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Kapitel 9: Preisniveaustabilität in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 317 - 348

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_317

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 299 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 301 Kapitel 9: Preisniveaustabilität Kapitel 9 21% 13% 41% 16% 8% Miete, Energie Nahrungsmittel Verkehr, Kommunikation Freizeitgestaltung Bekleidung, Schuhe Inhaltsübersicht 9.1 Preisniveaustabilität als wirtschaftspolitisches Ziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 9.2 Inflationsmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304 9.2.1 Verbraucherpreisindex. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 9.2.2 Inflationswahrnehmung und gefühlte Inflation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310 9.3 Kosten der Inflation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 9.3.1 Verlust von Geldfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 9.3.2 Umverteilungseffekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 9.4 Deflation und Wirtschaftskrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 9.5 Fallbeispiele zu Kapitel 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 302 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU302 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Von einer Inflation wird gesprochen, wenn der Durchschnitt der Güterpreise im Zeitablauf steigt. Selbst auf den ersten Blick geringe Inflationsraten führen über einen längeren Zeitraum betrachtet zu einem beträchtlichen Geldwertverlust. •• Im Falle einer Hyperinflation droht der Zusammenbruch der Wirtschaft; dies kann zu einer Währungsreform führen. •• Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht die Inflationsmessung anhand des Verbraucherpreisindex. Diese Art der Inflationsmessung ist mit methodischen Ungenauigkeiten verbunden, die sich nur teilweise ausschalten lassen. •• Die gefühlte Inflation basiert auf einer psychologischen Wahrnehmung von Preissteigerungen. Sie kann von der statistisch ausgewiesenen Inflationsrate deutlich abweichen. •• Die erwartete Inflation stellt das Bindeglied zwischen nominalen und realen Größen dar. •• Die Inflation kann dazu führen, dass die Geldfunktionen beeinträchtigt, ökonomische Anreize verzerrt und Menschen in ihren Entscheidungen irritiert werden. •• Eine durch die Entscheidungsträger nicht erwartete Inflation führt zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen. •• Eine Deflation kann ebenso wie eine Inflation mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden sein. Sie kann tiefgreifende Wirtschaftskrisen nach sich ziehen. 9.1 Preisniveaustabilität als wirtschaftspolitisches Ziel Die Bedeutung der Preisniveaustabilität wird vor allem dann deutlich, wenn wir uns Situationen vorstellen, in denen dieses Ziel nachhaltig verletzt ist. Betrachten wir dazu als extremes Beispiel die Hyperinflation in Deutschland im Jahr 1923. Eine Hyperinflation liegt vor, wenn das Preisniveau um mehr als 50 % im Monat steigt. Dies entspricht einer jährlichen Inflationsrate von rund 13.000 % und einem Geldwertverlust von nahezu 100 % (vgl. Box 9.1): Preisniveau am Beginn des Jahres 1 P1 = 1 Monatliche Inflationsrate πMonat = 0,5 (entspricht 50 %) Preisniveau nach 12 Monaten P12 = (1 + πMonat)12 = 1,512 = 129,74 Jährliche Inflationsrate ((P12/ P1) – 1) × 100 = ((129,74/1) – 1)) × 100 = 12.874 % Geldwertverlust (P1/ P12) – 1)) × 100 = ((1/129,74) – 1)) × 100 = – 99,23 % Ein Negativbeispiel: Hyperinflation in Deutschland Die Ursachen der Hyperinflation des Jahres 1923 in Deutschland gehen bis in das Jahr 1914 zurück. Das deutsche Kaiserreich besaß eine Goldwährung, d. h. Geld konnte jederzeit in Gold als Gegenwert umgetauscht werden. Nachdem im Juli 1914 ein Krieg immer wahrscheinlicher wurde, machte die Bevölkerung von diesem Umtauschrecht regen Gebrauch. Dadurch wurden in den letzten Juliwochen Goldmünzen im Wert von Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 303 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 303 rund 100 Millionen Mark von den Reichsbankkassen abgehoben. Um die staatlichen Goldvorräte zu erhalten, wurden Banknoten und Münzgeld (Scheidemünzen) seit August 1914 nicht mehr in Gold umgetauscht. Statt Gold wurden nun Schuldverschreibungen des Reiches zugelassen und Darlehenskassen konnten sogenannte Darlehenskassenscheine als Zahlungsmittel in Umlauf geben, wodurch sich die umlaufende Geldmenge stark vermehrte. Die Kriegskosten beliefen sich auf 164 Milliarden Mark und wurden vor allem durch Anleihen finanziert. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Goldmünzen und Wertsachen abzuliefern. Der Anteil der Münzen an der Bargeldmenge sank dadurch im Zeitraum von 1913 bis 1918 von 56 % auf 0,5 %. Unter staatlicher Duldung gaben bereits im Jahr 1914 Städte, Gemeinden und sogar Unternehmen Notgeld-Münzen aus. Zur Deckung der Kriegsfolgelasten und der Reparationszahlungen nach dem Versailler Vertrag mussten laufend neue Kredite aufgenommen werden. Diese Staatsverschuldung führte zu einer enormen Inflation. Als Anfang 1923 die Besetzung des Ruhrgebietes durch belgische und französische Truppen erfolgte und die Reichsregierung mit passivem Widerstand reagierte, wurden für die Streikenden immer mehr Geldscheine gedruckt. Im Vergleich zu 1913 waren die Verbraucherpreise auf das 685fache angestiegen. Löhne und Gehälter konnten mit den rasanten Preisanstiegen nicht mithalten. Bei den Beschäftigten kam es zu Lohneinbußen von bis zu 40 %, Ersparnisse wurden durch die Hyperinflation vollständig entwertet. Eine Stabilisierung wurde durch eine Währungsreform erreicht, die am 15. November 1923 in Kraft trat. Der Kurs für einen Dollar wurde auf 4,2 Billionen Papiermark (= 4,2 Rentenmark) festgelegt. Eine Billion Papiermark entsprach einer Rentenmark. 1924 wurde dann – nach der Umgestaltung der Reichsbank in eine von der Reichsregierung unabhängige Anstalt – die neue Reichsmark eingeführt. Box 9.1: Preisniveau und Geldwert – Die Dynamik der Inflation (1) Inflationsrate (in %) − − − π = ×t t 1 t 1 P P 100 P oder − × neuer Indexstand 1 100 alter Indexstand (2) Geldwert (in %) − × alter Indexstand 1 100 neuer Indexstand Hintergrund: Von einer Inflation wird gesprochen, wenn das Preisniveau (P), d. h. der Durchschnitt aller Güterpreise, im Zeitablauf ansteigt. Formal handelt es sich um die Wachstumsrate des Preisniveaus, die in Form eines Index gemessen wird. Selbst auf den ersten Blick geringe Inflationsraten führen zu einem Geldwertverlust, der dem reziproken Wert der Inflation entspricht. Während „normale“ Inflationen ökonomische Ursachen haben, sind Hyperinflationen – so auch in Deutschland – immer mit schwerwiegenden Erschütterungen der Volkswirtschaft infolge von (Bürger-)Kriegen oder gesellschaftlichen Umbruchssituationen verbunden. Vor allem in Kriegszeiten lassen sich die enormen Kosten mit der Notenpresse relativ leicht finanzieren. Staaten verschulden sich dazu direkt bei der Notenbank, was die Geldmenge massiv ausweitet. In Kriegszeiten nehmen viele Regierungen zudem Kriegsanleihen auf dem Kapitalmarkt auf. Eine hohe Inflation in der Nachkriegszeit sorgt dafür, dass der Realwert der auf nominale Beträge lautenden Schuld sinkt. Eine Schuld von 100 Mio. € ist bei einer Inflation von 100 % nach einem Jahr real nur noch 50 Mio. € wert. Die Staatsverschuldung lässt sich also durch eine massive Nachkriegszeitinflation in kurzer Zeit deutlich reduzieren. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 304 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU304 Hyperinflationen können nur mit Währungs- und Wirtschaftsreformen bekämpft werden, die u. a. folgendes beinhalten können: glaubwürdige Reduzierung von Budgetdefiziten, Unabhängigkeit der Notenbank, Bindung der eigenen Währung an eine andere Währung zur Stabilisierung des Wechselkurses. Ein Positivbeispiel: Die DM-Ära Als weitgehend inflationsfreier Zeitraum gilt die DM-Ära in Deutschland während des Zeitraums 1948 – 1998. Hier lag die Inflationsrate mit durchschnittlich 2,75 % auf einem bemerkenswert niedrigen Niveau (Abb. 9.1). Allerdings können selbst derart geringe Inflationsraten langfristig zu einem beträchtlichen Geldwertverlust führen. So lag der Geldwert der DM 1998 nur noch bei rund ¼ ihres Ausgangswertes im Jahr 1948 (1,027550 = 3,89; 1/3,89 = 0,26 und damit rd. 25 %). Schlagwörter •• Hyperinflation •• Inflationsrate •• Geldwert •• Geldwertverlust •• Preisniveaustabilität 9.2 Inflationsmessung Das Problem der „richtigen Inflationsmessung“ ist ein altes Thema der Ökonomie. Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts wurden erste Abhandlungen zu dieser Thematik verfasst. Auch gegenwärtig findet dieses Thema wieder größere Aufmerksamkeit. Dies liegt einerseits daran, dass herkömmliche Methoden der Inflationsmessung zu einer Überzeichnung des Preisanstiegs führen können. In diesem Fall sind die ver- öffentlichten Inflationsraten nur mit Einschränkungen für den Verbraucher geeignet. Andererseits sind die Notenbanken heute noch stärker als früher auf das Ziel der Preisniveaustabilität verpflichtet. Diese Aufgabe setzt eine korrekte Messung der Inflation voraus. 1948 1958 1968 1978 1988 1998 1948 1958 1968 1978 1988 1998 Geldwert Preisniveau (gemessen am Verbraucherpreisindex) Inflationsrate in % Preisniveau und Geldwert 1948 = 100 Erfolgsgeschichte der D-Mark 1948–1998 Abb. 9.1: Inflationsrate und Geldwertverlust in Deutschland (1948–1998) Quelle: Statistisches Bundesamt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 305 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 305 Inflation wird im alltäglichen Sprachgebrauch häufig mit dem Verlust an Kaufkraft gleichgesetzt. Dies ist korrekt, wenn sich dieser Vergleich auf die Kaufkraft des Geldes bezieht. Davon abzugrenzen ist jedoch die Kaufkraft des verfügbaren Einkommens, die einerseits von den Preisen, zum anderen aber auch von der Entwicklung der Einkommen bestimmt wird. Einen Vergleichsmaßstab liefert z. B. die Umrechnung in die Arbeitszeit, die benötigt wird, um ein bestimmtes Gut kaufen zu können (Kaufkraft der Lohnminute). Um sich z. B. im Jahr 2005 einen Fernseher leisten zu können, musste man deutlich weniger arbeiten als 1991 (Abb. 9.2). Derart langfristige Vergleiche sind natürlich mit Vorsicht zu betrachten, da sich die Qualitäten der Güter ändern können. Methoden der Inflationsmessung stützen sich weniger auf derartige Kaufkraftvergleiche, sondern auf Preisindizes. Mit Hilfe von Preisindizes können Sie Geldbeträge zu unterschiedlichen Zeitpunkten vergleichen. In der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten (www.the-numbers.com/movies/records/worldwide.php) steht auf dem ersten Platz der Film „Avatar“ aus dem Jahr 2009 (Umsatz: 2.783,9 Mill. US-$). „Vom Winde verweht“ aus dem Jahr 1939 steht mit einem Umsatz von 390,5 Mill. US-$ nur auf Rang 148. Bei einer Inflationsbereinigung der Umsätze würde „Vom Winde verweht“ der mit Abstand erfolgreichste Film sein. Bei einer unterstellten Inflation von durchschnittlich 3 % wäre der aktuelle Wert des eingespielten Umsatzes mehr als 3 Mrd. US-$. Preisbereinigungen bieten somit die Möglichkeit, die Höhe aktueller Geldbeträge, wie Umsätze, Gehälter u. a., realistischer einschätzen zu können. Preisindizes bilden die Grundlage für viele wirtschaftspolitische Entscheidungen und dienen der Information der Öffentlichkeit über die Geldentwertung. Für viele Marktteilnehmer spielen sie eine wichtige Rolle beim Abschluss von Verträgen (z. B. Kredite, Mieten). Um die Preisentwicklung auf den verschiedenen Märkten statistisch beobachten und darstellen zu können, gibt es in Deutschland ein nahezu lückenloses System von Preisindizes. Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich auf die Messung der Verbraucherpreise. Gut Einheit 1960 1991 2005 € Std/.Min. € Std./Min. € Std./Min. Mischbrot 1 kg 0,41 0/20 1,82 0/11 2,28 0/10 Hähnchen 1 kg 2,82 2/13 2,60 0/15 2,42 0/11 Kabeljau 1 kg 1,19 0/56 9,67 0/57 13,78 1/01 Zeitungsabo 1 2,13 1/41 12,12 1/12 20,60 1/32 Strom 200 Kwh 12,86 10/07 32,36 3/11 39,54 2/56 Benzin 1 l 0,31 0/14 0,65 0/4 1,20 0/5 Kühlschrank 1 198,89 156/30 309,33 30/27 321,28 23/53 Fernsehgerät 1 446,87 351/38 883,23 79/04 464,05 34/30 PC 1 – – 1.351,28 132/59 248,27 18/35 Nettolohn/Stunde 1,27 10,16 13,45 Kaufkraft der Nettoverdienste So lange musste ein westdeutscher Arbeitnehmer durchschnittlich für den Erwerb eines Gutes arbeiten (in Stunden / Minuten) Abb. 9.2: Kaufkraft der Lohnminute Quelle: IW, Institut der Deutschen Wirtschaft Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 306 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU306 Schlagwörter •• Kaufkraft des Geldes •• Kaufkraft der Lohnminute 9.2.1 Verbraucherpreisindex Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zur Beurteilung der Inflation steht der Verbraucherpreisindex (VPI), der ab dem 1. Januar 2003 nicht mehr differenziert nach verschiedenen Haushaltstypen, sondern nur noch als Durchschnittsgröße ausgewiesen wird. Darüber hinaus gibt es neben dem Verbraucherpreisindex für Deutschland den für die EU bestimmten Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Nehmen wir an, dass der Verbraucherpreisindex in den Jahren 2005 bis 2010 folgende Entwicklung genommen hat: Jahr 2005 2006 2007 2008 2009 2010 Verbraucherpreisindex 100 104 108 112 115 119 Veränderung gegenüber Vorjahr in % – + 4,0 + 3,8 + 3,7 + 2,7 + 3,4 Der Preisindex ist 2010 (119) gegenüber 2009 (115) um 4 Indexpunkte gestiegen. Dies entspricht einer Erhöhung um rund 3,4 % (jährliche Inflationsrate). Insgesamt mussten im Berichtsjahr exakt 19 % mehr für den gleichen Warenkorb als im Basisjahr (2005) gezahlt werden. Die Berechnung des Verbraucherpreisindexes beruht auf einem Warenkorb, den ein „repräsentativer Bürger“ konsumiert. Ausgangspunkt der Berechnung für den Warenkorb eines Basisjahres ist ein Wägungsschema, das etwa 750 Güter zu 12 Hauptgruppen zusammenfasst (Abb. 9.3). Wofür ein repräsentativer Privater Haushalt sein Einkommen ausgibt Abb. 9.3: Wägungsschema (2005) Quelle: Statistisches Bundesamt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 307 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 307 Wir betrachten nachfolgend aus Vereinfachungsgründen einen Warenkorb mit nur drei Gütergruppen: Textilien, Lebensmittel sowie Mieten und Energie. Es liegen für die Jahre 2005 und 2010 folgende Informationen vor: Basisjahr 2005 Berichtsjahr 2010 Gütergruppe Preis p0 Menge qo Ausgabe p0 × q0 Ausgabenanteil v0 Preis pt Menge qt Textilien 20 10 200 20 % (0,2) 28 13 Lebensmittel 5 60 300 30 % (0,3) 6 65 Miete, Energie 100 5 500 50 % (0,5) 110 5 gesamt 1.000 100 % Die Güter(mengen), die den Warenkorb des Basisjahres 2005 bilden, werden im Jahr 2010 mit den aktuellen Preisen bewertet und in Relation zur Ausgabe des Basisjahres gesetzt. Der so ermittelte Preisindex des Jahres 2010 lässt sich wie folgt darstellen: P = (28 × 10 + 6 × 60 + 110 × 5) / (20 × 10 + 5 × 60 + 100 × 5) = (1.190/1.000) = 1,19 Diese Vorgehensweise entspricht der Berechnung mit Hilfe des Preisindex nach Laspeyres (nach E. Laspeyres, 1834–1913): 0 0 0 100tL p q P p q × = × × ∑ ∑ In der Praxis wird normalerweise eine andere Darstellung des Laspeyres-Index verwendet: 0 0 100tL p P v p = × ×∑ Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der Preisindex für die Lebenshaltung die tatsächliche Inflation in Deutschland um bis zu rd. ¾ eines Prozentpunktes pro Jahr zu hoch ausweist (Tab. 9.2). Die Folgen dieser Verzerrung, sind nicht nur aus statistischer Sicht von Bedeutung. Nominelle Transferleistungen (z. B. Renten) oder Mieten, die an die Preisentwicklung gekoppelt sind, werden in diesem Fall zu stark erhöht. Auch die Notenbank muss diese Verzerrungen in ihren Zielvorstellungen von Preisniveaustabilität berücksichtigen. Substitutionsprozesse Probleme bei der Messung entstehen bei zunehmendem Abstand von Vergleichsjahr und Basisjahr (Tab. 9.2). Der Warenkorb wird immer weniger repräsentativ. Dies begründet sich zum einen im veränderten Konsumentenverhalten (Kauf von neuen Gütern, Substitution teurer durch billigere Güter), wie auch in der qualitativen Steigerung der Güter (bessere Computer). Nehmen wir an, Sie trinken jeden Monat je 50 Tassen Kaffee und 50 Tassen Tee zu 2 € und gönnen sich dazu 50 Stücke Kuchen zu 4 €. Steigt nun der Kaffeepreis auf 3 € je Tasse, werden sie ausschließlich Tee konsumieren. Während die Preissteigerung des Warenkorbes ohne Substitution 12,5 % beträgt, tritt im Fall der Substitution gar keine Preissteigerung auf (Tab. 9.3). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 308 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU308 Qualitätsänderungen und hedonische Preismessung Seit einiger Zeit kommen Ansätze der hedonischen Preismessung zum Einsatz, die Preisentwicklungen um Qualitätsveränderungen von Gütern bereinigen (Tab. 9.2). Dazu wird ein Zusammenhang zwischen Verkaufspreis der Güter und Ausstattungsmerkmalen hergestellt, um die jeweiligen Güterpreise anhand ihrer Qualitätsmerkmale beurteilen zu können. Ein Verfahren zur Qualitätsbereinigung ist die Verkettung von Messzahlenreihen in einem überlappenden Zeitraum. Nehmen wir an, in der Preisbeobachtung eines PKW kommt es zu einem Modellwechsel (Tab. 9.4). Wir wollen unterstellen, dass der höhere Preis des neuen Modells allein auf Qualitätsverbesserungen zurückzuführen ist. Wir verketten die Messzahlenreihe auf das Basisjahr, indem wir den Nenner bei der Bildung der Messzahl ab dem Jahr des Modellwechsels um das Verhältnis zwischen neuer und alter Messzahl vergrößern. Auf diese Weise wird der Gesamtquotient verringert. Die gleiche Vorgehensweise lässt sich im Kern anwenden, Betrachtung Anmerkung Warenkorb (p × q) Repräsentative Preise (p) Neue Vertriebsformen des Einzelhandels, z. B. Discounter oder Handel im Internet, bieten Güter oft zu einem günstigeren Preis- Leistungsverhältnis an als die traditionellen Vertriebsformen Repräsentatives Mengengerüst (q) Das eigene Konsumverhalten kann sich deutlich von demjenigen eines repräsentativen Haushalts unterscheiden Struktur des Warenkorbes Gütersubstitution Wenn die Preise einiger Konsumgüter stärker steigen als andere, werden Private Haushalte ihren Konsum von Gütern mit überdurchschnittlichen Preissteigerungen zu Gütern mit unterdurchschnittlichen Preissteigerungen umschichten. Diese Substitutionsvorgänge werden nicht erfasst, weil den relativ preiswerter gewordenen Gütern noch das alte, zu niedrige (Mengen-)Gewicht und nicht das aktuelle, höhere Gewicht beigemessen wird Veränderung der Produktzyklen Viele Güter (z. B. Digital-Kameras) können nach der Markteinführung im Fall steigender Nachfrage zu sinkenden Stückkosten produziert werden. Werden solche Güter erst bei Aktualisierung des Warenkorbes aufgenommen, bleiben Preissenkungen bei der Messung der Teuerung unberücksichtigt Qualitätsveränderungen Preisänderungen, die aus Qualitätsänderungen resultieren, dürfen idealerweise bei der Preismessung nicht berücksichtigt werden Tab. 9.2: Ursachen der verzerrten Inflationsmessung Tab. 9.3: Inflationsmessung mit und ohne Substitution von Gütern 2005 2006 ohne Substitution 2006 mit Substitution Kaffee 50 × 2 € = 100 € 50 × 3 € = 150 € 0 Tee 50 × 2 € = 100 € 50 × 2 € = 100 € 100 × 2 € = 200 € Kuchen 50 × 4 € = 200 € 50 × 4 € = 200 € 50 × 4 € = 200 € Warenkorb 400 € 450 € 400 € Preissteigerung [(450/400) – 1)] × 100 = 12,5 % [(400/400) – 1)] × 100 = 0 % Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 309 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 309 wenn ein Gut aus einem Sortiment wegfällt und durch ein qualitativ vergleichbares Gut ersetzt werden muss. Kerninflation Zur Ausschaltung temporärer Preissprünge lassen sich Kerninflationsraten ausweisen (Abb. 9.4). Dazu werden besonders schwankungsanfällige Gütergruppen aus den Indexberechnungen herausgenommen. Dazu zählen z. B. Heizöl und Kraftstoffe sowie Nahrungsmittel, die u. a. stark von Wechselkursveränderungen, saisonalen Einflüssen und dem Preissetzungsverhalten der Anbieter beeinflusst werden. So könnten sich z. B. in den Tarifverhandlungen unterschiedliche Ergebnisse ergeben, wenn die Kerninflationsrate als Basis herangezogen würde und diese unterhalb der „normalen“ Inflationsrate liegt. Auch die Notenbank stützt sich bei ihren geldpolitischen Entscheidungen häufig auf Kerninflationsraten, da sie davon ausgeht, dass temporäre externe Preisschocks und jahreszeitliche Schwankungen die mittelfristige Preisniveaustabilität nicht gefährden. Tab. 9.4: Inflationsmessung mit und ohne Qualitätsänderungen von Gütern Quelle: Backes, 2005 Preise/Messzahlen Beobachtungsjahr 2005 2006 2007 (Modellwechsel) 2008 Preis altes Modell 20.000 € 20.600 € 22.000 € – Preis neues Modell – – 23.000 € 23.500 € Messzahl unbereinigt 100 103 110 altes Modell 115 neues Modell 117,5 neues Modell Messzahl bereinigt 100 103 110 = 115/(115/110) 112,4 = 117,5/(115/110) Einzelne Gütergruppen sind stärker durch Preisveränderungen betroffen Die Verwendung der Kerninflationsrate geht von der Annahme aus, dass temporäre externe Preisschocks und jahreszeitliche Schwankungen das Preisniveau mittelfristig nicht beeinflussen. VPI – Alle Gütergruppen Kerninflationsrate • Energiepreise • Saisonabhängige Lebensmittelpreise Abb. 9.4.: Verbraucherpreisindex und Kerninflationsrate Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 310 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU310 Schlagwörter •• Wägungsschema •• Warenkorb •• Laspeyres-Preisindex •• Verzerrte Inflationsmessung •• hedonische Preismessung 9.2.2 Inflationswahrnehmung und gefühlte Inflation Als 2002 das Euro Bargeld eingeführt wurde, gab es in vielen Ländern Klagen über massive Preiserhöhungen. Viele Medien berichteten ausführlich über den „Teuro“. Gleichzeitig konnte die europäische Statistikbehörde EUROSTAT Preisniveaustabilität registrieren. Offensichtlich klafft eine Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Inflation in der Bevölkerung und den harten Fakten der offiziellen Statistik. Ausgehend von Wetterberichten, die einen Unterschied zwischen tatsächlichen und gefühlten Temperaturen (– 10° = gefühlte – 20°) ausweisen, gibt es den Index der gefühlten Inflation, der den Unterschied zur offiziellen Statistik ausdrücken soll. Auch einige Jahre nach der Einführung des Euro liegt die wahrgenommene Inflation deutlich oberhalb der statistisch ausgewiesenen Inflation, so dass es sich nicht um ein einmaliges Phänomen handelt (Abb. 9.5). Die Inflationsmessung durch den VPI bzw. HVPI behandelt Abweichungen der Preise symmetrisch, d. h. eine Preiserhöhung von 1 € wird ebenso behandelt wie eine Preissenkung von 1 €. Preiserhöhungen und Preissenkungen werden also gegeneinander verrechnet. Damit misst die Statistik nicht, was die Menschen als Inflation wahrnehmen. Dies ist nicht überraschend, denn wir haben im Kapitel zuvor gelernt, dass die Messung durch den Verbraucherpreisindex verzerrt ist. Die Theorie der Inflationswahrnehmung ist jedoch keine Kritik am Vorgehen des Verbraucherpreisindex, sondern sie beurteilt die Inflation aus Sicht des Konsumenten. Theoretische Basis der Inflationswahrnehmung ist die Prospekt-Theorie, die u. a. von Daniel Kahnemann als Modell des individuellen Entscheidungsverhaltens bei Risiko entwickelt wurde (Abb. 9.6). Er erhielt im Jahr 2002 den Nobelpreis „für das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung Verbraucherpreise und öffentliche Wahrnehmung der Inflation wahrgenommene Inflation in % Inflationsrate in % Einführung € als Bargeld Abb. 9.5: Index der gefühlten Inflation Quelle: Brachinger, 2006 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 311 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 311 in die Wirtschaftswissenschaft, besonders bezüglich Beurteilungen und Entscheidungen bei Unsicherheit.“ Die Käufe von Gütern erfolgen isoliert und Preisveränderungen werden in der Regel nicht miteinander verrechnet. Es ist aus psychologischen Studien bekannt, dass Konsumenten Preisveränderungen nicht symmetrisch wahrnehmen. Gewinne und Verluste werden entsprechend einer Wertefunktion (V) bewertet, und zwar Verluste relativ höher als Gewinne (Verlustaversion). Verbraucher kodieren in ihrer Wahrnehmung die Preise der gekauften Güter zudem zu Referenzpreisen. Haben Sie für eine Tankfüllung z. B. einen Referenzpreis von 50 € und bezahlen Sie 25 % mehr, so werden Sie dies gedanklich häufig als Preiserhöhung von 50 % wahrnehmen. Bezahlen Sie hingegen nur 40 € (= – 25 %), so werden Sie dies zwar als Gewinn speichern, jedoch häufig als prozentual geringere Preissenkung wahrnehmen. Bei der Bewertung der Gewinne und Verluste verhält sich der Verbraucher also asymmetrisch, indem Verluste höher und Gewinne tiefer bewertet werden. Die wahrgenommene Inflation ist kein theoretisches Konstrukt, sondern sie lässt sich ebenso messen wie die vom Statistischen Bundesamt ausgewiesene (amtliche) Inflation. Dazu werden formal folgende Annahmen getroffen: •• Die besonders häufig gekauften Güter werden stärker gewichtet. Diese Kaufhäufigkeiten lassen sich relativ genau ermitteln. •• Preiserhöhungen werden gemäß der Verlust-Aversion höher bewertet. Beispielsweise bedeutet eine Verlust-Aversion von 2, dass eine 10-prozentige Preiserhöhung als 20-prozentige Preiserhöhung wahrgenommen wird. Kahnemann, Daniel 1934 – (Israel/USA) © Nobel Foundation –25% auf 40 € + 25% auf 62,5% Wie die Menschen Preisveränderungen wahrnehmen tatsächliche Preisveränderung wahrgenommene Preisveränderung Referenzpreis: Tankfüllung 50 € wahrgenommen: + 50% = 75 € wahrgenommen: – 10% = 45 € Abb. 9.6: Wertfunktion des Index der wahrgenommenen Inflation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 312 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU312 Kaufhäufigkeit von Gütern und Einkommenshöhe Nehmen wir an, ein Roggenmischbrot zu 750 Gramm, das täglich gekauft wird, kostet im Januar 2009 1,85 €. Ein Jahr später kostet das Brot 1,90 €. Die jährliche Autoinspektion hat sich im gleichen Zeitraum von 200 € auf 220 € verteuert:. Roggenbrot Autoinspektion Januar 2009 1,85 € 200 € Januar 2010 1,90 € 220 € Verteuerung absolut +10 Cent +20 € Verteuerung relativ +2,7 % +10 % Kaufhäufigkeit im Jahr 365 1 Belastung des Budgets im Jahr 36,50 € 20 € Welche Bedeutung haben diese Preisveränderungen für den Konsumenten? Spontan würden Sie sicher sagen, dass 10 Cent mehr für den Kauf eines Brotes ja nicht viel sind, während 20 € für die Inspektion doch schon deutlich zu Buche schlagen. Gewichtet mit der Kaufhäufigkeit kostet Sie die Verteuerung des Brotes im Jahr jedoch 36,50 € und belastet das Budget relativ stärker als die Autowerkstatt. Es ist also wichtig, welches Gewicht die einzelnen Güter innerhalb des monatlichen oder jährlichen Gesamtbudgets einnehmen. Die wahrgenommene Teuerungsrate berechnet der Haushalt also in der Regel nicht im Rahmen einer umfassenden Bilanz am Ende des Monats oder eines Jahres. Er bekommt sie vor Ort beim Einkauf zu spüren. Je häufiger er Käufe von bestimmten Gütern tätigt, die deutlich teurer geworden sind (z. B. Lebensmittel), umso stärker nimmt er die Teuerung war. Schwieriger wird die Betrachtung bei langlebigen Gebrauchsgütern. Wie würden Sie z. B. vorgehen, wenn Sie sich nach 5 Jahren einen neuen Fernseher kaufen, der in Relation zum alten Gerät zudem noch um 100 € billiger geworden ist? Preissenkungen im Vergleich zum alten Gerät wird ein Konsument kaum richtig interpretieren können, da der Kauf lange zurück liegt und die Güter sich auch in der Leistungsfähigkeit deutlich voneinander unterscheiden. Preisrückgänge bei Gütern, die selten oder nicht im Rahmen eines expliziten Kaufaktes erworben werden (z. B. Mietzahlungen), haben also nur einen geringen Effekt auf die Inflationswahrnehmung. Der Index der gefühlten Inflation liegt für viele Menschen häufig oberhalb der statistisch ausgewiesenen Inflation, die nur einen Durchschnittswert abbildet. Auch das jeweilige Einkommen hat einen Einfluss auf das Ausmaß der gefühlten Inflation. Betrachten wir dazu zwei Haushalte, die monatlich ein durchschnittliches bzw. geringes Einkommen zur Verfügung haben und vollständig verausgaben. Unterschiedlich ist in unserem Beispiel u. a. der relative Anteil der täglich konsumierten Lebensmittel im Budget. Warenkorb Durchschnitt Geringverdiener Lebensmittel 500 (= 12,5 %) 500 (= 33,3 %) Miete, Energie 1.000 (= 25 %) 500 (= 33,3 %) Sonstiges 2.500 (= 62,5 %) 500 (= 33,3 %) Summe der Ausgaben 4.000 (= 100 %) 1.500 (= 100 %) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 313 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 313 Wenn wir jetzt annehmen, dass sich die Lebensmittelpreise von 500 € auf 1.000 € verdoppeln, so führt dies zwar bei beiden Einkommensgruppen zu einer Steigerung des Anteils um 100 %. Beide Einkommensgruppen dürften jedoch diesen Anstieg deutlich anders erleben, da Geringverdiener jetzt z. B. keine sonstigen Käufe mehr tätigen können. Warenkorb Durchschnitt Geringverdiener Lebensmittel 1.000 (= 25 %) 1.000 (= 67,7 %) Miete, Energie 1.000 (= 25 %) 500 (= 33,3 %) Sonstiges 2.000 (= 50 %) – Summe der Ausgaben 4.000 (= 100 %) 1.500 (= 100 %) Der Index der gefühlten Inflation soll die amtliche Statistik nicht ersetzen. Der VPI bzw. HVPI bildet die Referenz für die Beurteilung der Preisniveaustabilität aus Sicht der Geldpolitik. Für andere Fragestellungen ist hingegen die wahrgenommene Inflation wichtiger. Aus ökonomischer Sicht ist ein Auseinanderfallen zwischen tatsächlicher und gefühlter Inflation allerdings nicht unproblematisch. Nur wenn sich die von den Verbrauchern gefühlten Preissteigerungen an die tatsächliche Inflation anpassen, ist z. B. damit zu rechnen, dass bei sinkenden Inflationsraten die Binnenkonjunktur belebt wird. Auch könnten einzelne Gruppen für sich mehr Einkommen mit dem Hinweis fordern, dass Nahrungsmittel in ihren Budgets ein besonders hohes Gewicht haben. Gewerkschaften könnten mit diesen Zahlen höhere Lohnforderungen begründen. Ergebnis könnte dann genau das sein, was eigentlich alle vermeiden wollen: eine höhere Inflation. Schlagwörter •• gefühlte Inflation •• Kaufhäufigkeit •• Inflationswahrnehmung 9.3 Kosten der Inflation Unabhängig von der Art der Messung haben hohe Inflationsraten sowie andauernde Inflationsprozesse eine Reihe „unerwünschter Nebenwirkungen“. Eine Inflation ist verdeckt, wenn die Preise durch staatliche Eingriffe künstlich konstant gehalten werden oder – wie in den früheren sozialistischen Ländern – kein entsprechendes Güterangebot zur Verfügung steht. Kennzeichen sind z. B. lange Schlangen vor den Geschäften oder Rationierungen von Gütern. In der Regel werden im Falle der offenen Inflation Zuwächse bis zu einer jährlichen Rate von 5 % als schleichende, bis zu 10 % als trabende und darüber hinaus als galoppierende Inflation bezeichnet (Abb. 9.7). Als Extremfall gilt die Hyperinflation mit einem Zuwachs von mehr als 50 % im Monat. Die Inflation führt zu einem Auseinanderfallen von nominalen und realen Größen. Nehmen wir an, Sie haben einen Betrag von 20.000 € zur Verfügung, den Sie in einem Jahr zu einem nominalen Zins von 6 % anlegen können. Nach einem Jahr erhalten Sie einen Betrag von 20.000 € × 1,06 = 21.200 € zurück. Was können Sie sich real für diesen Betrag nach einem Jahr kaufen? Es ist leicht einsehbar, dass die Beantwortung dieser Frage von der erwarteten Inflation abhängt. Liegt diese z. B. bei 4 %, dann beträgt die Kaufkraft Ihres in einem Jahr erwarteten Geldbetrages nur noch 20.385 €. Die reale Verzinsung Ihrer Anlage sinkt dadurch auf rund 2 %. Sie können an diesem Beispiel Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 314 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU314 erkennen, dass die Differenz zwischen realer und nominaler Verzinsung in etwa der erwarteten Inflationsrate entspricht. Anlagebetrag für ein Jahr zu einem Nominalzins von 6 % 20.000 € Rückzahlung nach einem Jahr 21.200 € Realer Wert bei Inflationsrate von z. B. 4 % 21.200 €/1,04 = 20.385 € Realer Zins (20.385/20.000 – 1) × 100 = 1,925 % Der Realzins und die Inflationserwartung der Wirtschaftsteilnehmer sind im Gegensatz zum Nominalzins keine beobachtbaren Größen. Aus diesem Grund wird in der Praxis häufig mit dem ex-post Realzins gearbeitet. Der Realzins wird dann mit der bereits eingetretenen Inflationsrate berechnet. Diese Ungenauigkeit bei der Bestimmung ist gering, wenn sich Inflationsraten kurzfristig nicht sprunghaft verändern. Im Fall von Erwartungsfehlern unterscheiden sich ex-post und ex-ante Realzinsen. Nur in Zeiten stabiler Preise, d. h. bei einer Inflationsrate von Null, sind Nominalzins und Realzins gleich. In der Regel steigt der Nominalzins bei einer Zunahme des Preisniveaus. Ist dieser Zusammenhang proportional, haben monetäre Veränderungen keine Auswirkungen auf den Realzins, d. h. Geld wäre sozusagen neutral (Fisher-Effekt, Box 9.2). Steigt die Inflationsrate in unserem Zahlenbeispiel von 4 % auf 5 % – d. h. um einen Prozentpunkt – dann sinkt der Realzins bei konstantem Nominalzins um rund 1 %. Anlagebetrag für ein Jahr zu einem Nominalzins von 6 % 20.000 € Rückzahlung nach einem Jahr 21.200 € Realer Wert bei Inflationsrate von 5 % 21.200/1,05 = 20.190 € Realer Zins (20.190/20.000 – 1) × 100 = 0,95 % Kriterium Ausprägung Erkennbarkeit Dauer verdecktoffen temporär (auf einen Konjunkturzyklus beschränkt) permanent Ausmaß schleichend: bis 5% (pro Jahr) trabend: bis 10% (pro Jahr) galoppierend: bis 20% (pro Jahr) Hyperinflation: über 50% (pro Monat) Herkunft „hausgemacht“(binnenwirtschaftlich) außenwirtschaftlich Ausprägungen der Inflation Abb. 9.7: Merkmale einer Inflation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 315 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 315 Im Extremfall kann der Realzins sogar negativ werden. Der Gläubiger eines Geldkreditgeschäfts verliert in diesem Fall Kapital. Box 9.2: Fisher-Effekt – Zinsen und Inflationserwartungen Haben Marktteilnehmer gleiche Vorstellungen über den Umfang der Geldentwertung, schlagen sich Änderungen der erwarteten Inflationsrate in entsprechenden Veränderungen des nominalen Zinssatzes nieder (Fisher-Effekt). Es gilt: (1) (1 + inominal) = (1 + ireal) × (1 + πe) Umgestellt nach inominal ergibt sich: (2) inominal = ireal + πe + ireal × πe Bei geringer Inflation ist der letzte Summand gering, so dass approximativ gilt: (3) inominal = ireal + πe Hintergrund: Der in Verträgen festgelegte Zins ist der Nominalzins. Der Realzins lässt sich erst ex-post berechnen. Er gibt die Verzinsung in Gütereinheiten an und bestimmt maßgeblich Investitions-, Spar- und Konsumentscheidungen. Nominal- und Realzins sind durch Inflationserwartungen miteinander verknüpft. In der Praxis wird kurzfristig mit der bereits eingetretenen Inflationsrate gearbeitet. Schlagwörter •• schleichende, trabende, galoppierende Inflation •• realer, nominaler Zins •• Fisher-Effekt 9.3.1 Verlust von Geldfunktionen In Zeiten der Inflation verliert Geld nach und nach seine Funktionen. Die grundlegende Funktion als allgemeines Tauschmittel lässt sich verstehen, wenn Sie sich z. B. eine Volkswirtschaft mit nur drei Personen ohne Geld vorstellen: Person fragt nach bietet an Schneider Brot Kleidung Bäcker Schuhe Brot Schuster Kleidung Schuhe Alle Personen können ihre Bedürfnisse nicht durch direkten Tausch befriedigen. Der Tauschvorgang lässt sich nur indirekt durchführen. Derjenige, von dem ich etwas kaufen will, muss gerade das benötigen, was ich anbiete. Diese doppelte Koinzidenz der Wünsche ist nur selten erfüllt – zum Nachteil des Professors, der jemanden finden müsste, der z. B. Brot gegen eine Unterrichtsstunde der Makroökonomie tauschen würde. Die Zahl der Preisverhältnisse ohne Geld mit n Produkten beträgt: (n – 1) × n/2. In einer Geldwirtschaft, in der Geld als Bezugsbasis oder Numéraire zur Verfügung steht, reduziert sich diese Zahl auf: (n – 1). Dies bedeutet beispielsweise, dass in einer Volkswirtschaft mit 750 Produkten ohne Geld 280.875 Austauschverhältnisse existieren würden, mit Geld nur noch 749. Geld erfüllt darüber hinaus folgende Funktionen: •• Geld als Recheneinheit dient als Maßstab, um Preise anzugeben. Ein T-Shirt kostet beispielsweise 20 €, ein Big Mac 2 €. Auf diese Weise können die Preise verschiedener Güter verglichen werden. Ein T-Shirt ist zehnmal so teuer wie ein Big Mac. •• Geld als Wertaufbewahrungsmittel ermöglicht es, Kaufkraft aus der Gegenwart in die Zukunft übertragen zu können (z. B. Sparen für den späteren Hausbau). Geld dient als Liquiditätsreserve, die notwendig ist, weil z. B. Einkommen nur in Intervallen bezogen wird, Ausgaben jedoch täglich oder unverhofft anfallen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 316 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU316 •• Geld dient als Kreditübertragungs- und Schuldentilgungsmittel, das eine Kaufkraft- übertragung vom Gläubiger auf den Schuldner ermöglicht, z. B. Kreditaufnahme zur Finanzierung eines Autos. Bereits bei Preissteigerungen zwischen fünf und zehn Prozent zeigt die Inflation ihr „hässliches Gesicht“. Sie verfälscht die Preissignale und gefährdet die Funktionsfähigkeit des Preismechanismus (Abb. 9.9). Sie täuscht falsche Knappheiten vor und lenkt die Güter und Produktionsfaktoren in ineffiziente Verwendungen. In Zeiten zerrütteter Währungsverhältnisse – wie etwa in Deutschland nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg – kommt es zu einer Trennung der Zahlungsmittel- und Tauschmitteleigenschaft des Geldes. Das Geld muss zwar nach wie vor zur Begleichung von Schulden akzeptiert werden, wird aber im privaten Wirtschaftsverkehr nicht mehr als Tausch- Äpfel (1kg) Bier (0,5 l) Schuhe Geld-Gut (1 Euro) Äpfel – 1,25 kg Äpfel 50 kg Äpfel 0,5 kg Äpfel Bier 0,4 l Bier – 20 l Bier 0,2 l Bier Schuhe 1/50 Schuhe 1/40 Schuhe – 1/100 Schuhe Geld-Gut 2,00 2,50 100 1 Geld erleichtert die Umrechnung von Gütereinheiten Abb. 9.8: Preisrelationen ohne und mit Geld Auswirkungen der Inflation auf den Preis einer CD, die heute 10 € kostet Berechnung: 10 € × (1 + Inflationsrate)n Inflationsrate pro Jahr 1% 2% 5% 10% 30% Preis bei Preisniveaustabilität (in €) Preis bei einem inflationären Umfeld (in €) 1 Jahr später 10,10 10,20 10,50 11,00 13,00 2 Jahre später 10,20 10,40 11,03 12,10 16,90 3 Jahre später 10,30 10,61 11,58 13,31 21,97 4 Jahre später 10,41 10,82 12,16 14,64 28,56 5 Jahre später 10,51 11,04 12,76 16,11 37,13 10 Jahre später 11,05 12,19 16,29 25,94 137,86 Abb. 9.9: Inflation und Preisentwicklung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 317 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 317 mittel verwendet, sondern durch ausländische, wertstabile Währungen oder Waren (z. B. Zigarettenwährung) ersetzt. Menükosten Für viele Unternehmen ist es nicht einfach, Preise laufend anzupassen. Jede Anpassung ist mit Kosten, sogenannte Menükosten, verbunden, z. B. durch das Drucken neuer Kataloge und Preislisten oder erneute Preiskalkulationen. Zudem entsteht Unmut durch dauernde Preisänderungen bei den Konsumenten. Viele Unternehmen setzen daher ihre Preise für längere Perioden fest. Aufgrund dieser Menükosten passen Unternehmen ihre Preise nur so oft an, wie unbedingt notwendig. Schuhsohlenkosten Die Inflation lässt sich als versteckte Steuer auf die Geldhaltung interpretieren. Wenn Sie Bargeld halten (oder zinslose Sichtguthaben) nehmen Sie einen finanziellen Rückgang ihrer Geldwerte hin, wenn das Preisniveau steigt – gerade so, als wenn ein Teil ihres Geldwertes durch eine Steuer reduziert würde. Je höher die erwartete Inflationsrate ist, desto weniger Bargeld werden die Menschen nachfragen. Sie müssen dann öfter zur Bank gehen, um Bargeld abzuheben. Diese Unannehmlichkeiten und Kosten, die aus einer reduzierten Bargeldhaltung entstehen, werden als sogenannte Schuhsohlenkosten bezeichnet, denn der häufige Gang zur Bank nutzt die Schuhe schneller ab. Ökonomisch gesprochen, könnten wir sagen, dass reduzierte Bargeldhaltung höhere Transaktionskosten verursacht. Nehmen wir an, die Inflationsrate sei Null, der Marktzins für Bankeinlagen betrage 2 % und Sie möchten 1.000 € an Bargeld halten. In einem solchen Fall würden die Opportunitätskosten der Geldhaltung (d. h. der Verzicht auf Zinsen) 20 € betragen. Nun sei angenommen, dass die Nominalzinsen auf Bankeinlagen aufgrund einer höheren Inflation auf 10 % steigen. Wenn Sie noch immer 1.000 € an Bargeld halten wollen, erhöhen sich die Opportunitätskosten der Geldhaltung auf 100 €. In der Regel werden Menschen dann die Bargeldhaltung reduzieren, um die Opportunitätskosten zu senken. Nachteilig sind dann die größeren „Schuhsohlenkosten“, weil Sie dann aber im gleichen Zeitabschnitt häufiger Bargeld bei ihrer Bank abheben müssen. Generell kann man also feststellen: je höher der Zinssatz ist, desto geringer ist die Bargeldnachfrage, d. h. die Geldnachfrage ist zinselastisch. Verzerrungen von Anreizsystemen Nehmen wir an, Sie werden gefragt, wie lang der Meter im nächsten Jahr sein sollte. Sie würden sicherlich antworten, dass er möglichst gleich bleiben soll, weil das Leben sonst komplizierter wird. Bei der Inflation verhält es sich ähnlich. Das Geld, die Maßeinheit für den Wert aller Güter, verändert andernfalls seine Gewichtung und trägt zur Verzerrung von Anreizen bei. Betrachten wir als Beispiel ein Steuersystem, bei dem die Ersparnisse besteuert werden. Der Ertrag des Sparens liegt darin, dass Sie heute auf Konsum verzichten und sich zukünftig mehr leisten können. Entscheidend ist ein positiver Realzins, denn nur dieser steigert Ihre Kaufkraft. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass in der Regel nicht der Realzins, sondern der Nominalzins besteuert wird. Selbst bei einer geringen Inflation kann dies dazu führen, dass die effektive Belastung des Realzinses höher ausfällt. Betrachten wir nun zwei Länder, in denen keine bzw. eine Inflation von 8 % herrscht (Tab. 9.5): Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 318 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU318 Der Unterschied zwischen Realzinsen vor und nach Steuern in B-Land beträgt 3 Prozentpunkte (= 4 % – 1 %). Somit ergibt sich eine Besteuerung der Realzinsen von 75 % (!). Je höher die Inflationsrate ist, desto größer ist der Kaufkraftverlust durch die Besteuerung und desto stärker wird die Sparneigung verzerrt. Inflation und Steuerbelastung wirken sich also auf die Rendite des Kapitals aus. Je höher beide sind, desto höhere Renditen müssen erzielt werden, damit sich das Kapital vermehrt (Tab. 9.6). Ebenfalls verzerrend ist es, wenn inflationsbedingt gestiegene Einkommen aufgrund der Progression des Steuersystems höher versteuert werden, ein Phänomen, das als kalte Progression bezeichnet wird. Schlagwörter •• Funktionen des Geldes •• Menükosten •• Schuhsohlenkosten der Inflation Tab. 9.5: Realzins, Nominalzins, Besteuerung und Inflation A-Land B-Land Realzins 4 % 4 % Inflationsrate 0 % 8 % Nominalzins (= Realzins + Inflationsrate) 4 % 12 % Steuersatz 25 % 25 % Nominalzins nach Steuern (= (1 – Steuersatz) × Nominalzins) 3 % 9 % Realzins nach Steuern (= Nominalzins nach Steuern abzüglich Inflationsrate) 3 % 1 % Allgemein gilt: Realzins nach Steuern = (1 – Steuersatz) × Nominalzins – Inflationsrate Tab. 9.6: Renditen, Besteuerung und Inflation Steuersatz erforderliche nominale Rendite bei einer jährlichen Inflationsrate von 3 % 4 % 5 % 6 % 30 % 4,29 % 5,71 % 7,14 % 8,57 % 35 % 4,62 % 6,15 % 7,69 % 9,23 % 40 % 5,00 % 6,67 % 8,33 % 10,00 % 45 % 5,45 % 7,27 % 9,09 % 10,91 % 50 % 6,00 % 8,00 % 10,00 % 12,00 % Lesebeispiel: Bei einem Steuersatz von 50 % und einer Inflationsrate von 4 % müssen Sie für Ihren Kaufkrafterhalt (also einem Realzins nach Steuern von Null) eine Rendite von 8 % erreichen. (1.000 € heute sind bei einer Rendite von 8 % morgen 1.080 €. Da die Besteuerung der nominalen Rendite 50 % beträgt, ergibt sich ein Betrag nach Steuern von 1.040 €. Bei einer Inflationsrate von 4 % ist somit die Kaufkraft erhalten geblieben. Erst bei einer höheren Rendite erhöht sich die Kaufkraftkraft des Kapitals.) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 319 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 319 9.3.2 Umverteilungseffekte Unternehmen, Gewerkschaften, Banken und Kreditnehmer sind bestrebt, die erwartete Inflation in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen. Besonders problematisch ist eine unerwartete Inflation. Sie führt zu einer Umverteilung von Einkommen und Vermögen. Umverteilungseffekte Die meisten Menschen betrachten vor allem die Besteuerung als Größe, die ihr Einkommen schmälert. Der Einfluss der Inflation wird häufig unterschätzt. Eine Inflation verändert die Einkommensverteilung, wenn die Einkommen gar nicht oder nicht rechtzeitig an die Inflationsrate angepasst werden (Tab. 9.7). Wenn z. B. ein Arbeitnehmer mit einem Monatslohn von 4.000 € (brutto) eine jährliche nominale Gehaltserhöhung von 2 % erhält, dann entspricht dies einer Erhöhung auf 4.080 €. Beträgt die Inflationsrate 3 %, ergibt sich eine reale Erhöhung um rund –1 % ([102/103 – 1] × 100 = –0,971 %). Die verzögerte Anpassung der Löhne an die Inflationsrate wird als wage-lag bezeichnet. Der transfer-lag bezeichnet die verzögerte Anpassung der Festeinkommen (z. B. Renten, Bafög). Wird beispielsweise eine Rente von 2.000 € drei Jahre lang nicht an die Inflationsrate angepasst, dann beläuft sich der reale Wert der Rente bei einer Inflationsrate von 3 % pro Jahr nach 5 Jahren auf nur noch rund 1.725 € (= 2000/1,035). Während Schuldner von einer unerwarteten Inflation profitieren, erfahren Gläubiger Verluste. Betrachten Sie dazu folgendes Beispiel: Sie wollen ein Haus bauen, das 360.000 € kostet. Die Grundstückskosten betragen 80.000 €, die Bau(neben)kosten insgesamt 280.000 €. Zur Finanzierung stehen 60.000 € an Eigenkapital zur Verfügung. 300.000 € stellt Ihnen Ihre Hausbank als Hypothek bereit. Die tatsächliche Belastung ist ganz wesentlich von der Höhe der Inflationsrate abhängig, deren Verlauf naturgemäß unsicher ist. Liegt die tatsächliche Inflation unterhalb der im Vertrag unterstellten Inflation, die im Nominalzins zum Ausdruck kommt, dann ist die reale Belastung höher als erwartet. Liegt die tatsächliche Inflation oberhalb der im Vertrag unterstellten Inflation, werden Zins und Tilgungsraten sowie die Restschuld stärker entwertet als erwartet (Tab. 9.8). Bei langen Zinsbindungsfristen ist dies vor allem für den Darlehensgeber problematisch. In der Regel besteht die Auffassung, dass das Sachvermögen in Form von Immobilien einen Schutz gegen Inflation bietet. Studien zeigen jedoch, dass diese Auffassung nicht immer richtig ist, z. B. wenn der Wertzuwachs der Immobilien unterhalb der Inflationsrate liegt. Die Erklärung liegt im Verhalten der Notenbank begründet. Wenn die Tab. 9.7: Auswirkung der Inflation auf die Kaufkraft Wert von 100 € nach … Jahren bei einer Inflationsrate von 3 % 4 % 5 % 5 Jahre 86,20 € 82,19 € 78,37 € 10 Jahre 77,40 € 67,57 € 61,38 € 20 Jahre 55,37 € 45,66 € 37,69 € 30 Jahre 41,20 € 30,83 € 23,13 € 40 Jahre 30,65 € 20,83 € 14,20 € Lesebeispiel: Bei einer Inflationsrate von 4 % ist von der heutigen Kaufkraft von 100 € in 20 Jahren nur noch eine Kaufkraft von 45,66 € vorhanden: 100/1,0420 = 45,66 € Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 320 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU320 Inflation zunimmt, heben die Notenbanken in der Regel die Leitzinsen an. Dadurch steigen in der Folge die Finanzierungskosten, die Nachfrage nach Immobilien geht zurück und damit auch ihr Preis. Zinseszins, Sparen und Inflation „Die größte mathematische Erfindung des menschlichen Geistes? – Die Zinseszinsen!“ – so Albert Einstein (1879–1955). Diese Aussage des berühmten Physikers ist durchaus verständlich. Zins und Zinseszins können bereits aus relativ kleinen Beträgen im Verlauf der Zeit ein ansehnliches Vermögen machen (vgl. Box 9.3; Tab. 9.9). Als Zinseszins bezeichnet man einen Zins, der für bereits gutgeschriebene Zinsen einer früheren Berechnungsperiode gezahlt wird. Kurz gesagt, handelt es sich also um einen Zins auf den Zins. Nicht nur die ursprüngliche Summe wird verzinst, sondern auch die jährlichen Zinsen auf diese Summe. Daraus folgt, dass der verzinsliche Betrag jedes Jahr steigt. Fall 1 Fall 2 Fall 3 erwartete Inflationsrate 4 % 4 % 4 % Nominalzins (= erwartete Inflation + Realzins) 7 % 7 % 7 % Tilgungsprozentsatz 1 % 1 % 1 % jährliche Belastung, nominal 300.000 × 0,08 = 24.000 € 300.000 × 0,08 = 24.000 € 300.000 × 0,08 = 24.000 € tatsächliche Inflationsrate 4 % 5 % 3 % jährliche Belastung, real 24.000 € / 1,04 = 23.077 € 24.000 € / 1,05 = 22.857 € 24.000 € / 1,03 = 23.301 € Tab. 9.8: Zahlenbeispiel zur Bedeutung der unerwarteten Inflation Tab. 9.9: Zinseszinseffekt (Angaben in €) Wert einer monatlichen Einzahlung von 100 € bei einem Zinssatz von Dauer in Jahren 4 % 5 % 6 % 7 % 8 % 9 % 1 1.226 1.233 1.239 1.246 1.252 1.259 10 14.719 15.502 16.331 17.208 18.137 19.120 15 24.549 26.596 28.839 31.298 33.994 36.951 20 36.508 40.754 45.577 51.060 57.294 64.385 25 51.058 58.824 67.977 78.777 91.529 106.596 30 68.760 81.886 97.953 117.651 141.831 171.543 35 90.298 111.320 138.068 172.174 215.741 271.472 40 116.501 148.886 191.750 248.646 324.339 425.225 45 148.382 196.830 263.589 355.901 483.905 661.793 50 187.170 258.021 359.726 506.332 718.360 1.025.783 Lesebeispiel: Bei einer regelmäßigen Anlage von 100 € jeweils am Monatsanfang, einer Laufzeit von 30 Jahren und einer unterstellten Verzinsung von 6 % ergibt sich einschließlich Zinseszins ein Endbetrag von rund 97.953 €. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 321 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 321 Einstein hat bei dieser Aussage sicher im Blick gehabt, dass das menschliche Gehirn Schwierigkeiten hat, exponentielle Entwicklungen richtig einzuschätzen. Inflation und Zinseszins sind Musterbeispiele dafür. Wenn die Inflationsrate 4 % pro Jahr beträgt, dann ergibt dies über 10 Jahre eine Preissteigerung von 48 % und nicht nur von 40 %. Über 30 Jahre sind es bereits 224 % und über 50 Jahre 611 %. Durch diesen Effekt zahlt sich bereits ein früher Einstieg in die Altersvorsorge aus. Betrachten wir ein Beispiel: Wenn Sie 30 Jahre lang monatlich 100 € zu 6 % anlegen, können Sie zum Ablauf dieser Zeit über fast 100.000 € verfügen (Tab. 9.9). Davon kommen nur 36.000 € aus Ihrem Geldbeutel, die restlichen rund 64.000 € sind Zins- und Zinseszinserträge. Entscheidend für einen solchen Vermögenszuwachs ist eine langfristige Strategie, denn erst dann entfaltet der Zinseszinseffekt seine volle Wirkung. Auch der Zinseszins berücksichtigt wie die Inflationsrate, dass der Vorjahreswert immer als Grundlage in die Berechnung des nächsten Jahres mit eingeht. Je höher der Prozentsatz und je länger der Zeitraum, desto stärker der Effekt. Beispielsweise wird bei sieben Prozent Zinsen aus 10.000 € nach gut zehn Jahren das Doppelte. Nach zwanzig Jahren hat sich der Betrag vervierfacht und nach 25 Jahren mehr als verfünffacht. Vor allem in langfristiger Sicht erweisen sich selbst auf den ersten Blick geringe Inflationsraten als schleichendes Gift. Viele Menschen unterschätzen das Auseinanderfallen von nominalen und realen Größen, d. h. sie unterliegen einer Geldillusion. Ökonomische Fehlentscheidungen sind vorprogrammiert. Die Inflation lässt daher auch eine private Altersvorsorge nicht unberührt. Nehmen wir an, Sie möchten als heute 30-jähriger ab dem 65. Geburtstag 50 % des heutigen Lebensstandards durch eine private Altersvorsorge abdecken. Sie geben derzeit 3.000 € im Monat aus. Sie ignorieren die zukünftige Inflation und legen Geld auf einem Sparbuch mit 3 % an. Am Ende eines jeden Monats zahlen Sie 300 € ein. Nach 35 Jahren beträgt Ihr Vermögen etwa 220.656 €. Bleibt das Geld weiterhin zu 3 % angelegt, können Sie aus dem angesparten Betrag etwa 15 Jahre, also bis zum 80. Lebensjahr, monatlich 1.500 € verbrauchen. Da Sie die Inflation vergessen haben, decken die 1.500 € aber gar nicht mehr 50 % Ihres Lebensstandards. Nach 35 Jahren, wenn Sie das 65. Lebensjahr erreicht haben, betragen Ihre monatlichen Ausgaben 6.000 €, falls die jahresdurchschnittliche Inflationsrate 2 % beträgt. Die Preise haben sich also über diesen Zeitraum verdoppelt. Wollen Sie also weiterhin 50 % des Lebensstandards durch ihre Rücklagen decken, müssten Sie sich im ersten Monat 3.000 € auszahlen, in den Folgejahren entsprechend der Inflationsentwicklung mehr. Ein monatlicher Betrag von 3.000 € würde aber nicht einmal 7 Jahre vorhalten. Es ist also von großer Bedeutung für die Altersvorsorge, die Inflationsrate langfristig richtig einzuschätzen. Dies ist aber praktisch nahezu unmöglich. Wer gibt schon Prognosen für 10 oder gar 30 Jahre ab. Die Erfahrung lehrt, dass die Vergangenheit kein schlechter Ratgeber ist. Die Vorsorge sollte also immer der aktuellen Entwicklung angepasst werden. Ratsam ist ein Denken in Prozentsätzen anstatt in festen Beträgen. Nach Ermittlung des künftigen Bedarfs und Berechnung des monatlichen Sparbetrages ist dieser immer anzuheben, wenn die Inflationsrate steigt. In der Regel steigt mit der Inflation, wenn auch zeitverzögert, ihr Gehalt, so dass sich die Sparsumme vergrößern lässt. Betrachten wir unser Beispiel. Dort haben Sie 10 % Ihrer Ausgaben monatlich zurückgelegt. Bei einer Inflation von 2 % sollten Sie dann im zweiten Jahr nicht 300 €, sondern 306 € monatlich zurücklegen und im dritten Jahr 312 €. Bei einer Rendite von 3 % ergibt sich dann nach 35 Jahren ein Vermögen von 297.060 € (und nicht von 220.565 €). Aus diesem Betrag könnten Sie einen Betrag von 1.500 € etwa 10 Jahre lang auszahlen. Nur wenn es gelingt, die Verzinsung der Geldanlagen im Ausmaß der Inflation zu Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 322 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU322 steigern, sind sie vor Verlusten sicher. Einen gewissen Schutz bietet die Zinsentwicklung selbst. Wenn die Inflationsrate steigt, erhöhen sich in der Regel auch die Zinsen. Schlagwörter •• unerwartete Inflation •• wage-lag •• transfer-lag •• Geldillusion •• Zinseszins 9.4 Deflation und Wirtschaftskrise Während die negativen Wirkungen anhaltender Inflationsprozesse mit Blick auf die beschriebenen Auswirkungen nun sicher einleuchten, liegt die Schädlichkeit von Geldaufwertungsprozessen – d. h. einer Deflation – oftmals nicht so auf der Hand. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass bis Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu alle schweren Wirtschaftskrisen Deflationskrisen waren. Definitionsgemäß handelt es sich um ein Absinken der in der Wirtschaft umlaufenden Geldmenge, was zu einem fallenden Preisniveau führt. Der Rückgang der Inflationsrate – d. h. eine Verlangsamung des Preisauftriebs – ist hingegen keine Deflation, sondern eine Disinflation. Für Waren und Dienstleistungen muss zwar jedes Jahr etwas mehr gezahlt werden, die Inflationsrate wird jedoch immer niedriger (Abb. 9.10). Zunächst könnten wir daran denken, dass eine Deflation von den Menschen dann angenehm empfunden wird, wenn sie sich jahrzehntelang an steigende und nicht an fallende Preise gewöhnt haben. Das Geld ist mehr wert, die Verbraucher können ohne Gehaltserhöhungen mehr kaufen und die Wirtschaft wachsen zu lassen. Dieser Sachverhalt ist dann unproblematisch, wenn Produktivitätssteigerungen für Preissenkungen verantwortlich sind, d. h. die Produktion effizienter und kostengünstiger wird. Andererseits zeigen Erfahrungen mit Deflationen, dass ein nachhaltiger und unerwar- Disinflation in Deutschland und Deflation in Japan Trend zurückgehender, aber noch positiver Inflationsraten Trend zurückgehender, bis hin zu negativen Inflationsraten Abb. 9.10: Disinflation und Deflation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 323 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 323 teter Rückgang des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus ernsthafte Konsequenzen für Produktion und Beschäftigung hat. Ursachen der Deflation Eine Deflation kann nicht-monetäre und monetäre Ursachen haben (Tab. 9.11). Beginnen wir mit den nicht-monetären Ursachen. Hier resultiert der Verfall der Preise aus einem Überangebot an Gütern im Verhältnis zur Nachfrage. Es kommt es zu einer deflatorischen Lücke. Ein anhaltender Preisrückgang bei Gütern und Dienstleistungen führt bei relativ fixen Kosten zu einer Verschlechterung der Erlös-Kosten-Relation der Unternehmen. Der Druck auf die Gewinnmargen und die Ungewissheit über Ausmaß und Dauer des Preisverfalls beeinträchtigen die Investitionsneigung. Weil die Preise sinken, warten die Menschen oft ab, bis es noch billiger wird. Alle Käufe, die nicht unmittelbar getätigt werden müssen, werden verschoben, d. h. es kommt zu einer Konsumzurückhaltung. Die Unternehmen produzieren Überschüsse, die nur noch zu „Schnäppchenpreisen“ verkauft werden können. Es kommt zu sinkenden Erlösen, zu einer Drosselung der Produktion und zur Entlassung von Mitarbeitern. Viele Unternehmen müssen Insolvenz anmelden, wenn sie laufende Kredite nicht mehr bedienen können. Die Schulden steigen mit zunehmendem Wert des Geldes real an, auch wenn der Nominalwert erhalten bleibt. Betrachten wir ein Zahlenbeispiel. Ein Unternehmen habe einen laufenden Kredit von 100.000 € für ein Jahr zu 10 % nominaler Verzinsung aufgenommen. Bekanntermaßen gilt: inominal = Inflationsrate + ireal Im Fall einer Deflation steigt die reale Schuldenlast für das Unternehmen: inominal Inflationsrate ireal reale Schuldenlast 10 % 15 % –5 % –5.000 € 10 % 5 % 5 % 5.000 € 10 % 0 % 10 % 10.000 € 10 % –5 % 15 % 15.000 € Das Unternehmen müsste mehr Güter verkaufen, um den Kredit zurückzahlen zu können. Dieser Sachverhalt vergrößert die Probleme der verschuldeten Unternehmen und sorgt für weitere Insolvenzen. Ebenfalls in Schwierigkeiten geraten verschuldete Konsumenten, vor allem Eigenheimbesitzer. Auf der einen Seite verliert ihre Immobilie in Folge der Deflation laufend an Wert. Diese Entwicklung wird verschärft, wenn zahlungsunfähige Bürger ihr Haus oder ihrer Wohnung zu verkaufen versuchen, so Tab. 9.11: Ursachen für Deflationen Ursache Marktsituation Hintergrund Nichtmonetär Güterangebot > Güternachfrage Investitionszurückhaltung Konsumzurückhaltung geringere Staatsausgaben Monetär Geldangebot < Geldnachfrage restriktive Geldpolitik Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit Bindung der nationalen Währung an feste Werte Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 324 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU324 dass das Angebot an Immobilien zunimmt. Gleichzeitig sinken die Preise deshalb, da die Nachfrage nach Immobilien aufgrund der wirtschaftlichen Krise rückläufig ist. Eine Deflation führt nicht bei allen Menschen zu einer höheren Kaufkraft. Dies ist nur bei denjenigen der Fall, die über mehr Geld verfügen als sie zum Leben brauchen, d. h. nicht unmittelbar auf Arbeit angewiesen sind. Gesamtwirtschaftlich wird die Kaufkraft eher sinken als steigen. Ursächlich ist die steigende Arbeitslosigkeit. Zumeist sinken mit einer Deflation die Löhne, da die Unternehmen geringere Gewinne und Erlöse haben. Hier sprechen wir von einer Lohndeflation. Geringere Nachfrage, Arbeitslosigkeit und weitere Insolvenzen sind die Folge. Es kommt zu einer bedrohlichen Abwärtsspirale (Abb. 9.11). Vom Staat können die Arbeitslosen keine große Unterstützung erwarten, da seine Einnahmen sinken und seine Ausgaben im Fall einer höheren Arbeitslosigkeit steigen. Der Staat trägt sogar zu einer Deflation bei, wenn er durch Sparmaßnahmen seine Nachfrage stark einschränken muss. Deflation führt insgesamt zu einer massiven Vernichtung von Vermögenswerten durch Bankrotte und durch sinkende Preise aufgrund von kontinuierlich nachlassender Nachfrage nach Gütern, Aktien und Immobilien. Es kommt zu einer Vermögensdeflation. Wenn eine Deflation monetär ausgelöst wird, ist im Geldkreislauf weniger Geld, also geringere potenzielle Kaufkraft, enthalten als der Wert der angebotenen Waren. Dadurch sinken die Preise. Nehmen wir an, in einer Volkswirtschaft kosten 400 Äpfel (reales BIP) jeweils 1 €. Bei einer Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (UG) von 4 beträgt die erforderliche Geldmenge (M) 100 €. Unterstellen wir nun, die Notenbank reduziert die Geldmenge auf 90 €. Die Nachfrager haben nur noch 360 € zur Verfügung und es Konsumenten stellen Käufe in der Erwartung zurück, dass die Preise noch weiter fallen Umsatzrückgänge, Sinkende Auslastungsgrade, Geringere Gewinnmargen Kurzarbeit, Krise bei Zulieferern Zurückstellen von Investitionsplänen, Entlassungen Verunsicherung, Konsumenten stellen ihre Käufe zurück Deflation Abwärtstrend einer Deflation Abb. 9.11: Deflationsspirale Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 325 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 325 werden weiterhin 400 Äpfel angeboten. Somit können nur noch 0,90 € für einen Apfel gezahlt oder zu dem alten Preis von 1 € nur noch 360 Äpfel verkauft werden. Auch eine geringere Umlaufgeschwindigkeit kann zur Deflation beitragen. Wenn die Umlaufgeschwindigkeit auf 2 sinkt und die Geldmenge weiterhin bei 100 € bleibt, dann gibt es nur noch kaufkraftwirksame 200 €. Wenn alle Äpfel verkauft werden sollen, darf jeder Apfel nicht mehr 1 €, sondern nur noch 0,50 € kosten. Sollte hingegen der Preis von 1 € beibehalten werden, könnten nur noch 200 Äpfel verkauft werden. Eine besondere Situation ergibt sich in Geldordnungen, die eine strikte Kopplung der Geldmenge an eine fixe Wertmenge (z. B. Gold) oder an eine ausländische Währung vorsehen. Betrachten wir ein kleines Land, dass seine Währung strikt an die Währung eines wirtschaftlich stärkeren Landes koppelt (currency board). In diesem Fall wird die Veränderung der heimischen Geldmenge allein durch Zu- bzw. Abflüsse der Währungsreserven bestimmt. Die Zentralbank wird zu einer reinen Wechselstube, da sie ihr eigenes Geld nur gegen die Hereinnahme harter Währung bereitstellen darf. Sie erhofft sich dadurch, dass sich die Härte der Ankerwährung auf die Landeswährung überträgt. Diese Politik ist durchaus sinnvoll, um vorangegangene hohe Inflationsraten zurückzuführen. Die Zentralbank verliert jedoch die Autonomie über die Geldpolitik, weil eine Wechselkursanbindung bedeutet, dass Inlands- und Auslandszins übereinstimmen müssen. Im Fall einer inländischen Rezession kann die Zentralbank die Zinsen nicht senken um Investitionen und Konsum zu stimulieren. Es würde ansonsten zur Kapitalflucht aufgrund höherer Zinsgewinne im Ausland kommen. Betrachten wir einige historische Beispiele für Deflationen: •• Extremes Beispiel einer Deflation ist die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 (globale Deflation), in der der Zusammenbruch der Börsen das Vermögen von Millionen US-Bürgern vernichtete. Die Erklärung dieser großen Depression gilt als der Heilige Gral der Makroökonomie. Zum einen war die Depression der Grund, warum überhaupt die Makroökonomie als eigenes Studiengebiet entstand. Zum anderen beeinflusst, mehr als allgemein angenommen, die Erfahrung der 1930er-Jahre noch immer die Annahmen, Politikempfehlungen und Forschungsprogramme der Makroökonomen. Verantwortlich für die Krise waren die Überproduktion nach dem Ersten Weltkrieg, der Schwarze Freitag an den US-Börsen und die verfehlte Politik der US-Notenbank, die die Geldmenge um 30 % senkte. Besonders spürbar waren die Auswirkungen in Deutschland, da die umlaufende Geldmenge zu 40 % durch Gold und Devisen gedeckt werden musste. Die USA forderten zur Bewältigung ihrer eigenen Probleme die an Deutschland gewährten Kredite zurück. Da die Schulden hauptsächlich in Gold beglichen wurden, sanken die daran gekoppelte Geldmenge und der Geldumlauf rasch. Die Löhne und die Preise brachen ein, die Arbeitslosigkeit stieg auf 6 Mio. Menschen (20 % der Erwerbsbevölkerung). Die Deflation wurde in der Folge durch staatliche Sparpolitik und Lohnkürzungen weiter verschärft. •• Die Erfahrungen Argentiniens, das in den 90er Jahren als ein Musterbeispiel erfolgreicher Festkursbindung galt, zeigen, dass ein auf diese Weise extern bestimmtes Zinsniveau zu erheblichen makroökonomischen Störungen führen kann. In den 90er Jahren litt Argentinien unter einer extremen Inflation (Hyperinflation), die durch ein currency-board mit dem US-$ gelöst werden sollte. Trotz Erfolgen in der Rückführung der Inflation konnte Argentinien sein Verschuldungsproblem nicht lösen. Die ausländischen Anleger verloren nach und nach das Vertrauen und zogen ihr Kapital schrittweise ab. Das argentinische currency-board musste den Inlandszins erhöhen, um die Geldmenge an die rückläufigen Devisenreserven anzupassen. Die Hochzinspolitik verringerte Konsum und Investitionen und führte zu einem starken Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 326 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU326 Rückgang der Preise. Anfang 2002 gab Argentinien seine Wechselkursbindung an den US-$ auf. •• In den Jahren 1985 bis 1989 erlebte Japan einen enormen Anstieg der Vermögenswerte (Aktien, Immobilien, Grundstücke). Diese Entwicklung platzte in Form einer spekulativen Blase. Der Nikkei-Index ging innerhalb weniger Jahre von 35.000 Punkten bis auf 16.000 Punkte (1992) zurück. Die damit verbundenen Vermögensverluste veranlassten viele japanische Bürger zu einem strikten Sparkurs. Die Konsumzurückhaltung führte zu einer Unterauslastung der Kapazitäten und zu einer Deflationsspirale. Der japanische Staat reagierte mit einer expansiven Geldpolitik in Form einer Nullzinspolitik, die jedoch wenig Wirkung zeigte, da sich die Volkwirtschaft nach Auffassung von einigen Ökonomen in der Liquiditätsfalle befand. Die eingeschlagene expansive Finanzpolitik (deficit spending, Steuersenkungen) konnte den Rückgang der Nachfrage zwar stabilisieren, führte jedoch auch zu einem Anstieg der Verschuldung. Die Prozesse der Inflation, Disinflation und Deflation sind miteinander verbunden. Ihr Zusammenhang wird unter dem Stichwort der monetären Stabilisierung diskutiert und ist Gegenstand der Transmissionsmechanismen der Geldpolitik (vgl. Kap. 13). Schlagwörter •• Disinflation •• Deflation •• Weltwirtschaftskrise •• currency-board •• Nullzinspolitik 9.5 Fallbeispiele zu Kapitel 9 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 9.1: Hyperinflation (+) 1) Was verstehen Sie unter einer Hyperinflation? 2) Wie gehen Hyperinflationen zu Ende bzw. wie lassen sie sich bekämpfen? 3) Bitte ermitteln Sie in der nachfolgenden Tabelle die noch fehlenden Werte für drei Länder. Unterstellen Sie, dass das Preisniveau am Anfang des Jahres bei 1 liegt. Monetäre Größe Land A Land B Land C monatliche Inflationsrate 25 % Preisniveau in zwölf Monaten 1,27 jährliche Inflationsrate 12.000 % Fallbeispiel 9.2: Warenkorb (0) 1) Wie wird der Verbraucherpreisindex ermittelt? 2) Ermitteln Sie die durchschnittliche Preissteigerungsrate des folgenden Warenkorbes. Güterart Preisänderung gegenüber Vorjahr in % Ausgaben pro Jahr in € Anteil an Gesamtausgaben in % Lebensmittel/Gesundheit 3 400 20 Bekleidung/Unterhaltung 2 200 10 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 327 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 327 Güterart Preisänderung gegenüber Vorjahr in % Ausgaben pro Jahr in € Anteil an Gesamtausgaben in % Wohnen 4 800 40 Verkehr/Transport –2 200 10 Kommunikation/Bildung 1 200 10 Energie –1 200 10 gesamter Warenkorb 2.000 100 3) Können sich bei Preisniveaustabilität einzelne Preise signifikant, d. h. um mehr als 10 % pro Jahr verändern? Fallbeispiel 9.3: Preisindex und Inflationsrate (0) 1) Zeigen Sie, wie sich Preisindex und Inflationsrate für die Jahre 5, 6 und 7 berechnen lassen, wenn der jeweilige Warenkorb in diesen Jahren 3.320, 3.405 und 3.500 € beträgt. Jahr Warenkorb Preisindex Inflationsrate 1 2.325 100 – 5 3.320 6 3.405 7 3.500 2) 1976 gewann Björn Borg die US-Open und ein Preisgeld von 400.000 US-$. Im Jahr 2001 bekam Boris Becker für den gleichen Titel ein Preisgeld von 1 Mio. US-$. Der Verbraucherpreisindex (Basisjahr 1985) lag 1976 bei 61 und im Jahr 2001 bei 154. Berechnen Sie das Preisgeld beider Tennisspieler ausgedrückt in Preisen des Jahres 1985. 3) Wodurch wird die Inflationsberechnung verzerrt? Fallbeispiel 9.4: Erfassung von Qualitätsänderungen durch hedonische Preismessung (++) In einer Ökonomie gibt es nur zwei Güter, Sportautos und Computer, deren Preise und Mengen in zwei Jahren wie folgt gegeben sind (Quelle: Forster/Klüh/Sauer, 2005, S. 15): Jahr Sportwagen Computer Preis Menge Preis Menge 2010 100 10 50 10 2011 90 10 70 10 1) Ermitteln Sie die Preissteigerung auf Grundlage des Laspeyres-Index. 2) Der Computer besteht aus Festplatte und Prozessor, die im Jahr 2010 jeweils 25 kosteten, im Jahr 2011 aber grundlegend verbessert wurden. Zur alten Qualität würden beide Teile im Jahr 2010 jeweils nur noch einen Preis von 20 erzielen. Berechnen Sie die Preissteigerung, indem Sie den Computer in seine Einzelteile zerlegen. 3) Welche Grundidee liegt der Berechnung aus 2) zugrunde? Fallbeispiel 9.5: Gefühlte Inflation (0) Im Zusammenhang mit der Frage, ob der Euro ein „Teuro“ sei, setzt sich die EZB in ihren Monatsberichten vom Juli und Oktober 2002 mit der „gefühlten Inflation“ auseinander. Mitte des Jahres 2002 lag die Teuerungsrate der Lebenshaltungskosten aller privaten Haushalte bei etwa 1 %, die „gefühlte Inflation“ wurde mit etwa 5 % wahrgenommen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 328 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU328 1) Auf welchen Hypothesen baut die Theorie der Inflationswahrnehmung auf? 2) Erläutern Sie mögliche wirtschaftliche Folgen, wenn die „gefühlte Inflation“ deutlich über der tatsächlichen Teuerungsrate liegt. Fallbeispiel 9.6: Real- und Nominalzins (+) 1) Der Nominalzins beträgt 7 % und das gegenwärtige Preisniveau weist einen Indexwert von 150 auf. Wie hoch ist der Realzins, wenn das von einem Investor erwartete Preisniveau bei einem Indexwert von 156 liegt? 2) Für zwei Länder sind folgende Daten bekannt: A-Land B-Land 1. Realzins 3 3 2. Inflationsrate 0 3 3. Nominalzins 4. Steuern (33 %) 5. Nominalzins nach Steuern 6. Realzins nach Steuern Vervollständigen Sie die Tabelle und berechnen Sie die effektive Steuerbelastung der realen Zinserträge. 3) Sie kaufen eine Anleihe mit einer Laufzeit von 1 Jahr, die mit 4 % verzinst wird. Sie erwarten eine Inflation von 2 %. Wie hoch ist die reale Rendite nach Steuern, wenn Sie eine Kapitalertragsteuer von 25 % zahlen müssen? Wie hoch ist die reale Rendite nach Steuern, wenn die tatsächliche Inflation bei 3 % liegt? Fallbeispiel 9.7: Funktionen des Geldes (+) 1) Zwei Indianer (A und B) besitzen folgende Güter: A: 3 Zelte, 2 Pferde, 5 Gewehre; B: 2 Zelte, 3 Pferde, 8 Gewehre. Es gelten folgende Tauschrelationen: • 2 Messer = 1 Hose • 2 Messer + 1 Hose = 1 Decke • 2 Messer + 1 Hose + 1 Decke = 1 Gewehr • 2 Messer + 1 Hose + 1 Decke + 1 Gewehr = 1 Pferd • 2 Messer + 1 Hose + 1 Decke + 1 Gewehr + 1 Pferd = 1 Zelt Welcher Indianer ist „reicher“? (Quelle: Deutsche Bundesbank, 2005, S. 11) 2) Sie gehen in ein Geschäft, in dem 50 verschiedene Güter angeboten werden. Es existieren für diese Güter nur relative Preise (Tauschrelationen). Wie viele Tauschrelationen müssen Sie kennen, um die Güter vergleichen zu können? Würde sich durch die Einführung des Geldes etwas verändern? 3) Ein bekannter Ökonom (Hicks) hat gesagt: „Money is what money does“. Erläutern Sie die Funktionen des Geldes. Fallbeispiel 9.8: Kosten der Inflation (0) 1) Was verstehen Sie unter sogenannten Menü- und Schuhsohlenkosten der Inflation? Warum lässt sich die Inflation als versteckte Steuer auf die Geldhaltung interpretieren? 2) Um eine zukünftige Versorgungslücke zu vermeiden beschließt jemand den Kauf von Wertpapieren zum Gegenwert von 50.000 €. Der jährliche Nominalzins beträgt 8 %, die Inflationsrate beträgt 5 %. Von den jährlichen Zinserträgen sind 50 % an den Staat abzuführen. Berechnen Sie die reale Rendite nach Steuern. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 329 Kapitel 9: Preisniveaustabilität 329 Fallbeispiel 9.9: Geldillusion (+) 1) Mit Blick auf die demografische Entwicklung in Deutschland warnen Forscher vor einem Kaufkraftverlust der Renten, wenn keine Anpassungen stattfinden. Die Standardrente im Jahr 2003 lag annahmegemäß bei 1.170 €. Ermitteln Sie die Kaufkraft der Rente für folgende Personengruppen wenn die Inflationsrate bei jährlich 1,5 % liegt: Aktuelles Alter Kaufkraft mit 65 Jahren Kaufkraft mit 80 Jahren 50 Jahre 40 Jahre 30 Jahre 2) Auf Anfrage wird einem Angestellten mitgeteilt, dass er in 32 Jahren mit einer Rente von 2.217 € rechnen kann. Er geht davon aus, dass sein letztes reales Einkommen vor Bezug der Rente 3.179 € beträgt. Er lehnt sich entspannt zurück, da sich die Rente immerhin auf ca. 70 % seines letzten Arbeitseinkommens beläuft. Wie beurteilen Sie die Situation, wenn die Inflationsrate bis zum Beginn der Rentenzahlung durchschnittlich 1,5 jährlich beträgt. Gibt es eine Versorgungslücke? Fallbeispiel 9.10: Zinseszins (+) 1) Sarah legt 2.500 € für 20 Jahre an. Die Bank zahlt jedes Jahr einen Zins von 4,5 %. Wie viel Geld erhält Sarah nach 20 Jahren bei linearer oder Zinseszinsrechnung zurück? 2) Sarah bekommt von ihrer Großmutter 888 € geschenkt. Sie möchte das Geld anlegen und hofft, dass Sie in 5 Jahren 1.500 € hat, um sich einen Wunsch erfüllen zu können. a) Kann Sarah dieses Ziel erreichen, wenn die Bank einen Zins pro Jahr von 5 % bietet? b) Ermitteln Sie das Anfangskapital, den Zinssatz und die Anlagedauer, die zu einer Erreichung des Sparziels von Sarah führen. Fallbeispiel 9.11: Inflation und (Real-)Lohnentwicklung (++) Ein Beamter und blickt zufrieden auf folgende Daten, die die Entwicklung des Nominallohnes und des Verbraucherpreisindex (VPI) zeigen: Jahr Nominallohn VPI 1985 40.000 € 112,0 2005 60.000 € 134,4 1) Wie haben sich Nominallohn und Inflationsrate von 1985 bis 2005 entwickelt. 2) Berechnen Sie die exakte Zunahme des Reallohns von 1985 bis 2005. 3) Nehmen Sie an, ein Kollege hätte 1985 einen Verdienst von 30.000 €. Wie viel hätte er im Jahr 2005 verdient, wenn der Nominallohn entsprechend des Durchschnitts der Jahre 1985–2005 gestiegen wäre. Wie hoch hätte sein Nominallohn im Jahr 2005 sein müssen, um einen Verlust an Kaufkraft zu vermeiden? 4) Gegeben sind folgende Ausgangsdaten, die die Entwicklung der Nominallöhne und des Verbraucherpreisindex (VPI) in zwei Ländern zeigen: Jahr Hochinflationsland Niedriginflationsland Nominallohn VPI Nominallohn VPI 2006 100 Peso 100 20 € 100 2007 220 Peso 200 21 € 102 Ermitteln Sie für beide Länder den Anstieg des Reallohnsatzes. Was lässt sich bezogen auf den Umgang mit prozentualen Veränderungsraten erkennen? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 330 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU330 Fallbeispiel 9.12: Verlierer und Gewinner der Inflation (0) 1) Wer profitiert bzw. verliert in folgenden Fällen von einer Inflation in Höhe von 6 %? Person Verlierer keine Auswirkungen Gewinner A ist Besitzer eines Hauses B besitzt eine festverzinsliche Anleihe, Zins 4 % C hat eine Kapitalanlage, Zins 7 % D hat eine Rente, die auf 1.500 € fixiert ist E ist Beamter. Jährlich wird sein Gehalt dem Preisindex angepasst F hat eine Darlehensschuld, Zins 8 % 2) Unterscheiden Sie die Kosten einer erwarteten und unerwarteten (/tatsächlichen) Inflation. 3) Eine Familie sieht sich folgende Daten gegenüber: • Jahreseinkommen: 50.000 € • Sparguthaben, Jahreszins: 4 %: 20.000 € • Doppelhaushälfte, Wert: 300.000 € • darauf: Hypothekendarlehen, Kreditzins 5 % 100.000 € Ist die Familie Inflationsgewinnerin oder Inflationsverliererin? Unterscheiden Sie zwischen Nominal- und Sachwerten, Nominal- und Realzinsen sowie zwischen antizipierter und nicht -antizipierter Inflation. Hinweis: Eine zahlenmäßige Ermittlung des Inflationsgewinns oder -verlusts ist nicht erforderlich. Argumentieren Sie verbal. Fallbeispiel 9.13: Monetäre Fehlentwicklungen (0) 1) Ordnen Sie den nachfolgenden Inflationsraten folgende Begriffe zu: Disinflation, Deflation, Preisniveaustabilität, schleichende galoppierende und Hyperinflation: a) –2 %, b) 0 %, c) 2 %, d) 5 %, e) 25 %, f) 50 % 2) Ordnen Sie die nachfolgenden Kennzeichen der (Dis-)Inflation und Deflation zu. Kennzeichen Inflation Disinflation Deflation Kaufzurückhaltung Geldentwertung Zurückgehende Inflationsraten Enteignung von Sparern Schrumpfung der realen Gewinne 3) Was verstehen Sie unter einer Nullzinspolitik? Kann der Realzins in dieser Situation negativ werden? Ein Ökonom behauptet, dass die glaubhafte Ankündigung einer Inflationsrate von 2 % zur Überwindung der japanischen Deflation beitragen kann. Interpretieren Sie diesen „Lösungsvorschlag“. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 331 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation Kapitel 10 Inhaltsübersicht 10.1 Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 10.2 Nachfrageinflation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334 10.3 Angebotsinflation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336 10.4 Lohn-Preis-Spirale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338 10.5 Importierte Inflation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340 10.6 Indexierung und zurückgestaute Inflation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 10.7 Fallbeispiele zu Kapitel 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.