. Ohne eine Korrektur dieses Kalendereinflusses wird das BIP im Jahr 2004 zu hoch ausgewiesen. Schätzungen des Statistischen Bundesamtes haben diesen Einfluss auf rund 0,5 % Prozentpunkte eingeschätzt. Da das Auftreten von Saisoneinflüssen die Beurteilung von Zeitreihen verzerrt, wird die Saisonkomponente häufig aus Zeitreihen eliminiert. Auf diese Weise ergeben sich saisonbereinigte Daten. Bekannt ist ihnen sicherlich die Saisonkomponente der Arbeitslosigkeit (Abb. 5.3). Die Arbeitslosenzahlen sind im Januar/Februar eines Jahres eher hoch, im Sommer niedriger. Wenn die Originalwerte betrachtet werden, ist es schwierig Rückschlüsse auf die konjunkturelle Entwicklung abzulesen, da sich konjunkturelle und saisonale Effekte überlagern. Statistisch wird deshalb eine saisonbereinigte Zeitreihe erstellt. Dieses Verfahren ermittelt vereinfacht gesprochen für jeden Monat einen Saisonfaktor, der angibt, um wie viel ein Monatswert im langfristigen Durchschnitt über oder unter dem Jahresdurchschnitt liegt. Die saisonbereinigte Betrachtung der Arbeitslosigkeit erlaubt es dann, die konjunkturelle Entwicklung am Arbeitsmarkt abzulesen. Wenn mit saisonbereinigten Daten gearbeitet wird, kann bei kurzfristigen Analysen der Vorquartalsvergleich auf Jahresbasis hochgerechnet werden. In vielen Statistiken bzw. Berechnungen ist jedoch ein Vergleich zum Vorjahresquartal oder der Ausweis von Veränderungen gegenüber dem Vorquartal üblich (Abb. 5.4). Je nach Verfahren ergeben sich unterschiedliche Ergebnisse, die zu anderen Interpretationen der konjunkturellen Zerlegung einer Ursprungsreihe in: a) Trendkomponente: Wachstum b) Konjunkturkomponente c) Saisonkomponente: z.B. Jahreszeit, Ferien d) Rest-, Zufallskomponente: z.B. Großaufträge, Streiks 0 Jahre BIP (real) 0 0 a) b) c) d) Ursprungsreihe eines Konjunkturzyklus 1 2 3 4 5 1 3 5 7 Jahre 1 2 3 4 Jahre 3 6 9 12 Monate 3 6 9 12 Monate Zeitliche Komponenten des Konjunkturzyklus Abb. 5.2: Komponentenzerlegung einer Zeitreihe Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 153 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 153 Lage führen. Beispielsweise wird in den USA häufig eine Hochrechnung auf Basis von Jahresraten praktiziert, während die Statistik in Deutschland zurückhaltender ist und sich weitgehend auf Vergleiche der Veränderung gegenüber dem Vorquartal stützt. Die Restkomponente wird herausgerechnet, indem z. B. ein gleitender Durchschnitt von Quartalsdaten berechnet wird. Nach Bereinigung um die Saison- und Restkomponente bleiben der Trend und die Konjunktur zurück. Saisonbereinigung einer Zeitreihe 2500 2700 2900 3100 3300 3500 3700 3900 2009 2010 2011 Arbeitslosenzahl Arbeitslosenzahl, saisonbereinigt Abb. 5.3: (Nicht-)Saisonbereinigte Arbeitslosenzahlen (in Tsd.) Quelle: Deutsche Bundesbank Q1 Q3Q2 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 2006 2007 Periode Index-Wert (2005 = 100) (1) Veränderung gegen- über Vorjahresquartal in % (2) Veränderung gegen- über Vorquartal in % (3) Veränderung gegenüber Vorquartal in % auf Jahresrate hochgerechnet 1) I/2006 102,3 - - II/2006 102,5 - 0,2 0,8 III/2006 102,4 - - 0,1 - 0,4 IV/2006 102,3 - - 0,1 - 0,4 I/2007 102,9 0,6 0,6 2,4 II/2007 103,3 0,8 0,4 1,6 III/2007 103,9 1,5 0,6 2,3 IV/2007 103,9 1,6 0 0,0 Beispiel für III/2007: 1) Ermittlung des Zuwachsfaktors für das Quartal: (103,9 : 103,3) = 1,0058 2) Berechnung der Wachstumsrate: (1,00584 – 1) • 100 = 2,34% Berechnung von Wachstumsraten Abb. 5.4: Verfahren zur Berechnung von Wachstumsraten Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 154 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik154 Schlagwörter •• Kitchin-Zyklen •• Juglar-Zyklen •• Kondratieff-Zyklen •• Ursprungsreihe •• Trendkomponente •• Konjunkturkomponente •• Saisonkomponente •• Kalendereffekt 5.2 Konjunkturzyklus Der idealtypische Konjunkturverlauf weist ein Wellblechmuster auf, das durch untere bzw. obere Wendepunkte geprägt wird. Die Zeit zwischen Beginn einer Abschwungphase und dem erneuten Beginn einer Abschwungsphase entspricht der Dauer eines Konjunkturzyklus (Abb. 5.5). Hochkonjunkturen sind nach idealtypischer Vorstellung gekennzeichnet durch Engpässe zumindest in Teilbereichen der Produktion und durch eine wachsende Investitionstätigkeit. Eine Erhöhung des realen BIP geht mit Preisniveausteigerungen einher. Eine solche Preiskonjunktur verschafft nur auf den ersten Blick einen volkswirtschaftlichen Vorteil, denn sie vergrößert die Inflationsgefahren und erhöht das Risiko von Fehlinvestitionen. Die Preise signalisieren Gewinnmöglichkeiten, die auf längere Sicht nicht vorhanden sind. Nach Erreichen des oberen Wendepunktes entspannt sich nach idealisierten Konjunkturvorstellungen die wirtschaftliche Situation bzw. sie schwächt sich ab. Kreditengpässe haben in der vorangegangenen Boomphase zu höheren Zinsen geführt und lassen nun die Investitionstätigkeit zurückgehen. Preissteigerungen der Boomphase führen zu einer Stagnation des privaten Konsums. Gewinne und Lohnsumme sinken, zahlreiche Unternehmen geraten in Liquiditäts- bzw. Absatzschwierigkeiten und Insolvenzen BIPreal (Veränderung gegenüber Vorjahr in %) 1 Abschwächung mit gemäßigter bzw. scharfer Rezession 2 Erholung 3 Expansion Abschwungphase Wachstumstrend = Normalauslastung Phasen Saisonale Schwankungen 1 2 3 4 5 6 Abschwungphase 4 Hochkonjunktur, Boom 5 Entspannung 6 Abschwächung (... Erholung, …Expansion) Aufschwungphase Typisches Wellblechmuster der Konjunktur Abb. 5.5: Idealtypischer Konjunkturzyklus Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 