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Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes in:

Klaus Herdzina, Stephan Seiter

Einführung in die Mikroökonomik, page 148 - 158

11. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3630-3, ISBN online: 978-3-8006-4346-2, https://doi.org/10.15358/9783800643462_148

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Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes 137 der X-Produktion mit Gewinnen alternativer W-Produktionen. Wenn sich nun die Gewinne von alternativen Gütern W reduzieren (z. B. durch Sinken von pw oder Steigerungen der Kosten Kw), so ist es für die Unternehmung zweckmäßig, die Produktion dieser Güter W z. B. durch Unterlassung von Ersatzinvestitionen zu reduzieren und dafür im Bereich der X-Produktion zu investieren. Diese Überlegung gilt für eine Mehrproduktunternehmung, die sowohl X als auch W im Produktionsprogramm hat. Im Falle von Einproduktunternehmen werden W-Produzenten Kapazitäten abbauen und auf dem X-Markt Kapazitäten errichten. Demgemäß verschiebt sich die individuelle Angebotskurve bzw. die Marktangebotskurve beim Gute X nach rechts und beim Alternativgut W nach links. Auf die näheren Umstände und auf weitere Folgen derartiger Kurvenverschiebungen wird im 6. Teil noch genauer einzugehen sein. Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes C. Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes Auch eine Kritik der Theorie des Angebotes in der Gestalt der hier vorgetragenen traditionellen Marginaltheorie des Angebotes setzt an der Frage an, ob die Theorie ihre Aufgaben als explikative Theorie bzw. als Bedingungstheorie erfüllt. Bevor im Folgenden auf einige Einzelaspekte dieser Frage eingegangen wird, sollen zwei Vorbemerkungen vorangestellt werden. Zunächst ist zu konstatieren, dass die Angebotstheorie auf deutlich sichererem theoretischen Fundament steht als die Nachfragetheorie. Im Gegensatz zu den dort verwendeten Konzepten des Nutzens, des Grenznutzens und der Indifferenzkurven lassen sich die hier gebräuchlichen Größen Ertrag, Kosten, Erlös, Gewinn präziser definieren und auch messen. Insoweit sind die Grundbedingungen für die Eignung der Theorie zur Erfüllung ihrer Aufgaben gegeben. Demgegenüber ist aber zweitens festzustellen, dass die Theorie in der vorgetragenen Form extrem einfach konzipiert ist. Als eine Theorie, welche zum Zwecke der folgenden volkswirtschaftlichen Analyse von Preisbildung und Allokation lediglich die Grundzüge der Angebotsentscheidungen von Unternehmungen herausarbeiten will, verzichtet sie auf die Analyse zahlreicher betriebswirtschaftlich relevanter Fragestellungen. So werden beispielsweise die Fragen der Unternehmensorganisation, der Finanzierung und des Marketing überhaupt nicht behandelt. Es wird nicht gefragt, ob die Unternehmung von Eigentümern oder Managern kontrolliert wird, inwieweit Eigenkapital- oder Fremdkapitalfinanzierung vorliegt, und auch das am Markte angebotene Gut X wird bezüglich seiner genauen Definition, seiner Qualität und seiner Abgrenzung zu den Alternativgütern W nicht weiter analysiert. Auch die Frage der Beschaffung der Produktionsfaktoren geht nur in sehr einfacher Form in die Betrachtung ein, indem unterstellt wird, dass die Faktorpreise für die Unternehmung gegeben sind. Es versteht sich von selbst, dass alle diese Sachverhalte im Rahmen genauerer, insbesondere betriebswirtschaftlicher Analysen zu vertiefen sind. Nachdem also festzuhalten ist, welche Fragestellungen in der vorliegenden Angebotstheorie ausgeklammert bzw. unvollständig berücksichtigt worden sind, ist 138 4. Teil: Die Theorie des Angebotes nunmehr zu erörtern, ob die Theorie die Grundzüge der Angebotsentscheidungen von Unternehmungen dennoch zutreffend abbildet. Dazu ist auf den langen Katalog ihrer Prämissen etwas näher einzugehen. I. Die Angebotstheorie als Bedingungstheorie 1. Zur Problematik der produktionstechnischen Prämissen Unter der Annahme, dass die Unternehmungen ihren Gewinn maximieren und dass sie dabei rational handeln wollen, ist