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Kapitel A: Die einfache Theorie der Marktprozesse in:

Klaus Herdzina, Stephan Seiter

Einführung in die Mikroökonomik, page 227 - 235

11. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3630-3, ISBN online: 978-3-8006-4346-2, https://doi.org/10.15358/9783800643462_227

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Kapitel A: Die einfache Theorie der Marktprozesse 217 6. Teil: Die Theorie der Marktprozesse Kapitel A: Die einfache Theorie der Marktprozesse 6. Teil Die Theorie der Marktprozesse Im vorangegangenen 5. Teil wurde dargelegt, wie sich aus Nachfrage- und Angebotsfunktion ein Marktgleichgewicht bzw. individuelle Gleichgewichte für einzelne Anbieter in den Marktformen des homogenen Polypols, des Monopols, des heterogenen Polypols sowie des Oligopols bilden. Diese Theorie des Marktgleichgewichts basierte auf der Annahme, dass sich die jeweiligen Nachfrage- und Angebotsbedingungen nicht verändern, d. h., dass sich die Nachfrage- und die Angebotskurven im Untersuchungszeitraum nicht verschieben. Es wurde also die Gültigkeit der ceteris-paribus-Bedingung unterstellt. Verschiebungen von Kurven wurden andererseits bereits angedeutet und zum Teil auch schon näher erläutert. Im Monopol wurde bei der Herleitung der Cournotlinie eine Verschiebung der Nachfragekurve unterstellt. Im Oligopol wurde auf marktstrategische Prozesse zwischen den Oligopolisten hingewiesen. Insbesondere bei der Darstellung des homogenen und des heterogenen Polypols wurde auf einen durch Gewinnanreize induzierten Marktzutritt und die daraus resultierenden Verschiebungen von Angebots- und Nachfragekurven bzw. individuellen Preis-Absatz-Kurven eingegangen. In der folgenden Theorie der Marktprozesse soll das Phänomen der Verschiebung von Nachfrage- und Angebotskurven etwas genauer erörtert werden. In Kapitel A werden zunächst der Gegenstand der Marktprozesstheorie und die verschiedenen Arten von Marktprozessen vorgestellt. Anschließend werden die wichtigsten Marktprozesse, nämlich Anpassungs- und Fortschrittsprozesse, in reiner, ungestörter Form behandelt. In Kapitel B erfolgt eine Kritik dieser einfachen Theorie der Marktprozesse. Dabei wird wiederum die Eignung der Theorie als Bedingungstheorie sowie als explikative Theorie diskutiert und es werden notwendige Erweiterungen der Theorie im Hinblick auf die evolutorischen Elemente des Marktsystems aufgezeigt. Den Abschluss bilden wettbewerbspolitische Schlussfolgerungen. A. Die einfache Theorie der Marktprozesse I. Gegenstand der Marktprozesstheorie und Prozessarten 1. Der Gegenstand der Marktprozesstheorie Gegenstand der mikroökonomischen Marktprozesstheorie ist die Analyse der Veränderung von Gleichgewichtslagen auf Gütermärkten infolge der Aufhebung der ceteris-paribus-Bedingung. Ihre Aufhebung impliziert, dass sich Nachfrageund Angebotskurven verschieben. 218 6. Teil: Die Theorie der Marktprozesse (1) Es verschieben sich Marktnachfrage- und Marktangebotskurven, wobei die Verschiebung der Kurven so weit gehen kann, dass neue Märkte entstehen und alte Märkte verschwinden. In jedem Fall ändert sich die Zusammensetzung der Güterproduktion der Volkswirtschaft, also die Güterstruktur. Es findet ein Wandel der Güterstruktur statt. (2) Es verschieben sich die Preis-Absatz-Kurven und die individuellen Angebotskurven der einzelnen Anbieter (etwa die Cournotlinien) innerhalb eines Marktes. Dabei kann die Verschiebung der Kurven so weit gehen, dass neue Marktteilnehmer hinzukommen und alte ausscheiden. Es ändern sich dann die Marktanteile der einzelnen Anbieter, unter Umständen sogar die Marktform, wenn sich beispielsweise Polypole in Teiloligopole, Oligopole, Teilmonopole oder sogar in Monopole verwandeln. Es findet ein Wandel der Marktstruktur statt. Wenn sich die Nachfrage- und Angebotskurven verschieben, so sind die ursprünglich bestehenden Gleichgewichtspositionen aufgehoben. Die Preise müssen sich dann ändern, wenn sie ihre Ausgleichsfunktion weiterhin erfüllen sollen. Wie schon in der Marktgleichgewichtstheorie, so steht auch in der Marktprozesstheorie die Ausgleichsfunktion der Preise im Zentrum des Interesses. Darüber hinaus zeigt die Marktprozesstheorie, ob und inwieweit die Preise auch die Informations- und die Lenkungsfunktion erfüllen, d. h. ob und inwieweit sie über geänderte Knappheitsgrade informieren und die Produktionsfaktoren in die jeweils besten Verwendungen lenken. Die Marktprozesstheorie fragt demnach nach der Funktionsfähigkeit des Marktmechanismus. 2. Prozessauslösende Faktoren und Prozessarten Die Ursachen für Verschiebungen von Nachfrage- und Angebotskurven und damit prozessauslösenden Faktoren wurden erstmals im 2. Teil und danach noch mehrfach angesprochen. Individuelle Nachfragekurven einzelner Nachfrager und Marktnachfragekurven verschieben sich, wenn sich die Zielsetzungen, die Nutzenvorstellungen, die Einkommen und die Erwartungen der Nachfrager sowie die Preisrelationen zwischen den einzelnen Gütern verändern. Marktnachfragekurven verschieben sich ferner, wenn Änderungen in der Zahl der Nachfrager eintreten. Preis-Absatz- Kurven einzelner Anbieter verschieben sich, wenn sich die Präferenzen der Nachfrager für die einzelnen Anbieter und damit die akquisitorischen Potenziale der Anbieter verändern. Die Änderung von Zielsetzungen, Nutzenvorstellungen, Präferenzen und Erwartungen der Nachfrager sowie der Preisrelationen zwischen den Gütern können ihrerseits auf Aktivitäten der Anbieter wie Werbung, Standortveränderungen, Produkt- und Verfahrensinnovationen und anderes zurückzuführen sein. Insbesondere die Änderungen von Zielsetzungen, Nutzenvorstellungen und verfügbaren Einkommen der Nachfrager können ihre Ursache auch in Änderungen der vom Staat gesetzten Daten (z. B. Steueränderungen) sowie in Änderungen der Marktgegebenheiten auf den Faktormärkten haben. Individuelle Angebotskurven von Anbietern und Marktangebotskurven verschieben sich, wenn sich die Zielsetzungen sowie die Erwartungen der Anbieter ver- Kapitel A: Die einfache Theorie der Marktprozesse 219 ändern. Sie verschieben sich ferner, wenn Änderungen in den Preisrelationen zwischen den Gütern, in den Produktionskosten der einzelnen Güter und damit in den Gewinnrelationen zwischen den Gütern eintreten, insbesondere wenn dadurch Kapazitätsänderungen bei den Unternehmungen ausgelöst werden. Änderungen in den Produktionskosten der Güter ergeben sich unter anderem durch technologische Veränderungen in Form von Verfahrensfortschritt. Technischer Fortschritt im Sinne der Bereitstellung neuer Güter, also Produktfortschritt, bewirkt das Entstehen neuer und die Verschiebung alter Angebotskurven. Die Änderungen von Zielsetzungen und Erwartungen der Anbieter sowie der Preisrelationen zwischen den Gütern können ihrerseits auf Änderungen im Nachfragerverhalten zurückzuführen sein. Auch technische Veränderungen können von den Nachfragern induziert sein, insbesondere bei Auftragsproduktion auf Investitionsgütermärkten. Änderungen von Zielsetzungen und Erwartungen und daran anschließende Aktivitäten können aber auch durch Konkurrentenaktionen ausgelöst werden. Sie haben ihre Ursache ferner in Änderungen der vom Staat gesetzten Daten (z. B. in Steueränderungen oder Änderungen staatlicher Auflagen oder Verbote). Insbesondere Änderungen der Produktionskosten sind auf staatliche Einflussnahme in den Produktionsprozess (etwa Umweltschutzauflagen) sowie auf Änderungen in den Faktorpreisen zurückzuführen. Die angedeuteten Ursachen von Verschiebungen der Nachfrage- und Angebotskurven machen die interdependenten Beziehungen zwischen Nachfrage- und Angebotsfaktoren sowie die zusätzlichen Abhängigkeiten von weiteren ökonomischen Einflussbereichen (Staat, Faktormärkte) deutlich. Es ist im Folgenden nicht möglich, alle angedeuteten und weitere denkbare Prozessabläufe zu diskutieren. Im Rahmen einer „einfachen Theorie der Marktprozesse“ sollen nur zwei Arten von Marktprozessen erörtert werden, und zwar – Anpassungsprozesse im Sinne von Anpassungen der Anbieter an autonome Änderungen der Nachfrage sowie – Fortschrittsprozesse, in denen neue Produkte angeboten werden oder aber neue Produktionsverfahren zum Einsatz kommen. Im Rahmen der einfachen Theorie der Marktprozesse wird davon abgesehen, nach den verschiedenen Marktformen zu differenzieren. Für die folgenden Überlegungen wird die Marktform des homogenen Polypols unterstellt. Durch diese Annahme soll sichergestellt werden, dass die Prozesse ungestört, also in reiner, idealtypischer Form ablaufen. Diese Annahme impliziert, dass alle zuvor in der Nachfrage-, der Angebots- und der Marktgleichgewichtstheorie genannten Prämissen (etwa bezüglich Zielsetzungen, Verhaltensweisen und produktionstechnischen Bedingungen) weiterhin Gültigkeit besitzen. Insbesondere der Prämisse der vollständigen Markttransparenz kommt erhebliche Bedeutung zu. Darüber hinaus wird für den Ablauf reiner Marktprozesse eine vollständige Angebotsflexibilität sowie das Fehlen von Wettbewerbsbeschränkungen unterstellt, also vor allem auch offene Märkte, d. h. das Fehlen jeglicher Marktzugangsbeschränkungen. Auf die Relevanz dieser Prämissen und auf Störungen von Marktprozessen wird im Kapitel B einzugehen sein. 220 6. Teil: Die Theorie der Marktprozesse II. Ungestörte Marktprozesse 1. Der reine Anpassungsprozess a) Der Expansions- und der Kontraktionsprozess Die Darstellung eines reinen Anpassungsprozesses soll zunächst in einem Zwei- Güter-Modell erfolgen. Ausgangspunkt der Analyse ist ein Marktgleichgewicht auf den Märkten der beiden Güter X und W, das sich jeweils im Schnittpunkt von Angebotskurve A1 und Nachfragekurve N1 ergibt (vgl. Abb. 6.1.a. und 6.1.c.). Der Preis p1, der sich auf beiden Märkten gebildet hat, möge so hoch sein, dass jeder einzelne Anbieter bei gleichen Kosten aller Anbieter auf den beiden Märkten sein Gewinnmaximum im Betriebsoptimum findet (vgl. Abb. 6.1.b. und 6.1.d.). Jeder Anbieter erzielt somit nur den in den Stückkosten enthaltenen landesüblichen Normalgewinn. Es liegt demnach, wie zuvor im 5. Teil in Kapitel A II 3 dargestellt, ein gesamtwirtschaftliches Mikrogleichgewicht vor. Diese Gleichgewichtslage möge nun dadurch aufgehoben werden, dass sich die Nachfragestruktur wandelt. Es sei angenommen, dass die Nachfrage nach X steigt und dass die Nachfrage nach W sinkt. Nx steigt somit von N1 auf N2, Nw sinkt von N1 auf N2. Abb. 6.1 Kapitel A: Die einfache Theorie der Marktprozesse 221 Auf dem Markt X ergibt sich nun der folgende Expansionsprozess. Da beim Preis p1 jetzt ein Nachfrageüberhang besteht, steigt der Preis auf p2 und gleicht Angebot und Nachfrage wieder aus (Ausgleichsfunktion). Zugleich informiert der gestiegene Preis über die gestiegene Knappheit beim Gut X (Informationsfunktion). Das neue Marktgleichgewicht bei p2 ist zugleich durch eine höhere Nachfrage- und Angebotsmenge q2 gekennzeichnet. Die dazu notwendige Steigerung der Angebotsmenge ist als Bewegung auf der Angebotskurve A1 zu interpretieren, also als Anpassung bei gegebener Kapazität im Zuge einer partiellen Faktorvariation. Der einzelne Anbieter findet bei gestiegenem Preis p2 im Schnittpunkt von Preis p2 und Grenzkosten K? sein neues Gewinnmaximum bei der Menge q2 (Abb. 6.1.b.). Da der Preis p2 die Stückkosten k nunmehr übersteigt, erzielt jeder einzelne Anbieter jetzt einen Extragewinn. Die Situation entspricht jetzt der im 5. Teil in Kapitel A II 2 dargestellten Ausgangslage beim Preis p = 40 (vgl. Abb. 5.5.b.), d. h., die Unternehmungen dieses Marktes erzielen einen aus einer günstigen Nachfrageentwicklung resultierenden Marktlagen- bzw. Extragewinn. Auf dem Markt W läuft ein Kontraktionsprozess ab. Da beim Preis p1 jetzt ein Angebotsüberhang besteht, fällt der Preis auf p2 und gleicht Angebot und Nachfrage wieder aus (Ausgleichsfunktion). Zugleich informiert der gesunkene Preis über die gesunkene Knappheit beim Gut W (Informationsfunktion). Das neue Marktgleichgewicht bei p2 ist durch eine niedrigere Gleichgewichtsmenge q2 gekennzeichnet. Die dazu notwendige Reduzierung der Angebotsmenge ist als Bewegung auf der Angebotskurve A1 zu interpretieren, also als Anpassung bei gegebener Kapazität durch partielle Faktorvariation. Es wird unterstellt, dass der einzelne Anbieter seine langfristige Preisuntergrenze p1 kurzfristig zu unterschreiten bereit ist und beim gesunkenen Preis p2 im Schnittpunkt von Preis p2 und Grenzkosten K? sein Unternehmensgleichgewicht bei der Menge q2 findet (vgl. Abb. 6.1.d.). Da der Preis p2 die Stückkosten k nicht mehr deckt, ist der Gewinn geschmälert. Er erzielt jetzt nicht mehr den landesüblichen Normalgewinn, möglicherweise macht er bereits Verlust. Genaueres kann nicht gesagt werden, da die Höhe des landesüblichen Normalgewinns in Abb. 6.1. nicht spezifiziert worden ist. Zunächst mögen alle Anbieter die Gewinnschmälerung bzw. den Verlust in Kauf nehmen, da sie darauf hoffen, dass der Preis in Kürze wieder steigt, oder weil sie sich intensiv um Kostenreduzierung bemühen. Tritt dies aber nicht ein, so ist ein Verbleiben auf diesem Markt nicht mehr sinnvoll. Das Entstehen eines Extragewinns auf dem Markt X und die Gewinnreduzierung auf dem Markt W wird die auf dem Markt W befindlichen Anbieter veranlassen, über einen Wechsel hinüber in den lukrativeren Markt X nachzudenken. Insbesondere denjenigen Anbietern wird ein derartiger Wechsel leicht möglich sein, die ihre gesamten Anlagen oder Teile ihrer Anlagen gerade abgeschrieben haben und vor der Frage stehen, ob sie Ersatzinvestitionen im Markt W oder neue Investitionen in lukrativeren Märkten tätigen sollen. Es sei davon ausgegangen, dass sie sich für Investitionen auf dem Markt X entscheiden. Dadurch kommt es zum Marktaustritt aus dem Markt W und zum Marktzutritt auf dem Markt X. Marktzutritt auf dem Markt X bewirkt eine Rechtsverschiebung der Marktangebotskurve. Wie im 5. Teil in Kapitel A II 3 bereits dargestellt, führt dies zur Preissenkung. Bei fallendem Preis px wird sich jeder einzelne Anbieter entlang seiner 222 6. Teil: Die Theorie der Marktprozesse Grenzkostenkurve anpassen und seine Angebotsmenge reduzieren. Durch diesen Vorgang vermindert sich der Extragewinn. Der Zustrom von Anbietern wird dann aufhören, wenn der Preis zurück auf p1 gesunken ist und alle Anbieter wie in der Ausgangssituation wieder im Betriebsoptimum bei q1 produzieren, wo sie lediglich wieder den Normalgewinn erzielen. Das Marktangebot hat sich infolge der gestiegenen Zahl der Anbieter auf A2 erhöht. Die Gleichgewichtsmenge auf dem Markt liegt bei q3. Marktaustritt aus dem Markt W bewirkt eine Linksverschiebung der Marktangebotskurve. Beim Preis p2 entsteht jetzt ein Nachfrageüberschuss. Der Nachfrage- überschuss wird durch Preisanstieg abgebaut. Bei steigendem Preis pw wird sich jeder einzelne der am Markt W verbliebenen Anbieter entlang seiner Grenzkostenkurve anpassen und seine Angebotsmenge erhöhen. Durch diesen Vorgang verbessert sich seine Gewinnsituation wieder. Der Marktaustritt von Anbietern wird dann aufhören, wenn der alte Preis p1 wieder erreicht worden ist und die am Markt W verbliebenen Anbieter wie in der Ausgangssituation wieder im Betriebsoptimum bei q1 produzieren. Hier erzielen sie nun auch wieder den Normalgewinn. Das Marktangebot hat sich infolge der gesunkenen Zahl der Anbieter auf A2 reduziert. Die Gleichgewichtsmenge auf dem Markt liegt jetzt bei q3. b) Preisfunktionen und gesamtwirtschaftliches Mikrogleichgewicht Die Anpassung des Güterangebotes an eine autonome Änderung der Nachfragestruktur wurde in einem einfachen Zwei-Güter-Modell dargestellt. Das Angebot des Gutes X ist gestiegen, das Angebot des Gutes W ist gesunken. Die Preise haben in diesem Prozess ihre Funktionen erfüllt. Die Preise p1, p2 und später wieder p1 erfüllen die Ausgleichsfunktion. Die zwischenzeitlich gebildeten Preise p2 informieren über die geänderte Knappheitssituation. Die auf das Ausgangsniveau zurückgekehrten Preise p1 informieren darüber, dass auf dem Markt X die Knappheit wieder gesunken und dass sie auf dem Markt W wieder gestiegen ist, d. h. dass die ursprüngliche Knappheitsrelation wieder erreicht worden ist. Alle Preise erfüllen somit auch die Informationsfunktion. Die Preise erfüllen schließlich die Lenkungsfunktion. Die veränderten Preise p2 bewirken, dass Produktionsfaktoren aus dem Markt W abgezogen und in den Markt X gelenkt werden. Bei Wiedererreichen der Ausgangspreise p1 ist dieser Lenkungsprozess abgeschlossen, da bei gleicher Gewinnsituation auf beiden Märkten kein Anlass mehr besteht, den Markt zu wechseln und Produktionsfaktoren auf den anderen Markt zu transferieren. Das gesamtwirtschaftliche Mikrogleichgewicht ist wieder erreicht. Das beschriebene Modell mit zwei Märkten, von denen der eine Markt expandiert und der andere Markt schrumpft, kann ohne Schwierigkeiten zu einem Modell mit beliebig vielen Märkten erweitert werden, das den Gegebenheiten realer Volkswirtschaften entspricht. Auch dann kann davon ausgegangen werden, dass Nachfrageverschiebungen stattfinden, an welche die Anbieter sich anzupassen haben. Auch dann kann die Vorstellung entwickelt werden, dass nach Ablauf der Anpassungsprozesse eine Situation eintritt, in der – wie zuvor in der Ausgangssituation – auf allen Märkten der Volkswirtschaft nur noch der landesübliche Kapitel A: Die einfache Theorie der Marktprozesse 223 Normalgewinn erzielt wird und für Unternehmer kein Anlass mehr besteht, den Markt zu wechseln. Wiederum wäre das gesamtwirtschaftliche Mikrogleichgewicht erreicht. Es stellt eine Situation dar, in der alle Güterpreise auf ihr langfristig niedrigstes Niveau gesunken sind, weil alle Unternehmungen im Betriebsoptimum bzw. in der Minimalkostenkombination produzieren. Hier ist die Produktivität der Produktionsfaktoren am höchsten. Die Produktionsfaktoren sind demnach volkswirtschaftlich optimal eingesetzt. Es ist die Situation eines Pareto-Optimums mit nachfragegerechter und effizienter Produktion erreicht. In dem dargestellten Prozess der Anpassung des Güterangebotes an Änderungen der Nachfrage, dem Spiel der Preise, welche ihre Ausgleichs-, ihre Informationsund schließlich auch ihre Lenkungsfunktion erfüllen, indem sie permanent die jeweils optimale Faktorallokation sicherstellen, erweist sich die Marktwirtschaft als ein sich permanent selbst regulierendes homöostatisches System, also als ein System, das sich in einem stabilen Zustand zu halten vermag. Was die Interpretation der beschriebenen Anpassungsprozesse und des resultierenden gesamtwirtschaftlichen Mikrogleichgewichts betrifft, so ist zunächst aber noch einmal zu betonen, dass bislang nur reine, ungestörte Marktprozesse dargestellt worden sind. Auf Störungen und auf die Beurteilung des gesamtwirtschaftlichen Mikrogleichgewichts ist später noch genauer einzugehen. 2. Der reine Fortschrittsprozess Im zuvor dargestellten Anpassungsprozess wurde der Einfachheit halber davon ausgegangen, dass im Zuge des von den Unternehmungen vollzogenen Kapazitätsaufbaus und -abbaus keinerlei Änderungen in der Kostensituation auftreten. Auch qualitative Änderungen der Güter wurden ausgeschlossen. Kostenänderungen und qualitative Änderungen der Güter sind aber durchaus möglich; sie können auch unabhängig von Anpassungsprozessen, insbesondere in der Gestalt von technischem Fortschritt, auftreten. Demgemäß ist nunmehr auf Fortschrittsprozesse einzugehen. Bei der Diskussion des technischen Fortschritts hat es sich als zweckmäßig erwiesen, zwei Erscheinungsformen von Fortschritt analytisch zu trennen, und zwar – die Produktion neuer, besserer Güter, den Produktfortschritt, – die Produktion der alten, bekannten Güter mit Hilfe verbesserter und insoweit kostengünstigerer Produktionsverfahren, den Verfahrensfortschritt. Die Trennung von Produkt- und Verfahrensfortschritt ist nicht unproblematisch, da Verfahrensfortschritt in der Regel dann zustande kommt, wenn neue bzw. verbesserte Kapitalgüter (z. B. neue Maschinen) eingesetzt werden, was Produktfortschritt auf der Vorproduktstufe voraussetzt. Lediglich bei rein organisatorischen Verbesserungen oder bei Lernprozessen der Arbeitskräfte tritt Verfahrensfortschritt ohne gleichzeitigen Produktfortschritt auf. Die diesbezüglichen Überlegungen sollen hier aber nicht weiter verfolgt werden. Die Trennung in Produkt- und Verfahrensfortschritt soll aus analytischen Gründen beibehalten werden. 224 6. Teil: Die Theorie der Marktprozesse a) Der Produktfortschrittsprozess Bei der Erörterung des Produktfortschritts kann weitgehend auf die Überlegungen bezüglich der Anpassungsprozesse zurückgegriffen werden. Gegeben sei zunächst ausschließlich ein Markt W (z. B. Rechenschieber) mit dem Angebot A1, der Nachfrage N1, dem Preis p1 und der Menge q1 (vgl. Abb. 6.1.). Nach Erfindung eines Alternativgutes X (z. B. Taschenrechner) wird dieses Gut im Zuge einer Innovation auf dem neuen Markt X angeboten. Es entsteht dort eine Angebotskurve A1. Sofern den Nachfragern das neue Gut zusagt, bildet sich eine Nachfragekurve N1, ein Preis p1 und eine Menge q1. Entsprechend reduziert sich die Nachfrage nach dem Gut W. Bei steigender Akzeptanz des neuen Gutes X durch die Nachfrager entwickelt sich auf dem Markt X ein Expansions- und auf dem Markt W ein Kontraktionsprozess, der letztlich so weit führen kann, dass der alte Markt W mangels Nachfrage völlig verschwindet. Alle bei der Darstellung der Anpassungsprozesse eintretenden Wirkungen bezüglich Preis- und Gewinnentwicklung gelten entsprechend. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die Annahme homogener Polypole auf beiden Märkten in allen Phasen des Prozessablaufes kaum aufrechterhalten werden kann. In der Regel dürfte das neue Gut X zunächst von einem einzigen Unternehmen angeboten werden, dem Innovator oder Pionier. Ihm folgen dann Imitatoren, so dass sich später oligopolistische bzw. polypolistische Konstellationen einstellen. Auf dem schrumpfenden Markt dürfe sich die Zahl der Anbieter reduzieren, was so weit gehen kann, dass auch hier ein Wechsel in der Marktform eintritt. b) Der Verfahrensfortschrittsprozess Verfahrensfortschritt als produktivitätssteigernder bzw. kostensenkender Vorgang ist in der Theorie des Angebotes bereits ausführlich behandelt worden (vgl. 3. Teil, B. II. 2 mit den Abbildungen 4.16., 4.17. und 4.18.). Diese Ausführungen sollen an dieser Stelle nicht im Detail wiederholt werden. Es ist nur noch einmal darauf hinzuweisen, dass Verfahrensfortschritt bezüglich des Verlaufs der Grenzkostenkurve unterschiedlich wirken kann. Die Grenzkostenkurve kann unverändert bleiben (Abb. 4.17.), sie dürfte sich in der Regel aber nach unten – im relevanten Bereich nach rechts – verschieben (Abb. 4.16. und 4.18.). In jedem Fall reduzieren sich die Stückkosten. Verschiebt sich gemäß Abb. 4.16. die Stückkostenkurve nach unten und die Grenzkostenkurve nach rechts (vgl. die neue Abb. 6.2.), so bewirkt die resultierende Angebotssteigerung auf dem Markt (A2) eine Preissenkung auf p2. Der trotz Preissenkung entstehende Extragewinn g lockt neue Anbieter an, woraus weitere Angebotsausdehnung (A3), Preissenkung (p3) und das Verschwinden des Extragewinns resultiert. Am Ende des Prozesses ergibt sich ein neues Marktgleichgewicht bei gesunkenem Preis p3, gestiegener Menge q3 und Wiederherstellung der ursprünglichen Normalgewinnsituation und des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts. Der einzelne Anbieter hat beim Preis p2 zunächst die Menge q2 angeboten. Das Fallen des