155 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 155 drohen. Gesamtwirtschaftlich kommt es zu zurückgehenden Wachstumsraten und zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit. Kennzeichen der Aufschwungphase sind eine verbesserte Kapazitätsauslastung in der Produktion, steigende private Ausrüstungsinvestitionen, ein wachsendes Volkseinkommen und ein erhöhter privater Konsum bei relativ stabilen Löhnen und Preisen. Diese Phase wird als Mengenkonjunktur bezeichnet. Sie ist volkswirtschaftlich erwünscht, da sich die Aufschwungphase der Wirtschaft nicht in Preisniveausteigerungen, sondern in einer überproportionalen Zunahme der Nachfrage niederschlägt. Diese Nachfragesteigerung kann in der Folge zu höheren Erlösen der Unternehmen und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze führen. Voraussetzung für eine Mengenkonjunktur ist eine bisherige Unterauslastung der Produktionskapazitäten. Eine Rezession liegt vor, so ist häufig zu lesen, wenn das BIP über mindestens zwei Quartale hinweg fällt. Eine solche Definition kann jedoch irreführend sein (vgl. Tab. 5.1). In unserem Beispiel wäre Land A in einer Rezession, Land B hingegen nicht, obwohl die wirtschaftliche Situation in Land A günstiger ist. Produktionspotenzial Für Deutschland hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) in seinem Jahresgutachten 1993/94 den Konjunkturzyklus in vier Phasen eingeteilt: Abschwung, Rezession, Normalisierung und Aufschwung. Bezugsgröße für diese Einteilung ist das Produktionspotenzial. Es gibt an, wie viele Güter in einer Volkswirtschaft produziert werden könnten, wenn die vorhandenen Produktionskapazitäten voll ausgelastet würden. Einzelwirtschaftlich bezeichnet das Produktionspotenzial die Sachkapital-Kapazitäten eines Betriebes. In einer Ökonomie müssen alle Kapazitäten entsprechend aufsummiert werden. Die langfristige Veränderung des Produktionspotenzials wird als Potenzialwachstum bezeichnet. Sie ist von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung, da sie den Rahmen für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes vorgibt. Während sich das einzelwirtschaftliche Produktionspotenzial z. B. durch Befragungen relativ zuverlässig ermitteln lässt, ist die Berechnung eines volkswirtschaftlichen Produktionspotenzials schwierig, da sich nicht eindeutig bestimmen lässt, wann eine Vollauslastung aller Produktionsfaktoren erreicht wird. Das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial steht daher in einem engen Zusammenhang zum Auslastungsgrad einer Volkswirtschaft. Geschätzt werden kann das volkswirtschaftliche Produktionspotenzial beispielsweise mit Hilfe einer Produktionsfunktion, die als erklärende Größen die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital (gemessen durch das Arbeitsvolumen und das Anlagevermögen einer Volkswirtschaft) sowie den technischen Fortschritt (totale Faktorproduktivität) erfassen. Alternativ kann die Entwicklung des Produktionspotenzials auch durch den Vergleich des aktuellen BIP mit dem langfristigen Trend des BIP geschätzt werden. Tab. 5.1: Rezessionsbegriff BIP gegenüber Vorquartal Land A Land B I. Quartal +2,5 % –2,3 % II. Quartal –0,1 % +0,3 % III. Quartal –0,1 % –2,7 % Rezession keine Rezession Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 156 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik156 Der Quotient von realem BIP und Produktionspotenzial entspricht dem Auslastungsgrad einer Volkswirtschaft. Die Abweichung des realen BIP vom Produktionspotenzial wird als Produktionslücke bezeichnet. Produktionspotenzial und Produktionslücke sind wichtige Orientierungsgrößen der Wirtschaftspolitik. Ist z. B. die Produktionslücke negativ, werden die Inflationsgefahren als gering eingeschätzt. Die Geldpolitik hat dann Spielraum für Zinssenkungen. Die Finanzpolitik soll sich in der Gestaltung von Einnahmen und Ausgaben ebenfalls am Wachstum des Produktionspotenzials orientieren. Eine Auslastung des Produktionspotenzials von 100 % ist aufgrund nicht kalkulierbarer Produktionsausfälle (z. B. technische Defekte, Streiks) nicht realistisch. Eine solche Zielmarke ist auch nicht sinnvoll, da eine solche Auslastung stets Gefahren für die Preisniveaustabilität mit sich bringt. Der SVR geht deshalb von einer Normalauslastung aus, die bei 96,5 % des maximalen Produktionspotenzials liegt (Abb. 5.6). Zur Unterscheidung der Konjunkturphasen werden zwei Kriterien herangezogen (Abb. 5.7): •• Erstens, die Abweichung der Zuwachsrate des BIP von der Wachstumsrate des Produktionspotenzials (PP): Nimmt das BIP während mindestens zwei Quartalen langsamer zu als das Produktionspotenzial, befindet sich die Volkswirtschaft in einer abwärts gerichteten Entwicklung. Damit wird auf die aktuelle Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Auslastungsgrades abgestellt. •• Zweitens, das Verhältnis zwischen Auslastungsgrad und Normalauslastung: Ist z. B. die konjunkturelle Entwicklung abwärts gerichtet und liegt der Auslastungsgrad noch über der Normalauslastung, so kann von einem Abschwung gesprochen werden. Zur Diagnose einer Rezession müsste das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial ebenfalls unterausgelastet sein. Output (BIP) PP Zeit Produktionslücke: [(BIPreal / PP) – 1] × 100 Auslastungsgrad: BIPreal / PP BIPreal Beziehung zwischen BIP und Produktionspotenzial Negative Produktionslücke Positive Produktionslücke 2009 2012 Jahr Produktionspotenzial (PP) bei Normalauslastung (96,5%) BIP, real Auslastung Lücke Interpretation 2009 2.500 2.450 98,0% - 2,0% Unterauslastung 2012 2.550 2.600 102,0% + 2,0% Überauslastung Abb. 5.6: Produktionslücke Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 157 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 157 Typische Zusammenhänge im Konjunkturzyklus Die idealtypische Darstellung bildet eine Sinuskurve ab, die einen mehrere Jahre währenden, wiederkehrenden, Zyklus symbolisieren soll. Einem Aufschwung der Wirtschaft folgt ein kurzfristiger Boom, an den sich ein Abschwung anschließt, der nach Durchschreiten eines Tals (der Tiefpunkt der Kurve) in einen neuen Aufschwung mündet. Der Verlauf der deutschen Konjunktur zwischen Mitte der fünfziger und Mitte der sechziger Jahre ähnelt einer solchen Sinuskurve (Abb. 5.8). Solche typischen Verläufe sind gegenwärtig jedoch kaum noch anzutreffen. Auslastungsgrad: BIPreal PP Erholung Aufschwung Oberer Wendepunkt Abschwung Unterer Wendepunkt Rezession Normalauslastung Zeit Erholung Phase Veränderung (1. Kriterium) Lage (2. Kriterium) Abschwung ∆BIP < ∆PP mind. zwei Quartale Auslastungsgrad > Normalauslastung Rezession Auslastungsgrad < Normalauslastung Normalisierung ∆BIP > ∆PP mind. zwei Quartale Auslastungsgrad < Normalauslastung Aufschwung Auslastungsgrad > Normalauslastung Abgrenzung der Konjunkturphasen Abb. 5.7: BIP, Produktionspotenzial und Auslastungsgrad im Konjunkturzyklus Größe Rezession Aufschwung Boom Abschwung Kapazitätsauslastung / Produktion niedrig steigt hoch sinkt Gewinne sinken steigen stark hoch sinken Investitionen sinken steigen stark steigen sinken stark Nachfrage sinkt steigt stark hoch sinkt Preisniveau/ Zinsen niedrig steigt steigt stark sinkt Beschäftigung sinkt steigt steigt stark sinkt stark Lohnabschlüsse niedrig steigen steigen stark sinken stark Sparen hoch sinkt stark sinkt steigt Idealtypischer Verlauf von Indikatoren im Konjunkturzyklus Abb. 5.8: Typische Zusammenhänge im Konjunkturzyklus Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 158 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik158 Schlagwörter •• Hochkonjunktur •• Preiskonjunktur •• Mengenkonjunktur •• Auf- und Abschwung •• Rezession •• oberer, unterer Wendepunkt •• Produktionspotenzial •• Normalauslastung 5.3 Konjunkturerklärungen Die Suche nach dem auslösenden Impuls für konjunkturelle Schwankungen ist Gegenstand der Konjunkturtheorie. Hier gibt es eine Vielzahl konkurrierender Erklärungsansätze. Konjunkturelle Schwankungen sind nur möglich, wenn zumindest ein Aggregat des BIP erheblichen Schwankungen unterworfen ist. Wählen wir die vier Komponenten des BIP, privater Konsum, private Investitionen, Staatskonsum, Außenbeitrag (Exporte minus Importe), als Ordnungsrahmen, lassen sich die möglichen Gründe für konjunkturelle Schwankungen systematisieren (Tab. 5.2). Tab. 5.2: Konjunkturerklärungen Größe Erklärungsansatz Privater Konsum (C) • Lohnzuwächse bleiben hinter den Produktivitätsgewinnen zurück. Damit steigen zwar Gewinne, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bricht jedoch ein (Unterkonsumtionshypothese). • Stimmungen (Stichwort: 11. September 2001) der Konsumenten verändern sich plötzlich und sorgen für eine erhebliche Änderung des gesamtwirtschaftlichen Konsums. Investitionen (I) • Investitionen schwanken wegen neuer Innovationen, die für einige Zeit neue Gewinne erwarten lassen (Nicht-monetäre Überinvestitionstheorie, Schumpeter). • Investitionen schwanken wegen eines Absenken des Zinssatzes und damit deutlich günstiger gewordener Gewinnerwartungen. Diese Zinsänderung ist Ergebnis monetärer Rahmensetzungen durch die jeweilige Zentralbank. • Investitionen gehen wegen Lohnsteigerungen, die oberhalb des Produktivitätszuwachses liegen, zurück. • Stimmungen der Investoren lösen Schwankungen aus. Staatskonsum (G) • Ein abrupter Anstieg oder eine abrupte Kürzung der Staatsnachfrage führt zu einer Schwankung der volkswirtschaftlichen Aktivität. Konjunktur ist also eng mit der Rolle des Staates verknüpft. • Politiker maximieren ihre Interessen durch Erhöhung der Staatsausgaben vor der Wahl und Rückführung der Ausgaben nach der Wahl. Konjunktur ist also mit dem Wählerstimmen maximierenden Verhalten der Politik verknüpft. • Staatsausgaben wirken häufig zeitverzögert und damit nicht antizyklisch, sondern prozyklisch. Damit wirken als stabilisierend gedachte Maßnahmen konjunkturverschärfend. Exporte, Importe (Ex, Im) • Durch wichtige Ereignisse im Ausland kommt es zu einer erheblichen Verteuerung der Importe und Belastungen der Binnenwirtschaft, z. B. Ölpreissteigerungen, Naturkatastrophen und Verteuerung wichtiger Rohstoffe. • Die Konjunktur wichtiger Handelspartner verläuft schleppend und führt zu einem deutlichen Rückgang der Exporte. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 159 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 159 Die Ansätze lassen sich nach verschiedenen Kriterien gruppieren. Häufig benutzt wird z. B. die Unterscheidung danach, ob das Entstehen der Konjunktur durch Phänomene außerhalb der ökonomischen Sphäre und des Kreislaufs (exogene Ansätze) oder endogen erklärt werden kann (Abb. 5.9). In der Regel haben konjunkturelle Schwankungen mehrere Erklärungen. Auch in den Medien werden verschiedene Ursachen zu einem komplexen Bild der Konjunktur vermengt. Beispielsweise könnte eine einjährige Berichterstattung zu den Ursachen eines Aufschwungs in Deutschland wie folgt aussehen: 1. Der Welthandel zieht an, die Exporte – vor allem von Investitionsgütern – steigen (realwirtschaftliche Komponente). 2. Das Geschäftsklima (Erwartungen) und die Gewinnerwartungen der Unternehmen verbessern sich (psychologische Komponente). 3. Die Investitionen steigen aufgrund von Kapazitätsengpässen (investitionstheoretische Komponente). 4. Nach Umsetzung der Investitionen steigt die Zahl der Beschäftigten, die Zahl der Kurzarbeiter geht zurück (Arbeitsmarktkomponente). 5. Höhere Steuereinnahmen führen zu höheren Staatsausgaben (fiskalische Komponente). 6. Die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte steigen durch höhere Beschäftigung und Lohnzuwächse. Der private Konsum nimmt zu, die Binnennachfrage erhält zusätzlichen Auftrieb (keynesianische Komponente). 7. Erzeuger- und Verbraucherpreise ziehen ebenso an wie die Zinsen (monetaristische Komponente). Ohne genauere Untersuchungen ist in diesem Fall nicht zu erkennen, welche Faktoren in welchem Ausmaß für konjunkturelle Schwankungen verantwortlich sind. BIP - Priv. Konsum - Investitionen, - Staatskonsum - Ex-, Importe Krisen (Rohstoffknappheiten, Naturkatastrophen) Innovationen, Technischer Fortschritt Falsche Dosierung der Wirtschaftspolitik Monetäre Größen (Zinsen, Löhne, Gewinne) Reale Größen (Konsum, Investitionen) Psychologische Aspekte (Erwartungen, Stimmungen) Exogene Ansätze Endogene Ansätze Gründe für Konjunkturschwankungen Abb. 5.9: Konjunkturerklärungen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 160 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik160 Idealtypische Auf- und Abschwünge sind zudem eher die Ausnahme als die Regel. In der Wirklichkeit erscheint alles möglich (Abb. 5.10): •• Sinkt im Abschwung die Inflationsrate nicht, liegt eine Stagflation vor. Beobachtbar sind auch Phasen wirtschaftlichen Wachstums ohne eine ausgeprägte Inflation. •• Die Unterauslastung führt üblicherweise zu einer Erhöhung der (konjunkturellen) Arbeitslosigkeit, eine steigende Auslastung zu einem Rückgang der (konjunkturellen) Arbeitslosigkeit. Die NAIRU (natürliche Arbeitslosigkeit) ist demgegenüber „konjunkturresistent“, d. h. auch in Zeiten einer Normalauslastung anzutreffen. Zudem gibt es Phasen eines beschäftigungslosen Wachstums (Jobless-Growth). •• Als Double-Dip bezeichnen Ökonomen ein doppeltes Ein- bzw. Abtauchen der Wirtschaft. Eine rezessive Wirtschaft wächst und die Mehrzahl der Marktteilnehmer erwartet, dass die Konjunkturwende geschafft sei. Kurze Zeit später fällt die Wirtschaft wieder in die Rezession zurück. Anzeichen für ein Double-Dip ist z. B., dass Unternehmen Investitionen zurückhalten, obwohl das Zinsniveau niedrig ist und die Unternehmensaussichten gut sind, oder dass Unternehmen zögern, ihre Lager aufzufüllen, obwohl sich der Auftragseingang beschleunigt und verbessert hat. Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Grundmuster von Konjunkturverläufen seit Beginn der 80er Jahre komplizierter sind, als es ein Idealtypus erkennen lässt. Vor allem strukturelle Faktoren haben an Einfluss gewonnen, z. B. Veränderungen der Wirtschaftsstruktur (z. B. zunehmendes Gewicht von Dienstleistungen gegenüber dem Verarbeitenden Gewerbe), Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung oder Veränderungen in der Struktur der internationalen Arbeitsteilung (z. B. größere Konkurrenz durch das Aufkommen von Schwellenländern auf internationalen Märkten). Derartige Veränderungen erfordern es, die Zusammenhänge zwischen Konjunktur, längerfristigem Wachstum und Strukturwandel einer Volkswirtschaft zu analysieren. 100 96,5 90,0 Normalkapazität Überauslastung BIPreal Stabile Inflation Stagflation 5 2 0 10 5 3 Inflationsrate „Death of inflation“ NAIRU „Jobless-Growth“ Arbeitslosenquote Angaben in % 2 0 - 2 „Double-dip“ Ausgeglichene Leistungsbilanz Leistungsbilanzsaldo in % des BIP Wachstum Stabile Preise Hoher Beschäftigungsstand Außenwirtschaftliches Gleichgewicht (A-)Typische Situationen im Konjunkturzyklus Abb. 5.10: Verläufe gesamtwirtschaftlicher Zielgrößen im Konjunkturzyklus Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 161 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 161 Schlagwörter •• Konjunkturtheorie •• Stagflation •• NAIRU •• Jobless-Growth •• Double-Dip 5.4 Konjunkturdiagnose In der Bundesrepublik Deutschland gibt es eine ausgeprägte Konjunkturberichterstattung, die sich mit der Diagnose aber auch der Prognose der konjunkturellen Entwicklung beschäftigt. Beteiligt sind u. a. die Wirtschaftsforschungsinstitute, die Deutsche Bundesbank und Institute der Kreditwirtschaft, die Spitzenverbände der Deutschen Wirtschaft sowie die Gewerkschaften und Wirtschaftszeitungen. Wichtige Hinweise zur Beurteilung der aktuellen und erwarteten gesamtwirtschaftlichen Entwicklung finden sich in dem Gutachten des Sachverständigenrates (SVR) zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (im November eines Jahres), dem Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung (im Februar eines Jahres) sowie den Frühjahrs- und Herbstgutachten der durch die Bundesregierung im Ausschreibungsverfahren (auf drei Jahre) eingesetzte „Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose“ (Abb. 5.11). Hinzu kommen zahlreiche internationale Analysen der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland durch die EU-Kommission, die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) sowie den Internationalen Währungsfonds (IWF). Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung (www.bmwi.de) Frühjahrsgutachten Herbstgutachten Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose (Stand: 2011) • Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München (www.cesifo-group.de) in Kooperation mit: KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich • Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (www.rwi-essen.de) in Kooperation mit: Institut für Höhere Studien Wien • Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (www.ifw-kiel.de) bei der Mittelfristprognose in Kooperation mit: ZEW Mannheim • Institut für Wirtschaftsforschung Halle (www.iwh.halle.de) in Kooperation mit: Kiel Economics Jahresgutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de) Januar April Oktober November Jahreszyklus von Wirtschaftsgutachten Abb. 5.11: Wirtschafts- und Konjunkturberichte in Deutschland im Jahresverlauf Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 162 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik162 Konjunkturindikatoren Die Konjunkturdiagnose beruht auf quantitativen und qualitativen Indikatoren, die Hinweise auf die Lage der Gesamtwirtschaft, einzelne Märkte (z. B. Arbeits-, Geldmärkte) und Wirtschaftszweige (z. B. verarbeitendes Gewerbe, Dienstleistungsbranchen) geben. Im Rahmen der Konjunkturanalyse sind die zeitlichen Zusammenhänge zwischen ökonomischen Größen von besonderer Bedeutung. Zu unterscheiden sind antizyklische und prozyklische Entwicklungen. Von Interesse für die Konjunkturanalyse ist auch die Frage, ob die einzelnen Indikatoren einander vor- oder nachlaufen bzw. nahezu gleichzeitig reagieren (Abb. 5.12). Qualitative Indikatoren sind grundsätzlich als Frühindikatoren zu betrachten, da sie Erwartungen und Pläne der Wirtschaftssubjekte widerspiegeln, die zeitlich vor der aktuellen konjunkturellen Entwicklung liegen. Gleichlaufende und nachlaufende Konjunkturindikatoren werden als Präsens- bzw. Spätindikatoren bezeichnet. Als Frühindikatoren gelten – neben den qualitativen Indikatoren – z. B. die Entwicklung der Aktienkurse, die Anzahl der erteilten Baugenehmigungen, die Entwicklung der Geldmenge und die Auftragseingänge der Unternehmen. Als Präsensindikatoren werden in der Regel die Kapazitätsauslastung, die Industrieproduktion, der Einzelhandelsumsatz, das Bruttoinlandsprodukt, der Private Konsum und die Staatsausgaben betrachtet. Spätindikatoren sind die Preis- und Lohnentwicklung sowie die Zahl der Arbeitslosen. Ifo-Geschäftsklima-Index Der ifo Geschäftsklima-Index ist ein vielbeachteter Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung Deutschlands (Abb. 5.13). Für die Ermittlung des Index befragt das ifo Institut für Wirtschaftsforschung jeden Monat über 7.000 Unternehmen in Deutschland nach ihrer Einschätzung der Geschäftslage (Antwortmöglichkeiten: gut/befriedigend/ schlecht) sowie nach ihren Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate (Antwortmöglichkeiten: günstiger/gleich bleibend/ungünstiger). –6 –3 Aktueller Rand 63 Monate Präsensindikatoren Einzelhandelsumsätze • Produktion • Konsum • Kapazitätsauslastung Geschäftsklima Konsumklima • Auftragseingänge • Baugenehmigungen • Bestellungen • Aktienkurse • Gewinnerwartungen Einkommenserwartungen Frühindikatoren Löhne Preise Arbeitslose Spätindikatoren Die Konjunkturanalyse erfordert Detailkenntnisse über zeitliche Zusammenhänge von ökonomischen Kennziffern. Zeitliche Zusammenhänge in der Konjunkturanalyse Abb. 5.12: Vor- und nachlaufende Variablen in der Konjunkturanalyse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 163 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 163 Betrachten wir ein Beispiel: Von 100 befragten Unternehmen schätzen 40 % ihre Lage als befriedigend ein, 35 % als gut und 25 % als schlecht. Die Befragten, die ihre Lage als befriedigend ansehen, sind gewissermaßen „neutral“ und beeinflussen das Ergebnis der Lageeinschätzung nicht. Die verbleibenden Prozentwerte werden nun saldiert (35 % – 25 %). Der sich ergebende Wert von 10 Prozentpunkten ist die Lageeinschätzung, d. h. die erste Teilkomponente des Geschäftsklimas in Saldendarstellung. Analog vollzieht sich die Berechnung der Erwartungen für die nächsten sechs Monate. Aus der Lage und den Erwartungen wird als Mittelwert der ifo Geschäftsklima-Saldo für den betreffenden Berichtsmonat gebildet:   ( 200) ( 200) 200GK GL GE= + × + − mit: GK – Geschäftsklima GL – Saldo der Geschäftslage GE – Saldo der Geschäftserwartungen Der ifo Geschäftsklima-Saldo kann zwischen den Extremwerten –100 (d. h. alle Befragten schätzen die Lage schlecht ein bzw. erwarten eine Verschlechterung der Entwicklung) und +100 (d. h. alle Befragten schätzen die Lage gut ein bzw. erwarten eine Verbesserung der Entwicklung) schwanken. Um negative Werte unter der Wurzel auszuschließen, wird zu den beiden Saldenwerten zunächst 200 addiert und im Anschluss an die Wurzelberechnung wieder abgezogen. Wenn in den Nachrichten oder Medien vom „ifo-Index“ oder „Geschäftsklima-Index“ gesprochen wird, ist der Gesamtindex gemeint. Je höher die Zahl, desto besser ist die Stimmung in der Wirtschaft. Zeitgleich mit dem Index des aktuellen Monats werden immer auch die Vormonate genannt, so dass sich eine Stimmungskurve zeichnen lässt. In unserem Beispiel wird dazu z. B. der Lagewert von 10 mit dem Wert eines Basisjahres 1. Lage Gut: 35 Befriedigend: 40 Schlecht: 25 (35 – 25) = 10 2. Erwartung Günstiger: 45 Gleich bleibend: 35 Ungünstiger: 20 (45 – 20) = 25 3. Klima: (10 + 200) × (25 + 200) – 200 = 17,37 Ermittlung des Geschäftsklimas Abb. 5.13: Konstruktion des ifo-Geschäftsklimaindex Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 164 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik164 verglichen. Nehmen wir an, dieser Wert lag auch im Basisjahr bei 10. In diesem Fall erreicht der Lageindex 100 (Prozent). Liegt der Wert hingegen aktuell bei 9, dann kommt der aktuelle Lageindex auf 90 (Prozent). In diesem Fall wäre die Lageeinschätzung schlechter als im Basisjahr. Zur Berechnung der Indexwerte des Geschäftsklimas und der beiden Komponenten Geschäftslage und Erwartungen werden die Salden jeweils um 200 erhöht und auf den Durchschnitt eines Basisjahres normiert. Der Indexwert ergibt sich als: Saldo des aktuellen Monats + 200   100 Durchschnittssaldo des Basisjahres + 200 × Die über Jahre hinweg gewonnenen Salden bilden eine Zeitreihe, die saisonbereinigt wird. Der Geschäftsklima-Saldo wird getrennt berechnet für das verarbeitende Gewerbe, das Bauhauptgewerbe, den Großhandel und den Einzelhandel. Beim aggregierten Ausweis werden die Branchen entsprechend ihrer Anteile gewichtet. Zur Beurteilung der konjunkturellen Situation eignet sich die gemeinsame Betrachtung von aktueller Lagebeurteilung und Erwartungen für die nächsten 6 Monate (Abb. 5.15). Nach einer Faustformel signalisiert der ifo Geschäftsklima-Index einen bevorstehenden konjunkturellen Aufschwung dann, wenn er mindestens in drei aufeinanderfolgenden Monaten gestiegen ist (sogenannte 3-Mal-Regel). Stimmungsbarometer der Volkswirtschaft Abb. 5.14: ifo Geschäftsklima-Index (2000–2006) Quelle: ifo Institut für Wirtschaftsforschung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 165 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 165 Konjunkturdiagnose So wie man den Zustand eines Patienten anhand bestimmter Symptome beurteilen kann, so wird der Zustand der Volkswirtschaft anhand bestimmter Konjunkturindikatoren festgemacht. Die statistische Erfassung der gesamtwirtschaftlichen Lage und die daraus abgeleitete Analyse der gesamtwirtschaftlichen Tendenzen werden als Konjunkturdiagnose bezeichnet. Die dafür geeigneten statistischen Methoden sind in den letzten Jahren beträchtlich verfeinert worden. Dennoch ist die Diagnose der aktuellen wirtschaftlichen Lage nach wie vor mit einigen grundsätzlichen Problemen behaftet. Die Konjunkturanalyse erfordert vor allem Detailkenntnisse über die zeitlichen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Kennziffern. Bereits die Fragen, in welcher konjunkturellen Phase sich eine Volkswirtschaft befindet und an welchen Stellen Wendepunkte der Konjunktur vorhanden sind, sind nicht immer zweifelsfrei zu klären. Dies liegt u. a. auch daran, dass die Daten erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zur Verfügung stehen und konjunkturelle von strukturellen Entwicklungen überlagert werden. Auch lassen sich die gleichen Daten durchaus unterschiedlich interpretieren. Angesichts des Strukturwandels in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft ergibt sich häufig das Bild einer gespaltenen Konjunkturentwicklung. Auch zwischen eher binnenorientierten und außenhandelsorientierten Branchen kann sich eine gespaltene Entwicklung ergeben. Diese Situation erschwert die Abbildung der Gesamtwirtschaft durch aggregierte Kennziffern und die darauf aufbauende Konjunkturprognose. Schlagwörter •• Jahresgutachten des Sachverständigenrates •• Jahreswirtschaftsbericht •• Frühjahrs-, Herbstgutachten •• Konjunkturindikatoren •• prozyklische, antizyklische, nachlaufende, vorauslaufende Entwicklungen •• Früh-, Präsens-, Spätindikatoren •• ifo-Geschäftsklimaindex Abb. 5.15: Konjunktur-Uhr für Deutschland (1999–2005) Quelle: ifo Institut für Wirtschaftsforschung Konjunkturphase Erwartungen Lageeinschätzung Rezession negativ negativ Aufschwung positiv negativ Boom positiv positiv Abschwung negativ positiv Erwartungen und Lageeinschätzung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 166 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik166 5.5 Konjunkturprognose Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit und Richtigkeit makroökonomischer Vorhersagen hat vor dem Hintergrund der Finanzkrise und des Schnürens von Milliardenpakten zur Rettung von insolventen Banken eine hohe Relevanz erhalten. Es stellt sich also die Frage nach der Leistungsfähigkeit von makroökonomischen Prognosen. Diese bilden zum Zeitpunkt ihrer Erstellung das wahrscheinlichste Szenario ab. Beispielhaft sei verwiesen auf die Frühjahrs- und Herbstgutachten, in denen die „Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose“ jährlich ihre Konjunkturprognosen erstellt. Anhand von empirisch überprüften Zusammenhängen versuchen die Wirtschaftsforschungsinstitute den Auf- oder Abschwung vorherzusagen. Eine Rolle spielen dabei zum Beispiel die Auswirkung der Steuern auf die Konsumnachfrage oder der Einfluss der Zinsen auf die Investitionen. Für die Konjunkturforscher stellt sich die Frage, wie die gesamtwirtschaftlichen Größen voneinander abhängen, welche Konjunkturindikatoren zu wählen sind und wie ihr Verlauf zu interpretieren ist. Derartige Prognosen sind vor allem für die Wirtschaftspolitik wichtig, u. a. um Schlussfolgerungen für die Geld-, Finanz- und Tarifpolitik ableiten zu können. So basiert beispielsweise die Vorgabe der Geldmengenentwicklung der Europäischen Zentralbank auf erwarteten Wachstumsraten des realen BIP und des Preisniveaus. Auch die mittelfristige Finanzplanung des Bundes basiert auf diesen gesamtwirtschaftlichen Eckdaten. Erwartungen über die Entwicklung der Inflationsrate, der Produktivitätsentwicklung und der Beschäftigungssituation beeinflussen die Höhe der Tarifabschlüsse. Änderungen in der Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung haben unmittelbare Rückwirkungen auf die genannten Politikbereiche. Bei der Festlegung der Prognosen spielen deshalb taktische Überlegungen eine Rolle. Zu niedrige Prognosen wirken auf Wirtschaft und Verbraucher zu pessimistisch und können bremsend wirken, zu hohe Einschätzungen führen zu hohen Erwartungen, die dann gegebenenfalls enttäuscht werden. Konjunkturprognosen sind immer auf bestimmten Annahmen basierende bedingte Vorhersagen über den erwarteten Verlauf gesamtwirtschaftlicher Aktivitäten (Abb. 5.16). Sie gehen davon aus, dass es bestimmte Regelmäßigkeiten im Ablauf wirtschaftlicher Prozesse gibt, die sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in die Zukunft extrapolieren lassen. Prognosen sind zwangsläufig mit Fehlern behaftet, die umso größer ausfallen, je länger der Prognosezeitraum und je vielfältiger die prognostizierten Wirtschaftsabläufe sind. Mögliche Fehlerursachen sind: •• Unzutreffende Annahmen: Prognosen über die Konjunkturentwicklung beruhen auf Annahmen, beispielsweise über den Ölpreis und den Wechselkurs. Wenn die Annahmen nicht eintreffen, muss die Prognose revidiert werden. •• Externe Schocks: Unerwartete Ereignisse (wie z. B. die Terroranschläge vom 11. September). •• Trügerische Daten: Zum Prognosezeitpunkt liegen den Ökonomen über die Entwicklung am aktuellen Rand nur wenige Daten vor. Die endgültigen Daten können ein gänzlich anderes Konjunkturbild zeichnen als zuvor angenommen. •• Wirtschaftspolitik: Entscheidungen der Regierung und der Tarifpartner sind in ihren Wirkungen z. B. auf die Beschäftigungssituation nicht präzise vorhersehbar. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 167 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 167 Konjunkturmodelle Konjunkturprognosen werden heute in der Regel unter Zuhilfenahme von Konjunkturmodellen erstellt. Diese bestehen aus Gleichungssystemen und erklären makro- ökonomische Größen in einem konsistenten Gesamtzusammenhang (Abb. 5.17). Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung liefert den definitorischen Rahmen, um die Konsistenz der Aussagen herzustellen. Prognose BIP- Komponente erfordert Annahmen z.B. über Einflussgrößen Wachstums- Prognose BIP (real) Privater Konsum Einkommensentwicklung Preisniveau, Steuern, Abgaben, Lohnentwicklung Private Investitionen Zinsentwicklung Geldpolitik, Wechselkurse Staatsausgaben Finanzpolitik Steuereinnahmen (BIP) Exporte Weltkonjunktur, Wechselkurse Wirtschaftswachstum in Ländern, Rohstoffpreise, Weltmarktpreise Annahmen einer Konjunkturprognose Abb. 5.16: Rahmendaten einer Konjunkturprognose Außenwirtschaft Weltmarktpreise, Wechselkurse, Welthandel Geldpolitik Zins Preisniveau Verfügbares Einkommen Bruttolöhne Lohnstück-kosten Gewinne InvestitionenKonsum Staatsnachfrage Exporte - Importe BIP Auslastungs-grad BIP Erwerbstätige Arbeitslose Staatsausgaben Staatseinnahmen Finanzierungssaldo SV-Beiträge Steuern Produktivität Schuldenstand Tarifpolitik Finanz-, Sozialpolitik Fiskalpolitik Komplexe Wirkungszusammenhänge eines Konjunkturmodells Abb. 5.17: Aufbau von Konjunkturmodellen (Photo: Lawrence Robert Klein, © Nobel Foundation) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 168 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik168 Zu den Anfängen des Aufbaus ökonometrischer Modelle gehörten die Arbeiten der späteren Nobelpreisträger Jan Tinbergen (1969 „für Entwicklung und Anwendung dynamischer Modelle zur Analyse von Wirtschaftsprozessen“) und Lawrence Robert Klein (1980 „für die Konstruktion ökonomischer Konjunkturmodelle und deren Verwendung bei Analysen der Wirtschaftspolitik“). Derartige Modelle können auch ein hilfreiches Lehrinstrument für die Simulation wirtschaftspolitischer Fragestellungen sein. Ein Beispiel dafür ist das am Zentrum für Angewandte Wirtschaftsforschung e.V., Bonn, entwickelte volkswirtschaftliche Simulationsmodell. Die Prognoseleistung von Modellen sollte nicht überschätzt werden. Im Informationszeitalter werden nahezu täglich neue Daten über das Konsumverhalten der Bürger, über Einzelhandelsumsätze oder die Investitionsvorhaben der Unternehmen erhoben und analysiert. In Datenbanken sind unzählige Tabellen über alle wichtigen Handelspartner Deutschlands abrufbar. Mit einem Mausklick ermitteln Computerprogramme Zukunftswerte für die Wirtschaftsleistung, die Zahl der Arbeitslosen oder das Steueraufkommen. Die Modelle sind jedoch anfällig, wenn sich die Rahmendaten, auf denen die Prognose beruht, allzu rasch ändern oder die Wirtschaftspolitik anders reagiert als in den Annahmen unterstellt worden ist. Schlagwörter •• Konjunkturprognose •• Konjunkturmodell •• ökonometrische Modelle 5.6 Fallbeispiele zu Kapitel 5 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 5.1: Wirtschaftliche Schwankungen und Zyklen (0) 1) Vervollständigen Sie nachfolgende Tabelle. Schwankungsform Dauer Begriffsinhalt saisonale Schwankung Konjunkturzyklus Wachstumstrend Wachstumszyklus 2) Berechnen Sie folgende Veränderungen (jeweils in %): Periode Index- Wert Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal Veränderung gegenüber dem Vorquartal Veränderung gegenüber dem Vorquartal (auf Jahresrate hochgerechnet) I /2007 102,9 II /2007 103,3 III/2007 103,9 IV/2007 103,9 I/2008 105,0 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 169 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 169 Fallbeispiel 5.2: Produktionspotenzial (0) Die Normalauslastung einer Volkswirtschaft von 96,5 % des Produktionspotenzials liegt bei 2.500 Mrd. €. Das tatsächlich realisierte BIP liegt bei 2.555 Mrd. €. 1) Berechnen Sie Auslastungsgrad und Produktionslücke. 2) Warum liegt die Normalauslastung nicht bei 100 % der maximalen Auslastung? 3) Interpretieren Sie die Begriffe positive bzw. negative Produktionslücke hinsichtlich der Kapazitätsauslastung einer Volkswirtschaft. Fallbeispiel 5.3: Konjunkturphasen (0) 1) Was verstehen Sie unter Konjunktur? 2) Welche Phasen weist ein idealtypischer Konjunkturzyklus auf? 3) In welcher Konjunkturphase befindet sich eine Volkswirtschaft, wenn folgende Werte vorliegen (Angaben in %; Normalauslastung = 96,5 %)? ∆BIP ∆PP Auslastungsgrad in % I. Quartal 0,3 0,5 96,5 II. Quartal 0,2 0,4 96,3 III. Quartal 0,1 0,2 96,0 IV. Quartal 0,4 0,5 96,5 Fallbeispiel 5.4: Merkmale des Konjunkturzyklus (+) 1) Vervollständigen Sie nachfolgende Tabelle mit geeigneten Begriffen. Phase Produktion (BIPreal) Arbeitslosigkeit Inflationsrate Gewinne/Investitionen Zukunftserwartungen 1 2 3 4 5 1 = Aufschwung 4 = Abschwung 2 = Hochkonjunktur 5 = unterer Wendenpunkt 3 = oberer Wendepunkt 2) Erläutern Sie folgende Begriffe: Stagflation, Jobless-Growth, Double-dip. Fallbeispiel 5.5: Konjunkturindikatoren (0) 1) Was verstehen Sie unter Konjunkturindikatoren? 2) Pressenotiz: In Moldawien häufen sich zurzeit die guten Wirtschaftsnachrichten. Der Börsenindex kletterte auf Rekordniveau und die Auftragseingänge steigen. Bei genauem Hinsehen zeigen sich jedoch auch Schatten. So verliert das BIP-Wachstum leicht an Dynamik. Nach einer Zunahme der Industrieproduktion im ersten Quartal von 3 % erwarten Forschungsinstitute im zweiten Quartal einen Anstieg von 2 %. Motor der Konjunktur bleiben die Exporte. Aufgrund der bescheidenen Lohnzuwächse verläuft die Konsumnachfrage hingegen eher schleppend. Auch der Arbeitsmarkt wird von der konjunkturellen Belebung noch nicht hinreichend erreicht. Fachleute erwarten, dass die Arbeitslosenquote bei 8 % verharrt. Durch die Hochzinspolitik der Notenbank zeigen sich hingegen Erfolge im Kampf gegen die Inflation. Die Teuerungsrate liegt derzeit zwar bei 3 %, jedoch erwartet die Notenbank, dass das Inflationsziel in diesem Jahr erreicht wird. Nennen Sie die im Text genannten Früh-, Präsenz- und Spätindikatoren. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 170 Teil II Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik170 3) Verhalten sich folgende Größen im Konjunkturverlauf prozyklisch, antizyklisch oder nicht zyklisch? Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Investitionen, Konsum, Aktienkurse. Fallbeispiel 5.6: Konjunkturerwartungen (+) 1) Erläutern Sie kurz den Aufbau des ifo-Geschäftsklimaindex. 2) Berechnen Sie die Geschäftslage, wenn folgende Werte vorliegen: Lage Erwartung Gut 20 10 Befriedigend 30 70 Schlecht 50 20 3) In den Tagesthemen wurde darauf hingewiesen, dass sich der ifo-Geschäftsklimaindex nun bereits zweimal leicht nach oben bewegt hat. Was können Sie aus dieser Meldung entnehmen? 4) Welchen Konjunkturphasen entsprechen die Kombinationen aus schlechter bzw. guter Einschätzung der gegenwärtigen Lage und guten bzw. schlechten Erwartungen für die nächsten sechs Monate? Fallbeispiel 5.7: Konjunkturdiagnose (++) Für eine Volkswirtschaft (ohne Sozialversicherungshaushalte) liegen folgende Angaben vor: Teilbereich Dimension 2006 2007 Arbeitsmarkt – Erwerbstätige Mio. 28,0 27,9 – Registrierte Arbeitslose Mio. 3,25 3,25 Entstehungsrechnung – Nominales BIP Mrd. € 2.790 2.850 Verwendungsrechnung – Konsumausgaben Mrd. € 1.600 – Investitionen Mrd. € 500 Staatseinnahmen – Steuern Mrd. € 700 Staatsausgaben – Staatskonsum Mrd. € 800 Staatsschulden – laufende Defizite Mrd. € – Schuldenstand Mrd. € 1.500 Preisindex – Verbraucherpreisindex/BIP-Deflator (2.000 = 100) 108,4 110,8 1. Beurteilen und begründen Sie mit Hilfe geeigneter Indikatoren, ob im Jahr 2007 gegen- über dem Jahr 2006 folgende gesamtwirtschaftliche Ziele erreicht worden sind: a) Preisniveaustabilität b) Angemessenes Wirtschaftswachstum c) Hoher Beschäftigungsstand d) Außenwirtschaftliches Gleichgewicht Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 171 Kapitel 5: Konjunkturanalyse und -prognose 171 e) Staatsdefizit unter 3 % des nominalen BIP 2) Mit welchem Begriff lässt sich die konjunkturelle Situation des Landes beurteilen? Fallbeispiel 5.8: Konjunkturprognose (+) 1) Warum sind Konjunkturprognosen ein schwieriges Unterfangen? Nennen Sie mögliche Ursachen für Fehler. 2) Was könnte der Ausdruck „sich selbst erfüllende bzw. zerstörende Prognose“ bedeuten? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 173 Kapitel 6 Kapitel 6: Gütermarkt: Die Binnenwirtschaft I G C Inhaltsübersicht 6.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 6.2 Konsumausgaben privater Haushalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 6.2.1 Absolute und relative Einkommenshypothese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 6.2.2 Erwartungen, Vermögen und Sparen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 6.3 Investitionen privater Unternehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 6.3.1 Zins und Erwartungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 6.3.2 Tobin-q und Aktienmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 6.4 Einbeziehung des Staates und Multiplikatorprozesse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 6.4.1 Autonome Staatsausgaben und Staatseinnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 6.4.2 Einkommensabhängige Steuern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 6.5 Fallbeispiele zu Kapitel 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202

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Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.