zu fragen, ob ihnen ein Befolgen der Handlungsanweisungen der Theorie überhaupt möglich ist. Ein solches Handeln ist offenbar möglich, wenn die der Theorie zu Grunde liegenden produktionstechnischen Prämissen der Realität entsprechen. Als zentrale produktionstechnische Prämissen waren genannt worden: einfache Produktion, einstufige Produktion, das Vorliegen begrenzt substitutionaler Produktionsfaktoren in einer linearhomogenen Produktionsfunktion, die Vornahme partieller Faktorvariation mit der Konsequenz eines S-förmigen Ertragsverlaufes und des sog. ertragsgesetzlichen Kostenverlaufes. Es ist hier nicht der Raum, bezüglich aller dieser Prämissen zu fragen, inwieweit sie in der Realität gegeben oder nicht gegeben sind. Selbstverständlich ist es, dass die Unternehmungsentscheidungen komplizierter werden, wenn beispielsweise Alternativ- oder Kuppelproduktion vorliegt. Genauere betriebswirtschaftliche Analysen sind hier unabdingbar. Um zumindest einen ersten Überblick über die Vielfalt denkbarer Produktionsbedingungen zu geben, die selbst bei der hier unterstellten einfachen und einstufigen Produktion gegeben sein kann, soll noch einmal kurz auf die zuvor behandelten Arten der Faktorvariation zurückgegriffen werden. Ihre Unterscheidung eröffnet die Möglichkeit, zentrale produktionstechnische Begriffe und Messkonzepte zu erläutern und verschiedene Arten von Produktionsfunktionen anzusprechen. (1) Bezüglich der isoquanten Faktorvariation lässt sich der Grad der Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren an der Steigung der Isoquante ablesen und mit Hilfe der zuvor dargestellten Grenzrate der technischen Substitution (GRTS) (4.10) 2 1 dv tan = dv ? messen. Die Gestalt der Isoquante lässt sich aber auch durch einen Elastizitätswert darstellen. Die so genannte Substitutionselastizität s ist definiert als Verhältnis der prozentualen Änderungen von Faktoreinsatzverhältnis und Grenzrate der technischen Substitution, also (4.26) 2 1 2 1 2 2 1 1 d(tan )/ tgd(v / v )/v /v d(tan )/ tgdv dv d / dv dv ? ? ? = = ? ? Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes 139 Abb. 4.20. Da die GRTS (tan ?) in der Minimalkostenkombination dem (umgekehrten) Faktorpreisverhältnis (tan ?) entspricht, gibt der Wert von s eine Auskunft dar- über, in welchem Umfang das Faktoreinsatzverhältnis angepasst werden kann, wenn sich das Faktorpreisverhältnis verändert (vgl. Abb. 4.20. und zuvor Abb. 4.6.). Je nach Krümmung der Isoquante lassen sich Produktionsfunktionen mit variabler (VES = variable elasticity of substitution) bzw. konstanter Substitutionselastizität (CES = constant elasticity of substitution) unterscheiden. Im Falle vollkommen substitutiver (homogener) Produktionsfaktoren ergibt sich s = . Einen spezifischen Fall formal unbegrenzter Substitutionalität bildet die Cobb-Douglas- Produktionsfunktion mit s = 1. Die Isoquante ist eine gleichseitige Hyperbel. Im Falle vollkommener Limitationalität der Faktoren ist nur eine einzige Faktorproportion möglich, es liegt eine Leontief-Produktionsfunktion mit s = 0 vor. Die Isoquante ist rechtwinklig. Vgl. Abb. 4.21. Abb. 4.21. (2) Bezüglich der proportionalen Faktorvariation ist zunächst bedeutsam, ob sich bei einer Variation des Input- oder Prozessniveaus l (z. B. von l1 mit v1 = 3 und v2 = 1 auf l2 mit v1 = 6 und v2 = 2 in Abb. 4.22.) die GRTS tan ? ändert. Bleibt sie konstant, so liegt eine homothetische Produktionsfunktion vor. Generell wird die Verbindungslinie aller Punkte mit gleicher GRTS als Isokline bezeichnet. Eine 140 4. Teil: Die Theorie des Angebotes Abb. 4.22. Bewegung auf der Isokline nennt man isokline Faktorvariation. Ist die Isokline eine aus dem Ursprung kommende Gerade (homothetische Produktionsfunktion), dann fallen proportionale und isokline Faktorvariation zusammen (? und ? sind konstant). Vgl. zuvor Abb. 4.7. und nunmehr auch Abb. 4.22. Hat die Isokline einen gekrümmten, u. U. unregelmäßigen Verlauf (nicht homothetische Funktion), dann führt isokline Faktorvariation (? = const.) zu variablen Faktoreinsatzproportionen, d. h. ein