Preises auf p3 bewirkt, dass er sein Angebot auf seine Ausgangsmenge q1 zurücknimmt, also in das Betriebsoptimum zurückkehrt. Kapitel B: Kritik und Erweiterungen der Theorie der Marktprozesse 225 Abb. 6.2. Auch was die Interpretation der Produkt- und Verfahrensfortschrittsprozesse betrifft, so ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass bislang nur reine, also ungestörte Prozesse behandelt worden sind. Auf Störungen von Marktprozessen ist im folgenden Kapitel B einzugehen. Kapitel B: Kritik und Erweiterungen der Theorie der Marktprozesse B. Kritik und Erweiterungen der Theorie der Marktprozesse In Kapitel A wurde das Konzept einer perfekt funktionierenden Marktwirtschaft dargestellt, in welcher die Preise ihre Ausgleichs-, ihre Informations- und ihre Lenkungsfunktion im Rahmen von Anpassungsprozessen in vollkommener Weise erfüllen und in welcher technischer Fortschritt in Form neuer Güter bzw. kosten- und preissenkender Produktionsverfahren ohne Verzögerung eingeführt wird. Es ist nunmehr die Frage zu stellen, ob diese Theorie der Marktprozesse ihre Aufgabe als Bedingungstheorie bzw. als explikative Theorie erfüllt. I. Die Prozesstheorie als Bedingungstheorie Bei der Darstellung der Theorie der Marktprozesse wurde von der Marktform des homogenen Polypols ausgegangen. Damit ging unter anderem die Prämisse der vollständigen Markttransparenz in die Analyse ein. Ferner wurden eine vollständige Angebotsflexibilität und das Fehlen von Wettbewerbsbeschränkungen unterstellt. Es ist nunmehr abzuklären, welche Bedeutung diesen Bedingungen für den Ablauf von Marktprozessen zukommt. Insbesondere ist auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Marktform des homogenen Polypols und dem Wettbewerb auf dem Markt zurückzukommen. Wenn nunmehr diverse Störungen erörtert werden, welche sich bei Nichterfüllung der genannten Prämissen ergeben können, so kann dies weitgehend schon mit real existierenden Abweichungen von den optimalen Prozessabläufen illustriert werden. Insoweit werden hier schon Erklärungen für derartige Abweichungen geliefert. q1 q2

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Zusammenfassung

Mikroökonomie leicht und verständlich

Dieses Lehrbuch bietet eine verständliche Darstellung eines zentralen Teilgebiets der Ökonomik. Da Inhalt und Aussagewert der Mikroökonomik häufig dadurch unklar bleiben, dass die Studenten zuviel rechnen müssen und dabei nicht mehr genügend zum Denken kommen, wird die Algebra in nur sparsamer Dosierung eingesetzt. Dafür stellt das Buch die grundlegenden Fragestellungen und Modelle umso klarer und lesefreundlicher dar und unterstützt das Lernen mit zahlreichen Kontrollfragen.

* Grundlagen

* Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie

* Theorie der Nachfrage

* Theorie des Angebots

* Theorie des Marktgleichgewichts

* Theorie der Marktprozesse

Das Lehrbuch beantwortet unter anderem folgende Fragen:

* Warum und in welcher Menge fragen Haushalte bestimmte Güter nach?

* Welche Ziele verfolgen Unternehmen?

* Wann ist ein Marktpreis stabil?

* Welche Marktform ist effizient?

* Fördert Wettbewerb den technischen Fortschritt?

Die Autoren

Prof. Dr. Klaus Herdzina ist Professor an der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Stephan Seiter ist Professor an der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen.