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Hans E. Kuhlmann, Schwarz Pharma: Den Menschen als Ganzes sehen in:

Oliver Nickel (Ed.)

Eventmarketing, page 229 - 237

Grundlagen und Erfolgsbeispiele

2. Edition 2007, ISBN print: 978-3-8006-3136-0, ISBN online: 978-3-8006-4372-1, https://doi.org/10.15358/9783800643721_229

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Schwarz Pharma: Den Menschen als Ganzes sehen Hans E. Kuhlmann 1 Die Herausforderung: Mehr Frust als Lust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 2 Das Konzept: Der Mensch im Mittelpunkt – nicht das Budget . . . . . . . . . 226 3 Die Location: Das Kloster! Motto: Nimm Dein Leben selbst in die Hand 228 4 Der Veranstaltungsablauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 1 Die Herausforderung: Mehr Frust als Lust Nach Jahren überaus erfolgreicher Veranstaltungstätigkeit waren für mich nicht mehr zu übersehende Warnsignale bei den Eventteilnehmern wie Tagungsgleichgültigkeit, man kann auch von Müdigkeit sowie Seminarfrust sprechen, zu erkennen. Hier waren wir damals im Produkt- und Veranstaltungs-Management umgehend gefordert, konzeptionell gegenzusteuern bzw. Korrekturmaßnahmen zu ergreifen. Waren doch die medizinisch-wissenschaftlichen Veranstaltungen das wichtigste Instrument im strategischen Marketing-Mix von Schwarz Pharma mit überdurchschnittlich hoher Kommunikationswirkung bzw. Kommunikationsqualität. Gleichzeitig waren sie aber auch ein ausgezeichnetes Instrument zur qualitativen Marktforschung für unsere Produkte bzw. Indikationsgebiete. In vielen ausführlichen Gesprächen mit Kollegen, auch aus anderen Unternehmen und Industriezweigen – welche die gleichen Anzeichen bemerkt haben wollten – sowie Fachleuten aus Eventagenturen und Hotellerie, Produktmanagern und Marketingleitern stellte sich das Szenario für mich im Detail wie folgt dar: • Die bisher durchgeführten Events verlieren ihre Attraktivität durch dramatisch sich beschleunigenden Wertewandel in allen Bereichen unserer Gesellschaft einerseits, sowie inflationäre Gleichmacherei und damit Verlust von eigenem Eventprofil andererseits. • Es wird heute immer schwieriger, ja fast unmöglich, das Wirkliche und Echte zu erkennen und dementsprechend zu handeln. • Wir stehen vor einem gewaltigen Umbruch unserer Gesellschaft. Nach wirtschaftlichem Aufbau und Wirtschaftsboom befinden wir uns heute in einer sich deutlich abzeichnenden und mittlerweile für jeden deutlich sichtbaren und für viele schmerzlich spürbaren wirtschaftlichen Rezession. • In einer Informations- und Dienstleistungsgesellschaft mit einem gigantischen Output an kommerzieller und nicht-kommerzieller Information mit weiterhin stark steigender Tendenz. • Diese gigantische Informationsflut kann von uns Menschen (und das schließt den Eventteilnehmer ein) mit unserem heutigen Denkverhalten nicht mehr aufgenommen bzw. verarbeitet werden. Unsere Einstellung und Verarbeitungsmethodik dazu ist als veraltet und nostalgisch anzusehen. • Gezwungenermaßen und um des humanen Überlebens willen werden wir die wichtigen Unterschiede um das Wahre und Wirkliche erkennen müssen, um uns selber und um unsere Umwelt zu finden. • Besagte Informationsflut und die damit verbundene Reizüberflutung, permanent sich wiederholende Widersprüche in allen Bereichen der Gesellschaft verlangen nach einem sensiblen Geist und die Kraft