der Minimalkostenkombination folgender Expansionspfad der Unternehmung ist nicht mehr linear. In diesem Falle bewirkt proportionale Faktorvariation (? = const.) variable Grenzraten der technischen Substitution und damit Abweichungen von der Minimalkostenkombination. Bezüglich der proportionalen Faktorvariation ist ferner bedeutsam, wie sich eine Änderung des Inputniveaus ? auf die Änderung des Produktions- bzw. Outputniveaus qx auswirkt. Diese Auswirkung wird gemessen durch die sog. Skalenoder Niveauelastizität (4.27) ? x x x xx q dq dq qq = = : = r d d     Dabei wird dqx/d? als Niveaugrenzproduktivität, qx/? als Niveaudurchschnittsproduktivität bezeichnet. Die Skalenelastizität wird in einer Produktionsfunktion in der Regel durch den Exponenten r dargestellt, d. h. in der Funktion (4.6.b.) qx = f(?v1, ?v2) ist die Outputänderung ?rqx. Ist r variabel, so ist die Produktionsfunktion inhomogen, ist r bei jeder Niveauänderung konstant, so liegt eine homogene Produktionsfunktion vor. – Ist r = 1 (wie in allen hier verwendeten Zahlenbeispielen unterstellt), dann ist die Produktionsfunktion linear-homogen. Inputverdoppelungen (-verdreifachungen) bewirken Outputverdoppelungen (-verdreifachungen), die Abstände Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes 141 der Isoquanten sind gleich, die Steigung des Produktionsberges bei proportionaler Faktorvariation ist konstant (konstante Skalenerträge). – Ist r > 1, so ist die Produktionsfunktion überlinear-homogen. Die Abstände der Isoquanten werden kleiner, die Steigung des Berges nimmt zu (steigende Skalenerträge). – Ist r < 1, so ist die Produktionsfunktion unterlinear-homogen. Die Abstände der Isoquanten werden größer, die Steigung des Berges nimmt ab (sinkende Skalenerträge). Wie zuvor dargestellt, sind die Produktionsgegebenheiten bei proportionaler Faktorvariation bedeutsam für die Beantwortung der Frage nach dem Verlauf der langfristigen Stückkostenkurven und der Grenzkosten-, d. h. der Angebotskurven der Unternehmungen. Die Cobb-Douglas-Funktion und die Leontief-Funktion sind beide sowohl homothetisch als auch linear-homogen. (3) Bezüglich der partiellen Faktorvariation wird bekanntlich gefragt, um wie viel das Produktionsergebnis steigt, wenn man den Einsatz eines der beiden Faktoren erhöht. Diese Frage lässt sich in verschiedenen Formulierungen beantworten. Setzt man die absoluten Änderungen von Ausstoß und Faktoreinsatzmenge des Faktors v1 in Relation, so erhält man die Grenzproduktivität dieses Faktors (4.28) x x x1 1 1 1 q dq q X ´ bzw. bzw. , v dv v ? ? = ? ? wie sie zuvor in (4.8) angesprochen wurde. Sie ist ablesbar als Steigung der partiellen Ertragsfunktion (z. B. in Abb. 4.1.d. oder in Abb. 4.12.). Die Formulierung dqx/dv1 bezieht sich auf infinitesimale Änderungen von v1, die Formulierung dqx/dv1 trägt der Tatsache Rechnung, dass es sich in einer Mehrfaktorenfunktion um eine partielle Ableitung handelt (Lesart: d-partiell). Der Grenzertrag (das Grenzprodukt) ergibt sich, wenn man die Grenzproduktivität wieder mit endlichen Änderungen des Faktoreinsatzes in Verbindung bringt, also (4.29) xx 1 1 q dq dv . v ? = ? ? Ändert man den Faktoreinsatz stets um eine Mengeneinheit, setzt man also dv1 = 1, dann sind Grenzertrag und Grenzproduktivität identisch. Die Gleichsetzung von Grenzertrag und Grenzproduktivität ist einerseits praktisch, andererseits darf nicht vergessen werden, dass es sich um völlig unterschiedliche Konzepte handelt. Der Grenzertrag ist eine reine Outputmengengröße, die Grenzproduktivität ist die Relation von Outputmenge eines Gutes zur Inputmenge eines Faktors. Die Durchschnittsproduktivität ist das Verhältnis von Gesamtausstoß eines Gutes zu Gesamteinsatz eines Faktors, also (4.30) x1 1 q x v = 142 4. Teil: Die Theorie des Angebotes und kann (etwa in Abb. 4.1.d.) durch den Tangens eines Fahrstrahlwinkels aus dem Ursprung gemessen werden. Durchschnittsproduktivität und Durchschnittsertrag sind identisch, da der Nenner jeweils den Wert Eins annimmt. Die Produktionselastizität des Faktors v1 erhält man, wenn man nicht die absoluten, sondern die prozentualen Änderungen von Ausstoß und Faktoreinsatzmenge in Relation setzt, also (4.31) ? x 1 x x xx q v 1 1 1 1 dq dq qq = = : . dv dv v v Sie ist das Verhältnis von Grenz- zu Durchschnittsproduktivität des Faktors. Sie wurde im 2. Teil bei der Darstellung der Elastizitäten in der Formel (2.19) bereits angesprochen. Die Summe der Produktionselastizitäten beider (aller) Produktionsfaktoren ist gleich der Skalenelastizität. Auch bezüglich der Gesetzmäßigkeiten bei partieller Faktorvariation lassen sich die verschiedenen Arten von Produktionsfunktionen unterscheiden. So ist die Cobb-Douglas-Funktion beispielsweise durch permanent abnehmende Grenzund Durchschnittsproduktivitäten gekennzeichnet. Bei der Leontief-Funktion ergeben sich bis zum Erreichen des einzig richtigen limitationalen Einsatzverhältnisses konstante Grenzproduktivitäten, danach wird die Grenzproduktivität gleich Null. Was die im Rahmen dieses Lehrbuches stets unterstellte ertragsgesetzliche Produktionsfunktion betrifft, so weist sie zunächst steigende, dann fallende und zuletzt sogar negative Grenzproduktivitäten bzw. Grenzerträge auf. Überdies ist sie durch variable GRTS und Substitutionselastizitäten gekennzeichnet und sie ist sowohl mit linearer Homogenität als auch mit Inhomogenität vereinbar. Bezüglich der Frage der empirischen Relevanz substitutionaler Produktionsfaktoren und der Gültigkeit des Ertragsgesetzes hat es tiefgehende wissenschaftliche Diskussionen gegeben, die hier nicht im Einzelnen wiedergegeben werden können. Angesichts der Tatsache, dass zur Produktion eines Gutes gemäß (4.5) stets eine Vielzahl von Produktionsfaktoren erforderlich ist, kann die in (4.6) dargestellte Zwei-Faktoren-Funktion nur als das vereinfachende Abbild dieses Sachverhaltes verstanden werden. Genau genommen sind die beiden Faktoren als Faktorenblöcke zu verstehen. Wenn dem aber so ist, dann können die zahllosen Beispiele für limitationale Einzelfaktoren (etwa Arbeiter und Schaufeln, Sekretärinnen und Schreibmaschinen) nicht zur Widerlegung der Substitutionalität von größeren Faktorblöcken herangezogen werden. Proportionale Faktorvariation von Einzelfaktoren und partielle Faktorvariation bezüglich größerer Faktorblöcke sind dann kein Widerspruch, sie werden vielmehr gemeinsam vollzogen. Auch die Frage, ob es bei der jeweiligen Faktorvariation nicht eher lineare statt S-förmiger Ertrags- und Gesamtkostenverläufe gibt, ist bei genauerem Hinsehen gar nicht so relevant. Bezüglich der S-förmigen Kostenkurve kann gesagt werden, dass sie in ihrem vorderen Teil bis zum Wendepunkt ohnehin nicht von Bedeutung ist, da nur der ansteigende Ast der Grenzkostenkurve, genau genommen so- Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes 143 Abb. 4.23. gar nur der vom Betriebsoptimum ab ansteigende Ast, als Angebotskurve zu interpretieren ist. Ohne Zweifel ist im Mittelteil der Ertrags- und Gesamtkostenkurve eine lineare Glättung des S-förmigen Verlaufes vertretbar (vgl. Abb. 4.23.). In der Nähe der Kapazitätsgrenze spricht dann aber wieder sehr viel für sinkende Ertragszuwächse, überproportional steigende Gesamtkosten und steigende Grenzkosten, da selbst bei proportionaler Faktorvariation und sog. intensitätsmäßiger Anpassung erhöhter Materialverbrauch und Ausschussproduktion auftreten. Bei zeitlicher Anpassung, also Überstundenproduktion mit Überstundenentlohnung, ist die Konstanz der Faktorpreise nicht mehr gegeben, so dass überproportionale Kostensteigerungen resultieren. Eine ansteigende Grenzkostenkurve und ein Handeln nach der Grenzkosten-Preis-Regel (4.25) ist demnach durchaus möglich. Mit den letzten Überlegungen eng verbunden ist die Frage nach den Gesetzmä- ßigkeiten der Ausstoßänderung bei proportionaler Faktorvariation. Konstante Skalenerträge, also lineare Ertragssteigerungen, führen zu linearen Gesamtkosten, fallende Skalenerträge bedeuten sinkende Ertragszuwächse und überproportional steigende Gesamtkosten. Beide Sachverhalte bringen gegenüber den bisherigen Ausführungen keine Neuigkeiten (vgl. auch Abb. 4.23.). Lediglich steigende Skalenerträge, bei denen eine Verdoppelung der Mengen der Einsatzfaktoren mehr als eine Verdoppelung des Ertrages nach sich zieht, bewirken unterproportional steigende Gesamtkosten und permanent fallende Stückkosten. Es liegt dann der in Abb. 4.18. gezeichnete gestrichelte langfristige Stückkostenverlauf kl vor. Wie später noch zu zeigen sein wird, bedeuten permanent fallende langfristige Stück- 144 4. Teil: Die Theorie des Angebotes kosten die Existenz eines sog. natürlichen Monopols, das auf der Grundlage der allgemeinen Gewinnmaximierungsbedingung (4.21) zu handeln hat. 2. Informationsstand, Zeithorizont und Marktsituation Neben den produktionstechnischen Prämissen enthält die Angebotstheorie einige weitere Prämissen, welche erfüllt sein müssen, damit die Unternehmungen die Handlungsanweisungen der Theorie befolgen können. Soweit diese Prämissen in der Realität nicht erfüllt sind, sind Modifikationen bzw. Erweiterungen der Theorie unumgänglich. So dürfte unter anderem die von der Theorie unterstellte vollständige Information über alle Produktions- und Marktgegebenheiten nicht vorliegen. Zwar kann den Unternehmungsleitern das Bemühen um Realisierung eines möglichst hohen Informationsstandes unterstellt werden, doch dürfte eine vollkommene Kenntnis aller technischer Gegebenheiten, aller Faktorpreise und damit aller Kosten sowie aller Marktpreise und damit aller Gewinne kaum zu erreichen sein. Selbst die Ermittlung der in der eigenen Produktion entstehenden Kosten, insbesondere der Grenzkosten, ist mit diversen Schwierigkeiten verbunden. Wenn aber speziell die Grenzkosten nicht genau bekannt sind, ist ein präzises Handeln nach der Bedingung (4.21) bzw. (4.25) nicht möglich. Darauf ist etwas später noch einmal zurückzukommen. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass die Informationsgewinnung ebenfalls Kosten verursacht und dass auch bezüglich der Informationsgewinnung nach Maßgabe der Bedingung (4.21) gehandelt werden kann. Die Informationssuche lohnt sich, solange die aus zusätzlichen Informationen resultierenden Erlössteigerungen die zusätzlichen Suchkosten übersteigen. Besondere Probleme wirft möglicherweise die Frage nach der für die Gewinnmaximierung relevanten Zeitperiode auf. Lediglich unter der Annahme, dass die Unternehmensentscheidungen den Preis des Gutes am Markt tatsächlich nicht beeinflussen, ist die Zeitdimension von geringerer Bedeutung. Die Unternehmung hat dann den Preis als gegeben hinzunehmen, und sie hat ständig, also zu jedem Zeitpunkt, zu versuchen, die Bedingung (4.25) zu realisieren. Sofern die Marktsituation eines unbeeinflussbaren Marktpreises aber nicht vorliegt, besteht die Möglichkeit, dass das kurzfristige Realisieren des Maximalgewinns (etwa durch Fordern eines hohen Preises) die Gewinnerzielungschancen in zukünftigen Perioden verringert, weil Nachfrager abwandern oder Konkurrenten hinzu kommen. Damit stellt sich die Frage nach den Regeln intertemporaler, also langfristiger Gewinnmaximierung, auf die hier jedoch nicht näher eingegangen werden soll. Andererseits ist mit diesen Überlegungen die Frage nach der Relevanz der Bedingung eines nicht beeinflussbaren Marktpreises aufgeworfen. Wie später zu zeigen sein wird, ist diese Bedingung nur in einer sehr spezifischen Marktsituation, nämlich dem homogenen Polypol, erfüllt. In monopolistischen und monopol- ähnlichen Marktkonstellationen ist statt der speziellen Gewinnmaximierungsbedingung (4.25) wiederum die allgemeine Gewinnmaximierungsbedingung (4.21) anzuwenden. Auf die daraus resultierenden Modifikationen bezüglich der Herleitung der Angebotskurve ist noch zurückzukommen. Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes 145 II. Die Angebotstheorie als explikative Theorie 1. Zielsetzung und Kalkulationsmethode von Unternehmungen Sofern die der Theorie zu Grunde liegenden Prämissen in der Realität nicht vorliegen, können die Anbieter die Maximierungsregeln möglicherweise gar nicht befolgen. Die Theorie kann dann ihrem Anspruch, reales Anbieterverhalten zu erklären, nicht gerecht werden. Wenn demgemäß entsprechende Modifikationen der Theorie notwendig werden, so ist andererseits aber zu fragen, ob diese Modifikationen die zentrale Hypothese der Theorie, nämlich die Existenz einer ansteigenden Angebotskurve, außer Kraft setzen. Bei der Erörterung der produktionstechnischen Prämissen ist bereits gezeigt worden, dass dies nicht notwendigerweise der Fall ist. Wie nunmehr kurz zu zeigen ist, lässt sich auch bei Aufgabe der Annahme der Gewinnmaximierung eine ansteigende Angebotskurve nachweisen. Bezüglich der Frage, inwieweit die Theorie reales Anbieterverhalten zu erklären vermag, ist es von Belang, ob Unternehmungen tatsächlich das Ziel der Gewinnmaximierung verfolgen. Auf die Probleme einer empirischen Klärung dieser Frage soll hier nicht näher eingegangen werden. Unternehmerbefragungen haben allerdings ergeben, dass einer beträchtlichen Zahl von Unternehmensleitern das zur Gewinnmaximierung notwendige Konzept der Grenzkosten gar nicht vertraut ist, dass sie vielmehr auf der Grundlage einer Stückkostenkalkulation agieren. Derartige Unternehmensleiter können offenbar gar keine Gewinnmaximierung betreiben, sie fragen vielmehr, ob der am Markt erzielbare Preis ihre Stückkosten deckt und ob er darüber hinaus noch einen akzeptablen, angemessenen, zufriedenstellenden Stückgewinn zulässt. Bei derartigen Unternehmungen kann die (möglicherweise sogar unbekannte) Grenzkostenkurve auch nicht die Angebotskurve sein. Es zeigt sich aber, dass auch bei solchen Unternehmungen eine steigende Angebotskurve vorliegt. Wird auf Stückkostenbasis kalkuliert und lautet die Zielsetzung Umsatzmaximierung (Erlösmaximierung) oder Absatzmengenmaximierung, dann bietet die Unternehmung bei alternativen Preisen die jeweils maximalen Mengen an, bei denen die Stückkosten gerade noch gedeckt sind. Ihre Angebotskurve ist dann der ansteigende Ast der Stückkostenkurve (vgl. Abb. 4.24.). Wird als Nebenbedingung die Abb. 4.24. 146 4. Teil: Die Theorie des Angebotes Erzielung eines bestimmten, konstanten Mindeststückgewinns g = 0,10 Euro formuliert, so ist die Kurve (k + g) die Angebotskurve der Unternehmung. Weitere Modifikationen, etwa die Nebenbedingung eines konstanten Mindestgesamtgewinns, sind möglich und führen ebenfalls zu einer steigenden Angebotskurve. Lediglich bei Beschränkungen der verkaufbaren Absatzmenge wird der fallende Ast der Stückkostenkurve relevant. 2. Konkurrenzabhängiges Unternehmungsverhalten Ebenso wie bei der Nachfrage der Haushalte nach Konsumgütern ist beim Angebot der Unternehmungen nur schwer empirisch überprüfbar, ob sich die Unternehmungen rational verhalten haben. Zwar sind einerseits die unternehmensrelevanten Größen wie Kosten und Erlöse leichter zu ermitteln als der Nutzen der Haushalte, andererseits scheint aber die Palette der potenziellen Unternehmenszielsetzungen erheblich breiter zu sein. Ohne genaue Kenntnis der Zielfunktion der Unternehmung, insbesondere der dabei gewählten Zeitdimension, ist es aber nicht möglich, den Grad der Rationalität des Unternehmensverhaltens abzuschätzen und insoweit zu klären, ob und in welchem Ausmaß die Aktivitäten der Unternehmensleitung derjenigen eines homo oeconomicus entsprechen. Zuweilen wird davon ausgegangen, dass der Zwang zum Rationalverhalten bei Unternehmungen viel ausgeprägter ist als bei Haushalten. Wenn Haushalte ihr Nutzenmaximum verfehlen, so seien die Folgen weniger gravierend als beim Verfehlen des Gewinnmaximums durch die Unternehmungen. Diese Aussage gilt aber nur, wenn die Unternehmungen sich im Wettbewerb mit anderen befinden, sie beim Verfehlen des Gewinnmaximums gegenüber der Konkurrenz zurückbleiben und Gefahr laufen, vom Markte verdrängt zu werden. Damit ist die Marktsituation der Marktteilnehmer erneut angesprochen. Bei Haushalten als Nachfrager von Konsumgütern dürfte die Prämisse eines nicht beeinflussbaren Marktpreises weniger problematisch sein, da diese Annahme die reale Situation der Haushalte in der Regel zutreffend abbildet. Demgegenüber ist bei Unternehmungen die Situation viel wahrscheinlicher und vielleicht gar die Regel, dass die Möglichkeit zur Beeinflussung des Preises gegeben ist. Diese Möglichkeit steht ohne Zweifel im Zusammenhang mit dem Grad der Konkurrenzbeziehungen auf den Absatzmärkten der Unternehmungen. Berücksichtigt man diese Konkurrenzbeziehungen, so werden zahlreiche zusätzliche Überlegungen bezüglich des Unternehmensverhaltens notwendig, und die bisher implizit enthaltene Annahme eines von den Konkurrenten unabhängigen Verhaltens kann nicht mehr aufrecht erhalten werden. Auch bei den Unternehmungen sind Orientierungen am Verhalten anderer Marktteilnehmer anzutreffen und in vielen Fällen auch rational. Dies mag möglicherweise nicht so sehr für das Mitläuferverhalten gelten, unter Umständen aber durchaus für antizyklisches Verhalten von Unternehmungen. Während Mitläuferverhalten, wie noch zu zeigen sein wird, zu starken Marktschwankungen und Nachteilen für alle Unternehmungen führen kann, wird sich ein antizyklisch handelnder Anbieter gegen- über seinen Konkurrenten möglicherweise besser stehen. Wenn aber Orientierungen am Verhalten der Konkurrenten sinnvoll sein können und in der Realität Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Angebotes 147 auch vorkommen, dann ist auch beim Güterangebot die im 2. Teil als vergleichsweise einfach dargestellte Aggregation der individuellen Angebote zum Marktangebot mit Schwierigkeiten behaftet. Aus alledem ergibt sich aber, dass es im 5. Teil, in dem die Preisbildung auf Gütermärkten darzustellen ist, nunmehr zunächst notwendig ist, die jeweiligen Marktkonstellationen genauer zu analysieren. Kontrollfragen zum 4. Teil 1. Nennen Sie die Prämissen der Theorie des Güterangebotes, insbesondere die darin unterstellte Zielsetzung der Unternehmung. Zeigen Sie in diesem Zusammenhang auf, welche Analyseschritte vorzunehmen sind, und begründen Sie, warum die Theorie als Marginaltheorie des Angebotes bezeichnet wird. 2. Ist es richtig, dass die vorliegende Angebotstheorie auf Grund ihrer Prämissen nur auf Einproduktunternehmen angewendet werden kann? 3. Was versteht man unter einer Produktionsfunktion? Wann spricht man von einer substitutionalen Produktionsfunktion? Inwieweit liegt in der hier verwendeten Produktionsfunktion auch eine gewisse Komplementarität der Faktoren vor? 4. Beschreiben Sie die drei Arten der Faktorvariation und erläutern Sie die in ihnen enthaltenen betriebswirtschaftlichen Fragestellungen. 5. Erläutern Sie die Begriffe Isoquante, Isokostenlinie und Minimalkostenkombination sowie die ihnen entsprechenden Konzepte der Indifferenzkurvenanalyse. Zeigen Sie generelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Indifferenzkurvenanalyse und dem Minimalkostenkonzept auf. 6. Erläutern Sie anhand der Minimalkostenkombination den Zusammenhang zwischen der Grenzproduktivität eines Faktors und seinem Kostensatz. Zeigen Sie dabei auch auf, inwiefern Lohnerhöhungen einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auslösen können. 7. Vergleichen Sie die Ausstoßänderungen (die jeweilige Gestalt der Ertragsfunktion) bei proportionaler und partieller Faktorvariation. Welche eher technischen Argumente sprechen für den jeweiligen Kurvenverlauf? 8. Sind bei proportionaler Faktorvariation auch nicht lineare Ertragskurven vorstellbar? Erklären Sie in diesem Zusammenhang den Begriff Skalenerträge. 9. Erläutern Sie den Zusammenhang zwischen der Minimalkostenkombination und der proportionalen Faktorvariation. Kann eine Unternehmung, wenn sie eine Produktionsausdehnung durchführen möchte, immer auf die proportionale Faktorvariation zurückgreifen? Inwiefern betreibt ein Automobilproduzent, der 100 zusätzliche Fahrzeuge verkaufen kann und daher produzieren muss, proportionale Faktorvariation, inwiefern betreibt er partielle Faktorvariation? 10. Stellen Sie dar, wie man von der Produktionsfunktion zur Ertragsfunktion, zur monetären Ertragsfunktion und schließlich zur Kostenfunktion gelangt. Wodurch unterscheiden sich monetäre Kosten von Realkosten?

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References

Zusammenfassung

Mikroökonomie leicht und verständlich

Dieses Lehrbuch bietet eine verständliche Darstellung eines zentralen Teilgebiets der Ökonomik. Da Inhalt und Aussagewert der Mikroökonomik häufig dadurch unklar bleiben, dass die Studenten zuviel rechnen müssen und dabei nicht mehr genügend zum Denken kommen, wird die Algebra in nur sparsamer Dosierung eingesetzt. Dafür stellt das Buch die grundlegenden Fragestellungen und Modelle umso klarer und lesefreundlicher dar und unterstützt das Lernen mit zahlreichen Kontrollfragen.

* Grundlagen

* Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie

* Theorie der Nachfrage

* Theorie des Angebots

* Theorie des Marktgleichgewichts

* Theorie der Marktprozesse

Das Lehrbuch beantwortet unter anderem folgende Fragen:

* Warum und in welcher Menge fragen Haushalte bestimmte Güter nach?

* Welche Ziele verfolgen Unternehmen?

* Wann ist ein Marktpreis stabil?

* Welche Marktform ist effizient?

* Fördert Wettbewerb den technischen Fortschritt?

Die Autoren

Prof. Dr. Klaus Herdzina ist Professor an der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Stephan Seiter ist Professor an der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen.