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Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 485 - 506

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_485

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 471 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 473 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum Kapitel 15 Inhaltsübersicht 15.1 Wirtschaftswachstum als wirtschaftspolitisches Ziel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 474 15.2 Messung und Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums . . . . . . . . . . . . . . . 477 15.3 Wachstum und Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481 15.4 Wachstumskritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484 15.5 Fallbeispiele zu Kapitel 15 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 474 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung474 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum ist ein eigenständiges ökonomisches Ziel. Es wird jedoch auch als Zwischenziel zur Erreichung anderer Ziele betrachtet. Dazu zählen vor allem die Erhöhung des materiellen Lebensstandards, die Finanzierbarkeit sozialer Leistungen sowie ein hoher Beschäftigungsstand. •• Die Wachstumsgeschwindigkeit von Volkswirtschaften ist höchst unterschiedlich. Selbst kleine Unterschiede in den Wachstumsraten führen langfristig zu großen Abweichungen des realen BIP-pro-Kopf. •• Als zentrale Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum haben empirische Untersuchungen vor allem die Offenheit einer Volkswirtschaft, Investitionen in Bildung, einen stabilen Finanzsektor und politische Stabilität identifiziert. •• Untersuchungen zeigen, dass eine hohe Korrelation zwischen Gesundheit, Bildung und Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens besteht. Dieser Zusammenhang lässt sich durch den Index der menschlichen Entwicklung (HDI) beschreiben, der regelmäßig von den Vereinten Nationen veröffentlicht wird. •• Das BIP ist unter mehreren Gesichtspunkten kein angemessener Wohlfahrtsindikator. Beispielsweise werden negative Begleiterscheinungen des wirtschaftlichen Wachstums wie der Verbrauch natürlicher Ressourcen sowie steigende Umweltbelastungen nur unzureichend berücksichtigt. Zudem werden einige wohlfahrtsrelevante Vorgänge nicht erfasst, z. B. die unentgeltlich erbrachte Hausarbeit von Familienmitgliedern oder die Erziehungsarbeit von Eltern. •• In internationalen Vergleichen des BIP-pro-Kopf, die nur auf Basis einer einheitlichen Währung durchzuführen sind, müssen die Verteilungsrelationen sowie der Einfluss von Inflation und von Wechselkursen beachtet werden. 15.1 Wirtschaftswachstum als wirtschaftspolitisches Ziel Der russische Wissenschaftler Nikolai Kondratieff (1892–1938) behauptete, dass die wirtschaftliche Entwicklung Westeuropas und der USA nicht nur durch das Auftreten kurzer und mittlerer Konjunkturschwankungen gekennzeichnet sei, sondern dass in den kapitalistischen Ländern auch lange Phasen von Prosperität und Rezession periodisch auftreten. Der österreichische Wissenschaftler Joseph Alois Schumpeter (1883–1950) integrierte diese Wellenbewegung in seine bereits früher entwickelte Theorie der kapitalistischen Wirtschaftsweise mit ihrem Prinzip der kreativen Zerstörung und nannte sie zu Ehren seines russischen Kollegen Kondratieff-Zyklen. Sie sind auch als lange Wellen bekannt, die eine Dauer von 40 bis 60 Jahren aufweisen. Treibende Kraft sind Basisinnovationen, die nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen verändern. Ausgelöst wird der wirtschaftliche Aufschwung durch eine Übersättigung der Nachfrage und einen Rückgang der Gewinnmargen profitorientierter Unternehmen. Dieser unbefriedigende Zustand veranlasst Unternehmen zu Anstrengungen, den Output mit geringerem Faktoreinsatz zu erzeugen, die Qualität der Güter zu steigern und/oder die Kosten zu senken. Dabei werden die Bedürfnisse der Konsumenten und die vorangegangenen technisch-wissenschaftlichen Entwicklungen zu neuen Ideen zusammengefasst. Es lässt sich damit gut erklären, warum gleichartige Erfindungen oftmals zeitgleich erfolgen. Der eigentliche Wachstumsimpuls wird jedoch nicht durch Entdeckungen selbst ausgelöst, sondern durch die breite Diffusion neuer Güter, Verfahren oder Organisationsmethoden. Diese Diffusion geht mit der Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 475 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 475 Schaffung von Netzwerken einher, die einen erheblichen unternehmerischen Einsatz erfordert (vgl. Tab. 15.1). Jede dieser Wellen hat die Gesellschaft ihrer Zeit gründlich verändert. Es entstanden neue Arbeitsformen und Berufe, neue Lebensweisen und Konsummuster. Der erste und zweite Kondratieff-Zyklus machte Bauern zu Arbeitern, der dritte Zyklus bescherte uns das hellerleuchtete, bunte Nachtleben in den Städten und das unzerbrechliche Kaffeegeschirr in Form von Plastik. Im vierten Kondratieff entwickelte sich der Massenverkehr und im fünften Kondratieff zogen der Computer und das Mobiltelefon in den Alltag ein. Die Spitze eines Kondratieff-Zyklus ist nach rund 25 Jahren erreicht. Zu diesem Zeitpunkt wächst in Folge der verbesserten Produktionsverfahren das Angebot schneller als die Nachfrage. Es kommt aufgrund von Angebotsüberhängen zu einem Verfall der Preise und zur Erlahmung der Innovationsanreize. Das Überschreiten des Höhepunktes eines Kondratieff-Zyklus führt dazu, dass Investitionen in die durch Basisinnovationen geprägten Wirtschaftsbereiche keinen entscheidenden Produktivitätszuwachs mehr bewirken. Steht eine andere, hinreichend produktivitätsfördernde Basisinnovation nicht bereit, dann erlahmt die Wachstumsdynamik. Andernfalls wird der Baustein für eine erneute Aufschwungphase gelegt. Der 6. Kondratieff hat etwa im Jahr 2010 eingesetzt. Als Basisinnovationen dieses Zyklus gelten u. a. Gesundheits- und Umwelttechnologien. Kondratieff-Zyklen sind jedoch keine Naturgesetze. Im Gegensatz zu früheren Epochen wird zunehmend bezweifelt, ob eine Basisinnovation allein die treibende Kraft des Wirtschaftswachstums sein kann. Wirtschaftswachstum als Ziel Mit dem Wachstum einer Volkswirtschaft werden sowohl kurz- als auch längerfristige Entwicklungen betrachtet. In § 1 des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 1967 findet sich die Zielsetzung, ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum zu erreichen: Tab. 15.1: Merkmale der Kondratieff-Zyklen Quelle: in Anlehnung an Freeman, 1998, S. 139 Merkmale Zeitraum Basisinnovationen zentrale Bedürfnisse Netzwerke 1793–1847 Dampfmaschine, Eisenindustrie Arbeit erleichtern Handel bis 1893 Eisenbahn, Schifffahrt, Stahl Ressourcen verfügbar machen Transport bis 1939 Elektrizität, Chemie Lebensräume gestalten Energie bis 1984 PKW, Erdöl, Elektronik Mobilität fördern Verkehr, Kommunikation bis 2010 Informations- und Kommunikationstechniken, Wissen Wissen verfügbar machen Computer, Internet ab 2010 Gesundheits- und Umwelttechnologien Gesundheit, Schutz der Umwelt Mensch Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 476 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung476 •• Angemessen bezieht sich auf den Zuwachs an Wirtschaftsleistung, z. B. gemessen am realen BIP. •• Stetig bezieht sich auf eine Vermeidung von zu großen Schwankungen des BIP im Konjunkturverlauf. Das BIP-pro-Kopf hat sich in Deutschland seit 1900 etwa versechsfacht. Dieses auch in anderen Ländern beobachtbare rapide Anwachsen der ökonomischen Leistungsfähigkeit war Anlass, das wirtschaftliche Wachstum ab Mitte der 60er Jahre zu einem wichtigen Untersuchungsgegenstand der Makroökonomie und zu einer zentralen Zielsetzung der Wirtschaftspolitik zu machen. Wirtschaftliches Wachstum wird vielfach nicht als eigenständiges Ziel, sondern als Sekundärziel zur Erreichung anderer wirtschafts- oder gesellschaftspolitischer Ziele ausgelegt. Die Frage, ob eine Ökonomie auf Wachstum angewiesen ist, hat Nobelpreisträger Milton Friedman wie folgt beantwortet: „We don‘t have a desperate need to grow. We have a desperate desire to grow”. Für diese Auffassung lassen sich verschiedene Gründe anführen: •• Wachstum, verstanden als höhere und gegebenenfalls „bessere“ Güterversorgung der Bevölkerung, wird als entscheidende Basis für den materiellen Wohlstand einer Volkswirtschaft betrachtet. Auf diese Weise kann es gleichzeitig zur Erhaltung der politischen Stabilität eines Landes beitragen. •• Wirtschaftswachstum setzt positive Nettoinvestitionen voraus, die als Erweiterung des Sachkapitalbestandes eine entscheidende Voraussetzung für einen hohen Beschäftigungsstand sind. •• Eine wachsende Wirtschaft trägt zur Entschärfung von Verteilungskonflikten bei. Lohnerhöhungen sind in einer wachsenden Wirtschaft eher durchzusetzen als im Fall einer wirtschaftlichen Stagnation. Auch öffentliche Güter wie Ausbildung und Gesundheit sind in einer wachsenden Wirtschaft leichter zu finanzieren, da das Wirtschaftswachstum zu Steuermehreinnahmen führt. •• Ohne ausreichendes Wirtschaftswachstum kann der Sozial- und Wohlfahrtsstaat an die Grenzen seiner Finanzierbarkeit geraten. In Deutschland führt ein um 1 % höheres nominales Wirtschaftswachstum bei einer gesamtwirtschaftlichen Steuerquote von rund 25 % zu Steuermehreinnahmen von 6 bis 7 Mrd. €. •• Wirtschaftswachstum erleichtert den Strukturwandel und stimuliert den technischen Fortschritt. Arbeitskräfte, die in schrumpfenden Branchen nicht mehr benötigt werden, können in expandierenden Branchen einer wachsenden Wirtschaft leichter eine neue Beschäftigung finden. Voraussetzung ist, dass die angebotenen und nachgefragten Qualifikationen der Arbeitskräfte sich entsprechen oder durch Weiterbildungsmaßnahmen angeglichen werden. •• Technischer Fortschritt, als eine wichtige Quelle des Wachstums, kann dazu beitragen, dass Umweltschutzaufgaben durch verbesserte und neue Technologien besser zu erfüllen sind. Schlagwörter •• Wachstumszyklen •• Kondratieff-Zyklen •• Basisinnovationen •• angemessenes und stetiges Wachstum Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 477 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 477 15.2 Messung und Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums In der Regel messen wir das wirtschaftliche Wachstum anhand des realen BIP. In diesem Kontext sind die Begriffe Wachstumsrate, Wachstumsfaktor, absolutes und relatives Wachstum zu unterscheiden. Die absolute Veränderung des BIP gegenüber dem Vorjahr beschreibt das absolute Wachstum einer Volkswirtschaft (DBIP): (1) DBIP = BIPt – BIPt-1 Die Wachstumsrate (WBIP) ist das absolute Wachstum in Relation zur Ausgangsgröße: (2) − − − − = × = − × 1 1 1 BIP BIP 100 1 100 BIP t t t BIP t t BIP W BIP Der Wachstumsfaktor (fBIP) ist die Zahl, mit der die Ausgangsgröße multipliziert werden müsste um die den aktuellen BIP-Wert zu erhalten: (3) ( ) 1 BIP   1 /100 BIP t BIP BIP t f W − = = + Betrachten wir dazu ein Zahlenbeispiel (Tab. 15.2). Sie sehen, dass die Volkswirtschaft im ersten Jahr um rund 4,39 % wächst, im zweiten Jahr jedoch nur noch um rund 4,29 %. Das absolute BIP und das absolute Wachstum sind hingegen trotz sinkender Wachstumsrate gestiegen. Häufig würde dennoch vielleicht die Auffassung verbreitet, die wirtschaftliche Situation habe sich im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert. Der Wachstumstrend wird durch die jahresdurchschnittliche Wachstumsrate beschrieben. Betrachten wir dazu folgende fiktive Entwicklung des BIP-Wachstums für den Zeitraum 1996–2000 (Tab. 15.3): Die Wachstumsrate über n Perioden (hier: 5 Jahre) entspricht nicht dem arithmetischen Mittel der jährlichen Wachstumsraten, sondern wird mit Hilfe des geometrischen Mittels der jährlichen Wachstumsfaktoren berechnet: (4) W1996/2000 = [(1,008 × 1,014 × 1,021 × 1,016 × 1,031)1/5 – 1] × 100 = (1,093142051/5 – 1) × 100 = 1,8 % Tab. 15.2: Absolutes und relatives Wachstum Jahr BIP absolutes Wachstum relatives Wachstum (Mrd. €) (Mrd. €) Wachstumsfaktor Wachstumsrate (%) 1 2.050 – – – 2 2.140 90 1,0439 4,39 % 3 2.232 92 1,0429 4,29 % Beispiel: Wachstumsfaktor im Jahr 3: 2.232/2.140 = 1,0429 Beispiel: Wachstumsrate im Jahr 3: [(2.232 / 2.140) – 1)] × 100 = 4,29 % Tab. 15.3: Wachstumsrate und Wachstumsfaktor 1995 1996 1997 1998 1999 2000 BIP 2000,0 2016,0 2044,2 2087,2 2120,5 2186,3 BIP-Wachstumsrate – +0,8 +1,4 +2,1 +1,6 +3,1 BIP-Wachstumsfaktor – 1,008 1,014 1,021 1,016 1,031 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 478 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung478 Sind die einzelnen Wachstumsraten nicht bekannt, erhält man das gleiche Ergebnis mit Hilfe der Formel: (5) [(Endwert / Anfangswert)1/5 – 1] × 100 = [(2186,3 / 2000,0)1/5 – 1] × 100 = 1,8 % Wachstumstempo Zur Zeit weisen Länder wie China eindrucksvolle Wachstumsraten von 10 % jährlich auf. Gleichzeitig wissen wir aber, dass der chinesische Lebensstandard im Durchschnitt noch relativ gering ist. Es wird deshalb noch einige Zeit dauern, bis China einen z. B. mit Deutschland vergleichbaren Wohlstand gemessen am BIP-pro-Kopf erreicht hat. Kann man diesen Zeitraum genau abschätzen? Hilfreich ist dafür eine approximative Formel für die Verdoppelungszeit einer Größe, die als 70er-Regel (magic rule of 70) bekannt ist (Box 15.1). Box 15.1: 70er-Regel – Wie lange dauert die Verdoppelung ökonomischer Größen, die mit einer konstanten Rate wachsen? Problem: Finde t, so dass (1) X × (1 + g/100)t = 2 × X Logarithmieren ergibt (2) ln X + t × ln (1 + g/100) = ln 2 + ln X ≈ g/100 ≈ 0,7 ergibt approximiert: t = 70/g Hintergrund: Bei einer Wachstumsrate von g% pro Zeiteinheit dauert es etwa 70 / g Zeiteinheiten bis zur Verdoppelung. Weist Deutschland z. B. ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 2,5 % auf, verdoppelt sich der Ausgangswert in etwa 28 Jahren: 70/2,5 = 28 Jahre. Bei einer Wachs- Zu unterscheiden sind: • Wachstum des BIP • Entwicklung des absoluten Wachstums • Entwicklung des relativen Wachstums Absolutes und relatives Wachstum 1 2 3 4 2.000 2.050 2.200 2.100 2.150 2.250 Mrd. € 1 2 3 4 5 4 3 2 1 0 % BIP-Entwicklung Entwicklung des relativen BIP-Wachstums 4,39 4,29 0,85 1 2 3 4 100 80 60 40 20 0 Mrd. € 90 92 19 Entwicklung des absoluten BIP-Wachstums Abb. 15.1: Absolutes und relatives Wachstum (Zahlenbeispiel) { { Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 479 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 479 tumsrate von 7 % würde sich der Ausgangswert bereits nach 10 Jahren verdoppeln, nach 20 Jahren vervierfachen und nach 30 Jahren verachtfachen. Derartige Betrachtungen geben Antworten auf die Frage, ob es zu einer Divergenz oder zu einer Konvergenz der ökonomischen Entwicklung kommt. Vergleichen wir zwei Volkswirtschaften mit einem unterschiedlichen Ausgangsniveau des BIP. Land A sei ein reifes Industrieland mit einem hohen Anfangsniveau (2.000 Mrd. €) und einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 2,3 % pro Jahr. Land B ist ein „Tigerstaat“; es startet auf der Hälfte des Niveaus (1.000 Mrd. €) mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 7 %. Land A (reifes Industrieland) Land B (Tigerstaat) Ausgangsniveau 2.000 Mrd. € 1.000 Mrd. € nach 10 Jahren 2.000 Mrd. € nach 20 Jahren 4.000 Mrd. € nach 30 Jahren 4.000 Mrd. € 8.000 Mrd. € Sie sehen, dass sich der Output für Land A nach 30 Jahren verdoppelt, für Land B hingegen bereits nach 10 Jahren. Nach 20 Jahren beträgt der Output das 4-fache des Ausgangsniveaus. Land B holt also zügig auf und erreicht das Niveau von Land A nach ca. 15 Jahren. Allgemein kann man den Zeitpunkt, zu dem sich unterschiedliche Ausgangsniveaus (xA > xB) bei unterschiedlichen Wachstumsraten (WB > WA) angleichen, näherungsweise berechnen durch: (1) t = ln (xA/xB) /(WB/100 – WA/100) Somit ergibt sich in unserem Beispiel: (2) t = ln (2000/1000) / (0,07 – 0,023) ≈ 0,7 / 0,047 = 14,89 ≈ 15 Jahre Beachten Sie, dass bereits kleine Unterschiede in den Wachstumsraten schon einige Generationen später zu großen Abweichungen des BIP führen. Wächst ein Land wie die USA ausgehend von einem Ausgangswert von 3.340 US-$ pro Kopf (Jahr 1870) in 1 4 7 10 13 16 19 22 25 28 31 34 37 40 43 46 49 0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600 1800 Land D: g = 6% Land C: g = 4% Land B: g = 2% Land A: g = 0% Geschwindigkeiten des Wirtschaftswachstums t = 70/g Abb. 15.2: Wachstumstempo bei unterschiedlichen Wachstumsraten Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 480 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung480 130 Jahren jedes Jahr konstant mit 1,78 %, dann verzehnfacht sich das BIP-pro-Kopf bis zum Jahr 2000 auf 33.340 US-$. Ein um 1 % höheres Wachstum (2,78 %) würde hingegen zu einem Wachstum des BIP-pro-Kopf auf rund 118.000 US-$ führen. Ein um 1 % geringeres Wachstum (0,78 %) hat hingegen ein drastisch geringeres BIP-pro-Kopf zur Folge. Es erreicht nur noch 27,5 % des für das Jahr 2000 ausgewiesenen Wertes. In den Wirtschaftswissenschaften ist es üblich, für die Analyse längerer Zeitreihen eine logarithmische Darstellung zu wählen. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass konstante Zuwachsraten einer Größe durch die lineare Entwicklung einer Zeitreihe abgebildet werden können. Wenn wir die logarithmierten Werte voneinander subtrahieren, entspricht die Differenz in etwa der prozentualen Veränderung zwischen diesen beiden Perioden (Abb. 15.3). Schlagwörter •• Wachstumsrate •• Wachstumsfaktor •• absolutes Wachstum •• relatives Wachstum •• Wachstumstrend •• years to double Periode BIP, real (absolut) Zuwachs in % BIP, real (ln) Differenz der ln-Werte 1 100 4,61 2 110 10% 4,70 0,09 = ca. 10% 3 121 10% 4,80 0,10 = 10% 4 133,10 10% 4,89 0,09 = ca. 10% Wachstum in logarithmierter Form Abb. 15.3: Längerfristiges Wachstum in absoluter und logarithmischer Darstellung Quelle für das Zahlenbeispiel: Bofinger, 2011, S. 322 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 481 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 481 15.3 Wachstum und Entwicklung In den letzten Jahren wurden umfangreiche Studien über die Bedeutung einzelner Bestimmungsfaktoren des Wachstums vorgenommen. Die Erforschung der wirtschaftlichen Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung der Probleme von Entwicklungs- und Schwellenländern ist in der Vergangenheit mehrfach mit dem Nobelpreis bedacht worden (Abb. 15.4). Lange Zeit wurde angenommen, dass Reichtum an natürlichen Ressourcen (z. B. Erdöl) grundsätzlich ein Segen für ein Land sei und Entwicklung und Wohlstand garantiere. In den 1980er Jahre trat hingegen die These auf, dass es sich hier eher um einen „Fluch“ handeln könne. Der Begriff Ressourcenfluch bezeichnet die verschiedenen negativen Folgen, die der Reichtum an natürlichen Ressourcen für ein Land und seine Bevölkerung haben kann. Paradox erscheint, dass das Wirtschaftswachstum in Ländern, die stark vom Export mineralischer und fossiler Rohstoffe abhängig sind, in der Regel geringer ist als in rohstoffarmen Ländern. Dies kann verschiedene Gründe haben. Die „dutch disease“ (Holländische Krankheit) entsteht, wenn Ressourcen im großen Stil exportiert werden und die erhöhte Nachfrage die Währung aufwertet. Dadurch werden andere Exportprodukte teurer und weniger konkurrenzfähig, d. h. die verarbeitenden Exportindustrien werden geschwächt. Häufig entwickelt sich deshalb keine ausgeprägte Industriestruktur. Ursächlich sind oft der staatliche Missbrauch von Einkünften aus dem Rohstoffsektor oder mangelnde Investitionen in Infrastruktur und Bildung. Hier ist zu beachten, dass dieser „Fluch“ natürlich nicht in den Rohstoffen selbst begründet liegt, sondern im Fehlverhalten der jeweiligen Entscheidungsträger. Liegt dieses Fehlverhalten nicht vor, kann sich der Ressourcenreichtum hingegen zum Segen eines Landes und seiner Bevölkerung entwickeln. Viele Untersuchungen zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen der Offenheit einer Wirtschaft und Wachstum des BIP (Abb. 15.5). Praktische Beispiele finden sich unter den offenen westeuropäischen Ländern und den südostasiatischen Tigerstaaten. Für ihre bahnbrechenden Arbeiten in der Erforschung der wirtschaftlichen Entwicklung, unter besonderer Berücksichtigung der Probleme der Entwicklungsländer" Für seine grundlegenden theoretischen Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie u.a. in Entwicklungsländern Sen, Amartya Kumar 1933 (Indien) © Nobel Foundation Lewis, Arthur 1915–1991 (USA) © Nobel Foundation Schultz, Theodore William 1902–1998 (USA) © Nobel Foundation Abb. 15.4: Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften (Entwicklungsökonomik) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 482 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung482 Es ist davon auszugehen, dass die Offenheit von Volkswirtschaften den Wissenstransfers und den Technologieaustausch beschleunigt, was sich positiv auf das Wachstum auswirkt. Auch stehen die Unternehmen in offenen Volkswirtschaften unter einem relativ größeren Wettbewerbsdruck als in geschlossenen Volkswirtschaften, so dass sie ständig zu Innovationen gezwungen werden. Dieser Druck hat positive Auswirkungen auf Produktivität und Wachstum. Ebenfalls bestätigt ist der positive Zusammenhang zwischen Wachstum und Investitionen in Humankapital. Untersuchungen zeigen, dass die Erhöhung der Schulzeit der Bevölkerung um ein Jahr das Wachstum um 1,2 % pro Jahr beschleunigen kann (vgl. Barro, 1997). Ähnlich positive Ergebnisse für das wirtschaftliche Wachstum lassen sich aus stabilen politischen Verhältnissen und einem gut entwickelten Finanzsystem ableiten. Wichtig für Investitionen sind zudem dauerhafte und garantierte Eigentumsrechte (property rights). Als zentrale Voraussetzung für die Bildung von Humankapital gilt u. a. ein gut ausgebautes Gesundheitssystem. Eine schlechte Gesundheitsversorgung verkürzt die Lebenserwartung und mindert den Anreiz, in Humankapital zu investieren. Arme Länder, die nicht in das Bildungs- und Gesundheitssystem investieren, können nur unzureichend einen sich selbst tragenden Wachstumsprozess in Gang bringen. Untersuchungen der Vereinten Nationen (UN) zeigen, dass eine hohe Korrelation zwischen Gesundheit, Bildung und Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens besteht. Die UN berechnet dazu einen Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Indicator, HDI, Abb. 15.6). Der HDI kann Werte zwischen 0 und 1 erreichen. Deutschland erreichte im Jahr 2007/2008 einen HDI-Wert von 0,935 und damit Platz 22 der internationalen Rangfolge. Spitzenreiter war Island mit einem HDI-Wert von 0,968 (unter 177 Ländern). Für andere Einflussgrößen – z. B. (Un-)Gleichheit der Einkommensverteilung oder demokratischen Strukturen – sind die empirischen Ergebnisse weniger eindeutig. In früheren Arbeiten wurde die These vertreten, dass es einen inversen U-förmigen Zusammenhang zwischen Ungleichheit der Einkommensverteilung (z. B. gemessen am Gini-Koeffizienten, vgl. Kap. 25) und wirtschaftlicher Entwicklung gibt. Dieser Einflussgrößen des Wirtschaftswachstums Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und … eindeutig positiv eher positiv nicht signifikant Offenheit der Wirtschaft X Humankapital X politische Stabilität X stabiler Finanzsektor X gerechte Einkommensverteilung X Korruption X hoher Staatskonsum X hohe Inflation (> 5% p.a.) X (eher nachteilig) Abb. 15.5: Einflussgrößen des Wirtschaftswachstums Quelle: Brunetti, 1998 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 483 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 483 Zusammenhang ist als Kuznets-Funktion bekannt (Abb. 15.9). Kuznets erhielt 1985 den Nobelpreis „für seine erfahrungsmäßig gefundenen Erklärungen von wirtschaftlichem Wachstum, welche zu neuen und vertieften Einsichten in die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und Entwicklungsprozesse führten“. Die Kuznets-Kurve basiert auf der Vorstellung, dass sich im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung zunächst die personelle Einkommensverteilung verschlechtert. Ursache ist eine unterschiedliche Streuung der Gewinne in der Bevölkerung. Solange Arbeitskräfte z. B. in Entwicklungsländern reichlich vorhanden sind und Kapital knapp ist, steigen im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung die Kapitaleinkommen stärker als die Arbeitseinkommen. Diese Veränderung in der funktionalen Einkommensverteilung überträgt sich auf die personelle Einkommensverteilung. Erst im Verlauf der Entwicklung, wenn Arbeitskräfte knapper und Kapital reichlicher vorhanden sein wird, können die wirtschaftlichen Erfolge der Entwicklung gleichmäßiger verteilt werden. Das Konzept der Kuznets-Kurve findet sich inzwischen auch in der Diskussion des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz (ökologische Kuznets-Kurve). Danach nimmt die Umweltverschmutzung im Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung zunächst zu und dann ab. Beide Ausprägungen der Kuznets-Kurve führen in der empirischen Überprüfung zu keinen eindeutigen Aussagen. Schlagwörter •• Wachstumsdeterminanten •• Kuznets-Funktion •• Index der menschlichen Entwicklung (HDI) Index der Menschlichen Entwicklung (Human Development Index) Subindex gemessen durch Gesundheit Lebenserwartung in Jahren Bildung mittlere Anzahl von Schuljahren (eines 25-Jährigen) erwartete Anzahl von Schuljahren (eines Kindes) Einkommen BIP-pro-Kopf (in US-$), wegen der großen Einkommensdifferenzen werden logarithmierte Werte verwendet Alle Subindizes errechnen sich wie folgt: (aktueller Wert – minimaler beobachteter Wert) (maximaler beobachteter Wert – minimaler beobachteter Wert) Der Human Development Index (HDI) ist das geometrische Mittel der Subindizes über 0,8 hohe menschlichen Entwicklung 0,5 bis 0,8 mittlere menschliche Entwicklung unter 0,5 geringe menschliche Entwicklung Abb. 15.6: Index der menschlichen Entwicklung (HDI) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 484 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung484 15.4 Wachstumskritik Die Messung des wirtschaftlichen Wachstums anhand des BIP ist mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden, die insgesamt seine Aussagefähigkeit als Wohlfahrtsmaßstab beeinträchtigen. Wir wollen die wichtigsten Kritikpunkte anhand der einzelnen Teilrechnungen des BIP auflisten (Abb. 15.8). Entstehung des BIP Das BIP sagt nichts darüber aus, welche Güter produziert werden. Auch die Qualität und die Nutzungsdauer der produzierten Güter werden nicht berücksichtigt. Ein TV- Gerät, das nach 3 Jahren ersetzt wird, erhöht das BIP früher als ein Gerät, das 10 Jahre hält. Zur Beurteilung der Produktionsleistung müssen ferner die Bedingungen ihrer Entstehung berücksichtigt werden. Zu verweisen ist hier u. a. auf die Arbeitszeit oder die gesundheitlichen Belastungen, die möglicherweise während des Produktionsprozesses auftreten. Wir wollen uns beispielhaft mit der Arbeitszeit beschäftigen. Das BIP-pro-Kopf kann als Produkt der Arbeitsproduktivität (pro Stunde) und der geleisteten Arbeitsstunden (AV) je Einwohner (BEV = Bevölkerung) eines Landes dargestellt werden: (1) (BIP / BEV) = (BIP / AV) × (AV / BEV) Die Arbeitsstunden pro Kopf der Bevölkerung können wiederum in drei Komponenten •• durchschnittliche Arbeitszeit pro Erwerbstätigem (AV / EWT), •• Anteil der Erwerbstätigen an den Erwerbspersonen (EWT / EP), •• Erwerbsbeteiligung (EP / BEV) aufgespalten werden: (2) (AV / BEV) = (AV / EWT) × (EWT / EP) × (EP / BEV) Gini-Koeffizient BIP pro Kopf Zeit These: Wenn sich eine Volkswirtschaft entwickelt, wird zunächst die Ungleichheit der Einkommen höher. Der Anstieg der Ungleichheit wird im Verlauf geringer; ab einem bestimmten Entwicklungsniveau steigt die Gleichheit wieder an (inverses U). Kuznets, Simon Smith 1901 – 1985 (USA) © Nobel Foundation Wirtschaftswachstum und Einkommensverteilung 0,25 0,5 0,75 Gini-Koeffizient = Maß für Einkommensverteilung BIP pro Kopf = Maß für wirtschaftliche Entwicklung Abb. 15.7: Idealtypische Kuznets-Funktion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 485 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 485 Aus Gleichung (1) ist ersichtlich, dass ein höheres BIP-pro-Kopf bei annähernd gleichen Produktivitäten auf eine höhere Arbeitszeit zurückgeführt werden kann. Nehmen wir an, dass sich die Produktivitäten zwischen Land A (z. B. Deutschland) und Land B (z. B. USA) nicht unterscheiden. Wenn das BIP-pro-Kopf von Land A nur 80 % von Land B erreicht, kann dies an einer längeren durchschnittlichen Arbeitszeit in Land B liegen. Wie soll dieser Sachverhalt interpretiert werden? Die geringere Arbeitszeit z. B. in Deutschland könnte eine freiwillige Entscheidung und eine höhere Präferenz für Freizeit oder mehr Urlaubstage widerspiegeln. In diesem Fall würde das BIP-pro-Kopf den Lebensstandard in Deutschland im Vergleich zu den USA unterschätzen. Der „Genuss“ von Freizeit kann zur Lebensqualität beitragen, wird jedoch nicht bei der Berechnung des BIP berücksichtigt. Die Erhöhung der durchschnittlichen Produktivität (BIP/AV) und die geringere Zahl an Arbeitsstunden können ausgehend von Gleichung (2) folgende Gründe haben: •• geringere Arbeitszeiten (AV/EWT), •• geringere Erwerbstätigkeit (EWT/EWP) und somit höhere Arbeitslosigkeit, •• geringere Zahl von Personen, die am Arbeitsprozess teilnehmen (EWP/BEV). Der erste Grund kann z. B. eine Frühverrentung widerspiegeln, die gegebenenfalls sogar unfreiwillig erfolgt. Die Gesellschaft verliert in diesem Fall nicht nur Güter, die von diesen Personen hätten produziert werden können, sondern muss die zusätzlichen Rentner aus der laufenden Produktion finanzieren. Dies kann zu erheblichen Belastungen der Alterssicherungssysteme führen. Höhere Arbeitslosigkeit kann z. B. aufgrund hoher Kosten des Faktors Arbeit entstehen. In diesem Fall werden weniger produktive Arbeitnehmer nicht eingestellt bzw. entlassen. Ursächlich können sein: zu hohe Lohnzusatzkosten, Gewerkschaftsmacht oder fehlende Anreize, eine Arbeit aufzunehmen. Damit steigen die durchschnittliche Produktivität und Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Personen, die am Arbeitsprozess teilnehmen. Kritisiert wird, dass das BIP viele wohlfahrtsrelevante Vorgänge nicht erfasst. Dazu zählt z. B. die unentgeltlich erbrachte Hausarbeit von Familienmitgliedern oder die Bruttoinlandsprodukt (zu Marktpreisen) kritisch betrachtet Teilrechnung Frage Zu hinterfragen: Entstehung Welche Güter werden unter welchen Bedingungen erzeugt? Art der Güter („Schulen oder Panzer“); Qualität, Nutzungsdauer Welche Güter werden gar nicht erfasst, da sie keine Marktpreise haben ? Erziehungsarbeit, Do-it-yourself Tätigkeiten Wie hoch sind die externen Kosten der Produktion? Umweltverbrauch; Schadstoff-Emissionen Verwendung Welche Güter werden als Konsum-, Investitions- oder Staatsausgaben erfasst? Einordnung von Vorleistungen, Investitionsbegriff Verteilung Wie wird das Einkommen verteilt? Einkommensverteilung pro Kopf Kann man die Wohlfahrt zwischen Volkswirtschaften vergleichen? Umrechnung in einheitliche Währung Abb. 15.8: Probleme der Wohlfahrtsmessung anhand des BIP Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 486 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung486 Erziehungsarbeit von Eltern. Diese „Produktion“ ist ohne Frage wohlstandsrelevant, wird aber im BIP nicht berücksichtigt. Do-it-yourself Tätigkeiten im Haushalt werden ebenfalls nicht berücksichtigt. Wird die Gartenarbeit nicht als Freizeitaktivität ausgeführt, sondern an einen Gartenbetrieb vergeben, steigt das BIP. Umgekehrt werden Vorgänge erfasst, die zwar Marktpreise haben, aber nicht unbedingt wohlfahrtssteigernd wirken. Betrachten wir als Beispiel die Auswirkungen des Rauchens auf das BIP. Wachstumsfördernd sind z. B. •• der Verkauf von Tabak und die Ausgaben für Zigarettenwerbung, •• die Aufwendungen zur Suchtprävention, •• die mittel- und langfristig anfallenden Ausgaben des Gesundheitssystems zur Reduzierung der körperlichen Schäden, die das Rauchen verursacht. Viele dieser Ausgaben müssten bei einer sinnvollen Bilanzierung des Rauchens auf der Negativseite verbucht werden. Ähnliche Betrachtungen lassen sich für den Stra- ßenverkehr anstellen. Der zunehmende Verkehr belastet Menschen in Form von Lärm und Abgasen. Die Gesundheitskosten steigen. Diese externen Kosten werden nicht dem Verursacher auferlegt, sondern der Allgemeinheit. Das aufgewendete Einkommen steht dem Konsum nicht mehr zur Verfügung. Diese Nebeneffekte des Güterverkehrs sind wohlfahrtsmindernd. Ein Anstieg des Verkehrs erfordert mehr Straßen und Parkplätze, d. h. Flächenverbrauch. Dieses Anwachsen hat in der Regel auch Staus und Unfälle zur Folge. Im BIP wird der Verkauf von Autos, das Bauen neuer Straßen, aber auch die Behandlung von Unfallopfern als wirtschaftlicher Faktor bewertet. Nicht berücksichtigt wird, dass die Produktion und die Entsorgung der Autos Umweltressourcen verbrauchen. Gegengerechnet werden müssen auf der anderen Seite die externen Vorteile des Verkehrs z. B. in Form von Wertschöpfung, Arbeitsplätzen oder einer höheren Mobilität. Anders als z. B. bei den Umweltökonomischen Gesamtrechnungen (UGR) wird beim BIP der Rohstoffverbrauch, z. B. fossile Energien, als Umsatz positiv bilanziert, ohne dass der Rückgang an Rohstoffreserven im Sinne einer Vermögensbilanz an anderer Stelle bei der BIP-Berechnung wieder abgezogen wird. Für die Berechnung des BIP wird der Wert von Ressourcen aller Art (fossile Rohstoffe, nachwachsende Rohstoffe, genetische Ressourcen) wie auch ihre Qualität (Reinheit von Luft und Wasser, Fruchtbarkeit und Schadstoffbelastung von Böden, Artenvielfalt) nicht direkt berücksichtigt. Nur indirekte Effekte werden einbezogen, z. B. die Dämpfung der Konjunktur durch Rohstoffverknappung. Auch negative Folgewirkungen des Rohstoffverbrauchs (z. B. der Klimawandel durch Verbrennen fossiler Energien mit längerfristig auftretenden Schadenskosten) bleiben bei der BIP-Berechnung eines Jahres nicht nur unberücksichtigt, sondern können das BIP in den Folgejahren sogar steigen lassen, z. B. wenn die nachträgliche Schadensbewältigung Investitionen erfordert (z. B. Einbau von Filteranlagen in Industriebetrieben). Eine kritische Betrachtung der hohen Wachstumsraten von Entwicklungs- und Schwellenländern ist in diesem Zusammenhang ebenfalls notwendig. Langfristig gesehen können die Umweltschäden und die Ressourcenverluste die Ergebnisse der wirtschaftlichen Entwicklung sogar aufheben. Das Statistische Bundesamt versucht durch eine ökologische Gesamtrechnung bereits seit Jahren, diese Schäden zumindest ansatzweise zu beziffern und ein Öko-Inlandsprodukt auszuweisen. Die größte Schwierigkeit solcher Berechnungen besteht darin, den Verbrauch von Umweltgütern in Preisen auszudrücken, da es für diese Güter keine Märkte und Marktpreise gibt. Das Statistische Bundesamt konzentriert sich in seiner umweltökonomischen Gesamtrechnung auf die Auflistung der wichtigsten Stoffströme, die in den Wirtschaftskreislauf eingebracht werden. Auf diese Weise werden wichtige Detailinformationen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 487 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 487 geliefert, die zumindest aufzeigen können, wo die ökologischen Kosten entstehen (vgl. ausführlich auch: http://www.statistik-bund.de). Verwendung des BIP Betrachten wir einzelne Verwendungskomponenten des BIP: •• Konsumausgaben: Viele ökonomische Tatbestände werden nicht als Vorleistungen, sondern als Endverbrauch erfasst, z. B. Fahrten zum Arbeitsplatz als privater Konsum. Diese lassen sich aber ebenso wie z. B. Bildungs- und Gesundheitsaufwendungen des Staates als Vorleistungen für den Produktionsprozess interpretieren. In diesen Fällen würde das BIP zu hoch ausgewiesen. •• Investitionsausgaben: Es wird ein eingeschränkter Investitionsbegriff verwendet, da beispielsweise das Humankapital nicht erfasst wird. Investitionen zur Korrektur von Umweltschäden wirken hingegen wohlstandssteigernd (z. B. Einbau von Filtern in Industrieanlagen). •• Staatliche Dienstleistungen: Sie werden – z. B. im Bereich Bildung, innere und äußere Sicherheit – zu Faktorkosten bewertet. Wird unterstellt, dass die Marktpreise (z. B. aufgrund einer in den Faktorkosten nicht enthaltenen Gewinnkomponente) höher liegen, wird das BIP zu gering bewertet. Umgekehrt führt eine Aufblähung der Faktorkosten bei der Erstellung staatlicher Dienstleistungen (z. B. im Bildungs- und Gesundheitsbereich) zu einer höheren Produktion, ohne das es zwangsläufig zu Qualitätssteigerungen kommt. Die BIP-Berechnung ist quasi blind gegenüber der Zukunft. Viele der kritisierten Aspekte (z. B. Ressourcenverbrauch, Umweltschäden) belasten zukünftige Generationen und beeinträchtigen die Generationengerechtigkeit. Beispielsweise wird der Aufwand für einen Geländewagen gleichbewertet mit Investitionen in Bildung in gleicher Höhe. Während der Geländewagen jedoch vielfältige Folgeschäden (u. a. Verbrauch fossiler Energien, Schadstoffausstoß, Treibhausgase) verursacht, die den Wohlstand mindern, haben Bildungsausgaben längerfristig positive Effekte auf das Wachstum. Beim BIP wird also nicht unterschieden, ob Ausgaben im Sinne der Nachhaltigkeit aus echten Erträgen (Überschüsse, Gewinne, Einkommen) oder aus der Substanz (Minderung des Vermögens) bzw. über Schulden finanziert werden. So erhöht die Finanzierung von privaten wie auch staatlichen Ausgaben über Kredite das BIP, ohne dass die Belastungen aus der Verschuldung für künftige Generationen gegenbilanziert werden. Es müsste z. B. geprüft werden, in welchem Ausmaß sich die Belastung des Vermögens bzw. die Verschuldung für künftige Generationen rentiert. Verteilungsrechnung Das BIP-pro-Kopf ist eine Durchschnittsgröße, die eine ungleiche Einkommensverteilung nicht transparent macht (Abb. 15.9). Der Begriff „Wohlstand“ sollte also differenziert beurteilt werden, denn auch bei einem hohen BIP-pro-Kopf kann die Mehrheit der Bevölkerung arm sein. Die Durchschnittszahl gibt lediglich einen Hinweis auf die Wirtschaftskraft der Volkswirtschaft insgesamt. In internationalen Vergleichen des BIP-pro-Kopf ist zu berücksichtigen, dass Wechselkursveränderungen die Ergebnisse verzerren können. Auf den Devisenmärkten gebildete Wechselkurse sind nur bedingt als Basis der Umrechnung geeignet, da sie die Kaufkraftunterschiede der Währungen nur unzureichend wiedergeben. Es werden daher KKP-Wechselkurse (Kaufkraftparitäten, vgl. Kap. 21) verwendet, die Konsumgüter über Länder hinweg mit einheitlichen Preisen bewerten. In Entwicklungs- und Schwellenländern wird das BIP auch zu gering ausgewiesen, weil ein Teil der Wirt- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 488 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung488 schaftsleistung aus nicht über dem Markt gehandelten, arbeitsintensiven Leistungen für den Eigenbedarf resultiert. Betrachten wir ein Beispiel, in dem ein armes und ein reiches Land beschrieben werden (Abb. 15.10, Pro-Kopf-Werte). Kaufhäufigkeiten und Qualitäten der Güter werden aus Vereinfachungsgründen nicht berücksichtigt. Ausgedrückt in einheitlicher Währung zum Marktwechselkurs von 5 Peso/€ ergibt sich, dass das arme Land nur einen relativen Konsum von 8 % gemessen am reichen Land aufweist: (1) Da der Wechselkurs aus der Sicht des armen Landes in Preisnotierung (5 Peso/€) angegeben ist, erhalten wir den Konsum pro Kopf in € wie folgt: 20.000 Peso / 5 (Peso/€) = 4.000 €. (2) Der relative Konsum beträgt damit: 4.000 € / 50.000 € = 0,08 (also 8 %) Ausgedrückt in Kaufkraftparitäten werden die Mengen des armen Landes mit den entsprechenden Euro-Preisen gewichtet. Wir erhalten dann: (3) 8 € × 1.000 + 2 € × 8.000 = 24.000 € Der relative Konsum beträgt nicht mehr 8 % sondern: (4) 24.000 € / 50.000 € = 0,48 (also 48 %) Der KKP-Wechselkurs ergibt sich als (5) 20.000 Peso / 24.000 € = 0,833 (Peso/€) Dieser Kurs gibt an, zu welchem Wechselkurs sich die gleichen Konsumgüter im Verhältnis von 1:1 tauschen ließen. Bewerten wir das Konsumgüterbündel im armen Land (in Peso) mit diesem Wechselkurs, erhalten wir den bereits ermittelten relativen Konsum in Höhe von 24.000 €: (6) 20.000 Peso × 1/0,833 [€/Peso] = 24.000 € Fassen wir zusammen: Das BIP stellt eine eindimensionale Wohlstandsbetrachtung dar, die nicht unerheblichen Messproblemen unterworfen ist. Das BIP ist also kein perfekter Maßstab des „Wohlstandes“. Für viele ökonomische Fragestellungen gibt es jedoch oft keine anderen Bezugspunkte. In diesen Fällen sollten wir die Unzulänglichkeiten der Messung im Hinterkopf behalten, um die Schlussfolgerungen kritisch hinterfragen zu können. 40% der Bevölkerung 60% der Bevölkerung 16.000 € pro Kopf 6.000 € pro-Kopf Durchschnitt: 10.000 € pro-Kopf 10% der Bevölkerung 90% der Bevölkerung 82.000 € pro Kopf 2.000 € pro-Kopf Durchschnitt: 10.000 € pro-Kopf Land B Land A Bedeutung von Durchschnittswerten für den Vergleich von Wohlstandsunterschieden (equal and unequal) Abb. 15.9: BIP- pro-Kopf und Einkommensverteilung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 489 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 489 Schlagwörter •• Über-, Unterzeichnung des BIP •• externe Kosten •• Umweltökonomische Gesamtrechnung •• Kaufkraftparitäten-Wechselkurse 15.5 Fallbeispiele zu Kapitel 15 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 15.1: Die langen Wellen des Wachstums (0) 1) Was beschreiben die Kondratieff-Zyklen? 2) Welche Kondratieff-Zyklen lassen sich seit der Industrialisierung unterscheiden? 3) Warum verläuft die Einführung von Basisinnovationen in der Ökonomie wellenförmig? Fallbeispiel 15.2: Absolutes, relatives und durchschnittliches Wirtschaftswachstum (0) 1) Einer Tageszeitung können Sie folgende Werte entnehmen: Jahr BIP Absolutes Wachstum Relatives Wachstum (Mrd. €) (Mrd. €) W-Faktor W-Rate (%) 2007 2000 – – – 2008 2050 2009 2150 2010 2250 2011 2350 Fernseher Nahrungsmittel Konsum in lokaler WährungLand (Währung) Preis Menge Preis Menge Reich (€) 8 5.000 2 5.000 50.000 € Arm (Peso) 12 1.000 1 8.000 20.000 Peso Marktwechselkurs von 5 (Peso/€): 20.000 Peso / 5 (Peso/€) = 4.000 € Relativer Konsum: 4.000/50.000 = 8% Methode der Kaufkraftparität: 8 € × 1.000 + 2 € × 8.000 = 24.000 € Relativer Konsum: 24.000 €/50.000 € = 48% KKP-Wechselkurs: 20.000 Peso / 24.000 € = 0,833 (Peso/€) 20.000 Peso / 0,833 (Peso/€) = 24.000 € Bedeutung von Wechselkursen für den Vergleich von Wohlstandsunterschieden (poor and rich) Abb. 15.10: Kaufkraftparitäten-Wechselkurs und Einkommensunterschiede Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 490 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung490 Berechnen Sie a) das absolute Wachstum und relative Wachstum, b) die durchschnittliche Wachstumsrate des realen BIP zwischen 2008 – 2011. 2) Die Entwicklung des BIP einer Volkswirtschaft ist durch folgende Daten gekennzeichnet Veränderung gegenüber dem Vorjahr in % 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 4,0 3,4 5,1 5,3 4,3 5,6 3,8 a) Im Jahr 2002 betrug das BIP 1.600 Mrd. €. Wie hoch war das BIP im Jahr 2009? b) Wie hoch war das durchschnittliche Wachstum zwischen 2002 und 2009? 3) Was bedeutet es, wenn Volkswirtschaften jedes Jahr um den gleichen Betrag wachsen? Fallbeispiel 15.3: Wachstumsgeschwindigkeit von Volkswirtschaften (+) 1) Die durchschnittliche (reale) Wachstumsrate in verschiedenen Volkswirtschaften ist für den Zeitraum 1970 – 2000 wie folgt gegeben: Land Wachstumsrate Frankreich 1,4 USA 5,0 Deutschland 2,5 Ermitteln Sie, in welchem Zeitraum sich das BIP-pro-Kopf in den einzelnen Ländern verdoppelt hat. 2) In der nachfolgenden Abbildung sehen Sie den Zeitpfad des Outputs von Land A, das sich im Wachstumsgleichgewicht befindet und mit 2 % pro Jahr wächst. Skizzieren Sie den Wachstumspfad des Outputs pro Kopf von Land B, das halb so reich ist wie Land A aber doppelt so schnell wächst. Kommentieren Sie die Entwicklung. Fallbeispiel 15.4: Längerfristiges Wachstum von Volkswirtschaften (0) Das reale BIP-pro-Kopf hat in Deutschland (1870) 1.223 US-$ pro Kopf betragen und im Jahre 1990 exakt 14.288 $ pro Kopf. 1) Um welchen Faktor hat sich das Pro-Kopf-Einkommen in 120 Jahren insgesamt vergrö- ßert? 2) Wie groß war die durchschnittliche Wachstumsrate pro Jahr? 3) Wie groß wäre das Pro-Kopf-Einkommen in 1990 gewesen, wenn die durchschnittliche Wachstumsrate in Deutschland um 1 %-Punkt niedriger gewesen wäre, als sie es tatsächlich war? Interpretieren Sie das Ergebnis. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 491 Kapitel 15: Wirtschaftliches Wachstum 491 Fallbeispiel 15.5: Einteilung der Welt in Ländergruppen (++) 1) Zur Charakterisierung des Entwicklungsstandes von Volkswirtschaften finden sich die Begriffe Industrie- (IL), Schwellen- (SL) und Entwicklungsländer (EL). Was verstehen Sie unter den beiden zuletzt genannten Begriffen? 2) Die nachfolgende Übersicht zeigt Faktoren, mit deren Hilfe sich Ländergruppen näher beschreiben lassen. Vervollständigen Sie die Tabelle und unterscheiden Sie zwischen Industrie-, (IL), Schwellen- (SL) und Entwicklungsländern (EL). 3) Wie beurteilen Sie die Aussagefähigkeit derartiger Einteilungen? Wofür wird eigentlich eine derartige Einteilung benötigt? Fallbeispiel 15.6: Wachstum und Index der menschlichen Entwicklung (+) Ermitteln Sie den HDI-Wert und beurteilen Sie, um was für ein Land es sich handelt. Indikator Maximum Minimum aktueller Wert Indexwert Subindex Gesundheit: Lebenserwartung in Jahren 85 25 60 Subindex Bildung: • mittlere Anzahl von Schuljahren (eines 25-jährigen) • erwartete Anzahl von Schuljahren (eines Kindes) 12 12 0 0 6 9 Subindex Einkommen: BIP/Kopf (in US-$) (Werte logarithmieren) 40.000 100 5.000 Fallbeispiel 15.7: Wohlfahrtsrelevanz von ökonomischen Vorgängen (++) Wie wirken sich folgende Vorgänge auf das BIP bzw. Volkseinkommen aus? 1. Reiner renoviert das Zimmer von Wiltrud und umgekehrt. Dafür zahlen sie sich gegenseitig 300 €, die sie nachfolgend für den Kauf neuer Güter ausgeben. Wie ändert sich die Betrachtung, wenn beide gebrauchte Güter erwerben? 2. Reiner und Wiltrud renovieren ihre gemeinsame Wohnung als do-it-yourself Tätigkeit. 3. Firma „Mörtel“ verkleidet im ersten Halbjahr für 5.000 € ein Wohnhaus mit asbesthaltiger Wärmedämmung. Im zweiten Halbjahr führt Firma „Mörtel“ eine Asbestsanierung für 5.000 € durch. Der Mehrwertsteuersatz beträgt 15 %. Ergeben sich Unterschiede in der Betrachtung, wenn die Kosten von einem Besitzer eines privaten Hauses bzw. einer öffentlichen Schule übernommen werden? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 492 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung492 4. Student Manfred macht eine Wochenendtour mit seinem PKW. Er tankt Benzin im Wert von 100 €. Der Steueranteil beträgt 60 %, der Anteil importierten Rohöls 20 %. 5. Der evangelische Priester Johannes heiratet seine Haushälterin. Sie erhält als Hausfrau nun ein zusätzliches Haushaltsgeld in Höhe ihres früheren Gehalts. 6. Die evangelische Kirche führt das Zölibat ein. 7. Unternehmen produzieren PKW im Wert von 100 Mio. €. 70 % der PKW bestehen aus Vorleistungen, wobei 50 % davon aus dem Ausland kommen. Alle PKW werden im Inland verkauft. 8. Die 9-jährige Nastasja wurde seit ihrer Geburt von ihrem Vater zu Hause betreut. Nun übernimmt die Nachmittagsbetreuung ein Hort gegen Zahlung von 200 € im Monat, da der Vater wieder seiner Berufstätigkeit nachgeht. 9. An zwei neu errichteten Einfamilienhäusern tritt ein Mauerschaden in Höhe von 10.000 € auf, der nun repariert werden muss. Ein Haus ist in Schwarzarbeit errichtet worden, ein Haus durch Bauunternehmer „Mörtel“. Fallbeispiel 15.8: Kaufkraftparitätentheorie und Lebensstandard in Ländern (+) Die nachfolgende Tabelle zeigt Ihnen den Warenkorb von Gütern, die ein repräsentativer Konsument in Deutschland und Rumänien kauft (Quelle: Forster/Klüh/Sauer, 2005, S. 213): Grundnahrungsmittel Pauschalreisen Land (Währung) Preis Menge Preis Menge Deutschland (€) 2 4.000 4 8.000 Rumänien (Leu) 2 2.000 20 1.000 1) Berechnen Sie den Konsum pro Kopf in beiden Ländern in Landeswährung. 2) Nehmen Sie an, der Wechselkurs zwischen € und Leu ist 10 Leu/€ (= Mengennotierung aus EU-Sicht). Ermitteln Sie den Konsum pro Kopf in Rumänien als Anteil des Konsums pro Kopf in Deutschland. Welche Schlüsse können daraus für den Lebensstandard in beiden Ländern gezogen werden? 3) Ermitteln Sie den relativen Lebensstandard mit Hilfe der Methode der Kaufkraftparität. Vergleichen Sie das Ergebnis mit 2. 4) Ermitteln Sie den Wechselkurs auf Basis der Kaufkraftparitätentheorie und interpretieren Sie das Ergebnis. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 493 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums Kapitel 16 Inhaltsübersicht 16.1 Formen und Bestimmungsfaktoren des Wachstums. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494 16.2 Kapitalbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 16.3 Technischer Fortschritt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 503 16.4 Endogenes Wachstum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 16.5 Humankapital und Studium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507 16.6 Fallbeispiele zu Kapitel 16. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511

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References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.