der Konzentration auf das wirklich Wahre, den Menschen in uns! Denn das, worauf wir uns konzentrieren, beeinflusst unsere Vorstellung von der Realität. • Die allgemeine Komplexität des menschlichen Umfelds wächst rasant und sorgt erschreckend für mehr Unsicherheit, Unüberschaubarkeit und damit Unzufriedenheit. Unsere Eventteilnehmer werden zukünftig immer weniger neues Wissen und immer weniger aktuelle Informationen verarbeiten können. • Nehmen wir bei unseren Betrachtungen noch den Faktor Zeit hinzu. Lassen wir uns nicht zwangsläufig auf immer häufiger auftretende Scheingefechte ein, die wir letztendlich immer verlieren werden. Das kostet psychische und physische Kraft und macht uns und den Teilnehmer nur eins ganz sicher, nämlich krank! Dies sind alles Gründe, die mich zwangen nach neuen strategischen Eventkonzepten zu suchen bzw. mangels Verfügbarkeit neue Eventdramaturgien zu entwickeln. 2 Das Konzept: Der Mensch im Mittelpunkt – nicht das Budget Um eine neue Eventdramaturgie zu entwickeln, mussten wir uns in vielen Strategiemeetings erstmals fragen: Was war gegebenenfalls an diesen aufgetretenen Problemen positiv? Was hatte ich mit meinem Team zu tun, um die Situation auf unsere Erfordernisse und nach unseren Wünschen zu ändern? Was mussten wir verbessern? In Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei Schwarz um ein Pharmaunternehmen handelt, das zudem führend auf dem Gebiet der Herztherapeutika ist, stand für mich schnell die Strategie fest: • Unseren zukünftigen Events ein neues humanes Design geben. • Bei unseren Events den Mensch als Individuum wieder in das Zentrum unserer Anstrengungen stellen (nicht nur als numerische Größe in den uns zur Verfügung gestellten Budgets verwalten). 226 Teil III: Erfolgsbeispiele aus der Praxis • Ihm Raum geben für neues dialogisches Denken, wobei die Beziehung zwischen Menschen (ihren Kulturen und Traditionen) an Bedeutung gewinnen sollte. Das „zwischen Menschen“ war bei dieser neuen Denkart für mich sehr wichtig und entscheidend. • Den menschlichen Bedürfnissen und Signalen mehr als in der Vergangenheit Beachtung schenken, um die persönliche Identität und Individualität jedes Einzelnen zu gewährleisten. • Bei unseren Events wieder auf den humanen Ebenen und Sinnen kommunizieren: Hören, Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken! • Diese Kommunikation beinhaltet neben dem Gesprochenen auch Gestik, Mimik, Gefühl und Stimmung. Bei unseren Betrachtungen hatten wir erkannt: Sprache allein ist nur ein Mittel der Verständigung und grenzt Emotionen, Psyche und Geist/Seele weitgehend aus. • Die Notwendigkeit einer Abkehr von quantitativer Maximierung und Hinwendung zu mehr qualitativen und humanen Grundsätzen in unseren Eventkonzepten erkennen. • Mehr an inhaltlicher Qualität, mehr an Sicherheit in Durchführung und Organisation sowie mehr an sinn- und wahrnehmungsspezifischen Detailarbeiten. • Unsere zukünftigen Events sollten die Kreativität der Teilnehmer schöpferisch fordern und fördern. Ihre Individualität und ihr Teamgeist sollten sich mit der Chance vernetzen, sich mit ihrer Zukunft auseinander zu setzen und an ihre persönliche Zukunft zu denken. • Vertrauensbildend – den Teilnehmern das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit sowie Vertrauen und Sicherheit in die eigene Person vermitteln, Toleranz zeigen. • Zukünftige Veranstaltungen sollten Begegnungen mit Menschen, Kulturen, Sitten, Bräuchen, Traditionen und Lebensstilen fördern. • Die Natur mit ins Programm einbeziehen. Sie nutzen und genießen. Die Teilnehmer sollten die Möglichkeit bekommen, die Natur sanft zu erleben, zwischen den Tagungsintervallen die Seele baumeln zu lassen. • Der Event sollte neue Anreize bieten und in der Gestaltung für den Teilnehmer weitgehend flexibel sein. • Informativ, aber nicht zu informationsintensiv, so dass die Eindrücke und Informationen auch in kurzer Zeit noch verarbeitet werden können. Dies alles hatte ich in meinen Betrachtungen zu bedenken. Hinzu kamen noch die zunehmend zum gängigen Sprachgebrauch gehörenden Begriffe wie: Ideale, Intuition, Ganzheitlichkeit, Gewissen, innerer Friede, Lebenssinn, Liebe, Philosophie, Persönlichkeitsstruktur, Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung, Selbstwertgefühl, Transformation, Weltbild, Selbstfindung. Diese Begriffe, für viele ein Indiz für persönliche und gesellschaftliche Krisen, stehen mit dem Wandel der Zeit in enger Verbindung. Schwarz Pharma: Den Menschen als Ganzes sehen 227 Nun hatte ich mehr oder weniger alle Fakten zusammengetragen und in Gesprächen mit unseren Produktmanagern und Marketingleitern diskutiert. Wir kannten die vermeintlichen Gründe sowie die Dramaturgie, um die zukünftigen Events gestalten zu können. Die Devise lautete: Ideen umsetzen, zur Aktion kommen! Der wissenschaftliche Teil der Veranstaltungen musste in mehreren 45 Minuten-Sequenzen (Konzentrationsmangel) in interaktiver Form gestaltet werden. Ein Beiprogramm für unseren Teilnehmerkreis (Ärzte) war auch nicht das Problem. Das Beiprogramm sollte ein auf ihn individuell zugeschnittenes Selbsthilfeprogramm zum Thema Selbstfindung bzw. Selbstverwirklichung sein, damit er dem tagtäglichen Stress in seiner Praxis besser begegnen konnte. 3 Die Location: Das Kloster! Motto: Nimm Dein Leben selbst in die Hand Aber wo sollte das Programm durchgeführt werden? Ich suchte nach etwas Neuartigem. Wo konnte ich den neuen Anforderungen gerecht werden, so dass es in unser Eventkonzept und somit in unsere produktspezifische Kommunikationsstrategie passte und darüber hinaus dem gängigen Kostenrahmen entsprach? Noch exotischer, noch höher, noch weiter, kam von vornherein nicht in Frage, da ich hiervon weder ein Anhänger bin noch über die entsprechenden Mittel verfügte. Meine Überlegungen brachten mich nicht so recht weiter, hatte ich doch neben meinem Tagesgeschäft nicht genügend Zeit, mich intensiv darum zu kümmern. Das Beste wäre, ich ginge einige Tage in die Abgeschiedenheit einer Klausur! Klausur – Kloster! Das war’s! Hatte ich nicht die gleichen Probleme? Stress – Zeitdruck – natürlich! Warum sollte ich mit meinen Events nicht ins Kloster gehen? Leben im Kloster – warum nicht? Aus vielerlei Gründen kann man sicherlich nicht jede Veranstaltung im Kloster durchführen. Alleine schon aus Kapazitätsgründen. Auch ist es nicht die klassische Aufgabe der Nonnen und Klosterbrüder, Marketingstrategien zu predigen. Aber auf der anderen Seite sind viele Menschen, wie wir ermittelt hatten, auch unter den Eventteilnehmern unzufrieden und suchen eine neue Einstellung bzw. Sinn zum Leben. Drängt es doch immer mehr Menschen heutzutage zu ein paar Tagen der inneren Einkehr und Stille. Dies wird in den Klöstern schon seit annähernd zweitausend Jahren gelebt und geprobt! Ich meine nicht die Klöster mit angeschlossenem Tagungszentrum oder Managerschule, welche für teures Honorar Meditationsseminare und sich selbst verkaufen. Ich meine die Klöster, welche mit Geist leben. Das Klosterleben als Möglichkeit eines neuen Bewusstseins, als Ort der Stille und Besinnung aber auch als Ort des humanen Dialogs schien mir geradezu ideal für ein Pharmaunternehmen wie Schwarz Pharma, um mit Ärzten an eine neue Zukunft zu denken. Die Suche nach Visionen, nach neuem Lebenssinn, nach Harmonie und Geborgenheit, nach Vertrauen in sich selbst, in die Natur und Umwelt finden im Kloster ihren Sinn. 228 Teil III: Erfolgsbeispiele aus der Praxis Die Idee war da! Die definierte Location, welche Erlebnisse und Wirkungen intensivieren sowie aktives Erleben ermöglichen sollte, musste nur noch gefunden werden. Man findet geeignete Klöster leider oder Gott sei Dank nicht wie Sand am Meer. Man muss sie suchen wie die Nadel im Heuhaufen. Lange dauerte auch meine Suche, bis ich mein Juwel mit Hilfe einer kleinen Agentur fand. Viele Klöster, die ich bis dahin besuchte, hatte ich aus den vorgenannten Gründen verworfen. Ich wollte für meine Teilnehmer Klosterleben echt und pur! Es kam zu ersten Vorgesprächen mit dem Abt. Von schroffer Ablehnung beim ersten Gespräch über sanften Abbau von Vorurteilen beim zweiten Besuch näherte man sich vorsichtig bei einem weiteren Besuch bis zu einem bemerkenswerten Satz des Abtes: „Vielleicht ist das ja auch für die Kirche ein neuer Weg?“. Geld wurde nur nebensächlich erwähnt, man verkaufte sich eben nicht. Wir einigten uns auf eine Pilotveranstaltung im Frühjahr und wir bekamen eine Option auf sechs weitere Veranstaltungen in der zweiten Jahreshälfte, wenn beide Partner mit dem Ergebnis der Pilotveranstaltung leben konnten. Nun ging es an die Planung der Details, wobei das Kloster die wenigsten Anstrengungen verursachte. Zielgruppen wurden festgelegt, Termine abgesprochen, ein Organisationsteam berufen, Rahmenbedingungen festgelegt. Vier vorlaufende, zwei begleitende und vier nachfolgende Marketingaktivitäten konzipiert. Flugpläne gecheckt, Flugplätze (je 40) gebucht, Transfer organisiert. Über 200 Ablaufschritte pro Veranstaltung im Detail organisiert und in einem Organisations-Querablauf niedergeschrieben. Bei jedem Schritt wurde der Teilnehmer bewusst in unsere Überlegungen „als Mensch“ einbezogen. Wie fühlt er (der Teilnehmer) sich nach zweistündigem Flug? Hatte er Stress am Flughafen? Wie empfindet er den langen Transfer, die Hintergrundmusik, das Video, den persönlichen Empfang? Wie das mächtige Kloster? Wie findet er sich zurecht in dieser fremdartigen Umgebung? Was können wir tun, um die eventuellen Hemmschwellen abzubauen? Wie empfindet er die Ruhe? Was könnte ihn unsicher machen? Wie wird ihm die einfache, deftige Küche des Klosters bekommen? Fragen über Fragen, die alle einer Antwort bedurften! 4 Der Veranstaltungsablauf Nach kurzweiligem zweistündigem Flug landet, bei traumhaften Wetterbedingungen, die Maschine der Lufthansa sanft auf dem neuen modernen Flughafen Okecie in Warschau. Nach kurzer Zoll- und Passkontrolle werden die Seminarteilnehmer von zwei hübschen jungen Hostessen in Landestracht sowie Mitarbeitern unseres Unternehmens herzlich und mit einer Willkommensblume empfangen. Der erste Kontakt ist wichtig! Jeder Teilnehmer wird mit Handschlag und freundlichen Worten begrüßt. Während die Hostessen sich um das Gepäck kümmern und die Teilnehmerliste kontrollieren, Schwarz Pharma: Den Menschen als Ganzes sehen 229 haben unsere Mitarbeiter Gelegenheit, die Teilnehmer in „small talks“ auf das Seminar und den neuartigen Tagungsort einzustimmen. Ich nenne das: Hemmschwellen abbauen und den Spannungsbogen aufbauen. Moderne, klimatisierte Reisebusse, ausgerüstet mit Videomonitoren und einer funktionierenden Stereoanlage sowie Tischablagen für kleine Imbisse, erwarten die Teilnehmer, um sie in einer ca. dreistündigen Fahrt zum Veranstaltungsort zu bringen. Jeder Teilnehmer verfügt über zwei Plätze, so dass er sich während der langen Fahrt richtig wohl fühlen kann, es sich bequem machen bzw. ausbreiten kann. Die Fahrt führt uns schnell aus Warschau heraus, vorbei an bunten Märkten und durch lebhaften und lauten Stadtverkehr. Schnell ändert sich die Landschaft, nachdem wir die Vororte von Warschau hinter uns gelassen haben. Eine gut ausgebaute Schnellstraße führt uns nach Westen unserem Ziel entgegen. Während draußen sich Wald und Feld abwechseln, werden in den Bussen Videofilme über Polens Kunst- und Kulturschätze gezeigt und durch fachliche Erläuterungen der Hostessen ergänzt. Zwischendurch werden Erfrischungen und regionale Spezialitäten (z.B. Krakauer) gereicht. Auch kleine Geduldsspiele und Denksportaufgaben lassen die Zeit schnell vergehen. Es gibt viel zu sehen, man sollte die Teilnehmer nur charmant darauf aufmerksam machen. Vorbei an riesigen Gemüsefeldern, die heute noch, genau wie vor 100 Jahren, von Mensch und Tier bearbeitet werden. Alte bunte Fahrgespanne mit schweren Pferden davor kreuzen oft die Straße. Kolonnen von Feldarbeitern setzen kleine Gemüsepflanzen. Überall freundlich zuwinkende Menschen. Die kleinen Ortschaften oder alte abseits-gelegene Gehöfte wecken Neugierde beim Betrachten. Oft verraten nur die in der Nachmittagssonne glänzenden Kirchturmspitzen, die zwischen dichten dunklen Wäldern hervorschauen, dass sich dort eine Ortschaft befinden muss. In weiten aber regelmäßigen Abständen sehen wir hohe Wallfahrtskreuze, die uns auf die Nähe und die Bedeutung von Polens Nationalheiligtum in Tschenstochau (Schwarze Madonna) hinweisen. Störche, entweder in ihren großen Nestern stehend, oder auf Wiesen nach Essbarem suchend sowie die einfachen pitoresken Obst- und Gemüsestände am Straßenrand sind immer wieder Gesprächsstoff und Photoobjekte für unsere Teilnehmer. Wir verlassen das mittelpolnische Tiefland und durchfahren jetzt kleinpolnische Hochflächen. Die Dörfer entsprechen in ihrem Aussehen mehr und mehr Dörfern westdeutscher Prägung. Sauber gepflegte Vorgärten mit Pflanzen und Blumenbeeten überall. Deutsche Namen an Konsumläden und kleinen Schreinerwerkstätten. Preludes, Mazurken, Sonaten und Konzerte von Frédéric Chopin unterhalten uns während unserer Fahrt durch die landschaftlichen Schönheiten einer noch halbwegs unberührten Natur. Kleine Aufmerksamkeiten und Hinweise unserer freundlichen Hostessen unterhalten uns. Noch einige Minuten und wir erreichen unser Ziel. Unser Kloster auf einer dunkelgrünen Erhebung, mitten in einem weiten Meer von gelblichen bis zartgrünen Feldern – am Ende einer kilometerlangen schnurgeraden Kirschbaumallee. Die Bäume hängen voller Kirschblüten. Die Türme der Klosterkirche aus dem 15.–17. Jahrhundert ragen aus den Baumspitzen oberhalb dieses Basaltberges in Oberschlesien. Unterhalb des Klosters ist das Dorf zu erkennen. 230 Teil III: Erfolgsbeispiele aus der Praxis Langsam arbeiten sich die Busse die schmale Dorfstraße zum Kloster hinauf. Zwischen einfachen Häusern und Obstgärten ein kleines Restaurant. Dann der Dorfplatz mit Brunnen und der direkten Auffahrt zum Kloster, welche von hohen schlanken Bäumen gesäumt ist. Eine düstere hohe Mauer umschließt das Kloster auf der Anhöhe. Die Abendsonne schickt ihre letzten Strahlen zu uns und lässt durch dieses Licht- und Schattenspiel die ganze Szenerie noch gigantischer, noch mystischer erscheinen. Eine unten breite, sich nach oben verjüngende lange Steintreppe – einer Himmelstreppe gleich – führt durch einen mächtigen Torbogen in den Klostervorhof. Jeder Teilnehmer muss sich diesen Weg mit seinem Gepäck ersteigen. Spätestens hier wird jedem Teilnehmer klar, dass er an einem besonderen Seminar teilnimmt. Keine Lichtreklamen wie „Fürstenhof“, „Hotel Palace“ etc., kein Hotelportier, Gepäckservice, luxuriöse Hotelhalle. Es wird dunkel. Spärliches Licht scheint durch den Torbogen. Stufe um Stufe erklettern sich die Gäste ihre Himmelsleiter. Bei jeder Stufe gibt der Blick durch die Pforte immer mehr von dem Klostervorhof frei. Nachdem die ersten Teilnehmer den Vorhof erreicht haben, lässt sich Orgelmusik aus der Klosterkirche vernehmen. Kurze Laternen und Kerzen begrenzen den Vorhof an seinen Längsseiten und beleuchten einen Kreuzweg. Gegenüber der Pforte das Dreiportal der Klosterkirche. Freundlicher Empfang und Begrüßung durch den Abt und seine Mönche, verbunden mit einigen Hinweisen über das anstehende gemeinsame Klosterleben der nächsten drei Tage. Die anfängliche Skepsis bei den Seminarteilnehmern weicht, wenn auch langsam, und aus heiterem Himmel ist Ruhe und Frieden innerhalb der Gruppe erlebbar. Jeder der Mönche bemüht sich um vier bis fünf Gäste und übernimmt die Zimmerverteilung. Unsere Hotelzimmer sind bei diesem Seminar Mönchzellen. Die Zellen, 3 x 3,5 m klein, einfach geweißelt und spartanisch eingerichtet, befinden sich auf der 1. und 2. Etage. Wir wohnen mitten in der Klausur, abwechselnd zwischen den Mönchen. Dieser Bereich ist in der Regel für Normalsterbliche ein absolutes Tabu. Die Einrichtung unserer Zellen besteht aus einem Stahlbett, einem schmalen Tisch mit Stuhl und einem Handwaschbecken. Neben der niedrigen Tür (1,70 m hoch) ein Kleiderspind. Gegenüber der Tür ein Sprossenfenster mit Blick auf den inneren Klostergarten, der von einer Kreuzgang-Arkade eingegrenzt ist. Für die Mönche die tagtägliche Wegstrecke zur inneren Kraft. Auf dem Tisch ein dicker Kerzenleuchter, daneben ein dickes, in bordeauxrotem Leder gebundenes Tagebuch mit dem Titel „Meine Tage in Annaberg“ in Goldprägung und Goldschrift. Ein Füllhalter mit Kalligraphenfeder liegt auf dem Buch! Auf jeder 20. Seite hatten wir schon einen Sinnspruch bzw. eine Lebensweisheit gedruckt z.B.: • Wer, wenn nicht Ich? • Wo, wenn nicht hier? • Wann, wenn nicht jetzt? Bis zum Abendessen hat jeder Teilnehmer noch genügend Zeit, eingehend und ohne Einschränkung das Kloster für sich selbst zu erkunden bzw. zu erleben, den Schwarz Pharma: Den Menschen als Ganzes sehen 231 Kreuzgang. Ein großer leicht verwilderter aber um so romantischerer Außengarten mit schön angelegten Ruhezonen und bei Tage mit weitem Ausblick über das Land. Eine Klosterbibliothek, die das Herz jedes Bücherwurmes ob des bibliothekarischen Antiquariats höher schlagen lässt. Die ältesten Schriften und Bücher umfassen Heiligenleben, Chroniken und geistliche Werke – aber auch moralisch didaktische Dichtungen sowie Lyrik – die Grundlagen der polnischen Dichtersprache und Bücher, die sich durch schlichte Frömmigkeit und Naturliebe auszeichnen. Viele tausend Bücher befinden sich hier in massiven dunklen Holzregalwänden bis unter die Decke an allen vier Wänden. Mitten im Raum ein langer überdimensionaler schwerer Lesetisch. Bücher aller Geisteswissenschaften aus den vergangenen Jahrhunderten. Alleine das Betreten dieses Raumes vermittelte jedem unserer Teilnehmer die Stimmung und das Gefühl, Mitwisser eines mystischen universellen Geheimnisses geworden zu sein. Hier ist das Zentrum geistigen Wissens und wir haben jedem Teilnehmer das Gefühl vermittelt, etwas Einzigartiges und Kostbares zu erleben. Für andere war die in einem Quertrakt des Klosters befindliche große Küche ein Erlebnis. Überdimensionale Kochtöpfe werden hier benötigt, um alle Teilnehmer satt zu bekommen. Ein alter Kohleofen mit mehreren Feuerstellen bildet das Zentrum, wo sich drei Ordensschwestern nebst zwei Küchenhilfen um das leibliche Wohl kümmern. Daneben befindet sich ein großer langer Zubereitungstisch, der auch gerne von einem Teil unserer Teilnehmer als Frühstückstisch benutzt wurde. Hier wurden dann bei dicken und deftigen Stullen Geschichten über das Klosterleben ausgetauscht. Und überall an den Wänden alte Küchenschränke, einfach, altmodisch aber absolut sauber. Im Anschluss das Refektorium, wo mit den Mönchen um 19.00 Uhr das gemeinsame Abendmahl eingenommen wird. Aus dem großen Suppentopf eine schlichte dampfende Suppe, anschließend Sauerkraut, Kartoffeln, Fleisch und Würstchen, Bigos genannt. Dazu gibt es Tee und Mineralwasser. (Ich hatte bewusst keine Sonderwünsche angemeldet, weil ich das Klosterleben absolut authentisch haben wollte.) Das Refektorium bestand aus einem großen Tonnengewölbe mit kleinen Fenstern in den dicken Außenwänden. An den Längsseiten befanden sich lange schmale Holztische mit einfachen Stühlen davor. An der Stirnseite der Tisch für den Abt und wenige Mönche. An den Wänden alte Malereien über das Leben Christi. Die Tische sind mit schlichtem Porzellan eingedeckt. Zwei bis drei Mönche sorgten für den Service. Die ganze Atmosphäre wirkt einfach, ruhig, besinnlich, friedlich und erinnert an das Ambiente aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Dies sollte sich auch in den nächsten drei Tagen d.h. während des ganzen Seminarablaufs nicht ändern. Kurz nach dem Abendessen vernehmen wir gregorianische Gesänge aus der mit der Klausur durch einen schmalen Zugang verbundenen Klosterkirche. Für die Teilnehmer steht noch die Einführung in das Seminarprogramm der nächsten Tage an, ein medizinisch-wissenschaftliches Programm. Neue Erkenntnisse 232 Teil III: Erfolgsbeispiele aus der Praxis und Erfahrungen aus dem Indikationsgebiet unseres Produktes. Sie werden in interaktiven, 45-minütigen gemeinsamen Sequenzen und in Arbeitsgruppen diskutiert. Als begleitendes Programm das Thema „Selbsterfahrung und Selbstfindung“ unter Anleitung eines qualifizierten Trainerteams. • Nimm Dein Leben selbst in die Hand – wach auf! • Du selbst bestimmst Dein Schicksal, nicht die Lebensumstände! Dazwischen immer wieder ausreichend Zeit für philosophisch interessante und tief gehende Gespräche sowie offene Diskussionen Einzelner oder in kleinen Gruppen mit den Mönchen. Diese Gespräche machen einerseits nachdenklich, andererseits stimmen sie oftmals heiter und machen Mut. Nach dieser Einführung geht jeder mit seinen Gedanken und ersten Eindrücken in seine Zelle. Unser Programm ist ein ausgewogenes Wechselbad zwischen hochwissenschaftlichem Lernprogramm und Selbstfindungsprogramm mit ausreichenden Möglichkeiten, intensive Gespräche mit den Klosterbrüdern führen zu können. Die gastronomischen Leistungen umfassten einfache, deftige regionale Landesküche. Das Ambiente war extrem einfach, aber außerordentlich und auf seine Art für den Teilnehmer reizvoll und fremdartig, dennoch sensibel nach innen gerichtet. Er konnte seinen persönlichen Traum leben, seine Zukunftsvisionen freisetzen, seinen wahren Zielen und seinem Ich näher kommen. Er hatte die Möglichkeit, in bis dahin unbekannter absolut friedlicher und ruhiger Atmosphäre seine Aufmerksamkeit auf sich zu bündeln bzw. zu fokussieren, wie er es wohl in einem Hotel mit all seinen Ablenkungen nie erreicht hätte. 5 Fazit Zum Schluss: Ich bin heute fester denn je der Überzeugung, dass hier ein ungeheures innovatives Potential für den Bereich Personalentwicklung und Weiterbildung in bezug auf Lebensdesign, Coaching und mentale Fitness ruht, welches wir für die Bewältigung der anstehenden Probleme unserer Gesellschaft dringend benötigen. Für Schwarz Pharma war es eine der erfolgreichsten Veranstaltungsserien, welche wir jemals konzipiert hatten. Auch wir waren wieder, was wir sind: Menschen! Schwarz Pharma: Den Menschen als Ganzes sehen 233

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Zusammenfassung

Die Brücke zwischen Theorie und Praxis

Eventmarketing ist der systematische Prozess der Inszenierung dreidimensionaler, live-erlebbarer Themen zu Marketingzwecken. Events sind heute fester Bestandteil im Kommunikations-Mix marketingtreibender Unternehmen. Die Grenzen zwischen »Above-the-Line« und »Below-the-Line« sind in vielen Branchen deutlich verblasst.

Die Herausforderung für die Eventpraxis liegt in der Steigerung der Professionalität in dieser Marketingteildisziplin: Marketingevents markentechnisch und dramaturgisch noch systematischer gestalten: »Erkenntnis als Erlebnis« beschreibt dabei ein wichtiges Zukunftsfeld. Eine dem Mitteleinsatz entsprechende Überprüfung der Maßnahmen im Hinblick auf Effektivität und Effizienz zur Regel machen.

Als ein theoretisch fundiertes, aber deutlich praxisorientiertes Werk schlägt das Buch gezielt die Brücke zwischen Theorie und Praxis. Namhafte Marketingwissenschaftler und Marketingverantwortliche renommierter Markenartikler, Geschäftsführer oder Experten aus Eventagenturen und Markenberatungen behandeln in diesem Buch Grundlagen für den Erfolg von Eventmarketing sowie konzeptionelle und operative Aspekte und schildern Beispiele für erfolgreiches Eventmarketing in der Praxis. Für Führungskräfte in allen Industriebereichen, Unternehmensberater, Marketingfachleute, Werbe- und Eventagenturen.

Der Autor

Dr. Oliver Nickel beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit forschungsgestützter Marken- und Kommunikationsberatung. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung bei Icon Added Value.